39. Über Personenkultus in der theosophischen Bewegung

Frage: «Von vielen Seiten wird der theosophischen Bewegung und den damit verwandten Zeitströmungen Personenkultus vorgeworfen. Und es muß in der Tat auf Menschen, die ihre Freiheit und Selbständigkeit lieben, beunruhigend wirken, wenn von einzelnen Personen Lehren verkündet werden, welche die Zuhörer und Leser vorläufig nicht prüfen können, und welche viele auf blinden Autoritätsglauben hin aanehmen. Liegt in solchen Tatsachen nicht eine Gefahr bei den Bewegungen, die sich auf Okkultismus und Theosophie gründen?»

Eine solche Gefahr könnte nur aus Mißverständnissen entspringen. Diejenigen, welche aus eigenen Erfahrungen heraus höhere Wahrheiten verkündigen, oder welche auf die Glaubwürdigkeit anderer Zeugen hin solche Wahrheiten weitergeben, werden nie das beanspruchen, was man Personenkultus oder blinden Autoritätsglauben gewöhnlich nennt. Sie werden das um so weniger tun, je bessere Okkultisten sie sind. Und wenn man sagt, die Zuhörer oder Leser könnten die Dinge nicht unmittelbar prüfen, so sollte man doch bedenken, daß es auch für denjenigen, welcher noch nicht bis zum eigenen Schauen gelangt ist, Mittel und Wege gibt, um sich immer mehr und mehr von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was ihm mitgeteilt wird. Derjenige, welcher die Mitteilungen macht, will — immer vorausgesetzt, daß er wirklich im Herzen Okkultist oder 'Theosoph ist — nicht anders wirken als ein Erzähler. Er sagt: ich habe dies oder jenes erfahren, oder mir ist von solchen, die es wissen können, dies oder jenes mitgeteilt worden. Ein gesunder, gerader Verstand, eine wahre Empfindung im Zuhörer wird zunächst zuhören, das heißt weder blind glauben noch blind kritisieren. Das Wahre wirkt einleuchtend und aufklärend, das Falsche stößt zurück und klärt nichts auf. Vom Wahren sagt sich der Zuhörer oder Leser: Ja, durch das, was mir da mitgeteilt wird, kann ich die Tatsachen der Natur und des Lebens begreifen; wenn das aber nicht wahr wäre, was da gesagt wird, bleiben mir diese Tatsachen unverständlich. Dieses Verhalten zu einer Lehre kennt auch die anerkannteste Wissenschaft; man nennt da solche Lehren brauchbare Arbeitshypothesen. Nur daß der Okkultist nicht Hypothesen mitteilt, sondern Tarsachen, die er selbst gesehen hat. Aber das hindert ja niemand, solange er nicht selbst prüfen kann, die Dinge als brauchbare Lebenshypothesen anzunehmen. Und ganz sicher ist, daß derjenige, welcher sich aufrichtig und ehrlich so verhält, über kurz oder lang zum eigenen Schauen kommt. Denn es gibt für die gegenwärtige Menschheit keinen ersprießlicheren Weg zum höheren Schauen als denjenigen, zunächst einmal die Lehren derer zu hören, die schon gesehen haben, und davon anzunehmen, was man selbst für vernünftig und annehmbar halten kann. Gar viele würden sich bald für diese Vernünftigkeit und Annehmbarkeit der okkulten Lehren erklären, wenn sie die Fesseln des Vorurteils und des materialistischen Aberglaubens abstreifen könnten. Aber viele sind ganz erfüllt gerade vom Autoritätsglauben und Personenkultus gegenüber ihren materialistischen Größen und können deshalb sich nicht unbefangen den Mitteilungen der Okkultisten hingeben. Wer sich frei von diesem Autoritätskultus macht, der wird bald sehen, wie einleuchtend für Verstand und Herz die Lehren der sogenannten Geheimwissenschaft sind. Denn der Mensch ist durch Vernunft, Gefühl und Empfindung für die Wahrheit, nicht für den Irrtum veranlagt, und nur die Befangenheit und das Vorurteil können ihm dabei hindernd in den Weg treten.

Derjenige, welcher nicht an den Verstand seiner Zuhörer oder Leser sich wendet, sondern Personenkultus oder blinden Autoritätsglauben verlangt, hat nichts vom Wesen des Okkultismus begriffen. Durch nichts kann man sicherer erkennen, daß jemand £eir Okkultist ist, als dadurch, daß er solchen blinden Glauben oder persönliche Anerkennung verlangt. Er ist dann nicht Okkultist, sondern ein eitler Tropf. Geht man der Wahrheit übrigens auf den Grund, so wird man stets finden, daß — abgesehen von einigen, die sich eben erst hier zum Richtigen durcharbeiten müssen — diejenigen am meisten über Personenkultus klagen, die finden, daß ihrer eigenen Person zu wenig Kultus entgegengebracht wird. Diese sollten aber ein wenig in sich gehen, und niemandem eines der schönsten Gefühle rauben wollen, das in der Verehrung derjenigen besteht, die einem die Wahrheit zugänglich machen. Dieses Gefühl ist eines jeden persönliche Angelegenheit, und in diese sollten sich nicht die hämischen Stimmen eitler Kritiker mischen. Wer selbst ein dankbares Gemüt hat und seinen geistigen Helfern Achtung und Liebe entgegenbringt, der wird es nie über sein Herz bringen, diese Gefühle bei anderen zu tadeln. Fange nur vor allem jeder bei sich selbst zu kritisieren an, arbeite er an der Verbreitung der Wahrheit, so wird er am besten anderen dienen.

Im Anschlusse daran ist noch eine Frage gestellt: Inwiefern verträgt sich die berechtigte Kritik an schlimmen Zuständen unseres sozialen Lebens mit der Enthaltung vom Urteil, die so oft betont wird von Okkultisten und Theosophen? Daß auch diese echte Kritik durch die okkultistische Forderung nicht ausgeschlossen wird, soll demnächst ausführlich gezeigt werden. Diesmal ist leider nicht mehr Raum genug zur Beantwortung dieser Frage übrig.

German original of The Cult of Personality in the Theosophical Movement · ← Previous · Next →