46. Zum Buche von Eugen Heinrich Schmitt, «Die Gnosis»

Auch in denjenigen Gebieten des gegenwärtigen Geisteslebens, in denen keine unmittelbaren mystischen und theosophischen Erkenntnisse erstrebt werden, sind Strömungen vorhanden, die für den Mystiker und den wahren Theosophen eine prophetische Sprache führen. Viele stehen nahe vor der Eingangstür zur Mystik, und können nur die letzten Schritte nicht machen. All ihr Herzensdrang, all ihre idealeren Gedanken weisen sie zu einer höheren Anschauung über Seele und Geist, aber sie machen im Vorraum halt, weil die Verstandeskultur der letzten Jahrhunderte zu drückend auf ihren geistigen Kräften lastet. Dann steht ihnen der Mystiker gegenüber und bewundert die Kraft, mit der sie nach der Wahrheit ringen, bewundert oft die unbefangene Kühnheit, mit der sie sich über alle Vorurteile ihrer Umgebung hinwegkämpfen; er muß sich doch gestehen, daß sie auf halbem Wege stehenbleiben. Aber, wenn er genauer zusicht, wird ihm der Trost, daß sie einer Zukunft vorarbeiten, die auch in seiner Richtung liegt, daß sie Vorstellungen und Anschauungen vorbereiten, die, wenn auch vielleicht nicht in ihnen selbst, so doch in andern echte Geisteserkenntnisse bringen werden. Sie wirken wahrlich nicht vergebens. Hier soll auf einen der Besten aus diesen Reihen zunächst hingewiesen werden. Eugen Heinrich Schmitt, der einsame Denker in Budapest, hat vor kurzem den ersten Band seines bedeutsamen Werkes über die Gnostiker erscheinen lassen. In einer begeisternden Sprache, mit hohem Gedankenflug erhebt er sich zu den Brforschern des geistigen Lebens. Mit Einsicht wendet er sich gegen die materialistischen Zeitgedanken, die in den rein stofflichen Prozessen das Weltgeheimnis erkunden wollen, die den Geistmenschen zum Tiermenschen wissenschaftlich erniedrigen, weil sie nur das, was physisch und chemisch an dem Organismus ist, schen können. Schmitt schildert eindringlich, wie das menschliche Gedankenleben seine selbsteigene, seine Ewigkeitsbedeutung hat, die es erhebt über die vergänglichen, sich immer bildenden, und sich immer lösenden stofflichen Vorgänge der Sinnenwelt. Er hat kräftige Farben, zu zeigen, wie der Mensch, der, diese Ewigkeitsbedeutung erfassend, in Gedanken zu leben weiß, in sich den Strom des Urgeistes, des Allgesetzes verspürt, von dem der keine Ahnung hat, der seine Gedanken nur als Abbilder dessen ansieht, was sich draußen vor seinen Augen und Ohren abspielt. «So wie die sinnliche Erscheinungswelt in allen ihren Bildern und Empfindungen und den Trieben und Regungen, die sich diesen verbinden, den Charakter der Lebhaftigkeit und Endlichkeit trägt», einen derben und groben «Grundton der Empfindung zeigt, auch dort, wo die Erscheinung selbst in schwächerer Weise und kaum merklich über die Schwelle des Bewußtseins tritt, — so zeigt das Bewußtsein eines rein mathematischen Gesetzes oder einer rein logischen Kategorie (Gedankenform) in ihrem Gegensatz zu den sinnlichen Gegenständen, auf die sie sich beziehen, stets einen eigentümlichen, hier noch schwer zu beschreibenden Charakter des Ätherischen, Feinen, Dieser Charakterzug ist derart prägnant, daß das gemeine Bewußtsein diese Erscheinungsformen als Nicht-Seiendes, als ‹ bloße Gedanken› im Gegensatz zu den Formen des sinnlichen Bewußtseins kennzeichnet, welche letztere man stets geneigt ist als ein Existierendes, Reales aufzufassen, wenn auch etwa nur im Sinne einer schwächeren Affektion des Sinnesorganes, dem sie sich bieten.» (E.H.Schmitt: «Die Gnosis». Verlegt von Eugen Diederichs. Leipzig 1903. Seite 37.) — Von solchem Gesichtspunkte aus verfolgt Schmitt das Gedankenleben der großen Gnostiker, von den alten Ägyptern und Persern an bis in die nachchristlichen Jahrhunderte. Der Mystiker muß es mit Befriedigung sehen, wie hier erkannt wird, daß der Mensch in dem Ewigen ruht, wenn er sich in seine Gedanken versenkt, wie Schmitt in den Gedanken einen Teil des Allgeistes erkennt. Allein, er muß zugleich sehen, wie nicht zum wahren, echten Leben des Geistes fortgeschritten wird. Unsere Gedanken sind dem Mystiker eine Sprache, die Ewiges so gut auszusprechen vermag wie das Vergängliche der Sinnenwelt. Aber wir können nicht dabei stehenbleiben, bloß diese Eigentümlichkeit unseres Denkens fortwährend zu betonen, wie es Schmitt tut. Er ist deshalb ein Schätzer der Gnostiker, der ihre Gedanken vorführt; allein, diese Gedanken haben in seiner Darstellung etwas Blasses, Schemenhaftes. Er kann nicht nach leben, was sich im Geiste dieser großen Mystiker abgespielt hat, und was sie geschaut haben. Der Mystiker öffnet sein Denken einer höheren Welt, wie der auf die Sinnenwelt beschränkte Mensch dieses Denken den sinnlichen Eindrücken eröffnet. Und wie uns der Gedanke der Blume blaß und schattenhaft erscheint, wenn er uns von jemand geschildert wird, der die Blume selbst nicht lebend gesehen hat, so sind Schmitts Gedanken. Er ist Denker, aber nicht Mystiker. Er nimmt die geistige Welt nicht so wahr, wie der Sinnenmensch seine Welt wahrnimmt. Er kann den Gedanken schätzen, aber nicht beleben. Die Verstandeskultur unserer Zeit wirkt auch auf diesen kühnen und freien Denker noch lähmend. — Und solche Erfahrung wird uns auf vielen Seiten. Wir wollen, von da ausgehend, in dem nächsten Hefte zwei andere freie Denker der Gegenwart betrachten: Bruno Wille und Wolfgang Kirchbach — und dann zeigen, wie unsere Verstandeskultur selbst solchen Erscheinungen machtlos gegenübersteht, die durch die Gewalt, mit der sie auftreten, auch unsere « Aufklärer» im höchsten Grade beunruhigen: der Hypnotismus und der Somnambulismus.

German original of On the book by Eugen Heinrich Schmitt, “Gnosis” · ← Previous · Next →