47. Zum Buche von Bruno Wille, «Offenbarungen des Wachholderbaums»
Unter den literarischen Erscheinungen der Gegenwart, die nach einer Vertiefung unserer Geisteskultur die Wege weisen wollen, dürfte wohl Bruno Willes Buch «Offenbarungen des Wachholderbaums», Roman eines Allsehers (verlegt bei Eugen Diederichs in Leipzig 1901, 2 Bände) eine der bedeutungsvollsten sein. Das Buch hat etwas «Repräsentatives» für unsere Zeit: das Wort «repräsentativ» so gebraucht, wie der große Amerikaner Emerson von «repräsentativen» Persönlichkeiten der Weltgeschichte spricht und diejenigen meint, die gleichsam zusammengedrängt in ihrer Person typische Empfindungen und Gedanken bergen. Solche, die im übrigen auf viele verteilt sind, aber doch eine gewisse in sich zusammengehörige Seite menschlichen Strebens, gleichsam einen notwendigen Ton in der großen Symphonie menschlichen Wirkens ausmachen. In diesem Sinne ist Willes «Roman eines Allsehers» repräsentativ für unsere Zeit. Er bringt zusammengedrängt die Empfindungen und Gedanken all der tieferen Naturen der Gegenwart zum Ausdrucke, die erfüllt sind von einem Streben nach Vergeistigung unserer in rein äußerlichem Leben aufgehenden Kultur. — Und er bringt diese Empfindungen und Gedanken in einer echt künstlerischen Form. Diese ist besonders reizvoll dadurch, daß das Streben nach Erkenntnis und nach einer neuen Art religiöser Andacht in eine persönliche Lebensgeschichte verwoben wird, so daß uns in dem «Helden» des Weltromans ein Mensch nach allen Seiten seines Daseins entgegengebracht wird. Von den unmittelbaren Ereignissen des in den Alltag hineinspielenden Gefühls- und Leidenschaftslebens bis in die höchsten Sphären alldurchdringender Erkenntnis und freier, menschenwürdiger Andacht und Frömmigkeit wird uns so die ganze Skala des persönlichen Lebens eines nach Ganzheit und Harmonie durstenden Menschen dargestellt. Und nicht minder. reizvoll ist die Einführung der Natur in den Roman. Die Wesen der Natur, vor allem der Wachholderbaum, enthüllen selbst die Tiefen ihrer Wesenheit, und offenbaren ihre Seele, die ihnen die auf das bloß Tatsächliche und Sinnliche gerichtete Naturwissenschaft der Gegenwart absprechen will. Da Wille wahrer Dichter ist, so vermag er die Zwiesprache und das ganze Zusammenwirken und Ineinanderfühlen von Mensch und Natur in einer Art darzustellen, die im schönsten Sinne poetisch wirkt und die dem Roman Größe und künstlerische Vollendung gibt.
Man braucht nur einen Satz aus dem Buch anzuführen, um zu zeigen, wie die Grundnote in dem Fühlen tieferer Naturen der Gegenwart hier getroffen ist. «Was ist Wahrheit? Muß nicht die Wahrheit einig sein? Was aber tun all diese Weisen, von denen ein jeder sich rühmt, die Wahrheit zu besitzen? Der Forscher zuckt verächtlich die Achsel über den Priester. Der bäumt sich dagegen wie eine Schlange und zischt: «Frevel dein Wissen; es sei verflucht!» Zum Gedichte neigt sich nun der Forscher lächelnd: «Hübsch — doch leider gelogen! > Der Poet erwidert: «Und deine Wissenschaft? Korrekt mag sie sein, doch ich finde sie geschmacklos!» — Was ist nun Wahrheit? Wo erblüht jenes einige Schauen, das zugleich Wissenschaft ist, Andacht und Schönheit?» (I. Band, Seite 6). Wille deutet auf eine Einheit in des Menschen Seele, die eine Wahrheit findet in erhaben-schönem Gewande, so daß sie - zugleich des Dichters Kunst durchgeistigt, und die so hehr, so göttlich ist, daß sie das Herz zu frommer Andacht, zu religiöser Stimmung drängt. Wie dagegen die moderne Wissenschaft zur Poesie sich stellt, das kommt anschaulich zum Ausdrucke in dem Weltbilde, das ein Professor der Anatomie entwirft. Der auf der «Höhe wissenschaftlicher Anschauung» stehende Natur-Gelehrte spricht also zu seinen Schülern: «So erhalten wir denn, meine Herren, als Ergebnis unserer Wissenschaft ein Weltbild, dessen Grundzüge trostlos wären, hätten sie nicht den einen Trost, wahr zu sein. Als Gewinn und beherzigenswerten Mentor dürfen wir den Satz betrachten: Die Welt ist ein Theater! - ... wir Wissenden stehen hinter den Kulissen; durch Gucklöcher lugen wir nach dem Publikum und schwanken, ob wir lachen oder weinen sollen. ... Ja, eine Schaubühne ist die Welt, und hier, meine Herren, in dieser Leiche ... ja, hier erblicken wir eine Primadonna des Gaukelspiels Leben. ... Dieser Körper, der ganz Schönheit und Poesie däuchte, stellt sich der entlarvenden Wissenschaft dar als ein bloßer Verband von Knochen und Bändern, Muskeln, Nerven, Blut und Haut. ... Und wie dies Weib, so die ganze Welt. Begeben wir uns an der Hand der Wissenschaft hinter die Kulissen des großen Gaukelspiels. Wir sehen die Sonne heiter und gütig strahlen. Doch hinter den Kulissen ist die liebevolle Mutter ein seelenloser Feuerball. Kinderglück, Unschuld, Hoffnung bebt in den Frühlingsknospen; Ahnungen und Wunderträume durchschauern den Wald. So sagen die Dichter; sie wähnen die Natur zu belauschen und im Erlauschen hohe Wahrheit erfaßt zu haben. Theatermache das alles! Subjektive Stimmung, übertragen auf seelenlose Gegenstände. Man lügt sich selber vor, dort sei vorhanden, was doch nur hier im Hirne webt ... Meine Herren! Von dieser Leiche habe ich die Hirnschale gelöst und zeige Ihnen eine graue, an Windungen und verwickelten Fasern reiche Masse, die größtenteils aus Eiweiß besteht. Jene seelische Welt ist nichts als ein Vorgang in diesem Stoffe. Geist und Gemüt sind Funktionen des Gehirns. Ohne Nervenmasse wird nicht empfunden, nicht vorgestellt und gedacht, nicht gefühlt und gewollt. ... Meine Herren! Öde mag manchem von Ihnen dies Weltbild vorkommen. In der Tat zerstört es den naiven Glauben an das Schöne, an die Wirklichkeit des Schönen. Doch vor aller Poesie hat es den Vorzug, wissenschaftlich zu sein. Die Wissenschaft ist rücksichtslos, sie muß es sein, sie hat den Beruf, auch die holdesten Illusionen zu zerstören, um auf den Trümmern der Phantasterei den nüchternen Bau der Wahrheit zu errichten.» ... Im Roman wird zu dieser Rede hinzugefügt: «Der Professor verbeugte sich, die Studenten trampelten und scharrten Beifall...» (1.Band, Seite 43 ff.).— Und so tun es viele unserer Zeitgenossen. Sie trampeln der «nüchternen Wissenschaft», der Zerstörerin der Illusionen, Beifall und errichten sich auf der Nüchternheit eine Ansicht von der Welt, die ihnen ihre einzige Wahrheit, ihre einzige Religion ist. Und die tieferen Naturen, die nicht glauben können, daß das Höchste so seelenlos, so nüchtern, so verstandesdürr ist gegenüber den an seiner Oberfläche auftretenden «Illusionen», die ihm die Schönheit, die Erhabenheit, die Beseeltheit andichten: diese tieferen Naturen fühlen die Zweifel sich in ihre Seele senken und sagen sich, was der Held unseres Romans zu dem «Wissenschafter», seinem Freunde, sagt: «Ach freilich, es gehört zum guten Ton, die Poesie zu dulden. Wer aber glaubt an sie? Wer glaubt dem Dichter, daß die Sonne lächelt — daß sie wirklich, nicht bloß gleichsam lächelt? Sie hat doch keine Lachmuskeln, wendet deine Wissenschaft ein. Und vor Böcklins Meerweibern tüftelt sie heraus, ein Menschenleib mit einem Fischschwanze sei anatomisch widersinnig. ... Eine Tyrannin ist diese Art Wissenschaft! Trostlos öde sieht es unter ihrem Szepter aus. Ich möchte ihr den Rücken kehren — mein Herz ist bei dem Aschenbrödel Poesie — ich sehne mich nach meinem Kinderglauben, dem verlorenen Paradiese.» Und wie «Freund Oswald» wird es wohl jeder «wahre» Wissenschafter heute machen, wenn er solchen tieferen Naturen gegenübersteht. «Ungeduldig zuckte Oswald die Achseln und ging umher, indem er sich wiederholt räusperte. Das war bei ihm ein Anzeichen von Nervosität.»
Aus solchen Zweifeln heraus kann sich in dem also Sinnenden die Vorstellung bilden: umdüstert denn wirklich der poetische Sinn deine Auffassung der Wirklichkeit? Könnte es denn nicht auch so sein, daß, im Gegenteil, dein Verstand dir die höhere Wirklichkeit, die in den Dingen liegt, auslöscht, dich zu einem Stümper im Wahrnehmen macht; und daß der poetische Sinn dir diese höheren Wirklichkeiten erst erschließt? Könnten so nicht hinter den Wirklichkeiten, die dein Verstand zugibt, ganz andere liegen, die diese Welt nicht zur «wissenschaftlichen» Öde verdammen, sondern die. deiner Seele fromme Andacht abringen, und ihr eine wahre Religion geben? Das sind die Vorstellungen, die, unter der Schwelle des Bewußtseins unseres Allsehers, sich abspielen, und die ihn endlich dazu bringen, das Weltgeheimnis nicht mehr ausschließlich in den dürren Worten des Anatomen zu suchen, sondern es sich von dem Rauschen der Bäume im Walde, von den Wesen der Natur selbst offenbaren zu lassen. — Denn er kommt darauf, daß in den Bewegungen und dem Rauschen der Bäume wohl ebensogut Seele sein könnte, wie in dem Menschen, dessen Inneres ihm ja auch nicht unmittelbar, sondern in Gebärden und Tönen klar wird. Er sagt sich: ich höre die tönenden Worte und sehe die Bewegungen meines Mitmenschen, und sage mir: er läßt mir Töne zukommen, wie ich sie selbst von mir gebe; er macht Gebärden, wie ich sie selbst mache: also wird er ein Innenleben haben, wie ich es selbst in mir erlebe. Und nur in mir kann ich solches Innenleben wahrnehmen. Alles andere Innenleben gibt sich mir nur durch äußere Zeichen kund. Wenn ich nun an anderen Menschen die äußeren Zeichen auf ein Innenleben deute, warum sollte ich nicht die kriechenden Bewegungen der Hopfenpflanze, die knisternden Töne der Bäume auf ein Innenleben beziehen dürfen ? — Befruchtet durch solche Vorstellungen lernt unser Allseher die Sprache des Wachholderbaumes verstehen; sie enthüllt ihm ein Innenleben, wie ihm die menschliche Sprache ein Innenleben enthüllt. Und so wird ihm die ganze Natur zum äußeren Ausdruck ihrer inneren Seelenhaftigkeit. Was dem Menschen als Wahrnehmung gegeben ist, das ist für sich Erlebnis, Seele, wenn auch von anderer Art als die des Menschen. Und: wie die Pflanzen und die scheinbar leblosen Wesen beseelt sind, so sind es auch ganze Weltenkörper. Des Menschen Organismus ist aus unzählbaren Zellen zusammengesetzt. Und jede dieser Zellen hat ihre Seele. Der Zusammenklang all dieser Zellenseelen ist hineingebaut in die gemeinsame Seele, als die sich der Mensch selbst erlebt. Er aber ist ja nur wieder ein Glied eines umfassenden Organismus. Bin ich denn, so denkt der Allseher, nicht Seelenglied des Erdorganismus, wie die Seelenzelle meines Blutkörperchens Glied meines Organismus ist? Und muß nicht der Erdorganismus so wie der meinige in sich selbst Erlebnis, Seele sein? So wird Goethes Erdgeist vor der sinnenden Seele zur Wirklichkeit. - Wie auf diese Art Dichtung überzeugende Wahrheit aus sich sprießen läßt, und wie die Empfindung dieser hohen Wahrheit im Herzen des Allsehers zur religiösen Andacht gegenüber der Weltenseele wird: das ist der Inhalt des Willeschen Romans, der in Einheit vereinen will: Kunst, Wissenschaft und Religion. Die Wissenschaft wird aus dem Reich des Verstandes in das der Phantasie gehoben, jener Phantasie, die nicht ein Organ der Illusion, sondern höherer Erkenntnis sein will. Und das unmittelbare Leben, das im Lichte der Verstandeswissenschaft wie zweckloses Gaukelspiel erscheint, erhält auf dem Hintergrunde der Allbeseeltheit Sinn und Ordnung. Ein tragisches Erlebnis des Helden klärt sich auf, wenn er seine Ursachen und Folgen vom Gesichtspunkte seines so gebildeten Bekenntnisses aus ansieht. Er selbst fühlt sich sinnvoll eingegliedert in eine sinnvolle Welt. Und er fügt sich andächtig dem All-Walten des Weltgeistes ein, seinen Willen in diesem Walten als Glied erkennend. « Törichte Menschengeschwister! Aus eurer bangen Enge bekehreteuch doch bald zur schrankenlosen Weite! Hört auf, einen Teil mit dem Ganzen zu verwechseln, euer kleinliches, launisches, feiges, krämerhaftes Ego für euer tiefstes, kosmisches Selbst zu halten! Fühlt ihr euch nur als Bruchstücke der Natur... Erlöst, wer hindurchgedrungen durch die engen Ich-Schranken, wer seine Gemeinschaft fühlt mit dem Ganzen und hingebend eingeht zur großen Ordnung! Vollbracht hat er die höchste Menschenkunst, hat zur frommen Musik sein Leben gestaltet — ward eine selige Stimme in der Weltensymphonie» (2.Band, Seite 391).
Dieser «Roman des Allsehers» darf ein Buch der Sehnsucht genannt werden. Auf den letzten Seiten findet sich der Satz: «Jedes Ideal bedeutet keimendes Höhenleben, den Vorfrühling eines Weltpfingstens, prophetisches Hineinragen in die bessere Welt, weckendes, begeisterndes Morgenrot, das vorangeht der neuen Sonne, Abglanz des Himmelsreiches, das nicht ausbleiben kann.» In klarer Weise steigt der «Allseher» zu diesem Ideal auf. Er blickt in die Vergangenheit des Menschen. Aus niederen Zuständen hat er sich entwickelt. «Daß die Zukunft ins Jetzt hereinragt, ist die Natur aller Entwickelung — ebenso wie das Hereinragen der Vergangenheit ins Jetzt. Der einzelne Mensch macht die Entwickelungsstufen durch, die seine Art durchlaufen mußte, ehe sie zur Schwelle des Menschentums gelangte. Im Mutterleibe war ich Wurm — und Fisch -— Molch und Eidechse — Schnabeltier, Beuteltier und Affe. Meine Keimesgeschichte ist eine kurze Wiederholung der Stammesgeschichte. — Nun gut! Dies Grundgesetz läßt sich über die Gegenwart hinaus verlängern, so daß es auch für die bevorstehenden Entwickelungsstufen der Menschheit gilt. Wie der Mensch in einer Hinsicht noch ist, was er früher einmal war, so ist er in anderer Hinsicht schon, was er später einmal sein wird. Soll also ein Höheres aus ihm werden, so muß der Keim des Höheren sich bereits jetzt in der Menschheit vorfinden» (2.Band Seite 396f.). — Hier steht Wille vor dem Tore des Tempels, in dem das Bekenntnis reift, dessen Pflege sich die theosophischen Geistesströmungen aller Zeiten zur Aufgabe gemacht haben. — Und er bleibt am Eingange stehen. — Denn, wer seine obigen Sätze in ihrer ganzen Tragweite empfindet, dem ergibt sich ein nächster Schritt als notwendig: er muß sie in lebendige Tat umsetzen. Liegt der «Keim des Höheren» in dem Menschen, dann muß dieser Keim entwickelt werden. Man kann sich nicht bloß mit der Tatsache begnügen, daß des Menschen Seele sein inneres Erlebnis ist, sondern man sollte weiter gehen und sehen, was da im Innern zu erleben ist. Dann betritt man ganz neue Reiche einer höheren Wirklichkeit. Immer wieder weist unser «Allseher» darauf hin, daß die äußeren Tatsachen, die sich vor unseren Sinnen ausbreiten, auf innere Erlebnisse hinweisen, und immer wieder betont er, daß dieses Innere Seele ist. Seele — Seele - und wieder Seele: so hören wir ihn auf seinen fesselnden Erkenntnis- und Lebenswegen in unzähligen Wiederholungen sagen. — Aber ist das nicht, als ob jemand durch die ganze Tierreihe uns führte, und uns immer wieder und wieder nur Tier, Tier und wieder Tier sagte, statt die besonderen Formen: Wurm, Fisch, Molch, Schnabeltier und Affe uns auseinanderzusetzen?— Nein, das Seelische ist ebenso gegliedert, reich, mannigfaltig, hat ebenso seine Kräfte und Gesetze wie das Physische. Und in diese Reiche des Seelischen führen die höheren Erkenntnisse, die man die theosophischen Anschauungen nennt. Vor der Eingangspforte zu ihnen bleibt Wille stehen. Deshalb gibt er schöne Aussichtspunkte: die Augen, um von diesen Punkten aus zu sehen, gibt erst die Theosophie. Im einzelnen zeigt sich das überall in dem Buche. Dies soll für die interessanten Abschnitte: der «Tatenleib» und «Der All-Phonograph» im nächsten Hefte gezeigt werden, wo in Anlehnung an Leadbeaters «Astral-Ebene» auf die Reiche verwiesen werden soll, auf die Wille hindeutet, ohne das Auge für sie zu eröffnen.