52. Theosophie und Moderne Naturwissenschaft
Wiederholt ist in dieser Zeitschrift darauf hingewiesen worden, daß die theosophische Weltanschauung durchaus im Einklange steht mit den Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft, wenn diese unbefangen und ohne materialistisches Vorurteil angesehen werden. Ja, es ist hier betont worden, daß diese Wissenschaft bei einer richtigen Deutung gerade ihrer neuesten Entdeckungen selbst zu einer Art elementarer Theosophie führen muß. Es ist nun gerade jetzt viel Veranlassung, ein Wort über die Beziehungen von naturwissenschaftlicher Beobachtung und theosophischer Anschauung zu sprechen. Die Nachricht geht ja durch die ganze gebildete Welt, daß die Naturforscher Blondlot und Charpentier rein physikalische Methoden gefunden haben, um das Licht, das der lebende Mensch ausstrahlt, wahrnehmbar zu machen. Eine für die gewöhnliche Sinnesbeobachtung unwahrnehmbare Lichtart ist in der Sonne, in dem bekannten Auerlicht, und in anderen Lichtquellen vorhanden, die dadurch sichtbar gemacht werden kann, daß man zum Beispiel einen Schirm mit gewissen Stoffen bestreicht, zum Beispiel mit Bariumplatincyanür oder Schwefelkalzium, und dann in die Nähe solcher Lichtquellen bringt. Diese Stoffe fangen dann an zu leuchten (phosphoreszieren). Dasselbe findet statt, wenn man den Schirm in die Nähe des lebenden Menschen bringt. Und er leuchtet dann besonders auf, wenn er in die Nähe solcher Stellen des menschlichen Organismus kommt, welche die Sitze besonderer Nerventätigkeit sind, und in einer erhöhten Tätigkeit sich befinden. Man kann gewissermaßen sehen, wie das Gehirn arbeitet, indem man die Strahlen, die es durch seine Tätigkeit aussendet, als phosphoreszierende Lichterscheinung sichtbar macht. — So sprechen die Berichte ernster naturwissenschaftlicher Forscher. Blondlot hat in Anlehnung an Röntgens X-Strahlen diese von ihm entdeckte Strahlenart N-Strahlen genannt, von der Stadt Nancy, wo er sie beobachtet hat. — Was die Theosophen als den Teil des Menschen beschreiben, der für die gewöhnlichen Sinne nicht wahrzunehmen ist, scheint da wenigstens auf ‚seinen elementaren Stufen auf «einem Schirm fixiert» zu sein, und auch für den glaubhaft gemacht, der nichts gelten lassen will, als was sich mit Händen greifen und mit Augen sehen läßt.
Es wäre verfrüht, schon jetzt etwas über die Stellung der Theosophie zu diesen aus der wissenschaftlichen Beobachtung stammenden Berichten zu sagen. Dazu wird der geeignete Zeitpunkt vielleicht in gar nicht ferner Zukunft kommen. Nicht anders ist es mit den Untersuchungen über manche andere Entdeckung der modernen Naturwissenschaft (zum Beispiel die sogenannten radioaktiven Strahlen).
Doch darf vielleicht hier in einer anderen Art ein theosophischer Gesichtspunkt besprochen werden. So wichtig nämlich der harmonische Zusammenschluß des gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens mit der theosophischen Weltanschauung auch ist: es muß stets betont werden, daß es für den Theosophen vor allem wesentlich ist, wie er zu seinen Wahrheiten gelangt. — Man nehme einmal an: die oben angedeuteten Versuche hätten einen gewissen hohen Grad von Vollkommenheit erlangt. Es wäre gelungen, gewisse Ausstrahlungen des Menschen so zu fixieren, daß sie in der beschriebenen Art für das physische Auge sichtbar werden. Was hätte man erreicht? Nichts anderes, als daß die sinnliche Erfahrung des Menschen um einiges bereichert worden wäre. Der Mensch braucht, um das Phosphoreszieren durch N-Strahlen zu beobachten, auf keiner höheren Stufe der Vollkommenheit zu stehen, als derjenige, der auch einen hölzernen Tisch vor sich sehen kann. Es handelt sich darum, durch diese N-Strahlen solche Wirkungen zu erzielen, daß man diese ohne Höherentwickelung des menschlichen Wahrnehmungsvermögens beobachten kann. Dem Theosophen handelt es sich aber weniger darum, den Kreis des Sinnlich-Wahrnehmbaren zu erweitern, als darum, höhere Arten des Wahrnehmens in den Menschen zu zeigen. Es soll das hier gesagt werden im besonderen in bezug auf die Mitteilungen über die menschliche Aura in diesem und dem vorigen Hefte. Bei diesen Mitteilungen handelt es sich vor allem darum, daß sie sich dann dem Menschen darbieten, wenn er an sich arbeitet, wenn er sich entwickelt. Er gelangt zu ihnen durch Steigerung seiner Fähigkeiten. Könnte der Physiker selbst die Aura fixieren, so bedeutete das nur, daß er etwas bisher Unwahrnehmbares in den Bereich des Physischen hereingezogen hätte. Er wäre aber doch Physiker geblieben, und nicht theosophischer Forscher geworden. Dies oder, besser gesagt, «geistig Sehender» wird der Mensch durch Arbeit an sich. Dann treten ihm auch vorher nicht bekannte Erscheinungen entgegen; aber bei dieser seiner Methode ist er selbst ein anderer geworden. Er hat nicht nur seine Erfahrung bereichert; er hat sich entwickelt.
Nur nebenbei soll darauf hingewiesen werden, daß der « Seher» seine Erscheinungen direkt wahrnimmt, der Physiker sie in ihren Wirkungen, in ihrer Fixierung beobachtet. Das ergibt einen Unterschied, der sich vergleichen läßt mit dem zwischen einem wirklichen Menschen und einer von ihm gemachten Photographie. Der Physiker gibt gleichsam eine Photographie, ein sinnliches Abbild dessen, was der «Seher» unmittelbar geistig wahrnimmt. — Die Hauptsache aber ist, daß die Art, durch die der «Seher» zu seinen Ergebnissen gelangt, seine Fähigkeiten steigert. Und daß diese Steigerung ihn nicht nur zu den angedeuteten Wahrnehmungen führt, sondern ihm zugleich einen Einblick in den geistigen Zusammenhang der Dinge gibt. — Und darauf kommt es an. Die theosophische Bewegung erstrebt Erkenntnisse insofern, als diese den Menschen zum Geistigen erheben, insofern sie ihn zu einem Bürger in der geistigen Welt machen.
Es ist ja mit den genannten physischen Erscheinungen nicht anders, als zum Beispiel mit dem Menschen selbst. Betrachte ich den Menschen, insofern er sich physisch beobachten läßt, so gebe ich mich keiner theosophischen Betrachtung hin; diese fängt erst an, wenn ich gewahr werde, daß der physische Mensch die Verkörperung einer geistigen Wesenheit ist. Ebenso wird die physische Erscheinung, die oben beschrieben worden ist, in das theosophische Feld erst dadurch erhoben, daß man sie auf geistige Art ansieht. — Das führt dazu, die eminent ethische Seite der Theosophie im höheren Sinne zu zeigen. Der Theosoph hat immer die höhere Seite der Menschheitsethik im Auge. Sie weist den Menschen auf seine Bestimmung im Weltenzusammenhange, auf sein höchstes Ziel hin. Alle Erkenntnis geht dahin, den Menschen auf die Bahn seiner Entwickelung nach diesem Ziel zu führen. Wie sollen wir an uns arbeiten, um die Bestimmung zu erreichen, die uns im Weltenplane vorgesetzt ist? Das ist die theosophische Grundfrage. Es muß in edlem Sinne gedeutet werden, aber es ist doch richtig: alles Wissen, alle Erkenntnisse sind Mittel zur Menschenvervollkommnung, zur Menschenveredelung. In einer höheren Ethik, einer edlen Sittenlehre gipfelt die 'Theosophie. Nicht dies ist ihre Hauptfrage: Wie kann ich viel wissen? Sondern die: wie werde ich ein vollkommener Mensch, wie nähere ich mich meiner Bestimmung? Die Erkenntnisse geben den Weg zu diesem Ziel. Das Wichtigste an der Theosophie ist die Veredelung der Seele, die Reinigung der niederen Natur. Das große Gesetz vom Karma zum Beispiel sol nicht eine höhere Neugierde befriedigen; es soll uns zeigen, wie wir das Leben aufzufassen haben, um bessere Menschen zu werden. Wir erfahren durch das Karmagesetz, was wir zu tun haben. Und so ist es mit allem, was die Theosophie lehren will. Alles gipfelt in der theosophischen Ethik. Es ist durchaus richtig: Was könnte es mir helfen, wenn ich durch Wissen die ganze Welt gewänne, und nichts täte zur Veredelung meiner Seele? Die Ideale der Lebensführung soll uns die Theosophie geben.
Wer dies im richtigen Lichte sieht, wird auch bald davon abkommen, zu meinen, daß die Theosophie eine lebenfeindliche, wirklichkeitsfremde Anschauung sei. Nicht deshalb strebt der Theosoph nach dem Geistigen, weil er sich aus der Wirklichkeit flüchten will, weil er in dem Leben etwas Niederes, Unwesentliches sieht. Nein, er erkennt, daß die Wurzeln des Lebens im Geistigen liegen, und daß derjenige das Leben erkennt, der die geistigen Wurzeln erkennt. Wer nur die sinnliche Seite des Lebens gelten läßt, der verschließt sich vor den eigentlichen Triebkräften desselben. In dieser sinnlichen Wirklichkeit liegen die Wirkungen des Lebens; die Ursachen aber sind im Geistigen zu finden. Und sowenig jemand eine Maschine versteht, der nur die Eisenteile ansieht, sowenig kennt der das Leben, der nur seine sinnliche. Außenseite betrachtet. Nur der Maschinenkonstrukteur weiß, wie er die Teile zusammensetzen soll; nur der Kenner der geistigen Zusammenhänge weiß, wie er im echten Sinne im Leben wirken soll.
Unsere Gegenwartskultur hängt an der Außenseite. Durch die Theosophie wird sie die Ziele und Triebkräfte des Lebens kennenlernen. Es ist durchaus begreiflich, daß gegenwärtig der Theosophie die größten Mißverständnisse entgegengebracht werden. Und niemand begreift das besser, als der Theosoph selbst. Er findet es so natürlich, daß er augenblicklich so wenig Verständnis findet. Was man ihm entgegenhält, hat ungefähr dieselbe Bedeutung, wie wenn der Arbeiter zum Techniker sagte: Wozu brauche ich dich: ich mache doch die Maschine? Der Theosoph hat seine Aufgabe nicht jenseits des Lebens, sondern in demselben. Er weiß, daß der Gang der Menschheitsentwickelung von der Erkenntnis der geistigen Kräfte abhängt. Er soll das Leben vergeistigen, nicht den Geist des Lebens berauben. Man ist um so mehr Theosoph, je mehr man es in dem alltäglichen Leben ist. Theosoph wird man erst dann im rechten Sinne sein, wenn man es als Rechtsanwalt, als Arzt, als Künstler, als Lehrer, als Baumeister, wenn man es als Familienvater, als Beamter, wenn man es als Arbeiter auf jeglichem Felde ist; ja, wenn man es in allen seinen Lebensverhältnissen, als Freund, als Wohltäter, als Hausherr und so weiter ist. Die Theosophie als Lehre ist nur ein Anfang; sie muß das ganze Leben durchdringen; sie muß einfließen in alle unsere Verrichtungen von der bedeutsamsten bis zur unbedeutendsten. Man lernt die Theosophie nur kennen, um der Theosophie zu leben. Ja, das Leben ist sogar die höchste, die wahrste Schule der Theosophie; und alle theosophische Theorie kann nur sein eine Anweisung, um die beste Theosophie vom Leben selbst zu lernen. An den Früchten vor allem muß man den Theosophen erkennen. Zweifellos: abgesehen von allem übrigen ist eine einzige Tat wahrer Menschenliebe mehr wert als die Kenntnis aller theosophischen Wissensschätze, wenn diese unfruchtbar bleiben. Allerdings ist es auf der anderen Seite ebenso richtig, daß die Theosophie zum echten und höchsten Menschendienste führt. Wer sich in die theosophischen Wahrheiten wirklich vertieft, der säet Keime in sein Herz, die als Edelsinn zur Reife gelangen. — Wenn man einmal in weiteren Kreisen besser diesen Gesichtspunkt der Theosophie einsehen wird, als das heute noch der Fall ist, dann werden die Vorurteile schwinden, die man ihr heute von so vielen Seiten entgegenbringt. Man wird dann einsehen, daß die Theosophie nicht untauglich zum Leben macht, sondern, im Gegenteil, daß sie durch ihre Vertiefung des Lebens zu diesem im höheren Sinne fähiger macht, als die äußerliche Betrachtungsart dies kann, der man heute das Prädikat «praktisch» gibt.