53. Theosophie und Modernes Leben

Im letzten Aufsatz ist an dieser Stelle auf die Bedeutung der Gesinnung vom Gesichtspunkte der Theosophie hingewiesen worden. Wer mit Verständnis dieses Gesichtspunktes das gegenwärtige Kulturleben betrachtet, für den kann es nicht zweifelhaft sein, daß manches in demselben der Ausbildung einer solchen Gesinnung widerstrebt. Das Hasten und Treiben, zu denen der moderne Industrialismus die Menschen geführt hat, läßt sie nur schwer zur Selbstbesinnung kommen. Für viele unter uns ist jeder Augenblick des Tages ein strenger Gebieter, der seine Anforderungen stellt, wenn der Mensch im Leben zurechtkommen will. Und diese Aufgaben sind derart, daß jeder, der ihnen verfallen ist, auch die Zeiten der Ruhe wenig seinem inneren Leben widmen kann. Er wird in diesen Zeiten vor allem darauf bedacht sein, seiner leiblichen Erholung zu leben. Bei vielen wird alles Interesse an rein geistigen Betrachtungen fehlen, weil alles, was sie fortwährend umgibt, womit sie zu tun haben, von solchem Interesse weit abliegt. Und auch das gesellige Leben wird wenig Anlaß zur geistigen Erhebung bieten. Die Menschen tragen ihre rein materiellen Interessen in diese Geselligkeit hinein. Und wenn ihre geselligen Unterhaltungen auch zuweilen mit höheren Dingen sich beschäftigen, so ist doch der Ton, der dabei zutage tritt, ein solcher, daß er des Menschen tiefstes Innere ebensowenig ergreift, wie die Dinge des Tageslebens. Wie selten findet man bei unseren modern Gebildeten den Ton des Ernstes und der Würde gegenüber den großen Fragen des Daseins. Eine gewisse Gleichgültigkeit herrscht da. Man spricht von der Seele und dem Geiste, wie man von einer neuen Maschine auf dem Gebiete der Technik spricht. Das Sensationelle, das in der modernen Zeitung den Ausschlag gibt, herrscht auch dann vor, wenn von den Erscheinungen des höheren Geisteslebens gesprochen wird.

Es würde nun dem Theosophen schlecht entsprechen, gegenüber solchen Erscheinungen den Ankläger zu machen. Zu verstehen, nicht zu richten hat er. Und er, welcher in dem Gang der Dinge eine ewige Notwendigkeit sieht, muß dies auch gegenüber den Erscheinungen des modernen Kulturlebens tun. Aber hingewiesen muß darauf werden, daß gegenüber der Veräußerlichung, welche diese Kultur dem Menschen auferlegt, er um so intensiver an seiner Verinnerlichung arbeiten muß. Und gerade der Theosoph sollte nach dieser Richtung Kulturförderer sein. Ohne im geringsten von den Aufgaben des modernen Lebens abzulenken, sollte er bei jeder Gelegenheit zur Pflege der Selbstbesinnung, zum Nachdenken über tiefere Fragen des Daseins anregen. Denn es gibt kein Leben, das nicht dazu Zeit böte. Dem aufmerksamen Beobachter kann nicht entgehen, wieviel Zeit selbst von dem Überbeschäftigten verschwendet wird. Diese Zeitverschwendung ist es ja gerade, die wie ein bedeutsames Kennzeichen in unserer Geselligkeit auffällt. Es wird innerhalb dieser Geselligkeit so viel zu hören sein, was, so zu sagen, zu einem Ohre hinein-, an dem anderen wieder herausgeht. In solchem zwecklosen Unterhalten wird nun ungeheure geistige Kraft verschwendet. Denn jeder Gedanke im Menschen ist eine Kraft. Das Gedankenleben ist der innerste Kern der menschlichen Wesenheit. Wie ein Mensch denkt, so ist er. Wer sich mit Beharrlichkeit edlen Gedanken hingibt, drückt seinem ganzen Wesen den Charakter des Edlen auf. Wer nur oberflächliche Gedanken durch seine Seele ziehen läßt, der gestaltet auch sein Leben oberflächlich. — Wenn wir eine Lokomotive heizen und sie dann stehen lassen, so strömt die Wärme zwecklos nach allen Seiten aus. Es kommt darauf an, daß wir die Wärme nicht verschwenden, sondern in fortbewegende Kraft umsetzen. Wie in der Natur, so ist es im Menschenleben. Wenn der Mensch denkt, so kann er seine Gedankenkraft in Inhaltvolles oder in Wesenloses umsetzen. Wer seine Gedanken an Oberflächliches, Nichtiges verschwendet, der lebt zwecklos, wer sie in Inhaltvolles umsetzt, der arbeitet an seiner Lebensentwickelung, Lebensveredelung.

Erkennt der Mensch dieses, dann wird er sich von dieser Erkenntnis durchdringen und sie zur Gesinnung seines Lebens machen. Er überzeugt sich bald, daß er [sich] seinen Aufgaben keinen Augenblick zu entziehen braucht, um einer solchen Gesinnung zu leben. Es handelt sich eben nicht darum, daß man sich Zeit schafft, um das höhere Leben zu pflegen, sondern daß man derjenigen, die man hat, den rechten Inhalt gibt. Für das Auge, für die Außenseite braucht an einem zur theosophischen Gesinnung Übergehenden gar nichts zu bemerken sein; der Ton, die Richtung seines Denkens und damit seines ganzen Wesens werden sich ändern. Wenn man solches bedenkt, erkennt man, wie tief die 'Theosophie in das Alltagsleben eingreifen kann, ohne, wie leider so viele glauben, ein Störenfried des modernen Kulturlebens zu werden.

German original of Theosophy and Modern Life · ← Previous · Next →