59. Die Zeitschrift «Der Buddhist»
Vor kurzem hat in Leipzig eine Zeitschrift angefangen zu erscheinen, die sich nennt: « Der Buddhist. Unabhängige deutsche Monatsschrift für das Gesamtgebiet des Buddhismus und die buddhistische Welt. Deutsche Monatsblätter zur Orientierung über die buddhistische Mission im Morgen- und Abendlande.» Herausgeber ist Karl B. Seidenstücker, der durch die Veröffentlichung von Schriften aus dem Gebiete der buddhistischen Weltanschauung bekannt ist. In der Zeitschrift wird angekündigt ein «Buddhistischer Missionsverein in Deutschland», welcher zum Zweck hat «die Bekanntmachung und Verbreitung des Buddhismus in den Ländern deutscher Zunge».
Die Zeitschrift zeigt sich als eine tüchtige Darstellerin der buddhistischen Weltansicht. In scharfer und sachgemäßer Art zum Beispiel charakterisiert ein Beitrag von Bhikkhu Ananda Maitriya die Vorstellung des «Nibbana», wobei die buddhistische Auffassung dieses Begriffes rein herausgearbeitet wird. Es wird in der Zeitschrift überhaupt ein großer Wert darauf gelegt, daß der Standpunkt des Buddhismus klar zur Geltung komme, der nicht vom «höheren Selbst» (Atma) ausgeht, sondern dieses Selbst von dem Nicht-Selbst aus betrachtet. Durch derlei genaue Charakterisierungen kann das Verständnis einer Weltanschauung allein gefördert werden. Von Seidenstücker selbst seien die Artikel erwähnt: «Gott und Götter, oder ist der Buddhismus atheistisch?» und «Mahäbodhi».
Insoweit die Zeitschrift der Aufklärung über die buddhistische Weltanschauung dient, muß sie als höchst verdienstliche Gründung bezeichnet werden; insofern sie allerdings einen Missionszweck in deutschen Ländern verfolgt, soll dem gegenüber gesagt werden, daß eine propagandistische Verbreitung der Weltanschauung eines Volkes innerhalb eines anderen den höheren Gesetzen des geistigen Lebens widerspricht. Die Wahrheit ist zwar eine einzige; aber sie muß verschiedene Formen annehmen, je nach Zeit und Kulturgebieten. Der Buddhismus ist die Wahrheit in dem Kleide, das seinen Völkern angepaßt ist. Insbesondere würde sein Ausgangspunkt vom Nicht-Selbst den Aufgaben des gegenwärtigen Abendlandes widersprechen, das gerade durch die höhere Entwickelung des Selbst den Weg zur Wahrheit finden muß. Von allen ähnlichen Missionsversuchen einer bestimmten Weltanschauungs form unterscheidet sich die Theosophie dadurch, daß sie ihren Blick auf das eine Leben der Wahrheit richtet, und in bezug auf die Formen, in denen sie dieses Leben zur Darstellung bringt, dem Charakter bestimmter Kulturen Rechnung trägt. Das Abendland steht in einer Entwickelungsphase, in welcher das Christentum durch Erkennung seines wahren Kernes eine neue Epoche herbeiführen muß. Diese in den Entwickelungsgesetzen liegende Forderung möchte die theosophische Geistesrichtung anerkennen. — Doch hat ja der «buddhistische Missionsverein in Deutschland» in seinen Satzungen die Worte: «Der B.M.V. steht auf dem Boden der Toleranz und hält sich von jedwedem Angriff auf irgendwelche religiösen oder kirchlichen Gemeinschaften fern. Er erklärt seine Sympathie mit allen Bestrebungen, die dem geistigen Fortschritt und wahrer Humanität dienen und den lebenden Wesen zum Wohl und Heil gereichen.» Wenn er wirklich in diesem Geiste arbeitet, dann kann sein praktisches Resultat dem der Theosophie nicht widersprechen. Und die Zeitschrift wird durch ihren ernsten Charakter zweifellos zu dem Ziel beitragen: die buddhistische Religion den Europäern bekannt zu machen. Und das ist ja auch eine der Aufgaben der Theosophie.