60. Zu «Beiträge zur Weiterentwickelung der christlichen Religion»
« Beiträge zur Weiterentwickelung der christlichen Religion» nennt sich ein (in München 1904, J.F. Lehmanns Verlag) erschienenes Buch, für das sich «eine größere Anzahl Gelehrter aus verschiedenen Berufen und Wissenschaften zu einer gemeinsamen Aufgabe» verbunden haben. Diese Aufgabe wird so gekennzeichnet: «den Stand der Religion im Leben der Gegenwart darzulegen und zu fördern; jeder berichtet dabei über das ihm vertraute Gebiet, aber zusammen wenden sie sich nicht an den Kreis der Fachgenossen, sondern an alle, denen die höchsten Fragen am Herzen liegen, und die an Bewegung und Streben, an Zweifel und Unruhe teilnehmen. ... Beiträge zur Weiterentwickelung der christlichen Religion kann nur bringen, wer sich auf den Boden des Christentums stellt, wer überzeugt ist, daß im Christentum eine ewige Wahrheit durchgebrochen, eine Art des Lebens entfaltet ist, der bleibend die geistige Herrschaft gebührt. Aber für eine Weiterentwickelung arbeiten kann nur, wer zugleich überzeugt ist, daß der gegenwärtige Stand der christlichen Religion den Forderungen der weltgeschichtlichen Lage nicht entspricht, daß in jenem die ewige Wahrheit mit manchem verquickt ist, was heute viele, überaus viele als zeitlich und menschlich empfinden, dem sie daher unmöglich die Verehrung zollen können, die lediglich dem Ewigen und Göttlichen gebührt.»
Es werden in dem Buche die Lehren des Christentums, soweit die einzelnen Verfasser in dieselben eingedrungen sind, nun selbst an einer Wahrheitsform gemessen, die von einem höheren Standpunkte doch nicht minder als zeitlich und menschlich empfunden wird. Fast in allen Aufsätzen ist zu merken, daß die Bearbeiter ganz in der gegenwärtigen, zu materialistischen Vorstellungen neigenden kulturgeschichtlichen Betrachtungsart wurzeln. Es wird, wie begreiflich ist, nicht überall gesagt, daß ein solcher Maßstab angelegt wird. Die Verfasser sind sich auch kaum des «Zeitlichen und Menschlichen» in ihrer Beurteilung bewußt. Und gegen die Bezeichnung «materialistisch» mögen sie viel einzuwenden haben. Aber es kommt durchaus nicht auf die Dogmen an, die jemand vertritt, sondern auf die Denkgewohnheiten, die ihm eigen sind. Wer nur gelten lassen kann, was die moderne Weltansicht als «natürlich» bezeichnet, der lebt in materialistischen Denkgewohnheiten, auch wenn er eine Lehre verteidigt, die im höchsten Sinne der geistigen Welt entstammt. — Bei der Betrachtung des Christentums ist es doch möglich, durch wahre Vertiefung in seinen Kern die neuere Weltanschauung zu ihm hinaufzuziehen, statt dieses herunterzuziehen in. den Bereich des modernen Denkens. Und eine wahrhaft weiterbildende Kraft kann doch nur das erstere haben. Deshalb strömt von dem Buche überall die nüchterne Kälte gegenwärtiger Vorstellungen aus, nicht die Wärme, die man vom Christentum ausgehen fühlt, wenn man in seine tiefen Geheimnisse eindringt.
Bücher solcher Art zeigen gerade durch das, was sie nicht vermögen, die Notwendigkeit des theosophischen Gesichtskreises zu einer Wiederbelebung der christlichen Wahrheiten. Die Betrachtungsweise, aus welcher diese «Beiträge» entstanden sind, wendet alle kritische Kraft darauf, das Kleid des Christentums zu zerzausen, weil dieses Kleid mit der modernen Tracht nicht stimmt; das theosophische Verfahren dagegen versucht in das Wesen einzudringen, welches dieses Kleid trägt, und das letztere zeigt sich dann zwar im Charakter einer anderen Zeit, aber es trägt selbst so noch zum Verständnisse seines Trägers bei. Dabei wird die Theosophie der modernen wissenschaftlichen Vorstellungsart insofern gerecht, als sie das Kleid einer vergangenen Zeit auf natürliche Art durch eines der Gegenwart ersetzt. Jener Darstellung der «Beiträge» bleibt nach dem Zerfetzen des Kleides nichts mehr vom Wesen übrig, an das sie gar nicht wirklich herangetreten ist, sondern vielmehr ein willkürliches Gebilde von dem, was der Betrachter als Christentum empfindet. Und das ist in den meisten Fällen ein Verstandesbekenntnis ohne psychische und spirituelle Kraft. Daß dann dieses Bekenntnis auf einen ganz «zeitlich und menschlich» gemachten Christus zurückgeführt wird, dazu liegt nicht die geringste Notwendigkeit vor, und daß weiterhin dieser Christus doch noch als derselbe hingestellt wird, von dem die Evangelien berichten, erscheint als der Gipfel willkürlicher Begriffskonstruktionen. EinigermaBen bemerkenswert ist nur ein Beitrag R. Euckens über «Wissenschaft und Religion», in dem der Versuch gemacht wird, die Selbständigkeit des geistigen Lebens zu verstehen und in drei Stufen zu zerlegen, indem ı. der Geist, der die Natur zu verstehen sucht, als etwas Eigenartiges über die Natur selbst gestellt, 2. das geistige Leben in der Geschichte der bloßen Aufeinanderfolge menschlich-persönlicher Wirkungen gegenüber als etwas Besonderes angesehen, und 3. die schöpferische Kraft der Einzelpersönlichkeit als Ausfluß seiner göttlichen Kraft gefaßt wird. Doch bleibt auch dieser Versuch in kahlen Abstraktionen stecken und dringt nicht bis zu einer wahren Vorstellung einer geistigen Welt vor. Die anderen Beiträge behandeln: Wesen und Ursprung der Religion, ihre Wurzeln und deren Entfaltung (Prof. Dr. L. v. Schroeder, Wien), ganz in der Richtung moderner rationalistischer Kulturgeschichte gehalten; das Alte "Testament im Licht der modernen Forschung (Prof. D. H. Gunkel, Berlin), nur eine Schutzschrift für die moderne Bibelkritik; Evangelium und Urchristentum (das Neue Testament im Lichte der historischen Forschung von Prof. D. A. Deißmann, Heidelberg), kein energisches Eintreten für klare Vorstellungen; Heilsglaube und Dogma (Prof. D. Dr. A. Dorner, Königsberg); Religion und Sittlichkeit (Prof. D. Dr. W. Herrmann, Marburg); Christentum und Germanen (Sup. D.F. Meyer, Zwickau), ein ganz subjektiv gefärbtes Bild des christlichen Lebens der Jahrhunderte vor Luther in Deutschland; Religion und Schule (Prof. Litt. D. Dr. W. Rein, Jena); die gemeinschaftsbildende Kraft der Religion (Lic. G. Traub, Dortmund); Das Wesen des Christentums (Lic. Dr. G. Wobbermin, Berlin). Daß das Buch im Sinne der modernen Universitätstheologie nach den «neuesten Ergebnissen der Wissenschaft» gearbeitet ist, soll noch besonders hervorgehoben werden.