63. Aus den nachgelassenen Papieren Paul Asmus'
An dieser Stelle soll einer der besten deutschen Denker aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu Worte kommen. Et ist 1872, erst dreißigjährig, einem hoflnungsreichen Leben entrissen worden. Zwei Schriften liegen gedruckt von ihm vor: «Das Ich und das Ding an sich» und «Die indogermanischen Religionen». Schätze des deutschen Gedankenlebens sind es. Wer den Entwickelungsgang dieses Gedankenlebens seit 1870 im rechten Lichte erblicken kann, dem ist es nur zu verständlich, daß der so jung verstorbene Paul Asmus nur wenige Leser finden konnte. Diese Zeit war der Ausgestaltung der auf das Sinnlich-Tatsächliche gerichteten Erkenntnisse zugewendet. Man wollte die Ergebnisse des Experiments, des Mikroskopes und Fernrohres usw. als Grundlagen der Weltansicht verarbeiten. Und Paul Asmus hat zu denen gehört, die in der Ätherhöhe des reinen Denkens die Geheimnisse des Daseins erforschen wollen. Ein echter und edler Schüler der großen philosophischen Idealisten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist er. Nur wenige sind heute geschult in dem Gebiete des reinen Gedankens, um in diese lichten Höhen hinaufzusteigen. Nur wenige kennen selbst die Bedeutung dieser Regionen und wissen, daß auf ihnen, und nicht da, wo bloß sinnlich beobachtet und experimentiert wird, die Rätsel des Lebens sich enthüllen. — In dieser Zeitschrift, die einer Weltanschauung dient, die zum Geiste führen soll, ist wohl einiges aus dem Nachlasse des Frühverstorbenen am Platze. Die Schwester des Denkers, Martha Asmus, die selbst in den letzten Jahren mit drei Bändchen Erzählungen hervorgetreten ist, hat mir ihres Bruders nachgelassenes Manuskript « Die Willkür» zur Verfügung gestellt. Hier soll aus demselben dasjenige veröffentlicht werden, was eine Vorstellung geben kann über die Art, wie sich Paul Asmus zu einem der allerwichtigsten menschlichen Probleme stellte.
Im nächsten Hefte werde ich der Fortsetzung eine kurze Charakteristik der Ideenrichtung Paul Asmus’ geben. Ich weiß, daß der Höhenflug des Gedankens, den dieser Forscher genommen, heute wenige geneigt findet zu folgen. Heute fordert das Denken Bequemlichkeit, und zum Verstehen von Paul Asmus’ Ideen ist volle arbeitende Hingabe erforderlich. Doch der Theosoph weiß, daß nicht die Forschung sich nach dem Menschen, sondern der Mensch nach der Forschung zu richten habe; und daß nur volle Hingabe an ihre Forderungen zur Erkenntnis führen kann.
Weniges ist über Kant geschrieben worden, das an Wert dem gleich kommt, was Paul Asmus über ihn in seiner Schrift «Das Ich und das Ding an sich» ausgeführt hat. Er wird Kant vollkommen gerecht; aber er zeigt zugleich, wie unmöglich es ist, bei ihm stehenzubleiben, und wie der große Anstoß, den der Königsberger Philosoph dem deutschen Denken gegeben hat, notwendig zu den Auffassungen Fichtes, Schellings, Hegels, Schopenhauers und anderer hat führen müssen. Kant hatte gezeigt, und diese Tat ist eine der geistesgeschichtlich bedeutsamsten im modernen Denken, daß die gewöhnlichen wissenschaftlichen Denkmethoden niemals zu einer Erkenntnis des «Dinges an sich» führen, sondern immer nur dazu, die Welt der dem Menschen gegebenen Erscheinungen erkennend zu beherrschen. Auf das «Ding an sich» aber hat Kant in einer ganz eigentümlichen Weise hingedeutet. Er nahm an, daß in dem kategorischen Imperativ, der in dem Pflichtgebot zu dem Menschen spricht, ein Ruf ertönt aus der Welt des «Dinges an sich». Aber dieser Ruf liefere keine Erkenntnis des Höchsten, sondern nur einen Glauben an dasselbe, der dem Menschen die Richtung gibt nach dem moralischen Leben. Will der Mensch sich für ein moralisches Wesen halten und sich in der Richtung der Moralität immer weiter und weiter entwickeln, so muß er an die Wirklichkeit dessen glauben, was ihm den kategorischen Imperativ zusendet. Erkennen kann er aber nicht, was ihn so moralisch trägt.
Nun hat Fichte versucht, diesen im Innern des Menschen ertönenden Ruf zu untersuchen, und er kam so zu seiner «Ich-Philosophie». Im «Ich» geht, nach Fichte, dem Menschen eine höhere Welt auf, die ebenso wirklich, ja viel wirklicher ist, als die äußere Erscheinungswelt. Denn diese äußere Erscheinungswelt erhält erst Sinn und Bedeutung, wenn das menschliche Ich sein eigenes Licht auf dieselbe leuchten läßt. Diesen Hervorgang von Fichtes Denken aus dem Kantschen stellt Paul Asmus in scharfsinniger Weise dar. Und ebenso, wie dann Hegel und Schelling aus dem «Ich» heraus, aus dem Menschengeiste die Antworten suchen auf die groBen Rätselfragen des Daseins, die keine äußere Sinnesanschauung lösen kann.
Und von hier aus fand dann Paul Asmus den Zugang zum Verständnis der Religionen, dieser mannigfaltigen Versuche der Menschheit, aus der Tiefe des Menscheninnern heraus die wirkenden Geistkräfte des Universums zu erfassen. Es wird vielen nicht leicht, Paul Asmus’ bedeutsamen Auseinandersetzungen über « die indogermanischen Religionen» zu folgen, da er sich in einer Gipfelhöhe des menschlichen Denkens bewegt. Wer aber durch Selbstschulung seines Denkens das Buch zu lesen lernt, der wird eine Aufklärung der reinsten Art über die Formen menschlichen Wahrheitsstrebens empfangen. Unser Philosoph sieht überall durch den Bildergehalt der Religionen auf die geistigen Gedankenkerne hindurch und zeigt den Zusammenhang und die Verwandtschaft dieser Kerne. Sein Buch ist daher eine Auslegung eines großen Urgedankens der indogermanischen Völker. Niemand wird es studieren, ohne davon den tiefsten Eindruck zu empfangen, und sich darüber klar werden, was Entwickelung des religiösen Lebens ist. Damit aber gehört Paul Asmus unter diejenigen, die im Sinne der Theosophie die Wesenheit der Religionen und Philosophien der Menschheit verfolgen.
Mit dem Folgenden schließen die einleitenden Auseinandersetzungen Paul Asmus' überdie « Willkür». Es folgen dann in seinem Manuskript die weiteren Erörterungen über den Gegenstand. Wir werden in folgenden Heften das Wesentliche auch davon bringen. Was wir bisher gedruckt haben, zeigt den Weg, den sich der kräftige, scharfsichtige Denker zu dem wichtigen Probleme von der menschlichen Freiheit zu bahnen gesucht hat. Wer sich nicht frei im Elemente des Gedankens bewegen kann, wird diese Erörterungen «abstrakt» und schattenhaft nennen, und vielleicht sogar meinen, daß sie dem «wirklichen Leben» fern stehen, und daß sie zu einer Erkenntnis der Tatsachen nichts beitragen könnten. Ein solcher hat sich aber nur noch nicht durchgerungen zum Leben im reinen Elemente des Gedankens, er hat noch nicht gelernt, fern von aller Sinnlichkeit, von allem sinnlichen Vorstellen, zu wohnen in der Ätherregion, wo das wahre Leben im Innern des Menschen pulsiert, das ein Funke ist aus dem Lichtmeer des ewigen Seins. Wer sich dazu aber durchgerungen hat, der fühlt sich in solchem Gedankenleben vereinigt mit dem göttlichen Weltgeist; er lebt, indem er in sich lebt, zugleich in Gott; Gott lebt in ihm. Die Kommunion vollzieht sich auf dem geistigen Felde mit ihm. Denker wie Asmus, die sich heraus entwickelt haben aus dem Strom, den der deutsche philosophische Idealismus von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus geschenkt hat: solche Denker verstanden in Gedanken zu leben. Im deutschen Geistesleben hat sich da geschichtlich das abgespielt, was der theosophische Mystiker als eine ganz bestimmte innere Lebenstatsache kennt. Das kamisch-manasische Vorstellen, in dem der Mensch des alltäglichen Lebens befangen ist, und in dem insbesondere der europäische Kulturmensch lebt: dieses Vorstellen wirft die kamischen Hüllen von sich und wird zum rein manasischen Denken.
Wer auf dem Felde jener Erkenntnis über eine gewisse Stufe hinausgelangen will, muß in sich selbst dieses Erlebnis kennenlernen, zur Tatsache werden lassen. Wer dazu nicht gelangen kann, bleibt entweder in den Fesseln einer trüben Mystik hängen, die ihn nur befähigt, die Tatsachen des Astralplanes verständnislos zu schauen; oder aber er muß sich mit einem bloßen Glauben an die theosophischen Dogmen begnügen. Deshalb betrachte ich es als eine Aufgabe dieser Zeitschrift, diese Proben eines ätherreinen Denkens vorzuführen. Solches Denken allein kann innere, selbstsichere Festigkeit und Forschergewißheit geben, die den Theosophen zwischen der Skylla einer nebelhaften Schwärmerei, und der Charybdis eines blinden Dogmenglaubens hindurchleiten in die hellen Lichthallen der Weisheit. Wer nicht bloß durchdenkt, was in reinen Gedanken gegeben ist, sondern es bis zum unmittelbaren Erleben bringt, der wird sich selbst von der Wahrheit des Gesagten überzeugen. Aber vorläufig können es nur wenige Menschen unserer Kultur zu dem bringen, was man «Leben in Gedanken» nennt. Und die meisten können sich bei solchem Worte: «Leben in Gedanken» gar nicht einmal das Richtige «denken». Die theosophische Bewegung, welche uns wieder das Leben im Spirituellen bringen soll, wird auch die Aufgabe haben, die aus dem Spirituellen geborenen Gedanken des deutschen Idealismus zu verstehen. Und Paul Asmus, dessen physische Hülle die Erde so früh sich angeeignet hat, mag mit seinen herrlichen Gedankenkeimen wohl auch einen Einschlag geben zum Karma der theosophischen Bewegung in Deutschland.