64. Charakteristik von Paul Asmus’ Weltanschauung
Daß Paul Asmus in der Ätherhöhe des reinen Denkens die Geheimnisse des Daseins suchte, macht den Grundcharakter seines Forschens aus. Was den Dingen als ihr Wesen zugrunde liegt, das enthüllt sich in dem denkenden Menschen. Diese Grundanschauung des deutschen philosophischen Idealismus ist auch diejenige Paul Asmus'. Die Gedanken, die sich der Mensch über den Sternenhimmel macht: sie sind auch zugleich die Ordnung, die innere Gesetzmäßigkeit selbst, die diesem Sternenhimmel zugrunde liegt. Wenn ich denke, spreche nicht nur ich, sondern die Dinge sprechen in mir ihre Wesenheit, das, was sie eigentlich sind, aus. Die sinnlichen Dinge sind gewissermaßen nur Gleichnisse ihres ideellen Wesens; und der menschliche Gedanke ergreift dieses ihr Wesen. In seiner Schrift «Das Ich und das Ding an sich» sagt Paul Asmus: «Stellen wir uns ein Stück Zucker vor; es ist rund, süß, undurchdringlich usw., dies sind lauter Eigenschaften, die wir begreifen; nur eins dabei schwebt uns als ein schlechthin anderes vor, das wir nicht begreifen, das so verschieden von uns ist, daß wir nicht hineindringen können, ohne uns selbst zu verlieren; von dessen: bloßer Oberfläche der Gedanke scheu zurückprallt. Dies eine ist der uns unbekannte Träger aller jener Eigenschaften; das Ansich, welches das innerste Selbst dieses Gegenstandes ausmacht. So sagt Hegel richtig, daß der ganze Inhalt unserer Vorstellung sich nur als Accidens zu jenem dunklen Subjekte verhalte, und wir, ohne in seine Tiefen zu dringen, nur Bestimmungen an dieses Ansich heften — die schließlich, weil wir es selbst nicht kennen, auch keinen wahrhaft objektiven Wert haben, subjektiv sind. Das begreifende Denken hingegen hat kein solch unerkennbares Subjekt, an dem seine Bestimmungen nur Accidenzen wären, sondern das gegenständliche Subjekt fällt innerhalb des Begriffes. Begreife ich etwas, so ist es in seiner ganzen Fülle meinem Begriffe präsent; im innersten Heiligtum seines Wesens bin ich zu Hause, nicht deshalb, weil es kein eigenes Ansich hätte, sondern weil es mich durch die über uns beiden schwebende Notwendigkeit des Begriffes, der in mir subjektiv, in ihm objektiv erscheint, zwingt, seinen Begriff nach zudenken. Durch dies Nachd enken offenbart sich uns, wie Hegel sagt — ebenso wie dies unsere subjektive Tätigkeit ist -, zugleich die wahre Natur des Gegenstandes. —»
Wer in solch einem Satze sein Bekenntnis ausspricht, der hat sich und sein Denken in ein wahres Verhältnis zur Welt und Wirklichkeit gesetzt. Durch Beobachten lernen wir den Umkreis der Welt kennen; durch das Denken dringen wir in ihren Mittelpunkt. Die Versenkung in das eigene Innere löst uns die Rätsel des Daseins. Der in mir aufleuchtende Gedanke geht nicht nur mich an, sondern die Dinge, über die er . mich aufklärt. Und meine Seele ist nur der Schauplatz, auf dem die Dinge sich über sich selbst aussprechen.
Um das zu begreifen, muß der Mensch allerdings es dahin bringen, in dem Denken ein Lebenselement zu haben, etwas, das für ihn ebenso Wirklichkeit, Tatsache ist, wie für den unentwickelten Menschen die Dinge eine Wirklichkeit sind, an denen er sich stößt, die er mit Händen greifen kann. Wer in seinen Vorstellungen nicht anderes erfassen kann, als schemenhafte Nachbilder dessen, was ihm die Sinne sagen, der versteht nicht, was Denken ist. Denn, um zur Wesenheit der Dinge vorzudringen, muß sich das Denken mit einem Inhalte erfüllen, den kein äußerer Sinn geben kann, der aus dem Geiste selbst fließt. Das Denken muß produktiv, intuitiv sein. Wenn es dann nicht willkürlich in phantastischen Gebilden lebt, sondern in der hellen Klarheit des inneren Anschauens, dann lebt und webt in ihm das Weltgesetz selbst. Man könnte von einem solchen Denken ganz gut sagen: die Welt denkt sich in den Gedanken des Menschen. Notwendig ist aber dazu, daß der Mensch in sich die ewigen Gesetze erlebt, die sich das Denken selbst gibt. Was die Menschen gewöhnlich «Denken» nennen, ist ja nur ein wirres Vorstellen.
Daß Paul Asmus sich zu dem Gesichtspunkt des reinen in sich lebenden Denkens erhoben hat, das sich selbst seine Notwendigkeit gibt: das macht ihn zum echten Philosophen. Und daß er dieses sich selbst richtende Denken mit einer Klarheit, mit einer Selbstverständlichkeit handhabt, das macht ihn zu einem bedeutenden Philosophen. — Der Philosoph kennt die Selbstlosigkeit im Denken; er weiß, was es heißt: in sich denken lassen. Er weiß, daß er sich dadurch über die bloße Meinung erhebt, die in des Menschen Willkür ihren Ursprung hat, und daß er den Gipfel gedanklicher Notwendigkeit ersteigt, durch die er zum Interpreten des Weltdaseins wird. Die Theosophie verlangt von ihren Zöglingen strenge Kontrolle des Denkens, so daß sie alle Willkür, alles Irrlichtelierende vom Denken abstreifen, daß nicht mehr sie, daß vielmehr die Dinge durch sie sprechen. Die Schule Hegels war zugleich eine Schule der Gedankenkontrolle. Und weil so wenige Menschen Gedankenkontrolle wirklich üben, ja, weil selbst die wenigsten, die sich Philosophen nennen, wissen, um was es sich dabei handelt: deswegen muß Hegel von so vielen mißverstanden werden. Paul Asmus gehört zu den ganz wenigen, die Hegel verstanden haben. Was er über Hegel gesagt hat, sind Perlen philosophischer Einsicht. - Wer die kleine Schrift Paul Asmus’ «Das Ich und das Ding an sich» liest und versteh t, der wird mehr gewinnen, als er durch das Studium dickleibiger philosophischer Werke von Autoren gewinnen könnte, die über die Grundfragen der Erkenntnis sprechen und nie die Grundbedingung für solches Mitsprechen erworben haben: ein sich streng kontrollierendes, intuitives, produktives Denken.