68. Zu Plotins Weltanschauung

Zu Den Ausführungen Dr. O. Kiefers! «Plotins Seelenlehre» Und «Plotins Ideal Des Weisen»

Es ist notwendig, zu den Ausführungen Dr. O.Kiefers in den beiden vorhergehenden Nummern dieser Zeitschrift einiges hinzuzufügen. Doch sei ausdrücklich bemerkt, daß damit nichts gegen den Wert dieser Ausführungen gesagt werden soll. Wer von der Natur unseres Erkennens etwas weiß, der respektiert fremde Anschauungen, auch wenn er ihnen andere Gedanken entgegenzusetzen hat. Mit diesem vollen Respekt vor den Ansichten des geschätzten Verfassers ist daher das Folgende gesagt.

Es kann nicht auf alle Punkte eingegangen werden. Es wird gesagt, Eduard von Hartmann habe wieder mit Nachdruck betont: «Das Bewußtsein ist nur ein Reflex der an sich unbewußten Geistestätigkeit in uns, und eine Seelentätigkeit findet auch statt, wenn der Spiegel des Bewußtseins durch körperliche Störungen zerschlagen ist! Im vollkommenen Widerspruch dazu steht Plotins Lehre von der Seele Leben nach dem Tode: er nimmt hier eine komplizierte Seelenwanderungslehre ähnlich der Platons und der Pythagoreer an, und doch muß nach seiner Ansicht über das Reich des Intelligiblen dort natürlich jedes Selbstbewußtsein, ja überhaupt jede Individualität der Menschenseele erlöschen!» — Eine solche Behauptung kann man, nach unserer Auffassung, nur dann tun, wenn man die Vorstellungen von Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Individualität nicht im Sinne Plotins auslegt. Für Plotin ist, wie für jeden, der mystische Erfahrung gleich ihm hat, das persönliche menschliche Bewußtsein allerdings eine Art Reflex des wahren menschlichen Wesens in dem irdisch-materiellen Körper. Aber diese Form des Bewußtseins darf nicht verwechselt werden mit dem Selbstbewußtsein und der mit diesem innerhalb gewisser Grenzen zusammenfallenden Individualität. Gerade das Selbst ist es, das unzerstörbar ist; und sein Eintritt in den irdischen Körper spiegelt es für sich selbst in der Art, die wir als die des persönlich-menschlichen Bewußtseins kennen. In einer anderen als der irdischen Daseinsart wird das Selbst zwar sich in einer anderen Form bewußt werden; aber es heißt das irdische Bewußtsein für die einzig mögliche Bewußtseinsform halten, wenn man sagt: Selbstbewußtsein und Individualität müßten unter den Voraussetzungen des Plotin erlöschen mit dem Tode. Nein, sie ändern nur ihre Form. Sie werden nach dem Tode diejenige Form annehmen, welche dem Dasein entspricht, in dem sie sich dann befinden werden.

Ebenso ist es unrichtig, wenn gesagt wird, daß die «reine Seele» von dem nicht berührt werde, was die «niedrigere Seele» tut. Zwar löst sich die reine Seele von der niedrigen; aber die erstere nimmt mit sich die Erfahrungen, die sie mit dieser niedrigen gemacht hat. Und diese Erfahrungen hängen von den Organen, von der ganzen Beschaffenheit dieser niedrigen Seele ab. Daher sind diese Erfahrungen für das weitere Schicksal der «reinen Seele» maßgebend. Ein Dualismus ist hier nur zu bemerken, wenn man ihn selbst hineinlegt, indem man gewisse selbstgemachte Vorstellungen über das Wesen der niederen und der höheren Seele in Plotins Gedanken hineinerklärt. Das tut auch Eduard von Hartmann, der nur eine, die persönlich-menschliche Bewußtseinsform kennt, und deshalb alle andere Geistestätigkeit für unbewußt hält. Man konstatiert noch lange keinen Dualismus, wenn man «niedere» und «höhere» Menschenseele als die zwei Elemente des Menschen betrachtet, wie man nicht Dualist dadurch ist, daß man zugibt, daß Wasser kein Monon ist, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht. Muß denn der Monismus durchaus verlangen, daß die Einheit ganz an der Oberfläche liege? — Deshalb kann man auch durchaus begreifen, daß Plotin von dem Weisen verlangt, daß er in und mit der Welt wirke. «Konsequenterweise», wie Dr. Kiefer sagt, «würden die Gedanken Plotins das Gegenteil verlangen.» O nein. Die Ruhe und Seligkeit des Weisen liegt höher als in der äußeren Askese. ErkanninderWelteine mannigfaltige Tätigkeit entwickeln und dabei in höheren Welten die Einheit mit dem Göttlichen erleben.

German original of On Plotinus's Philosophy · ← Previous · Next →