73. «Die Geschichte des Jahres»
Ein Bericht über Feste und Feiern. Vom Verfasser von «Licht auf den Weg». Aus dem Englischen übersetzt von Mitgliedern der Theosophical Society. Autorisierte Übersetzung. Sueviaverlag. Jugenheim an der Bergstraße, 1904.
Dies ist ein wichtiges Büchlein für diejenigen, welche okkulte Wahrheiten in intimer Art kennenlernen wollen. Eine hohe Weisheit lebt darinnen. Diese selbst ist allerdings nicht ausgesprochen. Denn das Werkchen kann nicht so genommen werden, als könnte man daraus wie aus einer Schrift unserer gewöhnlichen Literatur etwas lernen. Wer auf sich wirken läßt, was darinnen steht, es in Gedanke, Gefühl und Wille aufnimmt, der kann ein eigentümliches Lebenselixir durch seine Seele fließen lassen und dadurch zu einer Ahnung der großen Wahrheit sich erheben, daß der Menschengeist nach denselben Gesetzen lebt wie der Allgeist (wobei hier unter « Allgeist» nur verstanden ist der Geist, welcher die Himmelskörper beherrscht, die zu unserer Erde und ihrer Entwickelung in Beziehung stehen). Das innere Leben dieses Allgeistes wareinstens so wie dasjenige des Menschengeistes heute ist. Und der Menschengeist wird in Zukunft sein, was der Allgeistheute ist. In der äußeren Welt aber stehen dem Menschengeiste die Taten des Allgeistes gegenüber. Wie die Sonne auf und untergeht, wie sie ihren Kreislauf während des Jahres und während der Jahrtausende vollendet, wie die Erde ihre Samen und Kinder zur Reife bringt, sie zum Tode führt und wieder erstehen läßt: alles das sind die Taten dieses Allgeistes. Der Mensch, der sich über die Sinnesanschauung erhebt, sieht die Pflanzen reifen, Samen tragen, die Samen in die Erde senken, den Todesschlaf in der Erde überdauern und dann wieder erstehen: und er fühlt in alledem die Wirkungen des göttlichen Lebens. Und er erhebt sich zu der Anschauung, daß dieses göttliche Leben erst einelange Lehrzeit durchmachen mußte, bis es seinen Geist dazu gereifthatte, solche Tatenzu tun. Und dann leuchtet dem Menschen auch die Erkenntnis auf, daß diese Lehrzeit der Götter ähnlich war seiner eigenen gegenwärtigen. Und in den Taten der Götter sieht er sodann die Vorzeichnungen seiner eigenen Zukunft. Wenn in den kurzen Wintertagen der Schnee das schlafende Leben der Erde bedeckt, wenn die ersten Sprossen der Bäume dem wieder erstarkten Sonnenstrahl sich entgegendrängen, dann schaut er darinnen die göttlichen Meisterleistungen, und sich selbst sagt er: dein Geist ist von derselben Art, wie derjenige, der das alles kann. Und du mußt dich erheben und inbrünstig aufschauen zu diesen Meisterleistungen an den Tagen, da sie sich dir offenbaren. Dann werden dir diese Tage zu Festen und im Laufe des Jahres werden sich dir diese Feste zusammenschließen zur Anschauung des harmonischen Werkes der Götter, von dem du zu lernen hast. Weihnachten, Ostern und die anderen Jahresfeste werden so in seiner Seele lebendig. Und was die Sonne im Laufe des Jahres bewirkt, wird die Hieroglyphe für die geheime Offenbarung der eigenen Zukunft.
Wenn der Mensch zu solcher Intuition sich erhebt, kann er allmählich erkennen, wie sein eigener Geist sich einstmals abgespalten hat vom Allgeist, um eingesenkt zu werden in den materiellen Erdengrund, da zu lernen, in Zukunft Dinge zu vollbringen, die denen ähnlich sind, welche heute um ihn sind. Er wird sich die Finsternis zur Anschauung bringen, in welcher er ist, wenn er lediglich auf seine eigene gegenwärtige Entwickelungsstufe sieht; und er wird sich beleuchten lassen von dem Lichte, das ihm aus den Göttertaten zustrahlt. So wächst er zusammen mit seinem All, zuletzt sich als Glied in demselben fühlend, wie etwa sein kleiner Finger sich als Glied des eigenen Organismus fühlen muß. Und so wird er die Weihnachtszeit seiner Seele herankommen sehen und wissen, daß sie im Leben dieser Seele dasselbe bedeutet, was einstmals in der Götterseele vorgegangen ist, als diese lernte die Tat zu vollbringen, die im Jahreslaufe auf Weihnachten fällt. Nicht bloß ein äußeres Zeichen und Sinnbild istv ihm dann das Weihnachtsfest, sondern ein Quell von Kraft, der wirklich in seine Seele einen Samen pflanzt für die Zukunft. Und so wird es auch für die anderen Jahresfeste.
Weil dieses Büchlein zu solchen Empfindungen führt, ist es ein wahrhaft okkultes Werkchen. Es spricht nicht nur so von den Festen, wie etwa ein Lehrbuch vom Magnetismus spricht, sondern es ist ein Führer, wie ein Mensch, der uns statt eines Lehrbuches einen wirklichen Magneten reicht, mit dem wir dann selbst arbeiten können. Die Schüler der Einweihung haben gelernt, die Jahresfeste so zu feiern, wie es in dieser Schrift angedeutet wird. Und deshalb haben ihnen diese Feste selbst so die okkulten Erkenntnisse gegeben, wie der Magnet das Eisen anzieht.
Von dem Zeitpunkt an, wo in dem Menschen die Fähigkeit erwacht, in die karmischen Ketten der eigenen Seele zu schauen, bis dahin, wo das höhere Selbst, der Christus, erwacht, der nun aus einem Kindlein ein Genosse göttlicher Wesenheiten geworden ist, beschreibt das Buch den Entwickelungsgang des Menschen. Denn es entspricht dem ersten Augenblick das Weihnachtsfest und was ihm vorangeht, und dem zweiten das Osterfest. Wer miterleben kann, was sich in dieser Zeit «am Himmel» abspielt, der kennt wichtigste okkulte Geheimnisse. Und wer die Empfindungen zu den gehörigen Zeiten richtig in sich erweckt, wie es das Büchelchen vorschreibt, der bereitet sich vor, solche Geheimnisse zu erleben. Man nehme dieses Schriftchen zu sich, lebe danach ein Jahr und ein zweites Jahr und so fort in dem Sinne, wie es die Anweisungen zur Erlangung höherer Erkenntnisse in den Geheimschulen angeben, so nimmt man schon astral und mental wahr, und es wird der Tag kommen, an dem man das auch mit vollem Bewußtsein tut.
Schön ist der Moment beschrieben, in dem die Seele beginnt, sich zum Schauen der karmischen Kette im Innern zu erheben, wie sie da einsam wird, verlassen von dem, was sie bisher als Wirklichkeit bezeichnet hat. Alle heiligen Schauer dieses das Menschenleben umwälzenden Augenblickes liegen in den Worten (Seite ı1): «Der Schüler, der jetzt die Halle des Lernens — ein den Sehern bekannter Ort — betritt, wird sie finster und verödet antreffen mit weitaufgerissenen Toren und vom Winde durchfest. An keiner Stelle ist Ruhe, nirgends ein Fleckchen Helle. Schwarzsind die Wände, und auch der Fluß, der frei vor uns und ungezügelt dahinschießt, ist schwarz und braust und schäumt wie toll. Wahrlich eine Szene zum Davonstürzen, und kein Schüler wird sie ein zweites Mal herausfordern wollen. Nur der Unwissende geht vor und steht ihr plötzlich gegenüber. Die Weiseren wissen von der Wüstnis, bleiben stille und wahren ihre Zuversicht trotz dem Alp, der sie bedrohen möchte; denn ob sie ruhig bei den Ihrigen weilen, ob sie bei ihren liebsten Freunden sind, das plötzliche Bewußtsein absoluten Alleinseins wird sich ihnen trotz allem auch inmitten der Gefährten aufs Herz legen, daß es stillsteht vor Bedrückung und Qual.»
Wer wahrhaftig zur okkulten Welt vordringen will, muß solche Dinge lebendig verstehen. Denn sie bezeichnen den Augenblick, in welchem der Mensch verzichten lernt auf alle Erkenntnis, die nur von außen gegeben wird und erkennen lernt, daß höhere Erkenntnis niemals von anderswo als aus dem «Innern» strömen kann. Da lernt er sich erheben über sogenannte «objektive» Beweise und findet den Quell der Wahrheit durch Opferung aller Illusionen. Im « Alleinsein» lernt er erkennen, daß niemand und nichts als nur er selbst diese Wahrheit auf den Opferaltar der Menschheit und des Alls legen kann. Die Sammler scheinbar «objektiver Beweise» für den Geist und auch die sogenannten Metapsychiker — die neueste Mode französischer Psychologie hat dies Wort gebildet, um damit vor dem Einsichtigen zu beweisen, daß sie noch ganz weit entfernt ist vom Verständnis des Okkultismus -: alle diese schließen vor sich die Türe zu den Geheimnissen fest zu, denn sie fordern für ihre Beweise gerade das, was derjenige überwinden muß, welcher in die höheren Geheimnisse eindringen will. Wer das Dasein der Geister so beweisen will, wie man die Gegenwart des Wasserstoffes beweist, der versteht sich selbst nicht; und wer etwas Mectapsychisches so sucht, wie man das Vorhandensein einer Säure sucht, der ist nicht auf dem Wege zum Geist, ganz gleichgültig, ob er gelehrten Sport mit den an sich wertvollen Beobachtungen Richets, oder eines beliebigen spiritistischen Dilettantenvereins betreibt.
Geradezu gewaltig und lebenswahr ist in dem Büchelchen das Zusammentreffen mit den anderen Eingeweihten und die Betrachtung der Welt von diesem Standorte aus geschildert: «Der Schüler ist zur Individualität geworden und ist anerkannt. Die Botschaft, die ihm dies verkündet, ist nur in seinem eigenen Herzen und in den Herzen derer vernehmbar, die, wie er, die Stimme der Stille zu hören vermögen. Zum äußeren Ohre dringt sie nicht. — Die Menge nichtsehender Seelen, die erst dunkel und halbbewußt den Wunsch hegen, ein Teil des göttlichen Körpers der Liebe zu werden, erscheint bei dem gewaltigen Vorgang im Drama der Weltenseele als eine verhüllte Schar. Es sind die Unfreien mit noch unentwickelten Fähigkeiten, die ihr Vertrauen blind auf einen ihnen angelehrten Gott setzen und auf ihre persönlichen Lehrer.»
Und nicht minder groß und lebenswirklich wird dargestellt, was das Erwachen der höheren Seele bedeutet: «Seit dem Tage der Geburt, nachdem sich der göttliche Teil des Menschen von den Chören der Engel losgetrennt hat, um sich gleich zu erachten mit seinen eigenen vergänglichen Fußspuren im Sande der Zeit, ist dieser Teil in der Dunkelheit geblieben; jetzt geht es der Wiedererlangung ewigen Lebens entgegen. So war es bei der Geburt von Buddha und von Christus; und so ist es auch bei der Geburt des Göttlichen in jedem Menschen, in dem sich dieses Wunder vollzieht.» Wer das lebendig versteht, der weiß okkulte Wahrheiten von höchstem Werte. Nicht in ganzen Bibliotheken, auch nicht in sogenannten theosophischen, sind oft Worte von solcher Tiefe zu finden.
Die Übersetzer des Büchelchens, dieselben, welche auch die in dem vorigen Aufsatz besprochene «Flita» ins Deutsche übertragen haben, werden vielen eine große Wohltat erwiesen haben, wenn diese beiden Bücher ein verständiges Publikum finden sollten. Man darf auch sagen, daß die Übersetzungen in schöne deutsche Sprache gegossen sind. Wir werden in Deutschland mit der theosophischen Bewegung weiter kommen und erreichen, was wir erreichen sollen, wenn sich mehrere finden, die Gesinnung und richtiges Erfassen dessen, worauf es ankommt, so verbinden wie diese Übersetzer.