74. «Der Pfad der Jüngerschaft»

Vier Vorträge von Annie Besant, gehalten am zwanzigsten Stiftungsfest der’Theosophischen Gesellschaft zu Adyar bei Madras, den 27. bis 30. Dezember 1895, autorisierte Übersetzung von Gräfin H. Scheler, Leipzig, Verlag von Max Altmann, 1905.

Mit großer Befriedigung kann man die Übersetzung dieser Vorträge in die deutsche Sprache begrüßen. Annie Besant hat in ihnen vor beinahe zehn Jahren die Stufen beschrieben, welche der Jünger des höheren Lebens und Wissens zu überschreiten hat. Allen denen, welche schon in dem Buche «Im Vorhof» von Annie Besant die großen Ausblicke in den Pfad des höheren Lebens zur Stärkung von Geist und Gemüt empfangen haben, muß auch diese Schrift eine willkommene Gabe sein. Sie behandelt diese Ausblicke in einer etwas anderen Art.

Vier große Bilder ziehen vor dem Geiste des Lesers vorbei: 1. Die ersten Schritte, 2. Die zur Jüngerschaft notwendigen Eigenschaften, 3. Das Leben des Jüngers, 4. Der Fortschritt des Menschen in der Zukunft.

In dem ersten dieser Bilder wird die Umwandlung geschildert, welche in der Denkungsart und Gesinnung desjenigen vorgehen muß, welcher den Jüngerpfad betreten will. Diese Umwandlung bezweckt, das Denken und Handeln des Menschen so zu gestalten, daß sein Leben fortan nicht mehr bloß das Ziel der Selbstbefriedigung hat, sondern daß es sich eingliedert in das große Ziel, welches der göttliche Weltplan verfolgt, und in dem der einzelne ein Mitarbeiter wird. Der Mensch erhebt sich da dazu, es nicht bloß einzusehen, sondern zu fühlen und zu erleben, daß alles, was er tut, nicht nur eine zeitliche, vergängliche, sondern eine ewige, unvergängliche Bedeutung hat. Gleich im Anfange des ersten Vortrags weist Annie Besant darauf hin, wie sie von dem Alltäglichen, in dem jeder Mensch auf die eine oder andere Art steht, die Blicke hinführen will zu diesem großen Ziele. «Ich möchte Ihnen zeigen, wie ein Mensch, der von Familien- und gesellschaftlichen Pflichten, von den mannigfaltigen Anforderungen des Weltlebens umgeben ist, sich dennoch für die Vereinigung vorbereiten und die ersten Schritte tun kann auf dem Wege, der zu dem «Einen» führt. Ich werde versuchen, Ihnen die Stufen dieses Pfades zu bezeichnen, damit Sie das Ziel, das zu erreichen ist, erkennen und den Weg, der begangen werden muß. — Ich fange bei dem Leben, wie so ziemlich jeder Mensch es führt, an und gehe von dem Standpunkte aus, auf dem wohl die meisten unter Ihnen jetzt stehen. Ich möchte Ihnen den Weg zeigen, der wohl vom Familienleben, vom Leben in der Gemeinde und dem Staate ausgeht, der aber in dem endet, was über alles Denken erhaben ist und den Wanderer zuletzt in die Heimat leitet, die ihm ewig zu eigen bleibt.»

Bedeutsam werden die Vorträge mit diesen Worten begonnen. Denn es muß betont werden, daß es keine Art des Lebens und Berufes geben kann, von denen aus der Mensch den Jüngerschaftspfad nicht betreten könnte. Nicht zum lebensfeindlichen Einsiedler, nicht zum lebensmüden Schwärmer wird der Mensch, wenn er den Pfad im echten Sinne des Wortes betritt. Und gar mancher unter uns wandelt diesen Pfad, ohne daß die Uneingeweihten etwas an seiner äußeren Lebensführung bemerken können, was ihn von seinen Mitmenschen unterschiede. Es wird ja oft gefragt, ob sich diese oder jene Lebensstellung, dieser oder jener Beruf mit einem höheren Leben vertrage. Darauf muß immer wieder und wieder geantwortet werden, daß die geheimwissenschaftlichen Mitteilungen zunächst die Fingerzeige geben, wie man den Pfad betritt und wandelt. Wie dann der einzelne sich einzurichten hat, um das für ihn Notwendige zu erreichen, das findet ganz gewiß ein jeder selbst im Laufe seiner Entwickelung heraus. Sollte es für ihn gerade nötig sein, in eine Lebenslage einzutreten, die von seiner bisherigen verschieden ist, so wird er auf Mittel und Wege dazu ganz wie von selbst im Laufe seines Pfades geführt werden.

Mit eindringlichen Worten spricht Annie Besant auch darüber. «Jedem Menschen sind die Grenzen seiner Pflichten durch die besonderen Umstände seiner Geburt gesetzt, die unter dem guten Gesetz der karmischen Leitung jedem Menschen seinen Wirkungskreis geben und den richtigen Boden, auf dem er lernen kann. Daher wird gesagt, daß jeder Mensch seine eigene Pflicht tun soll, seinen eigenen Dharma. Besser den eigenen Dharma, wenn auch unvollkommen tun, als versuchen, den höheren Dharma eines anderen zu erfüllen.» — Karma und Dharma sind ja zwei Begriffe, die sich gegenseitig ergänzen und bedingen. Das Karma des Menschen bestimmt sein Schicksal nach demjenigen, was er in seinen früheren Daseinsstufen getan hat. Der Dharma aber ist das Gesetz, nach dem er weiter, in die Zukunft hinein, nach seinen von ihm * in der Vergangenheit erworbenen Eigenschaften und Fähigkeiten leben soll. Und eines jeden Dharma ist durch sein Karma bestimmt. Er wird am weitesten kommen, er wird das für ihn Beste erreichen, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und derjenigen Pflichten hält, die ihm durch seine Lebenslage auferlegt sind. Es ist nicht richtig, sich ohne Rücksicht auf diese Lebenslage an Aufgaben zu hängen, die einem besonders reizvoll und wert erscheinen. Es sind das vielleicht Aufgaben, die nur derjenige lösen kann, der ein ganz anderes Karma hat. Annie Besant fährt deshalb fort, nachdem sie den oben angeführten Satz gesprochen hat: «Dasjenige, in welches Sie hineingeboren werden, ist das, was Ihnen nötig ist, ist das richtige Erziehungsmittel für Sie. Tun Sie Ihre eigene Pflicht, ohne Rücksicht auf die Folgen, dann werden Sie die Aufgabe des Lebens erlernen und anfangen, den Pfad des Yoga zu wandeln.»

Man muß bei den «ersten Schritten» zum Jüngerschaftspfad eben immer bedenken, welche große Macht gewisse Gedanken und Gefühle haben rein durch sich selbst. Die Gedanken, die sich auf die echte wahre Pflichterfüllung beziehen, die eine Richtung auf die ewige Bestimmung des Menschen, auf den göttlichen Weltplan haben: sie enthalten in sich die Kraft, den Menschen zu heben, zu verwandeln. Wie man einer Pflanze Wasser gibt, damit sie wachse, so solle man der Seele Ewigkeitsgedanken geben: und sie wird wachsen. Wie man die Pflanze nicht zum Wachsen bringt dadurch, daß man sie oben anpackt und zerrt, so kann man auch durch kein körstliches Mittel die Seele zum Wachsen bringen. Man muß sie vielmehr in Geduld und Ausdauer mit den Ewigkeitsgedanken erfüllen: und das Wachstum tritt gewiß ein. Nichts, was an großen Idealen, an göttlichen Wahrheiten durch die Seele zieht, bleibt von dieser ungenutzt.

Eben das Unabhängigwerden des inneren Seelenlebens vom äußeren Berufs- und Weltleben, und doch wieder die Harmonie und Verträglichkeit beider schildert Annie Besant schön: «Sie sind Menschen, leben in der Welt und sind durch weltliche Bande gebunden, sind Menschen, die ein geselliges und politisches Leben führen. Doch im Innern Ihres Herzes sehnen Sie sich nach wahrer Yoga, nach dem Wissen, das bleibend ist und nicht nur diesem vergänglichen Leben angehört. Im Herzen eines jeden unter Ihnen, wenn Sie bis auf den Grund gehen, finden Sie die Sehnsucht, mehr zu wissen, das Verlangen edler zu leben als Sie es jetzt tun. Äußerlich mag es den Anschein haben, als ob Sie die Dinge der Welt liebten, und mit Ihrer niederen Natur tun Sie es auch. Aber im Herzen eines jeden echten Hindu, der nicht ganz abtrünnig ist und seine Religion und Heimat verleugnet, ist noch eine innere Sehnsucht nach etwas mehr als den Dingen der Erde, noch ein schwaches Verlangen, wenn auch nur ein Überrest vergangener Überlieferungen, daß Indien edler sein möchte, als es heute ist, und sein Volk seiner Vergangenheit würdiger.»

Der letzte Satz weist zugleich auf etwas hin, was hier bei Besprechung dieses Buches nicht unausgesprochen bleiben darf. Annie Besants Vorträge sind für das indische Volk gesprochen. Sie geben den Pfad der Jüngerschaft für dieses Volk an. Nun ist zwar die Wahrheit eine Einige, und der höchste Gipfel der Erkenntnis und des Lebens ist auch für alle Zeiten und alle Völker ein Einiger. Dennoch darf man nicht glauben, daß der Pfad der Jüngerschaft seiner Form nach ganz derselbe sein kann für den Menschen des gegenwärtigen Europa wie für den Inder. Das Wesen bleibt dasselbe; die Formen ändern sich auch auf diesem Gebiete. Deshalb muß es nur naturgemäß gefunden werden, daß in den Artikeln dieser Zeitschrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» manches anders gesagt ist, als man es in den für das indische Volk gehaltenen Vorträgen Annie Besants angegeben findet. Der Weg, der in dieser Zeitschrift geschildert wird, ist derjenige, welcher in Anpassung an das Leben im Abendlande, an die Entwickelungsstufe des europäischen Menschen, als der richtige sich herausgebildet hat in den Geheimschulen Europas seit dem vierzehnten Jahrhunderte. Und der Europäer kann nur Erfolg haben, wenn er diesen ihm durch seine eigenen Geheimlehrer vorgezeichneten Weg wandelt. Er kann den Weg des Indiertums gar nicht kopieren. Denn die Indier sind die Nachkommen eines ganz anderen Volksstammes als die europäischen Menschen. Ihre körperliche und seelische Eigentümlichkeit ist eine andere. In der Welt ist eben alles in der Entwickelung. Und es muß auch die Geheimschulung diesen Weg der Entwickelung gehen. Nur das Zerrbild eines Schülers könnte es geben, wenn eine europäische Seele dieselben Yogawege wandeln wollte, die einstmals das von den heiligen Rischis geleitete indische Volk wandelte. Dieses selbst aber muß sich auf seine eigenen Wege wieder besinnen, wenn es vorwärts kommen will. - Das eben will ja gerade die theosophische Weltbewegung erreichen, daß ein jegliches Volk, ein jeglicher Teil der Menschheit die Wahrheit suche auf seinen Wegen. Wir wären recht schlechte Theosophen, wenn wir die indischen Lehren so ohne weiteres der ganz anders gearteten europäischen Menschheit aufpfropfen wollten. Das darf nicht in bezug auf die äußeren Lehren und auch nicht in bezug auf die Geheimschulung zur Jüngerschaft geschehen.

Damit ist nicht gesagt, daß es unnütz für die Europäer wäre, dasjenige kennenzulernen, was für Indien das Angemessene ist. Die Stufe, auf welcher der Europäer steht, ist gerade diejenige, die ihm notwendig macht, alles verstandesmäßig kennenzulernen. Der Verstand muß, um vorwärts zu kommen, vergleichen und das Eigene an dem Fernerliegenden messen. Er muß hinhorchen auf das, was den Menschenbrüdern im fernen Osten zu ihrem Heile gesagt wird. Deshalb, nicht weil in Europa dasselbe gemacht werden könnte, hat man solche Bücher wie das vorliegende mit Befriedigung zu begrüßen. — Aber es ist auch notwendig zu wissen, daß in Europa Wissende und Geheimforscher seit Jahrhunderten bemüht sind, denjenigen die rechten Wege zur heutigen Jüngerschaft zu weisen, die hinhören können und vor allem hinhören wollen auf sie. - Die Zeichen der Zeit sprechen es deutlich aus, daß auch in Europa die Zahl derjenigen immer gröBer werden wird, welche sich «im Herzen sehnen nach wahrer Yoga». Denn auch für die europäischen Völker gilt, was Annie Besant so treffend gegen den Schluß des ersten Vortrags ausspricht: «Es gibt keine große Nation ohne große Individualitäten, kein mächtiges Volk, wenn die einzelnen niedrig, arm und selbstsüchtig in ihrem Leben sind.»

Das Bild des zweiten Vortrages gibt die Gesetze der «Beherrschung des Denkens», der Meditation und der Ausbildung des Charakters, welche der Jünger auf dem Pfade beobachten muß. In Regeln läßt da Annie Besant den Menschen hineinblicken, die seit Jahrtausenden von den Jüngern des Pfades befolgt werden und erprobt sind. Man wird oft vielleicht bei den Anforderungen, die da gestellt werden, zurückschrecken und sagen: « Ja, wer kann das alles erfüllen!» Doch ist ein solches Zurückschrecken durchaus nicht berechtigt. Es beruht doch darauf, daß man die im Betracht kommenden Dinge viel zu äußerlich nimmt, als sie genommen sein wollen. Nicht im Tumult, nicht im Sturme läßt sich die höhere Welt erobern, sondern in Geduld und Ausdauer. Viele werden zum Beispiel finden, daß der Regeln so viele sind, und daß die Zeit schier eine unermeßliche ist, die man dazu braucht, um alles durchzuführen. Da ist nur zu sagen: man beginne an einem Ende und man wird bald finden, daß die Sache zwar viele andere Schwierigkeiten hat, aber diejenigen gerade fast gar nicht, die man sich erst vorgestellt hat. Man wird sich nämlich nach und nach Übung im rechten Gebrauch der Anleitungen erwerben, man wird sich allmählich über den rechten Sinn dieser oder jener Mitteilung klarwerden, und dann von selbst zu einem ganz anderen Urteile kommen, als man es vorher gehabt hat. Gerade mit Bezug darauf findet sich in diesen Vorträgen Annie Besants eine sehr beherzigenswerte Stelle (Seite 100): «Es ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, wie viele Leben zwischen dem ersten Schritt und der letzten Befreiung, dem Erlangen von Jivanmukti, vergehen. Ich erinnere mich, daß Svâmi T.Subba Row, als er mit einigen Freunden hier über die für gewöhnlich angenommene Idee sprach, daß sieben Leben auf dieser Stufe der Chelâschaft vergehen müssen, die vollkommen und wahre und bedeutungsvolle Bemerkung machte: ‹Es können sieben Leben sein oder siebzig, sieben Tage oder sieben Stunden», das heißt, daß das Leben der Seele nicht nach irdischem Zeitmaß gerechnet wird. Es kommt auf ihre Energie, ihre Kraft, ihren Willen, das Ziel zu erreichen, an. «Es kann ein Mensch seine Zeit verschwenden, oder sie zum Vorteil ausnutzen; danach allein wird sich der Fortschritt richten, den er macht.›»

Immer und immer wieder darf man auf ein Wort Goethes hinweisen, wenn vom Jüngerschaftspfade die Rede ist, «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer». Hindernisse gibt es nur solche, die sich der Mensch selbst in den Weg legt. Zumeist stammen diese Hindernisse aus seinen Vorurteilen, oder davon, daß es ihm doch nicht ganz ernst mit solchen Dingen wie zum Beispiel der Gedankenbeherrschung oder der Meditation ist. Man glaubt eben einfach gewöhnlich nicht, daß die still im Innersten der Seele geübte Gedankenbeherrschung und Meditation den großen Erfolg hat, in die geistige Welt hineinzuführen. Man erwartet diesen Erfolg von viel «greifbareren», vieltumultuarischeren Dingen. Oder man fordert, daß die Gegenstände und Wesen der höheren Welten die gewohnten Formen der Sinnenwelt haben und hält die Gestalten, in denen sie wirklich auftreten, für nicht viel mehr als ein Nichts, oder eine Einbildung. Aber man lernt durch die «zur Jüngerschaft notwendigen Eigenschaften» erst, wie die höheren Welten eigentlich aussehen. Man muß erst reif werden, etwas ganz anderes, und dieses auch ganz anders zu sehen, als man von der sinnlichen Alltäglichkeit her gewohnt ist.

Einen großen Gesichtskreis eröffnet das dritte Bild «Das Leben des Jüngers». Hier werden der Probepfad und die vier Initiationen beschrieben. Es wird gezeigt, wie der Mensch hinaufgeführt wird über die Stufe, auf der er sich befreit von der Anschauungsweise, der er bisher gehuldigt hat, auf welcher er vollständig die Fesseln des Zweifels, des Aberglaubens und des engen Persönlichkeitsbewußtseins abstreift. Dann wird auf die zweite Stufe gedeutet, auf welcher das innere Licht, Kundalini, zu erstrahlen beginnt, das als geistige Sonne die Dinge der höheren Welt so beleuchtet, wie die äußere Sonne die Gegenstände und Wesen der sinnlichen Welt. Weiter folgt die dritte Stufe, auf welcher das «wahre Ich», das die Welt umfassende Selbstbewußtsein erwacht, dem es möglich ist, die Schlüssel zum wahren Wissen zu erhalten. Und endlich geht vor dem Gedanken die Morgenröte des Arhat auf.

Das letzte Bild zeigt den «Fortschritt des Menschen in der Zukunft». Alle höhere Entwickelung des einzelnen ist ja nur ein Vorauseilen auf dem Wege, den die ganze Menschheit später durchlaufen muß, allerdings unter den Bedingungen der irdischen Zukunft, die ganz andere sein werden als diejenigen der Gegenwart. Aber nur dadurch kann die ganze Menschheit dieser Zukunft zueilen, daß einzelne den Weg voraus machen, aus sich selbst sich erheben, damit, als den Lehrern und Führern, ihnen die anderen folgen. Statt einer kurzen Beschreibung des bedeutungsvollen letzten Kapitels, welches für jeden wahrhaft Denkenden wirkliche praktische Bedeutung hat, sei hier zum Schlusse dieser Besprechung nur einiges herausgehoben. Es wird zum Beispiel von der menschlichen Zukunft gesagt: «In der ganzen Sphäre des Wissens werden die Methoden sich ändern. Der Arzt wird nicht mehr durch äußere Symptome Schlüsse über eine Krankheit ziehen müssen, sondern wird die Ursache derselben sehen und darnach eine Diagnose stellen können ... Bisher wurde dem Arzt durch die Dichtigkeit des physischen Körpers der Einblick verwehrt, jetzt aber benutzt er schon den Hellsehenden, dessen Schauen den physischen Stoff durchdringt, der die Krankheit sieht und genau erkennen kann, was irgendeinem Organ des Körpers fehlt ... Stellen Sie sich vor, welchen Aufschwung die ganze medizinische Wissenschaft nehmen würde, wenn der Arzt hellsehend wäre, und wenn das, was jetzt nur wenige besitzen, sich allgemein verbreitete, so daß die Ärzte mit Bestimmtheit ihre Diagnose stellen und die Wirkung jedes Heilmittels mit der Sicherheit, welche durch das Sehen eintritt, verfolgen könnten ...»

«Ebenso ist es mit der Chemie. Wieviel mehr könnte der Chemiker leisten, als es ihm jetzt möglich ist, wenn seine Augen offen wären und fähig, die verschiedenen Vorgänge bei den Verbindungen seiner Substanzen zu verfolgen, wenn er die Wirkungen seiner Zusammensetzungen sehen könnte, anstatt sie erraten und auf das Resultat seines Experimentes warten zu müssen, ehe er Gewißheit hat, was das Ergebnis ist. Wie viele Unfälle könnten da vermieden werden und in wie hohem Maße könnte dieses Erkennen den Fortschritt der Wissenschaft beschleunigen.»

«In der Seelenkunde ist es nicht anders. Sie werden sofort einsehen, was das für die Menschheit bedeutet, bloß vom Standpunkte dieser niederen Welt aus betrachtet, wenn die Menschen miteinander durch Gedanken in Verbindung treten können, anstatt sich schwerfälliger Mechanismen wie der Schrift oder des Druckes bedienen zu müssen, wenn der Gedanke von Hirn zu Hirn eilt und sich ohne die komplizierten Vorgänge, deren wir heute bedürfen, mitteilt.»

So schließen Annie Besants Vorträge mit einem gewaltigen Ausblick in die Zukunft der Menschheit.

Die Deutschen, welche für diese Dinge Sinn und Verständnis haben, werden der Gräfin H. Scheler für die Übersetzung dankbar sein müssen.

German original of “The Path of Discipleship” · ← Previous · Next →