Lectures on Christian Religious Work II
GA 343 — 4 October 1921, Dornach
Siebzehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Es ist ganz natürlich, daß da, wo von ganz verschiedenen Ausgangspunkten ausgehende Persönlichkeiten zusammen sind, sich Schwierigkeiten des Verständnisses ergeben, und insbesondere über die wichtigsten Punkte müßten sich ja solche Schwierigkeiten ergeben. Ich kann immer nur versuchen, dadurch, daß ich langsam zu den Dingen hinleite, diese Schwierigkeiten nach und nach zu überwinden. Mit ganz gewöhnlicher Fragestellung und -beantwortung ist eigentlich auf die Dauer in diesen Dingen nichts getan, und so scheint es mir notwendig, auch mit Rücksicht auf die Fragen, die aufgeworfen worden sind, daß ich noch ein wenig fortfahre in der Betrachtungsart, die ich gestern nachmittag hier vor Ihnen angestellt habe, und die nunmehr an dem Punkt, wo wir stehen, notwendig macht, daß wir uns etwas einlassen auf das Erlösungswerk als solches. Das war ja auch eine der Fragen, die gestellt worden sind in der Form, daß gefragt worden ist: Welches ist der Unterschied zwischen der lutherischen Erlösungsidee und derjenigen, die sich etwa aus dem anthroposophischen Betrachten ergibt?
So einfach kann diese Frage eigentlich nicht gestellt werden, namentlich kann sie so einfach nicht beantwortet werden, sondern man muß sie schon aus den Untergründen charakterisieren. Es ist namentlich notwendig, daß man sich klar darüber ist, daß gerade in dem Auffassen des Erlösungswerkes ein ganz prinzipieller Unterschied liegt zwischen der katholischen Kirche und der evangelischprotestantischen Kirche, daß aber auch außer diesen beiden großen Kategorien durchaus noch viele andere Nuancen der Auffassung dieser Sache in Betracht kommen. Ich muß darum auf das Erlösungswerk als solches eingehen, und wir werden dann sehen, wie sich die Auffassung zunächst nuanciert im Katholizismus und in der protestantisch-evangelischen Kirche.
Nun, wir haben ja zunächst das Erlösungswerk so, daß es uns entgegentritt in der Tat des Mysteriums von Golgatha. Diese Tat des Mysteriums von Golgatha, als eine objektive geschichtliche Tatsache aufgefaßt und hingestellt, ist dasjenige, was zunächst in Form der Frage zusammengebracht werden muß mit dem, was dieses Erlösungswerk ist in bezug auf den Menschen; sagen wir: Inwiefern ist die Tat von Golgatha ein Erlösungswerk für den Menschen, wovon ist sie Erlösung und so weiter? — Aber diese Frage kann eigentlich für das heutige Zeitbewußtsein gar nicht mehr anders beantwortet werden, als indem man auch den subjektiven Faktor in Betracht zieht, wie das Erlösungswerk nun erlebt wird in der einzelnen christlichen Persönlichkeit. Diejenigen, die dem anthroposophischen Leben etwas äußerlich gegenüberstehen, und die namentlich vieles, was Inhalt der Anthroposophie ist, verwechseln mit dem, was ihnen in den verschiedenen theosophischen Anschauungen der Gegenwart entgegentritt, die prägen sehr leicht, ich möchte sagen, sehr leichtsinnig sogar, den Gegensatz aus: Die christliche Erlösungslehre sei die Erlösung durch den Christus Jesus, könne also eigentlich nur in der Beziehung des Menschen zum Christus Jesus gesucht werden, während die [theosophische] Erlösungslehre eigentlich eine Selbsterlösung voraussetze, weil der Mensch in den aufeinanderfolgenden Erdenleben dahin käme, alle mit seinem Karma in Zusammenhang stehenden Taten so zu vollführen, daß er aus einem sündigen Dasein [sich selbst] in das sündenlose Dasein hineinführe; es liege also eine Selbsterlösung vor.
Erlösung oder Selbsterlösung, das ist das aut-aut, das eben auftritt. Man glaubt, man könne die Anthroposophie einfach als unchristlich bezeichnen, weil man meint, sie müsse von einer Selbsterlösung des Menschen sprechen. Nun, die Sache liegt nicht so. Dieses aut-aut ist eigentlich für die Anthroposophie gar nicht so, wie man es annimmt, vorhanden. Wenn wir hinschauen auf das Erlösungswerk auf Golgatha, auf das Mysterium von Golgatha, sehen wir es zunächst in zwei Gegensätzen vor das heutige Bewußtsein der Menschheit tretend. Erstlich haben wir es in der katholischen Kirche, man kann sagen, in einer doch ziemlich ausgeprägten Anschauung vorhanden. Und damit wir dann zu der lutherischen Erlösungslehre gehen können, wollen wir diese jetzt nicht dazu in Gegensatz stellen, denn wir würden uns dadurch die Anschauung trüben. Die lutherische Erlösungslehre ist nicht ganz in vollem Gegensatz zur katholischen Kirche. Wohl aber ist in einem wirklichen Gegensatz, wenigstens zu der römisch-katholischen Praxis auf diesem Gebiete, die Lehre von der subjektiven und auch nur ganz subjekuv erlebten Gemeinschaft mit dem Christus Jesus in der «unio mystica», wie man das in den verschiedenen Schattierungen nennen kann, wo alles dasjenige, was mit der Erlösung zusammengebracht wird, wenn man es konsequent vorstellen will, doch ein subjektives menschliches Erlebnis darstellt. Immerhin, man kann dann zu dem Christus, was immer für einen Begriff oder welche Metaphysik man will, hinzufügen; das Wesentliche, worauf es dann bei dem Erlösungswerk ankommt, ist das, was der Mensch zu seiner Erlösung tun kann durch das subjektive Erleben des Christus in seinem Inneren. Das sind die eigentlichen Gegensätze. Es sind Gegensätze aus dem Grund, weil eben in der Tat die katholische Kirche, wenn sie in sich konsequent sein will, und sie ist das in vieler Beziehung, auf der einen Seite sehen muß das Ereignis von Golgatha, die Erlösung — wir wollen auf den Begriff dann weiter eingehen -, vollzogen durch den Christus Jesus selbst, und [auf der anderen Seite, wie in fortdauernder Deszendenz dann das Erlösungswerk immer wiederholt [wird im Meßopfer]. So daß wir also zunächst hinblicken zu demjenigen, was auf Golgatha geschehen ist, dann aber von jedem Priester das Meßopfer vollzogen sehen, in dem sich ja das auf Golgatha vollbrachte Opfer jederzeit in der Wirklichkeit wiederholt. Das, was also nach dieser Auffassung in jedem Meßopfer geschieht, das ist die absolute Wiederholung dessen, was auf Golgatha geschehen ist in ganz direkter Deszendenz von dem auf Golgatha Geschehenen. Und die Priesterweihen, das heißt alles das, was durch die Priesterweihen geflossen ist durch die Zeiten hindurch, das ist gewissermaßen das geistige Blut, das das Meßopfer zu dem macht, was durch den ersten geistigen Ahnen auf Golgatha sich vollzogen hat. Das Mysterium des Meßopfers — und es ist ja ein Mysterium — besteht nicht nur darin, daß irgend etwas Übersinnliches sich in den sinnlichen Formen vollzieht, sondern das Mysterium des Meßopfers besteht nach katholischer Auffassung im wesentlichen darin, daß sich fortwährend auf eine mystische Art, oder vielleicht sogar magische Art, dasjenige vollzieht, was auf Golgatha geschehen ist, so daß also das wirkliche Leben, das wirkliche Sterben tatsächlich in jedem Meßopfer vorhanden ist. Darin besteht ja eigentlich das Urmysterium, mit dem wir es da zu tun haben, und wir brauchen nicht zu glauben, da ganz allein von dem auszugehen, was innerhalb katholischer Dogmatik vorhanden ist, sondern wir können sogar auf etwas anderes sehen, meine lieben Freunde, wenn wir uns das, worauf es ankommt, vor Augen stellen.
Nehmen Sie die zahlreichen, auch durchaus intelligenten Persönlichkeiten — und in der Gegenwart mehren sie sich ja mit jedem Tag - [, die aus der evangelisch-protestantischen zur katholischen Kirche übertreten.] Sie können sicher sein, wenn nicht zur rechten Zeit etwas Wirkliches geschieht, so wird in Zukunft ein großer Zuzug aus evangelisch-protestantischen Gebieten heraus zur katholischen Kirche stattfinden. Es zeigt sich immer mehr und mehr, daß dasjenige, was in gewisser Beziehung aus der heute noch bestehenden evangelisch-protestantischen Kirche zu einer Art Nullität führt, wie sie ja gestern abend so vortrefflich charakterisiert worden ist, von vielen etwas tieferen Menschen gerade heute gefühlt wird, und das führt sie in den Schoß der katholischen Kirche zurück. Es ist durchaus so, daß wir das, wenn wir darauf achtgeben, heute zahlreich erleben können, und wenn nicht etwas Richtiges geschieht, werden wir es, wie gesagt, sehr, sehr stark erleben. Das Diskutieren, meine lieben Freunde, über diese Dinge ist etwas, was in der nächsten Zukunft den Leuten schon sehr teuer zu stehen kommen könnte, das immer nur Diskutieren-Wollen und Nicht-Bedenken, daß unter diesem Diskutieren eben die Majorität gerade in Form der intelligentesten Persönlichkeiten entschwindet. Wir brauchen, um ein Beispiel herauszuheben, nur hinzuschauen auf eine solche Persönlichkeit wie Friedrich Schlegel, den deutschen Romantiker, der zur katholischen Kirche zurückgekehrt ist. Wenn wir uns eine Anschauung verschaffen, was eigentlich solch eine Persönlichkeit wie Friedrich Schlegel in den Schoß der katholischen Kirche zurückgeführt hat, so müssen wir uns die Antwort geben aus einer Gesamtanschauung seiner Person. Was eine solche Persönlichkeit in den Schoß der katholischen Kirche zurückgeführt hat, ist im Grunde das Mysterium des Meßopfers gewesen; wenigstens habe ich mir niemals aus dem, was ich von Friedrich Schlegel weiß, eine andere Anschauung bilden können als diese, daß es das Mysterium des Meßopfers gewesen ist. Er ist ja in einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens darauf gekommen: Alles das, was in theoretischer Weise mir gegeben worden ist, solange ich der evangelisch-protestantischen Gemeinschaft angehört habe, alles das ist eigentlich ein Außenwerk, das ist etwas, was mich in keine Realität hineinstellt; in dem Augenblick, wo ich verstanden habe - so sagte er sich —, wie tatsächlich im Meßopfer sich ein Mysterium vollzieht, wodurch das Mysterium von Golgatha in jedem Augenblick wiederum da sein kann in seiner Realität, da wußte ich, wie ich religiös in eine Realität hineingestellt werden kann. — Das ist ungefähr die Empfindung, die wir uns von Friedrich Schlegels Bekehrung, wenn man es so nennen will, zum Katholizismus vorstellen können.
Nun, da haben wir es also damit zu tun, daß der Weg von dem Mysterium von Golgatha zu den einzelnen Gläubigen durch den Priester so vermittelt wird, daß dasjenige, was auf Golgatha geschehen ist, von dem geweihten Priester durch das Sakrament auf den einzelnen Gläubigen übertragen wird. Der Vorgang als solcher ist also einer, der sich durchaus außerhalb der Subjektivität abspielt. Und wir müssen dann innerhalb des Katholizismus zu einem ganz neuen Gebiet übergehen, möchte ich sagen, wenn wir nun das subjektive Korrelat finden wollen zu dem, was sich als etwas ganz Objektives vollzieht, was sich vollzieht als etwas, das in der Außenwelt vorgeht. Es handelt sich in der katholischen Kirche um das eine nur, daß einfach durch den Bestand dieser Kirche ein in der Zeit sich auslebender Prozeß geschaffen worden ist, der den einzelnen Katholiken, mag er nun in welchem Zeitalter immer leben, durch die Kontinuität der Kirche hinaufverknüpft mit dem Mysterium von Golgatha. Wir haben also zunächst den eigentlichen Prozeß, auf den wir hinzuschauen haben, in dem zu sehen, was in der Zeit, nämlich von dem Mysterium von Golgatha an bis zu dem Zeitpunkt, wo irgend jemand das Sakrament empfängt, innerhalb des Erdendaseins sich zeitlich vollzogen hat. Wir haben also in diesem Prozeß ein Wesentliches zu sehen, etwas, was die göttliche Regierung der Welt braucht, um die Erdenentwickelung zu ihrem Ziele zu führen. Das muß dann streng getrennt werden von dem Weiteren, was innerhalb der katholischen Kirche geschieht. Das Weitere ist, durch Belehrung und anderes, das innerhalb der katholischen Kirche erlaubt ist, den einzelnen Menschen heranzubilden, es dazu zu bringen, daß er nun zu einem inneren, und zwar zu einem vollen inneren Verständnis desjenigen kommt, was da als Katholik eigentlich mit ihm geschieht. Er muß also angeleitet werden, ergriffen zu werden von demjenigen, was aber in voller Objektivität mit ihm geschieht. Ich weiß sehr gut, daß dies etwas radikal ausgedrückt erscheint, aber es ist durchaus notwendig, das nicht so auszudrücken, wie manche es ausdrücken wollen, die glauben, den Katholizismus vor der Welt entschuldigen zu müssen, sondern so, wie es ausgedrückt wird von denjenigen, die eigentlich die kirchlichen Autoritäten auch sind. Es handelt sich auch darum, daß der einzelne bei der Werk-Heiligung, bei der Heiligung jedes Werkes, zum Verständnis, zum tätigen Verständnis des Zusammenhanges desjenigen gebracht wird, was von dem Mysterium von Golgatha ausströmend durch die Gnadenmittel des Sakramentes in dem einzelnen, in seiner Zeit und an seinem Orte bewirkt wird. Es kann dann von dem einzelnen höchstens als Sünde aufgefaßt werden, wenn er unwürdig das Sakrament empfängt; er kann damit eine Sünde begehen, aber er kann nicht den objektiven Geschehensinhalt, den objektiven Geschehensprozeß verhindern. Ich kann also zum Beispiel nach katholischer Auffassung ein Sakrament unwürdig empfangen und dadurch eine schwere Sünde auf mich laden, aber ich kann dadurch nicht den Prozeß verhindern, welcher sich vollzieht in aller Objektivität. Ich kann auch als katholischer Priester schwere Sünde auf mich laden, wenn ich als ein unwürdiger Priester das Sakrament vollziehe, aber ich kann unmöglich die Wirkung des Sakramentes verhindern. Wenn ich zunächst sagen mußte, daß nur in einzelnen Fällen dasjenige, was, wie ich glaube, als ein Anzeichen für ein objektives Geschehen dastehen kann, daß die Aura nach der Transsubstantiation um die transsubstantiierte Hostie herum [zu sehen war], so kann das höchstens so aufgefaßt werden, daß derjenige, der heute über diese Dinge durch übersinnliches Schauen sich unterrichtet, gerade aus solchen Erscheinungen, aus solchen Beobachtungen heraus die Einsicht gewinnen kann: Es ist nicht so, wie die katholische Kirche es vorstellt. Aber wir wollen uns zunächst doch genau eine Vorstellung machen, wie es die katholische Kirche vorstellt.
Nun, was ich in diesem Sinne gesagt habe, daß man gewissermaßen nachschauen geht, ob das wahr ist, was die katholische Kirche’ denkt, das würde die katholische Kirche als eine furchtbare Sünde anschauen, sie würde das als ein Teufelswerk ansehen. Katholische Auslegung wäre es, zu sagen: Wenn da einer sich hinstellt und nachsieht, ob bei dem einen Priester die Hostie eine Aura bekommt und bei dem anderen nicht, so ist er vom Teufel besessen, der ihm eine irrige Anschauung einflüstern will über dasjenige, was im Katholizismus eigentlich zu Recht besteht. Also das, was ich eben gesagt habe, ist im Sinne der katholischen Kirche nichts anderes als eine Täuschung, die ausgeht von dem Feind des Christus Jesus. So muß es die Kirche auffassen, und anders kann sie es nicht auffassen, wenn sie im Sinne ihrer Auffassung stehenbleibt und wenn sie eben nicht vor der Welt etwas entschuldigen will. Die Auffassungen, die man da haben muß, sind schon ganz streng gefaßt. Die katholische Kirche macht das dadurch möglich, daß sie den Romanismus in ihre Begriffswelt aufgenommen hat, der so etwas kann; der macht es möglich, gerade für diese Dinge sehr scharfe Begriffskonturen zu finden. Noch viel schärfer nehmen sich ja tatsächlich diese Dinge aus, wenn man sie in einer romanischen Sprache vorbringt. Bringt man sie in einer romanischen Sprache vor, zum Beispiel in der lateinischen Sprache, so ist es so, daß diese Begriffskonturen außerordentlich scharf hervorgebracht werden können, auch in romanischen Sprachen von heute, nur allerdings kann uns, wie im heutigen Französischen, der Begriff verduften, und er fließt aus in die bloße Worthülse. Aber auch die bloße Worthülse kann uns durchaus etwas scharf Umgrenztes darstellen, so daß man sagen muß: Auf den Gebieten, wo Priester mit richtigen Auffassungen herangezogen werden, da werden sie schon zu einer sehr, sehr scharfen Begriffsbestimmung herangezogen, und zwar so, daß diese Sehnsucht, seine Begriffe fest zu fassen, eigentlich dann das ganze Leben ausdörrt. Ich habe selbst gesehen, welche Schwierigkeiten sich manche katholische Priester machen, die das Meßopfer täglich zelebrieren, um dahinterzukommen. Sie gehen da gewöhnlich von einer sorgfältigen aristotelischen Begriffsbestimmung aus, um dahinterzukommen, wie eigentlich die materielle Substanz des Brotes und des Weines in den wirklichen Leib und in das wirkliche Blut des Christus Jesus verwandelt werden kann, aber daran, daß es so ist, kann natürlich ein wirklich durchgebildeter katholischer Priester nicht den geringsten Zweifel haben. Er kann nur immer danach streben, Begriffe zu bekommen, die ihm das auch in einer gewissen Weise erklären können; das ist ihm natürlich zu erforschen erlaubt, aber er darf nur nicht zweifeln an dem Dogmeninhalt. Die Zielsetzung der Wissenschaft ist für den Katholiken etwas durchaus Festgelegtes, aber innerhalb dessen, was zwischen den menschlichen Fähigkeiten und der Zielsetzung liegt, ist der Katholik absolut frei. Deshalb beruft sich auch die katholische Wissenschaft auf ihre Freiheit immer und erkennt dann von gewissen Gesichtspunkten aus, daß eben die Zielsetzung nicht eigentlich ein Widerspruch sei gegenüber der Freiheit der Wissenschaft, denn diese Zielsetzung sei ja sonst auch vorhanden. Darauf kommt man immer wieder zurück. Es ist zum Beispiel absolut klar, sagen wir, wenn wir in der einen Eprouvette Wasserstoff und in der anderen Eprouvette Sauerstoff haben, daß durch einen gewissen Vorgang die beiden sich vereinigen zu Wasser, und es ist nur unsere Aufgabe, diese unweigerlich feststehende Tatsache mit unseren Begriffen zu durchdringen. So verhält es sich auch mit den Offenbarungswahrheiten; sie sind auch da, und sie müssen ebenfalls einfach mit den Begriffen durchdrungen werden. Die Wissenschaft, so meinen die katholischen Gelehrten, ist nicht freier auf naturwissenschaftlichem Gebiet als auf dem Offenbarungsgebiet, das eine Mal gibt die Natur die Zielsetzung, das andere Mal der Inhalt der Offenbarung. Und wenn man dazunimmt, daß der gläubige Katholik zur Offenbarung in keinem anderen Verhältnis steht als zur Natur, daß es ihm im Grunde gleich ist, ob ihm etwas geoffenbart wird durch das, was als Offenbarung auftritt, sagen wir, das Golgatha-Mysterium und so weiter, oder ob ihm auf der anderen Seite Dinge durch seinen Verstand geoffenbart werden, so sind diese beiden Offenbarungen für ihn einfach dasselbe, und die Wissenschaft ist für das eine und für das andere vollständig frei. Wenn man sie in dem einen Fall frei nennt, muß man sie auch in dem anderen Fall frei nennen.
Man muß sich klar sein darüber, daß die Differenz viel tiefer liegt als auf dem Gebiet, worüber heute vielfach diskutiert wird, weil man sich eben die Diskussion ziemlich leicht macht. So töricht, wie man zum Beispiel unter den Materialisten oftmals geglaubt hat, diese Dinge abtun zu können — indem man mit großem Hochmut diskutiert hat —, so töricht liegen die Dinge nicht; das muß immer wieder und wiederum bemerkt werden. Wenn man ganz vorurteilslos eingeht zum Beispiel auf die Argumentationen von David Friedrich Strauß, die Nietzsche auch in bezug auf anderes sehr gut charakterisiert hat in seinem Büchlein «David Friedrich Strauß, der Philister und der Schriftsteller», und wenn man auf der anderen Seite auch auf dasjenige eingeht, was mit allen möglichen alten guten Traditionen innerhalb der katholischen Kirche auftritt, so muß man bei unbefangenem Urteil finden, wie das bei David Friedrich Strauß Auftretende durchaus unter dem Niveau dessen steht, auf dem sich die katholische Diskussion als solche bewegt.
Diese Dinge haben, wenn man sie ausspricht, nur einen Sinn, wenn man sie in einem gewissen Zusammenhang sagt. Was ich da charakterisieren mußte als das eigentliche Katholische, dem steht auf der anderen Seite natürlich dasjenige gegenüber, was «Mystik» ist, so wie man das Wort oftmals gebraucht, jene Mystik, die eigentlich klar zu innerlichem Erleben zurückführt, die auch die Gemeinschaft mit dem Christus als Innenerlebnis auffaßt. Da hat man es eigentlich zu tun mit dem einzelnen Menschenindividuum, das einfach durch seine besondere Wesung und Artung diese «unio mystica» haben kann, hinter der das, was im Sakrament vor sich geht — was ja die Hauptsache ist im katholischen Sinn —, im Grunde genommen zu einem Außenwerk herabsinkt, ja für viele Mystiker ganz verschwindet. Es verschwindet eigentlich vollständig aller Zusammenhang mit der objektiv zu Golgatha geschehenen Tatsache, und alles dasjenige, was eigentlich erstrebenswert ist, wird reduziert auf irgendeinen subjektiven Vorgang. Da kann man also, wenn man die nötigen Anstrengungen dazu macht, oder wenn man begnadet ist oder auf irgendwelche andere Voraussetzungen hin durch subjektives Erleben den Christus in sich erleben und wird oftmals gar nicht gewahr, daß man sich auf diese Art intellektuell und empfindungsmäßig zurückzieht von der Welt auf das Subjekt, und daß man den objektiven Christus eigentlich mit dieser subjektiven Mystik vollständig verliert.
Aber es war doch gerade in der Zeit, in der Luther wirkte, ein starker Drang nach dieser Mystik, gerade in dem maßgebenden Gebiet der religiösen Entwickelung. Und man kann eigentlich sagen, ein großer Teil des Kampfes, den Luther durchgemacht hat, bestand darin, daß er auf der einen Seite hinzublicken hatte nach demjenigen, was ihm gegeben war einfach durch seinen Ausgangspunkt von der katholischen Priesterschaft, und demjenigen, was er auf der anderen Seite besonders bemerkte an so etwas wie an seinem Studium der «Theologia deutsch» oder anderer mystischer Bestrebungen - es war ja das in den Anfängen der Lutherzeit überall vorhanden -, also nach dem rein subjektiven Erlebnis, das für ihn die Gefahr in sich schloß, nun den Christus vollständig zu verlieren und zu verfallen dem bloßen teuflischen Werke, seinem subjektiven Erleben. Denn Luther konnte das subjektive Erleben, das den Christus vollständig verliert, doch nicht anders ansehen denn als Teufelswerk und sah darin direkt die Gefahr einer Entfachung von der Seite des Teufels, der darauf ausgeht, dem Menschen zwar innerlich das Christus-Bild vorzusetzen, aber ihm den Christus zu nehmen. In der Tat, so mußte Luther empfinden, der Widersacher könnte ja auf keine bessere Art den Christus der Menschheit nehmen, als wenn er es dazu brächte, alle Menschen zu erziehen auf das bloß subjektive Christus-Erlebnis hin. Es ist natürlich durchaus möglich, daß man den objektiven Christus aus der Welt dadurch ausschaltet, daß man den Leuten bis zum absolutesten reinen Erleben klarmacht: Wenn ihr innerlich den Christus erlebt, so ist es genug. - Für Luther würde dieses Erlebnis des Christus ihm alle Objektivität, das Ganze des objektiven Vorganges genommen haben; für ihn würde es eben ein Wegnehmen des Christus von der Menschheit von seiten des Widersachers Christi bedeutet haben.
Gerade das, meine lieben Freunde, ist ja, wenn ich mich religiös ausdrücken darf, ein Mittel der bösen Geister, uns abzubringen von der übersinnlichen Welt, daß sie uns einimpfen die Bilder der übersinnlichen Welt und uns zufrieden sein lassen mit den Bildern der übersinnlichen Welt. Wer auf dem Boden wirklicher Geisteswissenschaft steht, der weiß, daß die materialistisch gefärbten, materialistisch tingierten Visionen eben durchaus nicht eine Verbindung mit der geistigen Welt darstellen, sondern ein Abbringen von der geistigen Welt, ein Herauswerfen von der geistigen Welt. Wenn also zum Beispiel, sagen wir, der die Dinge unbefangen sehende Anthroposoph zu atavistischem oder zu krankhaftem, pathologischem Visionären kommt, so ist es seine Aufgabe, nicht in diesem Visionären zu bleiben, sondern dieses Visionäre mit aller Macht zu bekämpfen, denn die Visionen führen nicht hin zu dem Übersinnlichen, sie führen weg von dem Übersinnlichen; und es ist ja auch nur, ich möchte sagen, ein Destillat dieses visionären Erlebens, was eben in der falschen Mystik auftaucht, die zu dem Christus durch inneres Erleben kommen will; es ist nur ein Destillat. Weil die Leute im Grunde genommen nicht fähig sind, zu wirklichen Visionen zu kommen, bilden sie sich Phantasieinhalte, die dann eigentlich den Menschen ganz in sich selbst zurückwerfen.
Demgegenüber steht nun dasjenige, was man empfinden kann als das im lutherischen Sinn gehaltene Verhältnis des Menschen zu dem Christus, und das ist dieses, daß zunächst wegfällt die Empfindung der Realität des äußeren Werkes, also das Hinschauen auf die historisch-zeitliche, im physischen Sinne zeitliche Kirche, und daß an die Stelle dieser Kirche zwar nicht eine Nichtkirche, wohl aber die unsichtbare Kirche gestellt wird. Wir haben also zunächst im Katholizismus die sichtbare Kirche, die nichts anderes ist als das Werk Christi, die in der äußeren zeitlichen Tatsachenwelt von dem Ereignis von Golgatha bis zu dem einzelnen Gläubigen hin durchaus eine geschlossene Strömung sieht. Wir haben auf der anderen Seite das Abwenden von dieser geschlossenen Strömung, gewissermaßen das Reduzieren dessen, was ein bloß zeitlicher Prozeß ist, zu einem überzeitlichen Prozeß. Es wird also bei dem einzelnen katholischen Gläubigen, sagen wir, zum Beispiel wenn er vom Priester das Abendmahl bekommt, die Kommunion, von ihm direkt ein Anschluß erzielt durch die ganze Zeitenentwickelung hindurch bis hinauf zu dem Mysterium von Golgatha. Es kann sich, wenn er die Sache streng nimmt, derjenige, der kommuniziert nach dem römisch-katholischen Ritual - überhaupt an dem katholischen Ritual —, vorstellen, daß diese Kommunion direkt von dem Christus durch den Priester an ihm ausgeführt wird. Er muß sich direkt der unmittelbaren Gegenwart des Christus im Abendmahl bewußt sein und zwar durch die zeitliche Vermittlung der Kirche, die in sich niemals diese Kontinuität aufgegeben hat. Dagegen kann in der Kommunion nach lutherischem Ritual nur gesehen werden eine Verbindung des Menschen mit dem Übersinnlichen, auch mit dem Übersinnlichen, das durch den Christus selber gegeben wird, so daß diese Verbindung nicht ein zeitlicher, sondern ein überzeitlicher Akt ist, durch den der Einzelne unmittelbar mit dem Christus in ein Verhältnis gebracht wird nicht durch die Vermittlung der Zeit, sondern unmittelbar, und daß dieses Verhältnis durch den Glauben vermittelt wird. Es ist so, daß derjenige, mit dem der Kommunizierende durch einen überzeitlichen Akt in Verbindung ist, im subjektiven Bewußtsein sich als identisch erweist mit demjenigen, der durch das Mysterium von Golgatha hindurchgegangen ist. Eine andere in sich konsequente Auslegung der Sache gibt es eigentlich gar nicht. Es handelt sich darum: Jemand kommuniziert am Altar, er wird dadurch in den unmittelbaren Anschluß an das Übersinnliche gebracht, es wirkt in dem Augenblick die Gnade; durch die Gnade, durch die Gnadenwirkung wird nun in dem Augenblick der Glaube erregt. Der Glaube ist aber nicht bloß ein abstraktes, subjektives Fürwahrhalten, sondern der Glaube ist etwas, was Realität in sich enthält. Und durch diesen Glauben begegnet der Kommunizierende dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, indem durch besondere Gnadenwirkung in unmittelbarer Gegenwart des Christus ihm sein Glaube geschenkt wird und er durch diesen Glauben in der richtigen Weise in der Kommunion in Verbindung mit der übersinnlichen Welt gebracht wird.
Gewiß, auch diese Dinge werden in der mannigfaltigsten Weise interpretiert, und Sie können ja heute die mannigfaltigsten Interpretationen über diese Sachen lesen. Ich muß Ihnen gestehen, ich habe viele solcher Interpretationen gelesen, die Mehrzahl derer, die heute erscheinen, und die gerade von Leuten sind, die in dem Bewußtsein der heutigen Zeit drinnen leben. Die meisten von diesen Interpretationen erscheinen mir eigentlich so, daß sie vermeiden, zu einer ganz klaren geschlossenen Vorstellung zu kommen, so daß man mit ihnen außerordentlich wenig anfangen kann, wenn man gewöhnt ist, in diesen Dingen zu geschlossenen Vorstellungen zu kommen. Es ist gar nicht anders möglich, dasjenige, was bei Luther als Glauben auftritt, eben nicht als ein bloß subjektives Fürwahrhalten hinzunehmen, wie wir es gewöhnt sind in der heutigen Wissenschaft, sondern es ist notwendig [zu sehen, daß bei Luther] in dem Glaubensakt durch ein Gnadengeschenk anwesend ist die Kraft des Christus. Es ist einem da durch einen überzeitlichen Akt gewissermaßen auf Erden begegnet derselbe, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
Damit aber haben wir den großen Unterschied gegeben, meine lieben Freunde, der da besteht zwischen der Mystik, wie ich sie Ihnen vorhin charakterisiert habe, und demjenigen, was die Anwesenheit des Glaubensaktes im Bewußtsein, in der Seele des Menschen innerhalb des lutherischen Bekenntnisses ist. Der Mystiker muß immer mehr und mehr dazu neigen, die ganze Sache für eine völlig subjektive anzusehen, für ein völlig persönliches Verhältnis zu dem Christus, dessen Objektivität ihm eigentlich entschwindet. Der lutherische Gläubige muß sich sagen: Wenn ich den rechten Glauben haben kann, so muß ich gleichzeitig ein Auserwählter sein, so muß ich dazu prädestiniert sein, daß in meinem Glauben nicht nur die Kräfte leben, die aus meiner Persönlichkeit hervorsprießen können, sondern in diesem Glaubensakt lebt die Kraft des Christus selber, die mir nicht durch irgend etwas Inneres gegeben wird, sondern die mir durchaus von außen zukommt, niemals aber durch irgendeinen Prozeß, der sich so abspielt, daß ich ihn auch äußerlich anschauen könnte, daß ich ihn durch irgendeinen zeitlichen Zusammenhang vergegenwärtigen könnte, sondern der tatsächlich ein überzeitlicher Prozeß ist, der vorgestellt werden muß als etwas, was als solches niemals in den Verlauf des geschichtlichen Werdens, der geschichtlichen Entwickelung hineinkommen konnte. Also im Verlauf des zeitlich-geschichtlichen Werdens kann einfach das nicht drinnenstecken, was als überzeitlicher Akt im Glaubensakt erscheint. So also könnte in diesem Sinne eigentlich gar nicht irgendeine sichtbare Kirche eine wirkliche Hinaufleitung bilden zu dem, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, denn richtig protestantisch ist es doch nur so, daß man etwa sagen würde: In dem Glaubensakt geschieht ein überzeitlicher Akt; wenn nun außerdem die Kirche da ist, die in zeitlicher Weise hinaufleitet bis zu dem Mysterium von Golgatha, so bedeutet dieser rein zeitliche Akt, diese Kontinuität innerhalb der Kirche eigentlich nur eine Richtung, die mit dem Überzeitlichen als solchem nichts anderes zu tun hat, als daß sie irgendwie der Träger dieses Überzeitlichen ist.
Bedenken Sie, was die Folge davon ist. Wird im Sinne des Katholizismus in der zeitlichen Vermittlung durch die Kirche das Wesentliche gesehen, das geschehen muß, dann darf die Kontinuität nirgends reißen, dann darf nirgends die apostolische Sukzession aufhören, dann kann eben nur der geweihte Priester den anderen Priester weihen, und dann kann nur einzig und allein der von einem geweihten Priester Geweihte ein Priester sein, dann werden wir vor die Notwendigkeit hingeführt, die Kirchenkontinuität aufrecht zu erhalten, denn es ist der zeitliche Akt zugleich der übersinnliche Akt, der nirgends durchbrochen werden kann. Das ist katholische Auffassung.
Gehen wir über zu der protestantischen Auffassung, so ist das Wesentliche, worauf es ankommt, ein überzeitlicher Akt, denn das, was in der Kirche zeitlich ist, ist nur der 'Träger dieses überzeitlichen Aktes. So kann also die Sukzession irgendwo reißen. Wenn das Überzeitliche in der einzelnen Persönlichkeit sich ereignet durch den überzeitlichen Gnadenakt, dann führt dies durch den Gnadenakt jedesmal hinauf zu dem Mysterium von Golgatha. Man begegnet dem Christus, und es ist gleichgültig, welche zeitliche Vermittlung da vorhanden ist. Es kann zum Beispiel durchaus, wenn der überzeitliche Akt in der richtigen Weise erfolgt, die historische Kontinuität abgebrochen sein, es ist gar nicht nötig, daß irgendwo dem überzeitlichen Akt zu Hilfe gekommen würde durch irgendeine zeitliche Sukzession. So schroff stehen eigentlich die Dinge einander gegenüber; das dürfen Sie nicht verkennen. Und wenngleich der eine oder der andere nicht so fühlt, so ist es eben durchaus so, daß man wirklich schon zurückschreckt vor letzten Konsequenzen; und gewisse Lösungen werden doch nur in die Dinge dadurch hineinkommen, daß man sich entschließt, diese Dinge nicht zu verwuzeln, den Unterschied nicht zu verwischen, sondern ihn in aller Klarheit vor die Seele hinzustellen.
Setzen wir also jetzt im anthroposophischen Sinne die Sache fort, so sehen wir für die Anthroposophie auf der einen Seite dastehen die katholische Kirche, wie sie heute ist — also ich spreche jetzt für die heutige Zeit; dasjenige, was ich sage, würde nicht gelten für die katholische Kirche, sagen wir, im 12. Jahrhundert; ich spreche für die heutige Zeit, denn wir haben es ja unmittelbar zu tun mit Entschließungen, die Sie eben auch in der heutigen Zeit treffen, und die Entwickelung im anthroposophischen Sinn könnte nicht irgend etwas sein, was uns möglich machen würde, das, was wir heute sagen, auch zu einer anderen Zeit zu sagen, sondern wir müssen unmittelbar aus dem heraus sprechen, was die Notwendigkeit der heutigen Zeit ist —, so steht für die Anthroposophie auf der einen Seite der Katholizismus, in dem die Anthroposophie nichts anderes sehen kann als dasjenige, was die übersinnliche Welt herunterholt in das sinnliche Gebiet, eine Verirdischung desjenigen, was niemals vollständig im Irdischen aufgeht, was durch die Verirdischung eben durchaus nur so werden kann, daß es in seiner eigentlichen Bedeutung verfälscht wird. Wir sehen also im Katholizismus auf der einen Seite etwas erstehen, was das [Überzeitliche] herunterzieht in das zeitliche Element und können nicht anders als sagen: Das heutige Bewußtsein ist noch nicht so weit, daß es bei einer genügend großen Anzahl von Menschen eine völlige Klarheit über diese Sachen geschaffen hat. Es ist eben einfach so: Weil [im Katholizismus] ein stärkerer Gegensatz gar nicht vorhanden ist zwischen dem Überzeitlichen und dem Zeitlichen, weil das Überzeitliche in dem Zeitlichen erscheinen, in ihm drinnen sein kann, weil ein Zeitliches erscheinen und zu gleicher Zeit in seiner Realität ein Überzeitliches repräsentieren kann, so kann es innerhalb des Katholizismus durchaus so sein, daß das wirkliche Geschehen auftaucht für dasjenige, was das wahrhafte [übersinnliche] Geschehen ist.
Anthroposophie kann nicht mitmachen den Dualismus zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf, so daß der Schöpfer gar nicht Macht hätte, in jedem einzelnen seiner Geschöpfe darinnen zu sein, mitzutun mit der Welt. Anthroposophie darf vermöge ihrer Erkenntnis nicht die Sache so auffassen, daß sie das Übersinnliche wegnimmt von dem Sinnlichen, sondern sie sieht im Sinnlichen das Wirken des Übersinnlichen so, daß auch differenziert im Sinnlichen das Übersinnliche zur Anschauung kommen kann. Man kann also sagen: Was die katholische Kirche zu lehren behauptet, kann an einzelnen Ritualien differenziert unmittelbar im Zeitlichen zum Ausdruck gebracht werden. Auf der anderen Seite muß gesagt werden: Man darf das niemals in der Weise zum Ausdruck bringen, wie das die heutige katholische Kirchenlehre tut, denn dadurch verbauen wir uns die Möglichkeit, die Sache überhaupt in das Bewußtsein der Gegenwart hineinzubringen. Wir müssen uns völlig klar sein, daß das Auffassen des Glaubens als eines überzeitlichen Aktes die tiefste Berechtigung hat, daß es durchaus für den heutigen Menschen nicht nur eine Möglichkeit, sondern sogar eine Notwendigkeit gibt, eine unmittelbare Beziehung zum Göttlichen, einen unmittelbaren Anschluß an das Übersinnliche zu gewinnen, also zu appellieren an eine übersinnliche Kirche, und unmittelbar herauszuholen aus dem Übersinnlichen dasjenige, was Inhalt des Kultus wird, was Inhalt der Zeremonie wird, was aber auch schließlich sogar Inhalt des Lehrgutes wird, so daß gewissermaßen gesagt werden kann: Es kann in jedem Augenblick der Mensch den Weg zu dem Übersinnlichen außerhalb der Zeit finden.
Nur aus einem solchen Bewußtsein heraus konnte ich zum Beispiel schon in meiner Erkenntnistheorie von manchem sprechen, das aus einem anderen Bewußtsein heraus nicht hätte ausgesprochen werden können. So sehen wir, wie tief berechtigt ist der Anspruch an einen überzeitlichen Akt für den Glaubensakt. Und fassen wir jetzt ins Auge das Verhältnis zu dem Christus Jesus in dem Mysterium von Golgatha, da erkennt Anthroposophie durch ihre Kosmologie die Realität des Mysteriums von Golgatha, sie erkennt den wirklichen Durchgang der außerirdischen Christus-Wesenheit durch die Taten und Erlebnisse des Jesus von Nazareth. In dasjenige also, was der Mensch in sich erlebt durch den überzeitlichen Akt, fließt von der Erkenntnisseite das herein, was aus der Kosmologie kommt. Das, was aus der Kosmologie kommt, ist dann eine volle Bestätigung, daß wir es nicht bloß zu tun haben mit etwas Subjektivem, sondern daß wir es zu tun haben mit einem in der Erdenentwickelung sich vollziehenden Prozeß. Und wir kommen jetzt dazu, vom anthroposophischen Standpunkt sagen zu müssen: Findet zum Beispiel in der Kommunion [die Verbindung] mit dem Überzeitlichen in der richtigen Weise statt, dann wird durch diesen Akt auch die Gemeinschaft hergestellt mit der historischen Tat auf Golgatha, auf überzeitliche Art hergestellt, und der Appell an die zeitliche Vermittlung ist als solcher nicht nötig, weil durch dasjenige, was für die Erde beziehungsweise für die Erdenmenschheit durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, für die Erdenentwickelung etwas Objektives geschehen ist. Anthroposophie führt uns einfach dazu, zu sagen: Mit dem Mysterium von Golgatha ist ein integrierender Prozeß für die ganze Erdenentwickelung geschehen, die ganze Erdenentwickelung ist nach dem Mysterium von Golgatha etwas anderes, als sie früher war. Der Christus selber ist heruntergestiegen aus überirdischen Gebieten in das Erdengebiet und macht den Prozeß der Erdenentwickelung mit seit dem Mysterium von Golgatha. In der Erdenentwickelung selber hat er dadurch einen überzeitlichen Prozeß angeregt, der [seitdem] vorhanden ist, und der nicht angewiesen ist auf eine zeitliche Einsetzung der Kirche, so daß also dasjenige, was einem entgegentreten kann als eine bloße Glaubenswahrheit von der unsichtbaren Kirche, einen Inhalt bekommt durch die anthroposophische Erkenntnis, die einfach die Wirksamkeit des Christus in der Erdenentwickelung als eine Realität hinstellen muß.
Ist diese Wirksamkeit des Christus innerhalb der Erdenrealität da, meine lieben Freunde, dann ist sie vorhanden; es kann sich nur darum handeln, ob man als Mensch die Möglichkeit gewinnt, den objektiv im Erdenprozeß wirkenden Christus zu finden. Man braucht ihn nicht durch irgendeine Institution zu finden, die nur der Vermittler sein kann, man muß ihn finden durch dasjenige, was infolge der Institution an einem selber geschieht. Man kann ihn finden zu jeder Zeit, an jedem Ort seit dem Mysterium von Golgatha, und eine Kirche kann die Vermittlerin allein sein. Sie selber wird, wenn sie als Kirche auftritt, sich gerade dadurch als Kirche heiligen, daß sie ihre Gläubigen heiliget. So daß man sagen kann: Die anthroposophische Auffassung ist eben einfach diese, daß [das Finden des Christus] abhängt in religiöser Beziehung schon von dem, was geschieht auf dem Wege, den man zum Christus hin zurücklegt, daß aber ein unbedingtes Angewiesensein auf die Sukzession innerhalb der Kirchenströmung ein Herabfallen wäre in das, was durchaus berechtigt war innerhalb der vorchristlichen Menschheitsentwickelung, die eben nur [noch] durch den Katholizismus hereinstrahlt in die Menschheitsentwickelung seit dem Christus-Ereignis.
Meine lieben Freunde, denjenigen Menschen, denen in irgendeinem lokalen Zusammenhang, sagen wir, im alten Orient, ein Gott sich nahte — ich sage, ein «Gott», denn die Götter im alten Orient waren ja durchaus im Verhältnis zu Christus, wir würden heute sagen, «Untergötter» —, denen mußte allerdings dieser ganz andere Gott, der sich da näherte, als die reale Quelle erscheinen für alles in diesem Stamm sich auslebende Göttliche. Man mußte zu ihm innerhalb der Erde die Kontinuität aufrechterhalten; war dieser Gott einmal erschienen, mußte man irgendwie eine zeremonielle Umkleidung finden, welche niemals abriß. Sagen wir, es war gelungen, diesem Gott das Feueropfer darzubringen auf dem Altar. Hatte man dadurch sich diesem Gotte genähert, war dadurch innerhalb der sinnlichen Entitäten der Anschluß an diesen Gott erreicht worden, dann durfte dieses Feuer, das man einmal am Opferaltar entfacht hatte, nimmermehr verlöschen, denn mit der physischen Flamme wäre auch der Gott entschwunden. Es mußte dieses Feuer kontinuierlich erhalten werden, es mußte immer das eine Feuer an dem anderen angezündet werden; seine Flamme mußte in der Zeit fortdauern, denn dadurch erhielt man den Gott, der in diesem Materiellen «eingefeuert» war.
In einer mehr vergeistigten Form tritt uns das dann innerhalb der katholischen Kirche, die ja alte Gebräuche bewahrt hat, entgegen in der Kontinuität der Priesterweihe, und es tritt uns innerhalb der einzelnen Kirche entgegen, die die ewige Flamme erhält. In jeder katholischen Kirche findet sich ja eine Flamme, die niemals verlöschen darf, ein Kerzchen, das immer angezündet werden muß an einem noch brennenden; und wenn man heute das kleine Kerzchen in der ewigen Lampe hat, an welcher Galilei in der Kirche zu Pisa die modernen Pendelgesetze beobachtet hat, so ist durchaus diese Flamme, die heute brennt, an demjenigen angezündet worden, was früher brannte, und das geht bis hinauf zu dem ersten Flammenlicht, so daß man in jedem einzelnen Flammenlicht einer einzelnen Kirche dasjenige sehen sollte, was bei den Aposteln selber zum erstenmal entzündet worden ist. Man mußte auch eine materielle Gemeinschaft jeder einzelnen Flamme haben zu derjenigen hinauf, die zuallererst im Schoß der Apostel zur Wirksamkeit entflammt worden ist.
Wir sehen da, wie auf der einen Seite der Katholizismus steht mit seiner großen Gefahr, alles zu vermaterialisieren, alles in das zeitlich-materielle Geschehen herunterzuholen, und wie auf der anderen Seite der evangelische Protestantismus steht mit der Gefahr der Atomisierung, die ja eben vermieden werden muß. Und das muß die große Frage sein in Ihren Bestrebungen: Wie wird die Atomisierung vermieden, daß jeder einzelne sein eigenes Bekenntnis hat, was zu der Unmöglichkeit einer Gemeinschaftsbildung führt — wie wird das vermieden? Denn dahin neigt alles dasjenige, was als ein überzeitlicher Akt aufgefaßt werden muß, der von jedem einzelnen erreicht werden kann; dadurch trägt die protestantische Kirche die Gefahr der Atomisierung in sich. Die katholische Kirche trägt die Gefahr in sich, daß sie das Bestehen des Einzelnen völlig zerstört, daß sie ihn nur als ein Glied des vermaterialisierten Christus-Prozesses gelten läßt. Die evangelisch-protestantische Kirche steht vor der Gefahr — in dem, was sie nun einmal geworden ist, was sie zur Zeit Luthers noch nicht war -, das Individuelle so weit zu treiben, daß jede Gemeinschaftsbildung unmöglich wird, so daß die Kirche in ihre Atome zerfällt, und daß es eine Seelsorge überhaupt nicht mehr wird geben können, daß die Kirche vor ihrer Auflösung, vor ihrer Nullität stehen müßte, und zwar müßte das bei der heutigen Lage sehr bald geschehen, wenn nicht irgend etwas gegen diese Richtung sich vollziehen würde.
So haben wir auf der einen Seite die Vermaterialisierung, auf der anderen Seite die Verspiritualisierung. Beides sind große Gefahren für die Entwickelung des religiösen Lebens in der zivilisierten Welt. Und so stehen wir heute vor der Möglichkeit, daß auf der einen Seite jemand auftritt und als Katholik sagt: Die Kirche ist alles und an ihr darf nicht gerüttelt werden! —, und auf der anderen Seite jemand sagt: Die Kirche ist nichts!
Das alles drückt sich in den verschiedensten Nuancen aus, durchaus in den verschiedensten Nuancen drückt sich das aus. Es ist zum Beispiel unter gewissen Protestanten fortwährend die Tendenz da, zu katholisieren; auf der anderen Seite ist unter Katholiken immer die Tendenz da, zu protestantisieren. Ich sage nicht, zu «protestieren», sondern zu «protestantisieren». Wir leben tatsächlich in einem Chaos drinnen. Es ist für den, der nach reinlichen Begriffen sucht, zum Beispiel außerordentlich schwierig zu begreifen, wie es nun wirklich im Gemüt einer solchen Persönlichkeit beschaffen ist wie derjenigen, die gestern Herrn Dr. Geyer opponierte und einfach die Auferstehung als eine historische Tatsache auf Grundlage der Augenzeugen behauptete. Das ist ja eben die Frage: Sind die Augenzeugen glaubwürdig? Wie kommen wir dazu, die Tatsache als eine historische Tatsache aufzufassen? Es wird die ganze Frage der [Möglichkeit einer] Fälschung der historischen Tatsachen weggeschoben, weil es bequem ist, das wegzuschieben, und wir haben da durchaus eine katholisierende Neigung innerhalb des Protestantismus enthalten, wie auf der anderen Seite wiederum protestantisierende Neigungen im Katholizismus enthalten sind, insbesondere wenn es sich subjektiv äußert, ohne daß aber die Seelsorger etwa zu einem wirklichen Austritt aus der Kirche kommen.
Der nachstehende Entwurf für eine Erklärung zur Mitarbeit an einer religiösen Erneuerung wurde Rudolf Steiner am 4. Oktober 1921 vorgelegt.
Erste Fassung einer Erklärung zur Mitarbeit an einer religiösen Erneuerung:
Ich erkläre meine Entschlossenheit, nach Maßgabe folgender Leitsätze mitzuarbeiten bei den Bemühungen um eine umfassende und eingreifende religiöse Erneuerung, wie sie eingeleitet worden sind von den Veranstaltern des von Dr. Rudolf Steiner geleiteten religiösen Lehrkursus vom 12. bis 16. Juni 1921 in Stuttgart. 1. Ich erkenne an, daß die Anthroposophie in entscheidenden Punkten die für eine religiöse Erneuerung heute vorauszusetzende neue Weltanschauung ist und über die nötigen Erkenntnisquellen für den neu zu gewinnenden Kultus verfügt. 2. Ich erkläre meine Bereitschaft zur Vorbereitung und Gründung freier Gemeinden durch Realisierung der aus anthroposophischen Erkenntnisquellen gewonnenen Kultformen und Anregungen für Predigt und Unterweisung. Ein Anknüpfen innerhalb der Kirche werde ich nur dort anstreben, wo die Reinheit des Impulses dadurch nicht gefährdet ist. 3. Zur Erlangung der Eignung für den verantwortungsvollen Priesterberuf bin ich gewillt, mich durch intensives Einarbeiten in den Geist sakramentalen Priesterwirkens einzuleben. 4. Für die gegenwärtige Zeit erkenne ich folgende, auf die wissenschaftliche Vorbildung bezüglichen Bedingungen der hier gemeinten Seelsorgertätigkeit an: Gründliche theologische Vorbildung, ein akademisches Abschlußexamen; für Nicht-Theologen, die ausnahmsweise auf Grund persönlicher Eignung zugelassen werden können, ist Teilnahme an einem ca. viermonatigen, von der Leitung veranstalteten theologischen Kursus erforderlich. 5. Ich verpflichte mich, nach Kräften ernste, geeignete Mitarbeiter zu werben. Nach Einholung des Einverständnisses der Zentralstelle kann unter der Bedingung der Vertraulichkeit an den zu Werbenden herangetreten und ihm das Material zugänglich gemacht werden. Nach Beendigung des Dornacher Kursus September-Oktober 1921 ist zum Anschluß eines neuen Mitarbeiters die Verpflichtung auf die vorliegende Erklärung und die Bürgschaft eines verpflichteten Mitarbeiters erforderlich. Jeder neu hinzutretende Mitarbeiter soll nach Kräften die Teilnahme an einer anfangs Januar 1922 an noch bekanntzugebendem Orte stattfindenden Tagung ermöglichen. 6. Zum käuflichen Erwerb der Kursus-Nachschriften sind nur verpflichtete Mitarbeiter berechtigt und zwar unter der Bedingung, dieselben streng vertraulich zu behandeln und auf Verlangen sofort an die Leitung zurückzugeben. Für die Werbearbeit stehen besondere Exemplare der Kursus-Nachschriften zur Verfügung (Handhabung siehe Punkt 5). 7. Ich verpflichte mich, um der Geschlossenheit des Vorgehens willen, keine Kultformen vor dem gemeinsam festzusetzenden Zeitpunkt zu benutzen. Für den Fall der Rückgängigmachung meiner Verpflichtung erkläre ich mich jedes Rechtes zur Verwendung anthroposophisch fundierter Ritualien verlustig. Alles mir mündlich, schriftlich oder gedruckt mitgeteilte Material, ebenso wie die Namen aller in der Bewegung stehenden Persönlichkeiten werde ich vertraulich behandeln.
Besprechung nach dem siebzehnten Vortrag
Ich bitte Sie dann, weitere Fragen zu stellen. Und jetzt darf ich vielleicht zum Schluß noch mit ein paar Worten hinweisen auf das Schriftstück mit den sieben Punkten, das mir übergeben worden ist und das ja eigentlich natürlich weniger mich berührt als diejenigen, die etwa zur Unterzeichnung dieses Schriftstückes kommen würden. Ich habe auch keinen Einfluß zu haben auf alles dasjenige, was durch dieses Schriftstück werden soll. Ich möchte nur bemerken, daß in drei Punkten, ich glaube in dem 4., 5. und 7. Punkte, mir gewisse Schwierigkeiten aufgestoßen sind. Ich habe es nun nicht gerade flüchtig, aber schnell lesen müssen, aber es sind mir gewisse Schwierigkeiten im 4., im 5. und im 7. Punkt aufgetaucht, von denen ich aber glaube, daß sie nur eine einzige Schwierigkeit sind. Ich brauche Ihnen natürlich die Punkte nicht vorzulesen, ich will nur den vierten lesen, denn diese Schwierigkeit müßte überwunden werden.
«Für die gegenwärtige Zeit erkenne ich folgende, auf die wissenschaftliche Vorbildung bezüglichen Bedingungen der hier gemeinten Seelsorgertätigkeit an: Gründliche theologische Vorbildung, ein akademisches Abschlußexamen; für Nicht-Theologen, die ausnahmsweise aufgrund persönlicher Eignung zugelassen werden können, ist Teilnahme an einem ca. viermonatigen, von der Leitung veranstalteten theologischen Kursus erforderlich.»
Der Punkt kann nicht durchgeführt werden, ohne daß zugleich die Form gefunden wird, wie man die Veranstalter, die darüber zu entscheiden haben, einsetzt. Es kann dieser Punkt nicht befolgt werden, ohne daß man einwandfreie Kompetenzen hat, die in diesen Dingen die Entscheidung herbeiführen können. Also das scheint mir hier eigentlich zu fehlen, wer darüber zu entscheiden hat. Nicht wahr, das läßt sich einfach vielleicht nach dem Ausdruck entscheiden: «Gründliche theologische Vorbildung, ein akademisches Abschlußexamen», aber wer läßt sie zu? und «für Nicht-Theologen ... ist Teilnahme an einem von der Leitung veranstalteten theologischen Kursus erforderlich». Wer ist die Leitung? Ich habe wenigstens nicht finden können, daß das in eindeutiger Weise zum Vorschein kommt. Der 5.Punkt heißt: «Ich verpflichte mich, nach Kräften ernste, geeignete Mitarbeiter zu werben. Nach Einholung des Einverständnisses der Zentralstelle kann unter der Bedingung der Vertraulichkeit an den zu Werbenden herangetreten und ihm das Material zugänglich gemacht werden.» Es müßte also mindestens zu einer einwandfreien Einsetzung einer Zentralstelle kommen, auch im Sinne des Punktes 7: «... um der Geschlossenheit des Vorgehens willen» und so weiter. Da ist es natürlich auch wiederum notwendig, daß zumindest von Anfang an eine einwandfreie Zentralstelle geschaffen werden muß, und daß Sie diese so schaffen müssen, daß sie sorgt für diejenigen Punkte, die das Gesetz betreffen - denn wir verfallen sofort, wenn wir in dieser Weise stipulieren, in das Gesetz, und damit kommt der Abfall von Gott. Wir kommen auch in die Notwendigkeit der Sukzession hinein, es müßte also auch noch der Modus zwischen Ihnen ganz genau besprochen werden, in welcher Weise Sie eine einwandfreie Sukzession schaffen zu demjenigen, was Sie wieder in einwandfreier Weise als eine Zentralstelle statuieren in Berlin. Bei einer solchen Sache ist es nicht möglich, rein vereinsmäßig vorzugehen, sondern bei der Schaffung einer solchen Sache halte ich es schon für nötig, sich den ganzen Ernst der Sache vor die Seele zu führen. Das können Sie kaum, ohne sich bewußt zu werden, daß, wenn Sie so scharfe Bedingungen eingehen wie die in Punkt 1, 2 und 3 formulierten, Sie da tatsächlich für das Äußere eine ganz seriöse Einrichtung schaffen müssen, die mehr sein muß als das, was man auf dem heutigen Wege durch Vereinsmäßiges erzielt. Denn das ist ja in der Regel dazu da, daß sich erstens der Einzelne gar nicht darum kümmert, und zweitens wird es fortwährend umgeändert, so daß von den folgenden Leuten dasjenige, was aus dem Geist der zuerst Gewählten da ist, auf den Kopf gestellt wird. Sie müssen dafür sorgen, daß dasjenige, was Sie hier festsetzen, von Ihren Nachfolgern nicht auf den Kopf gestellt werden kann. Das ist etwas, was zu diesem hinzu in sehr ernster Weise noch beraten werden müßte.
Emil Bock: Wir haben eigentlich gemeint, daß diese Sätze nur vorläufige Geltung haben sollten, und wir haben auch gemeint, eine Zentralstelle zu schaffen ...
Rudolf Steiner: Ja, aber ich meine, es gehört zu der Schaffung einer irgendwie gearteten Institution, über diese Zentralstelle sich einwandfrei klar zu sein. Ich meine, Sie sollten nicht auseinander gehen hier, ohne ...
Emil Bock: Das sollte dann geschehen, wenn die Unterzeichnungen vorliegen.
Rudolf Steiner: Ja, kann das geschehen? Ich will ja gar nichts anderes als raten; betrachten Sie dasjenige, was ich sage, als nichts anderes als einen Rat. Es müßte doch unter Ihnen diskutiert werden, ob die einzelnen, die das unterschreiben, das tun, bevor die Zentralstelle geschaffen ist, oder ob sie es unterschreiben, nachdem die Zentralstelle geschaffen ist. In dem einen Fall verpflichtet man sich zu einer Anzahl von Sätzen, von denen man nicht weiß, wie sie ausgeführt werden, im andern Fall verpflichtet man sich, zugehörig zu sein zu einer gewissen Realität. Ich will keinen Einfluß nehmen, aber Sie müssen sich doch überlegen, ob Sie Statuten unterschreiben wollen, deren Sie eine Anzahl hinsetzen und sich dazu bekennen, oder ob Sie eine reale Handlung vollziehen. Die reale Handlung vollziehen Sie nur dann, wenn Sie die Zentralstelle eingesetzt haben, weil dadurch etwas geschaffen wird, wovon die ganze Bewegung ausgeht. Es kann natürlich zu jeder der beiden Möglichkeiten kommen, aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied.
Emil Bock: Es ist eigentlich nur als Vorschlag gedacht worden.
Rudolf Steiner: Dazu hat das eine viel zu große Schwere. Ich muß sagen, wenn jemand seinen Namen setzen soll unter die Punkte 1, 2 und 3 - (der Text wird nochmals vorgelesen) —-, wenn man so gewichtige Punkte unterschreibt, muß man sich schon klar sein, daß das gewissermaßen eine Entscheidung fürs Leben bedeutet. Es bedeutet eine Entscheidung fürs Leben.
Ein Teilnehmer meint, daß die Frage, wie die Zentralstelle geschaffen werden soll, eigentlich nur behandelt werden kann von einem Kreis, der aus Leuten besteht, die mitarbeiten wollen; es ginge nicht, daß Leute mitdiskutieren, die nicht die Absicht hätten, sich an der Arbeit zu beteiligen.
Rudolf Steiner: Also Sie meinen, es handelt sich darum, daß man zuerst diese Sache unterschreibt, um dann aus dem Kreise derer, die das unterschrieben haben, die Zentralstelle zu schaffen? Gewiß, das kann schon so auch sein. Aber ein zusammengehöriges Unternehmen müßte das dennoch sein, sonst schaffen Sie eine Zwischenzeit zwischen dem, wozu man sich für das Leben verpflichtet und, nicht wahr, dem eigentlichen realen Wirken. Gewiß, das kann so unterschrieben werden von denjenigen, die wirklich in einer solchen Weise mittun. Aber meiner Meinung nach ist das, wenn es nun wirklich unterschrieben wird, ganz ernst unterschrieben wird, ein so entscheidender Schritt für das Leben, daß man gar nicht anders kann, als aus der Mitte heraus diese Zentralstelle zu schaffen.
Emil Bock: Wir meinten, daß es nicht möglich sei, daß eine Zentralstelle sich präsentiert. Wir meinen, wir haben nicht das Recht dazu.
Rudolf Steiner: Das wird ja vielleicht nach der Art, wie Sie zusammengekommen sind, nicht so schwer sein. Sie müssen sich zuerst erkennen. Meine Meinung ist die, daß Sie zugleich mit der Unterschrift die Zentralstelle begründen. Ich betrachte es sogar als einen einheitlichen Akt. Ich meine, es kann das nicht so sein, daß man zunächst [nur] eine formale Unterschrift gibt. Indem man seine Unterschrift gibt, ist man erst Mitarbeiter in einer ganz realen Zeitströmung drinnen, sonst hat diese Unterschrift keinen Sinn, so daß das Unterschrift-Setzen identisch sein würde mit der Schaffung einer Zentralstelle.
Emil Bock: Es besteht eben darüber die Frage, wie diese Zentralstelle entstehen sollte. Christian Geyer: Ich glaube, es ist nicht möglich, daß wir über so schwerwiegende Dinge diskutieren, ohne daß diese Dinge im engeren Kreis vorbereitet sind. (Pastor Geyer schließt die Frage an, ob das Wirken zur Erneuerung des religiösen Lebens nicht innerhalb der Kirchenorganisation möglich ist nach der Art Rittelmeyers in Berlin, oder ob dies aufhört mit dem Augenblick, wo diese Zentralstelle ins Leben gerufen wird.) Ich glaube, daß diese Frage in einem anderen Kreis ganz gründlich von einer kleinen Gruppe durchbesprochen werden muß und dann erst zu einer allgemeinen Diskussion gestellt werden kann.
Rudolf Steiner: Ich habe angenommen, daß so etwas geschehen ist, aus dem Grund, weil ich in dem Punkt 2 dasjenige enthalten finde, was die Stellung zu den Kirchengemeinschaften berrifft. Das steht so in dem Punkt 2, daß ich mir eine größere Präzision nicht mehr denken kann: «Ich erkläre meine Bereitschaft zur Vorbereitung und Gründung freier Gemeinden durch Realisierung der aus anthroposophischen Erkenntnisquellen gewonnenen Kultformen und Anregungen für Predigt und Unterweisung. Ein Anknüpfen innerhalb der Kirche werde ich nur dort anstreben, wo die Reinheit des Impulses dadurch nicht gefährdet ist.» — Ich kann mir es präziser eigentlich nicht mehr vorstellen, alles ist in Realität gegeben; deshalb habe ich angenommen, daß die Fassung im wesentlichen im kleinen Kreise besprochen worden ist.
Christian Geyer weist darauf hin, daß er schon bedeutende religiöse Bewegungen erlebt hätte, die dann so stark geworden sind, daß sich die Kirche vor die Frage gestellt sah, sie hinausziehen zu lassen oder sie aufzunchmen in ihre Organisation. Er findet, daß bezüglich des Verhältnisses der freien Gemeinschaften zu der Kirchengemeinschaft noch nichts Differenziertes ausgesprochen sei.
Rudolf Steiner: Aber eigentlich doch. Ich finde doch, daß es klar ist, denn [es heißt]: «Ein Anknüpfen innerhalb der Kirche werde ich nur dort anstreben, wo die Reinheit des Impulses dadurch nicht gefährdet ist.» Also das würde in sich schließen: wenn jemand in einer solchen freien Gemeinde sagt, sie gefährde die Reinheit des Impulses nicht, so ist es möglich, daß er in einer solchen Gemeinde innerhalb der Kirche wirkt. Das ist eigentlich in dem Satz drinnen.
Ein Teilnehmer: Es würde sich darum handeln, in dieses Schriftstück den Passus aufzunehmen, daß die Zentralleitung genau beschrieben würde.
Rudolf Steiner: Sehen Sie, Sie müssen das durchaus so nehmen, daß ich nicht den geringsten Einfluß haben will auf dasjenige, was im Sinne eines solchen Schriftstückes geschehen soll. Aber nicht wahr, ich habe es gelesen, und ich betrachte seinen Inhalt für so seriös für den, der unterschreibt, daß gar nichts anderes als ungeheuer Seriöses daraus folgen kann, daß wirklich eine Tat folgen kann. Das muß ich auf die eine Seite stellen, und in dieser Richtung kann ich nur raten. Auf die andere Seite muß ich etwas anderes stellen. Wenn ich Zeit dazu hätte, würde ich Ihnen eine Sammlung von all den Dingen geben, die mir im Laufe des Bestehens der anthroposophischen Bewegung in Form solcher Schriftstücke begegnet sind innerhalb dieser Gesellschaft, wo sich Leute vorgenommen haben, dieses oder jenes zu tun. Es ist nichts anderes erfolgt, als daß solche Schriftstükke in meiner Papiersammlung liegen, und von denjenigen, welche dazumal unterschrieben haben, meist vergessen worden sind. Also das ist natürlich die Schilderung der krassesten Fälle, aber es ist eben doch der andere Pol der Sache; und ich meine, wir stehen heute in einer so ernsten Zeit, daß wir tatsächlich, wenn wir überhaupt daran denken, so etwas soweit zu bringen wie zur Unterschrift eines solchen Schriftstückes, wir auch damit unmittelbar verbinden müssen das Übergehen zur realen Tat. Ich verstehe darunter nicht, daß Sie übermorgen soundsoviele Kirchen bilden. Das ist es nicht, was ich darunter verstehe, aber das tatsächliche Hinarbeiten, und sei es nur in einem kleinen Kreise möglich, das tatsächliche Hinarbeiten auf ein bestimmtes, ganz konkretes Ziel. Das konkrete Ziel steht ja da, aber es muß eben auch tatsächlich zugleich die Möglichkeit der ganz ernsten Arbeit geschaffen werden, die nicht eine bloße Vereinsoder sonstige Arbeit ist, sondern die sich bewußt ist, ein weltgeschichtliches Tun damit zu vollbringen. Das ist dasjenige, was ich meine.
Emil Bock: Das ist eigentlich unsere Absicht gewesen, und es ist eigentlich ganz klar, daß wir doch die Zentralstelle, von der wir gesprochen haben, auch schaffen wollen. Wir haben heute morgen auch darüber gesprochen. ...
Rudolf Steiner: Das Frühere ist auch in diesem Sinne gemeint? Ich meine nur, wenn Sie solche Punkte unterschreiben, dann schaffen Sie zugleich die Notwendigkeit, die Zentralstelle zu haben, sonst können Sie die einzelnen Punkte nicht lesen. Es ist im Texte auf die Zentralstelle hingewiesen; diese Abfassung setzt die Zentralstelle schon voraus.
Ein Teilnehmer: Darf ich vielleicht eine Parallele ziehen? Ich möchte nämlich erinnern an die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich glaube, daß hier erwas Ähnliches vorgehen muß. Damals haben drei Persönlichkeiten die Verantwortung auf sich genommen, eine solche Gesellschaft ins Leben zu rufen, und ich meine, daß der Verlauf auch hier der sein müßte, daß eine Anzahl von Persönlichkeiten den Mut findet, den Anfang zu machen und dann sagt: Wir wollen das und das. Wer geht mit uns? — Ich glaube, daß von einer Anzahl von Persönlichkeiten, die naturgemäß aus dem Stuttgarter Kreis hervorgehen könnten, der Mut gefunden wird, einfach sich selbst zu konstituieren als der Zentralvorstand.
Rudolf Steiner: Es ist natürlich doch ein Unterschied zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und dem, was hier entstehen müßte, es ist ein gewichtiger Unterschied. Sehen Sie, dasjenige, was heute Anthroposophische Gesellschaft ist, war früher im Rahmen der Theosophical Society, der großen Theosophischen Gesellschaft, und ist von mir niemals anders gehandhabt worden als später bei der Anthroposophischen Gesellschaft. Bei solch einer Gesellschaft muß nämlich vollständige Freiheit herrschen, vor allen Dingen muß die Freiheit so herrschen, wenn man es mit einer solchen geistigen Bewegung zu tun hat, wie es die Anthroposophische Gesellschaft ist, daß die Führenden vor allen Dingen niemals geknechtet werden können. Sobald eine Gesellschaft auftritt, verlieren die Führenden eigentlich die Freiheit; das ist die Gefahr. Daher müssen solche Gesellschaften wie die Anthroposophische Gesellschaft eigentlich alles anwenden, damit die Führenden nicht ihre Freiheit verlieren. Natürlich konnte ich das durch lange Jahre hindurch nur so erreichen, daß ich eben einfach tat, was ich wollte, was also wohl im Sinne dessen, was aus der geistigen Welt kam, geschehen sollte, und daß ich prinzipiell auf dem Standpunkte stand: Wer mitgeht, geht mit, wer nicht mitgehen will, lasse es bleiben und geht nicht mit, er braucht ja nicht. Es schließt sich jeder aus absolut freiem Willen an; aber derjenige, der etwas zu führen hat, der hat auch seinen freien Willen. Es kann keine Demokratie oder so etwas herrschen. Als dann die Anthroposophische Gesellschaft sich konstituiert hat, da konstituierte sie sich nur in einer, ich möchte sagen, etwas ausführlicheren Weise auf derselben Grundlage wie innerhalb der Theosophical Society, indem sich in München die drei hingestellt haben: «Wir drei sind jetzt da - Dr. Unger, Frau Dr. Steiner, Herr Bauer -, diejenigen, die mit uns gehen wollen zur Führung einer anthroposophischen Gesellschaft, die gehen mit; wem wir recht sind, der geht mit, wem wir nicht recht sind, der mache etwas anderes.» Also jeder gliedert sich aus absoluter Freiheit an.
Wenn Sie gründlich über die Dinge nachdenken, so werden Sie finden, daß das auf keinem anderen Wege geht als auf diesem, alles andere führt zur Knechtung des freien Geisteslebens. In dem Augenblick, wo irgendeine Abstimmung nötig wird — sofort Knechtung des Geisteslebens. Ich empfehle Ihnen wirklich: Denken Sie darüber tatsächlich nach auf dem Gebiet, Sie werden sehen, es ist gar nicht anders möglich, als auf diese Weise. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Bedingungen einer solchen ganz und gar auf dem Gebiete des umfassenden Geisteslebens stehenden Gesellschaft wie die Anthroposophische, doch etwas anderes ist als dasjenige, was Sie begründen wollen. Deshalb müssen Sie schon sehr sorgfältig die Sache überlegen. Die Anthroposophische Gesellschaft, insofern sie sich an mich hält — ich selber, ich habe mir meine Freiheit soweit gewahrt, daß ich nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft bin; ich bin nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, das hat schon seinen ganz gründlichen Sinn, und das betone ich gelegentlich sehr scharf, daß ich nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft bin —, also die Anthroposophische Gesellschaft, so habe ich es immer aufgefaßt, tritt in die Welt als eine Neuschöpfung, eine völlige Neuschöpfung in jeder Beziehung, als eine Neuschöpfung des Anthroposophischen zum Beispiel. Also innerhalb irgendeines Statutes der Anthroposophischen Gesellschaft könnte es etwas, was ähnlich wäre Ihrem Satz 4 «Für die gegenwärtige Zeit erkenne ich folgende, auf wissenschaftliche Vorbildung bezüglichen Bedingungen ... an» natürlich nicht geben. Also damit ist das schon klar, daß eben wirklich absolute Unterschiede da sind. Es muß schon ein Unterschied gemacht werden, und über den muß man sich erst klar werden. Und das im ersten Punkte [Geforderte]: «Ich erkenne an, daß die Anthroposophie in entscheidenden Punkten die Grundlage für eine neue Weltanschauung ist», das würde man nicht einmal [sagen] dürfen, wenn man es gewissermaßen von den Mitgliedern einer Anthroposophischen Gesellschaft verlangte; es könnte einem gar nicht einfallen, von den Mitgliedern die anthroposophische Weltanschauung zu verlangen. Wenn jemand aus seinem freien Willen heraus Atheist ist und er tritt in die Anthroposophische Gesellschaft ein, um in freier Weise sich mit dem, was da gemacht wird, auseinanderzusetzen, so kann er das durchaus. Es ist vielleicht in der Realität die einzige Möglichkeit, das zu realisieren, was der Anzengruber sagt: So wahr ein Gott im Himmel ist — ich bin ein Atheist! — Das ist ein berühmter atheistischer Schwur.
Aber man muß sich klar sein darüber, daß das, was in der Anthroposophischen Gesellschaft [richtig] ist, nicht eigentlich möglich ist für Sie, denn Sie schaffen doch aus einer gewissen Kontinuität heraus, Sie erkennen gewisse Voraussetzungen an. Nur würde ich zum Beispiel nicht glauben, daß der erste Punkt in einer so strikten Weise eingehalten werden muß. Ich würde zum Beispiel gar nicht der Meinung sein: «Ich erkenne an, daß die Anthroposophie in entscheidenden Punkten die für eine religiöse Erneuerung heute vorauszusetzende neue Weltanschauung ist.» Ich würde von meinem Gesichtspunkt aus — aber ich erzähle nur das, was ich meine —, ich würde also zum Beispiel lieber sagen: Ich erkenne an, daß man heute für eine religiöse Erneuerung notwendig hat, sein Augenmerk hinzuwenden nach denjenigen Erscheinungen, die heute aus ursprünglichen Quellen heraus behaupten, zur übersinnlichen Welt zu kommen, wie zum Beispiel die Anthroposophie. — Ich würde meinen, daß die Sache so besser läge. Aber, wie gesagt, ich will niemanden beeinflussen. Und ich will durchaus nicht einmal, daß Anthroposophie heute in der Welt dadurch vertreten werden sollte, daß man sagt, man müsse an sie anknüpfen, obwohl ich auch glaube, daß dasjenige, was ich gesagt habe, mehr im Geiste der Anthroposophie gesprochen ist, als wenn man sie, wenn auch in sehr freiem Sinne, zu einer Art Dogmatik macht, was sie gar nicht ist in Wirklichkeit.
Das sind die Dinge, die ich sagen wollte.
Korrigierte Fassung der Erklärung
Ich erkläre meine Entschlossenheit, nach Maßgabe folgender Leitsätze mitzuarbeiten bei den Bemühungen um eine umfassende und eingreifende religiöse Erneuerung, wie sie eingeleitet worden sind von den Veranstaltern des von Dr. Rudolf Steiner geleiteten religiösen Lehrkursus vom 12. bis 16. Juni 1921 in Stuttgart. 1. Ich erkenne an, daß heute jede Bemühung um die religiöse Erneuerung zusammengehen muß mit der Bemühung um eine neue Weltanschauung, die behaupten kann, aus ursprünglichen Quellen heraus zur übersinnlichen Welt zu kommen, wie z.B. die Anthroposophie. 2. Ich erkläre meine Bereitschaft zur Vorbereitung und Gründung freier Gemeinden durch Realisierung der aus anthroposophischen Erkenntnisquellen gewonnenen Kultformen und Anregungen für Predigt und Unterweisung. Ein Anknüpfen innerhalb der Kirchen werde ich nur dort anstreben, wo ich gewiß bin, daß die Reinheit des Impulses dadurch nicht gefährdet wird. 3. Um der Geschlossenheit des Vorgehens willen verpflichte ich mich, keine der Kultformen anders und zu früherer Zeit zu benutzen, als durch gemeinsame Regelung festgesetzt wird. 4. Zur Erlangung der Eignung für den verantwortungsvollen Priesterberuf bin ich gewillt, mich durch intensives Einarbeiten in den Geist sakramentalen Priesterwirkens einzuleben. 5. Ich bin bereit, nach Kräften ernste, geeignete Mitarbeiter zu werben. 6. Alles mir mündlich, schriftlich oder gedruckt mitgeteilte Material, ebenso die Namen aller in der Bewegung stehenden Persönlichkeiten, werde ich vertraulich behandeln. 7. Falls ich obige Verpflichtungen rückgängig machen sollte, verzichte ich auf jegliche Verwendung anthroposophisch fundierter Ritualien. 8. Ich schließe mich denjenigen Persönlichkeiten an, die während des Dornacher Kursus im Oktober 1921 zur Ermöglichung der geordneten und einheitlichen Weiterführung der gemeinsamen Bemühungen Lic. Emil Bock mit der Leitung der Arbeit betraut haben, mit der Maßgabe, daß derselbe in Verbindung mit Lic. Dr. Rittelmeyer, (falls dieser damit einverstanden ist) und den weiterhin zu kooptierenden Persönlichkeiten für die Ausführung der notwendigen Arbeiten Sorge trägt. Die Leitung hat zunächst folgende Aufgaben: a. Die Vermittlung des Gedankenaustausches sämtlicher Mitarbeiter untereinander. b. Die Leitung der Werbetätigkeit, die der Ordnung halber folgendermaßen gehandhabt werden wird: Die Teilnehmer des Dornacher Kursus, die nicht in Dornach die Unterschrift zu der vorliegenden Erklärung leisten konnten, werden durch eine Rundbrieforganisation in Verbindung gehalten. Ihre Unterschrift kann jederzeit ohne weiteres entgegengenommen werden. Bei neuhinzutretenden Mitarbeitern ist die Verpflichtung auf die vorliegende Erklärung und die Bürgschaft eines mitunterzeichneten Teilnehmers am Dornacher Kursus erforderlich. Jeder neu hinzutretende Mitarbeiter soll nach Kräften die Teilnahme an einer 3- bis 4tägigen Tagung ermöglichen, die Anfang Januar 1922 an noch zu bestimmendem Orte stattfinden wird. c. Die Verwaltung aller Kursus-Nachschriften, die geistiges Eigentum von Dr.Steiner sind und über die nur mit seinem Einverständnis verfügt werden kann und des sonstigen Materials. Zum Erwerb der Nachschriften sind nur Unterzeichner der vorliegenden Erklärung berechtigt. Weitergabe an zu Werbende ist erst nach Verständigung mit der Leitung möglich. In besonderen Fällen kann die Leitung die Nachschriften den noch nicht unterzeichneten Kursusteilnehmern zugänglich machen. d. Regelung der wissenschaftlichen Vorbildungsbedingungen von Fall zu Fall. Der Regel nach soll für die angestrebte Realisierung des gemeinsamen Wollens in der Öffentlichkeit gründliche theologische Durchbildung und ein akademisches Abschlußexamen für die gegenwärtige Zeit Bedingung sein. Nicht-Theologen sind gehalten, nach Möglichkeit an den von der Leitung veranstalteten Anleitungskursen teilzunehmen.