Lectures on Christian Religious Work II
GA 343 — 4 October 1921, Dornach
Sechzehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich versuchte gestern durch eine Art historische Betrachtung, die aber einen geistig-christlichen Inhalt haben sollte, heraufzuführen bis in das Bewußtsein der Gegenwart. Die Betrachtungen, die nun nach dieser Richtung folgen werden, können etwa eingeschaltet werden in dasjenige, was uns noch zu besprechen obliegt. Ich wollte gestern so weit kommen, um heute von einem ganz Konkreten, das sich nun auf das gegenwärtige Bewußtsein bezieht, sprechen zu können. Ich muß aber eine Bemerkung vorausschicken, die zur Orientierung notwendig ist.
Sehen Sie, das, was die anthroposophische Bewegung, soweit ich sie zu vertreten für meine Pflicht halte, wollen kann, ist niemals etwas anderes, als dasjenige in die Welt zu setzen, was schon gegenwärtig deutlich erkennbar ist als Forderung der Welt, also das, was von irgendeiner Seite her gewissermaßen verlangt wird; das Verlangen braucht ja nicht immer in deutlich ausgesprochenen Worten zu bestehen. Aber man muß das durchaus als etwas betrachten, was ich für notwendig ansehe für die anthroposophische Bewegung, daß sie in keiner Weise in dem Sinne auftritt, den man agitatorisch nennt. Heute werden ja alle Worte mißverstanden, und so kann man ja auch, wenn man mißverstehen will -— wenn man im Sinne des so dankenswerten gestrigen Vortrages [von Pastor Geyer] den bösen Blick haben will —, dasjenige, was von anthroposophischer Seite geschieht, als agitatorisch definieren. Aber auf der anderen Seite kann man schon ganz ehrlich und wahrheitsgemäß sagen, daß von mir selbst nichts vorgenommen wird, was agitatorisch ist. Öffentliche Vorträge zu halten kann keine Agitation sein, denn es handelt sich darum, in welchem Sinn man sie hält und wieweit man sie nach seinem besten Wissen aus der ganzen Konfiguration des Geisteslebens der Gegenwart entnehmen kann; es handelt sich darum, daß sie gefordert sind aus der Zeit selbst heraus. Jeder kann nach einem öffentlichen Vortrag weggehen und sagen: Damit will ich nichts zu tun haben. — Nun, in diesem Sinn ist alles gehalten. Daher bitte ich Sie auch, wenn ich von den Dingen spreche, von denen ich heute sprechen werde, eben ins Auge zu fassen, daß diese Dinge durchaus so gehalten sind, daß sie durch die Verhältnisse gewissermaßen direkt verlangt worden sind.
Dies mußte ich vorausschicken, weil ich nun das folgende besprechen will. Als wir in Stuttgart die Waldorfschule begründet hatten, mußte in dem Sinne der Absicht, daß die Waldorfschule absolut nicht eine Weltanschauungsschule sein sollte, sondern daß sie eine Schule sein sollte, in welcher bloß didaktisch und pädagogisch, also in der Handhabung des Unterrichtes dasjenige vertreten werden sollte, was aus der Anthroposophie kommen kann, die Einrichtung getroffen werden, daß das eigentliche Religiöse, also in diesem Sinne das Weltanschauliche, übertragen wurde den Seelsorgern der betreffenden Konfessionen. So wurde also der Religionsunterricht der römisch-katholischen Kinder übertragen dem römisch-katholischen Seelsorger, der Religionsunterricht der evangelischen Kinder den evangelischen Seelsorgern, die hauptsächlich darauf bedacht waren, daß möglichst viele hineinkommen, damit der einzelne möglichst wenig zu tun hat. Übrigens haben wir diese Erfahrung auch bei den katholischen Seelsorgern gemacht; wir haben sogar erst nach langem Suchen jemanden bekommen, der den Mut gehabt hat, in dieses «Teufelshaus» hineinzugehen. Nun, dies ist also Prinzip, den betreffenden Seelsorgern den Religionsunterricht zu übertragen. Selbstverständlich mußte dann auch den Dissidenten-Kindern respektive ihren Eltern gestattet sein, auf ihre Weise zu einer religiösen Unterweisung zu kommen; und sehr bald hat sich ergeben, daß von einem gar nicht kleinen Kreise gewünscht worden ist, daß ein Religionsunterricht, der nun ganz aus der anthroposophischen Bewegung herausfließt, gerade für die Dissidenten-Kinder gegeben werde. Sie müssen ja ins Auge fassen, daß das im Grunde genommen schon ein beträchtlicher Fortschritt im Sinne religiöser Gesinnung ist, denn die Waldorfschule wurde zunächst gegründet für die Kinder [von Arbeitern] der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, also in der überwiegend großen Mehrzahl für Kinder von proletarisch-sozialdemokratischen [Eltern], und es war die Dissidenten-Gesinnung diejenige, die eigentlich vorwiegend vertreten war. Diese Kinder hätten, wenn sie in eine gewöhnliche Schule geschickt worden wären, überhaupt an keinem Religionsunterricht teilgenommen, sie wären nicht dazu gezwungen gewesen — [ein Zwang] würde ja eigentlich der religiösen Gesinnung widersprechen. Bei uns handelt es sich darum, daß gerade für diese Kinder ein Religionsunterricht gefordert worden ist, daß also das religiöse Bedürfnis aus völliger Freiheit heraus kam. Für meine Meinung bedeutet das einen Fortschritt in der religiösen Gesinnung. Wir waren gewissermaßen gezwungen, einen Religionsunterricht im Sinne der anthroposophischen Weltanschauung einzurichten, und ich suchte das in der Weise zu tun, daß davon tatsächlich prinzipiell getrennt wurde die Leitung der Schule, die absolut neutral sich zu diesen Dingen verhalten sollte, die es nur als ihre Aufgabe betrachtet, pädagogisch-didaktisch zu wirken. Ich betrachte es als eine durchaus prinzipiell wichtige Sache, daß die Leitung der Schule selbst und alles das, was in die Leitung der Schule einfließt, nichts zu tun hat mit diesem Religionsunterricht, so daß die Vertreter dieses Religionsunterrichtes geradeso in die Schule hineingestellt sind wie der römisch-katholische und die verschiedenen evangelischen Religionslehrer. Altkatholiken gab es da nicht, sonst würde auch für die gesorgt worden sein.
Damit war also der anthroposophische Religionsunterricht, wie man ihn vielfach nannte - ich selber halte nicht viel von Namen -, inauguriert und wurde nun auch in der Weise begonnen, wie man ihn nach der anthroposophischen Überzeugung führen muß, nämlich dadurch, daß er möglichst ins Leben hineingestellt wird, und daß gewissermaßen Bibelerkenntnis und namentlich Evangelienerkenntnis als die Krönung des ganzen Religionsunterrichtes herauskommen. Nun, ich sage, das Evangelium wird als die Krönung betrachtet, so daß also dieser Religionsunterricht, in dem es alle möglichen Kinder durcheinander hat, das heißt Kinder, die herausgewachsen sind aus katholischen, protestantischen oder jüdischen Untergründen, durchaus in einem christlichen Sinn gehalten ist, und das hängt natürlich damit zusammen, daß die ganze Waldorfschule in bezug auf ihre Imponderabilien überhaupt einen absolut christlichen Charakter hat. Das würden diejenigen, die für so etwas eine Empfindung haben, sehr bald merken, wenn sie nur die Waldorfschule betreten würden.
Was dann notwendig geworden ist — nicht von unserer Seite, denn wir möchten entgegenkommen, nicht agitieren —, das hat man sehr bald gesehen: man braucht bei den Kindern, die unseren anthroposophischen Religionsunterricht erhalten, dasjenige, was dann eine Sonntagshandlung geworden ist. Danach war zunächst ein sehr lebhaftes Begehren, eine solche Sonntagshandlung zu haben, das heißt also, die Kinder, welche anthroposophischen Religionsunterricht erhalten, zu einer Art Zeremonie am Sonntag zu versammeln. Und aus Gründen, die zusammenhängen mit der ganzen Grundeinstellung der Waldorfschule zur Öffentlichkeit, die uns ja nicht sehr geneigt ist, müssen wir diese Sonntagshandlung vollziehen vor den Kindern in Gegenwart der Eltern, oder, wenn es sich um Pflegeeltern handelt, sagen wir, bei solchen Kindern, die in Stuttgart erzogen werden, deren Eltern aber weit weg von Stuttgart sind, in Gegenwart der Pfleger, die in Stuttgart anwesend sind. Wer nichts dabei zu suchen hat, wer aus bloßer Sensation zu dieser Sonntagshandlung gehen will, wird nicht zugelassen, aber diejenigen, die für die Kinder verantwortlich sind, vor denen wird durchaus mit den Kindern diese Sonntagshandlung vollzogen.
Nun handelte es sich darum, für diese Sonntagshandlung ein Ritual zu finden. Dieses Ritual werde ich jetzt ein wenig vor Ihnen besprechen und möchte gleich bemerken: Ich werde in den nächsten Tagen für dasjenige, was das Ritual überhaupt betrifft, noch einiges zu sagen haben über Geräte und dergleichen, aber wir sind ja durchaus in dem Werdeprozeß, so daß eigentlich diese Dinge, die auch einmal in Betracht kommen werden für uns, noch weniger in Betracht kommen in der Waldorfschule, Es handelt sich also darum, daß Sie die Sache als eine werdende betrachten, daß Sie sie so betrachten, daß eben nur dasjenige zunächst gemacht werden kann, was mit vollem Leben durchsetzt werden kann. Gerade aber dadurch, glaube ich, werden wir uns gut verständigen können, daß Sie eben von nichts Leblosem, sondern von etwas Lebendigem einen Bericht werden erhalten können, und wir werden dann um so leichter aufsteigen können zu dem, was — wenn ich einen prosaischen Ausdruck verwenden darf — projektiert werden muß in bezug auf Ritual, Zeremonie, Sakrament, Kultus und so weiter. Bei dem gesamten Kultus ist zum Beispiel das Gewand des Zelebrierenden keine Kleinigkeit, sondern etwas Wichtiges; allein, davon werde ich später sprechen.
Es handelt sich — bitte mißverstehen Sie den Ausdruck nicht — bei der Empfängnis des Rituals wirklich nicht darum, daß man bei dem Ritual intellektuell etwas zusammenstellt, sondern daß dieses Ritual aus der geistigen Welt empfangen ist. Es handelt sich bei dem Ritual darum, daß gegenwärtig noch eine außerordentliche Schwierigkeit besteht; wenn man so etwas real betrachtet, liegt schon die Schwierigkeit vor, daß ja eigentlich, wenn man gleich radikal zu Werke gehen würde, bei einer solchen Sonntagshandlung die Kommunion notwendig wäre. Nun, nach den ganzen Zeitverhältnissen ist es nicht möglich, heute in einem solchen Ritual für die Kinder der Waldorfschule bis zum Vollzug der Kommunion zu gehen; es läßt sich das nicht machen. Daher war es notwendig, dasjenige, was in der Kommunion später vollzogen werden soll, zunächst, ich möchte sagen, mehr heraufzuheben ins Geistige und im Geistigen zu handhaben. Sie werden überhaupt sehen, daß bei der allmählichen Einführung von Ritualien Sie den Weg werden machen müssen von dem Worte, ich möchte sagen, von dem Worte, das potentiell die Handlung in sich trägt, bis zu dem eigentlichen Vollzug der Handlung. Das wird ein Weg sein, den Sie werden eben durchmachen müssen. Sie werden nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen können, sondern Sie werden den Weg durchmachen müssen von der durch das Wort angedeuteten Handlung, wobei Sie sich bewußt sein müssen, daß das ein Anfang ist zu der voll vollzogenen Handlung.
Nun darf aber niemals ein Ritual eben bloß intellektuell zusammengestellt sein, sondern es muß im lebendigen Weltprozeß drinnen leben. Dazu, meine lieben Freunde, ist ja eines notwendig: Es ist durchaus notwendig, daß man das sehr streng berücksichtigt, was gegenüber einem Ritual vorliegen muß. Meine lieben Freunde, wenn wir von Mensch zu Menschen sprechen, dann müssen wir uns klar sein darüber, daß unserer Rede immer zugrundeliegen muß dasjenige, was einzig und allein in der überzeugenden Kraft des Inhaltes unserer Rede liegt. Wenn wir die gegenwärtige Zeit auch im religiösen Sinne recht verstehen, so müssen wir uns klar sein, daß wir durch die Rede, die wir von Mensch zu Menschen oder von Mensch zu einer Menschenversammlung sprechen, durch nichts anderes zu wirken haben als durch dasjenige, was bei dem Sprecher aus seiner eigenen Überzeugung und aus der Kraft der eigenen Persönlichkeit fließen kann. Also Reden, welche ein suggestives Moment enthalten würden — so wie wir das Wort in Mitteleuropa gebrauchen, nicht wie es in Westeuropa gebraucht wird —, wären im Sinne unserer heutigen Weltverfassung absolut verwerflich, weil wir durch die Menschheitsentwickelung dazu gekommen sind, daß, wenn wir das Wort handhaben können in einer freien Weise, wir in das Wort hineinlegen müssen dasjenige, was unsere errungene eigene persönliche freie Überzeugung ist. Dieser eigenen persönlichen freien Überzeugung darf, wenn das Geistesleben in voller Realität genommen wird, niemals etwas Suggestives aufgedrängt werden, sondern man muß sich durchaus so verhalten, daß die Zustimmung von dem anderen aus völliger Freiheit heraus kommt. Das ist die Voraussetzung eines jeden zukünftigen religiösen oder geisteswissenschaftlichen oder sonstigen Wirkens. Wenn jemand die Rede mißbrauchen würde zur Magie, so wäre das im Sinne desjenigen, was Anthroposophie vertreten muß, ein im eminentesten Sinne Irreligiöses, ja eine ungöttliche Hantierung, es wäre in dem strengen Sinne, wie es die Anthroposophie auffassen muß, eine Sünde wider den Heiligen Geist. Denn die Rede darf nur durchdrungen sein von jener Heiligung, die man nennen kann die Heiligung durch den Heiligen Geist, und muß beobachten im Menschen absolut das Prinzip der unmittelbar vollständig freien Überzeugung, die es vor dem Mysterium von Golgatha überhaupt nicht hat geben können in der Menschheitsentwickelung, weil man überhaupt an dem Menschen abgeprallt wäre mit dem Worte, wenn das Wort nur die Kraft gehabt hätte, die es heute allein haben darf. Damals mußte es suggestiv wirken, weil eben die menschliche Organisation darauf angelegt war. Darum mußten auch auserwählte Führer da sein, wie ich gestern gesagt habe, und es durfte damals auch durch das Wort gewirkt werden in einem Sinne, wie es bloß im Geiste geschieht, indem man sich bewußt wurde, man redete im Geiste, nicht aus seiner eigenen Kraft, sondern aus der Kraft des in einem lebenden Gottes, des Nous oder des Logos. Man muß sich bewußt sein, daß dies heute unmöglich ist, und daß heute nur aus dem Heiligen Geiste heraus gesprochen werden darf; das ist aber das Wort, dem allein antwortet die freie Überzeugung dessen, der das Wort hört. Es muß also heute alle Unterweisung in dem Zeichen des Heiligen Geistes geschehen. Daher müssen wir uns sehr klar darüber sein, daß alles dasjenige, was von Worten hinüberfließt in die Handlung, nur allein im christlichen Sinne so vollzogen werden darf, wenn bei dem Vollziehenden das Paulus-Bewußtsein vorhanden ist: Nicht ich, sondern der Christus in mir! — Nichts darf an einer Handlung, die so vollzogen wird, ohne das Bewußtsein ausgeführt werden: Die Handlung wird vollzogen als ein innerliches göttliches Gebot, als dasjenige, was im Sinne des Christus-Auftrages selber vollzogen wird.
Wir müssen uns klar sein, daß wir nur das Werkzeug sind, um den Christus zu den Menschen sprechen zu lassen. Das ist bei Kindern ganz besonders schwierig, weil bei den Kindern das in eingeschränktem Maße gilt, was ich auseinandergesetzt habe für den vollentwickelten mündigen Menschen. Daher müssen wir auch einen Unterschied machen in dem, was wir tun dem Menschen gegenüber, den man bereits des Altarsakramentes für würdig hält, und demjenigen gegenüber, den wir als noch zu kindlich betrachten, um das Altarsakrament zu empfangen. Das muß in jeder Handlung einfach liegen, was ich jetzt auseinandergesetzt habe. Ohne dieses hier Zugrundeliegende wäre die Handlung etwas absolut Unmögliches.
Es handelt sich darum, unter diesen Gesichtspunkten die Sonntagshandlung zu finden, und ich bitte, indem ich sie Ihnen schildere, sie eben nur von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten. Wir müssen dabei heute noch manches in der Auseinandersetzung übergehen, was zwar einen Zukunftswert hat, auf den wir uns aber heute noch nicht einzulassen brauchen. Man würde natürlich eigentlich nicht bloß das getragene, das gesprochene Wort haben müssen in der Zukunft, sondern auch das, was im älteren Sinn durchaus auch zum Kultus gehörte: das Rezitativ. Aber das ist etwas, was heute ebenfalls noch nicht durchgeführt werden kann, weil einfach das Rezitativ heute noch auf den Menschen zu suggestiv wirken würde; wir würden ihn unfrei machen. Daher dürfen schon die Zeremonien nicht anders vorgenommen werden denn als Anfangszeremonien, Anfangskultus, von dem ich Ihnen nun sprechen will.
Die Sonntagshandlung wird nun so vorgenommen, daß sich die Kinder zu versammeln haben vor der Eingangstür zu dem Raum, in dem die Sonntagshandlung vollzogen wird. Es steht an der Türe jemand, welcher zunächst das Kind darauf aufmerksam zu machen hat, daß es in einer ganz besonderen Stimmung in diesen Raum einzutreten habe. Daher wird das Kind, indem es in den Raum eintritt, an der Hand genommen, und ihm wird gesagt:
Du weißt, du gehst zu der Handlung,
Die deine Seele erheben soll zu dem Geiste der Welt.
Ich erzähle Ihnen zunächst. Ich werde später davon sprechen, wie in einem völlig christlichen Sinn die Sache ausgeführt werden kann, nicht in einem anthroposophischen Sinn, der ja noch anders die Sache gestalten muß, der aber durchaus sie so gestaltet, daß sie zum Christlichen hingeführt wird. Ich mache Sie aufmerksam darauf, daß das, was hier ausgeführt wird, eben deshalb ausgeführt wird, weil ein anthroposophischer Religionsunterricht verlangt worden ist, der auch nur hervorgehen kann aus demjenigen, was Anthroposophie schon heute ist und sein darf.
Also das Kind wird empfangen mit den Worten, indem es begrüßt wird durch Berührung mit der Hand:
Du weißt, du gehst zu der Handlung,
Die deine Seele erheben soll zu dem Geiste der Welt.
Dann betritt das Kind den Raum, der verhältnismäßig außerordentlich einfach zunächst ist. Er hat eine Art Altar an der einen Wand, auf diesem Altar stehen sieben Lichter — wir werden über diese sieben Lichter noch zu sprechen haben in dem ganzen Zusammenhang -, und es muß sich über dem Altar befinden ein Christus-Bild. Da ich noch nicht in der Lage war, irgendein besseres Christus-Bild zu haben, so wird in der Stuttgarter Waldorfschule dazu das Bild verwendet, welches von Leonardo da Vinci als das Bild des jugendlichen Christus gemalt wurde. Das ist aber noch eine Unvollkommenheit, man kann aber immer nur das tun, was aus realen Verhältnissen heraus möglich ist.
Nun wendet sich zuerst der Handelnde, der mit dem Antlitz zum Altar gerichtet ist, also mit dem Rücken zu den Kindern, während sie eintreten, um und wendet sich zu den Kindern. Er spricht nun Worte zu den Kindern, in denen durchaus schon Rituelles ist, in denen durchaus die Formulierung der Sätze so ist, daß der Ablauf der Worte sich in einem Elemente bewegt, wo der Mensch sagen kann, nicht er spricht, sondern er bringt dasjenige, was der Christus zu sagen hat, in ihm zur Sprache. Es spricht also der Handelnde:
Wir erheben jetzt die Gedanken und Empfindungen zu dem Geiste,
Zu dem Geiste, der lebet und wirket,
Der lebet und wirket in Stein, Pflanze und Tier;
Der lebet und wirket in Menschendenken und Menschentun, Der wirket in allem Wirkenden,
Der lebet in allem Lebenden,
Der das Lebende in den Tod führt, auf daß es neu lebe,
Der das Tote ins Lebende führt, auf daß es den Geist schaue.
Es ist jedes Wort abgewogen, nicht nur so weit, daß es als Wort dasteht, sondern es steht auch jedes Wort an seinem richtigen Orte und im richtigen Verhältnis zum anderen Worte. Nachdem der Handelnde dieses gesprochen hat, wendet er sich zu dem Christus-Bilde und spricht mit zu dem Christus-Bilde hin erhobenen Armen die folgenden Worte:
In ihm nahm Leib an, der da wirket als Geist im All.
Christus starb.
Er wurde lebendig im Sein der Menschen,
Die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen.
Auch unser Herz wende sich zu ihm,
Es durchdringe sich mit seiner Kraft,
Auf daß er in ihm wirke,
Auf das er durchdringe
Unser Denken, Fühlen und Wollen.
Das ist also die Hinlenkung zu dem Christus-Geiste der Welt. Nunmehr spricht der Handelnde, indem er sich zu den Kindern wendet, mit segnenden Händen. Die segnende Gebärde besteht darin, daß die zwei Finger zusammengenommen werden und die Hände in dieser Weise ausgebreitet werden. [Die Gebärde wird gezeigt.] Nun handelt es sich darum, daß eben der Moment eintritt, in dem die Kommunion vollzogen werden sollte oder etwas Kommunionartiges. Es ist also dann so, daß sich der Handelnde zu den Kindern wendet. Nachdem er die Worte, die ich ausgedrückt habe, gesprochen hat, wendet sich der Handelnde zu den Kindern und spricht, indem er sie gewissermaßen vorbereitet zu demjenigen, was als ein Ersatz für den Empfang der Kommunion gesprochen werden soll:
Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu verstehen.
Wir lernen, um in der Welt zu arbeiten.
Die Liebe der Menschen zueinander belebt alle Menschenarbeit
Ohne die Liebe wird das Menschensein öde und leer.
Christus ist der Lehrer der Menschenliebe.
So weit spricht der Handelnde zu den Kindern über das Verhältnis, in dem der Christus zu ihnen steht. Nun folgt das gemeinsame Gebet, das chormäßig gesprochen wird:
Wir erheben all unser Empfinden und Denken zum Gottesgeiste.
Wir verehren den Gottesgeist. Wir lieben den Gottesgeist.
Wir werden gedenken des Gottesgeistes,
Wenn wir allein sind,
Und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind.
Dann wird er mit uns sein.
Sie müssen alle Einzelheiten beachten. Sie müssen insbesondere Ihre Aufmerksamkeit darauf wenden, daß hier dieses Wenden zum Gottesgeiste verlangt wird, «wenn wir allein sind, und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind».
Nun folgt eben dasjenige, was zunächst wie eine Art Surrogat der Kommunion eingeführt werden muß, das eben die verschiedenen Formen annehmen kann, insofern man sie schon Kindern geben oder ihnen einen hinweisenden Ersatz dafür geben kann. Wir können nicht mehr tun, als daß der Handelnde an jedes einzelne Kind herantritt und spricht, indem er dem Kinde die Hand auflegt oder die Hand reicht - also das wird zu jedem einzelnen Kinde gesprochen, indem die ganze Reihe [der Kinder] durchgegangen wird, vordem war es nur zu ihrer Gesamtheit gesprochen:
Der Gottesgeist wird sein mit dir, wenn du ihn suchest.
Das Kind antwortet:
Ich will ihn suchen.
Sie müssen das also nicht als eine Belehrung auffassen, sondern als eine Zeremonie.
Nun tritt der Handelnde wiederum zum Altar zurück und spricht mit segnenden Händen:
Ich rufe zum Gottesgeist,
Daß er sei bei euch, wenn ihr ihn suchet.
Hierauf wird das Evangelium-Kapitel vorgelesen, das eben zu der betreffenden Zeit in richtiger Weise vorgelesen werden muß. Über die Verteilung der Evangelien-Kapitel auf die Zeiten des Jahres werden wir noch zu sprechen haben. Dann singen die Kinder ein Lied, das Bezug hat durchaus auf die ganze Handlung, und zuletzt spricht der Handelnde:
Liebe Kinder! Ich entlasse euch nun, Aber behaltet in guten Gedanken, Was ihr hier gehört, empfunden, gedacht habt.
Dann folgt noch eine entsprechende Musik. Dann verlassen die Kinder den Saal, nachdem der Handelnde vom Christus-Bilde zurückgetreten ist.
Der Handelnde kann sich in der Weise in die richtige Gesinnung einführen, daß er vor der Handlung zu sich selber spricht:
Durch Deine Kraft, O Gottesgeist,
Soll ich zu Dir weisen
Die mir anvertrauten Seelen.
Dein Licht erhelle meines Denkens Umkreis,
Deine Lebenswärme durchkrafte meines Fühlens Mitte,
Deine Seelenkraft durchgeiste meines Wollens Strahlenleib,
Sei in dem Dienst, den ich Dir leisten will.
Durch diese Worte, die er in Gedanken zu sich spricht, wird der Handelnde, bevor die Kinder eingelassen werden, sich vorbereiten.
Ich sage ausdrücklich, Sie müssen das durchaus im Sinne eines Rituals gedacht verstehen, Sie müssen es nicht auffassen wie eine Lehrunterweisung. Dem wird entgegengearbeitet dadurch, daß eben in den entsprechenden Religionsstunden der Religionsunterricht gegeben wird. Da ist dann Lehre, da ist nicht Kultus.
Der Kultus, der vollzogen wird, meine lieben Freunde, der wirkt, wenn er in der richtigen Weise und in der richtigen Gesinnung vollzogen wird, eben nicht als Menschenlehre. Das muß durchaus ins Auge gefaßt werden. Und nur so werden Sie verstehen können, wie vorsichtig die ganze Sache, um die es sich hier handelt, gemacht wird. Es kann auch nur so gemacht werden, daß zu dem ganzen Geist der Sache erst ganz allmählich fortgeschritten wird, und wir kommen eigentlich zu dem Ausbau der Sache durchaus langsam, denn wir können eben gewissermaßen nur den Zeichen der Zeit antworten, die von uns gesucht werden zu verstehen.
Nun handelt es sich natürlich darum, daß die besonderen Festzeiten des Jahres dem Kinde in der Weise, wie es christlich sein muß, ebenfalls durch den Kultus zum Bewußtsein kommen. Und so möchte ich Ihnen als ein Beispiel dafür zunächst anführen die Weihnachtshandlung — über andere werden wir später sprechen -, die als eine besondere hinzugefügt wird zu den Sonntagshandlungen, beziehungsweise die vollzogen würde an einem Sonntag, wenn der Geburtstag des Christus Jesus auf einen Sonntag fallen würde. So ist es vorläufig. Ich kann nicht sagen, wie sich in der weiteren Entwikkelung die Dinge ausnehmen werden. So ist es vorläufig nach dem, was wir können.
Zu dieser Weihnachtshandlung geschieht der Eintritt auf gleiche Weise wie sonst bei den Sonntagshandlungen. Wenn die Kinder sich versammelt haben, wendet sich der Handelnde zu den Kindern und spricht zu ihnen:
Liebe Kinder, Wir leben in Winters Anfang,
Unsere Augen sehen nur wenig die äußere Sonne,
Spät erscheinet sie und früh verschwindet sie.
Im Innern aber schaut unser Seelenauge
In Winters Kälte und Winterdunkel:
Des Christus hell leuchtende Geistessonne,
Die durch Jesus der Menschheit
Aus göttlichen Reichen erschienen ist. In demütiger Hirten Seelen
Ward gehört der Himmel Wort:
Es offenbaret Gottes Geist sich in Höhen,
Und er bringet Frieden den Erdenmenschen,
In deren Herzen guter Wille wohnet.
Und die Hirten waren geleitet
Durch der Himmel erhabnes Wort,
Und sie suchten des Gottes Geist
Nach der Verkündung auf Erden.
An der Armut Stätte fanden sie
Das Kind Jesus, der dann wurde
Der Christus. Es ward die erste Weihnacht der Welt
Als die demütigen Hirten
Betenden Herzens knieten
An der Armut Stätte vor Jesus, dem Kindlein,
Durch das des Geistes Licht
Erschien den Erdenmenschen. Durch den Christus
Der da ist die Geistessonne Werden wir finden
Den Weg in Geisteshöhen,
Und so werden
Erst wahre Menschen.
So dachten die demütigen Hirten
In ihren ahnenden Seelen,
Als sie schauten das Licht,
Das leuchtete aus des Kindleins Augen
In der ersten Weltweihnacht. Und als schauten das Licht
Die demütigen Hirten
Da ward ein neuer Weltenanfang:
Der Menschheit Christzeit begann.
Und hell kann es werden seither
In der Menschen Herzen,
Die da lernen in Liebe
Zu sagen: sieh, es ist der Christus
Durch den die Seele findet
Den Weg in des Geistes
Sonnenhelles Reich. Und hell wird es bleiben
In der Menschen Herzen,
Die liebend erfühlen
In ihrem tiefsten Innern
Das Licht, das da leuchtet
Auf dem Weg in des Christus
Sonnenhelles Reich. In der Menschen Herzen
Wird des Winters dunkle Nacht
Zum hellen Geistestage
Wenn die Seele sich weihet
Dem Lichte, das durch Jesus
Erstrahlet dem Erdenleben.
Der die Handlung Vollziehende geht wie sonst zu jedem einzelnen Kinde und spricht zu ihm:
Erhebe die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste.
Dann spricht er, nachdem er wieder nach vorne gegangen ist, zu den Kindern:
Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste,
Er ist das Licht
Das leuchtet in der Menschen Herzen
Auf daß sie finden
Den Weg zum Gottesreiche.
Nunmehr sollte ein für die Weihnacht geeignetes Musikstück ertönen, dann spricht der die Handlung Vollziehende weiter:
Durch Geistes Heilesmacht,
In Welten Weihenacht,
Ist Seelenlicht erwacht,
Hat Menschenkraft gebracht,
Hat Herzensmut gebracht,
Nachdem es einst erwacht
Aus Zeiten Weihenacht
Zu ew’ger Heilesmacht. Der Mensch erfüllet sich
Mit wahrem Seelensinn,
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet
In starkem Denken
In innigem Fühlen
Zur Christuskraft,
Der Mensch erstarket sich
Durch wahre Geisteskraft
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet
Im hellen Denken
Im warmen Fühlen
Zum Christuslicht. Liebe Kinder:
Das alles haltet in eurem Herzen,
Traget es aus der heiligen Weihnachtzeit
In das Leben des ganzen Jahres.
Darauf kann natürlich folgen, in dem Sinne, wie wir das später zu besprechen haben, eine Vorlesung aus dem entsprechenden Evangelium.
Da wir Kinder aus allen Altersklassen in die Waldorfschule aufgenommen haben, waren wir sehr bald genötigt, auch eine Jugendfeier mit den Kindern zu begehen, die die Volksschule vollendet hatten und in das Leben hinaus gehen sollten. Diese Jugendfeier wird die Grundlage sein für ein Konfirmations- oder Firmungsritual. Der Text zu dieser Jugendfeier ist der folgende: Beim Eintritt, der sich in derselben Form vollzieht wie sonst, wird zu dem Kinde gesagt, zu jedem einzelnen, denn jedes einzelne wird besonders eingelassen:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben.
Nun werden die Kinder eingelassen, der die Handlung Vollziehende wendet sich zu den Kindern und spricht:
Liebe Kinder, gedenket der Wichtigkeit dieses Augenblickes in eurem Leben. Ihr tretet in ein neues Lebensalter. Von der Kindheit zur Jugend steiget ihr auf. Eure Lehrer haben euch geführt. Ihre Sorge war, daß der Gottesgeist leuchte in eurem Denken
krafte in eurem Fühlen
wirke in eurem Wollen. Den Christus, der gestorben ist, auf daß die Menschenseelen leben können, wollten euch weisen eure Lehrer, auf daß er sei: das Licht in eurer Seele
der Führer auf euren Lebenswegen
der Spender der Daseinsfreuden
der Tröster im Daseinsleide.
Der Handelnde wendet sich um und erhebt die Arme, wie ich früher gezeigt habe, zum Christus-Bilde, er spricht:
Du Licht der Seelen
Du Führer auf unsren Lebenswegen
Du Spender der Daseinsfreuden
Du Tröster im Daseinsleide
Zu dir sprach ich bittend Wenn ich Licht erflehte
Für dieser Kinder Denken
Wenn ich Kraft ersehnte
Für dieser Kinder Fühlen
Wenn ich Wirkensegen erstrebte
Für dieser Kinder Wollen;
So sende dein Licht
So spende deine Kraft
So lasse strömen deinen Segen
In dieser Stunde
Auf die, die uns anvertraut waren
Und die wir jetzt übergeben dem Leben
Auf daß sie
Denken durch dein Licht
Fühlen durch deine Kraft
Wirken durch deinen Segen
In all ihrem Erdenleben
Bis im Todesaugenblicke
Du sie führest in das Seelensein.
Denn Du hast gesprochen:
Nun folgt die Vorlesung des hohepriesterlichen Gebetes aus dem Johannes-Evangelium. Der Handelnde geht dann zu jedem einzelnen Kind, nimmt es bei der Hand und spricht zu ihm:
Durch den Geist des Christus
Der den Tod überwand
Auf daß der Menschenseele
Das Leben ward gerettet
Wurdest du geführt
Hier in dieser Kindesschule:
So leite der Christusgeist
Deine Lebenskräfte
Deine Seelenmächte
Deine Geistesziele
Durch des Lebens große Schule.
Der Handelnde begibt sich an seinen Platz zurück und spricht über das Osterfest in einer Rede, die etwa folgenden Inhalt hat - hier ist ihm vollkommene Freiheit gelassen, und dasjenige, was ich jetzt als eine Rede an die Kinder vorlesen werde, ist nur wie ein Appell zu verstehen:
Liebe Kinder. Im Frühling war’s, wo die Erde in ihren Pflanzen neues Leben findet, da der Christus auf Golgatha durch den Tod ging. Er starb. Aber er überwand den Tod. Als Sieger über den Tod lebet er mit den Menschen: er lebet in den Menschen, die ihn suchen, suchen mit all ihrem Denken, Fühlen und Wollen. Und jedesmal, wenn der Frühling das hohe Osterfest bringt, dann soll der Mensch, wenn er das neue Leben der Erde schaut, gedenken des Todes und der Auferstehung des Christus.
— Die Jugendfeier ist eben zu Ostern gedacht. —
Liebe Kinder, gedenket jedes Jahr zu dieser Osterzeit des Festes, das wir heute mit euch feiern und feiert es jedes Jahr neu, auf daß in euch der Gedanke belebt werde von dem Tode, der Auferstehung des Christus und von seinem Wohnen in den Seelen derer, die ihn suchen.
Dann folgt ein Gesang, so wie bei den Sonntagsfeiern, eben in der entsprechenden Weise für dieses Fest zubereitet. Zuletzt wird wiederum gesprochen:
Liebe Kinder, allsonntäglich habe ich euch
entlassen, euch auffordernd, zu gedenken,
was ihr hier erlebt habt;
jetzt entlasse ich euch
mit sorgender Seele
In das Leben.
Der Christusgeist sei mit euch
Suchet ihn
Ihr werdet ihn finden:
Als euer Licht
Als eure Kraft
Als euren Führer
Als euren Tröster.
Jedes Kind wird einzeln entlassen, man nimmt es an der Hand und spricht zu ihm:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben Vergiß ihn nimmer, nicht in Freud, nicht im Leide.
Dann wird das Kind entlassen, zunächst aus der Handlung. Das andere würde alles Unterweisung sein, würde nicht zu dem eigentlichen Ritual mehr gehören.
Ich habe Ihnen hier einige Beispiele gegeben davon, wie das lebendig erfaßt werden muß im religiösen Leben, wie das hineinfließen kann in einen Kultus, der nun auch ganz in lebendiger Weise gesucht wird aus demjenigen heraus, was eben erneutes religiöses Leben sein kann. Alles, meine lieben Freunde, ist im Anfange unvollkommen, und gegen jeden Anfang wird sich selbstverständlich vieles, vieles einwenden lassen. Nehmen Sie auch so etwas als einen Anfang hin, und wissen Sie, daß da, wo man in ehrlicher Weise einen solchen Anfang will, sich schon auch die Kräfte finden werden zur Verbesserung desjenigen, was in einem solchen Anfange gegeben werden kann. Ich meine doch, meine lieben Freunde, daß es sich nicht darum handeln kann, ein solches Kind eben im Anfang zu ersticken, sondern daß es sich lieber darum handeln sollte, zu arbeiten an dem, was gewollt wird. Selbstverständlich kann da, wo Lebendiges und nicht Dogmatisches gewollt wird, jede Einwendung nur willkommen sein. Es wird Ihnen aber gerade an diesem Beispiel klar sein können, wie überall eben aus dem Lebendigen heraus das Kultusartige gesucht werden muß. Ich habe Sie ja schon aufmerksam machen können auf den Gebetscharakter desjenigen, was der die Handlung Vollziehende selbst als vorbereitendes Gebet haben kann. In einer ähnlichen Weise wird ja jeder Unterrichtsmorgen von uns begonnen, natürlich in entsprechend einfacher Weise. Das natürlich geht nun hinaus über das Prinzip, wenn das Prinzip nur in ganz abstrakter Weise gefaßt wird. Wenn das Prinzip in ganz abstrakter Weise gefaßt werden würde, dürften wir natürlich überhaupt nicht irgend etwas an die Spitze des Unterrichtsmorgens stellen, sondern müßten glatt [mit dem Unterricht] anfangen. Das würde aber nach meiner Überzeugung ganz unmöglich sein, weil ja schließlich doch aller Unterricht Stimmung in sich haben muß und schließlich die christliche Stimmung nicht etwas sein kann, was ganz als ein Abstraktum über dem Ganzen schwebt, sondern was in jede Einzelheit hineingehen muß. Etwas Prinzipielles kann es im Leben der Welt überhaupt nicht geben, sondern es kann nur das sich in Leben Wandelnde geben. Das darf man nicht als eine Inkonsequenz betrachten, sondern als eine Forderung des Lebens selbst.
Sie sehen aber auch, daß wir in Gemäßheit desjenigen, was heute nur allein Gebrauch sein kann, durchaus stehenbleiben müssen soviel als möglich bei dem Worte, und nur das Wort selbst können wir umwandeln zur Handlung, denn Handlung liegt auch schon im Worte, insbesondere wenn das Wort im Zusammenhang des Lebens selber auftritt. Es ist durchaus so, daß bei einer solchen Jugendfeier nicht nur etwas besprochen wird, sondern es geschieht etwas, es geschieht etwas an den Seelen, nicht mit, aber an den Seelen der Kinder.
Vergleichen Sie damit nur, meine lieben Freunde, wie stark der Glaube war, man müsse in das Lehrgut, das man lehrhaft übermittelt, die Hauptsache legen. Das ist im Grunde genommen heute noch zu stark in allen Religionsbekenntnissen und in allen Religionsformen so; es wird zu sehr der Wert gelegt auf das Lehrgut als solches, auf seinen dogmatischen oder sonstigen Inhalt. Man muß allmählich aus dem bloß menschlichen Worte herauskommen und auf dem Umweg, dadurch, daß man sich bewußt ist, man schöpft das Wort aus den geistigen Welten heraus für die Zeremonie, vordringen zu dem Eintauchen wiederum des ganzen Zeremoniellen in eine Atmosphäre, wo gottesdienstliche Handlungen eben schon für sich ohne Opferhandlung vor sich gehen können.
Nun aber trat im Laufe der Zeit auch noch ein anderes heran und das ist: die Dissidentenkinder wollten auch getauft sein. Ich konnte mir ja bisher natürlich nur dadurch helfen, im wesentlichen wenigstens, daß denjenigen unter unseren Freunden, welche dem Berufe nach eine solche Handlung zu vollziehen haben, und welche zugleich davon durchdrungen waren, daß wiederum Leben in diese Berufe hineinkomme, zunächst ein Taufritual vermittelt wurde, wie es eben auch wiederum nur in Gemäßheit des Geistes der heutigen Zeit sein kann. Aber, meine lieben Freunde, bevor ich morgen zu diesem Taufritual übergehe, muß ich noch einige Bemerkungen machen, ohne die dieses Taufritual nicht verstanden werden könnte. Sehen Sie, ein Taufritual wäre unmöglich zu gestalten, wenn man nicht sein Weltverständnis und Gottesverständnis inspirierte durch dasjenige, was in früheren Zeiten, wo solche Dinge noch atavistisch lebten, in ein Ritual überhaupt hineingeflossen ist. Ich habe Sie auf Zeiten hingewiesen, in denen keine alchimistische Handlung — das heißt für die damalige Zeit: chemische Handlung - vollzogen wurde, ohne daß der betreffende Alchimist — das heißt in unserer Sprache: der Chemiker — das Evangelien-Buch vor sich liegen hatte in seinem alchimistischen Laboratorium. Man würde sich nicht als berechtigt angesehen haben, so sagten die Leute damals, ohne das Evangelium eine alchimistische Handlung im wahren Sinne des Wortes mit der rechten Gesinnung zu vollziehen. Sie müssen immer die Empfindung haben, wie weit ein heutiger Chemiker von einer solchen Sache entfernt ist, und wie es stünde mit einem heutigen Chemiker, wenn man ihm zumutete, er solle mit seinen Retorten und seinen Wärme-Apparaten und mit alle dem, was er tut, nicht handeln, wenn er nicht das Evangelien-Buch an seinem Laboratoriumstisch liegen hätte. Man muß schon so etwas durchdringen, wenn man im Ernst durchschauen will, um was es sich da handelt. Man muß auch verstehen, welche Sorge gerade bei denen, die den guten Blick hatten, vorhanden war in den Zeiten, als die moderne Naturwissenschaft heraufkam und man sehen konnte, daß verlassen vom Gottesgeiste Handlungen in Gemäßheit der äußeren Naturgesetze und äußeren Naturkräfte vollzogen wurden. Man muß sich hineinversetzen in das Gemüt solcher Menschen, die eine furchtbare Angst überfiel, wenn sie hörten, der Agrippa von Nettesheim oder sein Lehrer, der Sponheimer, vollzogen etwas, was mit neuen Kräften zu tun habe. Sie hatten eine ungeheuere Sorge, daß das nicht mit göttlichen Kräften zugehen könnte. Und so muß man sich hineinversetzen in die Empfindung, daß religiösen Gottesdienst konsekrieren, Zeremonien leisten, zelebrieren nichts anderes war als die höchste Stufe desjenigen, was man auch alchimistisch vollzog. Daher muß man schon auch wirklich durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß nicht etwa bloß äußere Zeichen vorlagen in denjenigen Dingen, die bei einer Kultushandlung verwendet wurden, sondern daß vorlag jene Anschauung, die man in der damaligen Zeit hatte von dem Substantiellen, das einem diente bei einer Kultushandlung. Es wurde nicht etwa, wie man das heute machen würde, beschlossen, für dieses oder jenes das oder jenes Symbol zu ersinnen, wobei ungeheuer die menschliche Willkür spielt und womit man eigentlich heute fortwährend zu kämpfen hat. Nicht wahr, bei all diesen Dingen kommt es ja wirklich auf das Wie an. Und so ist es eben notwendig, daß zum Verständnis von Ritualien auch anerkannt wird, daß nichts Willkürliches in dem Ritual liegt, sondern eine tiefere Erkenntnis des Substantiellen der Welt, als man sie gegenwärtig in der Wissenschaft überhaupt zugestehen kann.
Sehen Sie, ich konnte zum Beispiel vor ein paar Jahren in einem aus gutem Willen heraus geschriebenen Buch lesen, das die Geschichte der Alchimie behandelt, wie ein Rezept eines Alchimisten so ungefähr aus dem Zeitalter des Wirkens des Basilius Valentinus angeführt wurde. Da wurde das Rezept hingestellt, so wie man das aus den Werken des Basilius Valentinus beschreiben konnte, die ja zum großen Teil Fälschungen sind. Dann hatte der ausgezeichnete Chemiker, der da zu urteilen hatte, sein Urteil hinzugeschrieben und gesagt: Das ist ein vollständiger Unsinn, das ist alles Unsinn; der heutige Chemiker kann sich darunter gar nichts vorstellen, es ist vollständiger Unsinn. — Kein Wort ist falsch, das der Geschichtsschreiber niedergeschrieben hat. Der Mann konnte sich nur bei alledem nichts vorstellen, denn da waren im Rezepte Worte zusammengefügt, die erst in ihrer terminologischen Bedeutung gelernt werden müßten, von denen man erst wissen müßte, wie sie gebraucht wurden. Da war die Rede von Prozessen, die man auch heute wiederum den Worten nach ausspricht, von Lösung, von Erwärmung und so weiter. Ja, wenn man da das Wort «Lösen» etwa so liest, wie es der heutige Chemiker tut, ist es Unsinn. Wenn man das Wort «Gold» so liest wie der heutige Chemiker, ist es Unsinn, und wenn man das Wort «Merkurium» liest, da kann sich schon der heutige Chemiker überhaupt nichts vorstellen; denn er versteht unter Merkur Quecksilber, und zwar das Quecksilber, das wir zum Beispiel auch in den Thermometerröhren haben. Wenn man mit dieser Terminologie an die Formeln auch des 13., 12. Jahrhunderts herangeht, sind sie heute völliger Unsinn, und es wäre viel besser, wenn sich die Leute gestehen würden, daß sie ihnen als Unsinn vorkommen, als wenn die Menschen heute, was nun wirklich geschieht, in die Antiquariate laufen und sich Werke von Basilius Valentinus kaufen, die Fälschungen sind — in denen aber manchmal richtige Sachen drinnenstehen, die nur heute nicht verstanden werden -, oder sich alle möglichen Werke von Paracelsus kaufen. Sie lesen das und glauben, es zu verstehen, während es ehrlicher wäre, sich eben zu sagen: Das ist ja der hellste Wahnsinn vom Standpunkte der heutigen Zeit. — Das ist es eben, was berücksichtigt werden muß; die Leute sind heute in dieser Beziehung eben im Grunde genommen, ich möchte sagen, von dem ehrlichen Wahrheitsgefühl abgekommen; sie schreiben und schwafeln in Worten und sind auch schon zufrieden, wenn die Worte ja nur dadurch in eine etwas andere Atmosphäre gerückt werden, als sie sie heute gewöhnt sind zu hören, wenn sie die Worte nicht verstehen. Es gibt heute, weil man alle diese Dinge in der Schule lernt, durchaus die Stimmung, daß sich die Menschen sagen: Ja, da hört man von Wasser, Salz, Phosphor, Quecksilber; das alles kann man ja verstehen, man versteht es, wenn man heute schon das allererste Lehrbuch der Chemie in die Hand nimmt. Aber [sie denken], das kann nichts wert sein, das man versteht, das ist ein Wissen, das von vorneherein nichts wert ist. Nun nehmen sie sich ein Werk von Paracelsus oder ein Werk von Basilius Valentinus. Da finden sie dieselben Worte, finden aber, da können sie es nicht verstehen durch den ganzen Zusammenhang; nun glauben sie, sie sind nun in mystischen Tiefen, weil sie jetzt nichts verstehen, aber glauben möchten, daß sie doch irgend etwas erleben dabei. Das ist schon dasjenige, worin wir es zur Ehrlichkeit bringen müssen. Selbst wenn wir nur so weit zurückgehen, müssen wir auch da schon ein wenig suchen nach dem Schlüssel, wir müssen dahinkommen, die Dinge lesen zu lernen, denn es ist heute außerordentlich schwer, überhaupt zu einer richtigen Idee von dem zu kommen, was der Geist, was das Übersinnliche eigentlich ist. Dabei hilft es sehr stark, wenn man durch Vertiefung in Zeiten, in denen der Geist noch lebendig war im Materiellen, durch Zurückgehen in solche Zeiten sich vorbereitet in entsprechender Weise, wenn man sich fragt: Was hat der Mensch des 12., 13. Jahrhunderts verstanden, wenn er von Salz, von Wasser, von Asche geredet hat? - Ganz und gar nicht das, was der Mensch heute versteht. Was hat er verstanden, wenn er von Salz, Wasser, Asche gesprochen hat?
Auf dieses wollte ich Sie zunächst hinweisen, womit ich dann morgen beginnen werde, wenn ich Ihnen weiter über den Ritualismus zu sprechen haben werde.