Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 5 October 1921, Dornach

Achtzehnter Vortrag

Liebe Freunde! Ich habe gestern begonnen etwas zu sagen über den Weg, der gesucht worden ist, um zu einem Taufritual zu kommen, und ich habe das dadurch eingeleitet, daß ich darauf aufmerksam gemacht habe, wie bei diesen Ritualien ein wirkliches Verbinden einer Einsicht in die übersinnlichen Welten mit dem, was hier in der Zeremonie vor sich geht, vorhanden sein müsse. Wir haben daraus vielleicht ersehen, daß wir uns zur Welt etwas anders stellen müssen, als man das heute tut, wenn von einer wirklichen Zeremonie die Rede sein soll. Sie werden mich vielleicht noch besser verstehen, wenn ich folgendes sage.

Der Mensch strebt heute in der äußeren Welt nach der Erkenntnis von Naturgesetzen. Diese Erkenntnis hält er für etwas, das er sich zum Ziele setzt und von der er glaubt, daß sie unbedingt als eine Art von Letztem erreicht werden müsse. Nun, wenn anthroposophische Geisteswissenschaft einmal mehr eingesehen werden wird, wird es etwas sehr Überraschendes sein, wenn die Menschen finden werden, daß diejenigen Naturgesetze, von denen sie heute reden, nur gelten — (es wird an die Tafel gezeichnet) wenn das die Erde ist — ein gewisses Stück über die Erde noch hinaus, nicht aber darüber hinaus. Es würde zum Beispiel der Chemiker in einer gewissen Höhe vergeblich versuchen, seine Laboratoriumsversuche [in der gewohnten Weise] zu machen, nicht nur, weil dort nicht das herrscht, was er sich analog zu den Erdengesetzen vorstellt, sondern weil dort ganz andere Gesetze herrschen. Während zum Beispiel eine solche ausgedachte Theorie, wie Einstein sie gefunden hat und wie sie der Welt imponiert als Relativitätstheorie, innerhalb des Erdendaseins eine geniale Theorie genannt werden kann, ist sie über das Erdendasein hinaus — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck einfach Blech, richtiges ausgewalztes Blech. Und erst recht kann man die Verbildlichungen, die Einstein vornimmt, nicht mehr jemandem zumuten, der Einsicht hat in die übersinnliche Welt, [nicht einmal,] daß er sie nur als Gedanken vollziehe. Ich mache Sie da nur auf den Uhrenvergleich Einsteins aufmerksam, wo er sagt, wenn eine Uhr mit Lichtgeschwindigkeit fortfliegen und zurückkommen würde, so würde sie — wie er sich ausdenkt — auf demselben Zeigerstand stehen wie vorher. Das ist ein völliger Unsinn. Wer wirklichkeitsgemäß denkt, weiß, daß man so ein Bild gar nicht vollziehen darf. Er soll sich nur einmal sinngemäß, das heißt der höheren Welt gemäß, vorstellen, wie diese Uhr zurückkommt, die er so hinausspazieren läßt mit Lichtgeschwindigkeit. Ebenso denkt Einstein sich aus, daß der Mensch, wenn er sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen würde, nach und nach — weil durch die Bewegung zugleich Deformation eintritt —- so dünn wird wie ein Papierblatt. Genial ausgedacht, aber es ist absolut Blech, denn die menschliche Organisation ist nicht etwas, womit man mathematisieren kann, sondern etwas, womit man als einer Wesenheit rechnen muß, und die durch ihre eigene Wesenheit ausschließt, daß man sie einfach so dünn werden läßt wie ein Papierblatt. Das sind alles ganz unwirklichkeitsgemäße Vorstellungen, und so sind auch die übrigen; aber wie ich zugebe, für das Erdenwesen sind es außerordentlich geniale Vorstellungen.

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

Derjenige nun, der sakramental handelt, muß zu Vorstellungen kommen, die durchaus anders sind als diejenigen, die man bloß innerhalb des Erdenseins haben kann. Es muß' schon auf der einen Seite der Paulinische Ausspruch ganz ernst genommen werden: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Er muß so ernst genommen werden, daß er zusammenhängt mit dem anderen Ausspruch: «Mir ist alle Gewalt gegeben nicht nur in den Erdenreichen, sondern auch in den Reichen der Himmel.» Das heißt, es müssen die Handlungen, die ausgeführt werden, vorgestellt werden können im Sinne des ewigen Werdens, nicht bloß des Erdenwerdens. Nun, da haben aber zum Beispiel alle die Hantierungen, die wir heute mit unseren etlichen siebzig Elementen der Chemie vornehmen, gar keine Bedeutung; da haben allerdings eine große Bedeutung andere Vorstellungen, die man sich bilden muß. Ohne diese Vorstellungen kommt man überhaupt nicht aus bei einem wirklichen imaginativen Erkennen, und man kann schon sagen, wenn das imaginative Erkennen ein reales wird, dann bekommt man solche Vorstellungen, wie man sie zum Sakramentalismus braucht.

Nun werde ich Ihnen schildern — wie gesagt, alle diese Dinge sind natürlich im Werden —, wie etwa die Taufhandlung vollzogen werden kann, nachdem ich auf diese Weise versucht habe, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß man zu den Substanzen der Welt ein anderes Verhältnis haben muß, als es der heutige Zeitgeist hat.

Nun hat man zu der Taufhandlung vorzubereiten drei kleine Gefäße, die eigentlich die folgende Form haben sollten von der Seite gesehen (es wird an die Tafel gezeichnet), so daß man sie so anordnen kann auf einem Tischchen. In diesen drei Gefäßen hat man etwas Wasser, Salz und Asche. Die Imagination ergibt, daß man eigentlich reine Holzasche verwenden sollte. Das Tischchen — ich werde später über diese Dinge noch zu sprechen haben —, auf dem diese Gefäße stehen, ist am besten mit einem blauen Teppich oder dergleichen belegt. Die drei Gefäße stehen dann auf einem roten Deckchen und sind so angeordnet, wie ich es hier gezeichnet habe. Und man bereitet nun die Sache so zu, daß man in diesem Gefäß hier Wasser hat (siehe Tafel), in diesem Gefäß hier Salz, in diesem Gefäß hier Asche. So konnte ich es bis jetzt herausbringen.

Nun müssen wir, um das zu verstehen, uns eben klar sein, was für reale Vorstellungen sich anknüpfen müssen, wenn wir durch die Imagination ein Verhältnis bekommen zu Salz, Wasser, Asche. Mit dem Wasser verbindet sich in der Imagination die Vorstellung des Wiederherstellens, des Wiederherstellens von irgend etwas, das in einem ablaufenden Prozeß seine eigentliche Wesenheit verloren hat, wodurch das Wasser also seine Mittlerwesenheit im Weltenprozeß offenbaren kann. Dieses Wasser ist rein zu nehmen, am besten wird destilliertes Wasser verwendet. Das Wasser löst das Salz auf. In jedem Salzprozeß, also immer, wenn sich Salz irgendwo absetzt — und wir können hier durchaus den allgemeinen Namen Salz gebrauchen für alles dasjenige, was sich in dieser Weise absetzt -, also immer, wenn sich Salz absetzt, so bedeutet das, daß das Salz an die Umwelt auch einen geistig-ätherischen Inhalt abgibt. Also das Salz, das aufgelöst ist im Flüssigen, im Wasser, das ist, wie man weiß durch die Imagination, weisheithaltend. Das aufgelöste Salz ist weisheithaltend. Indem das Salz koaguliert, indem das Salz sich absetzt, verdunster gewissermaßen die reale Weisheit in die Umgebung und das Salz wird weisheitsleer. Das alles müssen Sie mehr an den Prozeß als an die Substanz geknüpft denken, denn das ist ein Prozeß, der im eminentesten Sinne im eigenen menschlichen Organismus vor sich geht; und wenn Sie denken, wenn Sie also Gedanken entwickeln, so werden Sie nur dadurch mit Gedanken erfüllt, daß sich in Ihnen Salz ablagert. Es lagert sich um so mehr Salz ab, je dichter die Gedankenentwickelung ist.

Ein ungeheures Licht fällt von dieser Wahrheit auf die ganze Physiologie des menschlichen Leibes. Es kann damit durchaus auch so sein, daß Sie an dieser Weisheitsentwickelung, die da stattfindet, nicht subjektiv mit dem Bewußtsein teilnehmen. Wenn Sie Salz entwickeln zum Beispiel im Traum, selbst im dumpfen Traum, der von dem menschlichen Bewußtsein schon als Schlaf empfunden wird, dann bedeutet diese Salzablagerung durchaus Erfüllung mit Weisheit, und Weisheit ist auf dieser Stufe des Erkennens alles dasjenige zu nennen, was das geistige Korrelat der Wachstumserscheinungen ist. Wenn Sie also auf die Pflanzendecke der Erde hinschauen und Sie lassen auf sich das Wachstum der Pflanzen wirken, so bedeutet das vom Erdenwesen aus angesehen einen fortwährenden Salzprozeß oder Versalzungsprozeß in der Pflanze und ein Ausströmen von Weisheit. Während das physische Anschauen den Wachstumsprozeß wahrnimmt, sollte das geistige Anschauen in diesem Wachstum einen Prozeß sehen, wo gewissermaßen das Geistige frei wird, während es früher in dem Salz gebunden war.

«Ihr seid das Salz der Erde.» Solche Dinge stehen schon in den religiösen Urkunden, und ich bitte Sie, durchaus Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß jede bloß abstrakte Erklärung von «Ihr seid das Salz der Erde» nicht den Sinn trifft; der ist ursprünglich ganz konkret gemeint.

So handelt es sich darum, diesen Salzungsprozeß zu verstehen und nun zu wissen, daß in dem Augenblicke, wo man Salz hat und es wiederum auflöst, die Wassersubstanz durchzogen wird von Regenerationskräften.

Stellen Sie dagegen dasjenige, was nun im reinen Sinne Asche geworden ist; es ist hervorgegangen nicht aus einem Koagulationsprozeß, nicht aus einem Absetzungsprozeß, sondern es ist hervorgegangen aus dem Feuerprozeß; es ist das der entgegengesetzte Prozeß. Hervorgegangen aus dem Feuerprozeß ist auch das, was von seiten des Materiellen dem Geistigen sein materielles Wirkensfeld gibt.

Sie verstehen das. am besten, wenn Sie sich denken, Sie haben etwas Wasser, geben auf der einen Seite Salz hinein, auf der anderen Seite Asche — was geschieht, das ist jetzt ein Prozeß der außerirdischen Welt, während unsere chemischen Prozesse sich nur beziehen auf die irdische Welt. Gebe ich etwas Salz auf der einen Seite, etwas Asche auf der anderen Seite, so erzeuge ich Wachstumskraft, das heißt: wirkenden Geist. Durch die Asche, die ich einströmen lasse, gebe ich dasjenige hinein, was sich immer verbinden muß mit dem Auflösen des Salzes; das muß sich immer verbinden, um dem Geiste die Möglichkeit zu geben, materiell zu sein.

Nun handelt es sich darum, daß das Ganze natürlich nicht vollzogen werden darf, ohne daß der Mensch den ganzen Kosmos wirklich in sich bewußt präsent macht. Daher beginnt der Taufakt mit einer Art von Monolog, nachdem man das Kind zuerst hereingebracht hat mit den Paten.

Nun muß man sich klar sein darüber, was sich in der Taufe vollzieht. Ich habe ja schon gesagt, daß anthroposophische Wirksamkeit nur eine aus dem Realen der Gegenwart heraus wirkende und gestaltende sein kann. Daher kann, wenn es sich um den Taufakt handelt, heute auch nicht etwa in eine dialektische Diskussion eingetreten werden, ob der Taufakt im Beginne des irdischen Lebens vollzogen werden soll, oder ob er vielleicht erst im Laufe des Lebens bei Bewußtsein vollzogen werden soll. Wir haben es heute damit zu tun, daß wir uns eben einfach hineinzustellen haben in das, was ist, und das ist, daß der Taufakt im Beginn des irdischen Lebens vollzogen wird. Nun handelt es sich darum, daß man immer weiß: Wenn man sich so in das kosmische Geschehen hineinstellt, so ist man eigentlich nicht jenes chaotische Ganze, welches man gewöhnlich im Bewußtsein hat, sondern man steht als das dreigliedrige Wesen da. Dieses dreigliedrige Wesen ist seinerseits so, daß das eigentliche Denkerische hinneigt zum Verständnis desjenigen, was der Geist, der Heilige Geist ist, daß das Fühlende hinneigt zum Verständnis desjenigen, was der Sohn, der Christus ist, und daß alles Wollende hinneigt zu dem Verständnis des Vaters. Man muß sich eigentlich immer verbunden fühlen, indem man sich weiß als ein denkendes, fühlendes und wollendes Wesen durch die seelische Dreiheit mit dem Geist, mit dem Sohn, mit dem Vater. Spricht man das in der Folge aus, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, so ist man sich bewußt, daß man die eine der Weltenströmungen verfolgt, diejenige Strömung, die vom Himmel zur Erde geht. Spricht man es so aus, wie es ursprünglich ausgesprochen wurde: dem Vater, dem Sohne, dem Heiligen Geist -, so stellt man sich hinein in die Weltenströmung, die von der Erde nach aufwärts geht.

Es wird also zuerst ein Monolog gesprochen:

Zu euch Weltengeister
Wende sich mein Wollen
Mein Fühlen und mein Denken,
Durch die Kraft des
Alldurchdringenden Wassers
Durch die Macht des
Allerhaltenden Salzes
Durch das Gewicht der
Allerneuernden Asche
Daß ich führe
Diese Seele in die Gemeinde des Christus Jesus.

Sie sehen zugleich aus diesem Monolog, welchen Sinn die Taufhandlung haben muß, wenn sie am Beginn des Erdenlebens vollzogen wird, wenn man sich also mit ihr in das gegenwärtige Zeitbewußtsein hineinstellt. Die Taufhandlung muß dann den Sinn haben, daß der Täufling aufgenommen wird in die christliche Gemeinde, daß er betrachtet wird als ein Glied der christlichen Gemeinde. Es ist gewissermaßen das Gelöbnis, daß die christliche Gemeinde, die den Täufling tauft, ihn aufnimmt, und, insofern das im Sinne der christlichen Entwickelung geschehen kann, von sich aus wacht über seine christliche Entwickelung. Das also ist es, meine lieben Freunde, das wir ins Auge fassen müssen, wenn wir eine heutige Taufhandlung vollziehen. Diesen Sinn hat sie.

Nachdem er diesen Monolog gesprochen hat, wendet sich der Leiter der Taufhandlung an die Anwesenden, die das Kind haben, das schon vor dem eben angeführten Gebet hereingebracht worden ist. Zu den Anwesenden wird nun gesprochen:

Meine liebe Taufgemeinde:

Diese Seele, die herabgesandt
Aus der Geist- in die Erdengemeinschaft
Wir sollen sie empfangen
Und tragen in die
Gemeinde des Christus Jesus.
Sie stammet dem Leibe nach
Aus göttlicher Weltenkraft
Sie stammet der Seele nach
Aus göttlichem Wirkensworte
Sie soll der Geistessphäre leben
Aus göttlichem Geistesziel.

Nun haben Sie auch das alles in dem Taufakte drinnen, indem man zuerst hinweist auf dasjenige, was diese Seele dem Leibe, der Seele nach ist, und wie das Leben auf der Erde einen Sinn bekommen soll, der gegeben ist durch die letzten Zeilen:

Sie soll der Geistessphäre leben
Aus göttlichem Geistesziel.

Dazu hat man eben beizutragen, darüber hat man, das gelobt man, zu wachen.

Nun wird derjenige, der die Taufhandlung vollzieht, den beiden Paten, die zur Linken und zur Rechten stehen, die Hand reichen und dann sprechen:

Als die Wächter

— das sind die Paten —

bestellen sich aus des Herzens Opferkraft

— nun werden die Namen der Paten genannt. Und dann spricht man zu den Paten:

Daß ihr führet diese Seele in der
Gemeinde des Christus Jesus
Das soll euch sagen in diesem Feieraugenblicke:
Eures Herzens Opferkraft.

Sie sehen, ganz aus dem Persönlichen heraus muß die Handlung geleitet werden. Nun tritt der Leiter der Taufhandlung vor das Kind. Er spricht:

Hinaufschauend zu der Geisteswelten Lichtgewalten
Mich erfühlend mit der Kraft der Christgemeinschaft Nenne ich dich

— nun wird der Name des Täuflings zuerst ausgesprochen. Dann benetzt man den Zeigefinger und Mittelfinger mit dem Wasser und spricht:

Dies sei nicht gemeines Wasser
Es sei des Geistes alldurchdringende Kraft
Ich taufe dich (man spricht den Namen des Täuflings)
mit dem Wasser alldurchdringenden Weltengebärens

Nun macht man mit dem Wasser das A Zeichen auf die Stirn des Täuflings. Nun taucht man noch einmal die beiden Finger in das Wasser, dann in das Salz und spricht:

Dies sei nicht gemeines Salz
Es sei der Seele allbewahrende Macht
Ich taufe dich (man spricht den Namen des Täuflings)
mit dem Salz allbewahrender Weltenmächte.

Man macht dieses Zeichen square16 — es sind noch immer vorbereitende Zeichen — auf das Kinn des Täuflings. Dann benetzt man noch einmal die beiden Finger mit Wasser, greift in die Asche und spricht:

Dies sei nicht gemeine Asche
Sie sei des Menschen allerneuerndes Ziel
Ich taufe dich (Name des Täuflings)
mit der Asche allerneuernder Weltenziele.

Und nun macht man das Kreuzeszeichen auf die Brust des Täuflings. Wir werden über diese Zeichen noch etwas zu sprechen haben. Dann spricht man zu dem Kinde:

So lebe in der Gemeinde des Christus Jesus (Name des Täuflings)
Durch des Wassers Gebärungskraft
Durch des Salzes Erhaltungsmacht
Durch der Asche Erneuerungskraft
In des Vaters Weltensubstanz (man macht das Kreuzeszeichen über das Kind)
In des Christus’ Wortesstrom (wieder das Kreuzeszeichen)
In des Geistes Lichtesglanz (wieder das Kreuzeszeichen).

Nun spricht der Leiter der Taufhandlung zur Gemeinde:

Ich habe vor und mit
euren denkenden Geistern
vor und mit
euren fühlenden Seelen
vor und mit
eurem Menschenwollen
diesen (oder diese) (Namen des Täuflings)
geleitet aus
Geistes-Lichtes-Welten
In die Gemeinschaft des Christus Jesus
Leitet diese Seele, auf daß sie
sei
wachse
werde
in der Christgemeinschaft.
Amen.

Die Taufhandlung ist zu Ende. Nun kann am Schlusse das Vaterunser mit jenem Verständnis, von dem wir gesprochen haben, gebetet werden. Dann würde die Taufhandlung als solche, so wie ich sie in der Gegenwart herstellen kann, zu Ende sein.

Sehen Sie, es handelt sich wirklich darum, wenn man im Ernste daran denkt, wiederum Rituelles und Symbolisches einzuführen, es handelt sich wirklich darum, sich, wenn ich so sagen darf, ein ganzmenschliches - das ist ein Wort — ein ganzmenschliches Verständnis der Welt zu suchen (es wird das Wort «ganzmenschlich» an die Tafel geschrieben), ein Verständnis, das da lebt nicht nur im Denken, das da lebt auch im Fühlen und im Wollen. Sonst bleibt entweder dasjenige, was wir in dieser Weise verrichten, ein bloßes Zeichen, das ja auch abstrakt ist, oder aber, es wird verrichtet als eine bloße magische Handlung, was ebensowenig an den Menschen in Wirklichkeit herankommt. Es muß eben in der zeremoniellen Handlung etwas leben, wo der Mensch mit der Originalität im Geiste zusammenwächst. Wir müssen gewissermaßen in den Augenblicken, wo wir zeremonielle Handlungen vollziehen, versuchen, den Geist innerhalb des materiellen Wirkens in seiner unmittelbaren Anwesenheit wirklich zu erleben. Er ist ja natürlich immer da, aber er wird nicht erlebt, wenn bloß mit Augen angeschaut wird und mit dem gewöhnlichen Menschenwollen getan wird. Aber solche zeremoniellen Handlungen sind solche, wo getan wird aus dem Geiste, und wo das Wollen selber sich im Geiste erhält, wo also tatsächlich etwas, was über das Erdenwirken hinausgeht, geschieht, und was im Grunde genommen, wenn es so geschieht, erst unserem ganzen Erdensein den Sinn gibt, daß wir uns die Zeit einteilen dürfen in gewöhnliche Wochentagsaugenblicke und in Feiertagsaugenblicke.

In solchen Augenblicken, wo wir Dinge vollziehen, die ja ein lebendiges Zeugnis dafür sind, daß in einer Erde, auf der der Mensch anwesend sein soll, durch den Menschen auch das Göttliche wirklich anwesend ist, da ist etwas da, was im modernen Zeitbewußtsein erst gefühlt werden muß. Denn das moderne Zeitbewußtsein tendiert hin nach zwei Abirrungen: Erstens nach jener Abirrung, die ich schon von einer gewissen Seite her charakterisiert habe, die wir im heutigen Erkennen haben, daß einzig und allein anerkannt wird dasjenige Erkennen, das die äußere Natur in äußerer abstrakter Weise durchdringen will. Das ist die eine Abirrung. Die andere Abirrung ist die, wo wir uns mystisch bloß in unser Inneres vertiefen und uns nur mit uns selber zu tun machen.

Das ist zu gleicher Zeit der Geisteskampf, den Luther gekämpft hat, indem er auf der einen Seite den Teufel empfunden hat in jener naturwissenschaftlichen Abirrung, die er herankommen fühlte, und auf der anderen Seite empfand die große, die ungeheuere Gefahr, die herankommt, wenn der Mensch sich bloß in sein Inneres verliert und sich egoistisch abschnürt von der Welt. Dieses egoistische Abschnüren von der Welt auf der einen Seite soll verhindert werden dadurch, daß geistige Handlungen nicht allein im Innern vollzogen werden, sondern daß sie so vollzogen werden, daß man dabei mit der Außenwelt verkehrt; und auf der anderen Seite soll das überwunden werden, was bloß abstrakt, unüberschaubar ist, indem man eben nicht bloß Dinge verrichtet, die einen solchen abstrakten, unüberschaubaren Charakter haben, sondern Dinge, die aus dem Geiste selbst heraus verrichtet werden.

Erst wenn wir wiederum zu einem richtigen Begriff von Sakramentalismus kommen, haben wir überwunden auf der einen Seite die Gefahren der Naturwissenschaft und auf der anderen Seite die Gefahren der Mystik. Luther kämpfte gegen die Feinde des Menschen, vor denen er eine innerliche Furcht hatte, und die ihm nahen konnten auf der einen Seite als die heraufkommende Naturwissenschaft und auf der anderen Seite als ihr notwendiges Korrelat die abstrakte Mystik im Innern des Menschen, die zugleich eine egoistische Mystik ist. Anthroposophie muß die beiden Klippen überwinden. Sie tut das dadurch, daß sie auf der einen Seite nicht scheut, vollständig in die Naturwissenschaft sich einzuleben, das heißt, dasjenige zu durchleben, was man im Naturforschen, im Naturerkennen erlebt, so daß also der Mensch gewissermaßen sich in diesen Abgrund stürzt, in dem er, wenn er darin bliebe, unbedingt sich selbst verlieren würde. Und auf der anderen Seite scheut Anthroposophie nicht den mystischen Abgrund, den man auch kennenlernen muß; man muß wirklich die Mystik erleben können, aber man muß sie auch überwinden können. Man wird nicht in diesen Abgrund hineinfallen müssen, in den Abgrund des Egoismus. Der Mensch kann sich im Egoismus ebenso verlieren, wie er sich auf der anderen Seite in der Nullität verlieren kann.

Bei der Naturwissenschaft stehenzubleiben, heißt Versuchtwerden von allen luziferischen Mächten als Mensch, wenn man auch zu einem Geistigen kommen will. Bei der Mystik stehenzubleiben, heißt Versuchtwerden von allen ahrimanischen Kräften als Mensch. Das muß man einfach wissen. Man muß einfach wissen, daß man durch die Kraft des Christus die Naturwissenschaft und die Mystik zu überwinden hat. Man muß sich nicht scheuen, die beiden erleben zu können, denn gefährlich sind diese Feinde der Menschheit nur dann, wenn sie unbewußt in uns walten. Nur dadurch verlieren sie ihre Gewalt über den Menschen, daß der Mensch sie in das volle Bewußtsein heraufhebt. Das ist ein Satz, den ich besonders an Ihr Herz legen möchte, meine lieben Freunde, daß für unser Zeitbewußtsein einzig und allein dasjenige gelten kann, was ich am Schluß, in der Schlußszene meines ersten Mysteriendramas «Die Pforte der Einweihung» versuchte szenisch darzustellen, daß nur durch das Heraufkommen in das Bewußtsein die eigentlichen Feinde der Menschheit überwunden werden können. So also antwortet Anthroposophie auf den Seelenkampf Luthers einfach, man habe sich entgegenzustellen der luziferischen Macht, man habe sich entgegenzustellen der ahrimanischen Macht, und man habe sie beide durch die Kraft des Christus zu überwinden; man habe sich nicht vor ihnen zurückzuziehen, sondern man habe sie zu überwinden. Man habe einfach zu lernen, was es heißt, wenn auf der einen Seite die luziferische Macht sagt: du, folge mir hinaus in die Weiten, wo du mit deiner abstrakten Erkenntnis die Natur in allen Weiten ausmissest —, dann habe man die Antwort zu haben: Das kann ich, ich kann mit dem Intellekt die Weiten der Natur in allen Unendlichkeiten ausmessen, aber ich muß, wenn ich mit meinem Intellekt diese Unendlichkeiten ausmesse, an der Schwelle zurücklassen die Liebe. - Die Liebe muß dann an der Schwelle zurückbleiben. Wenn ich aber die Liebe an der Schwelle zurücklasse, so bleibt mir nicht die Christus-Kraft in den Weiten, sondern es nahen mir luziferische Kräfte der Welt in den Weiten. Und ich muß auf der anderen Seite wissen, wenn ich hinuntersteige in mein eigenes Innere, daß da die ahrimanische Kraft an der Schwelle lauert. Ich muß wissen, daß, wenn ich in dieses Innere hinuntersteige, an der Schwelle die ahrimanischen Kräfte vor mich die Illusion hinstellen, daß in meinem Ich, in meinem Ego alles liegt, was ich geistig anstreben kann. Und ich muß wiederum zu sagen wissen: Habe ich, indem ich in dieses Innere hinuntersteige, nicht die Kraft, den Egoismus zu überwinden, bilde ich eine egoistische Ich-Mystik aus, so kann ich nimmermehr in seiner wahren Gestalt, in der Christus-Gestalt, dasjenige finden, was in mir selber waltet.

Diese beiden Stärken muß der Mensch finden, sonst ist er entweder versucht, durch dasjenige, was die neuere Zivilisation hervorgebracht hat, als Seele in einer unendlichen Weltenohnmacht sich aufzulösen im All, oder aber in einem intensiven Egoismus sich zusammenzukrampfen in sein Inneres und in seinem Innern das Ich zu verlieren. [Diese beiden Stärken muß der Mensch finden, damit] sein Ich nicht wie ein Eremit durch den Kosmos schwebt, sondern verbunden ist mit der Christus-Kraft.

Das alles, meine lieben Freunde, sind Stimmungen, die uns durchdringen müssen, wenn das Zeremonielle einen Sinn haben soll, und wir werden diesen Sinn für das Zeremonielle immer mehr und mehr wirklich selber finden können, wenn wir einzugehen wissen in einer tieferen Weise auf dasjenige, was uns aus der Welt umgibt. Wir müssen lernen, das Evangelium, die Lehre, die Botschaft zu verbinden mit dem Zeremoniellen. Dazu müssen wir aber erst zu einem Welt-Verständnis der Evangelien kommen; wir müssen erst lernen, sie zu lesen.

Sehen Sie, das Testament überhaupt zu lesen, das ist nicht so ohne weiteres möglich. Es ergeben sich da die sonderbarsten Konflikte, wenn so etwas nicht im rechten Lichte verstanden wird. Weil es anklingt an eine Frage, die gestellt worden ist während unseres Zusammenseins hier, möchte ich auf ein gewisses Erlebnis hinweisen, das ich gerade mit Bezug auf den Inhalt dieser Frage einmal gehabt habe.

Jemand hatte gehört — jemand, der eigentlich den guten Willen, den guten Blick hatte, dasjenige, was aus anthroposophischer Geisteswissenschaft kommt, verständnisvoll aufzufassen —, er hatte gehört oder auch wohl in einem Zyklus gelesen, daß ich gesagt habe, eigentlich müsse sowohl das Alte als auch das Neue Testament ganz wörtlich genommen werden. Also seien nicht wirklich wörtliche Lesungen im Grunde genommen falsch. Er hat dabei wenig beachtet, daß erst eine Vorbereitung dazu gehört, um die Worte [des Alten und Neuen Testamentes] zu verstehen, um sie lesen zu können, und so sagte er einfach aus seiner Abstraktion heraus: Da wird aber der Mensch irre, wenn Sie dem heutigen Menschen einfach sagen, die Evangelien seien wörtlich zu verstehen, und dann liest der moderne Mensch — und er identifizierte sich. durchaus mit einem modernen Menschen - in der Bibel: «Und es geschah, daß sie flohen vor dem Volke Israels, und als sie am Abhange von Beth-Horon waren, so warf der Herr große Steine aus den Himmeln auf sie, bis nach Aseka hin, so daß sie starben; und es gab ihrer solche, welche durch die Hagelsteine starben, und sie waren in größerer Zahl als diejenigen, welche die Söhne Israels, das Volk Josuas, durch das Schwert sterben machen. Und Josua redete damals zu dem Herrn der Heerscharen, als der Herr die Amoriter vor den Augen von Israels Söhnen preisgegeben hatte, und er sprach so, daß es Israels Augen schauen konnten: Sonne zu Gibeon, stehe stille, und Mond im Tale von Ajalon! Und stille stand die Sonne zu Gibeon und der Mond im Tale von Ajalon, bis das Volk seiner Feinde Herr werden konnte.» — Und jetzt kommt der wichtigste Satz -: «Ist dies nicht geschrieben in dem Buche derer, die da Gott schauen? Und die Sonne blieb stehen mitten am Himmel für Gibeon und eilte nicht zu verschwinden einen ganzen Tag lang. Ja, es gab einen solchen Tag für die Erdenmenschen noch nicht, an dem der Herr der Heerscharen auf eines einzelnen Menschen Stimme solches geschehen ließ; das aber ward das Zeichen dafür, daß der Herr da war mit dem Volke Israels.» —

Es muß eine solche Stelle zuerst gelesen werden. Sie werden sehen, wie aus einem wirklichen Lesen der Stelle sich ja nun tatsächlich die Möglichkeit ergibt, die Sache zu verstehen. Nun sagte mir diese Persönlichkeit: Wenn ich das lese, dann kann das doch natürlich höchstens symbolisch gemeint sein; und da werde ich an Ihnen irre, denn es kommt mir so vor, wenn Sie da Urteile fällen, die im einzelnen unmöglich festzuhalten sind, als ob Sie die Bibel dadurch retten wollten, daß Sie so etwas sagen wie: die Bibel müsse wörtlich genommen werden. —

Ich muß in diesem ganzen Zusammenhang sagen, es ist natürlich nicht möglich, daß ich Ihnen jetzt eine vollständige Erklärung dieser Stelle gebe. Dazu gehört etwas mehr, dazu gehört eine lange Vorbereitung. Aber, wie gesagt, wir wollen in diesen Tagen, weil auch eine Frage nach dieser Richtung vorgelegen ist, auf diese Stelle zurückkommen. Was ich aber jetzt sagen will, ist eben, daß es notwendig ist, die Evangelien lesen zu können. Nun ist es nicht möglich, die Evangelien richtig lesen zu können, ohne sie in den Zusammenhang hineinzustellen, aus dem heraus sie gesprochen sind. Es wird ja heute, meine lieben Freunde, vieles, was in den Evangelien steht, einfach so genommen, daß man Sätze wegläßt, die im allereminentesten Sinne zum Verständnis wichtig sind. Wenn zum Beispiel irgendwo in den Evangelien so etwas steht wie: Und als die Sonne untergegangen war, heilte der Christus Jesus dort und dort Kranke -, so wird die Sache heute natürlich so verstanden, als ob ein moderner Mensch sagte: Als die Sonne untergegangen war, sagte er dieses oder jenes. - In den Evangelien steht aber nichts unnötig. Wenn das unnötig wäre «als die Sonne untergegangen war», dann stünde es eben nicht da. Und es bedeutet, daß alles dasjenige, was jetzt erzählt wird, von dem Christus Jesus eben vollbracht wird nach untergegangener Sonne; das bedeutet, daß die Sonne, wenn sie noch dastünde, ein Hindernis wäre für dasjenige, was zu vollbringen ist. — Also es muß schon das Evangelienverständnis aus dem hervorgeholt werden, was in das Evangelienschreiben hineingeflossen ist. Da aber ist zuerst notwendig, daß man sich über eines klar ist, was ich nun von einer bestimmten Seite her besprechen will.

Wir haben aus den verschiedensten christlichen Bekenntnissen heraus drei religiöse Feste bekommen für das Jahr; und ehe ich fortfahren will, anderes über Rituale und Zeremonien zu sagen, möchte ich über die Feste sprechen, weil wir uns sonst nicht zum Verständnis durchringen.

Wir haben zunächst das Weihnachtsfest, wir haben das Osterfest, und wir haben das Pfingstfest. Das Weihnachtsfest ist aus einem alten Bewußtsein heraus verlegt in diejenige Zeit, in der die Sonne am stärksten ihre Kraft der Erde entzieht, in der die Erde mit aller ihrer Wirksamkeit, also auch mit dem, was sie dem Menschen sein kann, am meisten auf sich selbst angewiesen ist. Wir haben es zur Weihnachtszeit zu tun mit der himmelverlassenen Erde, gegenüber der der Mensch daran denken muß, dasjenige in seiner Seele rege zu machen, was aus der himmelverlassenen Erde in ihn kommen kann. Wir haben also das Weihnachtsfest festgesetzt ganz nach irdischen Verhältnissen. Schon in seiner Festsetzung liegt darin, daß der Mensch, der die Weihnachtszeit in der richtigen Weise erlebt, ich möchte sagen, in warmer Inbrunst sich verbunden fühlt mit demjenigen, was die Erde aus ihrer eigenen Kraft hergeben kann.

Meine lieben Freunde, wenn Sie auf dem Land gelebt haben, so werden Sie erfahren haben, wie zur Herbstzeit die Bauern große Gruben aufgraben bis zu einer gewissen Tiefe in die Erde hinein; da hinein geben sie ihre Kartoffeln, dann graben sie das zu. Diese Kartoffeln werden in der richtigen Weise durch die in den Tiefen der Erde bewahrte Wärme so gehalten, daß sie nicht erfrieren. Warum erfrieren sie nicht? Weil die Erde die Sommersonnenwärme physisch bewahrt in ihrem Schoß während der Winterszeit. Und würde man alles beobachten, was die Erde aus der Sommerszeit bewahrt, nicht nur an Wärmewirkungen, sondern auch was sie in sich trägt an Lichtwirkungen, an Wirkungen des mineralischen Chemismus, an Wirkungen des Lebens, dann, meine lieben Freunde, würde man anders in seinem Bewußtsein mit der Erde verbunden sein. Dann würde man gerade in der tiefsten Winterszeit, zur Wintersonnenwende, zur Erde sprechen müssen: In dir offenbart sich mir alles, was sich zur Sommerszeit gegen die Erde hin zieht, in der Wärme der Welten, in dem Lichte der Welten, in alle dem, was in den Weiten der Welt lebt an Maß, Zahl und Gewicht, in alle dem, was in den Weiten der Welt lebt an Lebenskraft. Das alles ist im irdischen Sein drinnen während der Winterszeit und am stärksten während der Wintersonnenwende. Das innere Substantielle der Erde ist es, an das wir appellieren, wenn wir festsetzen das Weihnachtsfest in diejenige Jahreszeit, in welcher die Sonne ihre Kraft der Erde am stärksten entzieht. Wir wenden uns gewissermaßen ganz hin zum Inneren der Erde, indem wir die Weihnachtsfesteszeit festsetzen, wir sind gewissermaßen mit der Erde und ihrem substantiell Vorhandenen allein, wir sind ausgewiesen aus unserem himmlischen Zusammenhang, aber wir sehen, daß wir aus dieser Einsamkeit der Erde in der Erde selber gegeben haben, wann wir die Weihnachtszeit kalendarisch festsetzen.

Wir leben uns dann heraus aus dieser Weihnachtsfesteszeit, nähern uns durch die verschiedenen Zwischenstufen, über die wir auch noch zu reden haben werden, dem Osterfest. Und da soll der Mensch — aus einem alten Bewußtsein heraus, das das Osterfest nun nicht nach irdischen Verhältnissen festgesetzt hat — sich hinauswenden in den Kosmos zur Osterzeit. Der Mensch setzt die Osterfesteszeit nicht fest nach den substantiellen Verwandlungen der Erde, der Mensch setzt sie fest nach himmlischen Beziehungen, nach dem, was da besteht an Beziehungen zwischen Sonnen- und Mondenvorgängen. Am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, da ist Ostern. Warum ist Ostern am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond? Aus dem Grunde, weil wir am Sonntag uns vertiefen in dasjenige, was das Ewige ist, weil wir dieses Ewige aber feiern wollen im Sinne der Verbindung unseres Bewußtseins mit dem Reiche, dem außen zugänglichen Himmel. Indem der Vollmond erscheint, strahlt er uns das Licht der Sonne zurück mit seiner vollen Kraft. Wir leben uns dadurch ein, jetzt nicht bloß in die mechanischen Bewegungen des äußeren Weltenalls, wir leben uns ein in das Intensive des Weltenalls. Wir leben uns ein in das Licht, aber es ist nicht das gewöhnliche Mondenlicht, das uns da zurückstrahlt, es ist das Mondenlicht, das uns erscheint, wenn die Sonne beginnt, immer stärker und stärker ihre Kraft der Erde herunterzusenden. Da stehen wir auf der Erde, da sind wir nicht himmelverlassen und haben uns zur Erde zu wenden, da sind wir als Menschen so eingeordnet in das Weltenall, daß in uns Halt macht das Licht der Welt, das nicht geht bis zum Innern der Erde, das nun in uns Menschen Halt macht, und wir wenden uns zu dem, was da Halt macht, was in uns Menschen zurückgestrahlt wird. Was da zurückgestrahlt wird beim ersten Frühlingsvollmonde, das ist genau dieselbe Kraft, die vom Vollmond selber in dieser Zeit zurückgestrahlt wird, es ist die Sonnenkraft, die aufgehalten wird. Wir setzen nach unserer Verbindung mit dem Himmel das Osterfest fest. So stellen wir uns gewissermaßen in einer anderen Weise zu Erde und Himmel im Osterfest als im Weihnachtsfest, und es ist ein bedeutsames, ein tiefes Darinnenstehen im Zeitenverlaufe, wenn man sich bewußt wird, was die Festsetzung des Weihnachtsfestes als eines Erdenfestes und die Festsetzung des Osterfestes als eines Himmelsfestes bedeutet.

Nun, meine lieben Freunde, wir durchdringen das noch nicht mit dem geistigen Bewußtsein, aber wir bewegen uns in dem, was innerhalb der Weihnachtszeit und der Osterzeit liegt, im Grunde genommen zunächst in der sinnlichen Manifestation des ewigen Weltenwirkens. Für uns Menschen nehmen wir teil an diesem sinnlichen Weltenwirken durch die Wärme auf der einen Seite, durch das Licht auf der anderen Seite; weiter kommen wir nicht. Wir kommen, indem wir im Sinnlichen stehenbleiben, bis zu demjenigen Punkt, der [in der Bibel] angekündigt wird mit dem Worte: Du, der Herr der Heerscharen, Herr der in den Sternen lokalisierten Heerscharen, Herr der Sterne, Du hast geordnet alles nach Maß, Zahl und Gewicht. - Wir können innerlich erleben die Wärme, wir können äußerlich erleben die Wärme, das heißt, die Wärme kann uns im sinnlichen Anschauen gegeben sein. Wir können innerlich erleben das Licht, wir können äußerlich erleben das Licht, das heißt, das Licht kann uns im sinnlichen Anschauen gegeben werden. Aber dasjenige, was wir erleben als Maß, Zahl und Gewicht, das fehlt, so daß wir uns dessen nicht bewußt werden, daß wir rein nichts wissen über unseren eigenen Schwerpunkt, obwohl wir ihn gebrauchen beim Gehen und Stehen, daß wir nichts wissen von unserer Gleichgewichtslage, obwohl wir sie fortwährend einwirkend durchleben, daß wir nichts wissen von unserem Gewicht. Wir sind selbst leiblich so angeordnet, daß wir nichts wissen von unserem Gewicht, und wir könnten nicht leben auf Erden, wenn wir wüßten von unserem Gewicht, denn wir könnten nur dadurch von unserem Gewicht wissen, daß dieses Gewicht durch unser Gehirn bewußt gemacht würde in uns. Würde das Gehirn mit seinem ganzen Gewicht — das sind ungefähr 1300 Gramm - auf den Blutadern lasten, die unter dem Gehirn in unserem Kopfe sind, meine lieben Freunde, so würden diese Blutadern in jedem Augenblick zerdrückt werden. Wir leben nicht mit dem absoluten Gehirngewicht, wir leben so drinnen in diesem Gewicht, daß durch den Arachnoidalraum, durch den Rückenmarkskanal das Gehirnwasser immerfort auf- und abdringt und das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Sie wissen, daß nach dem Archimedischen Gesetz jeder schwimmende Körper soviel von seinem Gewicht verliert, als das Gewicht des verdrängten Wassers beträgt. Unser Gehirn verdrängt aber so viel Wasser, daß das etwa 1200 bis 1300 Gramm wiegt; das ist aber nahezu ebensoviel wie das Gehirngewicht weniger 20 Gramm, so daß das Gehirn nur mit 20 Gramm anstatt mit 1300 Gramm auf seine Grundfläche drückt. Das ist aber dasjenige, was wir erleben. In diesem Nach-aufwärtsStreben erleben wir uns selber.

Das ist dasjenige, was zunächst nur von außen angeschaut werden kann, was der Mensch gar nicht in seiner ganzen inneren Bedeutung würdigt. So erleben wir nicht das, was die Anordnung der Welt im Sinne des göttlichen Prinzips, die Ordnung nach Maß, Zahl und Gewicht ist; aber wir müssen unser Inneres verändern, indem wir die Zeit [von Weihnachten zu Ostern] erleben, und uns geistig einleben in dasjenige, was äußerlich sinnlich sich verändert. Wir müssen hinzufügen das Verständnis desjenigen, was nur innerlich erlebt werden kann, das Verständnis desjenigen, was überhaupt nur in unserem Bewußtsein präsent sein kann, wenn man es als Inneres erlebt. Wir müssen schreiten zu Anordnungen, die jetzt weder von dem irdisch Beobachtbaren genommen sind, noch von dem himmlisch zu Beobachtenden; wir müssen so vorschreiten, daß wir dann nur noch sagen: soundsoviele Tage nach dem Osterfeste liegt das Pfingstfest. Soundsoviele Tage, das heißt, wir lehnen uns nicht mehr an an etwas äußerlich Beobachtbares, wir setzen [das Pfingstfest fest] nur nach einem innerlichen Vorgang und schreiten dadurch aus dem Sinnlichen heraus, indem wir vom Osterfest nach dem Pfingstfest uns hinentwickeln.

Nehmen Sie dasjenige, was ich selbst abstrakt angedeutet habe, meine lieben Freunde, als ganzmenschliches Verständnis — wie gesagt, «ganzmenschlich» als ein Wort geschrieben: ganzmenschlich —, nehmen Sie das als ganzmenschliches Verständnis, denn dann ergreift es nicht bloß das Denken, dann ergreift es auch das Fühlen und das Wollen, und Verstehenskräfte gehen in dem Fühlen und dem Wollen auf. Wenn Sie sich mit demjenigen, was ich jetzt gesagt habe, innerlich durchdringen nur in bezug auf das Denken, so haben Sie allerdings auch etwas, aber Sie haben etwas, durch das die Christus-Frucht nur dreißigfältig keimt in der Seele. Dringt es bis zu Ihrem Fühlen, so haben Sie etwas, wodurch die Christus-Frucht sechzigfälig fruchtet in Ihnen. Durchdringen Sie aber Denken, Fühlen und Wollen, so fruchtet die Christus-Frucht hundertfältig in Ihnen. Nehmen Sie das mit dem ganzmenschlichen Verständnis, nicht mit dem Zweidrittel Denken und Fühlen, nicht mit dem Eindrittel bloß Denken, sondern nehmen Sie es mit dem ganzmenschlichen Verständnis auf, dann finden Sie diejenige Stimmung, die in dem Christen leben muß, indem er von Weihnachten zu Pfingsten lebt. Er lebt dann das Jahr mit, er lebt es in konkreter Weise mit, und er ist bereit, in die Johanni-Stimmung sich hineinzuleben, die er nur dann erleben kann, wenn er durch die immer stärker und stärker werdende Sonne nicht trunken wird. Wenn er trunken wird, das heißt, wenn er der Sommersonnenwende nicht so entgegenlebt, daß er sich mit allen seinen Kräften hindurchlebt, so macht er eine gewisse Weltenohnmacht durch, er verschwimmt gewissermaßen ohnmächtig in der Sommerwärme und im Sonnenlicht. Hält er sich aber zusammen durch dasjenige, was er von Ostern bis Pfingsten entwickelt hat, so bleibt er sich desjenigen bewußt, was in seine Seele gelegt ist durch göttliche Weltenmächte, und er durchlebt dasjenige, was zur Sommersonnenwende, was zur Johannizeit da ist, mit der vollen Kraft seines Inneren, soweit diese volle Kraft seines Inneren da sein soll.

Und dann kann er weiterleben, indem das in ihm immer mehr und mehr reifen kann, was er so gewissermaßen als Mensch in sich verpflanzt hat, wo sein Inneres der Weihnachtszeit so entgegenreift, daß er stark genug ist, dasjenige, was ihm die Erde selber geben kann, aus dieser Erde zu gewinnen.

So wird ein Jahresverständnis in unserer Seele erregt. Und aus einem solchen Verständnis heraus sind die Evangelien geschrieben, aus einem solchen Verständnis heraus müssen wir ihren Inhalt auf das Jahr zu verteilen wissen. Wenn wir also die Evangelien als die Botschaften einreihen in unsere Kultushandlungen, so müssen sie so eingereiht werden, daß sie aus unserem inneren Verständnis heraus eingereiht werden. Und wenn wir vordringen wollen zu demjenigen, was uns fähig macht, uns nun wirklich auch in alle Weihehandlungen hineinzustellen, dann müssen wir das Brevier finden. Dieses Brevier können wir aber niemals finden, wenn wir uns nicht anzugliedern verstehen an dasjenige, was in einem solchen Jahresverständnis, in einem kosmischen, ganzmenschlichen Verständnis eben errungen werden kann. Daher werde ich Ihnen bei Ihrer Anweisung hier wenigstens dem Prinzip nach übergeben müssen, was das Geheimnis eines Brevieraufbauens ist. Dieses besteht darin, daß wir zunächst ein Gebet haben für einen jeglichen Tag, ein innerlich meditativ geartetes Gebet für jeden Tag, das aber durchaus etwas Erkenntnisartiges hat für einen jeglichen Tag der Woche, daß wir in der Lage sind, dieses Gebet viergliedrig durch den Monat zu richten nach Osten, Westen, Süden, Norden, und daß wir fähig sind, es durch die zwölf Monate des Jahres hindurchzutragen, so daß ein wirklicher Jahreskreislauf daraus wird. Es muß daher ein Brevier so gebaut werden, daß sich rhythmisch wiederholen innere Erlebnisse durch das Brevier, die gegliedert sein werden wie die sieben Tage der Woche, die vier Wochen des Monats und die zwölf Monate im Jahr, und wir werden sehen, wie ein Brevier wird aufgebaut sein müssen, indem es beginnen wird mit demjenigen, das sich schließt an den Jahreslauf durch die Zwölf, das sich bezieht auf den Raum durch die Vier, und das sich bezieht auf den Tag durch seinen wesentlichen Inhalt. Es wird der Inhalt der Tagesinhalt sein, es wird die Richtkraft dasjenige sein, was sich auf die Wochen bezieht, und es wird der Stimmungsgehalt dasjenige sein, was sich auf die zwölf Monate des Jahres bezieht. Anders ist nie ein Brevier geartet gewesen, und wenn Sie, meine lieben Freunde, den Willen haben, zu solchen Dingen überzugehen, dann müssen Sie eben auch durchaus sich dazu anschicken, sich ein Verständnis für diese Dinge zu erwerben.

Das mußte ich im Anschluß an das Taufritual voraussetzen, bevor wir zu weiteren Besprechungen von Ritualien schreiten.

German original of Eighteenth Lecture · ← Previous · Next →