Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 5 October 1921, Dornach

Neunzehnter Vortrag

Meine lieben Freunde! Ich möchte heute noch einiges in Fortsetzung von dem sagen, was gestern und die vorigen Tage angeführt worden ist und bitte Sie dann, die nächste Diskussionsstunde so zu benützen, daß wirklich alle einzelnen Fragen, die Ihnen auf dem Herzen liegen, vorgebracht werden, so daß wir also dann die Stunde zu einer wirklichen Diskussion machen. Heute möchte ich das aus dem Grunde noch anders machen, weil das, was ich gestern gesagt habe, unbedingt nötig macht, die ganze Sache auch von der anderen Seite aus zu betrachten, nämlich auch noch den subjektiven Erlösungsvorgang zu betrachten. Wir haben gewissermaßen dasjenige hingestellt, was außerhalb des Menschen zu der Erlösungstat gehört und müssen nun einiges sprechen über den anderen Teil der Frage, darüber, wie sich die Erlösung im lutherischen Sinn, im anthroposophischen Sinn und so weiter ausnimmt, und zwar in bezug auf die Erlösung, insofern sie etwas Subjektives ist.

Da entsteht natürlich zuallererst die Frage, meine lieben Freunde, von was sollen wir eigentlich erlöst werden, von was müssen wir erlöst werden, was ist an dem Menschen, das der Erlösung bedürftig ist? Ich muß gestehen, daß ich über diese Frage eigentlich die am meisten unzutreffenden Vorstellungen im Umkreise der Christenheit gefunden habe, und zwar aus dem Grund, weil man es heute nicht liebt, genau auf die Dinge einzugehen und die Fragen ganz ernsthaft zu stellen. Sie wissen ja doch natürlich, daß die Erlösungstat zunächst eigentlich etwas außerhalb des Verlaufes der gewöhnlichen äußerlichen Weltentwickelung ist. Das geht auch schon aus alle dem hervor, was ich gestern gesagt habe. Es muß also auch die Beziehung der Erlösungstat zum Menschen etwas sein, was den Menschen aus seiner Subjektivität herausführt. Nun ist ja schon in dem Begriff der Erbsünde etwas angedeutet, was aus der Subjektivität des Menschen herausführt, denn im wesentlichen handelt es sich ja um die Erlösung von der Erbsünde. Da entsteht natürlich die große Frage: Was ist die Erbsünde? Nun findet man aber, daß in vielen Auffassungen von der Erbsünde eigentlich, man kann schon sagen, im wahrsten Sinne des Wortes eine Gotteslästerung liegt. Denn wenn man überzeugt davon ist, daß alles, was innerhalb der Schöpfung wirkt und lebt, dem göttlichen Schöpfer seinen Ursprung verdankt, dann muß man das Vorhandensein einer Sünde, die gewissermaßen hineininjiziert wird in den Weltengang, Gott zuschreiben, Es ist ja ein solches Zuschreiben der Sünde dem Gotte tatsächlich nichts anderes als eine Gotteslästerung, und es gibt auch keine Möglichkeit, auf der einen Seite die Erbsünde aufrechtzuerhalten und auf der anderen Seite von einem Gott zu sprechen, der als der einheitliche Schöpfer allem zugrundeliegt. Will man irgendeine Möglichkeit gewinnen, auf diesem Gebiet zu einem Begriff zu kommen, der keine Gotteslästerung involviert, dann muß man schon an der Dreipersönlichkeit des Gottes festhalten können.

Die Dreipersönlichkeit des Gottes bedeutet ja durchaus nicht einen Übergang vom Monotheismus zu einer Vielgötterei, zu einer Dreigötterei, sondern sie ist absolut, wenn sie verstanden wird, richtig vereinbar mit einer durch und durch monotheistischen Weltauffassung. Allein es frägt sich: Durch welche uns Menschen subjektiv zugängliche Kraft kommen wir zu einer Empfindung von der Gottheit? Niemals hat man — das darf schon gesagt werden - innerhalb des Mysterienwesens, des christlichen und des außerchristlichen Mysterienwesens, eine andere Anschauung gelten lassen über das Hinkommen zu Gott als diejenige, daß Gott in der Liebe lebt. Und es handelt sich eigentlich um die klare Einsicht in dem Sinne, wie ich das heute vormittag gesagt habe, um die ganzmenschliche Einsicht in den Satz, daß Gott in der Liebe lebt. Verstehen kann man diesen Satz eigentlich nur dann, wenn man sich frägt: Was könnten denn etwa andere Wege zu dem Gott sein als derjenige, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit Liebe gepflastert ist? Was könnten andere Wege zu Gott sein, respektive in welchen Imaginationen könnten wir Gott ansehen, außer in der Imagination der Liebe?

Es gibt noch zwei Möglichkeiten, durch inneres Erleben sich dem Gotte zu nähern, außer dem durch Liebe. Es gibt noch zwei Möglichkeiten, nämlich den Weg der Weisheit und den Weg der Macht. Und man könnte von da ausgehend eben die drei Urteile haben: Gott lebt in der Weisheit, Gott lebt in der Liebe, Gott lebt in der Macht, Aus gewissen Bekenntnisuntergründen heraus, die schon die ganzmenschliche Klarheit auf diesem Gebiete sehr stark vermissen lassen, ist ja so etwas hervorgegangen, daß man gewissermaßen alle Differenzierungen hinweggewischt hat und verehrt oder anberet Gott den Allmächtigen, den Alliebenden, den Allwissenden. Es ist unmöglich, ein reines, richtiges Verhältnis der Menschen und der Menschheit zu Gott herauszubekommen für unsere nach dem Mysterium von Golgatha fallende Zeit, wenn man ausgeht von dem Satz: Gott ist erreichbar durch die Weisheit. Es war einer der tiefsten Sätze, die ausgesprochen worden sind durch das Evangelium: Gott wird nicht durch Weisheit erreicht. - Natürlich lebt Gott in der Weisheit, aber das darf sich nicht für das Menschengeschlecht so offenbaren, daß das Menschengeschlecht in der heutigen Zeit ihn einfach durch Weisheit finden will. Denn wenn wir uns den weisen Gott vorstellen, dann müssen wir, wenn wir auf die Vorstellung einen realen, konkreten Wert legen, uns diese Weisheit Gottes, die also dann in der Welt wirkt, so vorstellen, daß sie alle menschliche Weisheit übertrifft; und dann kommen wir sogleich dazu, keine Brücke zu finden zu Gott auf dem Weisheitswege. Es fehlt uns die Brücke, wenn wir auf dem Weisheitswege Gott suchen wollen, weil Gottes Weisheit alle Menschenweisheit unendlich überstrahlen muß und wir niemals in das Weben und Wesen Gottes hineinkommen könnten, wenn wir mit Menschenweisheit die Brücke hinüberschlagen wollen.

Wir finden immer einen Abgrund, meine lieben Freunde, wenn wir auf dem Wege der Weisheit den Gott suchen wollen, den Abgrund, an dem wir unbedingt Halt machen müssen. Es ist nicht so, daß wir etwa unsere Menschenweisheit nicht als eine Gottesgabe ansehen dürfen, das ist sie. Aber wir dürfen nicht Gott auf dem Wege der Weisheit suchen, ebensowenig dürfen wir Gott auf dem Wege der Macht suchen. Denn wenn wir Gott auf dem Wege der Macht suchen würden, würde die Macht Gottes alles so überragen in allem Wirkenden, daß jede individuelle Freiheit ausgeschlossen wäre. Und daher wäre es unmöglich, daß irgendwie auf dem Erdenrunde eine Freiheit des Menschen sich entwickeln könnte, wenn wir Gott nur auf dem Wege desjenigen suchen wollten, was in ihm wirklich als Allmächtiges involviert ist.

Der einzige Weg, der zu Gott wirklich führt, der das Geschöpf mit dem Schöpfer verbindet, ist der Weg der Liebe, die vom Menschen frei dem Gotte entgegengebrachte Liebe, welche nichts anderes ist als das allmenschliche Verständnis der von Gott dem Menschen entgegengebrachten Liebe. Das ist dasjenige, was nun wirklich uns nicht an einen Abgrund führt, sondern was uns dahin führt, einen Weg zu Gott zu finden, so daß wir nicht irgendein Bild aufsuchen müssen, wenn die Rede ist davon, daß Gott in der Liebe lebt, sondern daß wir uns das durchaus als eine Realität vor die Seele zu stellen haben. Ich spreche damit wiederum nicht etwas Individuelles aus, meine lieben Freunde, sondern etwas, was eben, wie gesagt, Mysterienweisheit aller Zeiten ist, möge es nun so oder so herausgeholt werden aus dem Anfange aller Erkenntnis, darauf kommt es in diesem Augenblick nicht an. Es kommt darauf an, daß diese Erkenntnis: Gott ist die Liebe —, oder: Gott lebt in der Liebe — gemeinsame Mysterienweisheit aller Zeiten ist.

Nun, das lebendig aufgefaßt, hat aber eine gewisse Folge, die wir uns vergegenwärtigen können, wenn wir auf die Gesamtentwickelung des Menschen auf der Erde hinschauen. Wir leben in unserer heutigen Zeit in einem bestimmten Bewußtseinszustand. Sie wissen schon aus den Vorträgen der vergangenen Tage, daß dieser Bewußtseinszustand nicht immer da war in der Menschheitsentwickelung, sondern daß dem gegenwärtigen Zustand vorangegangen ist ein viel dumpferer, traumartiger Zustand, der allerdings durchhellt war, so daß dazumal der Mensch das Göttliche wahrnehmen konnte in Bildern, die wie Traumesbilder waren, und daß das eigentlich traumhafte Gewahrwerden des Gottes in allem Naturdasein aufgehört hat um die Zeit, die um das Mysterium von Golgatha herum liegt, so daß ein neuer Einschlag, eine neue Art, zum Göttlichen den Weg zu finden, notwendig geworden ist. Wir müssen also klar unterscheiden den Weg, den das Menschengeschlecht eingeschlagen hat bis in die Nähe des Mysteriums von Golgatha hin, von Generation zu Generation, wo das Bewußtsein durchaus nicht in demselben Sinne wachend war, wie es heute ist. Gewiß, für die äußeren Verrichtungen war es ähnlich unserem heutigen Bewußtseinszustande, aber [die Menschen waren] immer fähig, sich gewissermaßen in Zustände zu versetzen oder hineinzukommen, die zwischen Wachen und Schlafen liegen und die sie zum Göttlichen hinführten durch unmittelbare atavistische, imaginative Anschauung, durch Anschauung des Göttlichen in Bildern. Die ältesten Urkunden sprechen ja sehr viel von dieser Art, sich dem Göttlichen zu nähern; das war die Art und Weise, meine lieben Freunde, wie man sich dem Göttlichen näherte durch Weisheit, durch Menschenweisheit.

Warum durfte man sich dazumal durch Menschenweisheit dem Gösttlichen nähern? Ja, sehen Sie, der Bewußtseinszustand war herabgedämpft; dadurch war der Mensch behütet davor, in vollem Sinne mit derjenigen Intensität, wie das heute ist, diejenigen Eigenschaften in seiner Organisation mitzuerleben, die vererbte Eigenschaften sind, also mitzuerleben alles das, was durch Vererbung in den individuellen Menschen hineinkommt. Gewiß, auch in den alten Zeiten haben die Menschen etwas gegeben auf ihre vererbten Eigenschaften, auf Rasseneigenschaften, auf Blutsverwandtschaft und dergleichen Dinge, aber dem stand immer gegenüber das Annehmen eines Geistigen in diesen vererbten Eigenschaften. Man hat sich nun vorzustellen, daß der Mensch, indem er die Erde betreten hat, eben in eine solche Gemeinschaft hineingekommen ist mit dem physischen Entwickelungsvorgang, daß er die Vererbung in sich aufnehmen mußte, also daß tatsächlich durch das Blut etwas vererbt wird. Aber der Mensch war noch nicht mit seinem Bewußtseinszustand dahin gekommen, voll in diesen vererbten Eigenschaften zu leben. Tatsächlich erlebte der Mensch träumend in sich die vererbten Eigenschaften der Erbsünde als die Impulse, die ihn immerzu vom Göttlichen abdrängen, die ihn immerzu dazu drängen, hinunterzusinken unter die Stufe seines Menschlichen. Er hatte aber gewissermaßen das Gegengewicht in dem atavistischen Hellsehen, so daß er nicht völlig aufging innerhalb dieser Vererbungsströmung. Daß er in diese Vererbungsströmung mit dem vollen Bewußtsein eindrang, das stellte sich erst klar ein um die Zeit des Mysteriums von Golgatha; da kommt der Mensch tiefer und intensiver in diese Vererbungsströmung hinein. So kann man sagen: Der Mensch wurde im Laufe seiner Entwickelung hinuntergeleitet zum Erleben der Erbsünde, und er ist bedürftig geworden der Erlösung von diesem Erbübel; aber er brauchte diese Erlösung erst von dem Moment an, als das Mysterium von Golgatha in der Menschheitsentwickelung herankam. Als der Mensch — wenn ich mich des biblischen Bildes bediene — durch [den Sündenfall] Adams in das irdische Element auf der Erde eingezogen ist, da ward er gesenkt in die Region der ererbten Eigenschaften, aber sein Bewußtsein war noch nicht soweit, daß er sich hinreißen lassen konnte von alle dem, was aus den ererbten Eigenschaften kommt. Auch die Erbsünde entwickelte sich, auch das Hineingestoßenwerden in die ererbten Eigenschaften entwickelte sich. Das ist etwas, was dem ganzen Menschengeschlecht gegeben ist. Das ist etwas, was in der Entwickelung als Impuls für das ganze Menschengeschlecht lebt. Dem mußte entgegengesetzt werden ein anderer Impuls, der nun das menschliche Bewußtsein wieder heraufheben, herausheben kann aus der Sphäre der ererbten Eigenschaften, und dieser Impuls sollte durch den Christus-Impuls gegeben werden. Auf geistig-seelische Art sollte der Mensch alles das kennenlernen, was er früher allein im Blute erlebt hatte, in der Generationsfolge, was aber so geworden ist, daß er es jetzt nicht mehr allein im Blute erleben durfte.

So hat in den älteren Zeiten die Menschheit den Weg zu Gott durch die Weisheit, und zwar durch die noch nicht voll in die Erbsünde hineinverstrickte Menschenweisheit, suchen dürfen. Das ist korrumpiert worden in den letzten Phasen des Heidentums, das ist auch korrumpiert worden in den letzten Phasen des Judentums; nur ist es so, daß eigentlich die geschichtlichen Nachrichten allein von diesen letzten Phasen berichten und nicht von demjenigen, was vorangegangen ist.

Was ist es denn also eigentlich, was den Menschen nun innerhalb der Erdenwelt hinunterträgt in die Region der ererbten Eigenschaften? Fragen wir nach, was es ist. Wir kommen hier auf Begriffe, die, ich möchte sagen, dem heutigen Erdenmenschen recht sehr peinlich sind, denn man kommt auf ein Gebiet zu sprechen, über das der heutige Mensch entweder sehr leicht sich hinweghilft mit allerlei Tiraden, oder aber das er in dem Sinne faßt, wie es seit einiger Zeit üblich geworden ist — wie es allerdings von Anthroposophie nur als der Gipfelpunkt der Sünden-Erkenntnis aufgefaßt werden kann -, im psychoanalytischen Sinne. Wir kommen da zu einem Gebiet, wo berührt werden muß die niedrigste - nur mit Bezug auf die WeltOrientierung niedrigste — Phase des Liebeslebens, das ist das geschlechtliche Liebesleben. Aus demselben, aus dem heraus der Mensch auf menschliche Art geboren wird, aus demselben heraus entsprang dasjenige, was der Mensch erlebte in der alten Weisheit. Nur wurde der Mensch in dieser alten Weisheit, ich möchte sagen, nicht voll erweckt zu dem Leben in den Impulsen der Vererbung. Voll erweckt wird der Mensch eben hier auf der Erde durch die Liebe, zunächst wie sie auftritt als die geschlechtliche Liebe, und als Fortsetzung der geschlechtlichen Liebe durch die Kindesliebe und die Elternliebe, die, solange sie ans Blut gebunden sind, immer etwas haben, was den Menschen tiefer hinunterdrängt, als er eigentlich nach der ursprünglichen göttlichen Absicht in der Welt stehen sollte.

Und so macht sich die Notwendigkeit geltend, gerade von der Liebe ausgehend diese Liebe zu heiligen, indem an die Stelle des Blutsahnherrn, der Blutsahnenherrschaft, derjenige Ahnherr gesetzt wird, zu dem man sich bekennt nun nicht aus den vererbten Eigenschaften heraus, sondern aus den eigenen Eigenschaften, die man sich als Mensch über die vererbten Eigenschaften hinaus entwickeln kann, oder die an dem Menschen über die vererbten Eigenschaften hinaus entwickelt werden können. Zu einem solchen Ahnherrn sich bekennen, heißt, in das Bewußtsein aufzunehmen zu der Blutsverwandtschaft hinzu diejenige Verwandtschaft, die aus freier Wahl, aus freiem Entschluß hervorgeht, das heißt, zu der Blutsverwandtschaft hinzuzunehmen die Wahlverwandtschaft mit dem Christus, mit dem Ahnherrn, der als der Ahnherr der Liebe auftritt, der vergeistigten Liebe, die nun nichts mit dem Blut zu tun hat, und die daher auch durchaus das ganze Menschengeschlecht ergreifen kann, weil sie aus freier Wahl hervorgeht, weil sie eine Wahlverwandtschaft ist. Nun entstand die Vorstellung, die inneren Impulse zu suchen, um ein Wesen frei zu wählen, das heißt, im Laufe des individuellen Lebens so erzogen zu werden, daß diese Wahl eine freie ist, daß man sich dann aber zu diesem in freier Wahl ergriffenen Ahnherrn ebenso bekennt, wie man sich früher zu dem Gott Abrahams bekannt hat durch Blutszusammenhang. Unmittelbare Blutszusammenhänge liegen ja allen alten Religionen eben doch zugrunde. Dasjenige, was im Polytheismus der späteren Zeit gelebt hat, war nichts anderes als eine Umgestaltung des Ahnendienstes, das heißt der Verwandtschaft, die man mit dem Ahnengott als dem Blutsverwandten fühlte.

Nun kam die große Erkenntnis, daß dasjenige, was früher auf der Erde nur im Blute gelebt hat, was irgendwie mit dem Blute zusammenhing, an das irdische Geistesleben und Seelenleben abgegeben worden ist. Wer hat es abgegeben? Derjenige, der in der Blutsverwandtschaft lebt und der aus der Blutsverwandtschaft in das menschliche Bewußtsein hinein die alte Weisheit sandte. Wer war das? Es war der Vatergott. Anerkannt mußte werden, daß der Vatergott so lebt, daß die Menschen Menschen bleiben konnten in einem gewissen Sinn, bis hin in die Zeit des Mysteriums von Golgatha. Da mußte er einen Entschluß fassen —- und das menschliche Bewußtsein wird nur möglich dadurch, daß es so etwas versteht, daß es über alles irdische hinaufrückt nicht nur zu einem überirdischen Erleben, sondern zu einem [Verstehen des] überirdischen Entschlusses —, denjenigen, der mit ihm immer verbunden war, den Sohn, hinzugeben an die Erde, ihn durchgehen zu lassen durch ein Ereignis, wodurch nun der Sohn nicht mehr so mit dem Vater vereint war wie früher, sondern wo ein anderes Verhältnis des Sohnes zum Vater durch die Beziehung des Sohnes zur Menschheit eingetreten ist.

Es ist außerordentlich schwierig, diese Dinge in Worte zu fassen, aber ich versuche es, es Ihnen so klar, wie es nur irgend geht, so klar ich es eben kann, in Worte zu fassen.

Wir werden da zurückgewiesen zur Anerkennung des Vatergottes in alten Zeiten, der, [den Menschen] unterbewußt, mit dem Blute fortrann durch die Generationen, der den Sohn in sich schloß, der mit der Weisheit den Menschen das Erleben der Liebe gab, und wir werden zugleich gewiesen auf den alten Opferdienst.

Sehen Sie, meine lieben Freunde, man hat das Wesentliche des Opfers, gerade in den späteren korrumpierten Heidenzeiten und auch in den späteren korrumpierten Judenzeiten, doch nicht in dem gesucht, was eigentlich das Opfer ist. Nehmen wir das charakteristische Opfer, das Tierblutopfer. Worin besteht denn eigentlich sein Wesen? Daß das Tierblutopfer verrichtet worden ist, darin lag nicht etwa ganz allein das Wesen des Opfers, sondern das lag darin, daß etwas, was jemand oder eine Gemeinschaft besaß, hingegeben wurde, und zwar so hingegeben wurde, daß dieser einzelne oder diese Gemeinschaft den Besitz nicht mehr hatte. Das ist ein wesentlicher Bestandteil des Opfers. Je weiter wir in der Zeitenentwickelung zurückgehen, desto mehr finden wir, daß dieser Begriff von dem Opferbegriff durchaus nicht trennbar ist: das Hingeben von etwas, was man besitzt. Tierisches Opfer wurde es nur, weil man das Tierische dem Feuer übergab; in älteren Zeiten waren ja alle Tieropfer am lebendigen Tier vollzogen worden. Wenn man das Opfer am lebendigen Tier vollzogen hat, so geht auch das Leben hin, es wird Lebendiges hingeopfert. Es wurde also durchaus dann gedacht, daß man sich durch das Opfer loskauft, losmacht von einem Besitz, den man hat, von einem Besitz, der, wenn man ihn im gewöhnlichen egoistischen Sinn auffaßt, in etwas bestand, was einem zugute kam, in etwas, was man durch Vererbung hatte. Wenn man das in geistigem Sinne auffaßt, so war der Besitz etwas, was einen unter das Menschentum herabbrachte, etwas, was man nur duch das Blut hatte. Das sollte auch wiederum im Blutsopfer hingegeben werden, insofern es von den Menschen hinweggenommen werden sollte.

So aber konnte man nur denken, solange man glauben durfte, daß aufrechterhalten wird der unschuldige Grad des Bewußtseins, das nicht hinunterreicht in die Erbsünde, auch dann, wenn der Moment durchgemacht wird, daß das Blut im Feuer aufgeht, denn das Aufgehen des Blutes im Feuer ist ja der entgegengesetzte Akt von dem, was mit dem Eindringen des Blutes und dem Pulsen des Blutes im menschlichen Organismus geschieht, und was eben der Träger der Erbsünde ist. Damit aber für das ganze Menschengeschlecht in einheitlicher Weise dasjenige, was in dem Wirken des Vatergottes im Blute liegt, hinweggenommen werden konnte, mußte der Menschheit gegeben werden das Ereignis von Golgatha durch die Hinopferung des Sohnes, so daß der Sohn fortan nicht lebt in der Geburtenfolge, wie er früher mit dem Vater gelebt hat, sondern daß er lebt in demjenigen, in das das menschliche Bewußtsein sich versenkt, ohne daß es in die Kräfte verfällt, die durch die Geburtenfolge gehen, und das hinschaut auf den, der durch den Tod auf Golgatha gegangen ist. Dieses über den Tod Gesiegthaben und das Empfinden desjenigen, was dabei empfunden werden kann, reißt heraus aus einem Hineingestelltsein in die Erbsünde, so sagte man sich im alten Christentum, im Mysterienchristentum. Die Wahlverwandtschaft mit dem Christus reißt heraus aus der Erbsünde der Blutsverwandtschaft. Du magst schattenhaft empfinden dein Verhältnis zu dem Ereignis von Golgatha, dann bewirkt diese deine Empfindung nichts als höchstens wiederum Weisheit, die auch vor dem Ereignis von Golgatha da war, aber du kannst auch dein Verbundensein mit dem Christus so stark empfinden, du kannst dein Verhältnis zu dem Christus so stärken, daß du ihn liebst, wie du aus dem Blute heraus liebtest. [Wenn du das kannst,] dann, dann wirkt diese deine Liebesempfindung für den Christus in dir entgegengesetzt dem, wie die Erbsünde in dir wirkte, dann heilest du die Erbsünde in dir. Und dann wirkt der Vatergott, das der Welt Zugrundeliegende als der eine Aspekt, die eine Person der Gottheit, die eine Maske oder Gestalt der Gottheit, die aber verbunden ist mit der anderen Maske, der anderen Gestalt, der anderen Person der Gottheit, mit der Person des Sohnesgottes.

Aber in der Zeitenfolge, namentlich wenn wir an die Zeit denken, die hinter dem Mysterium von Golgatha in der grauen Zeit der Menschheitsentstehung liegt, denken wir an den Gott, der durch das Blut wirkt und durch die Generationenfolge. Und wir denken an den Vatergott, der hingeopfert hat den Sohn, zu dem eben die Liebe - die, wie wir gesagt haben, der einzige wirkliche Weg zu Gott ist für den Menschen -, zu dem die Liebe im Geistig-Seelischen im Menschen so angefacht werden kann, so stark gemacht werden kann, wenn er hinblickt auf die ganze Tragik, auf die ganzen Greuel des Mysteriums von Golgatha; und wenn diese Liebe so stark wird, dann ist in der Tat im Menschen eine der Erbsünde entgegenwirkende Kraft da. Das macht sich dann aus dem Leibe heraus, in der Wirkung des Blutes in der Erbsünde, in den vererbten Eigenschaften geltend, aber wir gehen dann nicht auf in diesen vererbten Eigenschaften, wir erheben uns mit dem empfindenden und wollenden Blick, den wir auf Golgatha richten, über das Leben in der Erbsünde im Bewußtsein selber und bewirken dadurch eine so starke Kraft im Bewußtsein, die der Erbsünde entgegenwirkt. Es gibt keine andere Möglichkeit als dieses Hinblicken auf das Mysterium von Golgatha, um der Erbsünde entgegenzuwirken. Um dieser Erbsünde entgegenzuwirken, meine lieben Freunde, da gibt es keine Selbsterlösung, da gibt es eben nur die Erlösung durch den Christus, die Erlösung durch den Anblick des durch das Mysterium von Golgatha gehenden Christus. Und indem wir diese Empfindung gegenüber dem Christus entwickeln, die da besteht in lauter Liebe, dürfen wir jetzt hinschauen auf den Gott der Macht, auf den Vatergott, der zugrundeliegt dem Schaffen im Blute, und der übergehen ließ diese seine Macht in das Wirken des Sohnes. So daß wir sagen können: Wir brauchen nicht, wie wir heute in der Zeitenentwickelung drinnenstehen, hinzuschauen zu der Allmacht Gottes, die lassen wir jenseits der Liebe liegen; sie ist in dem Gotte, aber wir finden nicht den Weg zu Gott, wenn wir diesen Weg der Macht gehen.

Der letzte Ausfluß des Erbsündeprinzips, meine lieben Freunde, ist diejenige menschliche Erkenntnis, welche sich ganz und gar auf die vererbten Eigenschaften stützt. In dem Augenblick, wo - als eine letzte Phase — das, was hervorgeht aus den Impulsen, die in dem durch die Generationen rinnenden Blute liegen, übergeht in Erkenntnis, wird daraus intellektualistische Erkenntnis, wird es die Erkenntnis der modernen Naturwissenschaft. Sie ist die letzte Phase der menschlichen Erbsünde, sie ist der ins Abstrakte versetzte Geist des Altertums, sie ist dasjenige, was der Heilung bedarf, sie ist dasjenige, was nötig macht, daß der Mensch nun nicht mehr glaubt, daß er zu Gott kommt durch den Geist allein, wie es in alten Zeiten möglich war, wo das Göttliche durch Weisheit erreicht worden ist. Es ist die Empfindung nötig, daß der Mensch das Göttliche nicht allein durch Weisheit erreichen kann, sondern daß dieser Weg der Weisheit geheiligt werden muß. Das ist dasjenige, was nun durch die Folge des Ereignisses von Golgatha gekommen ist durch das Erleben der Erkenntnis in der Kraft des Heiligen Geistes. Wir haben die dritte Gestalt der Gottheit. Wir haben den einheitlichen Gott in drei Gestalten anzuschauen. Wir wissen jetzt, daß wir ihn nicht anschauen dürfen in der Macht, ohne die Vermittlung durch den Christus in der Liebe, indem wir zurückstrahlen lassen auf den Gott der Macht dasjenige, was uns in dem Christus gegeben ist, dem wir durch wahre Liebe anhängen, und wir wissen auch, daß wir keine Weisheit aufnehmen dürfen, ohne sie zu heiligen, zu heilen durch den Geist, der durch Christus der Menschheit gesandt worden ist. Hinaufheben durch die Kraft des Christus, durch diejenige Kraft, die wir in uns haben im Anblick des Ereignisses von Golgatha, hinaufheben müssen wir die Menschenweisheit, indem wir sie als krank betrachten; heilen müssen wir sie, indem wir sie durchdringen lassen von jenem Übersinnlichen, das zu uns kommen kann, und das gemeint ist mit der Durchdringung, mit der Heiligung durch Christus.

So, meine lieben Freunde, kann es keine andere Erlösung von der Erbsünde geben als diejenige durch den Christus Jesus; die anderen Sünden sind Folgesünden. Die individuellen Sünden werden von dem Menschen begangen, weil er eben durch die Erbsünde schwach sein kann, zur Sünde hinneigen kann. Diese individuellen Sünden finden ihren Ausgleich in dem, was durch Selbsterlösung erreicht werden muß; sie müssen durch Selbsterlösung im Verlaufe des irdischen oder überirdischen Lebens ausgeglichen werden. Dasjenige aber, was die Ursünde ist, die Mutter aller übrigen Sünden, das konnte nur durch die Erlösungstat des Christus aus dem Menschengeschlechte herausgenommen werden. Und in dem Augenblick, wo das eingesehen wird durch so etwas wie, nennen Sie es nun Anthroposophie, nennen Sie es Christentum, nennen Sie es Religion, das ist ganz gleichgültig, in dem Augenblick, wo man an die wirkliche Erkenntnis von diesen Dingen herankommt, kann es keinen Zweifel darüber geben. Und gibt es doch noch einen Zweifel, so rührt er von der Unfähigkeit her, so etwas in Worte zu kleiden. Denn an sich muß ein unmittelbar Überzeugendes, ein frei Überzeugendes in dem liegen, was zu dem historischen Christus in Liebe hinführt und zu seiner Tat, zu dem Ereignis von Golgatha.

Nicht das etwa ist ein Weg, der zum Christus hinführen kann, was — wenn wir ein konkretes Beispiel sagen wollen — in Harnacks «Wesen des Christentums» lebt; der Weg kann eigentlich nur hinwegführen vom Christus, wenn man den Christus bloß als [den Verkünder] der Lehre vom Vatergott hat, wo die Hauptsache in der Lehre liegt. Nein, der Weg hin zum Christus, zu dem Mysterium von Golgatha, liegt nicht in einer Lehre, er liegt in der sich frei entwickelnden, in der frei hinströmenden Liebe. Nur dadurch ist der Weg zu dem Christus erreichbar. Und wenn diese frei hinströmende Liebe vorhanden ist, wird auch unsere Weisheit in sich den Geist aufnehmen, der der heilende, der Heilige Geist ist — es ist das dasselbe Wort-, das heißt aber zu gleicher Zeit, daß kein anderes menschliches Verhältnis den Menschen erlösen kann als das Verhältnis zu dem historischen Christus, zu demjenigen, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Es gibt kein anderes menschliches Verhältnis, das von dem Menschen die Erbsünde wegnehmen kann als das Verhältnis zu dem historischen Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Diejenige Weisheit, welche sich nur als der letzte Deszendent der Erbsünde entPuppt, die sagt etwa mit Harnack: Was vorgegangen ist im Garten von Gethsemane, darüber wollen wir uns nicht verbreiten, das hat doch kein Auge gesehen; jedenfalls, wie es sich auch verhalten mag mit der Auferstehung, der Auferstehungsglaube, das heißt der Osterglaube ist daraus hervorgegangen. — Es ist nicht christlich, so zu sprechen. Und als ich einmal in einer Vereinigung, die sich Giordano Bruno-Vereinigung nannte — es war nicht der Giordano Bruno-Bund -, vor vielen Jahren ausführte, wie derjenige, der im Sinne Harnacks spricht, gar nicht das Recht habe, sich Christ zu nennen, namentlich nicht im Sinne des neuesten geistigen Bewußtseins, da wies ich hin auf die Stelle, wo Harnack in seinem «Wesen des Christentums» sagt, es käme nicht auf die Tatsächlichkeit der Auferstehung an, sondern auf den Auferstehungsglauben. Da sagte mir der Vorsitzende, der ein gut unterrichteter Mann war und der sich durchaus als ein gut unterrichteter Christ fühlte, das stehe nirgends in Harnacks «Wesen des Christentums», das habe er nicht in Harnacks «Wesen des Christentums» gelesen; und stünde es drinnen, so wäre das nicht evangelisch, das wäre heidnisch-katholisch, denn es gliche einfach der Aussage — so sage nicht ich, sondern er sagte das —, welche von katholischer Seite über den Ursprung des heiligen Rockes zu Trier gemacht werde; da käme es auch nicht darauf an, woher er tatsächlich kommt, es käme auf den Glauben an, den man verbindet mit dem heiligen Rock von Trier; das aber sei nicht evangelisch, das sei heidnisch-katholisch. Er habe das nicht gefunden in Harnacks «Wesen des Christentums», so sagte er.

Da sagte ich ihm, daß ich das Buch nicht bei mir hätte und ihm morgen die Seitenzahl zukommen lassen werde. Aber ich sah daraus zu gleicher Zeit, wie man heute solche Ideen auffaßt und in welch geringem Sinne man solche Dinge ernst nimmt und sich in sie hineinlebt. Man fühlt gar nicht, daß die Literaturprodukte, die auf theologischem Gebiet auftreten, überhaupt nicht mehr christlich sind, und daß der Overbeck, der auf Nietzsche in Basel einen großen Eindruck gemacht hat, ganz recht hatte mit alle dem, was er über die moderne Theologie geschrieben hat [in seinem Buch] «Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie», in dem er eigentlich schon damals in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Beweis geliefert hatte, daß die moderne Theologie, was immer sie sein mag, ein Produkt des Christentums nicht mehr ist. Und am wenigsten ist Harnacks «Wesen des Christentums» etwas, was mit dem Christentum noch etwas zu tun hat. Setzen Sie da überall bei den entsprechenden Stellen, wo bei Harnack der Christus-Name steht, den Namen Jahve, den Vatergott hin, dann sind Sie berechtigt zu sagen: Derjenige, der dieses Buch geschrieben hat, kennt nicht mehr das wirkliche Verhältnis, das der Christ zu seinem Christus haben muß.

Ich glaube nicht, meine lieben Freunde, daß wir den ganzen Ernst desjenigen fühlen können, was für eine Erneuerung des christlichen religiösen Lebens zu tun ist, wenn wir nicht fühlen, wie weit entfernt diejenigen oftmals vom Christentum sind, die dieses Christentum heute vor der Welt aufrechtzuerhalten denken, indem sie alles bei diesem großen Entschuldigunsprozeß, den da die Theologie vor der Welt unternimmt, hinopfern, zuletzt eben auch noch ihre Beziehung zum Christus selber. Man kann sich nichts Unchristlicheres denken als den Grundsatz Harnacks, in das Evangelium gehöre nicht der Sohn, sondern allein der Vater hinein, und das Evangelium sei nicht eine Botschaft vom Sohne, sondern allein die Botschaft des Sohnes vom Vater. So etwas mag jemand heute bekennen unter dem Druck des modernen Materialismus, aber er müßte die Ehrlichkeit haben, dann aufzuhören, sich noch Christ zu nennen.

Es geht nicht anders, als daß wir diese Dinge in aller Differenziertheit hinstellen und uns dadurch aufschwingen zu der Erkenntnis: Erlösung von der Erbsünde bedeutet, ein solches Verhältnis zu dem historischen Christus zu haben, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, daß dieses Verhältnis auf geistig-seelische Art ebenso wahr durch unsere Adern pulst, wie auf physische Art das Blut durch unsere Adern pulst. Das ist die Kraft, das ist die Stärke, die man die Glaubenskraft und die Glaubensstärke nennen kann. Nicht einen abstrakten Begriff soll man suchen für den Glauben, sondern diese Stärke, diese Kraft soll man suchen für den Glauben. Glauben heißt, in seiner Seele zu dem Christus hin eine solche Stärke und eine solche Kraft zu finden, daß diese seelische Kraft, diese seelische Stärke so groß ist wie dasjenige, was die Blutsbande in uns bewirken können. Dann finden wir den Weg zu dem einheitlichen Christus der ganzen Menschheit, zu jenem einheitlichen Christus, der durch das Ereignis von Golgatha auch die wirkliche objektive Ursache für jeden subjektiven Erlösungsvorgang ist. Dann aber suchen wir nicht mehr in äußeren Zeichen den Erlösungsvorgang, dann suchen wir im Gegenteil auch durch die Sakramente dasjenige, was die reale Beziehung der Menschenseele zu dem Christus ist. Darüber werden wir ja nun im anderen Teil zu sprechen haben. Dann suchen wir auch nicht auf eine abstrakte oder mystische Art ein Verhältnis zu einem Christus, der uns entschwindet, dann gründen wir im Menschengeist und im Menschenherzen und im Ganzmenschlichen ein wahlverwandtschaftliches Verhältnis zu dem Christus, wie wir ein blutsverwandtschaftliches Verhältnis haben zu dem Leben des Vatergottes, insofern sich dieses Leben eben in dem Blute der Menschheit, das heißt in dem Lebensschöpferischen der Menschheit auf dem physischen Gebiete ausdrückt.

Damit habe ich versucht, die subjektive Seite des Erlösungsgedankens vor Sie hinzustellen. Ich glaube nicht, daß man in der heutigen Zeit aus anderen Voraussetzungen, aus anderen Antezedenzien heraus zu einem objektiven Verstehen des subjektiven Erlösungsgedankens kommen kann.

Ich möchte Sie nun bitten, meine lieben Freunde, sich Ihre Fragen recht vorzubereiten, damit wir dann in den nächsten Tagen in den Nachmittagsstunden wirklich zu einem Diskutieren, zu einem Hinund Herreden kommen.

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