The Foundation Course

GA 343 — Dornach

Fünfter Vortrag

Zu Beginn der Stunde wurden von verschiedenen Teilnehmern Fragen und Einwände vorgebracht. Der Stenograph hat hierbei nicht mitgeschrieben, doch hat Rudolf Steiner selbst in einem Notizbuch die folgenden Stichworte festgehalten (siehe Faksimile Seiten 38-40, NB 127, in den Dokumentarischen Ergänzungen): Discussion —
? Können wir Religion definieren?
Unmöglichkeit —
Luther als Anwort —
— Verzichten auf Wissen um zur Religion zu kommen! —
Welt Rücken — und zum Göttlichen wenden —
Kluft - Welt = Gott
? — Ein Anderer: Gegensatz zwischen Gott u. Welt findet er nicht
Rel. Verbindung mit Gott - 3 Wege: Denken Fühlen Wollen
Anthrop. — wegen Verbauung der Welt durch Naturwissenschaft


nicht klar: ob nicht Religion abhängig gemacht von Erkenntnis — daß dann Menschen, die nicht Erkenntnis haben, zu kurz haben. —
Treu u. Glauben. = Dr.Geyer:
Man sagt: Anthrop. in die Welt
Religion allein zu Gott (Paradoxon) Ein Andrer: Wird Religion selbständig sein? — oder Kunst — Wissensch. etc. wird Rel. aufhören selbständig sein Ein Andrer: wenn es jemand zuwider
Glaube — gefährdet
Geheimnis. - tiefste Wesen. Trotz aller Schwierigkeiten in die Hand des Unenträtselbar. übergeb. durch seelische Ein Andrer: Religion — Beziehung der Einzelseele und Gott —
Aber auswirkt gegenüber andern Menschen - dieses gesteigert durch Anthroposophie Ein Andrer: ? führt uns heute zu Gott? Ein Andrer: Ist ein Wertunterschied z. A. u. Rel. beide nötig? Ein Andrer: Lebendige Beziehung zu den Begriffen — stehen den Begriffen corrumpierte Form gegenüber — Hauptbegriff = Glaube geloben
Glaube hat Wissensinhalt. —
allmählig verloren gegangen
Bewußtsein, daß Wissensinhalt gegeben —
das heutige herausgekommen. — Inwiefern aus Paulinischem Gegensatz von Pistis u. Gnosis. —

Rudolf Steiner: Ich möchte Ihnen am liebsten mehr konkret antworten als in Abstraktionen. Ich möchte da zunächst dieser aufgeworfenen schwierigen Frage dadurch näherkommen, daß ich vielleicht das folgende sage.

Wir haben in der Anthroposophie ja zunächst etwas, was die Beschäftigung, die seelische Beschäftigung von gegenwärtig nur wenigen Menschen bildet. Sie ist im Anfang ihrer Arbeit, die Anthroposophie, und man kann sagen, daß man ja ganz gut einsehen kann, daß sie in verhältnismäßig kurzer Zeit vielleicht in einer anderen Weise in den Menschenseelen leben wird, als das heute der Fall sein kann. Aber eines ist heute gut bemerkbar, und vielleicht werden Sie gerade das tadelnswert finden, aber es ist vielleicht besser, sich eben da an die Zeiterscheinungen zu halten, als einen abstrakten Tadel auszusprechen.

Anthroposophie wird gelehrt, vorgetragen, in Büchern geschrieben; und ich habe die, wie ich glaube, begründete Überzeugung, daß in der Art, wie es durch die Fragesteller hier, durch einzelne Fragesteller wenigstens, verlangt wird, daß Anthroposophie für den einzelnen Menschen ein Wissen sei —, daß ein solches Wissen, ein solches Verständnis für die meisten, für sehr viele wenigstens, ja für die Majorität derjenigen, die sich heute für Anthroposophie ganz intensiv interessieren, noch nicht vorhanden ist. Es gibt heute sehr viele Menschen, die eben auf das hin, was sie gehört haben, auf Treu und Glauben hin die Anthroposophie annehmen. Aber warum tun sie denn das? Warum sind gerade solche Menschen in großer Anzahl da, die auf Treu und Glauben die Anthroposophie aufnehmen? Sehen Sie, unter denen sind die meisten in einer ganz bestimmten Richtung angelegte religiöse Naturen, und ohne daß sie eigentlich Anspruch darauf machen, die Dinge gleich bis in den Grund hinein zu verstehen, folgen sie der Anthroposophie, weil sie einen gewissen religiösen Duktus in der ganzen Führung, möchte ich sagen, der anthroposophischen Angelegenheiten verspüren. Es ist gerade eine Art religiöses Gefühl, ein religiöses Empfinden, was heute zahlreiche von den Menschen zur Anthroposophie bringt, die nicht in der Lage sind, die Anthroposophie so zu durchschauen, wie der Botaniker die Botanik durchschaut; und das wird ja eigentlich hier gefordert.

Man berücksichtigt gewöhnlich nicht stark, daß in bezug auf dasjenige, was ich hier jetzt meine, Anthroposophie doch anders ist als die anderen, die äußeren, die mehr naturwissenschaftlichen Wissenschaften. Die naturwissenschaftliche Wissenschaft ist ja wirklich so, daß man sagen kann: nimmt sie den Menschen ganz in Anspruch, so wird sie tatsächlich gefährlich sein für den Glauben, sie wird den Glauben beeinträchtigen. Es handelt sich nicht bloß darum, daß einem die Wissenschaft unbequem ist, sondern darum, daß man sie wie etwas empfindet, was das Geheimnis des Glaubens einfach stört. Aber man wird in der praktischen Handhabung [dieser Frage] finden, daß man darüber hinauskommt, wo es sich um eine anders geartete Wissenschaft handelt, wie es bei der Anthroposophie der Fall ist, so daß in der Tat zahlreiche Menschen einfach die Art, wie Anthroposophie auftritt, wie einen durchgehenden religiösen Halt empfinden. Trotzdem sie eben nicht, wie ich immer sage, religionsbildend auftreten will, wird dennoch verspürt, daß sie in einer Richtung sich bewegt, in der gerade das religiöse Gefühl auch mitgehen kann. So müßte also eigentlich gerade dieser Begriff, daß das Wissen den Glauben ertötet — wofür ich viel Verständnis habe —, revidiert werden gegenüber der Anthroposophie. Man müßte erst fragen, ob denn nicht dadurch, daß Anthroposophie ja nicht ein Begriffswissen ist, sondern ein Anschauungswissen, dieses Verhältnis von Glauben und Wissen eben ein ganz anderes wird. Vergessen wir nicht, daß wir uns diese Anschauung, daß das Wissen den Glauben getötet hat, eben nur gebildet haben an der Hand derjenigen Wissenschaft, die ganz und gar Begriffswissenschaft ist, die ganz und gar intellektualistisch ist. Das Intellektualistische ist aber für die Anthroposophie nur der Ausgangspunkt, es ist nur dasjenige, was man als den Grund und Boden betrachtet, dann kommt man zu Anschauungen, ganz gleichgültig, ob das jetzt eigene Anschauungen oder mitgeteilte Anschauungen sind.

Meine Meinung ist die, daß es durchaus nicht nötig ist, ich möchte sagen, auch vor die Anthroposophie diese Wand zu stellen, daß man die Dinge auf Treu und Glauben hin aufnehmen muß. Das ist doch nicht so. Es ist nur noch eine gewisse Scheu heute vorhanden, ganz gründlich in das hineinzuleuchten, was der einzelne anthroposophische Forscher sagt. Wenn man diese Scheu überwindet, braucht man nicht irgendein Anschauen oder Hellsehen. Geradeso wie man den 'Traum als einen Irrtum oder eine Wahrheit erkennen kann, auch wenn man den Traum durchaus nur als das erfährt, was er eben ist, als eine Anschauung, so kann man auch bei dem, was einem im Bilde geschildert wird, eine Wahrheit oder einen Irrtum erkennen. Im Grunde genommen hat man damit für das Leben ebensoviel. Aber das wird nicht leicht verstanden werden; das weiß nur derjenige, der als Forscher in der Geisteswissenschaft drinnensteht. Man hat nämlich mehr für das Leben, wenn man die Dinge mitgeteilt bekommt, als wenn man sie selber anschaut, denn das Anschauen nimmt für das Leben außerordentlich viel. Aber die Dinge müssen erforscht werden, damit sie in die Welt treten können.

Nun, so etwas wie ein Hinblicken auf diesen Wissensbegriff, an den man sich schon gewöhnt hat, habe ich bemerkt in der Frage des verehrten Fragestellers, der zuerst die Frage gestellt hat: Können wir Religion definieren? Und man könne eigentlich — so ist im weiteren Verlauf der Rede gesagt worden — nur verzichten auf das Wissen, man müsse die Welt im Rücken lassen und sich nach dem Göttlichen hinwenden, es bestünde eine Kluft zwischen Welt und Gott und so weiter. Das wurde im Zusammenhang damit gesagt.

Nun, wenn Sie öfter von mir Auseinandersetzungen gehört hätten, dann würden Sie gefunden haben, daß ich nirgends Definitionen gebe, ja, daß ich mich sogar scharf gegen das Definieren in der Anthroposophie wende. Ich muß ja manchmal, da ich populär zu sprechen habe, die Dinge begrifflich darstellen. Und obwohl ich ganz gut weiß, daß Definitionen eine gewisse Hilfe sein können für das mehr naturwissenschaftliche oder historisch im heutigen Sinne geartete Wissen, obwohl ich mir also des eingeschränkten Rechtes von Definitionen bewußt bin, so erinnere ich doch daran, wie innerhalb der griechischen Philosophie gesagt wurde, man solle einen Menschen definieren. Es wurde da die Definition gegeben, ein Mensch sei ein Lebewesen, das zwei Beine und keine Federn hat. Und da brachte am nächsten Tage jemand einen gerupften Hahn und sagte, das wäre ein Mensch. — Sehen Sie, so weit entfernt man sich sehr häufig von der unmittelbaren Anschauung, auch mit brauchbaren Definitionen. Man muß nur auf die Dinge eingehen.

Das ist eben eine Eigentümlichkeit des intellektualistischen Wissens, und darin steckt vielfach auch dasjenige, was nun zu dem Urteil geführt hat, das in so scharfer Weise die Grenzen sehen will zwischen Glauben und Wissen. Man muß da schon ein wenig auf die Feinheiten eingehen. Sehen Sie, schon in unseren einfachsten Wissenschaften stecken Definitionen, die eigentlich gar keine Berechtigung haben. Schlagen Sie irgendein Physikbuch auf. Sie finden darin eine Definition: Was ist Undurchdringlichkeit? Undurchdringlichkeit ist die Eigenschaft der Körper, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zugleich ein anderer sein kann. — Das ist eine Definition der Undurchdringlichkeit. Im ganzen Umfange des Wissens und Erkennens darf aber so gar nicht definiert werden, sondern diese [Definition der] Undurchdringlichkeit ist eigentlich bloß ein maskiertes Postulat. In Wirklichkeit müßte gesagt werden: Man nennt einen Körper undurchdringlich, wenn er so beschaffen ist, daß an dem Orte, wo er ist, nicht zugleich ein anderer sein kann. — Es ist das nämlich bloß eine Anleitung, einen Körper zu bestimmen, seine Eigenart zu postulieren; und erst unter dem Einfluß der materialistischen Denkweise werden Postulate maskiert als Definitionen gegeben.

Das alles bildet ein ganzes Meer von Schwierigkeiten, deren sich die heutige Menschheit gar nicht bewußt ist, weil sie es wirklich von der untersten Volksschulklasse an eingesaugt hat; man weiß gar nicht, auf welchem brüchigen Boden, auf welchem Glatteis man in Wirklichkeit herumgeht mit dem, was heute als Begriffssystem ausgebildet ist. Dieses Begriffssystem, das nun tatsächlich fast noch mehr korrumpiert ist als die theologischen Begriffe - denn die Physiker haben oftmals gar keine Ahnung, wie ihre Wissensbegriffe korrumpiert sind —, das ist dasjenige, was nun nicht nur den Glauben töter, sondern was in vieler Beziehung auch das Leben tötet. Diese korrumpierten Wissensbegriffe sind nicht nur der Seele, sondern sogar dem leiblichen Leben schädlich. Wer Pädagoge ist, weiß das.

Also es handelt sich viel mehr darum, daß der Geisteswissenschaftler, der Anthroposoph heute sagen muß: Gerade dieser Wissensbegriff muß zum Heile der Menschheit umgestaltet werden. — Und darin werden nun Anthroposophen beirrt, wenn von religiöser Seite aus geltend gemacht wird, man müsse unter allen Umständen eine Kluft setzen zwischen Glauben und Wissen, denn zwischen dem, was man da als Wissen ins Auge faßt und der Anthroposophie ist nun erst recht eine große Kluft. Das ist es, was eben von der anthroposophischen Seite her dazu gesagt werden muß.

Nun möchte ich gleich hier diese Frage auch von der religiösen Seite aus betrachten, und vielleicht werden wir uns dadurch, daß ich selber etwas von der religiösen Seite aus betrachte, nun religiös besser verstehen. Sehen Sie, ich kann es vollständig auffassen und verstehen, daß etwas nach der Richtung gesagt wird, man müsse sich von der Welt abwenden, um den Weg zu Gott zu finden. Die Grundempfindung, die da vorliegt, die Wege, die da eingeschlagen werden, ich kenne sie. Ich kann auch durchaus verstehen, wenn jemand davon spricht, daß es nötig sei, daß in einem gewissen Sinn der Tau des Geheimnisses über demjenigen liege, was religiöser Inhalt ist. Ich will mich nur kurz so ausdrücken, es ist das ja in den Fragen schon ausgedrückt worden, was gemeint ist. Kurz, ich kann vollständig verstehen, wenn jemand in einer gewissen Beziehung danach strebt, alles, was nun überhaupt gewußt werden kann, auf die eine Seite zu stellen und den religiösen Weg von solchen Grundlagen aus zu suchen, wie er, sagen wir, bei einer ganzen Reihe moderner evangelischer Menschen gesucht wird. Dieses Suchen soll nicht geschehen durch Wissen, sondern auf eine viel unmittelbarere Art. In dem Elaborat von Dr.Schairer ist das wiederum recht gut beschrieben; auch in der Fragestellung, die mir gestern übergeben worden ist, von Herrn Bruno Meyer, glaube ich, ist es sehr gut ausgedrückt. Also ich kann das recht gut verstehen. Aber ich sehe ein anderes.

Sehen Sie, bei dem, was der Mensch sich erobert in der Anthroposophie, ganz gleichgültig jetzt, wie weit er als Forscher selber kommt oder wie weit er die Dinge einsieht — und wie gesagt, man kann sie einsehen, ohne Forscher oder Schauender zu sein, durch das, was sich der Mensch erobert in der Anthroposophie —, muß er eine ganze Menge von seinem Ich aufgeben, ich meine von seinem Egoismus aufgeben. Es gehört in gewissem Sinne zu diesem Aussich-Herausgehen, zu diesem Aufgehen in der Welt, schon eine gewisse Selbstlosigkeit. Man muß, möchte ich sagen, vieles recht radikal aus dem eingelebten Egoismus herausreißen, um auch nur zu den einfachsten anthroposophischen Erkenntnissen ein wirklich menschliches Verhältnis zu finden. Ein Weltgefühl muß sich gegenüber dem Ichgefühl in starkem Maße entwickeln, und allmählich wächst gerade im Verfolgen dieses scheinbaren Wissensweges etwas, was der inbrünstigen Liebe nicht nur ähnlich ist, sondern ihr gleichkommt; das wächst alles heran. Und im Grunde genommen lernt man wirklich die Hingabe an das Objektive recht sehr kennen im Verfolgen des anthroposophischen Inhaltes.

Dagegen stelle ich jetzt das andere. Man kann absehen von allem solchen Hingeben an die Welt, von allem solchen wissensmäßigen Sichhingeben an die Welt und kann versuchen, aus sich selbst heraus, ich will nicht sagen «gefühlsmäßig», sondern wie zum Beispiel Dr.Schairer gesagt hat, durch «Anschluß an Gott» seinen Weg zu machen. Man kann versuchen, die ganze Summe des Inneren, ich möchte sagen, elektrisch zu spannen, um etwas von dem zu finden, was der unmittelbare Verkehr mit Gott ist. Auch da muß ich sagen, ich kenne auch dasjenige, was da erreicht werden kann von jenem starken Vertrauensverhältnis, das zu Gott entwickelt werden kann, ohne in irgendwelche unklare Mystik hineinzukommen, bis zu dem, was gewisse klargebliebene Mystiker erlebt haben. Ich kenne das schon. Aber ich finde, daß trotz allem, was versucht wird an Hingabe an die Welt, an Anschluß an die Welt, an Anschluß an die göttlichen Weltenkräfte und so weiter, ein großes Stück Egoismus, wenn auch seelischer Egoismus, erhalten bleibt. Man kann ein außerordentlich stark religiöser Mensch sein aus dem furchtbarsten Egoismus heraus. Prüfen Sie nur einmal mit dem Blick eines guten Psychologen die Religiosität manches Mönches und mancher Nonne. Gewiß, Sie werden sagen, das ist nicht evangelischer Glaube. Es ist ja vielleicht qualitativ verschieden, aber in bezug auf das, was ich jetzt meine, doch nur qualitativ verschieden. Prüfen Sie das, Sie finden vielleicht eine Hingabe bis zur äußersten Kasteiung, aber darin steckt — der wirkliche Blick des Psychologen enthüllt das — zuweilen furchtbarster Egoismus. Das ist etwas, was einen immer bedenklich machen muß, was geradezu ein wichtiges Problem schon der oberflächlichen Betrachtung aufgeben kann. Und sehen Sie, einen Verkehr mit Gott zu finden auf diesem Wege, das ist ja im Grunde nichts Wunderbares, denn Gott ist eben da, und wer ihn sucht, der findet ihn. Er findet ihn ganz selbstverständlich. Nur diejenigen finden ihn nicht, die ihn nicht suchen. Man findet ihn schon, aber es fragt sich in vielen Fällen, was das für ein Finden ist. Ich darf sagen aus meiner Erfahrung: Was ist es?

In vielen Fällen ist es ein Finden mit denjenigen Kräften des menschlichen Innern, die nur einen Bestand haben zwischen der Geburt und dem Tode. Man kann aus diesen Kräften, die zwischen der Geburt und dem Tode liegen, ein sehr frommer Mensch sein. Aber diese Kräfte werden mit uns ins Grab gelegt, wir haben keine Möglichkeit, diese Kräfte mitzunehmen durch die Pforte des Todes. Erwerben wir uns aber Gedanken vom Ewigen, erwerben wir uns Gedanken vom Übersinnlichen, dann tragen wir sie durch die Pforte des Todes, und weil wir sie durch die Pforte des Todes tragen, müssen sie eben schon hier so selbstlos erworben werden, wie ich das geschildert habe. Sehen Sie, das ist eine Sache, die mich immer bedenklich macht, wenn ich so etwas finde — was ich ja sehr gut verstehen kann — wie die Schleiermachersche Religionsphilosophie. Lizentiat Bock hat mir neulich gesagt, daß man bei Schleiermacher ganz anderes enthüllen könne. Das würde sehr schön sein, wenn es geschehen könnte, aber so wie Schleiermacher gewöhnlich interpretiert wird, finde ich selbst in diesem Schleiermacherschen Weg, daß die Beziehungen und der Verkehr mit dem Göttlichen eben nur hergestellt werden durch Kräfte, die uns verlorengehen, die dem Menschen verlorengehen mit dem Tode. Und was ist denn das, was mit dem Tode verlorengeht, meine lieben Freunde? Auch wenn es Religiöses ist, wenn es mit dem Tode verlorengeht, ist es nichts anderes als eine, wenn auch noch so verfeinerte Wollust der Seele, eine Steigerung des zeitlichen Lebens. Man fühlt sich etwas wohler dadurch, daß man sich durch die Gottheit geborgen fühlt.

Sehen Sie, so möchte ich religiös sprechen von der Notwendigkeit, aus einem Glaubensbegriff herauszukommen, der eben gerade in der Gefahr lebt, sich nur an die zeitlichen Kräfte des Menschen zu binden. Diese haben natürlich auch ihren Bezug zum Göttlichen. Und da erschien mir immer als etwas Furchtbares die große Illusion, in der zahlreiche Menschen der Gegenwart leben, die darin besteht, daß die Menschen nicht sehen, wie das Abweisen eines gewissen Inhaltes, der ja immer ein Wissensinhalt sein muß - Sie können ihn ja Anschauungsinhalt nennen, aber das ist ja schließlich nur Terminologie —, wie die Abweisung eines solchen Inhaltes das religiöse Leben schwer gefährdet. Alte Religionen haben nie ohne Inhalt gelebt, und der Inhalt der christlichen Lehre ist einmal lebendig gewesen, er ist erst zu dem, was wir heute Dogma nennen, mit Abschluß des vierten nachchristlichen Jahrhunderts geworden. Also man kann sagen, dieses Nichtwollen des Inhaltes, dieses Sichfürchten vor dem sogenannten Wissen - ich sage mit vollem Bewußtsein «vor dem sogenannten Wissen» —, das, meine lieben Freunde, ruft in mir immer den Gedanken wach, wie die Menschen in dieser Illusion leben, daß diese Furcht vor dem Wissen des Übersinnlichen doch auch vom Materialismus hervorgebracht wird. Ich sehe in diesem Glaubensbegriff eine Folge des Materialismus, ich kann mir nicht helfen, eine Folge des Materialismus, nicht eine bewußte Folge, aber etwas, was sich durch die unbewußten Untergründe der Seele als Folge des Materialismus ergibt.

Ich glaube wirklich, daß es durch und durch religiöse Gründe geben kann, vor allem für den Seelsorger, die ihn dazu bringen könnten, die Scheu vor dieser sogenannten Kluft zwischen Glauben und Wissen zu überwinden. Welt und Gott, ein Abgrund dazwischen — ja meine lieben Freunde, das ist ja die tiefste Überzeugung der Anthroposophie selber, aber dasjenige, was Anthroposophie sucht, ist, diesen Abgrund zu überbrücken. Und wenn man diesen Abgrund überbrückt, dann erst ergibt sich die höhere Einheit von Gott und Welt. Zunächst, für den äußeren Anblick, ist dieser Abgrund schon da, und erst, wenn man alles dasjenige durchmacht, was zur Überbrückung notwendig ist, dann wird dieser Abgrund überwunden, und dann erst kommt man auf das, was man nennen kann die Einheit zwischen Gott und Welt.

Und nun zur religiösen Verbindung mit Gott. Ob die Religion — so wurde gefragt, als die drei Wege: Denken, Fühlen und Wollen genannt worden sind —, ob die Religion durch die Anthroposophie abhängig gemacht werde von der Erkenntnis, so daß die Menschen, die nicht die Erkenntnis haben, zu kurz kommen könnten. — Anthroposophie macht durchaus nicht die Religiosität abhängig von der Erkenntnis. Ich muß gestehen, im tieferen religiösen Sinn kann ich eigentlich durchaus nicht recht einsehen, warum eine Abhängigkeit des religiösen Lebens von der Anthroposophie entstehen sollte deshalb, weil der Gang des anthroposophischen Lebens ein solcher werden wird, daß zunächst natürlich einzelne Persönlichkeiten Forscher sein werden, die gewissermaßen durchbrechen werden bis zum Anschauen; dann werden andere ihren gesunden Menschenverstand anwenden — um den handelt es sich ja. Man hat mir neulich in Berlin dieses Wort so übel genommen von philosophischer Seite und eingewendet, der gesunde Menschenverstand vermöge nichts Übersinnliches einzusehen, und derjenige Menschenverstand, der etwas Übersinnliches einzusehen vermag, sei sicher nicht gesund. — Der gesunde Menschenverstand kann aber die Mitteilungen des Geistesforschers einfach durchschauen, wenn er nur will, wenn er tatsächlich sich nicht Knüppel in den Weg werfen läßt von den heute überall liegenden Vorurteilen. Gewiß, es wird zahlreiche andere Menschen geben, die auf Treu und Glauben die Sache hinnehmen. Nun, man darf gewiß nicht Kleines mit Großem vergleichen, aber wenn man es eben wirklich bloß zum Vergleiche tut, darf man es vielleicht doch. Sehen Sie, ich setze voraus, daß die Wesenheit, die wir den Christus nennen, einen unermeßlich höheren Inhalt im Innern hat als die Menschen, die sich Christen nennen, und man hat doch zu ihm Vertrauen. Warum sollte das ungerechtfertigt sein? Damit, daß ein Wissen auftaucht, das nicht gleich durchschaut werden kann, das aber in ehrlicher Weise auftaucht, das sagt, wie es zu seinen Forschungen kommt, das erklärt, was es findet, damit ist gar nicht irgendwie [zu verstehen], warum das die Menschen zu kurz kommen lassen sollte. Darin finde ich tatsächlich etwas, was ja schließlich darauf hinauslaufen würde, daß man schon gar nichts anerkennt als dasjenige, was man selber geschaut hat.

Wir könnten im Leben überhaupt nicht zurechtkommen, wenn wir nicht auch auf andere Gründe als auf das unmittelbare Anschauen etwas geben würden. Sehen Sie, da lag es nahe, als Geistesforscher zu sagen: Ihr habt ja auch nicht als gegenwärtige Menschen die Taten Alexanders des Großen gesehen, aber es gibt eine Verbindung von dem Leben in der Gegenwart in dem Für-wahr-Halten der nicht gesehenen Taten Alexanders des Großen. Da hat dann ein Theologe eingewendet: Ja, Alexander der Große interessiert mich nicht weiter, aber das, was in der Anthroposophie behauptet wird, das muß ich selber gesehen haben, denn das interessiert mich. - Man kann nicht sagen, daß alles das, was einen interessiert, immer von einem gesehen werden kann. Denken Sie nur einmal, wenn ein Mensch an seinen Vater und seine Mutter nur glauben könnte, nachdem er die Wahrheit dieses Glaubens auch geschaut hätte, Also, wie gesagt, ich kann nicht recht fassen, indem ich präzise Begriffe anwenden will, was damit eigentlich gemeint ist; ich möchte aber sagen, daß ich einen gewissen Widerspruch empfinde zwischen dem, wenn man auf der einen Seite sagt, Anthroposophie wolle ein Wissen, darum erscheine sie einem bedenklich, und auf der anderen Seite, man würde sie annehmen können, wenn man die Sache eben wissen könnte. Das stimmt nicht ganz gut zusammen.

Eine besonders wichtige Frage scheint mir nun diese zu sein. Vielleicht ist sogar ihre Wichtigkeit besonders dadurch hervorgetreten, daß ich selbst gesagt habe: Man erlebt im anthroposophischen Leben zugleich etwas, was dem religiösen Bedürfnis entgegenkommen kann. Denn es ist die Frage aufgeworfen worden: Wenn nun die Kunst religiöse Formen annimmt, wenn die Wissenschaft und das soziale Leben religiöse Formen annehmen, wird dann Religion aufhören, selbständig zu sein und gewissermaßen nur etwas sein, was mit all dem zusammen in der Welt lebt? - Nun, da scheint mir oder schien mir wenigstens eine vollständige Verkennung des Religiösen vorzuliegen, wenn man meinte, daß dadurch, daß die Kunst in der Zukunft sich so entwickele, wie es im Sinne der Anthroposophie liegt, daß sich das soziale Leben so entwickele, wie es im Sinne der Anthroposophie liegt, daß deshalb die Religion als ein Selbständiges aufhören würde. Die Religion hat ja andere Lebensbedingungen, ganz andere innere Bedingungen als die Anthroposophie.

Es war ja so, daß die alten Religionsgründungen immer ein Wissen im Hintergrund hatten. Man kann sagen, es gibt keine alte Religion, die nicht ein Wissen im Hintergrund hätte, aber dadurch, daß ein Wissen da war, handelte es sich noch nicht um Religion. Religion nun wird erst erzeugt durch das Verhältnis des Menschen zu dem Gewußten. Und wenn es in der Zukunft noch so viele anthroposophische Kunst gibt, wenn diese anthroposophische Kunst nicht mit religiösem Gemüt betrachtet wird, würde sie niemals einen religiösen Eindruck machen. Man würde niemals Religion pflegen können, wenn man noch so sehr versuchen würde, dasjenige über das soziale Leben zu sagen, was aus Geisteswissenschaft, aus Anthroposophie heraus gesagt werden kann, wenn nicht in der Wirklichkeit Menschen stehen, die in allem Ernste das Wort empfinden: Was du einem der geringsten deiner Brüder tust, das hast du mir getan. - Da könnten die schönsten anthroposophischen Impulse niemals reales Leben werden, und wenn noch soviel getan würde, es würde eben leere Wissenschaft bleiben, wenn nicht das religiöse Leben gepflegt würde.

Allerdings muß da etwas berücksichtigt werden. In den Einwendungen von Schairer stehen drei Bilder. Das erste Bild: Man kann zum Wasser in zweierlei Weise stehen, entweder man ist Chemiker und analysiert es in H,O oder man trinkt das Wasser. Und die übersinnliche Welt analysiert man entweder, dann ist man Anthroposoph, oder man bemächtigt sich ihrer durch ein unmittelbares Erlebnis, dann ist man religiöser Mensch. Der religiöse Mensch gleicht dem, der das Wasser trinkt, der Anthroposoph gleicht dem, der das Wasser analysiert und H,O findet. Ein zweites Bild, das Dr. Schairer anführt, ist dieses: Nehmen wir an, ich habe eine große Menge von Banknoten oder Gold vor mir auf dem Tisch liegen, ich kann das zählen, teilen und so weiter, da rechne ich mit dem Gelde; aber ich kann das Geld auch besitzen, das ist ein anderes Verhältnis. Derjenige, der rechnet: Anthroposoph -, derjenige aber, der das ganze besitzt: der religiöse Mensch. Das dritte Bild ist ein besonders charakteristisches. Es kann einer alles mögliche studiert haben über den gesunden Menschen und den kranken Menschen, er kann alle einzelnen Zweige der Medizin kennen. Ein anderer kann gesund sein. Derjenige, der gesund ist: der Religiöse; der alles über die Krankheit und die Gesundheit studiert: der Anthroposoph.

Die drei Beispiele sind, abstrakt gedacht, außerordentlich richtig, aber nur abstrakt gedacht. Sie gelten eigentlich nur für das heute gebräuchliche Wissen. Denn sehen Sie, für die Analyse des Wassers gilt, daß man sie ausführen kann. Für dasjenige, was Anthroposophie sich erarbeitet, geht das nicht. Denn man muß, indem man überhaupt sich der Sache nähert, anfangen zu «trinken». Das Wasser der Anthroposophie läßt sich nicht bloß äußerlich analysieren, man muß es zugleich trinken. Es ist die Tätigkeit des Trinkens und die Tätigkeit des Analysierens oder Synthetisierens eine und dieselbe. Daß man darüber etwas anderes glaubt, das geht daraus hervor, daß neulich ein übrigens sonst ausgezeichneter Mann in der «Tat» geschrieben hat, er würde selbst dann kein Interesse an meinen Mitteilungen über die Akasha-Chronik haben, wenn ich sie ihm in einer illustrierten Prachtausgabe verehrte. — Ja, meine lieben Freunde, um überhaupt ein solches Bild zu gebrauchen, muß man eben ganz verkennen, daß die Akasha-Chronik nur für den da sein kann, der sich darauf einläßt, sie im Geiste zu erleben. Das läßt sich nicht in dieser Weise vergleichen. Schon aus dem Grunde bin ich ganz sicher, daß die moderne Unart des Kinos auf die Anthroposophie wahrscheinlich nicht angewendet werden wird, hoffentlich.

Also der Vergleich mit dem Wassertrinken und Wasseranalysieren gilt in bezug auf die gewöhnliche Wissenschaft, er gilt aber nicht in bezug auf die Anthroposophie. Das zweite Bild, das war die Sache mit dem Geldzählen und dem Geldbesitzen. Auch das geht nicht ganz so; es hat viel Verlockendes, aber es geht nicht ganz. Ich kann das Geld nämlich besitzen, aber wenn ich so töricht bin, daß ich es in keiner Weise zählen kann, dann habe ich von dem Besitz nicht viel. Und so könnte ich unter Umständen die ganze Welt besitzen, wenn ich nicht in sie eindringen kann, so kann unter Umständen die Welt mir sehr wenig sein.

Ja und nun die Sache mit der Medizin. Man kann allerdings auf der einen Seite materialistische Medizin studieren und auf der anderen Seite gesund sein. Man könnte ganz gewiß, wenn es das Schicksal will, auch unter Umständen krank sein, trotzdem man auch die anthroposophische Medizin kennt. Aber dieser Vergleich ist aus dem Grunde doch wiederum nicht ganz zutreffend, weil die materialistische Medizin, indem man sie kennt, eigentlich gar nichts zu tun hat mit dem Gesundsein im Erleben, sondern sie ist eben ein Wissen, und man kann dann aus dem Wissen heraus Handlungen vollführen. Bei der Anthroposophie ist es nun so, daß allerdings in der anthroposophischen Medizin auch ein abgezogenes Wissen da sein muß, aber man kommt durch sie dem Menschen doch viel näher. Da liegt aber etwas vor, was man außerordentlich schwer beweisen kann, und zwar aus folgendem Grund: Nehmen Sie an, ich finde es nötig, jemandem, der 40 Jahre alt ist, zu raten, er solle anfangen, sagen wir, nicht mehr zu rauchen oder keinen Wein zu trinken oder so etwas, und ich sage ihm, er würde dadurch tatsächlich seine Gesundheit verbessern, er würde länger leben, als er sonst leben würde. Nun stirbt er mit 48 Jahren; jetzt sagen die Leute, ja, er ist mit 48 Jahren schon gestorben, es hat ihm doch alles nichts geholfen. — Ich kann nicht beweisen, daß, wenn er den Wein nicht gemieden hätte, er vielleicht schon mit 44 Jahren gestorben wäre. Wenn man an solche Dinge herantritt, da liegen sehr leicht Klippen. Es ist außerordentlich schwierig, die Beweise zu liefern, weil eben durch das, was erreicht werden soll, gerade der Beweis aus der Welt geschafft wird.

Die Menschen denken allerdings manchmal sehr merkwürdig in diesen Dingen. Ich kannte einen Anatomen, Hyrtl, der ein außerordentlich mäßiger Mann war und außerordentlich anregend auf seine Studenten gewirkt hat und noch lange gelebt hat, nachdem er pensioniert worden ist. Er wurde über 80Jahre alt, dann starb er an einem kleinen Orte, wohin er sich zurückgezogen hatte. Gleich nachdem der alte Hyrtl gestorben war, begegnete der Bäuerin, einer Witwe, bei der er gelebt hatte, ein Mann und sie sagte zu ihm: Ja, jetzt ist der alte Hyrtl gestorben, wir haben ihn so gern gehabt, aber der hat so viel studiert und darum mußte er sterben; das ist halt nicht gut, wenn man so viel studiert. — Da sagte der Mann: Aber dein Mann, wie alt war denn der, als er gestorben ist? — 45 Jahre. — Nun, fragte der Mann, hat der noch mehr studiert als der alte Hyrtl? — Also so kommen einem tatsächlich manche Dinge vor, wenn man sie genauer prüft.

Nun, ich möchte damit durchaus nicht von dem Seriösen abkommen, aber ich möchte ausdrücklich bemerken: Für Anthroposophen gilt das nicht, daß man diesen Unterschied machen kann zwischen Wassertrinken und Wasseranalysieren, sondern da ist tatsächlich etwas, wo an die Stelle des abstrakten, des diskursiven Wissens, des analysierenden Wissens ein Erleben eintritt; es bleibt ja trotzdem Wissen. Nur der Lizentiat Leese hat es übelgenommen, das Erleben ein Wissen zu nennen, weil er behauptet — nicht aus einer christlichen, sondern aus einer anderen, wissenschaftlichen Dogmatik heraus —, es dürfe niemals das, was erlebt wird, Gegenstand des Wissens genannt werden. Nun, ich meine, daß die Sache durchaus so liegt, daß, wenn wirklich eingesehen wird, was Anthroposophie als menschliches Erlebnis ist, dieses Lebensfremde des Wissenschaftlichen nicht mehr gilt.

Und in bezug auf das Geheimnis, das Mysterium, dürfte schon dasjenige, was ich gestern gesagt habe, hier eingegliedert werden. Ich sagte, es ist ja nicht so, daß man das anthroposophische Wissen erringt und es dann gedächtnismäßig hat, da würde es sich verwandeln in gewöhnliches Wissen. Um das rechte Verhältnis dazu zu haben, muß man wirklich immer wieder dazu zurückkehren. Es besteht ein ganz anderes inneres Verhältnis des Menschen zu dem Inhalt des anthroposophischen Wissens, als es der Mensch hat zu dem naturwissenschaftlichen Wissen. Es besteht in dem Verhältnis des Menschen zu dem Inhalt des anthroposophischen Wissens doch etwas von einer heiligen Scheu, und es ist durchaus nicht so, daß in die Klarheit heruntergezogen wird dasjenige, was erlangt wird durch Anthroposophie. Sehen Sie, im Grunde ist ja die Sache so: Wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, und ehe wir durch die Pforte der Geburt in diese irdische Welt eingetreten sind, leben wir ja in der Welt, von der die Anthroposophie redet. Das ist ja doch die Realität. Und wir nehmen durch Anthroposophie an dem Schaffensrätsel und an dem Todesrätsel in einer gewissen Weise teil. Daß man diese Dinge nicht so auffaßt, wie man das gewöhnliche intellektuelle Wissen auffaßt, dafür sorgt etwas anderes. Sie werden ja nicht vor eine solche Welt geführt, wie manche vermuten. Ich habe unter den Tausenden von Einwänden, die ich gehört habe, nun auch diesen gehört, daß gesagt wurde, Anthroposophie wolle alle Welträtsel lösen, und wenn einmal die Zeit gekommen sei, wo es keine Welträtsel mehr gibt, was solle der Mensch mit der Erkenntnis dann machen? Dann sei die Erde etwas, was nicht mehr interessant ist; alles was man haben könne an der Erde, bestehe ja darin, daß immer Rätsel bleiben. —

Ja gewiß, abstrakt gefaßt ist das durchaus ein Einwand, den man machen kann. Aber eben abstrakt gefaßt, denn die Rätsel werden eben nicht geringer, sondern sie werden immer größer. Man hat ja durchaus nicht sich das Leben leicht gemacht dadurch, daß man in die geistige Welt eintritt, sondern man lernt erst da die Unermeßbarkeit der Welt und die Unermeßbarkeit der Erkenntnis kennen. Und darum ist auch in bezug auf das Geheimnis keine Herabminderung oder Erniedrigung des Geheimnisses da, sondern es ist eigentlich durchaus eine Erhöhung des Geheimnisses da. Das wenigstens zeigt die Erfahrung.

Was nun die Frage betrifft, ob ein Wertunterschied zwischen Anthroposophie und Religion ist und ob beide nötig sind, da möchte ich sagen: Wertunterschied, das führt in das subjektive Gebiet, und man hat keinen ganz sicheren Boden, wenn man Wertunterschiede geltend machen will. Aber jedenfalls dürfte Ihnen aus den anthroposophischen dürftigen Erklärungen, die ich schon heute habe abgeben können, hervorgegangen sein, daß tatsächlich Anthroposophie und Religion beide nötig sind in der Zukunft, und daß wir nur Anthroposophie notwendig haben als eine Grundlage für jene Arbeit, die Sie für nötig finden: die Erneuerung des religiösen Lebens. Anthroposophie selber will wirklich nicht religionsstiftend auftreten, aber sie will jede mögliche Hilfe leisten, wenn das religiöse Leben erneuert werden will.

Nun, meine lieben Freunde, ich konnte, wie ich sehe, nicht alles erschöpfend beantworten, ich will manches noch zurückstellen. Ich habe aber durchaus die Empfindung gehabt, daß ich eben manches aus der Erfahrung heraus sagen mußte zur Beantwortung der Fragen, was vielleicht nicht schon in den Fragen gelegen hat, wie zum Beispiel, daß ich sagte: Ich habe auch meine religiösen Bedenken gegen den Glauben, der zu stark aus dem Menschlichen heraus sich nur der Kräfte bedient, die eigentlich mit uns sterben, und daß man — meiner Erfahrung nach kann ich es sagen — auch durch religiöse Unterweisung des Menschen, indem man etwas in dem Sinne sagt wie: meide die Welt, entwickele etwas ganz anderes —, daß man gerade dadurch stark den Menschen auf seinen Egoismus hinweisen kann. Ich habe zum Beispiel das folgende Phänomen erlebt. Ein guter Anthroposoph oder eine gute Anthroposophin, mit aller Gewalt sich durcharbeiten wollend, um in der Anthroposophie einen Weg zu finden, aber ohne das nötige Maß von Selbstlosigkeit und ohne das genügende Maß auch an Selbstvertrauen; wird der Mut dann sinken gelassen, so wird man zum Beispiel römischer Mönch. Ich erzähle nicht Hypothesen, sondern Erfahrungen. Ja, der Betreffende hat da natürlich nichts anderes erlebt, als daß er eben gescheitert ist an dem Mangel an Selbstlosigkeit, die er gebraucht hätte, an dem Mangel auch an Selbstvertrauen, das er gebraucht hätte. Dies ist sogar der allerstärkste Appell an diejenigen Kräfte, die mit dem Tode zugrundegehen; aber es reichten einfach diese Kräfte nicht, um durch die Pforte des Todes hindurchzugehen mit der Seele, um durchzudringen zu dem Wirklichen. Man wollte nur zu dem heruntergehen, wo man nicht so stark dabei zu sein brauchte, und es entstand dieses Sinkenlassen des Mutes, dieses Sich-an-etwas-Halten, was einem in der Hingabe der Aktivität eine Art von innerer Befriedigung bringt, die aber auch nur eine Art von innerer Lust oder Wollust ist - er wurde römischer Mönch.

Es ist schon tatsächlich ein religiöser Grund, wenn man sagt, der Seelsorger solle eben dem Menschen etwas geben, was nicht bloß wirkt für seinen Verkehr mit Gott bis zum Tode, sondern über den Tod hinaus. In dieser Beziehung muß Anthroposophie aus ihrer Erkenntnis heraus ehrlich sein. Würde man mehr wissen — was ja möglich ist — über das, was über die Pforte des Todes hinaus bleibt, und was nicht bleiben kann, wo Menschen wie zum Beispiel eine Mystikerin wie die heilige Therese nur eben dasjenige engagiert haben, was vergänglich ist, so würde man sich, selbst wenn man eine solche Mystikerin ist, vorbereiten auf ein Leben nach dem Tode, in das man verkümmert eintritt, gerade wenn man in dieser Weise wollustartiger Mystiker war in diesem Leben. Man tritt natürlich auch ein, aber so, wie man etwa in diesem Leben ohne Hände und Füße wäre.

Das ist etwas, was man durch anthroposophische Erkenntnis finden kann und was einem einen religiösen Impuls gibt. Doch zu alldem muß die Scheu überwunden werden, Glauben und Wissen zu vereinigen, wonach Anthroposophie strebt.

German original of Conceptual Knowledge and Observational Knowledge · ← Previous · Next →