The Foundation Course
GA 343 — Dornach
Sechster Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich bin in meinen Vorträgen bisher davon ausgegangen, Ihnen gewissermaßen zu zeigen, wie der anthroposophische Weg ist, der, indem er sich aus der Anthroposophie heraus vollzieht, dazu führen kann, dasjenige zu veranlassen, was in den Seelen der Zeitgenossen gewünscht werden kann in bezug auf eine Erneuerung des religiösen Erlebens.
Nun ist ja natürlich dazu vor allen Dingen ein genauer Einblick in dasjenige nötig, was eigentlich Erneuerung des religiösen Lebens sein soll. Und ich möchte, um auf dieses letztere ein gehöriges Licht werfen zu können, heute noch einmal davon ausgehen, wie die Beziehung, jetzt nicht der Religion zur Anthroposophie, sondern umgekehrt, der Anthroposophie zur Religion ist; aber ich muß dem vorausschicken, meine lieben Freunde, daß da doch notwendig ist, wenn wir uns hier verständigen wollen, daß ein deutliches Bewußtsein vorhanden ist von dem großen Ernst der Frage, um die es sich handelt, ich möchte sagen, von der welthistorischen Bedeutung der Frage. Wer heute bloß in einem kleinen Kreise diesen oder jenen Mangel sieht, dieses oder jenes Unvollkommene findet und nicht in der Lage ist, das im Zusammenhang mit unserem gesamten Weltengang zu betrachten, der wird doch nicht recht Herz und Sinn dafür entwickeln, was alles in der Gegenwart eigentlich notwendig ist.
Wir leben schon in einer Zeit, wo die Menschheit im tiefsten aufgerüttelt ist, und wo mit all den Mitteln das eine oder das andere zu machen ist, aber mit all den Mitteln nicht eigentlich vorwärts zu kommen ist. Das möchte ich insbesondere deshalb auch deutlich gesagt haben, weil ich glaube, wenn es vielleicht auch jetzt noch nicht so stark hervortritt — lassen Sie mich ganz aufrichtig und ehrlich in dieser Beziehung meine Meinung sagen —, weil ich glaube, daß der Riß zwischen denjenigen Persönlichkeiten, die längere Zeit in der Seelsorge darinnenstehen und denjenigen, die als jüngere Leute heute vor der Notwendigkeit stehen, erst in sie einzutreten, ein sehr großer ist. Mag er noch nicht so stark empfunden werden, er ist durchaus da, und er wird immer deutlicher und deutlicher erscheinen; und ich glaube, daß für viele heute schon die Fragen der Älteren und der Jüngeren, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine ganz verschiedene Formulierung erfahren. Für die Jüngeren, kommt mir vor, ist diese Frageformulierung, wie wir sie gestern und vorgestern erlebt haben, nicht mehr in demselben Maß vorhanden; sie ist schon abgetan. Seien wir doch ganz ehrlich mit uns selbst, seien wir uns klar, daß es einen Unterschied macht, ob man gewissermaßen eine Sache verteidigt, in der man drinnen ist, oder ob man Kräfte verlangt, um in die Sache erst hineinzukommen. Also darüber wollen wir uns keiner Illusion hingeben. Gewiß, man kann, wenn man älter ist, sagen, ich habe ein ebenso aufrichtiges Interesse wie die Jungen. — Aber wir müssen da mit allen möglichen unterbewußten Impulsen durchaus rechnen; und deshalb bitte ich Sie schon, weil es sich um Dinge so ernster Natur handelt, dasjenige hinzunehmen, was ich heute zu sagen habe.
Sehen Sie, Anthroposophie steht eben ganz im Anfange ihres Wirkens, und derjenige, der Anthroposophie für das eine oder andere Gebiet ausbildet, hat durchaus die Empfindung, daß er, wenn er auch noch so viel in sich selber an anthroposophischen Erkenntnisinhalten erleben kann, die allergrößten Schwierigkeiten hat, diese heute der Welt mitzuteilen. Das ist einfach ein Faktum, er hat die allergrößten Schwierigkeiten. Warum? Weil heute einfach kein sprachliches Instrument eigentlich voll geeignet ist, dasjenige prägnant auszudrücken, was durch Anthroposophie geschaut wird. Der Anthroposoph hat die Erwartung, daß durch Anthroposophie nicht bloß solche Erkenntnisse kommen können, welche im menschlichen Innern leben, in innerer Anschauung leben, denn das würde das Menschengeschlecht als solches, in der Gesamtheit, nicht eigentlich erreicht haben. Uns muß es ja hauptsächlich darauf ankommen: Was ist in der menschlichen Gemeinschaft möglich? - und nicht: Was kann der einzelne verlangen? — Seien Sie sich doch klar, meine lieben Freunde, derjenige, der Anthroposoph ist, spricht aus der Realität heraus; und indem ich zu Ihnen spreche, fühle ich nicht, als ob ich zu Ihnen bloß allgemein spreche, sondern als ob ich zu solchen Menschen spreche, die entweder Seelsorger sind oder die Seelsorger werden sollen. Es ist doch etwas anderes, für Religion zu sorgen, als bloß Religion zu haben. Also in der Theorie kann man ja seine Dinge in derselben Weise formen für die verschiedensten menschlichen Gebiete. Sobald man aber in ein solches spezielles Gebiet hineingeht, dann muß man sich immer auf den allerkonkretesten Standpunkt stellen, den man nur einnehmen kann. Das bitte ich zu berücksichtigen. Ich mache darauf aufmerksam, daß der Anthroposoph durchaus weiß, daß er mit seinem Wollen im Anfang steht, daß aus diesem Wollen sich ganz anderes entwickeln muß als dasjenige, was heute schon vor die Welt hintreten kann. Auf der anderen Seite sieht man durchaus, daß die Welt manches von dem sehr, sehr stark verlangt, was gerade keimhaft in der Anthroposophie liegt.
Nun liegt etwas in der Anthroposophie keimhaft, was heute sehr wenig berücksichtigt wird. Das ist das sprachbildende Element selber. Lesen Sie bei einem, der noch ein Bewahrer der religiösen Gesinnung katexochen war, bei Saint-Martin im 18. Jahrhundert — Matthias Claudius hat ja das Werk Saint-Martins «Irrtümer und Wahrheit» ins Deutsche übersetzt, das gerade [neugedruckt werden soll] —, lesen Sie bei Saint-Martin, wie er mit einer gewissen Selbstverständlichkeit davon redet, daß die Menschheit eine Ursprache gehabt hat, und daß die Ursprache der Menschheit verloren gegangen ist, und daß man gar nicht mehr ausdrücken kann in den heutigen differenzierten Sprachen dasjenige, was eigentlich für die übersinnliche Welt ausgedrückt werden sollte und auch ausgedrückt werden könnte. So hat der Anthroposoph heute oftmals das Gefühl, er möchte dieses oder jenes sagen, aber indem er das Wort formulieren will, verschlägt es ihm das Wort, es kommt nicht zustande. Aber Anthroposophie ist sprachbildend. Und niemals kann etwas, was in solcher Art auftritt wie Anthroposophie — und was in solcher Art auftrat, ist in älteren Zeiten immer auch zu gleicher Zeit religionsbildend aufgetreten —, niemals kann so etwas auftreten ohne eine gewisse Eschatologie, ohne eine gewisse Vorausnahme des Künftigen. Es gibt gar keine Möglichkeit, sich mit seinem inneren Erleben in die Menschheitsevolution hineinzustellen, ohne in einer gewissen Weise die Zukunft vorauszunehmen, und so muß Anthroposophie ihrer innersten Gesinnung nach wenigstens für eine kurze, aber welthistorische Spanne Zeit in die Zukunft hineinsehen, und sie muß gewissermaßen voraussagen, was für die Zukunft, für die nächste Zukunft der Menschheit ganz notwendig eintreten muß. Das ist das, daß die Menschheit in die Lage kommt, abzustreifen allen solchen Zusammenhang mit der einzelnen individuellen Sprache, der heute noch besteht, und der mehr als etwas anderes heute die Völker in Krieg und Not hineinbringt. Immer wieder möchte man das Gleichnis vom babylonischen Turmbau richtig verstanden heute aussprechen, wenn man sieht, was die Welt heute entzweit. Es ist schon so, daß Anthroposophie die Kraft hat, gegenüber den differenzierten Lautsprachen wiederum etwas zu spüren, zu schauen von dem ursprünglichen Wesen des Lautes selbst; und Anthroposophie wird, und zwar nicht im Laufe vieler Jahrhunderte, sondern in verhältnismäßig kurzer Zeit - wenn sie zunächst unterdrückt werden sollte, wird sie schon wieder aufleben -, Anthroposophie wird durch die verschiedensten Sprachen hindurch, nicht etwa eine Volapük-Einheitssprache schaffen, die eine Art Extrakt von den anderen ist, sondern sie wird selbstschöpferisch etwas in die Sprache hineinstellen, was auch schon in der Sprache die Menschen versöhnt.
So muß ich Ihnen sagen, daß sich Anthroposophie nicht bloß formale Erkenntnisaufgaben stellt, sondern daß Anthroposophie sich schon geschichtlich schöpferische Aufgaben stellen muß. Sie sieht, wie in den Herzen der Menschen heute vorhanden ist das Material zu solchem Schaffen. Ich habe schon vor Jahren versuchen wollen, die wichtigsten Bestandteile der anthroposophischen Terminologie, so sonderbar und paradox Ihnen das erscheinen mag, überhaupt in aus dem Laut heraus geformten Worten zu geben. Es war aber immer noch nicht die Reife vorhanden für das Entgegennehmen. Aber möglich ist es durchaus schon.
Also ich muß Sie da aufmerksam machen auf sehr reale Aufgaben des anthroposophischen Wirkens. Und warum fühle ich mich gedrängt, Sie darauf aufmerksam zu machen? Einfach aus dem Grunde, weil, wenn einmal die Menschheit reif sein wird für das Vernehmen des Lautes, für die wortbildende Kraft selber, dann alles das, was bisher in einer anderen Sphäre, in einer viel instinktiv-tierischeren Weise verlaufen ist, künftig spirituell-menschlich verlaufen muß. Wenn die Menschheit soweit sein wird, dann wird man spüren, wie in der Tat das wahr ist, was in der Verkündigung, in der Botschaft, im Evangelium lebt, denn man kann das Evangelium nicht in seiner Wahrheit empfinden, wenn man nicht die sprachbildende Kraft erlebt. Das Evangelium richtig empfinden, meine lieben Freunde, heißt, die Einzelheiten des Evangeliums in jedem Augenblick, in dem man lebt, auch wirklich in sich selber bilden zu können. Heute kann man im Grunde genommen das Evangelium nur kritisieren, man kann es nicht bilden; aber an dieser Bildemöglichkeit muß gearbeitet werden. Wo liegen die Hindernisse? Ja, die Hindernisse liegen darin, daß man schon die allerersten Elemente zurückweist, welche die Bildemöglichkeit in bezug auf die Evangelien aufbauen.
Die Evangelienbetrachtung wird in der Tat auf einen anderen Boden gestellt, wenn so gedacht wird über die Evangelien, wie es hier aus der Charakteristik des Wortes heraus geschehen muß. Sehen Sie, unter den Einwänden, welche Dr. Rittelmeyer nicht als die seinigen, sondern als diejenigen, die vorhanden sind, erwähnt, ist auch einer, der, ich möchte sagen, so nebenbei erwähnt wird. Es ist der Einwand, daß es doch den Religiösen heute nicht interessieren könne, ob es zwei Jesusknaben gegeben hat. Ich kann völlig verstehen, wie eigentlich heute, aus der religiösen Stimmung des Tages heraus, wenig Wert auf solche Dinge gelegt wird. Aber nun kommt etwas anderes. Wir werden in der nächsten Zeit in einer Veröffentlichung, die im «Kommenden Tag-Verlag» erfolgen wird, sehen, wie ungeheuer das Evangelien-Verständnis durch diese «Kleinigkeit» es ist aber eben keine Kleinigkeit — gefördert wird, wie die Kraft, die Evangelien zu bilden, gefördert wird, weil einfach der Nachweis geliefert wird, daß in den Evangelien das darinnensteht, was in bezug auf die zwei Jesusknaben gesagt wird. Man kann aber die Evangelien nicht verstehen, wenn man nicht weiß, was darinnen steht. Aber die sprachbildende Kraft muß aus weiteren Quellen hergeholt werden, und dadurch, daß man Herz und Sinn bekommt für diese Quellen, wird man auch wiederum Herz und Sinn bekommen für das erste der vier Stücke, die ich Ihnen bei der Beschreibung der Messe zunächst angeführt habe. Denn sehen Sie, es handelt sich nicht darum, daß die Messe nur im Symbolum dargebracht wird, sondern daß das Symbolum der Messe wiederum ein Ausdruck für das gesamte Seelsorger-Wirken ist. Wenn nicht das gesamte Seelsorger-Wirken so ist, daß es in der Messe als in einem Zentralen zusammenläuft, so hat ja die Messe gar keinen Sinn; und zusammenlaufen kann dasjenige, was Seelsorger-Wirken ist in der Messe oder in einem modernen $Symbolum, das gefunden werden kann — wir werden darüber noch zu sprechen haben —, nur dann, wenn in vollstem Maße diese vier Hauptstücke der Messe, die ich angeführt habe, wirklich auch durchlebt werden.
Nun ist die Vorlesung des Evangeliums für den heutigen Menschen ja nur ein Teil, der andere Teil ist dasjenige, was in der Predigt zum Ausdruck kommt. Und die Predigt ist heute nicht das, was sie sein soll, kann es nicht sein, weil sie intellektualistisch ist, weil in der Regel die Vorbereitung zur Predigt nur eine intellektualistische ist und sie auch aus der heutigen Bildung heraus, aus der heutigen Theologie heraus, nicht anders sein kann. Die Predigt ist erst eine wirkliche Predigt, wenn die sprachbildende Kraft in einer gewissen Beziehung den Prediger durchseelt, wenn er also nicht nur aus seiner Substanz, sondern aus der Substanz des Genius der Sprache heraus spricht. Das ist aber etwas, was der Mensch sich erst aneignen muß. Man braucht nicht diesen Genius der Sprache für die Religiosität, die man in seinem eigenen Herzen hat, aber man braucht diesen Genius der Sprache für das religiöse Wirken in der menschlichen Gemeinschaft. Gemeinschaftsbildend muß dasjenige sein, was dem Seelsorger obliegt; daher müssen die Elemente gesucht werden, die gemeinschaftsbildend auftreten können. Gemeinschaftsbildend kann niemals das Intellektualistische auftreten, denn das ist gerade dazu da, damit wir die Möglichkeit haben, uns als Menschen abzusondern. Intellektualistisches wird eben von dem einzelnen Menschen als einzelner Mensch abgemacht, und in demselben Maße, in dem der Mensch auf sich als Einzelmensch zurückverwiesen wird, in demselben Maße wird er intellektualistisch. Er kann sich in diesen Intellektualismus hinein wohl retten selbstverständlich den Glauben, denn der Glaube ist eine subjektive Sache des Einzelnen, er ist sogar im eminentesten Sinne die Sache des Einzelnen zu nennen. Aber für die Gemeinsamkeit brauchen wir nicht bloß dieses Subjektive, sondern für die Gemeinsamkeit brauchen wir den übersinnlichen Inhalt.
Nun denken Sie nur einmal tief genug darüber nach, wie es Ihnen möglich sein soll, eine bloße Kraft des Glaubens ohne das Wort in der Gemeinsamkeit zur Geltung zu bringen. Das können Sie nicht, das ist unmöglich. Aber Sie können auch nicht die Gemeinsamkeit aufrechterhalten, wenn Sie aus der Intellektualität heraus sprechen. Daher werden intellektualistische Predigten von vornherein die Tendenz haben, die Gläubigen-Gemeinschaft zu atomisieren. Durch die intellektualistische Predigt wird der Mensch auf sich selbst zurückgewiesen, jeder einzelne, der zuhört, wird auf sich selbst zurückgewiesen. Das aber rüttelt in ihm diejenigen Kräfte auf, die vor allen Dingen nicht zustimmen, sondern widersprechen. Das ist einfach eine psychologische Tatsache. Sobald wir nämlich tiefer in unsere Seele hineinschauen, ist jeder Zuhörer zu gleicher Zeit ein Kritiker, ein Widersprecher. Ja, meine lieben Freunde, über die Geheimnisse der Seele ist man eben heute so wenig aufgeklärt. Sofort erglänzen alle Widersprüche, die man einwenden kann gegen das, was der andere sagt, wenn der andere in intellektualistischen Formen allein sich ausdrückt.
Das ist ja überhaupt das Element, das die heutige Menschheit zersplittert, daß sie durch und durch überall vom bloßen Intellektualismus durchsetzt ist, Sie kommen daher in der Predigt zu keiner Möglichkeit, antiatomisierend zu wirken, wenn Sie beim Intellektualismus stehenbleiben. Weder in der Vorbereitung zur Predigt, noch in dem Ausführen der Predigt dürfen Sie heute, wenn Sie gemeinschaftsbildend sein wollen, bei dem Intellektuellen stehenbleiben, und bei dem bleibt man stehen, wenn man aus unserer heutigen Bildung heraus kommt, insbesondere aus der theologischen Bildung, denn die ist in vieler Beziehung ganz intellektualistisch geworden. Sie ist auch auf katholischem Felde rein intellektualistisch, denn alles dasjenige, was nicht intellektualistisch, was Leben sein soll, ist dort nicht dem einzelnen Menschen übergeben, sondern ist Lehrgut der Kirche und muß als Lehrgut der Kirche angenommen werden. Daher kommt auch die Erscheinung, daß in bezug auf alles dasjenige, was die katholische Kirche für den Intellekt freigibt, der katholische Priester der freieste Mensch ist, den man sich nur denken kann. Die katholische Kirche verlangt gar nicht, daß der Mensch in bezug auf seinen Intellekt irgendwie sich füge; insofern gibt sie ihn frei in bezug auf dasjenige, was nicht auf das Übersinnliche sich bezieht. Sie verlangt nur, daß er sich in bezug auf das übersinnliche Lehrgut fügt. Auch darüber kann ich Ihnen ein Beispiel aus dem Leben geben. Ich sprach einmal mit einem Theologen einer Universität, wo man in der damaligen Zeit im allgemeinen liberalen Grundsätzen huldigte, nicht von der Kirche her, sondern von der Universität her liberalen Grundsätzen huldigte. Nun waren natürlich an der theologischen Fakultät lauter katholische Priestergelehrte. Derjenige, mit dem ich sprach, hatte eben von Rom einen argen Rüffel bekommen. Ich sagte zu ihm: Ja, wie kommt das eigentlich, daß gerade Sie einen Rüffel bekommen, der Sie verhältnismäßig fromm lehren im Verhältnis zu einem Lehrer an der Innsbrucker Universität — ich will jetzt den Namen nicht nennen —, der viel freier redet und dem von Rom aus sehr geduldig zugesehen wird? — Ja sehen Sie, antwortete mir der Betreffende, der ist aber Jesuit, und ich bin Zisterzienser. Rom ist immer sicher, daß ein Mann wie der, der dort an der Innsbrucker Universität lehrt, nie abfallen wird, so frei er auch das Wort gebraucht, sondern immer das Wort in den Dienst der Kirche stellen wird. Bei uns Zisterziensern glaubt Rom, daß wir auch unserem Intellekt folgen, weil wir nicht so tief mit dem Leben drinnenstehen können [in der Kirche] wie der Jesuit, der seine Exerzitien hinter sich hat, die ihn in ganz anderer Weise halten, als es bei uns Zisterziensern der Fall ist. — Sie sehen, wie durchaus psychologisch Rom den Intellektualismus schon behandelt. Rom weiß in der Regel sehr gut, was es will, denn Rom handelt schon aus einer gründlichen, wenn auch von uns abzuweisenden Menschenpsychologie heraus.
Nun, um was es sich handelt, ist, daß man vor allen Dingen in der Predigt nicht stehenbleibt bei dem Intellektualismus. Alle unsere Sprachen sind intellektualistisch, wir haben gar nicht die Möglichkeit, wenn wir heute die gebräuchlichen Sprachen nehmen, aus dem Intellektualismus herauszukommen. Aber wir müssen es. Und das nächste, wodurch man herauskommt, wodurch man mitwirkt an der reinen Gestaltung der sprachbildenden Kraft, das ist der Symbolismus, aber jetzt in richtiger Weise gestaltet, um nicht wiederum intellektuell stehenzubleiben, sondern Symbole wirklich zu erleben. Symbole erleben, damit ist viel mehr gesagt, als man gewöhnlich meint.
Sehen Sie, sobald der Anthroposoph zur imaginativen Anschauung kommt oder die imaginative Anschauung eines anderen durchdringt, sie aufnimmt, weiß er eigentlich: Der Mensch, der vor ihm steht, ist nicht mehr dasselbe, was der Mensch früher war, bevor man ihn im Lichte der Anthroposophie gesehen hat. Sehen Sie, dieser Mensch, der vor uns steht, wird ja von der heutigen Wissenschaft als das höher entwickelte Tier angesehen; das wird er im allgemeinen. Aber: Alles, was die Wissenschaft zur Erhärtung dieser Anschauung vorbringt und was sich am allermeisten dadurch rechtfertigt, daß man sagt, der Mensch habe geradesoviele Knochen und geradesoviele Muskeln wie die höheren Tiere, alles das ist ja wahr; aber die Wissenschaft ist sogleich in einer Sackgasse, wenn man nun das eigentlich Unterscheidende des Menschen vom Tiere vorbringt. Dieses Unterscheidende des Menschen vom Tier liegt gar nicht darin, daß man hinweist in komparativer Anatomie, wie der ganze Mensch und die einzelnen Teile dem ganzen Tier oder den einzelnen Teilen des Tieres ähnlich sind, sondern Erfassen des Menschlichen heißt, zu begreifen, was dadurch gegeben ist, daß der Mensch mit dem Organe des Rückgrates eine vertikale Lage hat, während dasselbe Organ beim Tier eine der Erdoberfläche parallele Lage hat. Daß man das auch im Tierreich beobachten kann, insofern es sich aus dieser Regel herausstellt, ist durchaus richtig, aber das gehört nicht hierher, ich muß die Grenzpunkte herausgreifen. Dadurch aber, daß der Mensch hinorganisiert ist auf die Vertikale mit dem Rückgrat, ordnet er sich in einer ganz anderen Weise in den Kosmos ein als das Tier. Das Tier ordnet sich in Strömungen ein, die um die Erde herum laufen, der Mensch ordnet sich in Strömungen ein, die zum und vom Mittelpunkt der Erde in der Richtung des Radius laufen. Man muß des Menschen Lage im Raum studieren, wenn man den Menschen verstehen will. Das aber, wenn man zu Ende studiert des Menschen Lage im Raum, macht, daß einem wieder lebendig wird, was es heißt, der Mensch ist Gottes Ebenbild. Der Mensch ist überhaupt nicht das, was die komparative Anatomie sieht, er ist nicht eine solche Wirklichkeit, [wie die Anatomie ihn beschreibt,] sondern er ist, insofern er Gestalt ist, eine Bildwirklichkeit. Er bildet ab. Er wird hereingeschickt aus höheren Welten zu Konzeption und Geburt so, daß er dasjenige, was vor der Geburt ist, abbildet. Aus der Substanz des Göttlichen heraus haben wir vor der Geburt unser Geistleben. Dieses Geistleben löst sich auf durch Konzeption und Geburt und erlangt im physischen Menschen auf Erden sein Abbild, Bild, Imagination. Imagination, aus dem Weltenall herausgeholt, wird die menschliche Gestalt, aber man muß sie begreifen, aus dem Weltenall herausgestellt, in ihrer Lage zum Weltenall. Alle einzelnen Organe im Menschen nehmen teil an der Vertikalisierung. Das Haupt des Menschen hat seine Form durch die Vertikalisierung. Der Mensch ist von Gott in die Welt hereingestellt.
Das tritt unmittelbar als ein inneres Erlebnis auf, indem die Imagination den Menschen ergreift. Und man kann dann nicht mehr intellektualistisch sagen und glauben, wenn ich das Wort ausspreche «Der Mensch ist Gottes Ebenbild», das sei nur als ein Gleichnis ausgesprochen. Nein, es wird die Wahrheit ausgesprochen, und in den wirklich der übersinnlichen Welt entnommenen Gleichnissen des Alten und Neuen Testamentes liegen eben nicht Gleichnisse von der Art von allegorischen Gleichnissen, sondern es liegen darin Wahrheiten. Und wir müssen dazu kommen, wieder unsere Worte von einem solchen Erleben zu durchtränken, daß wir lernen, in dieser Weise anschaulich zu sprechen. In dem Maße, in dem wir lebendig übergehen ins anschauliche Charakterisieren, nicht aber, indem wir intellektualistisch etwas ausklügeln, erringen wir uns die Möglichkeit der Predigt, die ja eine Unterweisung sein muß.
Ich habe oft darauf hingewiesen, daß ein Lehrer, wenn er einem Kinde gegenübersteht und diesem Kinde in populärer Form die Unsterblichkeit der Seele beibringen will, so soll er sie ihm beibringen durch ein Bild. Er soll es hinweisen darauf, wie die Insektenpuppe da ist, wie der Schmetterling herausfliegt, und er soll davon übergehen dazu, wie des Menschen Seele im Tode den Menschenleib wie eine solche Puppenhülle verläßt; ganz ins Bild soll er hineindrängen dasjenige, was eine übersinnliche Wahrheit ist. Aber ich habe auch immer, wenn ich dieses angebliche Gleichnis auseinandersetzte, gesagt: Es ist ein großer Unterschied, ob ein Lehrer sich nun hinstellt und sagt: ich bin gescheit und das Kind ist dumm, also muß ich ein Gleichnis bilden für das Kind, damit es auf seine Art das versteht, was ich durch meinen Verstand verstehe. — Wer so spricht, hat keine Erfahrung vom Leben, hat keine Erfahrung von den Imponderabilien, die im Unterweisen wirken. Denn die überzeugende Kraft, mit der das Kind das ergreift, was ich ihm mit diesem Puppengleichnis beibringen will, ist eine sehr geringe, wenn ich so denke: ich bin gescheit, und das Kind ist dumm, ich muß für das Kind ein Gleichnis bilden, das wirkt. - Dasjenige, was wirken soll, das entsteht erst, wenn ich selbst an mein Gleichnis mit allen Fasern meiner Kraft glauben kann. Ich kann es als Anthroposoph, in mir formt sich das Gleichnis, indem ich die Natur anschaue. Indem ich den Schmetterling sehe, wie er aus der Puppe kommt, bin ich dadurch wiederum überzeugt, daß da das Bild der Unsterblichkeit der Seele sich gestaltet, das hier nur auf einer unteren Stufe erscheint. Ich glaube an mein Gleichnis mit meinem ganzen Leben. Dieses Gegenüberstehen dem anderen im Leben, das ist dasjenige, was als gemeinschaftsbildende Kraft auftreten könnte, Und ehe nicht der Intellektualismus soweit überwunden wird, daß der Mensch wiederum in Bildern leben kann, ehedem ist es unmöglich, daß eine wirklich gemeinschaftsbildende Kraft auftritt.
Ich habe noch gemeinschaftsbildende Kraft erlebt, aber auf unrechtem Felde. Ich will Ihnen auch das erzählen. Ich wurde einmal veranlaßt, um eben solche Dinge zu studieren, eine Predigt zu hören, eine Österpredigt, von einem berühmten Jesuitenpater. Sie war nach aller jesuitischen Schulung gestaltet. Ich will Ihnen einen ganz kurzen Abriß von dieser Predigt geben; sie handelte von dem Thema: Wie hat sich der Christ zu stellen zu der Behauptung, der Papst hätte durch Dogma die österliche Beichte eingesetzt, sie wäre nicht eingesetzt durch Gottes Werk, sondern durch Menschenwerk? — Der Jesuitenpater sprach nicht besonders tief, aber jesuitisch geschult, er sagte: Ja, liebe Christen, stellt euch eine Kanone vor, an der Kanone einen Kanonier und dabei den Offizier, der kommandiert. Stellt euch das ganz deutlich vor! Was geschieht? Die Kanone wird geladen, der Kanonier hat die Zündschnur in der Hand, der Kanonier zieht an der Zündschnur, wenn der Kommandoruf ertönt. Seht ihr, so ist es mit dem Papst in Rom. Er steht als Kanonier an der Kanone, er hält die Zündschnur, und von überirdischen Welten kommt das Kommando. Der Papst in Rom zieht also an der Zündschnur und gibt so das Gebot der österlichen Beichte. Sie ist ein Gesetz vom Himmel, so wie das Kommando nicht vom Kanonier, sondern vom Offizier kommt. Aber noch etwas Tieferes liegt darunter, meine lieben Christen — so sagte der Pater —, noch etwas viel Tieferes liegt darunter, wenn man sich jetzt den ganzen Vorgang der österlichen Beichte anschaut. Kann man denn sagen, der Kanonier, der das Kommando hört und an der Zündschnur zieht, dieser Kanonier habe das Pulver erfunden? Nein. Und ebensowenig kann jemand sagen, der römische Papst hat die österliche Beichte eingesetzt. — Gläubiges Empfinden zog in die Gemeinde ein durch den Gebrauch dieses Bildes, dieses Symbolums, aber selbstverständlich auf einem so unrechten Felde als möglich.
Das Symbol ist dasjenige, durch das wir den Weg zu den Menschenherzen für das Übersinnliche eigentlich finden, nur müssen wir, so wie ich es in dem Insektenpuppengleichnis angedeutet habe, eben lernen, im Symbol zu leben, das Symbol selber der Außenwelt gläubig entnehmen zu können. Ich verstehe sehr gut, wenn sich jemand auf den bloßen Glauben berufen will gegenüber dem Wissen. Aber ich nehme das so ernst, daß dieser Glaube sich auch in dem Sicheinleben der äußeren Natur gegenüber betätigen muß, so daß die ganze äußere Natur zum Symbolum im echten Sinne des Wortes, zum erlebten Symbolum wird. Und, meine lieben Freunde, ehe denn nicht die Menschen wiederum wissen, daß im Lichte nicht bloß gleichnisweise die Weisheit lebt und webt, sondern daß im Lichte wirklich die Weisheit lebt und webt ... [Lücke in der Nachschrift, siehe Hinweis]. Durch unser Auge zieht das Licht ein, dasjenige, was jetzt Licht ist, ist dann mehr als Licht — mit «Licht» bezeichnete man ursprünglich dasjenige, was allen Sinnen des Menschen als ihre innerste Wesenheit zugrundeliegt —, indem das Licht eindringt, wird es innerlich verwandelt, transsubstantiiert, und jeder Gedanke, der Ihnen aufsteigt, meine lieben Freunde, ist verwandeltes Licht in Wirklichkeit, nicht im Gleichnis.
Wundern Sie sich daher nicht, daß derjenige, der durch entsprechende Übungen kennengelernt hat gewissermaßen die spirituell äußRerlichen Erscheinungen des Inneren, die menschlichen Gedanken beschreibt, indem er sie in Licht-Bildern beschreibt. Wundern Sie sich darüber nicht, denn das entspricht eben einer Wirklichkeit.
Viel konkreter als man gewöhnlich denkt sind die Dinge zu nehmen, die wir in den älteren Urkunden der Menschheit finden. Auch damit muß man sich bekanntmachen, daß ja die Kraft, die da noch in den Evangelien liegt, in den letzten Jahrhunderten auch verloren gegangen ist, so wie die Uroffenbarung für den Menschen wirklich verloren gegangen ist und so wie die Ursprache verloren gegangen ist. Ich möchte geradezu die Frage stellen: Haben wir denn heute die Evangelien? Wir haben sie nur, wenn wir sie wirklich erleben können, und wir können sie aus unserem intellektualistischen Zeitalter heraus eben nicht erleben. Ich weiß sehr gut, wie viel gegen die Interpretationen, die in meinen verschiedenen Evangelienvorträgen gegeben worden sind, von dieser oder jener Seite eingewendet worden ist, und ich weiß sehr gut, daß das anfängliche Versuche sind, daß sie vollkommener werden müssen; aber Versuche, die Evangelien wieder lebendig zu machen, sind sie eben doch.
Ich möchte Sie noch auf die Zeiten zurückverweisen, meine lieben Freunde, wo es solche Menschen gegeben hat, die wir heute, wenn sie sich so in die Weltordnung hineinstellen, wie sie sich dazumal hineingestellt haben, Chemiker nennen. Die Alchimisten, wie man sie im 12. und 13. Jahrhundert nannte, haben sich so beschäftigt mit unserer stofflichen Welt, wie wir heute es gewöhnt sind beim Chemiker zu erblicken. Aber was tun wir heute, damit ein richtiger Chemiker entsteht? Heute also wird aus unseren Voraussetzungen heraus ein richtiger Chemiker entstehen, indem er intellektualistisch aufnimmt, wie man Stoffe analysiert und synthetisiert, wie man mit der Retorte arbeitet, wie man mit Wärmeapparaten arbeitet, mit der Elektrizität und so weiter. Das hätte bei dem rechten Chemiker, wenn ich mich so ausdrücken darf, bis zum 13., 14. Jahrhundert nicht genügt, sondern — vielleicht ist das nicht ganz wörtlich zu nehmen, aber mehr als wörtlich — der Chemiker hatte die Bibel vor sich liegen und war durchdrungen davon, daß er nur in einer richtigen Weise das tat, was er tat, wenn aus der Bibel die entsprechende Kraft herausfloß. Der heutigen Menschheit erscheint das selbstverständlich paradox. Für eine Menschheit, die nur Jahrhunderte zurückliegt, erschien es als das Selbstverständliche. Und das Bewußtsein, das der damalige Chemiker hatte, also der Alchimist, indem er seine Hantierungen vollzog, war nur graduell verschieden von dem Stehen am Altar und dem Messelesen. Nur graduell verschieden, denn das Messelesen war schon die oberste alchimistische Handlung. Wir werden auch darüber noch genauer zu sprechen haben. Aber muß man sich nicht schon aus dieser Tatsache die Erkenntnis bilden, daß das Evangelium seine eigentliche Kraft verloren hat? Was haben wir im 19. Jahrhundert getan? Wir haben das Markus-Evangelium, das Johannes-Evangelium, das Lukas-Evangelium, das Matthäus-Evangelium analysiert, wir haben sie philologisch behandelt, wir haben zunächst herausgefunden, daß das Johannes-Evangelium nur ein Hymnus sein kann, weil man nicht daran glauben konnte, daß das einer Realität entspricht. Man hat die Synoptiker miteinander verglichen, man ist bis zu der Stufe gekommen, die sich an den berühmten Schmiedel knüpft, wo herausdestilliert wird: Was Abträgliches über den Christus gesagt wird, das ist Wahrheit, denn das würde man bei bloßen Lobhymnen nicht finden. — Es ist das nur die letzte Konsequenz dieses Weges. Auf diesem Wege kann sich auch nichts anderes ergeben als das, was sich schon ergeben hat: Die Vernichtung der Evangelien wird sich ganz unweigerlich auf diesem Wege ergeben. Und wenn wir noch so viel diskutieren über die Trennung von Wissen und Glauben, sie wird sich nicht aufrechterhalten lassen, wenn die Wissenschaft die Evangelien vernichtet. Man muß eben durchaus in der Realität darinnenstehen und muß verstehen, aus der Realität heraus auch zu leben, und so handelt es sich darum, daß der Seelsorger kommen muß zu einer lebendigen Bedeutung des anschaulichen Darstellens, des Im-Bilde-Darstellens. In die Predigt muß das lebendige Bild einziehen. Daß es ein erlaubtes, ein gutes Bild sei, dafür muß selbstverständlich die Reinheit der Gesinnung, wovon wir noch zu sprechen haben werden, sorgen. Aber das Bild ist es, was wir finden müssen.
Und, meine lieben Freunde, zur Auffindung des Bildes wird Ihnen Anthroposophie die beste Hilfe leisten. Sie wird ja wegen ihrer Bildlichkeit verspottet. Lesen Sie dasjenige, was gegen die Darstellung der Evolution in meiner «Geheimwissenschaft» von Intellektualistlingen — wenn ich den Ausdruck prägen darf — eingewendet wird, so werden Sie schon sehen, wie leicht es ist, von den Gesichtspunkten der Intellektualistlinge aus zu spotten über die Bilder, die ich gebrauchen muß zur Darstellung des Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins. Ich muß Bilder gebrauchen, sonst würden mir die Dinge aus der Hand fallen, weil ich nur durch Bilder dasjenige von der Wirklichkeit ergreife, was eben gesucht werden muß. Und ich möchte sagen, Anthroposophie ist in jedem ihrer Teile durchaus ein Suchen nach Bildern und ist deshalb eine Helferin für denjenigen, der Bilder braucht. Hier liegt das reale Feld, wo gerade der Seelsorger zunächst sehr viel haben kann von der Anthroposophie. Nicht als ob er die Anthroposophie gläubig übernehmen müßte, nicht als ob er sagen müßte: Nun ja, studieren wir die anthroposophischen Bilder und Bücher und gebrauchen sie dann. - Davon kann nicht die Rede sein. Es muß gewissermaßen zu dem Umgekehrten von dem kommen, wozu in dem Zeitalter, das der Anthroposophie entgegen lebte, die Philosophie sich entwickeln mußte.
Da möchte ich Ihnen das folgende sagen. Philosophen heute, die eines Inhaltes oder eines Systems Schüler sind, oder die glauben, ein System aufstellen zu sollen, solche Philosophen sind ja heute antiquiert, solche Philosophen sind zurückgeblieben. Alle solche System-Philosophie ist im intellektualistischen Zeitalter ja nicht mehr möglich. Als Hegel im reinen Intellektualismus die letzten Gedanken herausdestilliert hat aus der menschlichen Anschauung und sie hingestellt hat in seinem Gesamtsystem, war damit dasjenige gefunden, was ich nennen möchte den Leichnam der Philosophie. Geradeso wie man wissenschaftlich den Menschen heute am Leichnam studiert, so kann man an der Hegelschen Philosophie leichnamsgemäß dasjenige studieren, was eben Philosophie war — gerade daran sehr gut. Deshalb ist die Hegelsche Philosophie so groß, weil nichts stört, die fortlaufenden Intellektualismen nun wirklich anzuschauen. Das ist das Großartige, was ich daran bewundere zum Beispiel, dasjenige rein auszubilden, was rein intellektualistisch ist. Aber nach Hegel kann es nicht mehr ein solches Bestreben geben, einen Gedankeninhalt hinzustellen, um irgendwelche Philosophie-Systeme auszubilden. Deshalb schießen ja die Leute so furchtbare philosophische Purzelbäume. Ja, man kann sich keinen furchtbareren Purzelbaum denken als den Vaihingerschen mit der Philosophie des «Als Ob». Als ob man etwas hätte von einer Philosophie des «Als Ob». Das ist etwas, was ja absolut herausstellt das Erleben aus allem Geiste, diese Philosophie des «Als Ob». Es ist eben Philosophie nicht mehr so in der Menschheit, wie sie war, als noch die letzten Reste der Imagination in der Menschheit lebten und diese übersetzt wurden in Gedanken. Sondern das, was heute dem Philosophen obliegt, das ist, Philosophie zu studieren, um daran sein Denken zu üben. Philosophie studieren ist heute eine gedankliche Meditation und dürfte gar nicht anders getrieben werden. Ich glaube, wenn man einmal diese Dinge unbefangener sieht, wird man bald sehen, daß ich in den «Rätseln der Philosophie» gerade darauf hinarbeitete, die Entwickelung der Philosophie so zu geben, daß überall dasjenige hingestellt wird, was man heute als eine Gedankenübung an den verschiedensten Systemen der Philosophie durchmachen kann. Man lernt ungeheuer viel gerade an den neuesten Systemen, die ja schon aus der Philosophie hervorgegangen sind, an dem Hartmannschen System, an den amerikanischen Systemen, die sich an den Namen James knüpfen. Man lernt ungeheuer viel, wenn man sie nur insoweit auf sich wirken läßt, daß man sich fragt: Wie wird das Denken geschult, was gewinnt man an Gedankentraining? — Bitte verzeihen Sie das harte Wort. Nietzsche hat schon danach gestrebt, eine solche Gedankentrainierung an der Philosophie zu haben.
Dies wird Sie darauf aufmerksam machen, daß man selbst in der Philosophie heute genötigt ist, das Denkerische in das Lebendige überzuführen, sich nicht wie ein Subjekt der Wahrheit gegenüberzustellen, die außer einem ist, sondern so, daß die Wahrheit erlebt wird. Erst derjenige, der das Philosophieren der Gegenwart so verstanden hat, der wird eigentlich auch das Umgekehrte verstehen, daß es beim Lesen anthroposophischer Schriften und beim Anhören anthroposophischer Vorträge nicht darauf ankommt, die Dinge wie Dogmen hinzunehmen. Das wäre das Allerverkehrteste, was man tun kann. Denken Sie, daß dasjenige, was da gegeben ist in der Anthroposophie, eigentlich heruntergeholt ist aus dem Übersinnlichen, vielleicht ungeschickt in Worte gedrängt werden kann, aber indem man sich da hineinvertieft, ist es geradeso, wie wenn sich der richtige Philosoph in das Denken anderer Philosophen hineinvertieft. Er nimmt auch nichts auf von den anderen Systemen, er wird daran geschult. Das Bildevermögen für die Bildlichkeit, für die Anschaulichkeit soll zunächst an der Anthroposophie herangebildet werden. Wenn man Worte mitgeteilt bekommt, die aus dem imaginativen Denken herausfließen, wenn man solche Gedanken aufnimmt, so ist man genötigt, um den anderen überhaupt zu verstehen, seine Bildekraft heraufzuholen aus den Untergründen der Seele. Das ist es vor allen Dingen, was wir als Hilfe an der Anthroposophie haben können.
Man appelliere daher weniger so, daß man sagt: Ja, ich muß erst selbst meinetwillen hellseherisch werden, dann kann ich irgend etwas über Anthroposophie entscheiden. - Man appelliere so, daß man sich zunächst, ganz gleichgültig, was der Wahrheitsgehalt ist, mit der Anthroposophie bekanntmacht, man nehme sie einfach hin als eine Summe von Bildern, die dasjenige geben, wie sich die Welt in dieser oder jener Seele malt. Das ist doch zum mindesten eine Tatsache, daß sie sich so malt. Man nehme das und lasse zunächst die Wahrheitsbedeutung ganz unentschieden, man versuche aber, sich in dasjenige hineinzufinden, wie ein Mensch spricht, der solche Bilder vom Übersinnlichen hat, und man wird sehen, das ist der beste Weg, um selbst ins Anschauen hineinzukommen. Es ist heute wirklich bei vielen Menschen, die zur Anthroposophie herankommen, so, daß sie einen Wagen richtig aufstellen und dann das Pferd falsch daranspannen. (Den Unterlagen des Stenographen ist zu entnehmen, daß an die Tafel ein Pferd gezeichnet wurde, das falsch vor einen Wagen gespannt ist, also mit dem Kopf zum Wagen, die Schwanzseite nach vorn. Die Originaltafelzeichnung ist nicht erhalten.) Das darf eben nicht gemacht werden, daß man glaubt, man muß zuerst das Anschauen haben. Das könnte in der Tat, weil es auf einem gewissen Hochmut beruht, dann allerdings an dem Anschauen ganz vorbeigehen. Wenn man aber die Demut hat, Ergebnisse des Anschauens adäquat erleben zu wollen, dann kann man auch ohne die Furcht, daß man eine Suggestion empfange, durchaus zum Anschauen kommen. Die Furcht, eine Suggestion zu empfangen, können ja nur wirklichkeitsfremde Philosophen haben wie zum Beispiel Wundt, der Spätling der Systemphilosophen, der, natürlich von seinem Gesichtspunkt aus, einwendet: Ja, wie soll ich denn nun wissen, wenn ich zuerst etwas aufgenommen habe von der übersinnlichen Welt und dann selber zum Anschauen komme, daß mir das nicht suggeriert ist? - Man müßte Wundt sagen: Wie weißt du denn eigentlich zu unterscheiden zwischen einem Stück Eisen von 100° Temperatur oder noch mehr, das du dir bloß vorstellst oder das dir einsuggeriert ist, und einem, das vor dir liegt? Du magst noch so lange diskutieren, mit deinem Anschauen wirst du niemals herausfinden, ob das Eisen wirklich vor dir liegt oder ob es suggeriert ist; wenn du es aber [angreifst] und dann deine Finger anschaust, so wirst du durch das Leben die Unterscheidung herausfinden. Ein anderes Kriterium gibt es nicht.
Es ist aber ein untrügliches Kriterium, wenn man sich so in das Leben hineinstellt, daß man auf eine wirklich reale Weise in die Anthroposophie hineinkommt. [Man darf] sich aber nicht auf den Standpunkt stellen, daß man alles schon weiß. Ich habe in meinem Leben gefunden, daß man am wenigsten lernt, wenn man glaubt, daß man das schon weiß, was man lernen soll.
Es ist zum Beispiel nur möglich, richtiger Pädagoge zu sein, wenn man Gesinnungspädagoge ist. Wie oft wurde zu den Pädagogen der Waldorfschule gesagt — und sie haben es begriffen, im Laufe der Jahre ist es so gekommen, daß der Unterricht im Zeichen dieser Gesinnung steht; es ist deutlich zu bemerken -, wie oft wurde gesagt: Wenn man einem Kinde gegenübersteht, dann tut man am besten, sich zu sagen, daß in dem Kinde viel mehr Weisheit ist als in einem selber, viel, viel mehr, denn es ist gerade aus der geistigen Welt heruntergekommen und bringt sehr viel Weisheit mit. Man kann Ungeheures von dem Kinde lernen. Von nichts in der Welt lernt man im Grunde so viel auf äußere physische Weise, als wenn man von dem Kinde lernen will. Das Kind ist ein Lehrmeister, und die Waldorfpädagogen wissen, wie wenig richtig es ist, wenn man beim Unterrichten glaubt, man wäre Lehrer und das Kind Schüler. Man ist eigentlich — aber das behält man als ein inneres Mysterium für sich - mehr Schüler als Lehrer, und das Kind ist mehr Lehrer als Schüler. Es scheint paradox, und doch ist es so.
Aber sehen Sie, Anthroposophie führt uns zu neuen Erkenntnissen über die Welt, auf vielen Spezialgebieten des Lebens, so stand es dankenswerterweise in einer Fragestellung ... [Lücken in der Nachschrift; siehe Hinweis]. Ja, Anthroposophie tritt durchaus mit dieser Stimmung, mit dieser Gesinnung auf. Anthroposophie kann eben nicht auftreten, ohne zugleich einen religiösen Charakter schon in sich zu tragen. Und das muß eben betont werden von der Anthroposophie aus: Anthroposophie strebt nicht danach, religionsbildend, sektenbildend aufzutreten, sie strebt, dem Menschen einen Inhalt seines inneren Erlebens zu geben, aber indem sie danach strebt, ist dasjenige, was sie gibt, ganz von selber mit einem religiösen Charakter ausgestattet. Anthroposophie ist nicht eine Religion, aber was sie gibt, ist so, daß es religiös wirkt.
Ich hatte vor kurzer Zeit die Notwendigkeit, zu einem Menschen zu sprechen, der aus früheren Zuständen seines Lebens, die eigentlich zwar nicht übermütiger, aber freudiger Natur waren, in eine tiefe Depression hineingekommen ist, eine Depression, die verschiedene, sogar durchaus organische Ursachen hatte. Der Betreffende ist Anthroposoph, er wollte sich über seine Stimmung mit mir besprechen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß Stimmungen aus dem ganzen Menschen kommen, und man nimmt sie auf aus der Welt, indem man sich als Mensch der Welt gegenüberstellt. - Anthroposophie ist selbst ein Mensch. Wenn sie kein Mensch wäre, würde sie uns nicht verwandeln. Sie macht aus uns einen anderen Menschen. Sie ist selbst ein Mensch, ich sage das ganz in ernstem Sinne. Anthroposophie ist eben nicht eine Lehre, Anthroposophie ist etwas Wesenhaftes, sie ist ein Mensch. Und erst, wenn die Persönlichkeit ganz davon durchdrungen ist und Anthroposophie so hat wie der Mensch, der denkt, aber auch fühlt, empfindet und Willensemotionen hat, wenn die Anthroposophie in uns denkt, fühlt und will, wenn sie wirklich wie ein ganzer Mensch ist, dann hat man sie erfaßt, dann bat man sie. Sie wirkt wie ein Wesen, und sie tritt wie eine Art von Wesen in die gegenwärtige Kultur und Zivilisation ein. Man empfindet sie wie eine Art von Wesen, das da eintritt. Damit ist aber zu gleicher Zeit gegeben, daß man sagen kann: Religion — jetzt vom anthroposophischen Standpunkt aus gesprochen -, Religion ist ein Verhältnis des Menschen zu Gott. Aber Anthroposophie ist ein Mensch, und da sie ein Mensch ist, so hat sie ein Verhältnis zu Gott; so wie der Mensch ein Verhältnis zu Gott hat, so hat sie ein Verhältnis zu Gott. Also sie hat unmittelbar das Charakteristikon des Religiösen in sich.
Ich fasse das nun zuletzt in einigen abstrakten Sätzen zusammen, was aber durchaus Leben ist. Auch dasjenige, was ich vorhin gesagt habe, sagte ich im Zusammenhang mit dem, was ich jetzt sage, nicht ohne Absicht, meine lieben Freunde. Das erste nämlich, was man erlebt auf diese Art, ist, daß man erkennen lernt, wie göttliche Weisheit wirkt in dem Kinde, wo sie gestaltend ist, wo sie nicht nur in einem Gehirn zur Offenbarung kommt, sondern wo sie das Gehirn noch gestaltet. Ja, «wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in das Reich der Himmel kommen». Und das ist der Weg, man dringt ein in das, was man in tiefer Demut an dem Kinde bemerkt, in dasjenige, was vor dem Kindwerden liegt, vor demjenigen, was selbst von Goethe noch so lebhaft empfunden wurde, daß er das Wort «Jungwerden» gebraucht hat für das Eintreten in die Welt, so wie man «Altwerden» sagt. Jungwerden, das heißt aus geistigen Zuständen in das irdische Dasein eintreten. Man geht in einer gewissen Weise wirklich durch die Kindheit hindurch und dann zurück zu solchen Zuständen, wo ein unmittelbarer Zusammenhang noch mit dem Göttlichen ist. Die alte biblische Frage wird sehr real: Kann man denn wiederum in der Mutter Leib zurück, um eine Wiedergeburt zu erleben? — Im Geiste kann man es. Aber zwischen der alten Art, wo die Bibel gelegen hat vor dem Alchimisten, und der heutigen Art, wie wir uns vorbereiten für die Hantierungen der Welt, liegt eine Kluft. Die Kluft muß überbrückt werden. Wir werden aber nicht das Alte finden, sondern wir werden ein Neues finden. Ich habe es öfter ausgesprochen unter Anthroposophen, was wir finden werden, wenn wir uns anheischig machen, in irgendeiner Weise Hantierungen an der Natur vorzunehmen. Die «Encheiresis naturae» müssen wir wieder vollziehen, aber wir dürfen nicht sagen «spottet ihrer selbst und weiß nicht wie»; wir müssen sie wieder in vollem Ernste nehmen können, dann werden wir ein Ideal vor uns haben, allerdings nur als Ideal, aber dieses Ideal wird Realität. Der Laboratoriumstisch wird in gewissem Sinne Altar sein, und die äußeren Hantierungen der Welt werden Gottesdienst sein und alles Leben vom Lichte des Gottesdienstes durchzogen sein.
Und das ist das zweite: Anthroposophie ist sprachbildend. Anthroposophie muß danach streben, so real in die Welt einzugreifen, daß ich diese Realität in dem heute noch paradox erscheinenden Bild ausdrücke: Der Laboratoriumstisch des Chemikers, des physikalisch-chemisch Arbeitenden, des klinisch Arbeitenden, muß in der menschlichen Empfindung die Gestalt eines Altares annehmen. Arbeit an der Menschheit - und im Grunde genommen ist alle Arbeit Arbeit an der Menschheit, auch die rein technische Arbeit - muß werden können ein Gottesdienst. Das wird man aber nur finden, wenn man den guten Willen hat, über den Abgrund hinüberzusetzen, der unsere Welt von jener Zeit trennt, wo das Evangelium vor dem Alchimisten gelegen hat.