The Foundation Course
GA 343 — Dornach
Elfter Vortrag
Es wird von verschiedenen Seiten gebeten, das am Vortage Begonnene weiterzuführen, insbesondere wird gewünscht, noch näheres zu hören über den Seelenkampf Luthers.
Rudolf Steiner: Ja, meine lieben Freunde, wenn ich nun nach verschiedenen Richtungen hin weiter ausführen soll, was wir begonnen haben, so ist es notwendig, daß ich zunächst ein wenig dasjenige berühre, was im Urchristentum lag, und dann das, was später sich herausgebildet hat aus den verschiedenen Kräften, die im Urchristentum wirkten, und was dann führte zum Heraufkommen des evangelisch-protestantischen Fühlens. Wir müssen uns durchaus darüber klar sein, daß in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, gerade bei den Menschen, die am meisten dazu neigen konnten, das Christentum in sich aufzunehmen, noch eine völlig andere Seelenverfassung vorhanden war, als sie später heraufgezogen ist. Das Mysterium von Golgatha fiel ja in eine Zeit der Menschheitsentwickelung hinein, die mit alle dem, was man sonst als den, ich möchte sagen, objektiven Weltengang geisteswissenschaftlich verfolgen kann, zunächst im Grunde nichts zu tun hat. Das ist ja gerade das Merkwürdige. Wenn man nämlich versucht, sich in den objektiven Weltengang zu vertiefen, wie er sich als Totalität darstellt, wo also das Physische, das Seelische und das Geistige drinnenliegt, dann bekommt man einen sehr starken Einschlag in diese Entwickelung im 8. vorchristlichen Jahrhundert. Und wiederum bekommt man einen starken Einschlag — das ergibt sich schon einer äußeren Erkenntnis — in dem Zeitpunkt, von dem ich jetzt öfter gesprochen habe, im 15. Jahrhundert.
Der Zeitraum also vom 8. vorchristlichen bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert ergibt ungefähr eine von den Epochen, die man genötigt ist anzunehmen in der Entwickelung der Menschheit, wenn man ihren Entwickelungsgang geisteswissenschaftlich verfolgt, und zwar liegt in diesem Zeitraum die Heranbildung desjenigen im Menschen, was man nennen kann die Verstandes- oder Gemütsseele; also es ist der Zeitraum der Verstandes- oder Gemütsseele. Am reinsten kam das ja heraus in der Entwickelung des griechischen Volkes. Ich sage «Verstandesseele», und ich bitte Sie, dabei an den Begriff der Verstandesseele nicht das Intellektualistische heranzubringen. Wenn man die Verstandesseele, wie sie sich im Griechentum entwickelte, heute studieren will, so muß man sie bei solchen Menschen studieren, die in einem gewissen Sinne noch eine Art alter Hellsichtigkeit in sich rege machen können, also nicht eine geschulte Hellsichtigkeit, sondern eine atavistische, eine vererbte Hellsichtigkeit, zu der sich ja manche Menschen der Gegenwart noch aufschwingen können. Man sieht bei solchen Menschen, daß sie durchaus einen Weltinhalt in die Seele herein bekommen, der imaginativ ist, der in Bildern gestaltet ist. Wenn man sie dann veranlaßt, das Bildliche aufzuschreiben, so ist — natürlich nur, wenn nicht durch irgendwelche körperliche Deformierungen Unordnung in die Sache hineinkommt, sondern wenn die ganze Sache reinlich verläuft — in dem, was sie dann in Bildern schildern, außerordentlich viel Verständiges darin. Sie schildern irgendwelche Vorgänge der geistigen Welt ja in Bildern. Sie bekommen die Bilder, aber sie bekommen das Verständige mit. Sie können gar nichts dafür, daß sie in die Schilderung der Bildverläufe Verständiges mit hineinnehmen, weil sie es mitbekommen. Noch bis ins 15. Jahrhundert hinein war die Seelenverfassung bei sehr vielen Menschen so, daß sie den Verstand nicht so ausgebildet hatten wie wir heute, sondern so, daß sie gewissermaßen inspiriert waren mit Verstand, daß sie den Verstand geoffenbart erhalten haben. Erst seit dem 15. Jahrhundert ist in der Entwickelung der Menschheit der Intellektualismus heraufgekommen, der darin besteht, daß gerade der Verstand aktiv erarbeitet werden muß innerlich in der Seele. Man muß Logik bilden, sie ist etwas, was erarbeitet werden muß, sie wird nicht der Seele sozusagen gegeben. Das ist der wesentliche Unterschied in der Seelenverfassung des neueren Menschen gegenüber den Menschen in dieser [früheren] Epoche. Und wenn man noch weiter zurückgeht, in diejenige Entwickelungsepoche der Menschheit, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert liegt, so kommt man in eine Epoche hinein, wo sich das bildhafte Vorstellen, dieses unwillkürliche bildhafte Vorstellen erst ausbildet. Man kommt da in eine Epoche, die bis ins 3. Jahrtausend zurückreicht und sieht, wie gerade dieses Lesen im Kosmos, das ich Ihnen heute vormittag geschildert habe, sich ausbildet und in der menschlichen Seele erscheint als bildhaftes Vorstellen, das dann auch durchaus noch vorhanden war in der Zeit des Mysteriums von Golgatha, gerade bei einfachen, einfältigen Naturen. Dagegen haben wir eben seit dem 15. Jahrhundert diejenige Epoche, die den Menschen zum Bewußtsein der Freiheit führen soll, und das kann nur dadurch eintreten, daß der Mensch aus sich selbst seine Gedankenformen hervorbringen muß.
Wenn wir einfach die objektiven Weltenvorgänge studieren, so haben wir zunächst keine Veranlassung, an das Mysterium von Golgatha heranzukommen. Wir brauchen dazu intuitive Erkenntnis in dem Sinne, wie ich es schildere in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», und dann kommt man darauf, das Mysterium von Golgatha als einen aus dem ganzen übrigen Weltengang herausfallenden Prozeß anzusehen. (Im folgenden wird an die Tafel geschrieben.) Wenn ich also das 8. [vorchristliche] Jahrhundert hier habe, das 15. Jahrhundert hier, so haben wir hier einen besonderen Prozeß, der für sich verlaufend angesehen werden muß und der nun einen besonderen Einschlag gibt in unseren [Weltengang] im Jahre Eins oder Null.

Wir können seit den ältesten Zeiten gewissermaßen den Entwikkelungsgang der Erde und der Menschheit verfolgen, wir kommen auf gewisse Stufen der Entwickelung, wir kommen aber nicht dahin, das Mysterium von Golgatha darin zu schauen. Wohl aber kommen wir dahin bei der Verfolgung dieses Entwickelungsganges, wenn wir auf das Mysterium von Golgatha unseren Blick nicht wenden, daß wir das Gefühl bekommen: es geht zu Ende mit der Erde, die Menschen müssen in der Erde ihr Grab finden. — Also wir kommen zu einer ganz entschiedenen Auffassung von dem Ersterben der Erde. Können wir dann den Blick hinwenden auf das Mysterium von Golgatha, so finden wir, daß die Erde durch dieses Mysterium von Golgatha neu befruchtet worden ist, einen neuen Keim von Weiten außerhalb ihrer bisherigen Entwickelungsströmung erhalten hat, und daß in diesem neuen Keim, der durch das Mysterium von Golgatha hereingekommen ist, die Grundlage dafür liegt, daß die Erde eine Wiedererneuerung finden kann. Das ist also zunächst die [Bedeutung des Evangelien-]Wortes, das ich gestern so ausgedrückt habe, daß ich sagte: Die geistigen Wesen, die bei der Erde noch verblieben waren, würden der Erde den Untergang gebracht haben, [wenn nicht das Mysterium von Golgatha gekommen wäre]: Die Dämonen schrieen auf, als sie den Christus sahen, weil er ihnen ihre Herrschaft abnimmt. Das ist durchaus ein realer Vorgang. Sie können ganz sicher sein, daß es sich da nicht bloß um das Aufnehmen von irgendwelchen Ereignissen in der Bibel handelt, sondern es handelt sich um ein klares Anschauen der Vorgänge.
Aber nicht einmal in die Mitte dieses Zeitraumes [zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 15. nachchristlichen Jahrhundert] fällt das Mysterium von Golgatha hinein, denn die Mitte dieses Zeitraumes liegt so ungefähr in der Mitte des 4. Jahrhunderts. Also nicht einmal in die Mitte fällt dieses Ereignis hinein, so daß man sagen muß: Das Ereignis von Golgatha ist etwas, was durchaus im Gegensatz zu der sonst in der Welt wirkenden Notwendigkeit durch die Freiheit der göttlichen Welt hereinkommt. Es ist eine Tat der Freiheit der göttlichen Welten, es ist durchaus etwas der Menschheit von außen Gegebenes, von der göttlichen Weltordnung Gegebenes. Daher kann auch durchaus begriffen werden, daß diejenigen, die den kontinuierlichen Fortgang der Geschichte betrachten wollen, nicht darauf kommen können, darin irgend so etwas zu finden wie das Mysterium von Golgatha.
Um das der Empfindung nahezulegen, habe ich es öfter so ausgedrückt: Wenn, sagen wir, ein Marsbewohner auf die Erde kommen würde, so würde er ja alles unverständlich finden, aber er würde anfangen, etwas Verständnis zu fassen, wenn er so etwas sehen würde wie das Abendmahl von Leonardo da Vinci. Er würde an diesem Besonderen, was darin liegt und was zu dem Christus hintendiert, etwas sehen können, was auch für ihn den Erdenereignissen einen Mittelpunkt gibt. Das ist selbstverständlich nur ein Vergleich, aber es ist ein Vergleich, den ich öfter gemacht habe um anzudeuten, um was es sich hier handelt. Nun haben gerade diejenigen, die ein Empfinden hatten für diesen aus dem gewöhnlichen Erdengang herausfallenden Sinn des Mysteriums von Golgatha, stark gefühlt, wie in alle dem, was die römisch-katholische Kirche allmählich geworden ist, doch eine Art Abfallen von dem ursprünglichen Sinn des Mysteriums von Golgatha vorhanden ist. Das hat sich ja in einer historischen Anekdote kristallisiert. Als Leonardo da Vinci angestellt wurde, um sein Abendmahl zu malen, hat er sehr langsam gearbeitet, er brauchte eigentlich mehr als zehn Jahre. Da kam ein neuer Prior, der wollte, dieser Malerkerl solle nun endlich seine Sache fertig kriegen. Das Bild war fertig bis auf die Figur des Judas, als der Prior fragen ließ, wann denn das endlich fertig würde. Leonardo sagte, bis jetzt habe er es nicht fertig machen können, weil er kein Modell für den Judas hatte. Nun aber habe er in dem Prior ein Modell für den Judas, und jetzt könne er das Bild fertig machen. — In dieser Anekdote liegt durchaus ein Kristallisieren des Gefühls dafür, wie in der römisch-katholischen Kirche eigentlich ein Abfallen von dem ursprünglichen Sinn des Mysteriums von Golgatha vorhanden ist, wie man viel eher aus einem Prior einen Judas machen kann als aus jemand anderem.
Diese Seelenverfassung kann man nun aber schon studieren bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts hinein, und dann wiederum, wie sie sich vorbereitet für den Intellektualismus von der Mitte des 4. Jahrhunderts an. Sie können zum Beispiel sehr schön sehen, wenn Sie die Schriften des Scotus Eriugena studieren, wie im 10. Jahrhundert auf der einen Seite schon hineinspielt das Hinneigen zu dem später voll heraufkommenden Intellektualismus, und wie aber auf der anderen Seite durchaus noch das darinnen ist, was man nennen könnte das Mitgeben des Verstandesmäßigen aus höheren Welten. Das tritt sehr stark in der Zeit auf, in der sich von der Mitte der vorigen Zeitepoche an bis zum 15. Jahrhundert unsere heutige Epoche vorbereitet. Das ist aber schließlich doch noch ganz anders vor der Mitte des 4. nachchristlichen Jahrhunderts; es dauert auch noch bis in das 5. Jahrhundert hinein, die Zeiten grenzen sich nicht so ganz strikte ab. Man findet immerhin, daß in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten gegenüber dem Mysterium von Golgatha stark empfunden wird, wie ein außerirdisch Geistiges in das Irdische hereinspielt. Und dieses Hereinspielen eines außerirdisch Geistigen in das Irdische, das wird nun immer schwerer und schwerer von der gewöhnlichen Seelenverfassung verstanden, und wir sehen gerade um die Mitte dieses vorhergehenden Zeitraumes eine Persönlichkeit mit allen möglichen Dingen ringen, um zurecht zu kommen. Es ist eine solche Wende, wo auf der einen Seite des Menschen Seelenverfassung wirklich umgeändert wird, und wo auf der anderen Seite eine Art neuen Verständnisses notwendig wird für das Mysterium von Golgatha. Diese Persönlichkeit ist ja, wie Sie wissen, der Augustinus. In Augustinus’ Seele spielt sich vollständig das ab, daß er nicht zurechtkommt damit, wie das [Geistige im] Materiellen wirkt. Augustinus sucht zum Beispiel bei den Manichäern, um eine Möglichkeit zu finden, ein Geistiges in dem Materiellen anzuerkennen. Er kommt nicht zurecht; er kommt eigentlich erst dadurch zurecht, daß er sich völlig in sein Inneres zurückzieht, daß er völlig baut auf die Selbstgewißheit des menschlichen Ichs, was ihn ja zu einem Vorläufer des berühmten Ausspruches von Descartes macht «Cogito, ergo sum». Man findet dieses Prinzip schon bei Augustinus. Aber auf der anderen Seite kommt er zu einem gewissen Zweifel an dem Lehrinhalt, und dieser Zweifel an dem Lehrinhalt frißt an ihm. Man kann das durchaus verstehen aus der ganzen Konfiguration der Zeit heraus, daß Augustinus so fühlte. Wie die alten [heidnischen Anschauungen] von den Kirchenvätern, namentlich von Klemens von Alexandrien, noch voll aufgenommen werden, so daß in den ältesten Zeiten [des Christentums] durchaus Heidnisches in den christlichen Lehrinhalt übernommen wurde, das konnte von Augustinus nicht mehr hingenommen werden, weil es der menschlichen Seelenverfassung nicht mehr angemessen war. Der Lehrinhalt wurde auch so geformt, daß er, im wesentlichen in der Zeit des Konzils von Nicäa, in abstrakte Dogmen gebracht worden ist, die dann vom Intellektualismus aufgenommen werden konnten. Es war also die Menschenseele [zur Zeit des Augustinus], ich möchte sagen, schon bis zur Vorbereitung des Intellektualismus getrieben. Von daher konnte Augustinus nicht anders, als eben den Dogmengehalt der katholischen Kirche aufzunehmen, um überhaupt zu einem Lehrinhalt zu kommen.
Nun, dadurch ist dann auch der große Riß entstanden innerhalb der katholischen Kirche. Denn aus dem, was sich als die Zeremonien erhalten hat, konnte natürlich dasjenige nicht herauskommen, was dem Seeleninhalt entsprach. Denn nicht in derselben Weise kam die Menschheit zu der Untergrabung des Zeremonieninhaltes, wie sie zur Vertrocknung des Seeleninhaltes kam. Und so kam es in der katholischen Kirche, daß der Seeleninhalt dogmatisch vertrocknete, während der Zeremonieninhalt eigentlich sich forterhalten hat. Dieser Zeremonieninhalt der katholischen Kirche ist ja durchaus nicht etwa aus dem Christentum hervorgegangen, sondern er ist aus viel älteren zeremoniellen Vorgängen genommen. Aus solchen Zeiten rührt er her, in denen man noch ein lebendiges Lesen im Kosmos hatte, in denen man aber als Opferhandlung eben dasjenige verrichtete, was man aus diesem Lesen im Kosmos entnehmen konnte. Dasjenige, was entnommen worden ist älteren Mysterienzeremonien, ist dann nur verchristianisiert worden. Auch das Meßopfer ist durchaus älteren Mysterienzeremonien entnommen und verchristianisiert worden. Aber was an Symbolen in der Kultushandlung blieb, das ist dasjenige, was eigentlich sich wirklich fortpflanzte innerhalb der katholischen Kirche.
Die katholische Kirche war eigentlich in dem Punkt immer konsequent, auch als sie unter Konstantin eine weltliche Einrichtung geworden ist, als sie ins politische Feld übergegangen ist. Sie war, man möchte sagen, wirklich eisern konsequent, die katholische Kirche. Sie hat in der konservativsten Weise ihre Zeremonien fortbehalten und hat den Seeleninhalt, um ihn nicht untergehen zu lassen, in Dogmen ersticken gemacht. Kein Wunder, daß der Zeremoniengehalt immer mehr und mehr als etwas vollkommen Fremdes empfunden wurde, weil man keinen lebendigen Bezug mehr zu ihm hatte, und der Dogmengehalt als etwas Veraltetes empfunden wurde — während er lebendige Erkenntnis war in älteren Zeiten, die eben die Erkenntnis aus einer anderen Seelenverfassung heraus erlebte —, weil der Dogmengehalt absolut nicht stimmen konnte zu dem, was nun als rein weltliche Erkenntnis heraufkam. Nun mußte aber die katholische Kirche natürlich auch weiterhin in dieser Richtung absolut konsequent bleiben, und sie ist in ihrer Konservativität geblieben bis zum heutigen Tage. Sie ist konservativ geblieben, indem sie absolut nicht mitgemacht hat die Seelenverfassung der heutigen Zeit. Sie ist es so geblieben, daß sie Glauben fordert an konservierte Dogmen, die einer Erkenntnis früherer Seelenverfassungen entsprechen, so daß derjenige, der als katholischer Christ heute in der katholischen Kirche lehrt, durchaus gebunden ist, an einen Dogmeninhalt zu glauben, der eine Wissensstufe vorstellt, die eigentlich für die gesamte Menschheit ihr Ende erreicht hat im 14. nachchristlichen Jahrhundert.
Und dasjenige, was in der Anthroposophie auftreten will, das ist eben das Wiedererringen eines übersinnlichen Wissensstoffes, der ebenso übersinnliches Wissen ist wie dasjenige, was in den Dogmen erstorben vorliegt; Anthroposophie will für das Ereignis des Mysteriums von Golgatha eine neue Auffassung vermitteln, ein neues Verständnis entwickeln, denn die Dogmen der katholischen Kirche passen für die [heutige] Seelenverfassung nicht [mehr]. Das ist das außerordentlich Wichtige, daß die Dogmen der katholischen Kirche nicht durchdringen lassen zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Das Meßopfer läßt [die Seelen der Menschen] durchdringen zu etwas anderem, zu einer Gemütsanteilnahme an den Symbolen des Meßopfers. Es ist schon so, daß die römisch-katholische Kirche mit eisernster Konsequenz auch im 19. Jahrhundert ihre Linie eingehalten hat. Manches kommt einem außerordentlich fremd vor, wenn man herangeht an die von der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert festgestellten Dogmen. Ich möchte Ihnen da wiederum eine Erfahrung vorsetzen, aus der Sie sehen werden, welcher Abgrund da doch vorhanden ist, und damit Sie eine Einsicht bekommen können, wie ein solcher Abgrund überbrückt werden kann.
Ich kam einmal ins Gespräch mit einem sehr gelehrten Theologen über das Dogma der Conceptio immaculata, der unbefleckten Empfängnis, das ja erst im 19. Jahrhundert eingesetzt worden ist. Sie wissen ja vielleicht, es handelt sich da nicht um die unbefleckte Empfängnis des Jesus selber, sondern um die unbefleckte Empfängnis der Maria; also unbefleckt empfangen hat die heilige Anna bei der Konzeption der Maria. Das ist das eigentliche Dogma, das im 19. Jahrhundert festgelegt worden ist. Das andere Dogma, das von der unbefleckten Empfängnis des Jesus, war ja längst da. Und als eine «singuläre Gnade» ist es für denjenigen einzusehen, der überhaupt das Zustandekommen von Dogmen aus dem imaginativen Inhalt einsehen kann, auch wenn er es durchaus nicht billigen kann, weil dadurch der imaginative Inhalt getötet wird — aber man kann es einsehen. Ich kam also mit dem Theologen ins Gespräch und sagte ihm, es sei unmöglich, daß mit dem modernen Bewußtsein die Conceptio immaculata in Einklang gebracht wird. Ich sagte ihm, man ist nicht genötigt gegenüber dem individuellen Fall, das moderne Bewußtsein hinüberzuleiten auf die Dogmatik, man ist nicht genötigt, gegenüber einem singulären Fall Logik anzuwenden, denn das Singuläre entzieht sich ja auch nach scholastischer Anschauung durchaus der Fortfolgerung. In dem Augenblick aber, wo man eine Tatsachenreihe annimmt, namentlich eine nach rückwärts gerichtete Tatsachenreihe, wo man also aufsteigt von der Conceptio immaculata der Maria zu der Conceptio immaculata der Anna, ist man genötigt, so fortzugehen, und dann ist man genötigt, die Conceptio immaculata der ganzen Reihe der Generationen anzuerkennen. — Da wendete mir der Theologe ein, das ginge gar nicht, denn dann kämen wir hinauf bis zum Davidl — so drückte er sich aus —, und da würde die Geschichte recht fatal werden, da ließe sich das nicht machen. — Sie sehen, vor dem heutigen Bewußtsein hat das gewiß einen Anstrich von Frivolität, aber es ist durchaus etwas, was Sie lehren kann, wie das ganze Verhältnis zur Wahrheit innerhalb der römisch-katholischen Kirche ein anderes ist.
Ich wollte gerade in [der Schilderung] dieses Gesprächs einmal scharf hinstellen, in welche Wahrheitsauffassung wir uns hineingelebt haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Der katholische Kleriker stand eben nicht innerhalb der Wahrheitsauffassung des [modernen Bewußtseins], sondern innerhalb einer Wahrheitsauffassung, die einem [früheren] Zeitraum entspricht. Er stand noch nicht drinnen in einer Wahrheitsauffassung, die damit rechnet, was für Folgen eine Wahrheit hat für das innere Menschenleben. Es war eine ganz andere Stellung zur Wahrheit, und wie sich die Zeiten geändert haben, das wird gewöhnlich gar nicht ins Auge gefaßt. Wir müssen schon hinschauen auf eine Entwickelung der Menschheit, die so ist, daß sich die Seelenverfassung ganz wesentlich geändert hat. Es gibt ja im Grunde genommen keinen unrichtigeren Ausdruck als den, daß die Natur keine Sprünge macht. Die Natur macht nämlich fortwährend Sprünge. Nehmen Sie das grüne Laubblatt, das farbige Blumenblatt - ein Sprung. Ebenso haben wir Sprünge in dem Fortgang der Zeiten in dem Vorrücken der einen Seelenverfassung zur anderen mit einer ziemlichen Schärfe. Nur daß die Menschen nicht immer gleich hineinwachsen, sondern daß sich alte Seelenverfassungen fortpflanzen und dadurch in einer gewissen Weise innerlich seelisch vertrocknen, wie wir das auch wiederum bemerken können, wenn [wir beobachten, wie] der gewaltige Sprung, der gegenwärug in der menschlichen Seelenverfassung zu machen ist, nicht von einer genügend großen Anzahl von Menschen mitgemacht wird.
Nun muß man sich klar sein darüber, daß eine solche innere Erlebnisart, wie man sie schildern kann als die des historischen Bewußtseins, das man sich aneignet, ja ganz besonders stark hervortritt bei einem Menschen, der durch eine bestimmte Kirchenerziehung auch noch besonders da hineingestellt ist, und das ist zu denken bei Luther. Wenn man Luthers Seele verstehen will, so muß man sich klar darüber sein, daß er durchaus von einem Nacherleben des Augustinismus ausgegangen ist, und daß er dadurch gerade zu seiner Zeit, die ein Stückchen nach dem Beginn des intellektualistischen Zeitalters liegt, in einen denkbar schwersten Seelenkonflikt hineingestellt werden mußte. Denn warum? Sie müssen nur daran denken: Augustinus hatte sich durchgerungen zu der Anerkennung der christlich-katholischen Dogmatik, aber das war für ihn verbunden mit einem Sichhineinleben in etwas, was noch lebendig war, und am lebendigsten vielleicht gerade bei den Manichäern, mit denen er zusammengekommen ist. Was noch lebendig war in seiner Zeit, das ist die Anschauung von der Erbsünde, überhaupt die Anschauung davon, wie höhere Vorgänge sich gegenüber den niederen irdischen Vorgängen abspielen. Man hat heute sogar Mühe, solche Dinge noch begreiflich zu machen.
Versetzen wir uns einmal in den Beginn der Erdenentwickelung, so können wir gewissermaßen uns von der Vorstellung durchdringen, wie es war noch vor der Entstehung desjenigen, was wir den heutigen Menschen nennen. Da waren höhere Wesen, die in einer gewissen Weise mit der Erdenevolution verbunden waren. Auf ein solches höheres Wesen wird im Alten Testament hingedeutet, indem auf die Schlange gewiesen wird, auf das Wesen, das wir heute Luzifer nennen würden. Dieses höhere Wesen, so wurde die Sache angesehen, hat eigentlich die Ursünde begangen. Dieses Wesen war da [im Beginne der Erdenentwickelung], und die Ursünde fällt eigentlich auf die Rechnung dieses Menschenvorgängers, der dann als die Schlange des Paradieses auftrat. Und auf den Menschen wurde das erst übertragen, was dieses vormenschliche Wesen als Sünde begangen hat, durch die Verführung im Paradies. So daß also in diesem Zeitraum in die Gedanken der Menschen etwas hereinspielt, was als eine Urschuld dasteht, in die der Mensch erst nachträglich verstrickt worden ist und die er nun mitschleppt; weil er ursprünglich hineinverstrickt worden ist, wird sie nun tatsächlich mit dem Blut übertragen von Generation zu Generation. Wegen dieser Ursünde erschien der Christus auf der Erde - ich rede immer vom Bewußtsein dieses Zeitraumes —, um den Menschen allmählich zu heilen von dem, was in ihn durch Luzifers Vergehen gekommen ist. Daß man äußerlich so wenig weiß von dieser Konstitution des Bewußtseins, das rührt ja davon her, daß die römisch-katholische Kirche wirklich Unzähliges ausgetilgt hat, was sich gerade auf diese Urtradition bezieht, Vor allen Dingen ist alles Gnostische ausgetilgt worden, und auch später war ja die Fortpflanzung desjenigen, was noch irgendwie in der älteren Seelenverfassung wurzelte, außerordentlich schwierig. Sie wissen ja, daß auch [die Schriften des] Scotus Eriugena verlorengegangen waren, erst später wiederum aufgefunden worden sind, und daß durch Jahrhunderte die Menschen nichts wußten von Scotus Eriugena, weil alle Exemplare seiner Schriften, deren man habhaft werden konnte, verbrannt worden sind. Es ist also durchaus so, daß man es zu tun hat mit dem Hinaufschauen zu einem Ereignis, das sich abgespielt hat in der übermenschlichen Welt und in das der Mensch gewissermaßen nur hineinverstrickt worden ist.
Und nun, unter den Impulsen einer solchen Anschauung, ich möchte sagen, eines hinter dem Menschen-Geschehen wirksamen außermenschlichen Geschehens anderer Wesen, die mit der Menschenentwickelung aber auch etwas zu tun haben, konnte dann das entstehen, was des Augustinus Lehre von der Vorherbestimmung ist. Augustinus sah in dem Hingestelltsein des Menschen in die Welt noch vielfach etwas, was man nur so ausdrücken kann, daß man sagt: Der Mensch ist eigentlich dasjenige, in dem sich auswirkt der Kampf übermenschlicher Wesenheiten. Daher hat noch nicht das Einzelleben des Menschen den absoluten Wert, den es später bekam nach der Mitte des 15. Jahrhunderts. Für Augustinus war die Lehre von einer, ich möchte sagen, über den Menschenwillen hinweggehenden Entwickelung, die vollzogen wurde durch die Schicksale übermenschlicher Wesenheiten, etwas, was durchaus möglich war zu denken. Nur so konnte die Lehre in ihm lebendig sein, daß ein Teil der Menschen, zwar nicht zur Sünde, aber zum Untergang bestimmt sei und ein anderer Teil der Menschen zur Seligkeit, eine Lehre, die aber gewöhnlich nicht vorgestellt wird in ihrer ganzen Bedeutung, wenn sie erlebt werden soll. Man kann sie eben heute als Mensch nicht mehr erleben in der Ergebenheit, mit der sie ja noch ein Augustinus erleben konnte. In diese Seelenverfassung spielt also das hinein, was man die Erbsünde nennen kann, die ihren Ausgleich findet durch das Mysterium von Golgatha. Man drückte sich zu Luthers Zeiten noch so aus, aber man lebte in einer anderen Zeit der Seelenverfassung [als Augustinus]. Man konnte das nicht mehr verstehen, man konnte sich nicht hineinfinden. Es war ganz ausgeschlossen, sich mit voller Seele in diese Vorstellungen hineinzufinden. So etwa erlebte Luther als Augustinermönch dasjenige, was in seine Seele hereingeleuchtet hat.
Nun muß ich Ihnen meine Überzeugung aussprechen, die aber trotzdem es Überzeugung genannt wird — eben auf Erkenntnis beruht. Für mich ist es durchaus eine Erkenntnis. Ich bin nicht in der Lage, in derselben Weise über den Zufall oder über Zufälle zu sprechen wie andere Menschen, weil das Zufällige auch einer Ordnung der Dinge angehört, die nur gewöhnlich nicht beachtet wird. Ich kann nicht an einem in Luthers [Leben] tatsächlich Vorgefallenen vorbeigehen, ich kann nicht in dem Blitzeinschlagen in einen Baum [neben ihm] etwas Gleichgültiges sehen, sondern ich kann darin nach meiner Erkenntnis nur das Hereinragen einer Wirkung eines wirklichen Übersinnlichen schen. Sie können denken, wie Sie wollen, aber wenn ich aufrichtig und ehrlich spreche, muß ich eben sagen, daß ich einen Teil der Lutherschen Seelenverfassung durchaus als dieses Hereinzeigen, wenn ich es so nennen darf, des Fingers Gottes ansehen muß, nicht aus einem Glauben heraus, sondern aus einem Erkennen heraus. Luthers Seelenverfassung wird in der Tat unter dem Einfluß einer solchen Sache anders; sie wird so, daß ihr von innen heraus gewisse Quellen eröffnet werden. Diese Quellen, besser gesagt die Wirksamkeit dieser Quellen war schon vorbereitet durch all das Ringen mit einem unverstandenen Überlieferungsinhalt. Aber es konnte nicht herauf, es war wie eine Wende innerhalb der Seele selber, aber es konnte nicht ins Bewußtsein herauf. Dann kam es ins Bewußtsein herauf, es wurde eine Wende einzig und allein durch dasjenige, was da geschah. Wenn ich mich grob ausdrücken will: Der Körper wurde gewissermaßen weich gemacht, so daß dasjenige, was sich bei Luther lange vorbereitet hatte, sich durchdrängte durch einen weicheren Körper. Und nun wurde Luther allmählich die ganze Gefahr gewahr, in der der moderne Mensch lebt. Es ist nicht ganz leicht zu sagen, inwieweit das bei Luther in klare Bewußtseinsformen übergegangen ist, aber es ist das auch nicht notwendig. Jedenfalls spielte sich in Luthers Seele ab wirklich dieses ganze Hineingestelltsein des modernen Menschen auf der einen Seite in das, was als Strömung von früher heraufgekommen war, und auf der anderen Seite in das, was der Mensch sein sollte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es drängte sich auf die Seele Luthers die ganze Gefahr des modernen Menschen. Worin besteht diese? Sie besteht eben darin - ich rede jetzt christlich —, daß der Mensch behaftet war mit den Taten oder mit den Tatenfolgen übermenschlicher Wesen, in die er hineinverstrickt war. Durch dasjenige, was als Erbsünde in die untere menschliche Wesenheit als vererbte Merkmale hineinverstrickt worden ist, trat er in einer anderen Weise in das folgende Zeitalter hinein, als es ohne die Erbsünde [der Fall gewesen] wäre. Dadurch wurde dasjenige, was nun heraufkommen sollte [in der Menschheit], das Intellektuelle, in demselben Maße abstrakter, wie früher das Leben des Menschen behaftet war mit etwas Untermenschlichem durch die Erbsünde. Es wurde gewissermaßen dasjenige, was der Mensch intellektuell erleben sollte, dünner, abstrakter, weil das frühere Leben dichter, natürlicher war, als es für den Menschen sein durfte. Jetzt erst war der Mensch im Grunde genommen dazu verurteilt, durch seinen Intellektualismus von Gott abzufallen. Die ganze Gefahr des Intellektualismus, der zu einer viel zu großen Abstraktheit drängt, lebte sich gerade in Luthers Seele aus, und die erlebte Luther wirklich in jener Vehemenz, wie sie geschildert wird als sein Teufelskampf auf der Wartburg.
Wir haben da zwei Gegenpole, die deutlich hingestellt werden in der neueren Menschheitsentwickelung. Wir haben auf der einen Seite Luther, der hineingestellt ist in den großen Geisteskampf nach der Mitte des 15. Jahrhunderts, natürlich etwas später, und der nun deshalb, weil er sich losmachen will von der Gefahr des Intellektualismus, zunächst den Intellekt überhaupt aufgibt und die Rechtfertigung außerhalb des Intellektes sucht in demjenigen, was gewissermaßen unterhalb des Intellektes zum Göttlichen hinführen kann. Der andere Pol ist Faust. Er nimmt den Intellekt mit vollem Sinne auf, aber er verfällt dadurch der Gefahr des Intellekts, er kommt in alle einzelnen Gefahren des Intellekts hinein. Nicht umsonst stehen diese beiden Persönlichkeiten da wie eine Art Wahrzeichen für die moderne Menschheit: Auf der einen Seite Luther und das, was sich an ihn anschließt, auf der anderen Seite Faust und das, was sich an Faust anschließt. Es war wahrhaftig keine geringe Tat Goethes, als er den Faust in dem Sinne umgestalten wollte, daß er nicht zugrundegeht. Schon Lessing hatte daran gedacht. Es muß ja, wenn wir die Freiheit in der Menschheit erringen wollen, der Intellekt absorbiert werden, aber er darf nicht zurückgestoßen werden von dem Göttlichen. Das Faust-Fragment Lessings schließt mit den Worten [des Engels an die Teufel]: «Ihr sollt nicht siegen!», was dann Goethe aufgenommen und umgestaltet hat. Er sagte sich, es muß eine Möglichkeit geben, vom Göttlichen nicht abgeschlossen zu werden, wenn der Mensch den Intellekt, den er zur Entwickelung der Freiheit braucht, absorbiert. Aber in diesem furchtbaren Kampf stand Luther darinnen. Er sah, wie der Intellekt die Gefahr in sich schließt, daß man sich auch mit der Seele von dem Göttlichen abschnürt, daß man dem Seelentod verfällt. Denn derjenige, der nun ganz vom Intellekt zerfressen wird — wir nennen es in der Anthroposophie «ahrimanisch werden» -, der also ganz in den Intellekt hineinkommt, wird zerfressen, er schnürt sich ab von dem Göttlichen. Das ist dasjenige, was Luther fühlte für die moderne Menschheit. Historisch war die Sache natürlich so, daß auf der einen Seite die katholische Kirche stand, die den Menschen überhaupt nicht hineinließ in den Intellekt, die ihn eben retten wollte, indem sie ihn nicht hineinließ in den Intellekt, indem sie das, was sie hatte, auch über das 15. Jahrhundert hinaus gegenüber dem neueren Fortschritt bewahrte und, um das dann zu konservieren, solche Dogmen brauchte wie das Infallibilitätsdogma oder das Dogma von der Conceptio immaculata, das ich vorhin erwähnte. Sie konnte im konsequent römisch-katholischen Sinne nicht ohne das Infallibilitätsdogma auskommen, weil sie eben den Intellekt in seiner Bedeutung herabsetzte, ihn für unentwickelungsfähig erklärte und für unfähig, die geistige Welt zu begreifen. Da mußte zur Befestigung desjenigen, woran der Mensch glauben soll, der Befehl da sein, das heißt, die Souveränität des päpstlichen Befehls für die Wahrheit. Man kann nichts Unzeitgemäßeres finden, im Grunde genommen aber auch nichts Großartigeres, als diese völlig allem Zeitbewußtsein, allem Freiheitsdrange des Menschen widersprechende Festsetzung des Infallibilitätsdogmas. Es ist die letzte Konsequenz des Weltlichwerdens des Katholizismus in einer eisernen Konsequenz von ungeheuerster Genialität. Und man muß sagen, wenn man auf der einen Seite nimmt diese eiserne Konsequenz des römischen Klerus in der Festsetzung des Infallibilitätsdogmas und auf der anderen Seite etwa die Polemik eines Döllinger, so ist die letztere natürlich philiströs gegenüber der ungeheuren Genialität — Sie mögen es vielleicht teuflisch nennen —, mit der dort etwas durchgeführt wird, weil es einmal die Konsequenz desjenigen ist, wohin Rom seit der Verweltlichung des Christentums durch Konstantin gekommen ist.
So ist es gekommen, daß in der Brust des römischen Katholiken ganz gut zwei Seelen nebeneinander wohnen können. Auf der einen Seite die Hingabe an das starre Dogma, an das kein Mensch rühren darf außer dem unfehlbaren Papst - denn die Konzile haben ja ihre Macht verloren seit der Festsetzung des Infallibilitätsdogmas —, und auf der anderen Seite die unbehinderte Pflege der äußeren Wissenschaften wie eine äußere Hantierung, der man sich hingibt und die man mitmacht, der man aber keine Bedeutung zuschreibt für dasjenige, was eigentlich Inhalt der religiösen Lehre ist. Sehen Sie sich an, wie heute die Rechtfertigung des römisch-katholischen Lehrgutes aus dem modernen Bewußtsein heraus aussieht. Ich rate Ihnen, zum Beispiel eine solche Schrift zu lesen wie «Das Prinzip des Katholizismus und die Wissenschaft» von Hertling, dem früheren deutschen Reichskanzler. Sie werden erstens daraufkommen, was es für ein Fehler der Weltgeschichte war, daß dieser Mann jemals deutscher Reichskanzler geworden ist, aber auf der anderen Seite werden Sie manches lernen können über die für den modernen Menschen ganz sonderbaren Gedanken, wodurch dieses Wohnen von zwei Seelen in einer Brust gerechtfertigt werden soll. Es ist auch noch eine Schrift über das Prinzip der Katholizität bemerkenswert, die aber in französischer Sprache erschienen ist. Sie ist deshalb außerordentlich interessant, weil bei dem Schreiber dieser Schrift, dessen Name mir augenblicklich nicht gegenwärtig ist, doch fortwährend das logische Gewissen sich ab und zu regt, und da muß er einen Unterschied machen zwischen dem, was im römisch-katholischen Lehrgut ist, und dem, was Inhalt der äußeren Naturwissenschaft ist. Deshalb stellt er zwei Begriffe nebeneinander hin, den Begriff der Wahrheit und den Begriff der Wissenschaftlichkeit, die er durchaus als zwei disparate Begriffe ansieht. Er sagt, etwas kann sehr gut wissenschaftlich sein, wahr ist aber etwas anderes; was wahr ist, braucht nicht wissenschaftlich zu sein. Und er bekommt auf irgendeine Art heraus, daß das Wissenschaftliche auch nicht etwas zu tun haben muß mit dem, was man unmittelbar als Inhalt der Wahrheit anerkenne. Also es werden da auf der einen Seite schon die erwägungswürdigsten [Dinge gesagt], auf der anderen Seite die groteskesten Purzelbäume geschlagen, um den Inhalt dieser beiden Seelen miteinander vereinbar zu machen.
So haben wir auf der einen Seite die Fortpflanzung des Symbolismus, jenes Symbolismus, der dann in der Renaissancezeit zu dem gewaltigen Aufschwung der abendländischen Kunst geführt hat. Die Kunsthistoriker sollten nur wirklich tief genug schürfen, dann würden sie schon finden, wie ohne den katholischen Symbolismus die ganze Kunstentwickelung von Giotto, Cimabue, über Leonardo bis zu Raffael, Michelangelo unmöglich ist, denn diese Kunstentwickelung ist durchaus eine Fortsetzung des christlichen Kultusinhaltes, und sie gehört in das Christentum so stark hinein, daß die Leute zum Beispiel gar nicht begreifen, warum die Sixtinische Madonna so aussieht, wie sie aussieht. Wenn Sie die Sixtinische Madonna betrachten, sie ist großartig. Soweit man nach oben sieht, sind Wolkengebilde, die sich umwandeln in lauter Engelsköpfe, dann die Madonna selber mit dem Kinde, das wie verdichtet ist aus den Engeln, die in den Wolken sind. Es ist, wie wenn sich aus den Wolkengebilden eine der Engelgestalten verdichtet hätte und heruntergestiegen wäre auf den Erdboden, aber alles wunderbar ins Geistige gehoben. Dann zwei Vorhänge (es wird an der Tafel skizziert, links oben), und darunter eine kokette Frauengestalt und eine furchtbare Priestergestalt, alles Dinge, die gar nicht dazugehören. Warum ist denn das so? Es ist das aus dem einfachen Grunde, weil Raffael ursprünglich in diesem Bilde das Seelenerlebnis beim Um Tafel 7 gange [mit einem Marienbild] an einem bestimmten Marien-Feiertage wiederzugeben gedachte - jetzt ist dies an das Fronleichnamsfest verlegt —, wo man [in Prozession mit einem Marienbild] herumgeht, das unter einem Baldachin [getragen wird] und zu Altären kommt, [wo man niederkniet]. Daher ergeben sich hier (siehe Tafel) die Vorhänge, und unten knieen eben eine weibliche und eine männliche Gestalt an einer solchen Kapelle vor dem Marienbild. Also das ist gewissermaßen schülerhaft hinzugezeichnet zu dem, was [Raffael gemalt hat]. Was da eigentlich gemeint ist, steht ganz im römischkatholischen Kultus drinnen — absolut steht es darinnen.
Im Grunde genommen steht alles das drinnen in diesem römischkatholischen Kultus, was Luther in Rom sah. Und ist es dann nicht ungeheuer symbolisch, historisch symbolisch, historisch symptomatisch, wie Luther in Rom nur die Korruption sah, nicht eigentlich tiefer berührt wurde durch das, was ausgeflossen ist in die Kunst, wie er also nicht innerlich vertieft wurde [durch die Kunst], sondern nur die sittliche Korruption sah? Ja, da sehen wir, wie diese Seele in der Tat da, wo sie hineingestellt ist durch ihre besondere Entwickelung in den historischen Werdegang der Menschheit, hin- und hergerissen wird, wie diese Seele innerlich kämpft und wie sie nach einem Ausweg sucht. Und trotz alledem wirkt wie ein Verhängnis gerade des Lutherianismus das große Problem: Wie absorbieren wir als Menschen den Intellektualismus, so daß wir ihm nicht verfallen, sondern indem wir die Furcht überwinden, ihm zu verfallen und ihn doch, weil er notwendig zur Erlangung der menschlichen Freiheit ist, uns eingliedern. Stark drückt auf das moderne Bewußtsein des Menschen dieser Intellektualismus. Die evangelische Kirche rechnet mit ihm seit Jahrhunderten, die katholische Kirche hat sich ihm vollständig ferngehalten. Die evangelische Kirche ist immer mehr und mehr dahin gekommen, sich zurückzuziehen auf den Glauben, weil es eben mit dem Intellektualismus, wie er sich in der Welt entwickelt hat, nicht geht, sie ist daher immer mehr und mehr dazu gekommen, das Wissen abzulehnen und im Glauben aufzugehen; sie steht nun da mit einem Glauben, zu dem sie den Lehrinhalt suchen muß. Den Lehrinhalt hatte die katholische Kirche, aber sie hat ihn vertrocknen lassen. Vom Intellektualismus aus kann man nicht den Weg finden vom einzelnen Menschen, der sich auf sich selbst gestellt sieht, zu jenen übermenschlichen Kräften, mit denen sich noch der Augustinismus verbunden fühlte. Im Grunde genommen stehen wir heute noch als Menschheit in diesem Kampfe drinnen, nur daß er, ich möchte sagen, bis auf des Messers Schneide gekommen ist, so daß einfach dagestanden wird und gesagt wird: Einen reinen Glaubensbegriff brauchen wir, damit wir gegenüber dem Intellektualismus Religion haben; den alten [Lehrinhalt] des Katholizismus können wir nicht aufnehmen, weil er vertrocknet ist. - Mit diesem dogmatisch vertrockneten Inhalt hat die evangelische Kirche auch den Kultus abgeworfen in den verschiedensten Formen. Es ist dasjenige, was mit Luther begann, heute auf des Messers Schneide gestellt; wir sollten uns des Ernstes der Lage eben durchaus bewußt werden. Es ist ein Ringen nach einer Glaubensmacht in der Seele, die den Glauben retten will auf Kosten des gar nicht vorhandenen Lehrinhaltes. Aber ohne Inhalt kann man nicht lehren, und es zeigt sich die Unmöglichkeit, so einfach die Brücke hinüberzufinden zu demjenigen, was im Katholizismus sich verweltlicht hat.
Nun, meine lieben Freunde, da komme ich auf die Frage, die uns nun weiterführen soll. Es ist diese: Sehen Sie, damit war ja eigentlich auch das evangelische Bewußtsein in die Menschheitsentwickelung, in die individuelle Menschheitsentwickelung hereingestellt, währenddem das vorevangelische Bewußtsein in gewisser Beziehung den Menschen verstrickte in überirdische, übermenschliche Vorgänge und in Taten von übermenschlichen Wesen. Bei Augustinus ist es etwas anders ausgedrückt, aber [es war] durchaus noch [ein Verständnis] vorhanden, daß eigentlich der Fortgang des Menschlichen durchzogen wird von einem Übermenschlichen ... [Lücke in der Nachschrift]. Man sah, wie ein übermenschlicher Kampf stattfand, wie etwa, als der Christus gegen den Feind kämpft, der ihn versuchen will, Übermenschliches hereinscheint; [man sah,] daß derjenige, der dem Christus da nahte, derjenige war, auf den eigentlich die Urschuld zurückzuführen ist, und es wurde gezeigt, wie der Christus sich gegen die Urschuld wendet. Das hörte nun auf, verstanden zu werden. Aber früher war festgehalten worden dieses Verständnis für das, was als das Übersinnlich-Göttliche das Irdische durchzieht, und es war schon immer ein Bestreben vorhanden, eine Sonderung, eine Grenzscheidung vorzunehmen zwischen dem Übersinnlichen und dem Teil des Menschen, der in das Sinnliche verstrickt war. Diese Grenzscheidung wurde vorgenommen durch die Weihe. Die Weihe ist eigentlich das Abscheiden des Menschlichen oder eines Teiles des Menschlichen von dem Verstricktsein in das Irdische. Die Priesterweihe ist nur ein Teil, denn es werden ja auch Geräte und so weiter geweiht, es wird alles mögliche geweiht; der Papst hat sogar einmal im Kriege die Kugeln geweiht; das ist aber eben nur herrührend von der Verweltlichung des Katholizismus.
Aber Sie sehen, dasjenige, was die Weihe ist, das richtet eine Grenzscheide auf zwischen zwei Welten, und es liegt schon durchaus im Katholizismus dieses Bewußtsein — wenn es auch nicht bei jedem einzelnen Priester vorhanden ist —, daß ein geweihter Priester in einer anderen Welt handelt, wenn er etwas tut, daß er auch spricht aus einer anderen Welt, wenn er das Evangelium spricht, während alle seine gewöhnlichen Handlungen aus der irdischen Welt sind. Diesen Unterschied konnte man nun nicht mehr verstehen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Im historischen Katholizismus, den es durchaus gibt, liegt aber diese Unterscheidung stark vor, und sie werden schon in Kreisen der geweihten Priester durchaus bewußt betont. Nur bringt manchmal irgendein Bischof aus Versehen etwas Nicht-Katholisches in den Katholizismus hinein, nämlich das moderne Bewußtsein, und das führt dann zu Absurditäten. Da ist [zum Beispiel] ein Hirtenbrief verfaßt worden, in dem stand drinnen, daß der Priester im Vollziehen des Altarsakramentes mächtiger sei als der Christus Jesus, weil er den Christus Jesus zwingt, im Altarsakrament anwesend zu sein; der Christus Jesus müsse anwesend sein, wenn der Priester das will; daraus gehe aber hervor, daß der Priester nun mächtiger ist als der Christus. — Es ist das der Inhalt eines gar nicht weit zurückliegenden Hirtenbriefes. Man kann schon solche Dinge sehen, wenn aus dem modernen Bewußtsein heraus dasjenige ergriffen wird, was in einer ganz anderen Stimmung erfaßt werden muß, nämlich das jenseits der irdischen Sphäre Liegende und von ihr durch die Weihe Abgegrenzte.
Dieses Prinzip der Weihe geht allerdings weit, weit zurück. Es wird schon in den ältesten orientalischen Religionen gefunden, und es ist ganz besonders ausgebildet worden auf Samothrake. Der Katholizismus hat es durchaus aus älteren Zeiten [übernommen], aber für das neuere Bewußtsein ist es vollständig verlorengegangen. Ich werde nun morgen versuchen, noch weitere Elemente heranzutragen, um Ihnen damit dieses Prinzip der Weihe, also auch der Priesterweihe, ohne welche auch die apostolische Sukzession nicht zu verstehen ist, zum vollständigen Verständnis zu bringen.