The Foundation Course

GA 343 — Dornach

Fünfzehnter Vortrag

Meine lieben Freunde! Es wird also, wie mir eben auch Herr Lizentiat Bock sagt, das beste sein, wenn wir anknüpfen an das Gestrige und die Betrachtungen von gestern nachmittag hinorientieren zu den Fragen, die aufgetaucht sind.

Ich habe gestern versucht, zunächst eine Art von Übersicht zu geben über die sieben Sakramente; ich habe versucht zu zeigen, wie die Sakramente entweder darstellen eine Art von Involutionswert zum Evolutionswert oder umgekehrt. Nun liegt ja in den Fragen, die gestellt worden sind, vorzugsweise auch der Wunsch, etwas zu hören über das Sakrament der Priesterweihe. Wir haben ja gesehen, wie fünf Sakramente im wesentlichen zugeordnet sind der Entwikkelung eines jeden einzelnen Menschen, wie sie zusammenhängen mit dem, was der Mensch durchmacht zunächst von der Geburt bis zum Tode. Und wir haben gesehen, wie die beiden Sakramente, die Priesterweihe und die Ehe im christlichen Sinne, herausfallen aus den fünf [anderen] Sakramenten, und wie die Priesterweihe eine Zeremonie darstellt, die hinweist als das Evolutorische auf das, was in jedem Menschen als Involutorisches vorhanden ist, nämlich die geheimnisvolle Verbindung eines jeden individuellen Menschen mit dem Göttlichen.

Nun wollen wir zunächst einmal einfach versuchen, dieses Sakrament der Priesterweihe seinem Begriff nach vor uns hinzustellen, so wie es sich entwickelt hat, indem der Inhalt des Christentums überhaupt übergegangen ist in die christlichen Zeremonien und sich allmählich kristallisiert hat das Leben im Katholizismus als die Summe der Zeremonien.

Da müssen wir uns zunächst klar sein darüber, daß die Verbindung des Menschen mit dem Göttlichen im Sinne der Epoche, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel, eine solche war, die durchaus sich weit hinter das Bewußtsein der [heutigen] Menschen zurückgezogen hat. Wenn wir in der Kulturentwickelung der Menschen weit zurückgehen, so finden wir da eine andere [Art der] Auswahl zum Priesterstand als die spätere und als diejenige, von der wir hier eigentlich zu sprechen haben. Man muß sich darüber klar sein, daß Zeremonien, Rituale, Sakramente nur zu verstehen sind im ganzen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung, weil ja die christlichen Sakramente doch eine Art Umwandlung älterer Sakramente sind. Nun, es stand also anders in älteren Zeiten in bezug auf das Priesterwerden. In älteren Zeiten wurde derjenige durch die Führer der Mysterien aufgenommen in die Mysterien, den man durch seine seelischen Eigenschaften, durch seine ganze menschliche Entwickelung für würdig hielt - wir würden heute sagen, wenn wir einen treffenden Ausdruck dafür gebrauchen: den man für auserwählt hielt. Das ist ein Begriff, der um so mehr Bedeutung hat, je weiter wir zurückblicken in der Menschheitsentwickelung. Die Anschauung, daß die Menschen gleich sind, ist eben durchaus eine Anschauung der neueren Zeit, sie ist eigentlich im wesentlichen etwas, was erst aus dem Bewußtsein der Epoche um das Mysterium von Golgatha herum hervorgegangen ist. Dagegen glaubte man ja tatsächlich in älteren Zeiten, daß der eine Mensch mehr als der andere auserwählt ist, daß also diejenigen, die würdig waren, in die Mysterien eingeweiht zu werden — oder initiiert zu werden, wie man mit einem anderen Ausdruck ziemlich deutlich die Vorstellung treffen kann -, herausgefunden werden müssen aus der Masse der Menschen. Und wenn man auf diese Weise den einen oder anderen herausgefunden hatte, den man für prädestiniert hielt für das priesterliche Amt, so mußte er die Einweihung eben durchmachen. Dieses Durchmachen der Einweihung bedeutet ja, daß der Mensch in die Lage gebracht wurde, tatsächlich einen anderen Bewußtseinszustand zu handhaben als bloß denjenigen, den man in der äußeren Welt hat. Ein anderer Bewußtseinszustand war wiederum etwas anderes für die älteren Zeiten, als es heute ist. Heute ist ja eigentlich das auch ein anderer Bewußtseinszustand, wenn man in der Lage ist, Imagination, Inspiration und Intuition zu handhaben. Wenn ich also, weil das vielleicht am meisten zum Verständnis führen kann, von dem heutigen zweiten Bewußtsein ausgehe, so ist das so, daß dabei vollständig bestehen bleiben muß das gewöhnliche Tagesbewußtsein. Der Mensch darf nicht einen Augenblick — ohne krank zu werden — irgendwie beeinträchtigt werden durch Übungen oder dergleichen, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe; er darf nicht beeinträchtigt werden in der Handhabung seines Tagesbewußtseins, das muß also da sein. Und das andere Bewußtsein, dem ja die eigentliche Freiheit mangelt, das in der Handhabung von Imagination, Inspiration und Intuition besteht, das muß durchaus als etwas dastehen, das schnell wechseln kann, das im Augenblick wechseln kann mit dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein, so wie der Schlafzustand mit dem Wachzustand wechseln kann, nur daß dieser Wechsel zwischen schauendem Bewußtsein und dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein in die völlige menschliche Willkür gestellt werden muß. Das ist allerdings etwas, was erst nach Übung erlangt werden kann, und was durchschaut werden muß in seiner ganzen Wesenheit, um überhaupt über die Sache sprechen zu können.

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

Nun ist aber tatsächlich dieses andere Bewußtsein etwas, was eine ganz andere Welt gibt, als diejenige ist, die sich vor den Sinnen ausbreitet und die mit dem Verstand erfaßt wird, die jeden Augenblick zurückführt zu der Wesenheit des menschlichen Ichs, zum Halten an das menschliche Ich. Das menschliche Ich ist in dem anderen Bewußtsein zunächst in einer größeren Stärke vorhanden, man hat es da nicht bloß als etwas, das alle einzelnen Vorstellungen und Gefühle durchsetzt, sondern man hat es als ein Bild. Man hat die Möglichkeit es anzuschauen, man weiß, dieses Ich ist etwas, in dem man nicht bloß lebt, sondern es ist als eine Objektivität vorhanden. Das Andere dieses höheren Bewußtseins ist das, daß man keine Anschauung erlangt von dem, was das mineralische Reich ist — das mineralische Reich gehört nur dem gewöhnlichen menschlichen Tagesbewußtsein an —, dagegen ändert sich völlig die Anschauung des Pflanzlichen, des Tierischen und des Menschlichen selbst. Man lebt also tatsächlich in einer anderen Welt. Man nennt dasjenige, was zwischen diesen beiden Welten ist, die Schwelle, die überschritten werden muß und die überschritten werden darf, nachdem man dazu vorbereitet ist, und die Vorbereitung schafft man sich wirklich in dem getreulichen Üben dessen, was ich angeführt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Denn wenn man nicht richtig vorbereitet wäre dazu, so könnte dasjenige, was man sich da als ein neues Bewußtsein erwirbt, herunterrutschen in die Körperlichkeit. (Während der folgenden Ausführungen wird an die Tafel gezeichnet, Mitte.) Ich will das so zeichnen: Nehmen wir an, das wäre das Tagesbewußtsein, das ja gebunden ist an die menschliche Leiblichkeit. Dieses höhere Bewußtsein ist nun herausgehoben, man sieht eine völlig neue Welt. Nun aber muß man ja dieses höhere Bewußtsein erhalten, es muß etwas rein Geistig-Seelisches sein. Es könnte aber passieren, wenn man nicht vorher die Kraft sich durch Üben erworben hat — es passiert nicht, wenn es lebendig vollzogen wird; was ich sage, ist mehr eine Hypothese -, also wenn man die Kraft nicht durch Übung erworben hat, daß das ganze herunterrutscht in die Körperlichkeit. Dann würde man nicht im freien geistig-seelischen Bewußtsein leben, sondern es würden sich die Prozesse in den menschlichen Organen an dem beteiligen, was dieses Bewußtsein schaut; dann hätte man es mit Träumen zu tun, man hätte es nicht zu tun mit einem wirklichen objektiven inhaltsvollen Imaginieren. Das objektive inhaltsvolle Imaginieren entsteht ja dadurch, daß dasjenige, was man erlebt, nicht imprägniert ist von den Vorgängen des eigenen Körpers, sondern von den Vorgängen der übersinnlichen Welt. Das muß durch Übung errungen werden, und das muß man errungen haben, damit man jene Grenze zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen überschreiten kann, die als die Schwelle bezeichnet wird. Nun, das ist heute so. Heute haben wir im gewöhnlichen Bewußtsein den Inhalt, den ja jeder kennt, und wir haben dann einen anderen Inhalt - der natürlich beschrieben werden kann, so wie ich es jetzt wiederum von gewissen Gesichtspunkten aus getan habe —, der durchaus als der Inhalt einer höheren Welt zu bezeichnen ist gegenüber der gewöhnlichen Welt. Gehen wir aber zurück zu den Zeiten der menschlichen Erdenentwickelung, von denen ich hier sprechen will, in der die Auserwählten eingeweiht wurden, dann haben wir auch bei ihnen das Aufsuchen eines anderen Bewußtseinszustandes, aber er ist anders [als heute], insofern der Bewußtseinszustand, den wir heute einfach als den normalen menschlichen Bewußtseinszustand bezeichnen, bei jenen Mysterienschülern der außerordentliche war, und ein gewisses bildhaftes Vorstellen, ein Schauen des Göttlichen in allen einzelnen Dingen, das war das Normale. Also was damals für die alten Mysterien als die Schwelle zu bezeichnen ist, lag für die damaligen Zeiten eigentlich ganz woanders, als die Schwelle heute für uns liegt. Wir können das selbst an äußeren Dingen bemerken.

Sehen Sie, wir haben heute etwas, was schon das Kind in der Schule lernt, das ist das heliozentrische Weltsystem. Das heliozentrische Weltsystem — Sie können das historisch überliefert finden — ist eigentlich durch eine Art Verrat in die Literatur übergegangen. Das heliozentrische Weltsystem war schon vorhanden in Griechenland, es war schon viel früher deutlich vorhanden, es wurde in den Mysterien gelehrt. Was heute das gewöhnliche Schulkind lernt, was die Menschen als Weltanschauung über die Welt bekommen, das wurde in älteren Zeiten nur in den Mysterien gelehrt. Im äußeren normalen Bewußtsein hatten die [damaligen] Menschen ein Bilderbewußtsein. Wir können wirklich sagen: Gegenüber den Alten lebt heute jeder Mensch, der den Schulunterricht durchgemacht hat, jenseits der Schwelle. Das hat man [aber] gerade in den alten Mysterien als ganz besonders gefahrvoll für den Menschen betrachtet, wenn er [nicht durch reguläre Einweihung, sondern] durch irgendein Elementarereignis über die Schwelle geführt wurde und zum Beispiel nicht an dem geozentrischen Weltsystem — also daran, daß der Boden stillesteht und die Sterne und die Sonne sich bewegen - festhielt, sondern an dem Stillestehen der Sonne, wie die eingeweihten Schüler der alten Zeiten es getan haben. Man sagte, dazu muß man vorbereitet sein, um das zu ertragen, was zum Beispiel im heliozentrischen Weltsystem oder was zum Beispiel in unserer heutigen Biologie und Physiologie und so weiter liegt. Das erscheint einem heutigen Menschen paradox, war aber doch so. Man kann sagen: Geschichtlich hat die Menschheit als solche in der Zeit des Mysteriums von Golgatha die Schwelle für dasjenige überschritten, was ehemals in den Mysterien der älteren Epochen künstlich überschritten werden mußte, um zur Einweihung zu kommen. Damals hat der [Einzuweihende] das gelernt, was heute bei uns jedes Kind lernt. Wir lernen ja [heute] wiederum als Einsicht in die höhere Welt dasjenige erkennen, was später das Normale werden wird. So ist es mit dem Fortgang der Menschheit. Und das wird verkannt, weil zum Beispiel gewisse ältere Schriften von einem Gesichtspunkt aus reden, der dadurch gegeben ist, daß das Bewußtsein der Menschen ein bildhaftes war, so war, daß man eben nicht die äußeren Dinge sah, sondern durch die Dinge hindurch das im Innern liegende Geistige. Man muß wissen, daß man die Worte dieser älteren Schriften anders zu lesen hat, als sie die heutigen Altsprachenforscher oder Kulturgeschichtler oder Anthropologen und dergleichen lesen, [weil das Bewußtsein ein bildhaftes war]. Wir können also sagen, in älteren Zeiten wurde der Einzuweihende dazu geführt, die Welt kennenzulernen, die wir kennen.

Ich möchte noch eine Einzelheit angeben. Wenn wir in die älteren Zeiten Griechenlands zurückgehen, da konnten die Menschen noch nicht so wie wir heute deutlich sinnlich die Farbe Blau sehen. Sie hatten nicht die Sinnesempfindung für die Farbe Blau, sie hatten vielmehr das Sinnesvermögen nach der anderen Seite ausgebildet, nach den lebhaften Farben, dem Rot und so weiter, so daß für die Griechen das Blau viel mehr ins Grünliche ging als für uns heute. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man alles das auffassen, was die Alten empfanden. Man muß sich auch klar darüber sein, daß das aktive Denken zusammenhängt mit der in der Entwickelung der Menschheit heraufkommenden Blauempfindung. Wenn in älteren Schriften von Blau die Rede ist, so ist das immer ein Irrtum, denn das Erlebnis des Blau und damit auch das heutige aktive Verstandeserlebnis hatten diese Menschen nicht. Sie hatten nicht jene im Anschauen des Blau sich entwickelnde Hingabe an das Objektive, das Ausfließen des Ich in das Objektive, sie hatten viel mehr das [Erlebnis], das im Rot liegt, das vom Objektiven nach dem Subjektiven [gehende], das sich aktiv von außen her Berührtfühlen und Aufnehmen, worin eben das Gewahrwerden des Göttlichen in den Objekten lag.

Also diese Einweihung war schon etwas ganz Bestimmtes; es handelte sich darum, daß die Einweihung in diesen älteren Zeiten dadurch vollzogen worden ist, daß der Mensch selber physisch Dinge durchmachen mußte, welche gewissermaßen eine Art innerliches Sakrament ausmachten. Die Sakramente waren in älteren Zeiten mehr innerlich. Nehmen Sie zum Beispiel so etwas, daß der Mensch durch äußere Veranstaltungen, durch äußere Verrichtungen in Furcht versetzt wurde. Zum Beispiel in Griechenland gab es ja Mysterien, wo einer der wichtigsten Vorgänge war, daß der Mensch in völliges Dunkel geführt wurde, daß er ins Dunkel sich einleben mußte, und daß er dann einer plötzlichen Erleuchtung des ganzen Raumes gegenüberstand — das war die Perzeption, die ihm gegeben worden ist. Worauf es damals ankam, das war diese Überführung des Bewußtseinszustandes aus einem Sein im Dunkeln, in der Finsternis, in das Helle. Da aber geht im Menschen etwas vor, da gehen feine Prozesse im Menschen vor. Diese feinen Prozesse, die da vorgehen im Menschen, kann ich Ihnen in der folgenden Weise beschreiben. Wenn die Menschen, nachdem sie dieses Übergehen aus dem Finsteren in das Helle eine Zeitlang erlebt haben, auf diesem Gebiete wissend werden, dann sondert sich im Menschen — je nach seiner Beschaffenheit verschieden — Salz ab, das sich ablagert, Salzablagerungen, die dadurch eigentlich stattfanden, daß die Überführung aus dem dunklen Zustand in den hellen Zustand, auch im Wechsel, geschah. Dieser [Vorgang] war vollständig zu etwas gemacht worden, dessen der Mensch gewahr wurde, das er begleitete mit einem gewissen Gefühl, das allerdings dem Furchtgefühl sehr ähnlich war. Dieses Salzablagern, das nahm der Mensch wahr; er nahm also eine innerliche Wechselbeziehung wahr, er nahm etwas wahr, was in ihm vorging. Und in diesem Moment, wo das [in ihm] durch eine äußere Verrichtung geschah, hatte der Mensch einen Einweihungsvorgang durchgemacht, denn die Einweihung in älteren Zeiten bestand durchaus darin, daß im Menschen selber solche Vorgänge hervorgerufen wurden. Das aber, worauf es jetzt ankam, das war das, was einen solchen Vorgang der Salzablagerung im Innern begleitete. Ein solcher Vorgang der Salzablagerung im Innern war begleitet davon, daß der Mensch sich im Bewußtsein imprägniert fand [von der Lichtperzeption, aber] nicht bloß von der Lichtperzeption, sondern von der im Licht enthaltenen Geistigkeit; er nahm also auf die im Lichte enthaltene Geistigkeit. Indem das Salz koaguliert im Innern des Menschen, fühlt der Mensch diese Koagulation des Salzes in sich als ein Durchdrungensein von dem Göttlichen. Diese Zustände zu bewußten zu machen, das war die Kunst der Einweihung in älteren Zeiten. Der Mensch konnte ganz anders sprechen, bei dem das Leben im Lichte nicht bloß ein Vorgang der sinnlichen Wahrnehmung war, sondern ein solches Durchdrungensein [vom Lichte], daß er sagen konnte: Indem ich im Lichte lebe, koaguliert in mir die Materie. - Und mit dem, was in der gewöhnlichen Materie enthalten ist, nahm er in gewisser Beziehung unmittelbar wahr die Wirkung desjenigen, was über der Substanz der gewöhnlichen Materie liegt.

Nun, wir verstehen diese Dinge nicht, meine lieben Freunde, wenn wir nicht wissen, daß die ganze Konstitution des Menschen in älteren Zeiten anders war als sie später geworden ist. Solch einen Vorgang, wie ich ihn geschildert habe, kann man heute beobachten beim Aufwachen oder beim Einschlafen. Bei dem Zustand, den die körperliche Entwickelung des Menschengeschlechtes heute erreicht hat, würde man diese Dinge nicht mehr vornehmen können. Der Einfluß auf den Menschen ist nicht mehr in dieser intensiven Weise möglich, der Mensch ist gewissermaßen mehr in sich verhärtet worden. Es geht heute nicht so, daß dem Menschen diese feinen geistigmateriellen Prozesse, die da stattfinden, ohne weiteres zum Wahrnehmen gebracht werden können. In dieser Beziehung ändert sich eben das Menschengeschlecht. Und dadurch kam es später dazu, daß dasjenige, was in älteren Zeiten im Innern geschehen ist, nun im Äußeren gesucht wurde. Es wurde gewissermaßen das dem [inneren] Vorgang Entgegengesetzte als Zeremonie vollzogen. Der alte Vorgang der Einweihung, der Vorgang, durch den der Mensch in sich den Geist rege machte, dieser Vorgang wird nun im Äußeren vollzogen. Die Priesterweihe war in den älteren Zeiten durchaus nicht der abgeschwächte Prozeß von heute, sondern ein Prozeß, der, trotzdem er mehr äußerlich vollzogen wurde, dennoch einen tiefen Eindruck auf den Menschen machte. In späteren Zeiten, noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und darüber hinaus, wurde ja zum Beispiel der Akt der Taufe zumeist so vollzogen, daß er in der Tat noch eine Verrichtung am Menschen selber war. Die Täuflinge wurden [ins Wasser] untergetaucht und dadurch in dieselbe Lage gebracht wie ein Ertrinkender, dem in einer rückwärtslaufenden Perspektive seine Lebensvorgänge am geistigen Blick vorüberziehen. Das gehörte in früheren Zeiten zu der Taufe, daß dem Menschen das vergangene Leben vor die Seele gebracht wurde, daß er also in einer gewissen Weise geistig sehen lernte. Später ist dann das Sakrament der Taufe [zeitlich] zurückverlegt worden, da konnte es natürlich nicht in dieser Weise vollzogen werden, da wurde es nur noch als Zeichen gemacht. Und so ist es auch mit der Priesterweihe. Die Priesterweihe selber wurde also gewissermaßen der äußere Vorgang für dasjenige, was früher im Innern des Menschen hervorgerufen wurde durch die Einweihung, durch die Inversion der äußeren Vorgänge; sie ist dasjenige, was den Menschen in der Tat auch in eine andere Welt hineinstellt. Denn man wird aufmerksam gemacht —ich werde Ihnen das noch genauer zu schildern haben — auf gewisse Zusammenhänge im Weltenall, welche man an der Außenwelt nicht studieren kann, man wird aufmerksam darauf, daß in den materiellen Prozessen sich etwas abspielt, was sich nicht deckt mit den gewöhnlichen äußeren sinnlich wahrnehmbaren Prozessen, man wird aufmerksam auf das eigentliche Sakramentale. Man lernt erkennen, indem man zum Beispiel Salz in Wasser auflöst, daß da etwas vorgeht, was sich nicht erschöpft in dem physikalisch-chemischen Auflösungsvorgang, sondern daß, wenn sich Salz im Wasser auflöst, da tatsächlich innerlich etwas, ich möchte sagen, durchleuchtet. Man lernt erkennen, wie da Prozesse stattfinden, die nur mit dem Geiste des Menschen erfaßt werden können. Und dieses Eingeführtwerden in die Welt solcher Anschauungen, welche nicht mit den äußeren Sinnen und mit dem gewöhnlichen Verstande erfaßt werden können, das gehört im wesentlichen zur Priesterweihe. Man muß also durch die Priesterweihe geradeso in der äußeren Welt das Durchdrungensein dieser Welt mit dem Göttlichen erkennen, wie der Mensch in der älteren Zeit eingeweiht worden ist dadurch, daß er sich gewissermaßen nicht bloß von dem Materiellen des Lichtes durchdrungen fühlte, sondern auch von dem Geistig-Seelischen des Lichtes.

So also, möchte ich sagen, wird durch die Priesterweihe das menschliche Bewußtsein in einen solchen Zustand gebracht, daß man mit einer völligen inneren Überzeugung sagen kann: Die Welt, die uns umgibt, ist eigentlich nur ein Fragment der Welt; sie ist da, um uns vieles zu verbergen, um uns namentlich [das Geistige in den] Prozessen zu verbergen. Wir sehen ein Geistiges in den Prozessen, wenn wir eben dazu in der entsprechenden Weise vorbereitet sind. Und die Priesterweihe besteht eben darin, daß der Mensch so vorbereitet wird zum geistigen Anschauen, daß er überall im sinnlichen Prozeß auch den geistigen Prozeß sieht. Nehmen wir einen konkreten Fall. Wir sehen eine Pflanze die Blätter entwickeln, die Blüte entwickeln, den Fruchtknoten, die Staubgefäße entwikkeln, wir sehen den Fruchtknoten reifen. (Es wird an die Tafel gezeichnet, links.) Und wir nehmen dann wahr, wie der Blütenstaub herumfliegt, wie er die Blüten befruchtet. Wer nur das Äußerliche sieht, der beurteilt eben im Sinne der äußeren Vorgänge, die dann mit dem Verstande kombiniert werden. Derjenige, der reif sein soll, das Geistige zu sehen, muß ein übersinnliches Weben sehen, das sich gewissermaßen als wogendes Getriebe über dem Pflanzenwachstum ausdehnt und alles das mitbewirkt, was Pflanzenbefruchtung ist. Dadurch aber wird die Erde, in welcher die Pflanze wurzelt, in eine Wechselbeziehung gebracht zu der geistigen Umgebung der Erde.

Dieses erneuerte Anschauen ist es, in das durch die Priesterweihe eingeführt werden muß. Nur dann, wenn man durch die Priesterweihe so in dieses geistige Anschauen eingeführt worden ist, lernt man auch erkennen, wie das menschliche Wort fortwirkt in der Welt, wie das menschliche Wort nicht nur materielle Luftschwingung ist, sondern wie das menschliche Wort auf den materiellen Luftschwingungen den Geist trägt, wie dieser Geist gewisse Substanzen durchsetzt, die flüchtig sind, also sagen wir den Rauch. So daß Priester-Sein heißt: Sehen, wie die menschlichen Worte den Rauch ergreifen, wie der Rauch umwebt die Materie, sagen wir, des Wortes, und wie dadurch, daß der mit dem Worte durchsetzte, mit dem Worte tingierte Rauch die Materie des Wortes umwebt, das Wort selber geändert wird, wie tatsächlich eine Verwandelung vorgeht, wie ein Wirkliches, ein Geistig-Wirkliches da ist in dem, was in der äußeren Welt, in der Welt der Phänomene vorgeht. So daß Geweiht-Sein auch heißt: Handlungen vornehmen können, die neben ihrer physischen Bedeutung auch noch eine geistige Bedeutung haben.

Das ist ja natürlich etwas — ich muß es immer betonen —, was außerordentlich fern liegt dem modernen Bewußtsein, aber ungeheuer nahe lag es vor allem demjenigen Bewußtsein, das zur Zeit des Mysteriums von Golgatha vorhanden war. Denn [in dieser Zeit] stand der Mensch eben mitten zwischen dem Alten und dem Neuen drinnen, er kannte noch dieses Schauen des Göttlich-Geistigen in allem Natürlichen, entweder durch Tradition oder durch Atavismus, und er lebte gewissermaßen in der Angst vor jenem Zustande, in den man hineinkommt, wenn das Natürliche nurmehr natürlich gesehen wird und dadurch das andere, [das Göttlich-Geistige,] nur als ein abgezogenes Abstraktes zu erfassen sein wird. Nun, damals kannten die Menschen also noch das Weben des Geistigen in dem Sinnlichen. Die Jünger des Christus Jesus wußten einfach, daß das In-seiner-Nähe-Sein etwas anderes bedeutete als in der Nähe eines anderen zu sein. Denn sie wußten, daß er der Träger einer überirdischen Wesenheit ist, sie fühlten sich berührt von dieser überirdischen Wesenheit, und dieses Zusammensein mit ihm war für sie ohne weiteres das Aufleuchten des übersinnlichen Bewußtseins.

Also denken wir uns, wir seien da hineingestellt in eine Welt, in der sich eine Anzahl von Menschen, die um den Christus Jesus herum sind, sagen: Wenn man in seiner Nähe ist, wird man zur Anschauung der göttlich-geistigen Welt gebracht. Nun, im Zusammenhang damit mache ich Sie auf etwas aufmerksam, was sehr wichtig ist für das Begreifen der ersten christlichen Zeit. Diejenigen, die sich noch die Apostel des Herrn nannten, die beriefen sich zur Bekräftigung ihrer Mission nicht etwa allein darauf, daß sie sein Wort gehört haben. Das Hören seines Wortes war eigentlich nicht etwas von so großem Gewicht, wie wir das heute empfinden, wenn wir irgendein Wort, eine Lehre hören. Die Lehre des Christus Jesus war zwar etwas, was in seiner Umgebung völlig als wohltätig empfunden wurde, aber es war nicht dasjenige, was man in erster Linie als das Wichtigste empfand. Für viel wichtiger hielt man es, für die Nachfolge zu betonen: Wir haben unsere Hände in seine Wunden gelegt, wir haben selber teilgenomen an dem Anschauen seines Wesens. — Das unmittelbare Zusammensein [mit dem Christus Jesus], das ist dasjenige, was ich Sie bitte, hier besonders ins Auge zu fassen.

Sehen Sie, Sie werden einen Begriff bekommen von dem, was da eigentlich seelisch zugrundelag, wenn ich Ihnen sage: Fühlen Sie einmal den Unterschied zwischen dem, was Sie empfinden, wenn Sie Ihre Hand an einen äußeren Gegenstand legen, und dem, was Sie empfinden, wenn Sie Ihre Hand an Ihre eigene Hand oder an irgendeinen anderen Körperteil legen. Den Unterschied muß man fühlen; man muß daraufkommen, daß dieser Unterschied da ist. Und dann muß man noch etwas anderes fühlen können, man muß fühlen können, man hat zwei Augen mit Blickrichtungen, die sich treffen und sich kreuzen. (Es wird an die Tafel gezeichnet, rechts.) Diese sich kreuzenden Blickrichtungen, die dort, wo wir hinschauen, zusammentreffen —, das ist geradeso, wie wenn ich mit meinen beiden Armen mich selber anfasse. Denken Sie nur, worin der Unterschied des Menschen vom Tiere liegt. Das Tier hat in viel eingeschränkterem Maße die Möglichkeit, das zu erleben, was zum Beispiel wir erleben, wenn eine Hand die andere berührt. Oder sehen Sie sich die Augenstellung bestimmter Tiere an; Sie können genau unterscheiden, wie stark der Egoismus eines Tieres ist, aus der Augenstellung. Solche Tiere, die die Augenstellung so haben, daß sie die Augenachsen nicht kreuzen können, können gar keinen Egoismus entwickeln, denn die Empfindung, das Erleben des Ich beruht eben darauf, daß man das Ich «anfassen» kann, und daß der rechte Blick des Auges mit dem linken Blick des Auges sich kreuzen kann. Darauf beruht gerade das Erleben des Ich.

Nun, die Jünger wußten sich so verbunden mit dem Christus, daß sie gewissermaßen etwas Ähnliches fühlten wie beim Befühlen ihrer eigenen Hände, wenn sie ihre Hände gar in seine Wunden legten. Und so war dieser unmittelbare Zusammenhang [mit dem Christus] dasjenige, was ihnen das Bewußtsein gab, in einer höheren Welt mit ihm zusammenzuleben. Das war tatsächlich etwas, was die Jünger erfüllte, es war, wie wenn eine Geistesinsel sie und den Herrn umfaßt hätte, und wenn sie dann fühlten, der Herr ist hinweggegangen und sie sind nun die Lehrer geworden, berufen sie sich bei ihrem Lehramte auf dieses Mit-ihm-Zusammengewesensein. Und die Schüler der Apostel wiederum berufen sich durchaus auf das Bildhafte, das sie erlebt haben; man kann das sogar in den einzelnen Briefen lesen. Wenn irgendeiner der Apostelschüler, Polykarp von Smyrna zum Beispiel, beschreiben konnte, wie der oder jener ausgesehen hat, von dem er gelernt hat, so war das etwas ungeheuer viel wichtigeres als die Mitteilung des bloßen Wortes. Dasjenige also, was hervorrief das Sich-zusammengehörig-Fühlen mit dem, was noch mit dem Christus zusammenhing, das war das Wesentliche, so daß man sagen kann, die Apostel fühlten die Sukzession, aber sie konnten nicht mehr im Innern jene Umwandelungen fühlen, die bei den alten Einweihungen gefühlt wurden. Mißverstehen Sie mich nicht; ich behaupte nicht, daß die Apostel oder die Apostelschüler solche Erwägungen angestellt haben, aber ihre Seelenverfassung war so, daß sie solche Erwägungen hätten anstellen können, und es wird ihre Seelenverfassung charakterisiert, indem man solche Erwägungen formuliert. Wenn sie genötigt worden wären, ihre Seelenverfassung zu formulieren, würden sie gesagt haben: Ja, wir können nicht mehr in derselben Weise, wie das in den früheren Mysterien möglich war, das durchmachen, was zum Beispiel beim Übergange vom Licht in die Finsternis durchgemacht worden ist, wir können nicht mehr das durchmachen, wie man mit dem Öle gesalbt worden ist und so weiter, und wir können nicht mehr die Dinge durchmachen, die durch Hervorrufen von Schmerzen innerlich durchgemacht worden sind; aber da ist das Göttliche inkarniert, in der Gestalt des Jesus ist es dagewesen, mit dem haben wir zusammengehangen, und wenn wir das richtig ins Bewußtsein aufnehmen, wenn wir es nicht bloß intellektualistisch auffassen, sondern wenn wir es in aller Konkretheit erleben, dann ist das etwas, was uns in die übersinnliche Welt hinaufhebt.

Bei den Aposteln war es das unmittelbare Zusammenleben [mit dem Christus], bei den Apostelschülern war es wiederum das übertragene Zusammenleben [mit ihm], sie hatten die Hände aufgelegt bekommen von denen, die den Herrn noch berührt haben, und derjenige, der in der dritten Generation war, der hatte wiederum die Hände aufgelegt bekommen von einem, der sie aufgelegt bekommen hat von dem, der den Herrn noch gefühlt hat. Sie werden ein Gefühl von der apostolischen Sukzession bekommen, wenn Sie nun dieses, was ich sage, sich zum Bewußtsein bringen, und Sie werden dann auch ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, drinnenzustehen in einer Welt, die geistig gewissermaßen so ist wie das SelbstDarinnenstehen in einer physischen Ahnenreihe. Die physische Ahnenreihe fließt durch die Geburt. Die geistige Ahnenreihe aber, die hinaufgehen muß bis zu dem geistigen Ahnenvater, dem Christus Jesus, sie fließt durch die fortlaufende kontinuierliche Vollziehung der Weihezeremonien, die hinaufführen bis zu dem Christus, die allerdings immer mehr und mehr äußerlich werden müssen, weil sie intensiver im Eindruck auf den Menschen wirken müssen. So wurden daher schon in den nächsten Jahrhunderten außer dem Händeauflegen auch andere Zeremonien aufgenommen, um den äußeren Eindruck stärker zu machen. Es war eine Verinnerlichung dagewesen gerade bei denjenigen, die den Christus Jesus umgaben; da übte der Christus Jesus selber einen Kultus aus. Meine lieben Freunde, wozu war das nötig gewesen? Das Leben des Christus Jesus war Kultus für diejenigen, die um ihn waren. Dasjenige, was sich da vollzog in der Wirklichkeit, das war Kultus; das große Meßopfer wurde vollzogen auf Golgatha. Da werden wir zurückgeführt zu der ersten Vollziehung des Kultus; wenigstens lebte es so im christlichen Bewußtsein. Dann kam dasjenige, was in äußeren Zeichen vor sich geht; das verlangte aber die Notwendigkeit, durch äußere Verrichtungen, wie zum Andenken, dasjenige den Augen zu zeigen und der Seele im Gebet einzuprägen, was eben nicht mehr so lebendig sein konnte wie bei den Aposteln und den Apostelschülern selber.

Ich weiß, daß viele, die als Menschen mit dem heutigen Zeitbewußtsein solchen Dingen zuhören, sagen: Warum sagst du uns nicht einfach eine klipp und klare Antwort, in scharf konturierte Begriffe geprägt, dieses oder jenes ist apostolische Sukzession. - Wer so etwas in scharf konturierte Begriffe bringen würde, der redete eigentlich innerlich unwahr. Wahr redet man nur, wenn man die Anschauung heranführt an das, was erlebt wurde. Das ist etwas, was nicht in scharf konturierte Begriffe gefaßt werden kann.

Apostolische Sukzession, die fühlt man erst, wenn man weiß, daß tatsächlich etwas erlebt wurde wie eine geistige Ahnenreihe, hinaufgehend bis zum Christus, so wie die durch das Blut fließende Ahnenreihe in der natürlichen Ahnenreihe hinaufgeht bis zu irgendeinem der Ahnen. Und dieses geistige Blut, das ist eben dasjenige, was in der fortlaufenden Vollziehung der Zeremonien der Priesterweihe liegt. Es ist also direkt ein Anknüpfen desjenigen, der Priester wird, an die übersinnliche Welt. Er ist geweiht von jemandem, der die Weihe selbst von einem Geweihten empfangen hat, und der ist wiederum von einem Geweihten geweiht, dieser wieder und so weiter, bis hinauf zu demjenigen Punkt, wo das Überirdische heruntergekommen ist in eines Menschen Leib und auf diese Weise zuerst hereingebracht ist eine neue Befruchtungssubstantialität in die altgewordene Erde.

Die Formen [der Priesterweihe] wollen wir bei den Formen des Kultus im besonderen entwickeln. Ich möchte heute noch auf das hinweisen, was Ihnen von der Priesterweihe eventuell noch hat unverständlich bleiben können. Aber nun, indem ich Ihnen so etwas sage, werden Sie begreifen, auch im Zusammenhang mit den regulär fortgehenden Vorträgen bis zum heutigen Vormittag, daß in der Tat ein völliger Bruch eintreten mußte in bezug auf die Auffassung solcher Dinge, als das geänderte Bewußtsein seit der Mitte des 15. Jahrhunderts heraufkam. Indem ich diese Dinge ausspreche, rede ich ja in Worten, die eigentlich für das allgemeine Bewußtsein nur völlig hätten verstanden werden können vor der Mitte des 15. Jahrhunderts. Dann hört man ja auf, mit diesen Worten überhaupt einen Sinn verbinden zu können. Und es ist im Grunde genommen nur [durch] das Vertrauen, das Sie mir haben entgegenbringen können, daß Sie hier etwas hören können über die Art und Weise, wie man in früheren Zeiten in einer ganz anderen Seelenverfassung die Dinge erlebt hat. Es kam dann eben die Zeit herauf, wo man auf den konkreten Zusammenhang weniger Wert legte, wo die Menschen selten wurden, die auf diesen konkreten Zusammenhang noch Wert zu legen wußten, und wo man den hauptsächlichen Wert legte auf den Verstandesinhalt der Evangelien, auf den Verstandesinhalt der Religion überhaupt. Und so wurde es allmählich von ganz besonderer Bedeutung, über den Inhalt der Evangelien zu diskutieren, über den Inhalt der Sakramente zu diskutieren, gewissermaßen besonders hinzuschauen auf das Lehrgut, auf den Lehrinhalt. Der Lehrinhalt wurde nach und nach das Wichtige. Nicht eigentlich das Konkrete, sondern das Abstrakte wurde nach und nach das Wichtige, das Wesentliche. Während also für das katholische Bewußtsein — ich meine jetzt nicht bloß das römisch-katholische, sondern das katholischchristliche Bewußtsein — in der Priesterweihe dasjenige lag, was die Betreffenden hineinstellt in die geistige Ahnenreihe bis zu Christus hinauf, hat eigentlich der moderne Mensch in alle dem, was er vollbringt, etwas, was sich definieren läßt, was sich erklären läßt, was nicht ein Hineinstellen in eine Wirklichkeit ist, und das ist schon ganz begreiflich für den modernen Menschen. Aber wir müssen uns auch klar sein, daß wir heute wiederum in der Zeit leben, wo wir eine Vertiefung nach der Richtung hin brauchen.

Nun, das katholische Bewußtsein hat aus diesen Voraussetzungen heraus im Grunde immer konsequent gehandelt, es hat durchaus konsequent gehandelt. Damit ich nicht mißverstanden werde über das folgende, das ich sagen werde, möchte ich es so einleiten: Wenn wir heute jemanden vorbereiten wollen — also ich meine auch in dem, was wir als einen neuen Kultus sehen —, wenn wir heute jemanden vorbereiten wollen zum Vollziehen zeremonieller Handlungen, so werden wir für diejenigen, die außerhalb des Katholizismus in der Welt stehen, nicht mehr mit einer vollen inneren Hingabe die Menschen etwa angliedern können an die apostolische Sukzession. Ich habe Ihnen gesagt, das haben zwar merkwürdige Theosophen wie Leadbeater und ähnliche versucht, sie haben sich wiederum hineingestellt in die apostolische Sukzession, aber das wird jedem Menschen widerstreben, der ehrlich der Welt gegenübersteht, wenn er nicht von katholischem Bewußtsein durchdrungen ist.

Wir müssen etwas anderes suchen. Wir müssen verstehen, daß eine Wirklichkeit nicht etwas bloß Ausgesprochenes, in Abstraktionen Gegebenes ist. Wir müssen auch durchaus das Sakramentale verstehen lernen. Wir müssen durchaus verstehen lernen, daß in dem Lehrinhalt nicht das Wesentliche liegt, sondern daß etwas dazukommen muß von wirklichen Vorgängen, und von wirklichen Vorgängen so, daß auf den Wellen des Wirklichen das die Welt durchwebende Göttliche getragen wird. Es sind nur einzelne Menschen gewesen wie Novalis, [die das verstanden haben] - lesen Sie seine Aphorismen, dann werden Sie darauf kommen. Er hat von magischem Idealismus gesprochen; er wußte, das lebt nicht in den äußerlich-sinnlichen Welten, sondern im Menschen drinnen lebt es geistig-seelisch. Es war dann Schelling — in seinem Alter, der deshalb so wenig verstanden worden ist —, dem es ganz absurd vorgekommen ist zu glauben, das Wesentliche [des Christentums] liege in der Aufnahme desjenigen, was Christus gelehrt hat; das Wesentliche erkennt Schelling vielmehr in der Erzählung dessen, was Jesus durchgemacht hat durch das ganze Golgatha-Drama, in der Beschreibung der Handlung, die sich um Golgatha vollzogen hat. Aber das sind einzelne Menschen, die hintendieren zur Wirklichkeit, die wiederum hineinwollen in wirkliche Erlebnisse, die mit dem Geistigen verbunden sind. Im ganzen kann man sagen, daß die Art, wie der Katholizismus das empfindet, etwas durchaus Antiquiertes ist und gar nicht mehr in das moderne Bewußtsein hineingebracht werden kann. Deshalb müssen wir eben nicht bloß eine Erneuerung des alten Kultus suchen, sondern wir müssen nach einem Kultus suchen, welcher aus uns selbst heraus geschaffen werden kann, aber so geschaffen werden kann, daß das Göttliche in uns schafft, in dem Sinne, wie ich es ja schon besprochen habe, so daß das Paulus-Wort wahr werden muß — im Evangelien-Auslegen wie in allem religiösen Wirken -: Nicht ich, sondern der Christus in mir.

Der Katholizismus hat als römischer Katholizismus eigentlich immer konsequent zu handeln gewußt. Er hat gewissermaßen herausgestellt, herausgehoben aus der übrigen allgemeinen Menschheit diejenigen, die die geistlichen Nachkommen des Christus Jesus selber waren, und so entstand in ihm ein scharfes Bewußtsein der Trennung der Priester-Geistesgenerationen, also der in der Weihe zusammengehaltenen Menschen, von den anderen Menschen, die die Weihe nicht empfangen haben. Wie der Angehörige eines Adelsgeschlechtes, der sein Blut vielleicht bis zum 18. Ahnen hinaufleitet und alle diejenigen weiß, die dieses Blut in den Adern tragen, seinen Ahnenzusammenhang unterscheidet von dem der übrigen Menschheit, ebenso unterscheidet derjenige, der innerhalb der apostolischen Sukzession geweiht ist, bis zum Christus hinauf diejenigen, die kontinuierlich fortlaufend die Weihen empfangen haben, bis zu sich selbst herunter, [von den Nichtgeweihten]. Er fühlt sich in diesen Zusammenhang hineingestellt, er fühlt die anderen Menschen als etwas anderes; daher war es ganz notwendig in einem gewissen Zeitraum, daß bestimmte Dinge sich so vor die Menschen hingestellt haben. Der Mensch nimmt ja allmählich in sein Bewußtsein herauf, was früher mehr oder weniger unbewußt war und daher auch nicht in seine Handlungen hat einfließen können. Daher kam, als immer mehr und mehr scharf dieses Bewußtsein der Zusammengehörigkeit nach dem Christus hin entstand, schon durchaus mit heraus diese Notwendigkeit der äußeren Absonderung von den Nichtgeweihten: der Zölibat. Der Zölibat hat schon auch seine innere Begründung, und da, wo der Zölibat dogmatisiert worden ist, wurde er durchaus so empfunden, daß der Priester sich abscheiden muß von der Vereinigung mit allen anderen Menschen, daß er eine menschliche Persönlichkeit ist, bei der dasjenige wichtiger geworden ist, was in der heiligen Priesterweihe als Handlung vollzogen worden ist, als die bewußte Abstammung vom Vater seiner Ahnenreihe, und da er aus dieser Ahnenreihe des Blutes hineingestellt worden ist in eine geistige Ahnenreihe, darf er auch nicht zusammensein mit derjenigen Welt, aus der er durch die Weihezeremonie herausgenommen worden ist. In dem Moment, in dem man sich dieser besonderen Stellung des Priestertums gegenüber der Welt stark bewußt geworden ist, wurde die Notwendigkeit des Zölibates herbeigeführt, wobei natürlich durchaus nicht zu leugnen ist, daß man dabei in Wirklichkeit auch empfunden hat das politisch für Rom Nützliche und so weiter. Aber Sie können ganz sicher sein, daß in dem Zeitalter, in dem der Zölibat eingeführt worden ist — es war die Zeit, in der der Zölibat namentlich aus dem Mönchspriestertum hervorgegangen ist —, in den unbewußten Impulsen der Drang nach einer gewissen Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit war. Es war durchaus so, daß diese Einsetzung des Zölibates so verstanden worden ist, wie ich sie eben jetzt auseinandergesetzt habe. Geradeso wie im 19. Jahrhundert auf eine naturgemäße Weise — wie ich schon gesagt habe - in der konsequenten Fortsetzung desjenigen, was im katholischen Bewußtsein lebte, sich ergab das Dogma der Conceptio immaculata, und wie sich ergab das Infallibilitätsdogma, so ergab sich in einer bestimmten Zeit die Konsequenz des Zölibates.

Nun, wenn Sie das alles nehmen, dann werden Sie schon herankommen an das, was heute besonders wichtig sein muß. Besonders wichtig muß heute sein, daß wir wieder zurückkehren können zu Kultus, zu Zeremonien. Das empfinden Sie ja, wenigstens viele von Ihnen haben es ausgesprochen, daß sie es so empfinden; und Sie empfinden da tatsächlich etwas, was durchaus in den Notwendigkeiten der Zeit gegeben und begründet ist. Aber wir können ja Geschehenes nicht ungeschehen machen, wir können nicht zu etwas Unwahrem zurückkehren, wie etwa, sagen wir, wenn man etwas, was man nicht mehr lebendig empfinden kann, äußerlich an sich vollziehen ließe, etwa durch einen altkatholischen Priester sich weihen ließe. Das würde denjenigen widerstreben, die zu stark in sich schon das protestantische Bewußtsein entfacht haben, denn für das protestantische Bewußtsein gibt es diese Möglichkeit nicht; in der Empfindung kann man nicht so etwas entgegennehmen, was aus ganz anderen Voraussetzungen heraus [entstanden] ist.

Dasjenige, zu dem Sie aber doch kommen müssen, wenn überhaupt eine Realität in Ihrem Streben liegen soll, das ist, daß aus der geistigen Welt selber heraus wiederum dasjenige fließen kann, was gesehen worden ist herabfließend von dem Christus Jesus direkt. Wir müssen uns da stärken insbesondere an einem Jesus-Wort, an dem Jesus-Wort: Ich bin bei euch bis ans Ende der Erdentage. Dieses Wort verkündet ja auch aus den Evangelien heraus eine solche Wirksamkeit des Christus-Impulses, daß gefunden werden kann dieser Christus-Impuls so lange auf Erden, bis die Erde an ihr Ende gekommen ist. Daher muß man es zunächst gewissermaßen als ein Postulat aussprechen, daß es möglich sein muß, zu dem Christus — und zwar in seiner Realität - zu kommen, so wie man mit dem katholischen Bewußtsein durch die apostolische Sukzession historisch hinauf seinen geistigen Stammbaum bis zu dem Christus sucht. Es muß das wiederum in dem gegenwärtigen Augenblick gefunden werden können: die Anknüpfung an das Göttliche, die Anknüpfung an das durchchristete Göttliche, das für den Katholiken gefunden wird in der historischen Anknüpfung durch die apostolische Sukzession bis hinauf zu den christlichen Ahnen dieser apostolischen Sukzession. Darum wird es sich also handeln, daß wir wieder das Geistige finden, nicht nur das Wort über das Christliche finden, sondern daß wir tatsächlich den realen Anschluß an dieses Christliche finden. Dann werden wir daraus ebenso den Kultus gestalten können, wie der Kultus gestaltet worden ist innerhalb der apostolischen Sukzession.

Aber wir müssen eben schon durchdringen zu einem Verständnis, das weit über das Zeitverständnis hinausgeht. Wir müssen tatsächlich zu einem Verständnis vordringen, das man - ich will es jetzt zuletzt formelhaft so bezeichnen — so aussprechen kann: In der Welt und in dem gewöhnlichen menschlichen Denken erleben wir das Phänomenale; wir wollen aber das Noumenale erleben lernen, wir wollen in das Wesenhafte versuchen einzudringen, und aus dem Wesenhaften werden wir dann auch den Kultus finden. Denn wenn Sie wirklich einen Kultus finden wollen, so muß das ja zuletzt so sein, daß dieser Kultus so gefunden wird, wie er ja etwa im zweiten nachchristlichen Jahrhundert gefunden worden ist, wo allmählich dasjenige, was früher an einfacheren Formen da war - festgehalten worden sind davon nur wenige —, in die Formen der späteren Kulte übergegangen ist.

Wie wurde der Kultus gefühlt? Er wurde da tatsächlich so gefühlt, daß derjenige, welcher räuchert, wußte, was er im Räuchern vollführte, er wußte, daß er das, was er ausdrücken will, auch nur durch das Räuchern ausdrücken konnte. So müssen Sie wieder fühlen lernen, daß Sie, wenn Sie irgendeine Zeremonie vollführen, selber wissen müssen: die Zeremonie muß in dieser Weise vollführt werden. Der Mensch weiß heute, wenn er sich an die Welt der anderen Menschen wendet, was er zu sprechen hat, er weiß sein inneres Leben in Worte zu kleiden. Meine lieben Freunde, es gibt eine Stufe des Empfindens, wo man innerlich erlebt, wie es unmöglich wird, in Worten fortzufahren, wo einfach dasjenige, was man sagen will, nicht mehr in das Wort hineingeht, wo man innehalten muß im Worte oder höchstens das Wort fortsetzen kann, indem man die heilige Handlung vollzieht, wo man anfangen muß, nicht bloß das Wort hinausertönen zu lassen, sondern wo zum Beispiel die Rauchentwickelung geschehen muß, wo im ganz besonderen imaginativ vollzogen werden muß die eine oder andere Handlung. Wo das Wort sich verbindet mit einer bestimmten Handlung, indem Sie zu dem ursprünglichen Bewußtsein kommen, wo also so, wie Ihr Seeleninhalt, in dem das Göttliche lebt, sich ergießt in das Wort, nun Ihr Seeleninhalt sich ergießt in die äußere Handlung, da wird diese äußere Handlung nicht mehr bloß eine phänomenale, sondern da wird sie eine noumenale sein, da werden Sie sich herausheben aus dem, was die äußere Welt ist, da werden Sie allmählich hineinkommen in das Sakramentale.

So etwa habe ich versuchen wollen, Ihnen klarzumachen, wie man in das Sakramentale hineinkommt. Es hat einfach keinen Sinn, sagen wir, bloß das Weihwasser zu verwandeln, so wie es heute vielfach von den untergeordneten Klerikern vollzogen wird. Es hat auch nicht viel Sinn, die Transsubstantiation zu vollziehen in dem Sinn, wie sie heute vielfach die untergeordneten Kleriker vollziehen, die im Dunkel gelassen werden in bezug auf die esoterischen Weihen der katholischen Kirche. Allerdings im Hinblick auf alte Seelenverfassungen hat es schon einen Sinn, nun in vollem Sinne zu wissen, was man tut, wenn man über die Salzsubstanz ein bestimmtes Wort spricht, und wenn man weiß, daß dadurch die Salzsubstanz schon verändert wird. Heute werden ja schon Experimente gemacht, wo man die leichte Empfindlichkeit einer Flamme [sichtbar macht], indem irgendwohin eine Flamme gestellt wird, man spricht gewisse Rhythmen entfernt von dieser Flamme, die Flamme macht die Rhythmen mit. Da ist es der Rhythmus, der mitgemacht wird von dem Unorganischen. Weiß ich das richtige Wort oder den richtigen Wortzusammenhang über die Salzsubstanz zu sprechen, so wird die Salzsubstanz verändert. Lasse ich dann diese Salzsubstanz, die nun schon durchdrungen ist, sagen wir, in das Wasser rinnen, so habe ich einen Vorgang entfacht, der, wenn ich ihn verstehe, wenn ich ihn im Geiste vollziehe, eine sakramentale Handlung ist. Aber man muß eben wiederum dahin kommen, das Noumenale als solches schauen zu können. Daran müssen wir dann morgen anknüpfen.

Ich denke allerdings, meine lieben Freunde, daß es viele Fragen aus der Seele hervorzaubern könnte, indem ich über diese Dinge spreche, und es wäre mir doch lieb, wenn die Fragen, während Sie hier sind, nicht nur im allgemeinen, sondern auch schon im Konkreten formuliert werden könnten, damit nicht Zweifel zurückbleiben. Denn ich meine durchaus, daß Ernst werden sollte, was sich der kleine Kreis, der sich an mich gewendet hat, vorgenommen hat: wirklich nach einer Erneuerung des Religiösen hinzuarbeiten. Man kann das heute nicht, indem man etwa bloß Lehrinhalte umändert, sondern man kann es wirklich nur dadurch, daß man in andere Seelenverfassungen vorschreitet. Wir kommen jetzt immer tiefer in die Dinge hinein, und wir werden uns dann, vielfach ausgelöst durch Ihre Fragen, immer mehr und mehr mit diesen Dingen so befassen können, daß Sie eigentlich dasjenige wissen werden, was ich meine.

German original of Ordination and Transubstantiation · ← Previous · Next →