The Foundation Course

GA 343 — Dornach

Achter Vortrag

Meine lieben Freunde! Es handelt sich darum, der Frage, der wir gestern und eigentlich schon die vorigen Tage von der anthroposophischen Seite nähergetreten sind, nun von der religiösen Seite näherzutreten, und ich möchte das auch wiederum nicht in Definitionen und Erklärungen tun, sondern ich möchte mehr konkret den Weg andeuten. Es handelt sich ja tatsächlich dabei, wie Sie vielleicht schon gespürt haben werden, um einen Weg, der von den ganz charakteristischen Seiten des religiösen Erlebens ausgehen muß. Nun gehört zu dem religiösen Erleben die Realität des Gebetes und die Realität in der Vernehmung des Wortes, zunächst für uns anschaulich werdend in der Vernehmung des Evangelienwortes. Wir werden dann noch die mehr innerlichen Elemente des religiösen Lebens heranzuziehen haben, aber wir werden uns an diese beiden, an das Gebet und an die Vernehmung des Evangelienwortes, durch Beispiele, die besser sind als Begriffe, halten.

Über das Gebet, meine lieben Freunde, kann man vom religiösen Standpunkte aus geradezu sagen: Wer nicht beten kann in unserer heutigen Zeit, kann kein religiöser Mensch sein. - Gewiß, so etwas kann angezweifelt werden von diesem oder jenem Standpunkt aus, aber wir wollen ja jetzt nicht abstrakte Diskussionen führen, sondern wir müssen von positiven Gesichtspunkten ausgehen, und die müssen immer in irgend etwas liegen. So möchte ich also ausgehen jetzt von einer Art religiösen Axioms, das eben für viele darin bestehen kann, daß man empfindet, ohne die Möglichkeit zu beten gibt es kein innerliches religiöses Erleben, denn im Gebete muß gesucht werden eine reale Vereinigung mit dem die Welt durchwebenden und durchwaltenden Göttlichen. Nun handelt es sich darum, wie wir zunächst an das Gebet herankommen. Da müssen wir uns klar sein, daß trotz alles Allgemein-Menschlichen Differenzierungen in der Menschheit auch in der Pflege des geistigen Lebens auftreten, je nach den Berufen, die die verschiedenen Menschen haben. Und wenn auch das Gebet durchaus etwas Allgemein-Menschliches ist, so kann man doch sagen, daß ein besonderes Beten wiederum notwendig ist für denjenigen, der auf dem Gebiete des religiösen Lebens als Lehrer auftreten muß, und das wird uns dann bringen zum Brevierabsolvieren. Über diese Dinge alle wollen wir ja sprechen, denn sie sind für Sie, namentlich für die jüngeren Theologen, von eminenter Wichtigkeit für die Aufgaben, die Sie sich, ich sage jetzt nicht, stellen sollen, sondern die Sie sich nach den Anforderungen der Zeit allein stellen können.

Nun, für das Gebet möchte ich, um anschaulich sein zu können, an das Vaterunser selbst anknüpfen und möchte die innerliche Erlebensseite dieses Vaterunsers einmal hier besprechen. Es handelt sich dabei darum, daß wir vielleicht heute überhaupt von den Empfindungen gar nicht ausgehen können, die etwa das Urchristentum hatte beim Vernehmen oder beim Innerlich-Lebendigmachen des Vaterunsers; wir müssen von dem ausgehen, was der Mensch der Gegenwart haben kann, denn wir wollen vom Vaterunser als einem Allgemein-Menschlichen sprechen. Aber des folgenden muß man sich dabei doch bewußt sein. Nehmen wir also an, wir beginnen das Vaterunser zu sprechen und sprechen gewissermaßen in unserem Stil den ersten Satz «Vater unser in den Himmeln». Nun handelt es sich darum, was wir bei einem solchen Satz fühlen und empfinden, und was wir etwa bei anderen Sätzen des Vaterunsers fühlen und empfinden können, denn nur dadurch wird das Vaterunser innerlich lebendig. Da handelt es sich in der Tat darum, daß wir zunächst bei einem solchen Satz etwas haben wie ein innerliches Wahrnehmen, wirklich nicht bloß etwas, was im Zeichen des Wortes in uns lebt, sondern etwas, was im wirklichen Worte in uns lebt. Die Himmel sind im Grunde genommen die Gesamtheiten des Kosmos, und wir machen uns anschaulich, indem wir sagen «Vater unser in den Himmeln» oder «Vater unser, der Du bist in den Himmeln», daß dasjenige, zu dem wir da sprechen, von einem Geistigen durchdrungen ist, wir wenden uns an das Geistige. Das ist die Perzeption, das ist dasjenige, was wir uns so anschaulich wie möglich vor Augen bringen sollen, wenn wir einen solchen Satz aussprechen «Vater unser in den Himmeln». Ein ebensolches Erlebnis müssen wir haben [bei den Worten] «Dein Reich komme zu uns», denn in uns muß ja, wenn auch mehr oder weniger nur gefühlt und innerlich intuitiv, die Frage entstehen: Was ist nun dieses Reich? Und wenn wir Christen sind, werden wir gerade, indem wir versuchen, an die Perzeption des Reiches heranzukommen — oder besser gesagt: der Reiche -, erinnert werden an etwas, wovon gestern hier gesprochen worden ist, wir werden erinnert an Christus-Worte, die anklingen an den Terminus «die Reiche der Himmel». Gerade im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums will ja der Christus sowohl zu dem Volke auf der einen Seite wie zu den Jüngern auf der anderen Seite darüber sprechen, was das Reich der Himmel ist. Es muß also etwas rege werden bei dem Satz «Dein Reich» oder «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Nun, wann wird das Richtige rege in uns? Das Richtige wird in uns nur rege, wenn wir solche Sätze eben nicht als Gedanken haben, sondern wenn wir sie so lebendig machen können, als ob wir sie wirklich innerlich hörten, also wenn wir dasjenige anwenden, was ich in den letzten Tagen mehrfach mit Ihnen besprochen habe. Es muß der Weg gemacht werden vom Begriff zum Wort, denn es liegt darin ein ganz anderes innerliches Erleben, wenn wir, ohne daß wir äußerlich sprechen, innerlich nicht bloß einen abstrakten Begriffsinhalt haben, sondern das lebendige Erleben des Lautes, in welcher Sprache es zunächst auch sei. Das ganze Vaterunser wird gewissermaßen das Spezifische der Sprache schon hinwegreduzieren, auch wenn wir im einzelnen aus irgendeiner Sprache heraus nun nicht vorstellen den bloßen Gedankeninhalt, sondern den Lautinhalt. Auf das wurde nämlich gerade in früheren Zeiten beim Beten außerordentlich viel gehalten, daß der Lautinhalt innerlich lebendig wird, denn nur wenn der Lautinhalt innerlich lebendig wird, verwandelt sich das Gebet in dasjenige, was es sein muß, in ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen. Niemals ist das Gebet ein wirkliches Gebet, wenn es nicht ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen ist, und zu einem solchen Wechselgespräch mit dem Göttlichen ist allerdings das Vaterunser im eminentesten Sinn gemacht durch seinen besonderen Bau. Wir sind gewissermaßen aus uns selbst heraus, indem wir solche Sätze sprechen wie «Vater unser, der Du bist in den Himmeln» oder «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Wir vergessen uns in dem Augenblick selbst, indem wir richtig diese Sätze innerlich hörbar lebendig machen. Wir löschen uns bei diesen Sätzen in einem hohen Maße einfach durch den Inhalt der Sätze aus, aber wir nehmen uns wieder in die Hand, wenn wir Sätze anderer Struktur lesen oder innerlich lebendig machen. Wir nehmen uns sofort wiederum in die Hand, wenn wir sagen «Dein Name werde geheiliget». Es ist tatsächlich dann ein lebendiges Wechselgespräch mit dem Göttlichen, denn es verwandelt sich sofort dieses «Dein Name werde geheiliget» in uns in die innere Tat. Wir haben auf der einen Seite die Perzeption «Vater unser, der du bist in den Himmeln»; ohne daß etwas dabei geschieht, ist es nicht möglich, diesen Satz in seiner Vollständigkeit zu erleben. Und indem wir uns auf das innerliche Hören einstellen, erregt dieses innerliche Hören in uns den Christus-Namen, wie es in vorchristlichen Zeiten den Jahve-Namen erregt hat, in dem Sinne, wie ich über den Anfang des Johannes-Evangeliums gesprochen habe. Sprechen wir also in uns selber den Satz «Vater unser, der Du bist in den Himmeln» in der richtigen Weise aus, dann mischt sich hinein in dieses Aussprechen für uns in unserer heutigen Zeit der Christus-Name, und dann geben wir innerlich die Antwort auf dasjenige, was wir als eine Frage empfinden: «Dieser Name werde durch uns geheiliget.»

Sie sehen, es nimmt das Gebet dadurch, daß wir richtig uns hineinleben in das Vaterunser, die Form des Wechselgespräches mit dem Göttlichen an; ebenso, wenn wir in der richtigen Weise als Perzeption erleben «Deine Reiche mögen zu uns kommen». Diese Reiche können wir zunächst nicht in das intellektualistische Bewußtsein aufnehmen, wir können sie allein in den Willen aufnehmen. Und wiederum wenn wir in dem Satze «Deine Reiche mögen zu uns kommen» uns selbst verlieren, finden wir uns, nehmen wir uns in die Hand und geloben, daß die Reiche, wenn sie zu uns kommen, in uns wirken, daß wirklich der göttliche Wille geschehe wie in den himmlischen Reichen, also auch da, wo wir sind auf Erden. Sie sehen, Sie haben ein Wechselgespräch mit dem Göttlichen in dem Vaterunser.

Dieses Wechselgespräch bereitet Sie dann vor, überhaupt erst die innere Würdigkeit zu haben, um dasjenige, was nun der Erde angehört, mit demjenigen in Beziehung zu bringen, mit dem Sie in das Wechselgespräch gekommen sind, auch für die irdischen Verhältnisse. Auffällig könnte es einem erscheinen, daß ich sage, die Worte «Dein Name werde geheiligt» erregen in uns den Christus-Namen. Aber darin, meine lieben Freunde, liegt ja das ganze Christus-Geheimnis. Dieses Christus-Geheimnis wird solange nicht richtig gesehen werden, solange der Anfang des Johannes-Evangeliums nicht richtig verstanden wird. Am Anfang des Johannes-Evangeliums lesen Sie die Worte «Alles ist durch das Wort entstanden, und nichts gibt es in dem Entstandenen, was nicht durch das Wort entstanden wäre». Indem man dem Vater-Gott zuschreibt die Weltenschöpfung, vergeht man sich ja gegen das Johannes-Evangelium. An dem Johannes-Evangelium hält man nur fest, wenn man die Sicherheit darüber hat, daß dasjenige, was entstanden ist, dasjenige, was man als Welt um sich hat, durch das Wort entstanden ist, also im christlichen Sinne durch den Christus, durch den Sohn, daß der Vater das substantiell Zugrundeliegende, das Subsistierende ist, und daß der Vater keinen Namen hat, sondern daß sein Name eben dasjenige ist, was in dem Christus lebt. Es liegt das ganze Christus-Geheimnis in diesem «Dein Name werde geheiliget», denn der Name des Vaters ist in dem Christus gegeben. Wir werden darüber noch genug zu sprechen haben bei anderen Gelegenheiten, aber ich wollte heute vor allem darauf hinweisen, wie im Gebet ein reales inneres Wechselgespräch mit dem Göttlichen schon durch den Inhalt des Gebetes da sein muß.

Dann können wir weitergehen und uns sagen: Nicht ist uns von der bloßen Naturwelt dasjenige gegeben, was wir alltäglich werden durch die Aufnahme unserer Nahrung, durch das Brot. Wir nehmen das Brot von der Natur herein durch die Vorgänge, die ich Ihnen geschildert habe; durch unsere Verdauungsvorgänge, durch die Regenerationsvorgänge werden wir dasjenige, was wir auf Erden als Erdenmenschen sind, aber das darf nicht in uns wirklich leben, denn das Leben des Gottes ist anders, das Leben des Gottes lebt in dem geistigen Geschehen. Nachdem wir also in das Wechselgespräch mit dem Göttlichen gekommen sind im ersten Teil des Vaterunsers, können wir nun, aus der Stimmung heraus, die dann unser Inneres ergriffen hat, das Negative weglassen und das Positive sagen: «Unser im Alltäglichen wirkendes Brot gib Du uns heute.» Damit ist ja gemeint: Das, was sonst nur Naturvorgänge sind und als Naturvorgänge in uns wirkt, das soll durch unser Bewußtsein, durch unser inneres Erleben ein Geistesvorgang werden. Und ebenso soll unsere Gesinnung verwandelt werden. Wir sollen fähig werden, denjenigen, die uns etwas getan haben, die uns etwas geschadet haben, zu vergeben. Wir können das nur, wenn wir uns bewußt werden, daß wir vieles geschadet haben an dem Göttlich-Geistigen, und daß wir deshalb zu bitten haben um die richtige Gesinnung, damit wir das, was uns auf der Erde geschadet hat, was an uns auf der Erde geschuldet worden ist, in der richtigen Weise behandeln können; wir können das nur, wenn wir uns bewußt werden, daß wir ja immerdar durch unser bloßes Natursein dem Göttlichen Schaden zufügen und fortdauernd die Vergebung desjenigen Wesens brauchen, dem wir da schuldig geworden sind.

Und dann können wir ja auch das folgende vorbringen, was wiederum eine irdische Sache ist, also dasjenige, was wir hinaufsenden wollen zu dem, zu dem wir uns zuerst in ein Verhältnis gesetzt haben. «Führe uns nicht in Versuchung», das heißt: Lasse so rege sein in uns die Verbindung mit Dir, daß wir nicht die Anfechtung erfahren, in dem bloßen Natursein aufzugehen, uns bloß dem Natursein hinzugeben, daß wir Dich festhalten können in all unserer alltäglichen Nahrung. «Und befreie uns, erlöse uns von dem Übel.» Das Übel besteht darin, daß der Mensch sich loslöst von dem Göttlichen; wir bitten, daß wir befreit und erlöst werden von diesem Übel.

Wenn wir, immer mehr und mehr von solchen Empfindungen ausgehend, an das Vaterunser herantreten, meine lieben Freunde, dann vertieft sich das Vaterunser in der Tat zu einem innerlichen Erleben, das uns fähig macht, wirklich uns durch die Stimmung, in die wir uns da versetzen, auch die Möglichkeit zu verschaffen, nicht bloß vom physischen Menschen zum physischen Menschen zu wirken, sondern als menschliche Seele zur menschlichen Seele. Denn wir haben ja dann uns selber gewissermaßen zum Anschluß gebracht an das Göttliche und finden die göttliche Schöpfung in dem anderen Menschen, und wir lernen dadurch erst empfinden, wie wir ein solches Wort aufzufassen haben: «Was ihr einem der geringsten Meiner Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan». Da haben wir gelernt, das Göttliche zu empfinden in allem Irdisch-Daseienden. Aber wir müssen uns im realen Sinn, nicht durch eine Theorie, sondern im realen Sinn von dem Weltendasein wegwenden, weil wir gewahr werden, daß das Weltendasein, das uns als Menschen zuerst gegeben ist, gar nicht das wirkliche Weltendasein ist, sondern das entgöttlichte Weltendasein, und daß wir das wirkliche Weltendasein erst haben, nachdem wir uns im Gebet zu Gott gewendet haben und eine Verbindung zu Gott im Gebet gefunden haben.

Damit, meine lieben Freunde, ist ja zunächst nur in elementarsten Stufen angedeutet die Treppe, die Stiege, die hinaufführen kann in das Bewußtwerden des religiösen Impulses im Menschen. Dieser religiöse Impuls ist ja gewissermaßen vom Urbeginne ab im Menschen gelegen, aber es handelt sich darum, daß sich der Mensch dieses in ihm liegenden Impulses bewußt wird, und er kann das nur, wenn das Gebet in ihm ein reales Wechselgespräch mit dem Göttlichen wird. Es ist die erste bedeutsame Entdeckung, die man beim Vaterunser machen kann, daß es durch seinen inneren Bau schon so ist, daß man durch es unmittelbar, wenn man es versteht, in ein wechselseitiges Verhältnis des Menschlichen mit dem Göttlichen kommen kann. Das ist allerdings nur ein Anfang, meine lieben Freunde, aber es ist so, daß der Anfang, wenn er richtig erlebt wird, von selbst weiterführt, und gerade, wenn die Frage religiös gefaßt wird, so handelt es sich darum, daß wir an dem Erleben der ersten Schritte die Kraft finden wollen, die folgenden Schritte durch unser eigenes Inneres zu machen.

Es ist ganz anders, wenn man von der Erkenntnisseite aus spricht und wenn man von der religiösen Seite aus spricht. Wenn man von der Erkenntnisseite aus spricht, dann hat man es zunächst hauptsächlich mit dem Inhalt zu tun, und wenn man von Anthroposophie als einer religiösen Sache spricht, meine lieben Freunde, dann muß schon das Goethesche Wort durch und durch beachtet werden: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie! -; und deshalb habe ich gestern zu Ihnen sagen können: Anthroposophie führt ganz unweigerlich durch ihren Charakter zu einem religiösen Erleben, sie mündet ein in ein religiöses Erleben durch das Wie, wie ihr Inhalt erlebt wird. Wenn man aber von der religiösen Seite her redet, hat man notwendig, nun nicht zunächst auf das hinzuschauen, was als das Was in Ausbreitung vor uns liegt, sondern man hat von diesem Wie auszugehen, man hat von dem menschlichen Subjekt auszugehen, man hat hineinzuleuchten in dieses menschliche Subjekt. Und jetzt handelt es sich darum, daß, wenn man die Stimmung des Gebetes gefunden hat, man die andere Seite, das Lesen des Evangeliums auch findet. Welche Bedeutung das Evangelium in der religiösen Entwickelung hat, davon wollen wir noch sprechen. Aber jedenfalls müßte ja dem wirklichen Christen heute noch das an ganz kindlicher inniger Empfindung geblieben sein, daß er zum Evangelium in einer gläubigen Weise greifen kann, auch ohne Kritik. Wenn er auch als Theologe die Kritik anwendet, er müßte, weil er sonst sich aus dem Christlichen herausstellt, zum Evangelium greifen können ohne Kritik. Mindestens müßte er sich zunächst in dem Erleben des Evangeliums so stark gemacht haben, daß er mit dieser Stärke ausgerüstet dann erst die Kritik anwendet. Das ist eigentlich der Grundschaden in der Bibel- und namentlich in der Evangelien-Kritik des 19. Jahrhunderts, daß die Menschen sich nicht zuerst religiös stark genug gemacht haben, bevor sie an die Evangelien-Kritik herangetreten sind. Dadurch sind sie dann bei der Evangelien-Kritik in diejenige Stimmung gekommen, die keine andere ist als die moderne Wissenschaftsstimmung. Aber vielleicht an nichts so sehr, meine lieben Freunde, wie an dieser modernen Wissenschaftsstimmung, erfüllt sich das Wort von Matthäus13, das in Matthäus 13, ich möchte sagen, der Angelpunkt des ganzen Kapitels ist, ein Wort, das, ich möchte sagen, ein Mysterium einschließt, und das vielleicht in der ganzen Zeit der Entwickelung des Christentums niemals so tief hat gefühlt werden können wie vom religiösen Menschen heute, wenn er sich der Welt gegenüberstellt. Es ist das Wort: Er antwortete und sprach: Euch kommt es zu, das Mysterium von den Reichen der Himmel zu verstehen, aber jenen, zu denen ich eben gesprochen habe, dem Volk ringsumher, denen kommt es nicht zu. — Daran knüpft sich jetzt das eigentliche tiefe Rätselwort: Denn derjenige, der da hat, dem darf gegeben werden, wer aber nicht hat, dem darf nicht gegeben werden; dem würde, wenn man ihm gäbe, auch das Wenige noch genommen, was er hat. — Das ist ein außerordentlich tiefes Wort. Und vielleicht wirklich niemals in der Entwickelung des Christentums konnte man dieses Wort vom Geben und Nehmen so tief fühlen - wenn man wirklich religiös fühlen kann gegenüber Welt und Mensch — wie gerade heute, wo eine Wissenschaft über die Natur populär und für weiteste Kreise immer mehr und mehr Autorität geworden ist, welche geeignet ist, dem Menschen alles dasjenige zu nehmen, was er an Möglichkeiten hat, das Geistige mit den Ohren zu hören und mit den Augen zu sehen. Denn das soll er nicht, im Sinne dieser Naturwissenschaft. Der Geist soll getilgt werden im Sinne dieser Naturwissenschaft, im Sinne dieser unserer heutigen Zeit. Wenn wir so sprechen, wie die moderne Theologie spricht zu diesen Menschen, die in naturwissenschaftlichen Begriffen aufgezogen sind, nehmen wir ihnen noch das Wenige, was sie haben an religiösem Fühlen. Indem wir demjenigen, was an der philosophischen Fakultät getrieben wird, entgegenhalten das, was heute von der aufgeklärten Theologie getrieben wird, nehmen wir noch das letzte Religiöse hinweg.

Das muß in voller Tiefe heute gefühlt, empfunden werden, wo Theologen, weil die Zeitsimmung eben diejenige ist, die sie notwendig werden mußte, das Religiöse vielfach gerade durch die Theologie austilgen. Wir hätten sehr nötig, gerade heute auf diese Worte des Matthäus-Evangeliums lebendig hinzuhorchen. Das aber führt uns dazu zu fragen: Wie können wir überhaupt den Wahrheitsgehalt, den Lebensgehalt des Evangeliums finden durch einen rechten Weg? Wir müssen den rechten Weg suchen, damit wir den Wahrheitsgehalt auch im einzelnen des Evangeliums finden und damit dieser Wahrheitsgehalt in uns unmittelbar aufleuchtet als Lebensgehalt. Sehen Sie, indem ich dies sage, formuliere ich meine Worte in einer ganz bestimmten Weise. Ich gedenke da des Paulus-Wortes «Nicht ich, sondern der Christus in mir» und prüfe, wie nun gesprochen werden müßte mit Bezug auf das Ergreifen des Evangeliums, wenn das Wort im Herzen die Wahrheit ist: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», [der Christus,] der sagt, um den Menschen in die rechte Richtung zu bringen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» — Wir dürfen nur das Paulus-Wort sprechen «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann werden wir uns dem Evangelium so nähern, daß wir den rechten Weg zum Wahrheitsgehalt und dadurch zum Lebensgehalt im Evangelium finden. Wir müssen uns hinaufranken dazu, in einer gewissen Weise lebendig zu machen das Paulus-Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir». Wir müssen versuchen, Ihn immer sprechen zu lassen, wenn wir das Evangelium verstehen wollen. Und hätte, meine lieben Freunde, der Christus in den Theologen des 19. Jahrhunderts gesprochen, es wäre eine andere Theologie zustandegekommen, als sie zustandegekommen ist, weil eine andere Evangelien-Auffassung zustandegekommen wäre.

Und nun möchte ich, indem ich die ersten Schritte andeute, daran erlebend immer weiter und weiterführend über dieses 13. MatthäusEvangelium-Kapitel einiges zu Ihnen sprechen. Ich betone ausdrücklich, es ist der Anfang desjenigen, was wir dann im eigenen Innern weiterführen müssen, und da möchte ich Sie wiederum aufmerksam machen auf das Wort «Das Was bedenke, mehr bedenke Wiel». Indem wir das 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums vornehmen, müssen wir uns versetzen in die Situation; denn sogleich, indem wir an das Evangelium herantreten, müssen wir verzichten auf den Intellektualismus und uns in das Anschauliche hineinfinden. Gehen wir gleich an das Anschauliche heran und sagen wir uns die vorangehenden Sätze 46, 47, 48, 49, 50 des 12. Kapitels. Diese weisen uns darauf hin, wie zu dem Christus-Jesus gesprochen wird: Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder stehen draußen und wollen mit Dir reden —, und wie er die Hand hebt und hinweist auf seine Jünger und sagt: Siehe, in deren Seelen leben meine Mutter und meine Brüder. - Wir wollen auf das Wort noch näher eingehen, aber zunächst haben wir uns diese Situation klarzumachen. Dasjenige, was in der Empfindung liegt, die man mitbringt durch die Geburt ins Leben, die man bezeichnen kann im allertiefsten Sinne als das kindliche Gefühl und als das brüderliche Gefühl, das also, was uns durch die allererste Gnade wird, das ist es, worauf hier hingewiesen wird. Und sogleich wird der Übergang gemacht zu einem Allerwichtigsten, wozu das Christentum führen soll: daß wir das Beste, das wir erfühlen können an diesem Kindlichen und an diesem Brüderlichen, ausdehnen lernen über diejenigen, mit denen wir im Geiste in der Seele verbunden sind. Falsch, durchaus falsch wäre es, wenn dies etwa als ein Negatives gefühlt würde, wenn gefühlt würde, daß nur im allergeringsten dasjenige gelockert würde, was im kindlichen und brüderlichen Gefühl liegt, und an diese Stelle das gesetzt würde, was in dem Gefühl zu den Jüngern liegt. Darum handelt es sich ganz gewiß nicht, sondern es handelt sich darum, daß das, was dem Menschen hineingelegt ist in das Gefühl zu seinen Brüdern, zunächst im Naturgemäßen gefunden wird, also in demjenigen, was für uns als die erste Gnade mit uns in die Welt hereingeboren wird, in dem Gefühl zu den Eltern, zu denen, die uns blutsverwandt sind. Positiv stellen wir uns dazu, und was wir darin finden können, das übertragen wir, indem wir es verseeligen, auf alle diejenigen, mit denen wir christlich verbunden sein wollen und in christlicher Gemeinschaft leben wollen.

Das ist es, was hinüberleitet zum 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Wir stehen damit sogleich in der Anfangssituation darinnen. Und nehmen wir nun das, was als 53. bis 58. Satz dieses 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums beschließt und was dann hinüberleitet zu dem folgenden, dann finden wir, daß das Wichtigste daran ist, daß der Christus-Jesus jetzt zurückkehrt in seine Vaterstadt und durch die Erfahrungen in seiner Vaterstadt genötigt ist, das Wort auszusprechen, das im 57. Satz des 13. Kapitels steht: «Ein Prophet gilt nirgends weniger, denn in seinem Vaterlande und in seinem Hause», und daß sich daran der 58. Satz des 13. Kapitels reiht: «Und er tat daselbst nicht viele Zeichen um ihres Unglaubens willen.» Wir werden, wenn wir die Situation erfassen, sofort dahin geführt, zu sehen, der Christus-Jesus steht inmitten von solchen Leuten, die nicht das Wort begriffen haben «Siehe, das sind meine Eltern und das sind meine Brüder». Sie haben diese Worte nicht verstanden; und weil sie die Worte nicht verstehen wollen in ihrer Zeit, finden sie auch nicht den Weg zu dem Christus-Jesus. Der Weg zu dem Christus-Jesus soll gesucht werden. Gezeigt wird uns an dieser Stelle des Matthäus-Evangeliums, welche Menschen den Weg finden, und welche ihn nicht finden können, damit aber auch, wie er gefunden werden kann. Nur müssen wir verstehen, daß diejenigen, die nicht das Gefühl der Blutsverwandtschaft, das als erste Gnade dem Menschen mitgegeben ist, versceligen können, den Weg nicht finden, daß von ihnen, die an dem bloßen Vaterlande und nicht an dem Gotteslande teilhaben wollen, der Weg zu dem Christus-Jesus nicht gefunden werden kann. So wird uns das 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zwischen ganz konkrete Erlebnisse hineingestellt, und wir müssen nun einfach aus der Situation heraus erwarten, daß uns in diesem 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums eben gerade dargelegt wird das Verhältnis des Volkes zu dem Christus-Jesus, wie der Christus-Jesus als solcher von dem Volke gefunden werden kann.

Gehen wir noch näher auf diese Situation ein. Gleich der erste Satz führt uns intimer in die Situation hinein. Es handelt sich zuerst darum, ganz darinnenstehen zu können. Man steht schon etwas darin, wenn man die Zu- und die Ausleitung nimmt; es handelt sich um das völlige Darinnenstehen: An dem Saturnustage ging Jesus aus seinem Heim hinweg und setzte sich ans Meer. - Ohne daß man das als eine lebendige Begebenheit und eine Bestimmung empfindet, liest man das 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums ja nicht, Erstens ist das, was da geschieht, am Sabbatstage, am Saturntage geschehen. Wir werden sehen, meine lieben Freunde, daß uns die Entfaltung der Liturgie durch das Jahr hindurchführen wird, und daß es gar nicht gleichgülug ist, wie man in der Seelsorge das Evangelium verwendet; wir werden sehen, daß man das Evangelium in das Jahr hineinzustellen hat, daß man anzuknüpfen haben wird mit dem Evangelium an dasjenige, was in der Natur erfahren werden kann, sonst wird man den Worten des Evangeliums doch nicht die rechte innere Kraft geben. Über die Einzelheiten der Jahresliturgie werden wir noch zu sprechen haben, aber wir müssen uns diesen Dingen einmal nähern.

Es wird, wenn man das vergeistigt ansieht, im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums vom Ende der Welt, das heißt der Erdenwelten gesprochen, und es wird ja deutlich darauf hingedeutet, daß das im Sinne der Prophetie geschieht. Im 35.Satz heißt es: «Auf daß erfüllet würde, was gesagt worden ist durch den Propheten, der da spricht: Ich will meinen Mund auftuen in Gleichnissen und will aussprechen die Mysterien vom Urbeginne der Welt.» — Hier im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums soll ja hauptsächlich über das Ende der Welt gesprochen werden. Der Christus-Jesus wählt den Sabbat, an den man sich früher gewendet hat, wenn es sich darum handelte, den Anfang der Welt zu begreifen, um die Wahrheiten vom Ende der Welt dem entgegenzusetzen. Daß es der innerlichen Ruhe bedarf, das wird ja sogleich angedeutet durch die Zeitbestimmung. Die Mühe der vorhergehenden Tage muß vorangegangen sein, der Mensch muß der Ruhe bedürftig sein, dann kann er verstehen, was ihm im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums gesagt werden soll. Er ging aus seinem Hause fort, weil er etwas zu sagen hat, was in die Weiten geht, was nicht im Hause gesagt werden konnte; das zeigt sogleich die Ausleitung, der 53. bis 58.Satz. Zu Hause hätte er es gar nicht sagen können. Das ist der Schreiber des Evangeliums genötigt, am Schluß anzudeuten. Man kommt nicht heran an das Evangelium, wenn man nicht die Voraussetzung hat, daß jedes Wort im Evangelium abgewogen ist; man darf es nicht äußerlich deuten, man muß versuchen, in sein inneres Leben einzudringen. «Und er setzte sich ans Meer.» Man vergegenwärtige sich nur, was es heißt, am Meere zu sitzen, wie wir in die Weiten der Weltempfindung geführt werden, wenn wir am Meere sitzen, wie wir da hinweggeleitet werden von allem, was uns an die Erde fesselt. An der Empfindung des Luftraumes haben wir schon ein viel zu Abstraktes; das entschlüpft uns. Es würden uns ja natürlich die Erlebnisse des Luftraumes im Geistigen hinwegführen von dem, was uns auf Erden kettet, aber wir haben als Menschen natürlich darin etwas, das uns zunächst eigentlich entschlüpft.

Wir haben also das Sichsetzen an das Meer. Und da versammelte er nun das Volk, und dem Volke sprach er von den Reichen der Himmel in Gleichnissen. Und seinen Jüngern wird begreiflich, daß, wenn der Christus-Jesus zu dem Volke so spräche, wie er sprechen kann zu den Jüngern in der Auseinandersetzung der Gleichnisse, dann den Leuten auch das noch genommen würde, was sie an Wenigem haben. Er würde ihnen gar nichts geben können, den Leuten, wenn er ihnen die Auslegung der Gleichnisse böte. Was muß er denn zuerst tun? Er muß zuerst nicht sprechen von einem geistigen Welteninhalt, sondern er muß zuerst sprechen von dem Welteninhalt, der zunächst sich vor den Sinnen ausbreitet. Er muß sprechen von dem Samenkorn, und er muß führen zu all den Möglichkeiten, die das Schicksal des Samenkornes sein können. Er muß führen zu der Möglichkeit, daß das Samenkorn gar nicht Wurzel fassen könne, daß es nur schwach Wurzel fassen könne, daß es zwar Wurzel fassen könne, aber durch entgegengesetzte Kräfte wiederum gelähmt wird, um völlig Wurzel fassen zu können.

Meine lieben Freunde, Sie werden damit rechnen müssen, daß man in solcher Weise zum Volke sprechen muß, weil das Volk erst innerlich dasjenige lebendig bekommen muß, was es eigentlich gedankenlos überschaut. Man muß die Seele erst entzünden an einem Anschauen des Äußerlichen. Die Seele bleibt tot und unentzünder, wenn man in ihr nicht rege macht im innerlichen Worte dasjenige, was äußerlich daliegt. Die Menschen gehen gedanken- und wortlos durch die Welt, Sie sehen das Samenkorn, das verwelkt, sie sehen das Samenkorn, das fruchtet, aber sie lenken den Blick nicht so dahin, daß dieser Blick innerlich wird, im innerlichen Hören und im innerlichen Schauen lebendig wird. Erst wenn wir das, was an der Außenwelt erlebt wird, zum innerlichen Bilde machen, erst dann haben wir dasjenige, was Vorbereitung sein kann. Die Seele muß sich an dem Äußerlichen entzünden, die Seele muß sich an dem Äußerlichen beleben. Denn spräche man dasjenige, was nun die ganze Natur bedeutet, man würde zunächst zu tauben Seelenohren und zu blinden Seelenaugen sprechen, und man würde auch dasjenige noch den Menschen nehmen, was sie an wenigem haben. Man gibt ihnen nur etwas, wenn man versteht, zu ihrer Seele zu sprechen, zu ihrer Seele so zu sprechen, wie der Christus-Jesus zu den Jüngern sprechen durfte, die an dem Miterleben mit ihm ihre Seelen erregt und lebendig gemacht haben. Die Seele muß erregt werden und lebendig gemacht werden an dem Äußeren, und ist sie lebendig gemacht, dann kann man erst zu der Seele von der Auslegung desjenigen sprechen, was in Naturgleichnissen vor den Menschen hingestellt ist. Und in diesem Sinne lenke man auch den Menschen zunächst auf Naturvorgänge und versuche, die Naturvorgänge in seelenwirkende Bilder zu wandeln. Man mache rege, wie man miterleben kann alles das, was sonnenhaft uns umgibt. Von dem Augenblick an, wo wir des morgens aufwachen bis wir des abends uns zur Ruhe begeben, umgibt uns Sonnenhaftes. Wir haben als unvorbereitete Menschen zunächst keine Ahnung davon, was alles in dem Sonnenlichte lebt, das uns umflutet. Wir sehen das Sonnenlicht zurückgeworfen an einzelnen Gegenständen, wir sehen es zunächst in Farben sich spiegeln, aber ob dieses Sonnenhafte durch die Farben hindurch in uns Menschen, indem es durch uns hindurchflutet, noch Besonderes erregt und verlebendigt, das ahnen wir zunächst nicht. Wir befinden uns einfach im Lichte vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und dann wenden wir uns in mondenheller Nacht zum Monde, schauen ihn an mit offenen Menschenherzen, wie er umgeben ist von den ihn begleitenden Sternen, und gehen über zu der ersten Empfindung, die wir da haben können, zu der Empfindung, daß, wenn ich in die Sonne sehe, gerade dann, wenn die Sonne am lebendigsten mit ihrem Licht mich umflutet, mein Auge geblendet wird. Der Sonne Licht ist an Intensität zu stark, als daß sich ohne weiteres das Auge zur Sonne hinwenden könnte. Sehe ich in den Mond, so kann ich es, der Mond gibt mir der Sonne Licht zurück, er schickt mir das Licht so, daß ich es aufnehmen kann. Die Blendung gegenüber dem Sonnenlicht ist eine Hinwegnahme der Besonnenheit. Diese Besonnenheit bleibt mir, wenn ich hinaufschaue zum Mondenlicht. Die Strahlen der Sonne haben eine zu majestätische Intensität, als daß sie mir nicht die Besonnenheit rauben müßten, wenn ich mich ihnen entgegenwende. Ich darf mich ihnen entgegenwenden, wenn sie mir vom Monde her wiedergegeben werden. Wie mache ich das zum eigenen inneren Erlebnis? Ich darf und kann mich als Mensch vereinigen mit demjenigen, was mir vom Monde an Licht zurückgegeben wird; ich darf, wenn ich es als Symbolum vor mich hinstelle, darin dasjenige haben, mit dem ich mich vereinigen darf. Ich darf mir von dem, was im Mondenlicht mir entgegenkommt, ein solches Bild machen, das ich mit mir vereinigen kann. Mit anderen Worten, ich darf mir ein Bild von der Sonne machen, welche durch das Mondenlicht sich mir darstellt, und das ist da in der Hostie, die ich verzehren darf. Aber ich habe darin etwas, was zu intensiv, zu majestätisch groß ist, als daß ich mich unmittelbar ihm aussetzen darf. Wenn ich das im Bilde mir darstelle, so muß ich es in anderer Weise darstellen. Ich muß eine Beziehung herstellen, die nur im Anschauen ähnlich ist, und die stelle ich her, indem ich dasjenige, was die Wegzehrung werden darf, [die Hostie,] umgebe mit demjenigen, was bloß angeschaut werden darf, mit der Monstranz (Zeichnung Tafel 4), und ich habe aus meinem Verhältnis zur Welt herausgeboren ein dualistisches Gleichnis, die zweifache Art, wie ich etwas zum Bilde mache mit dem Einschluß der Monstranz. In der Wegzehrung, in der Hostie habe ich dasjenige, das ich mit mir vereinigen kann. In demjenigen, was die Hostie umgibt, habe ich das, was die zum Bilde abgeschwächten Strahlen der Sonne sind. In mir muß durch die Kommunion dasjenige rege werden, was in Abschwächung erscheint, wenn ich das Mondenlicht fühle, das ich aber nicht mehr fühlen darf in seiner unmittelbaren Sonnenwirkung, sonst werde ich geblendet. Zwischen beiden mittendrin liegt die Kommunion: Ich ordne mich ein in den Weltenzusammenhang. Das, was im Kosmos Sonne und Mond miteinander zu sprechen haben, das begegnet sich im Menschen, der Mensch steht mittendrinnen und macht es lebendig durch die Kommunion.

Blackboard Drawing
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Sehen Sie, so wird weiter als zum gesprochenen Gleichnis, so wird zum Symbolum heruntergebracht dasjenige, was erlebt werden kann. Und wird es im rechten Sinne erlebt, das heißt so erlebt, daß man es mit den anderen erlebt, bei völligem Verständnis des Wortes «Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sprach: Siehe, das sind meine Eltern und meine Brüder», dann stellt man gewissermaßen die Menschengemeinschaft hin durch das Fühlen dieses Wortes, dann tritt man gemeinschaftsbildend auf; und gerade die Lehre, wie gemeinschaftsbildend aufgetreten werden kann, die werden wir wiederfinden, wenn wir weiter fortschreiten in der Interpretation von Matthäus 13.

Meine lieben Freunde, es ist aus innerer Erkenntnis heraus, die einem das anthroposophische Überschauen der Menschheitsentwikkelung geben kann, meine volle Überzeugung, daß es gerade für die Gegenwart schlimm wäre, wenn wir heute die Zeichen, die nun einmal in der Zeit da sind, überhören würden, wenn wir uns ihnen nicht hingeben würden. Bedenken Sie, gerade indem Sie Ihren Seelenblick auf so etwas wie das Matthäus-Evangelium Kapitel 13 fallen lassen, das folgende: Die katholische Kirche bleibt beim Symbolum zunächst stehen; was in ihr gemeinschaftsbildend auftrat, war an das Symbolum gebunden, das Symbolum, das die Reiche der Himmel erleben ließ. Gar nicht eingefallen wäre es denjenigen, die in den ersten Jahrhunderten das Christentum ausgebreitet haben, davon zu sprechen, daß man Geduld haben muß, daß man warten könne und so weiter. Das bin ich schon verpflichtet zu sagen. Sie waren ganz erfüllt von der Notwendigkeit der Tat, denn sie empfanden die Wirksamkeit des Symbolums und wirkten mit dem Symbolum gemeinschaftsbildend. Sie trafen durch das Symbolum dasjenige, was der Christus andeuten wollte in den Worten, die verzeichnet sind in den sieben Gleichnissen vom Reiche Gottes. Sie wollten durch das Symbolum die Ohren hörend und die Augen sehend machen, bevor sie mit der Verkündigung begannen; sie standen darinnen in der lebendigen Welt des Symbolismus.

Wir stehen heute in einer völlig veränderten Zeit darinnen. Wir lesen in dem 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, daß zunächst nur den Jüngern auseinandergesetzt werden soll, was in den Gleichnissen liegt. Das können wir heute ja nicht. Das ist ja heute unmöglich, denn das Evangelium ist in aller Hände, und die Deutung der Gleichnisse kann jeder lesen. Wir leben in einer völlig veränderten Zeit. Darauf achten wir gewöhnlich gar nicht. Wir müssen neu verstehen, was im Matthäus-Evangelium Kapitel 13 liegt, wir müssen uns im Sinne unserer Zeit dazu verhalten können, wenn wir uns die Struktur von Matthäus 13 vor das Auge stellen. Wir haben zunächst: Der Christus sitzt vor dem Volke, er gibt ihnen Gleichnisse von dem Reiche der Himmel, und vom 36. Satz an heißt es dann: «Da verließ Jesus das Volk und kam heim, und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Und er deutete es ihnen.» Machen wir uns auch diese Situation völlig klar. Zunächst spricht der Christus zu dem Volke in Gleichnissen, die in äußere Geschehnisse gekleidet sind. Er deutet die Gleichnisse seinen Jüngern. Er spricht während dieser Deutung das bedeutungsvolle Mysterienwort, das ich versucht habe, Ihnen näherzubringen. Nachdem der Christus zu Hause angekommen ist und den Jüngern noch das Gleichnis vom Unkraut gedeutet hat, spricht er zu ihnen eine Anzahl von anderen Gleichnissen, das vom Schatz im Acker, das von der köstlichen Perle, das vom ausgeworfenen Fischernetz. Er spricht also auch andere Gleichnisse zu den Jüngern, nachdem schon das Volk fortgegangen ist. Das gehört alles zur Situation; im Evangelium ist eben alles wichtig. Wir haben also — stellen wir uns das deutlich vor die Seele- den Christus am Meere sitzend vor dem Volke, ihm Gleichnisse erzählend, dann sich abwendend, vor die Jünger sich wendend, sie in die Situation hineingeleitend, ein wichtiges Mysterienwort aussprechend, dann abseits vom Volke mit ihnen allein sprechend und ihnen eines der bedeutsamsten Gleichnisse erläuternd, andere Gleichnisse zu ihnen sprechend und dann, nachdem er sie noch einmal an die göttlich-geistigen Erscheinungen hingeleitet hat, sie fragend, ob sie ihn verstanden haben. Ihre Antwort ist «Ja». Und der zunächstliegende Schluß ist — denn alles andere ist Ausleitung —: Sie sollen nun zunächst als Eingeweihte der Schrift sich so verhalten wie ein Hausvater, der aus seinem Schatz dasjenige nimmt, das er erfahren hat, der sich aber an dem, was er erfahren hat, innerlich so lebendig macht, daß er Neues hinzufügen kann und das alles dann wiederum seinen Hörern vorzutragen in der Lage ist.

Ich wollte Ihnen heute den Weg zeigen, der uns hingeleiten kann zu Matthäus 13, und wir wollen dann morgen weiter sprechen von den Wahrheitsgehalten und von den Lebensgehalten, die auf diesem Wege in den Evangelien gefunden werden können. Ich habe nur als eine Einfügung angedeutet, wie auf diesem Wege die Symbolik gefunden wird an einem zentralen Symbolum, von dem nun allerdings geglaubt werden muß, meine lieben Freunde, daß es auch ein Zentralsymbolum werden müßte für diejenigen, die wiederum den Kultus einführen wollen in die Seelsorge. Denn da braucht man eben dasjenige, was anschaulich ist als Symbolum, das mehr bedeutet als das Naturprodukt, und man braucht dann das Wort, das lebendig ist, und man braucht die Handlung, die nicht bloß Naturhandlung ist. Wir haben in unserem heutigen Zivilisationszusammenhang nur das tote Wort, nicht das lebendige Wort. Wir haben nur die Handlungen, auch in den Menschenhandlungen, die Naturgesetzmäßigkeiten in sich enthalten. Wir haben weder das lebendige Wort noch die vom göttlichen Willen durchtränkte Handlung. Zu beiden müssen wir kommen im Gebet und im Evangeliumlesen auf der einen Seite und im rechten Vollbringen des Opfers auf der anderen Seite. Davon dann morgen.

German original of Prayer and Symbolism · ← Previous · Next →