The Foundation Course

GA 343 — Dornach

Zwölfter Vortrag

Meine lieben Freunde! Es wird sich heute darum handeln müssen, im Sinne von gewissen vorgebrachten Wünschen einiges zu dem hinzuzufügen, das wir gestern ausgeführt haben. Schwierig werden vor allen Dingen alle Fragen, die — sei es im religiösen, sei es im anthroposophischen Sinn — gestellt werden mit Bezug auf das Wissen in die Zukunft hinein. Ein solches Wissen in die Zukunft hinein kann nur verstanden werden, wenn man alle Voraussetzungen gewissermaßen zu einem solchen auch zu besprechen in der Lage ist.

Nun wissen Sie ja, daß auch der äußeren materialistischen Wissenschaft ein gewisses Wissen in die Zukunft hinein ja durchaus möglich ist. Sonnen- und Mondfinsternisse können auf die Sekunde genau vorausberechnet werden, und diese Vorausberechnung beruht eben darauf, daß man einen gewissen Einblick in den Zusammenhang der Erscheinungen hat. Bei der äußeren materialistischen Wissenschaft handelt es sich darum, daß dieser Einblick in den Zusammenhang heute verdeckt ist, denn er ist in Formeln gebracht, die Formeln werden gelernt, und man weiß nicht mehr, woher die Formeln eigentlich stammen und daß sie im Grunde aus der Beobachtung ganz genau desselben Gebietes stammen, auf das sie angewendet werden. Niemand würde rechnerisch Sonnen- und Mondfinsternisse voraussagen können, wenn nicht ursprünglich stattgehabte Sonnen- und Mondfinsternisse der Beobachtung zugrundegelegt worden wären und daraus Formeln gewonnen worden wären, die nun weiterhin im Glauben an die Regelmäßigkeit der Erscheinungen angewendet würden. Der psychologische Prozeß, der sich da abspielt, der ist schon ein viel komplizierterer, als man sich heute vielfach bewußt ist. Nun werden ja aber die Dinge ganz besonders schwierig, wenn es sich nicht um äußere, im Raume nach mechanischen oder mathematischen Gesetzmäßigkeiten sich abspielende Dinge handelt, sondern wenn es sich handelt um dasjenige, was innerlich im wesenhaften Sinne im Weltenverlauf geschieht. Und weil diese Frage aus den Voraussetzungen des modernen Bewußtseins heraus eigentlich kaum studiert werden kann, deshalb machen der modernen Bibelerklärung — und ein Bibelerklärer muß ja auch der Seelsorger sein — gerade solche Kapitel besondere Schwierigkeiten wie das 13. Kapitel des Markus-Evangeliums und alles, was an dieses Kapitel anklingt, abgesehen davon, daß gerade dieses Kapitel in späteren Übersetzungen außerordentlich schwierig zu verstehen ist, weil es zu denen gehört, die durch die Verhältnisse am meisten korrumpiert sind.

Nun will ich, bevor ich auf die Situation dieses Kapitels eingehe, einiges überhaupt über die Vorhersage im christlichen Sinne sprechen. Sie haben ja ein Gefühl, daß innerhalb der Entwickelung des Christentums schon einmal, besonders in älteren Zeiten, eine große Rolle gespielt hat die Hinweisung auf künftige Geschehnisse, und zwar auf künftige Geschehnisse allerwichtigster Art. Sie haben aber auch das Gefühl, daß der heutige Mensch an solche Hinweise wenig glauben kann, und daß er eigentlich wenig damit rechnen kann, daß solche Hinweise etwas anderes sein können als Illusionen. Man hat ja immer das Gefühl, wenn solche Dinge eintreten, die man im modernen Sprachgebrauch etwa Prophezeiungen nennen könnte, dann muß etwas anderes im Spiele sein als wirklich ein Wissen um das zukünftige Geschehen. Aber Sie sollten sich auch damit bekanntmachen, daß es immerhin auch in unserer heutigen Zeit, in der Zeit des Intellektualismus, die - und zwar diesmal mit Recht ausgetilgt hat gewisse altherkömmliche, ererbte, atavistische Hellsichtigkeiten, hellsichtige Menschen der älteren Art gibt, die noch gewissen Theoretikern auch des 19. Jahrhunderts gedient haben als Beispiele, aus denen heraus sie eine übersinnliche Welt, die sie nicht selber erfahren konnten, beweisen wollten. Wir brauchen nur einen solchen Typus einer Vorhersage einmal ins Auge zu fassen, so werden wir sehen — ganz gleichgültig, ob wir uns nun gläubig oder ungläubig dazu stellen —, was eigentlich gemeint ist, Es kann durchaus ein solcher Fall vorkommen, und er ist, wenn ich ihn typisch fasse, zahlreich im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts noch vorgekommen, während in der heutigen Zeit das in einer gewisse Abnahme lebt. Solche Fähigkeiten weisen verbreitet noch Landleute auf. Es kann der Fall vorkommen, daß irgend jemand in einem besonders günstigen Traummoment sieht, wie er als Reiter vom Pferde stürzt und sich verletzt. Ein solches Sehen ist durchaus ein Sehen in die Zukunft, und man kann, auch wenn wir auf das allersorgfältigste, mit allen Wissenschaftsschikanen alles herausfinden, was einen Einfluß auf das folgende Ereignis ausschließt, nicht anders sprechen, als daß da eben ein wirkliches Schauen in die Zukunft vorhanden ist. Das ist ja etwas, was von ernsten Theoretikern bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts herauf überall verzeichnet worden ist. Sie können das in Schriften finden, die von sonst durchaus ernsten Naturforschern herrühren noch aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in Zeitschriften zahlreich besprochen finden. Wie gesagt, wer heute das Leben betrachtet, muß sehen, daß solche Fähigkeiten als atavistische Fähigkeiten einfach zurückgegangen sind und übertönt worden sind von dem intellektualistischen Leben, das ja in einer Verfassung ist, welche ein Schauen in die Zukunft ganz ausschließt.

Nun, wie gesagt, wir müssen uns wenigstens damit bekanntmachen, daß solche Fähigkeiten, die man als Schauen in die Zukunft bezeichnen kann, in älteren Zeiten vorhanden waren, und daß es durchaus in der Umgebung des Christus Jesus verstanden worden ist, wenn er in einer gewissen Weise von der Zukunft gesprochen hat. Aber um nicht mißverstanden zu werden, muß ich gleich auf etwas anderes aufmerksam machen. Wenn Sie die Literatur nehmen, welche als christliche Literatur vorhanden ist nach den eigentlichen Evangelien, nach den Paulus-Briefen und nach den anderen, direkt den Aposteln zugeschriebenen Auseinandersetzungen, wenn Sie die spätere Literatur der sogenannten Kirchenväter nehmen — unter «Kirchenväter» versteht man ja durchaus diejenigen Persönlichkeiten, die noch Schüler der Apostel oder wenigstens Schüler der Schüler der Apostel waren in nicht zu fernliegender Zeit —, wenn Sie diese Literatur der Kirchenväter nehmen, so werden Sie sie durch drei Merkmale charakterisiert finden. Das erste Merkmal ist, daß in diesen Schriften verdorrt ist das eigentlich lebendige Verständnis für das Alte Testament. Sie können deutlich wahrnehmen, wie überall in diesen Schriften, bis zu dem «Hirt des Hermas» hin, die Sucht auftritt, das Alte Testament intellektualistisch, nämlich in diesem Falle allegorisch zu deuten, also es heraufzuholen aus der [wirklichen] Begebenheit in den bloßen Begriff, also in dasjenige, was gewissermaßen intellektualistisch ist. Aber dadurch, daß man die Begriffe allegorisch umfrisiert, hütet man sich davor, eine Überlieferung des Alten Testamentes als eine Überlieferung von Tatsachen zu nehmen, sondern man nimmt sie als erzählte Tatsachen, deren wirklicher Sinn durch den Intellekt in einer übertragenen Weise erfaßt werden muß. Das ist das erste wesentliche Kennzeichen.

Das zweite wesentliche Kennzeichen ist das, daß überall in diesen Schriften auftritt der deutlichste Hinweis auf die Wiederkunft des Christus, also gerade auf dasjenige, worauf das 13. Kapitel des Markus-Evangeliums in dem allerzartesten Sinne hinweist. Es war durchaus, muß man sagen, aus dem ganzen Geiste der Schriften der Kirchenväter heraus der Glaube bis in das 4. Jahrhundert hinein, daß ganz nahe bevorstehe das Wiedererscheinen des Christus. Die Schriften sprechen im intensivsten Maße von diesem Wiedererscheinen des Christus. Sie machen darauf aufmerksam, wie die alte Welt zugrundegeht, und wie der Christus wiedererscheinen wird, wobei man durchaus die Vorstellung zu gewinnen hat, daß der Christus in einer ähnlichen Weise wiederum erscheinen wird, nur auf eine wunderbarere Weise auf Erden wandelnd, als er das erste Mal dagewesen ist.

Und als drittes charakteristisches Element in den Schriften dieser Kirchenväter tritt das auf, was dann eigentlich im wesentlichen zur Kirchenbildung schr viel beigetragen hat. Es tritt überall ein gewisses gesetzgeberisches Element auf, eine Mahnung, den Bischöfen, den Dogmen zu gehorchen, sich zu fügen in die Konstitution der sich bildenden Kirche. Also überall tritt eigentlich das auf, was man in der folgenden Art bezeichnen könnte: Es gereicht euch zum Unheil, sagte man den Gläubigen, wenn ihr irgendwie das ausbildet, was in euch selber sich offenbart, wenn ihr nach einem eigenen religiösen Weg sucht. — Der religiöse Weg soll gegeben werden durch eine Kirchenkonstitution, und die Rechtsverfassung, die den Gehorsam gegenüber der Kirche anordnet, die ist ja eben etwas, was sich ganz besonders im Katholizismus im weitesten Ausmaß fortgesetzt hat, was einem auch als Erfahrung heute noch sehr stark entgegentreten kann.

Ich hatte zum Beispiel einmal in Rom ein Gespräch mit einem ganz jesuitisch erzogenen Priester - man hatte sich sehr bemüht, dieses Gespräch herbeizuführen —, der durchaus auf die Quellen hinwies, die sich für ihn als die Quellen seines Lehrinhaltes ergaben, und der auch auf die Wege hinwies, wie er nach seiner Erziehung zu seinem Lehrinhalt kommt. Er wies darauf hin, daß man ja zunächst das Schriftwort habe, daß man den kirchlich dogmatischen Inhalt habe, und das sei alles etwas, was keiner Prüfung bedarf, was einfach gläubig hingenommen werden müsse, insofern es das Dogma betrifft. Er wies darauf hin, daß man nur zu interpretieren habe, daß man nicht zu kritisieren und nicht zu prüfen habe die Evangelien, indem man sie immer wieder und wieder liest; man habe die kirchliche Tradition, indem sie einfließt in das Brevier, und dann habe man als ein lebendiges Beispiel das Leben der Heiligen.

Das erstere konnte ja alles gegenüber diesem Kleriker nicht gut den Gegenstand einer Diskussion bilden, denn man mußte sich sagen, daß das, was die katholische Kirche sich bewahren will, in einem solch festgeprägten Sinne vorliegt, daß eigentlich nichts zu machen ist. Aber das letztere, das Verhältnis des katholischen Klerikers zu den Heiligen, das ist natürlich etwas, was auch dem katholischen Kleriker, wenn er anfängt zu denken, gewisse Schwierigkeiten macht, und da konnte nun auch mit einem Einwand eingesetzt werden. Heilige sind von der katholischen Kirche festgesetzte Persönlichkeiten, bei welchen es für die Kirche in einwandfreier Weise gilt, daß sie in einer unmittelbaren lebendigen Beziehung zu der übersinnlichen Welt gestanden haben, entweder indem es klar geworden ist, daß sie Offenbarungen aus der übersinnlichen Welt durch inneres Erleben bekommen haben, oder daß durch sie Taten vollbracht worden sind, die nur dadurch zu erklären sind, daß göttliche Mithilfe dabei vorhanden war. Sie wissen ja vielleicht, daß eine solche Heiligsprechung in der katholischen Kirche eine sehr ausführliche Zeremonie erfordert, daß da vorangehen muß eine genaue Feststellung zunächst, die nicht Jahre, sondern jahrhundertelang dauern soll, eine genaue Feststellung desjenigen, wie der Betreffende gedacht und gelebt hat; ferner muß diese Untersuchung mit einer Zeremonie abschließen, die darin besteht, daß alle diejenigen auftreten, welche etwas Begründetes vorzubringen haben für den lebendigen Verkehr der betreffenden Persönlichkeit mit dem Göttlichen, und daß dann aufzutreten hat und gewissermaßen immer hineinzufahren hat in das, was so vorgebracht wird, der sogenannte Advocatus diaboli, der Vertreter der dämonischen Welt, der alles zu widerlegen hat, was von der anderen Seite für den betreffenden Heiligzusprechenden vorgebracht wurde. Es wird also eine ausführliche Gerichtsverhandlung veranstaltet, bei der diejenige Wesenheit, welche man anzusehen hat als den Diabolus, als den Teufel, durchaus ebenso ihren Vertreter hat, wie auf der anderen Seite der Vertreter des Christus steht; und es wird jedesmal das Christusmäßige mit dem Teufelsmäßigen in Diskussion gebracht, wenn ein solcher Heiliger anerkannt werden soll.

Nun, da konnte ich [in dem Gespräch] natürlich einwenden, daß ja dadurch immerhin von der Kirche anerkannt ist, daß man in einen lebendigen Verkehr mit der Gottheit treten kann, daß also eine übersinnliche Erfahrung für den Menschen möglich ist. Es ist aber ein Dogma der katholischen Kirche, daß alle solche übersinnlichen Erfahrungen, die eintreten können, teuflisch sind, und daß sie gemieden werden müssen, geflohen werden müssen. Und es ist natürlich auch durchaus in die Dogmatik der katholischen Kirche fallend, wenn von der katholischen Kirche gesagt wird, die ganze Anthroposophie ist verwerflich, aus dem Grund, weil sie vorgibt, auf einer Einsicht in die übersinnliche Welt zu beruhen. Deshalb ist Anthroposophie verwerflich, denn eine solche Einsicht kann bei dem Menschen nur kommen mit Beihilfe des Teufels; sie ist also teuflisch. Das ist etwas, was ganz notwendig, ganz konsequent von der katholischen Kirche als Urteil gefällt werden muß. Die Dinge sind schon so, daß man sie nicht verwischen darf. Diejenigen haben Unrecht, die glauben, daß ohne weiteres eine Aussöhnung zwischen der Anthroposophie und der katholischen Kirche möglich sei. Der Eingeweihte weiß, die katholische Kirche, wenn sie ihrerseits konsequent ist, ist darauf angewiesen, Anthroposophie als ein Teufelswerk anzusehen, und mehr als je wird die katholische Kirche heute solche Konsequenzen zu ihrer Usance machen.

Ich bekam [von dem Priester] zur Antwort, dasjenige, was Verkehr mit der übersinnlichen Welt ist, das dürfe auf keine Weise gewollt werden; wenn es hier in dieser Welt sich vollzieht, so müsse deutlich zutage treten, daß da erst von dem göttlichen Prinzip das Teuflische besiegt worden ist. - Und als ich zu ihm sagte: Wenn Sie nun einen solchen Verkehr mit der übersinnlichen Welt hätten, würden Sie ihn da auch für teuflisch ansehen? —, antwortete er mir: Ja; er habe seinerseits die Aufgabe, sich bloß zu beschäftigen mit der Literatur der Heiligen und zu wissen, daß es so etwas gibt; er verlange nicht, selber ein Heiliger zu werden. —- Was nun der letzte Satz ist, das wird von diesen Leuten nicht wirklich ausgesprochen, der Betreffende hat ihn auch nicht ausgesprochen, denn es würde ja die notwendige Konsequenz dann die sein, daß er sagte: mich als einen Heiligen anzusehen, hat die Kirche erst nach zwei bis drei Jahrhunderten das Recht.

Daran können Sie ja nun alle möglichen Konsequenzen knüpfen. Sie können zum Beispiel daran eine sehr übliche Denkgewohnheit knüpfen, die sich besonders in der Gegenwart geltend macht, indem man [beispielsweise] sagt, alles das, was über die Kriegsursachen zu sagen sei, das wird man erst nach Jahrzehnten, wenn alle Archive durchstöbert sind, wissen. Wer Wirklichkeitssinn hat, der weiß, daß in einigen Jahrzehnten alles so verwischt ist, daß man aus den Archiven durchaus nicht wird eine Wahrheit finden können, so daß sich irgend etwas als Tradition festsetzen wird, und der weiß, daß es ein, ich möchte sagen, sehr verfänglicher Schritt ist, zu verzichten auf das, was gerade aus dem Bewußtsein der Gegenwart heraus über die Ursachen gesagt werden kann. Das ist etwas, was schon auch tiefer durchdacht werden muß, aber es gehört nur in Parenthese hierher; ich möchte nur aufmerksam darauf machen, daß bei der Heiligsprechung so lange gewartet werden muß, so daß die Dinge sehr stark verwischt sind, um die es sich handelt, und daß man da hineinsieht in etwas, was außerordentlich schwer lastet auf dem realen Fortgang der katholischen Kirche.

Nun, diese drei Charakteristika finden Sie eben durchaus in der unmittelbar nachapostolischen Literatur der ersten drei bis vier Jahrhunderte: die allegorische Auslegung des Alten Testamentes, der Hinweis auf das Wiederkommen des Christus und auf die Zertrümmerung der alten Welt, und die Ermahnung zum Gehorsam gegenüber den Oberen. Uns muß in diesem heutigen Zusammenhang vor allen Dingen das mittlere interessieren, der Hinweis auf den kommenden Christus, denn wir müssen diesen Hinweis auf den kommenden Christus in Zusammenhang bringen mit dem Satz 6 des 13. Kapitels des Markus-Evangeliums, in dem es heißt: Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es, und werden viele irreführen. - Sie finden ja in diesem Kapitel den außerordentlich merkwürdigen Hinweis, daß viele kommen werden, [die im Namen des Christus auftreten,] und Sie werden geradezu hingewiesen auf den einen oder anderen, der sich selbst als Christus bezeichnet. Nun, darauf ist besonders zu sehen. Es ist aus dem Grund besonders darauf zu sehen — ich werde auf diese Dinge noch näher zu sprechen kommen, also ich leite zunächst dazu über —, weil ja schon in dieser Stelle des Markus-Evangeliums der Hinweis liegt auf den Standpunkt der Kirchenväter der nachapostolischen Zeit. Indem diese vorbringen, daß der Christus so, wie sie es sich vorstellen, erscheinen wird, ist das [für sie zugleich] die Erfüllung [der Prophezeiung], daß die Verführer kommen werden, auf die man hinweisen will als auf die, die sich als Christusse bezeichnen; und solches ist auch in den ersten Jahrhunderten geschehen, aus dieser Stimmung heraus sind viele aufgetreten, die sich tatsächlich als den wiedergekommenen Christus bezeichneten. Es ist ja so außerordentlich viel verlorengegangen von der Literatur der ersten Jahrhunderte, daß eben diese Dinge heute eigentlich nur noch geisteswissenschaftlich gefunden werden können.

Und so müssen wir ja sagen — und dazu habe ich das eben Ausgesprochene vorgebracht —, daß, wenn wir den ganzen Tatbestand überblicken, schon die ersten christlichen Kirchenväter in einem Mißverständnis des Evangeliums lebten, und zwar vielleicht in einem sehr schlimmen Mißverständnis des Evangeliums. Wenn wir wirklich evangelisch fühlen, so wie ich es Ihnen gestern zeigen konnte, wenn wir uns wirklich mit ganzem Herzen und ganzer Seele immer mehr bewundernd in die Evangelien hineinfinden können, dann können wir uns außerordentlich schwer anders als mit unserem Intellekt in die ersten Kirchenväter hineinfinden. Wir finden bei den ersten Kirchenvätern, daß wir schon verhältnismäßig früh mit dem Verständnis zu Ende kommen, während uns das Evangelium selbst in unermeßliche Tiefen hineinführt, und wir empfinden dann ganz deutlich, daß wir eigentlich in einer gewissen Weise uns unbehaglich berührt fühlen, wenn wir nach der Bewunderung der Evangelien nun an dasjenige herankommen sollen, was bei den Kirchenvätern auftritt.

Nun, das aber führt uns hinüber zu etwas anderem. Wir werden später über die Berechtigung der Prophetie sprechen, aber wir wollen jetzt uns einmal zeitgeschichtlich in die Situation hineinfinden, und da scheint mir, wenn man so etwas wie das 13.Kapitel des Markus-Evangeliums verstehen will, ja vor allen Dingen ganz besonders wichtig die Frage: Kann denn aus einer richtigen Verfolgung der Tatsachen die Erfüllung der Prophezeiung behauptet werden? Man muß doch zuerst verstehen können, in welcher Weise die Prophezeiung sich erfüllen sollte, und dann kann man fragen, was liegt denn da eigentlich an Tatsachen vor? Denn, nicht wahr, bei solchen Dingen wie der Zerstörung Jerusalems ist es leicht, diese Frage aufzuwerfen, aber gegenüber dem Weltuntergang, den man noch erwartet, und gegenüber dem Herankommen des Gottesreiches hat ja das moderne Denken nur die Auskunft, daß das alles nicht geschehen ist, daß es auf alle Fälle eine Illusion gewesen sein muß, daß man es also auf alle Fälle mit einer falschen Prophetie zu tun haben muß; und dann hat man nur die Wahl, entweder diese Dinge aus den Evangelien herauszuinterpretieren, oder aber nun dasjenige weiterzutreiben, was die ersten Kirchenväter mit dem Alten Testament gemacht haben, allegorisch zu werden, oder eben irgend etwas anderes zu unternehmen, was Angelegenheit des Abstrakten ist. Das alles aber kann gegenüber dem gesamten Gefühl, das man haben muß gegenüber den Evangelien, eigentlich zunächst nicht aufkommen. Die allerwichtigste Frage erscheint mir das Inwirkungtreten der Prophezeiung, denn das hilft etwas zum richtigen Verstehen der Prophezeiung.

Und ich sage Ihnen, meine lieben Freunde, für mich hat sich dasjenige, was gerade Weltuntergang ist, und was Herabkommen des Gottesreiches ist, eben einfach erfüllt. Wir müssen uns schon aufschwingen, die Welt so anzusehen, daß wir den Satz vertreten lernen können, diese Vorhersage habe sich erfüllt. Dazu müssen wir dann allerdings tiefer hineindringen in den Geist, aus dem heraus der Christus Jesus spricht, als das gewöhnlich geschieht.

Diejenigen, die um Jesus waren, die wußten noch genau, ebenso wie es die armen Hirten auf dem Felde aus ihren inneren Gesichten wußten: der Christus ist angekommen. Die wußten noch genau: Das ganze Leben der Menschheit und der Erde ist ein anderes gewesen in alten Zeiten, und es wird jetzt in diesem historischen Augenblick eben ein anderes, wenn auch nach und nach. Leise Gefühle sind von alledem in der Gegenwart noch vorhanden, aber eben nur ganz leise Gefühle. Ich habe solch ein leises Gefühl davon, das aber in intensiver Weise ausgebildet werden muß, zum Beispiel noch gefunden bei dem Kunsthistoriker Herman Grimm, und vielleicht kann es Sie doch interessieren, auf so etwas auch hinzuweisen, weil es psychologisch zu dem führt, an was wir nach und nach ja [herankommen] müssen. Der Kunsthistoriker Herman Grimm hatte ungefähr die folgende Ansicht: Wenn wir in der Betrachtung der Geschichte zurückgehen, also von unserer Zeit zurückgehen nach dem Mittelalter und immer weiter zurück über die Völkerwanderung zum Römerreich, so haben wir da noch die Möglichkeit, die Geschichte zu verstehen. Wir haben noch solche Gefühle heute, wodurch wir, sagen wir, die Geschichte der römischen Kaiserzeit und annähernd noch die der römischen Republik verstehen. Wir sind noch imstande, das zu verstehen. Wenn wir aber mit derselben Geistesverfassung zurückgehen in die griechische Geschichte, so geben wir uns der höchsten Illusion hin, wenn wir glauben, einen Perikles, einen Alkibiades, Sophokles oder Homer oder dergleichen zu verstehen. Zwischen dem Erfassen der römischen Welt und der griechischen Welt liegt ein Abgrund, und das, was uns überliefert ist von der griechischen Welt, so sagt Herman Grimm, ist im Grunde genommen ein Märchen; da beginnt die Märchenwelt, da beginnt die Welt, wo wir nicht mehr mit dem heutigen Verständnis hinkommen können. Da müssen wir zufrieden sein, wenn die überlieferten Bilder vor uns hingestellt werden, aber wir müssen im allgemeinen diese alte Welt wie eine Märchenwelt aufnehmen, ohne das intellektuelle Verständnis. — Es ist das noch ein leiser Anklang an etwas, was man sich als inneres Empfinden gegenüber der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit durchaus verschaffen muß.

Völlig zerstört natürlich wurde dieses Empfinden durch jene Weltanschauung, die auf der modernen Evolutionslehre der Naturwissenschaft fußt, die einfach von der Gegenwart zurückgeht und den gegenwärtigen Menschen als das Allervollkommenste ansieht, was zunächst erreicht worden ist. Da kommt man zu Perspektiven, woraus man allerdings dann diejenigen, die um den Christus waren, nicht mehr verstehen kann. Und man begreift auch, aus welchen seelischen Untergründen solche heutige Empfindungen und Vorstellungen, die dann ins Wissenschaftliche gekleidet werden, entstanden sind, wenn man zum Beispiel die Antwort ins Auge faßt, die ein eminent naturwissenschaftlicher Denker, Huxley, einem Erzbischof gegeben hat; sie ist ganz begreiflich aus der heutigen Perspektive heraus. Der Erzbischof hatte gesagt: Der Mensch stammt von jenem göttlichen Wesen, das die Gottheit zunächst unschuldig in die Welt gestellt hat, und das heruntergekommen ist bis zu der gegenwärtigen Menschheitsverfassung. — Dieser erzbischöflichen Meinung stellte Huxley nichts anderes als den Satz entgegen: Ich müßte mich ja als Mensch sehr schämen, wenn ich von diesem meinem göttlichen Ursprung soweit heruntergekommen wäre; aber ich kann stolz sein, wenn ich mich von meinem tierischen Standpunkt soweit heraufgearbeitet habe, wie ich bin. — Sie sehen da sehr genau die moralischen Impulse hineinspielen in das, was man sonst objektive Wissenschaft nennt. Man muß überall zurückgehen zu moralischen Impulsen, die die Wissenschaft mehr tingieren, als sie tingiert zu sein glaubt.

Man muß sich klar sein darüber, daß der alte Mensch der vorchristlichen Zeit, der heidnische Mensch, namentlich wenn er nicht ein Sünder war, sich bewußt war, daß überall, wo er in die Natur hineinschaute und wo er in das Menschenleben hineinschaute, ihm ein Göttliches zugleich mit dem Natürlichen entgegentrat. Im Felsenquell vernahm er nicht bloß das Rauschen, das wir heute hören, sondern er vernahm dasjenige, was er sich deutete und als die Stimme des Göttlichen auffaßte. In jeder Tierheit sah er etwas, was gewissermaßen herausgestellt worden ist aus einer übersinnlichen Welt, was aber, trotz des tiefen Falles von dieser übersinnlichen Welt, wenn man es richtig auffaßt, doch überall hinaufleitet zur Anschauung dieser übersinnlichen Welt. Und so konnte sich der alte Mensch diese übersinnliche Welt gar nicht vorstellen, ohne daß überall das Göttliche darinnen ist.

Nur im Judentum war eine Empfindung ganz intensiv aufgetreten, das war die: Wie auch das Göttliche erscheint, der Mensch selbst darf sich nicht anmaßen, daß auch in ihm das Göttliche in seiner Vollendung erscheint, höchstens in Inspirationen und so weiter, aber nur ja nicht in seiner vollen Gestalt. Das war etwas, woran der rechtgläubige Jude nicht einmal mit dem Gedanken heranstreifen wollte; dasjenige, was er noch zuließ für die übrige Natur, daß überall sich das Göttliche offenbart, und dasjenige, was er sah in den Tatsachen seines Alten Testamentes, das ließ er nicht zu für den Menschen. Für die umliegende Heidenwelt, für die alte Anschauung war es eine Selbstverständlichkeit, daß Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich eine einheitliche Aufeinanderfolge bilden, und daß, ebenso wie in allen übrigen Naturreichen das Göttliche ist, auch der Mensch eine Inkarnation des Göttlichen ist, Aber für Tausende war das zugleich ein feststehender Glaube, daß der Mensch immer mehr und mehr die Möglichkeit verloren hat durch sein äußeres Leben, den Gott in sich zu verwirklichen. Also es war eine ursprüngliche Fähigkeit des Menschen, das Göttliche in sich zu gestalten, aber der Mensch hatte nach und nach diese Fähigkeit verloren. Und diejenigen, die um den Christus waren, die empfanden, daß das Göttliche, das früher in dem Menschen und auch in der Außenwelt erschienen ist, daß dieses Göttliche nicht mehr in dem Menschen erscheinen kann; es ist der Erde mitgegeben worden, es ist in dem Sohn Gottes überall erschienen, aber es hat aufgehört [im Menschen zu erscheinen], es kann nicht mehr in den Menschenkindern erscheinen. Und es mußte aus dem Außerirdischen einmal wiederkommen, damit die letzte Inkarnation der Gottheit, die eben die erste einer neuen Zeit wurde, herbeikomme, aber von außen mußte sie kommen — wenn ich mich grob ausdrücken darf -, aus dem Vorrat, der der Erde ursprünglich verliehen war.

Von diesem Gesichtspunkt aus — und das Erkennen, meine lieben Freunde, war dazumal noch ein fühlendes Erkennen, ein solches, das in unmittelbarem Erleben sich vollzog —, von diesem Gesichtspunkt aus blickte fühlend hin derjenige, der um den Christus war, auf das, was sich in dem Eindringen des römischen Reiches nach Asien hinüber vollzog. Was vollzog sich für das damalige Empfinden in dem Eindringen des römischen Reiches nach Asien hinüber? Man muß sich nur vor Augen halten, was für das damalige Bewußtsein da eigentlich eindrang. Die Kriege, die geführt wurden, waren für die damalige Zeit eben äußere Ereignisse, die man in ihrer letzten Dependenz auch ableitete von dem göttlichen Willen. Aber das war nicht das Wichtigste; das Wichtigste war, daß diejenigen, die auf den Stühlen der römischen Cäsaren saßen, von Religions wegen sich als Inkarnationen von Göttern gaben und zwar gesetzmäßig. Der Cäsar Augustus war die vom Gesetz anerkannte Inkarnation der Gottheit. Das suchten ja einzelne Cäsaren dadurch zu erreichen, daß sie die Zeremonien durchmachten, die in älteren Zeiten in den Mysterien vollzogen [wurden und die] in Kultushandlungen bestanden, die aber so nahe an menschliche Wahrheiten, an innerlich menschliche Wahrheiten herangingen, daß die Cäsaren diese Zeremonien an sich vollziehen lassen konnten, um nun umgewendet zu werden in ihrem irdischen Dasein, so daß sie das Göttliche auch wirklich ausführen konnten, daß sie das Göttliche in sich verwirklichen konnten. Das Eindringen der Welt in diese geheimen göttlichen Mysterien kann vielleicht nicht stärker symbolisch angedeutet werden als [durch die Erzählung], daß Commodus, als er die Einweihung suchte und die Zeremonien an sich vollziehen ließ, weil zu der Zeremonie auch das symbolische Erschlagen eines Uneingeweihten gehörte, bei seiner Mysterieneinweihung wirklich einen Menschen erschlagen hat, ermordet hat. Kurz, man fühlt in diesem Eindringen des Römerreiches, daß da das Göttliche verschwunden ist, und daß man das Göttliche sich anmaßt, daß also in der Anmaßung des Göttlichen ein Widergöttliches inkarniert ist, denn inkarnieren muß der Mensch etwas. Inkarniert er nicht das Göttliche, hat es aufgehört, daß er das Göttliche inkarniert, so inkarniert er ein Widergöttliches, so inkarniert er den Feind des Göttlichen. Und Sie mögen interpretieren, wie Sie wollen, recht werden Sie nur haben, wenn Sie verstehen, daß diejenigen, die um den Christus Jesus waren, gesagt haben: In dem Römerreich, das sich in der Welt ausbreitet, liegt die Inkarnation des Feindes des Göttlichen.

Das ist elementares, das ist wirklich erkennendes Fühlen und fühlendes Erkennen in der Christenheit, die um den Christus Jesus war. Und niemals wieder würde von diesem christlichen Gesichtspunkt aus in dem, was in Dependenz von dem Römerreich sich weiter entwickelt hat, etwas anderes [gesehen worden sein] als das bloß irdisch gewordene Reich, das Reich der Welt, im Gegensatz zu den Reichen der Himmel. Das heißt aber mit anderen Worten: Diejenige Welt, die einmal da war, die göttliche Welt, ist untergegangen, und sie geht unter mit dem Römerreich. Der Untergang vollzieht sich in den ersten drei Jahrhunderten bis zu der Mitte des 15. Jahrhunderts, von der ich Ihnen gestern gesprochen habe. Der Untergang vollzieht sich. Es ist eine untergegangene Welt, die da sein wird, eine Welt, die von sich allein nicht mehr das Göttliche hergibt, eine Welt, die nur noch Kunde von dem Göttlichen gibt. Man muß sich wenden an den Letzten, der der Erste geworden ist, an die göttliche Inkarnation des Christus in dem Jesus, die durch ihre Kraft die Möglichkeit gibt, durch die Handhabung — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf —, durch die Handhabung desjenigen, was mit der Erfüllung durch den Heiligen Geist in einem vorgeht, nun nicht durch Natur, sondern in unmittelbarer Art zu der göttlich-geistigen Welt zu kommen, die man dann auch wiederum in der Natur finden kann, wenn man sie in Anlehnung an den Christus Jesus durch die Vermittlung des Geistes gefunden hat. Die Welt geht unter. Der Christus kommt nicht als ein Erdenbürger mehr, aber aus den Wolken, aus dem Kosmos her kommt er wieder. Und so kommt er zu allen, die ein Bewußtsein davon haben, daß dasjenige, was im alten Sinne Welt genannt worden ist, mit dem Römerreich zugrundegegangen ist.

Meine lieben Freunde! Eine unangenehme Wahrheit für diejenigen, die ganz im heutigen Zeitbewußtsein drinnenstehen wollen, sie wissen nichts damit anzufangen; eine unangenehme Wahrheit allerdings für diejenigen, die aus einer falschen Auffassung heraus das Christentum vor der heutigen Zeit entschuldigen wollen. Das ist ein besonderes Kapitel des Darinnenstehens in der heutigen Welt, wenn die Menschen kommen und sagen, das Christentum sei etwas Unpraktisches, das Christentum sei etwas, was von der Welt wegführt, das Christentum habe ein mystisch-atavistisches Element in sich, das weltfremd macht. Und dann kommen diejenigen, die das Christentum entschuldigen wie sie es können, indem sie hinwegdiskutieren, was diejenigen sagten, die aus einer starken Geistigkeit so gedacht haben über die Welt und die doch noch zur Welt ein Verhältnis hatten. Es wird die Entschuldigung vorgebracht, daß man sagt, die Dinge seien nicht so zu verstehen, es sei gar nicht so schlimm gemeint mit dem Fliehen der Welt und mit dem Untergang der Welt, es gehe ein kontinuierlicher Fortgang über die ersten Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart herein; die Welt sei gerecht, und alles, was irgendein fanatischer Priester oder irgendein fanatischer Seelsorger vorbringe über den Abfall der Welt von Gott, das sei ja nun wirklich nicht so schlimm gemeint, das sei durch den katholischen Einfluß hereingekommen, man müsse es ausmerzen. Kurz, meine lieben Freunde, ein großer Teil des seelsorgerischen und theologischen Wirkens besteht ja darin. Legen Sie die Hand aufs Herz und erkennen und fühlen Sie aus dem heraus, [was ich gesagt habe,] die Notwendigkeit einer Erneuerung des Christentums, der christlichen Impulse, denn ein großer Teil desjenigen, was heute über das Christentum gepredigt und diskutiert wird, besteht ja in einem fortwährenden Zurückweichen vor dem Anerkennen des groben Intellektualismus und dem stückweisen Ausmerzen alles dessen aus dem Christentum, was gerade in tiefster Weise durch ein starkes Denken erfaßt werden sollte, durch ein so starkes Denken, daß die Welt Gott findet durch Christus, und wenn sie Gott durch Christus gefunden hat, das auch wiederum praktisch werden lassen kann, indem sie nun das gefundene Göttliche, das im Denken ergriffene Göttliche, auch in die gottlose Welt hineintragen kann, um sie zur Wiedervergöttlichung zu bringen.

Diese Stärke muß derjenige in sich tragen, der heute von einer Erneuerung des Christentums sprechen will, er muß sich sagen können: Ja, wir müssen heute hinschauen auf die entgöttlichte Welt, die mit dem Römerreich begonnen hat, die bis zum Römerreich zurückreicht; in dieser Welt aber dürfen wir nicht das Göttliche suchen. Ohne das Göttliche darf aber die Welt nicht bleiben. Wir müssen uns an dasjenige halten, was nun nicht von der Erde kommen kann, was — symbolisch gesprochen - aus den Wolken kommt, was auf geistige Art kommen muß. Die Reiche der Himmel müssen wir finden an der Stelle der entgöttlichten Erdenreiche. Angebrochen sind die Reiche der Himmel, sie sind da, und um so mehr müssen sie da sein, je mehr wir unsere Erde entgöttlichen. Der Untergang der Welt hat sich vollzogen und vollzieht sich weiter und weiter. Und wenn wir aufschauen von diesem Reiche der Erde, dann blicken wir auf die Reiche der Himmel, die der Christus Jesus gebracht hat. Sie müssen sehen, meine lieben Freunde, das Reich der Himmel im Geiste. Wir müssen seine Ankunft erblicken; wir müssen fühlen können die Erfüllung desjenigen, was der Christus meint, wenn er von dem Herankommen seines Reiches spricht, des Reiches, das er der Welt zu bringen hatte, und das nun nicht aus der Natur spricht; wenn es aber in die Natur hineinwirken kann, dann kann man von diesem Reiche sprechen. Das ist es, was er zunächst als eine Empfindung anregen muß bei denjenigen, die ihn unmittelbar umgeben. Das ist es auch, was wir suchen müssen in unser Wort aufzunehmen, wenn wir wirklich von jenen Dingen sprechen wollen.

Wir sehen, wie es etwa im 3.Satz des 13. Markus-EvangeliumKapitels heißt: Nachdem Christus aus dem Tempel gegangen ist — dem Tempel, in dem man auch etwas vernommen hat innerhalb der äußeren Welt von dem Göttlichen —, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Siehe, welche Gebäude, welche Steine. — Jesus aber sprach zu ihm: Du siehst allein diese großen Gebäude. Kein Stein kann über dem anderen bleiben, ohne daß man teilnimmt an dem Werke der Zerstörung, denn von jetzt ab beginnt alle äußere, ungöttlich gewordene Welt, eine sich zerstörende Welt zu werden. — Und er ging hinweg und sprach ganz intim. Denn auf dem Ölberg spricht er entweder nur intim mit sich selber, indem er die Menschen beten lehrt, oder er spricht nur zu seinen Intimsten, zu Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas. Und zu Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas spricht er nun dasjenige, was er zu sprechen hat als die Ereignisse des geistigen Geschehens, die angesehen werden von der Perspektive des göttlichen Reiches, im Gegensatz zu den Ereignissen der der Zerstörung entgegengehenden Welt.

Sie sehen, ich rede nicht allegorisierend, ich rede nicht symbolisierend. Wenn Sie das so empfinden würden, würden Sie das in meine Worte erst hineintragen. Ich rede unmittelbar aus der Situation und dem Erleben des damals Stattgehabten heraus, indem ich versuche, allerdings mit Worten der heutigen Sprache, auf alle diese Dinge hinzudeuten. Und ich bitte Sie, nun zunächst auf die Situation zu achten. Wir werden, um den Inhalt des 13. Markus-Evangelium-Kapitels geoffenbart zu erhalten, auf den Ölberg geführt. Es schließt mit dem Worte: Wachet! —- Und unmittelbar nachher werden wir im Sinne des Markus-Evangeliums zu dem letzten Abendmahl geführt; wir werden also zu demjenigen geführt, womit der erste Anstoß zum Herankommen des Gottesreiches durch Christus vor uns hingestellt wird.

Davon werde ich dann morgen weiter sprechen. Es ist schon so, daß ich zu Ihnen ganz neu spreche, zu dem heutigen Bewußtsein. Ich will durchaus ehrlich sprechen, so wie sich mir die Dinge darstellen, denn ich glaube, daß man nur so, indem man auf allererste Elemente hinweist, zu einer wahren und ehrlichen Überzeugung von dem kommen kann, was heute notwendig ist.

German original of Prophecy, Dogma and Paganism · ← Previous · Next →