The Foundation Course
GA 343 — Dornach
Neunter Vortrag
Emil Bock: Ich will die heutige Diskussionsstunde eröffnen und nehme an, daß ich in Ihrem Einverständnis handele, wenn ich bitte, die gestern noch offen gebliebenen Fragen jetzt womöglich weiter zu beantworten. Ich glaube, daß diese Bitte von Ihnen wohl unterstützt wird. Es wird sich dann wohl darum handeln, wenn ich in Ihrem Namen diese Bitte präzisieren soll, wie nun dieser ganze Fragenkomplex in bezug auf die apostolische Sukzession in Zukunft wieder in Frage kommt, wo gewissermaßen mit der Notwendigkeit der Einsetzung einer neuen Tradition gerechnet werden muß. Und im Zusammenhang damit war uns ja die Frage bedeutsam gewesen, wie wir uns, da wir ja zum größten Teil Protestanten sind, zu dem Werk und zu der Persönlichkeit Luthers und gerade zu der Stellung Luthers zu den Sakramenten und zu dem ganzen Mysteriengehalt des Christentums überhaupt zu verhalten haben. Wenn ich recht unterrichtet bin, war das die Frage, die uns allen jetzt als die nächstfolgende erschien, und ich darf wohl Herrn Dr. Steiner bitten, auf diese Fragen, soweit er es für möglich erachtet, eingehen zu wollen.
Rudolf Steiner: Meine lieben Freunde! Ich werde mich also bemühen, dasjenige, was gestern in dieser Beziehung hier angedeutet, begonnen worden ist, fortzusetzen und hoffe, daß die zahlreichen Fragen, die eigentlich aus einer solchen Auseinandersetzung hervorgehen müssen, von den verschiedenen Seiten dann auch des weiteren aufgeworfen werden, denn es würde für das Programm, das für diesen Dornacher Kurs gesetzt worden ist, gerade im eminentesten Sinne notwendig sein, daß möglichst wenige Zweifel und Unklarheiten zurückbleiben.
Also ich werde mich zunächst bemühen, hinzuleiten auf den eigentlichen Fragenkomplex, und wir werden dadurch vielleicht die Unterlagen bekommen zu weiteren Besprechungen. In der Tat hängt ja alles das, was eben Herr Lizentiat Bock gesagt hat, eigentlich zusammen, so daß ich sagen kann, es hängt viel daran, welche Meinung unter Ihnen auftauchen kann in diesem Augenblick über die Stellung von Protestantismus und Katholizismus. Ich glaube eben durchaus annehmen zu können, daß Sie hierher gekommen sind aus einem ganz positiven Grund, nämlich dem, den Weg zu finden aus den religiösen Wirrnissen der Gegenwart heraus. Ich selber will durchaus nicht sagen, daß mir irgendwie es naheliegt, nach der einen oder nach der anderen Seite diesen Weg beeinflussen zu wollen. Denn es handelt sich ja dabei nicht bloß um irgendeine Erkenntnis, sondern um Willensentschlüsse, und diese müssen aus Ihrer innersten Überzeugung herauslaufen, sind aber natürlich in der verschiedensten Weise möglich zu motivieren, so daß wir uns über die mögliche Motivierung Ihrer Willensentschlüsse eigentlich besprechen müssen. Es wird zum Beispiel sehr viel davon abhängen, wie Sie zu einem Willensentschluß kommen gegenüber dem Abgrund, der da klafft zwischen Katholizismus und dem evangelischen Christentum, dem Protestantismus und so weiter. Denn, nicht wahr, Ihre Entschließung wird wesentlich anders ausfallen — ich meine jetzt die Entschließung der Majorität der hier Anwesenden -, wenn Sie darauf Rücksicht nehmen, das Christentum möglichst so weit zu fassen, daß zum Beispiel jetzt in Ihre Gemeindebildungen übergehen kann alles dasjenige, was Christ sein will in der Welt. Das wäre ein Ideal, ich möchte sagen, es wäre außerordentlich zu wünschen. Aber Sie werden gegenüber dem Katholizismus — wobei ich den Katholizismus jetzt streng trenne von der römisch-katholischen Kirche -, Sie werden gegenüber dem Katholizismus keine Möglichkeit finden, von der evangelischen Seite her den Abgrund zu überbrücken, wenn Sie nicht ein gegenseitiges Verständnis gewinnen über den in der katholischen Welt verankerten Sakramentalismus. Sie können sich natürlich auch auf den Standpunkt stellen: Das geht uns zunächst nichts an, wir wollen eine lebensfähige kirchliche Bewegung schaffen, und dann mag es sich zeigen, wie sich diese lebensfähige kirchliche Bewegung in der Welt behauptet. — Auch diesen Standpunkt werden Sie einnehmen können; das erfordert dann nicht eine so strikte Verständigung mit dem Katholizismus als solchem. Sie werden aber erst Unterlagen zu einem Urteil nach dieser Richtung gewinnen können, wenn Sie sich aus gewissen historischen Untergründen heraus ganz klar darüber werden, worin eigentlich das Auftun dieses Abgrundes beruht. Denn heute liegt die Sache eigentlich so, daß derjenige, der innerhalb des Katholizismus stehengeblieben ist, das heißt also mit seinem Menschen in dem praktischen Katholizismus drinnensteht, eigentlich das evangelische Gemüt nicht verstehen kann. Ebensowenig kann derjenige, der aus den heutigen evangelisch-protestantischen Traditionen heraus gewachsen ist, aus modernen Anschauungen aller Schattierungen, die eben in den evangelischen Kirchen verankert sind, wenn er ganz damit verbunden ist, kaum leicht den Weg über den Abgrund hinüber finden. Gerade über das Warum dieser damit aufgeworfenen Frage muß man sich klar werden, bevor man zu einer Entscheidung kommen kann.
Der Katholizismus trägt in sich diejenige Anschauung, welche aus dem modernen Bewußtsein, dem eigentlichen modernen Bewußtsein verschwunden ist, man könnte sagen, wenn man einen deutlichen Zeitpunkt angeben will, seit dem 15. Jahrhundert. Und es war durchaus sachgemäß — aber eben verbunden wiederum mit römischpolitischen Impulsen, die dann das Sachgemäße in den Hintergrund haben treten lassen —, es war durchaus in einer gewissen Weise sachgemäß, um nun auch erkenntnismäßig den Katholizismus zu halten, den katholischen Klerikern die Verpflichtung aufzuerlegen, zu der Philosophie des Thomas von Aquin zurückzukehren, also zu derjenigen Philosophie, welche die Kulmination des philosophischen Denkens vor dem 15. Jahrhundert bedeutet. Man kann sagen: Ohne in dieser Philosophie zu leben, kann man eigentlich keine erkenntnistheoretische Rechtfertigung des Sakramentalismus finden, wie er in der katholischen Kirche geübt wird. Dagegen liegt das protestantisch-evangelische Bewußtsein durchaus innerhalb derjenigen Entwickelung, welche erst nach dem 15. Jahrhundert eingesetzt hat. Wenn Sie das Ringen zwischen diesen beiden Strömungen durchleben wollen, dann wenden Sie sich an die Werke des Nicolaus Cusanus, der gerade im 15. Jahrhundert, man möchte sagen, mit aller Intensität die Frage für sich aufgeworfen hat: Wie stehen Vergangenheit und Zukunft in meiner Seele jetzt nebeneinander?, und der in einer gewissen Weise durch Zurückgehen zu gewissen Seelenerlebnissen, die sich an den Namen des Dionysius Areopagita knüpfen, für sich dann eine Brücke geschaffen hat.
Ich habe gestern gesagt, der Protestant sieht sehr richtig in der Art, wie der Katholik sein Meßopfer auffaßt, etwas Magisches, und das ist durchaus richtig. Aber man ist ja, wenn man die Bildungssubstanz der neueren Zeit annimmt, eben gar nicht imstande, dieses Magische ohne weiteres zuzugeben. Man wird, wenn man nur von dem modernen Bewußtsein ausgeht, keinen Unterschied finden zwischen einem Meßopfer, das hineingestellt ist in die Kontinuität der christlichen Entwickelung, und einem Meßopfer, das eben einfach in Wort, Zeichen und Handlung alles dasjenige enthält, was dem äußeren Sinnenanschauen nach in dem Meßopfer vorkommt. Jenseits des Verständnisses für den Inhalt liegt nämlich das Verständnis für dasjenige, was dem Katholiken das Meßopfer ist; und das liegt daran, daß eben das einheitliche Weltverständnis durchaus in der neuesten Zeit für die Menschheit verlorengegangen ist, dieses einheitliche Weltverständnis, welches den Geist auf der einen Seite begreift, die Natur auf der anderen Seite begreift. Ich möchte sagen, die Wege des Erkennens haben sich mehr der Natur zugewendet, und die Einsicht in die geistige Welt ist geschwunden, und mit ihr die Möglichkeit, gewisse Mysterien als solche zu durchschauen. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß im Bewußtsein eines jeden katholischen Priesters auch der substantielle Gehalt über das Meßopfer vorhanden ist. Aber immerhin, in der katholischen Gemeinschaft ist das Bewußtsein von dem substantiellen Gehalt des Meßopfers soweit vorhanden, daß man schon davon als von einer Realität auch in der Gegenwart noch immer sprechen kann.
Ich kann Ihnen das, was hier vorliegt, doch wiederum nicht anders klarmachen, als wenn ich von dem Erkenntnisstandpunkt ausgehe. Denn alles dasjenige, meine lieben Freunde, was in diesen Tagen in die Diskussion hineingeworfen wurde, was in dem Elaborat Dr.Rittelmeyers und in dem Elaborat von Dr.Schairer steht über die Bestimmung des Religiösen und die Abgrenzung des religiösen Standpunktes vom Erkenntnisstandpunkte, alles das ist ja für den Katholiken gänzlich unverständlich, [es ist für ihn] im Grunde genommen gar nicht vorhanden. Und wenn er doch darauf eingeht als Modernist oder sonstwie, dann ist er im Grunde genommen auch innerhalb des Katholizismus schon vom Protestantismus hingenommen. Für den Katholiken bilden alle diese Dinge nicht im geringsten irgendwelche Fragen; man kann für ihn die Fragen nicht so formulieren. Denn für den wirklichen Katholizismus wäre die Annahme, daß es ein bloßes Gefühlsverhältnis des Menschen zu Gott geben sollte ohne einen religiösen Dogmeninhalt, etwas absolut Unverständliches; der religiöse Dogmeninhalt muß sich beziehen auf die übersinnliche Welt. Gewiß, Sie können sagen, gerade die Scholastik mache diesen, vom Protestantismus dann in einer anderen Weise übernommenen Unterschied zwischen dem, was man wissen kann und dem, was man bloß glauben soll. Aber die Scholastik macht diesen Unterschied keineswegs in derselben Weise. [Für die Scholastik] ist der Unterschied zwischen Wahrheiten, die durch bloße menschliche Vernunft erreicht werden, und denjenigen Wahrheiten, die der Offenbarung unterliegen, im Grunde genommen nur ein solcher, der sich bezieht auf die verschiedene Art und Weise, wie der Mensch zu diesen Inhalten kommt; aber es ist kein prinzipieller Unterschied. Es ist ja im Sinne der Scholastik durchaus so, daß ganz gewiß die «Praeambuli fidei» da sind, die durch die gewöhnliche Vernunft erreicht werden können, und darüber liegt die Offenbarungswahrheit; aber die Offenbarungswahrheit hat ebenso einen realen Inhalt, zu dem man sich denkend zu verhalten hat, wie die naturwissenschaftlichen Wahrheiten, zu denen man sich ja auch denkend verhält. [Man hat sich also] zu den Wahrheiten, die einem geoffenbart sind, genauso zu verhalten [wie zu naturwissenschaftlichen Wahrheiten]. Es ist nur ein Unterschied in bezug auf die Art, wie der Mensch zu den Wahrheiten kommt, nicht dieser prinzipielle Unterschied, der in diesen Tagen hier erörtert worden ist. Darin liegt ein außerordentlich Wichtiges, und damit ist im Grunde der Abgrund eigentlich gegeben.
Sehen Sie, deshalb muß ich, indem ich hier das Sakramentale, indem ich die Messe erklären soll, auf diesen Erkenntnisinhalt einmal eingehen. Wenn heute der Mensch die zwei äußersten Pole des menschlichen Lebens ins Auge faßt, die Geburt mit Embryonalleben und Konzeption - ich will diese drei unter dem einheitlichen Namen «Geburt» zusammenfassen —, die Geburt auf der einen Seite und den Tod auf der anderen Seite, so faßt er dasjenige, was für den physischen Menschen damit geschieht, eben durchaus in der Ordnung naturwissenschaftlicher Geschehnisse auf. Der heutige Mensch, auch wenn er Theologe ist, redet über Geburt und Tod, wie man über naturwissenschaftliche Geschehnisse redet, wenn es sich um den physischen Menschen handelt. Gerade deshalb wird ja in der heutigen Zeit so schroff die Mauer aufgerichtet zwischen Glauben und Wissen, weil man gegenüber dem, was einem genommen wird durch die rein naturwissenschaftliche Erkenntnis von Geburt und Tod, etwas behalten will, was man zwar für die Religion dann hat, was sich aber in das Wissen nicht einreihen läßt. Wie sieht der heutige Mensch auf die Geburt hin? Es wird Ihnen sonderbar erscheinen, daß ich genötigt bin, von der Geburt zu sprechen, wenn ich von der Messe sprechen will, aber ich würde von der letzteren nicht sprechen können, ohne von der Geburt zu sprechen. Der Mensch sieht auf die Geburt so hin, daß er den menschlichen Embryonalkeim studiert und fragt: Was geschieht durch die Befruchtung im Embryonalkeim? — Er fragt dann: Wie wird die männliche und wie die weibliche Vererbungssubstanz aufgenommen, und was geht da eigentlich, in der Weise, wie man es naturwissenschaftlich durchschauen kann, von den Vorfahren über auf das Kind? — Der heutige Mensch muß, nach allen Antezedenzien, die ihm aus seiner naturwissenschaftlichen Bildung vorliegen, durchaus diesen Standpunkt einnehmen. Dieser Standpunkt übt eine so kolossale Suggestion auf den modernen Menschen aus, daß er [einen Standpunkt], der nicht so sieht, geradezu wie eine Art Wahnsinn ansehen muß. Denn alles, was im modernen Menschen heranerzogen wird und sich dadurch in seine Denkgewohnheiten hineinverfilzt, alles das leitet eben den Menschen dahin, die Fragen nur so stellen zu können. Dann kann er, wenn er sagt: diese Frage kann einmal durch das Wissen beantwortet werden —, höchstens hinzufügen: dem Glauben bleibt dann die Art und Weise, wie mit diesem Leib die Seele vereinigt wird. Aber es ist eben doch nicht so. Und hier liegt einer der Punkte, wo Sie sich so recht anschaulich machen können, daß es doch für Anthroposophie eine gewisse Bedeutung hat, an die moderne Naturwissenschaft anzuknüpfen und sie weiter zu entwickeln. Denn für die anthroposophische Forschung zeigt sich nämlich, daß durch die Konzeption die Materie, wie sie im menschlichen Organismus vorhanden ist, in ihrer Wirkungsweise völlig ausgeschaltet wird. Wer ein befruchtetes weibliches Ei ins Auge faßt in seiner Weiterentwickelung, der faßt eben etwas ins Auge, was durch die Konzeption von allen irdischen Geschehensmöglichkeiten ausgeschlossen worden ist. Es ist im befruchteten Ei ein Chaos geschaffen, in dem alles Wirken, das der modernen Naturwissenschaft zugänglich ist, zunächst ausgeschlossen ist. Wenn ich das schematisch zeichne, hört das hier auf. (Während der folgenden Ausführungen wird an die Tafel gezeichnet.) Darin besteht die Befruchtung, insofern sie im Menschenreich wirkt, daß ein Ort geschaffen wird, innerhalb dessen die Erdenwirkungen aufhören, alles dasjenige aufhört, was durch Naturwissenschaft erreichbar ist. Dadurch ist die Möglichkeit geschaffen, daß innerhalb dieses Ortes kosmische Wirksamkeit Platz greift, peripherisch-kosmische Wirksamkeit. Da drinnen geschieht jetzt nicht dasjenige, was durch Erdennaturwissenschaft erreichbar ist. Ich zeichne hier die Erde, hier ist das Reich der Menschen, das ist die Peripherie, die Sie natürlich unermeßlich weit hinauslegen können. Während wir überall sonst im Bereich der Menschen die Wirkungen der Erde haben, auch noch bei Vater und Mutter sonst, so haben wir hier — wenn ich diesen Kreis hereinzeichne - Wirkungen von der Peripherie, von den unermeßlichen Weiten hereinwirkend, so daß dasjenige, was da geschieht, in die der Naturwissenschaft gegebene Welt hereinkommt. Eine Vorstellung, die dem modernen Menschen ganz fernliegt, weil sie verlorengegangen ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Wenn Sie in der Nähe von Neapel sind, so brauchen Sie, wenn Sie über gewisse Erdflächen gehen, nur ein Stück Papier zu nehmen und anzuzünden, so raucht es aus dem Boden heraus, Diejenigen, die in Italien gereist sind, werden das ja gesehen haben; es raucht von der Erde heraus. Warum raucht es denn? Weil das, was herausraucht, in der Erde drinnen ist und durch den gewöhnlichen Luft Tafel 5 druck festgehalten wird; zünden wir ein Papier an, so wird dadurch der Luftdruck geringer, und das, was sonst unter der Erde ist, schiebt sich heraus.
Durch die Befruchtung wird das Erdenwirken ausgeschlossen, und das Himmelswirken macht sich dadurch geltend. Es ist das Umgekehrte von dem, was man an den Solfataren demonstrieren kann. Während wir es sonst, wenn wir auf der Erde die Erscheinungen untersuchen, mit Zentralwirkungen zu tun haben, also mit etwas, was von der Erde ausgeht, [dessen Zentrum] gewissermaßen in der Richtung der Schwere liegt, haben wir es im embryonalen Wirken tatsächlich mit peripherischen Wirkungen zu tun, die gewissermaßen von unermeßlichen Weiten nach dem Zentrum hinwirken. Sie kommen zur Wirksamkeit in dem Moment, wo die irdische Wirksamkeit ausgeschlossen ist. Und wenn wir nun eingehen auf das, was hier geschieht, so müssen wir bei der Embryonalbildung des Menschen Vorgänge ins Auge fassen, bei denen es sich um das Teilnehmen des ganzen Kosmos an der Menschenentstehung handelt, und nicht um solche Vorgänge, die irdisch sind. Das erste, mit dem wir es zu tun haben, ist ja, daß zunächst aus der geistigen Welt ein Mensch kommt, ein Ich, daß der Mensch aufhört, innerhalb der geistigen Welt zu leben und beginnt, innerhalb der physischen Welt zu leben. Das zweite, was geschieht — und das geschieht auf dem weiteren Wege der embryonalen Entwickelung -, ist, daß er die Verwandtschaft mit der physischen Materie eingeht. Das dritte, was geschieht, ist, daß nun dasjenige, was durch den Menschen herauskommt aus der geistigen Welt und eine Verwandtschaft eingeht mit der physischen Welt und alle dem, was darin noch liegen kann an Aufstrebendem, daß alles das, was vom Kosmos hereinkommt aus dem Peripherisch-Zentralen, im Gegensatz zu dem Zentral-Peripherischen, von dem Zentralen hingenommen wird. Durch das alles beginnt jetzt die eigentliche Erdenwirksamkeit, die Inanspruchnahme des Menschen von dem Irdischen. Und das letzte, das vierte, ist die Vorbereitung der menschlichen Innerlichkeit im Leibe, die erst dann herauskommt, wenn der Mensch das Sprechen gelernt hat. So daß wir sagen können: Die Vorgänge, die sich abspielen durch die Geburt, sind: Das Herabsteigen des Menschen aus der Gemeinschaft mit dem Geistigen; wenn Sie ein Wort dafür haben wollen, können Sie sagen «Exkommunion»; das Herabsteigen also, das Herabkommen. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
1.) Herabkommen Das zweite ist das Eingehen der Verwandtschaft mit der Materie. (Es wird an die Tafel geschrieben:) 2.) Verwandtschaft mit der Materie Das dritte ist das Inanspruchgenommenwerden von den irdischen Zentralkräften, das Sichanpassen der Erde. (Es wird an die Tafel geschrieben:) 3.) Anpassen der Erde Und das vierte ist die Vernehmbarkeit, die Sprachfähigkeit, die allerdings erst in dem Maße herauskommt, als die embryonale Tätigkeit noch nach der Geburt beim Menschen stattfindet. (Es wird an die Tafel geschrieben:) 4.) Sprachfähigkeit Ganz anders kommt man dem Mysterium der Geburt nahe, indem man es so betrachtet, meine lieben Freunde. Wie werden wir denn dann dem Mysterium des Todes nahekommen, das der andere Pol des Menschenlebens ist? Nun, wenn wir den Weg zurückmachen, wenn wir beginnen bei der Sprachfähigkeit, im Evangelium, (es wird an die Tafel geschrieben:)
Evangelium 1.
so schaffen wir im Gegensatz zu dem Inanspruchgenommenwerden durch die Zentralkräfte der Erde das Wiederhinaufsteigen, das Wiedersichanpassen den Peripherien; das aber geschieht im Rauchopfer. Das Gegenteil von «Drei» also vollziehen wir, indem wir dasjenige, was wir bekommen, indem wir uns der Erde angepaßt haben, nun dem den Zentralkräften der Erde entgegenwirkenden Rauch anvertrauen. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
Opferung 2.
Mit anderen Worten, was tun wir hier? Wir sprechen zuerst im Evangelium das Wort, und wir werden uns bewußt, daß wir dieses Wort so aussprechen, daß es nicht unser eigenes Wort ist, in dem Sinne, wie ich das gestern gesagt habe, sondern daß es in die Objektivität übergeht. Wir übergeben das Wort dem Rauch — dem Rauch, der in der Lage ist, in seiner Form die Form des Wortes anzunehmen. Gewiß, Sie werden sagen, andeutungsgemäß, aber eben doch andeutungsgemäß. Das Opfer besteht ja darin, daß wir das ausgesprochene Wort, das Wellen wirft, dem Rauch anvertrauen, der es nun hinaufträgt. Unser Wort selber wird hinaufgetragen. Kehren wir die Verwandtschaft mit der Materie um, so kommen wir zu dem Entmaterialisieren in der Transsubstantiation, in der Wandlung. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
Transsubstantiation 3.
Wir haben bei unserer Kindwerdung aus der Peripherie des Kosmos herein unser Ich geführt, wir führen es im Sterben wiederum hinaus, und wir haben dafür das Zeichen der Transsubstantiation, der Entmaterialisierung. Woher kommt diese Kraft? Nun, genau wie die peripherischen Kräfte nach dem Zentrum wirken, wenn wir von der Geburt reden, wirken jetzt die Kräfte, die wir schon angerufen haben in der Opferung, nach der Welt hinaus. Sie wirken, weil wir dem Rauch anvertraut haben unser Wort. Sie wirken jetzt vom Zentrum aus und sie tragen das entmaterialisierte Wort hinaus durch die Kraft der Rede selber, und dadurch kommen wir in die Lage, das vierte zu vollführen, das Gegenteil des Herabkommens: die Vereinigung mit dem Oberen, die Kommunion. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
Kommunion 4.
Nun aber, meine lieben Freunde, werden wir nicht nur im Beginne unseres Lebens geboren, sondern die Kräfte, die in der Geburt wirken, wirken fort, nur daß sie abgedämpft werden, wenn wir von dem Mutterleib in die äußere Luft getragen werden. Sie werden abgedämpft, aber sie wirken fort, in abgedämpfter Art wirken sie fort. In der Sprachentstehung liegt die allerdeutlichste Fortsetzung desjenigen, was in den Embryonalkräften auch in bezug auf den übrigen Organismus vorhanden ist. Aber auch außer den sprachbildenden Kräften wirken die embryonalen Kräfte fort, am stärksten wirken sie jedesmal dann, wenn das Schlafen beginnt bis zum Aufwachen. Da wirken viel deutlicher die Embryonalkräfte fort beim Menschen als im Wachzustande. Es ist nur noch ein Extrakt desjenigen, was während der Embryonalzeit gewirkt hat, aber während der Schlafensruhe wirken eben diese Embryonalkräfte fort. Dann wirken aber auch in uns fortwährend die Sterbekräfte. In jedem Augenblicke werden wir geboren und sterben wir. Es wirken die Sterbekräfte. Es wirkt in uns der umgekehrte Vorgang fort, der von dem Herabkommen bis zur Sprachfähigkeit gewirkt hat; der Vorgang wirkt in uns, der von dem Evangelium bis zur Kommunion führt, von der Sprache bis zur Vereinigung mit dem Göttlich-Geistigen. Aber dasjenige, was also ein Sakrament ist in der Messe, das ist im Äußeren vollzogen ein Vorgang, der in uns fortwährend dem Geborenwerden entgegenwirkt. Das ist dasjenige, was die fortdauernden kontinuierlichen Sterbekräfte in uns ausmachen.
Sehen Sie, ein solcher sakramentaler Prozeß wurde auch in den alten Mysterien vollzogen. Warum konnte er vollzogen werden, dort in den alten Mysterien? Er konnte vollzogen werden, weil im Menschen vorhanden war ein gewisses Erbe an Geisteswahrnehmung. In dem Augenblick, wo der Mensch, der da lebte vor dem Mysterium von Golgatha, das entsprechende Wort aussprach, also dasjenige aussprach, was wir heute in den Evangelien haben, wurde dieses Wort in Anspruch genommen von dem Göttlich-Geistigen. Mit der Zeremonie übergab der Mensch das Geheimnis seines fortdauernden Sterbens den göttlich-geistigen Mächten. Diese göttlichgeistigen Mächte haben in der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha hineinfällt, die Erde verlassen. Es ist nur ein Vorurteil historischer Art, [zu glauben,] die Erde sei in kontinuierlicher Entwickelung. Das ist nicht so; es ist durchaus nicht so. Wäre das Mysterium von Golgatha nicht geschehen, wir würden heute eine solche Zeremonie so vollziehen können, daß wir dasjenige, was stirbt, nur übergeben würden der ätherischen und der astralischen Welt, nicht aber der Welt, der unser Ich angehört. Das war vor dem Mysterium von Golgatha eben nicht so. Hier wird etwas berührt, meine lieben Freunde, was der Mensch heute nach seiner intellektualistischen Bildung gar nicht glauben kann, weil er die Antezedenzien nicht dazu hat. Er kann nicht glauben, daß Feuer, Luft, Wasser, Erde seit dem Mysterium von Golgatha etwas anderes sind, als sie früher waren. Das ist nur eine Zeitbestimmung, [nicht,] daß ich damit die Frage beantworte: Was wäre mit der Erde geschehen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre? — Also schalten wir zunächst einfach das Mysterium von Golgatha aus, und fragen wir uns: Was wäre diese Zeremonie geworden, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre?
Sie wäre ein Vorgang, der durch die Prozesse des Todes unser Wesen nur bis zum astralischen Leib hinauf konservieren würde. Der physische Leib würde sich in der Erde auflösen, der Ätherleib würde im Äthermeere verschwimmen, und der astralische Leib würde übergehen in die astralische Welt, aber das Ich wäre verdorben, das Ich müßte sein Ende erreicht haben in irgendeiner Verkörperung, das Ich könnte nicht durch die Pforte des Todes gehen. Das ist das Geheimnis der Erdenentwickelung, daß, bevor unsere Zeitrechnung begonnen hat, der Mensch etwas übrig behielt, was er noch durch die Pforte des Todes hindurch retten konnte, und das er sich anschaulich machen konnte durch diese Zeremonie. Diese Zeremonie wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre, eben das geworden, was sie werden konnte, als die letzten geistigen Wesenheiten, die noch mit dem menschlichen Ich Verwandtschaft haben, Abschied genommen haben von Wärme, Luft, Wasser, Erde, und als in Wärme, Luft, Wasser, Erde nur diejenigen Wesen geblieben sind, die noch mit unserem Ätherischen eine Verwandtschaft haben, die noch mit unserem Astralischen eine weitere Verwandtschaft haben, aber nicht mehr mit dem menschlichen Ich.
Das, meine lieben Freunde, war die große Furcht der Dämonen, als sie den Christus erkannten, der auf die Erde gekommen war. Sie hatten gedacht, die Herrschaft nun antreten zu können und das menschliche Ich von der Erde austilgen zu können. Es ist das deutlich im Evangelium ausgedrückt, wie die Dämonen sich gebärdeten, als sie erkannten, wer da gekommen ist. Denn sie wußten, ihr Weltenplan ist durchkreuzt, sie hatten gehofft - aus den Sphären, aus denen sie hervorgegangen sind, konnten sie das hoffen —, nun die Herrschaft der Erde in die Hand zu nehmen. Der Christus war in die Erde eingetreten, und durch dasjenige, was durch den Christus aus geistigen Welten heruntergetragen worden ist in das Erdengeschehen, hat die Zeremonie ihren neuen Inhalt bekommen, ist in dieser Zeremonie anwesend geworden die Christus-Wesenheit.
Das ist eine Sache, die durchaus geisteswissenschaftlich verfolgt werden kann. Man muß nur dasjenige wirklich in sich aufnehmen, was ich eben, ich möchte sagen, fadengezeichnet habe, was ich Ihnen skizzenhaft, wie durch eine kleine Zeichnung gegeben habe. Man muß anfangen, ein richtiges Verständnis zu gewinnen für das Mysterium der Geburt, das in der Natur selbst als Sakrament sich uns entgegenstellt, weil es übernatürlich ist, und man muß daraus sich Verständnis verschaffen für das Sakrament, das im Meßopfer liegt, das übernatürlich wird durch die Anwesenheit des Christus. Wer nicht so reden kann, wie ich jetzt gesprochen habe, wer nicht als einen realen Prozeß verstehen kann den Aufschrei der niederen Dämonen, als sie wahrnahmen die Taten des Christus, und diesen Aufschrei der Dämonen bloß nimmt als Vergleich, wer ihn nimmt als irgend etwas, was in der Wortbedeutung sich erschöpft, versteht nichts von dem, was eine sakramentale Handlung ist, insbesondere die zentralsakramentale Handlung des Meßopfers.
Nun hat aber die Menschheit im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts verlernt, über diese Dinge so sprechen zu können. Man steht ja heute vor dem, was nicht nur landesüblich, sondern erdenüblich geworden ist über die Welt zu sagen, eben wie ein Wahnsinniger da, wenn man spricht von einem realen Ereignis in bezug auf den Aufschrei der Dämonen, als sie den Christus gewahr wurden. Man steht tatsächlich durchaus mit der Empfindung da: Was Weisheit vor Gott ist, ist Torheit geworden vor der Welt. Darum auch ist dasjenige, was Torheit ist vor der Welt, dann in der heutigen Zeit so oft Weisheit vor dem Göttlichen.
Und so trat die Zeit ein, in der das Sakramentale überhaupt nicht mehr hingenommen werden konnte, in der der Intellektualismus alle Kreise ergriff und mit einer solchen Macht wirkte - er wirkte ja zunächst auf unser religiöses und wissenschaftliches Gebiet —, daß er auch das Religiöse ergriff und vor allen Dingen die Theologie. Das hängt durchaus mit den äußeren Ereignissen zusammen, meine lieben Freunde, die sich abgespielt haben und die Sie ja in Mitteleuropa daran verfolgen können, wie dasjenige, was eigentlich aus kirchlichen Schulen heraus sich entwickelt hat als Lehre für die Menschheit, zunächst konserviert wurde in den Universitäten. Studieren Sie, wie die Behandlung der Universitäten vom 14. Jahrhundert ab geschieht, wie sie dann weiter sich entwickeln und sehen Sie, wie die Universitäten allmählich herausgenommen werden aus dem spirituellen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung, wie sie nach und nach verweltlicht werden und wie der Gang der ist, dasjenige, was innerhalb des Geistigen steht, in das Weltliche hineinzuleiten. Studieren Sie, wie die Staaten in Kampf kommen mit dem Kirchlichen, und wie die Staaten — weil die Kirche darauf streng bestanden hat — höchstens noch als Enklave den Lehrgehalt darinnengelassen haben, im übrigen aber das Spirituelle herausgenommen worden ist aus der Entwickelung der Menschheit. Diese geschichtliche Entwickelung muß man eben empfinden, muß man eben fühlen können. Wir stehen heute viel zu kalten Herzens der historischen Entwickelung gegenüber. Wir haben mindestens der historischen Entwickelung gegenüber ganz aufgehört, religiös zu fühlen. Wie sollen wir denn überhaupt die Evangelien erreichen, da sie aus ganz anderen Zuständen der Menschheitsentwickelung hervorgegangen sind, wenn wir aufgehört haben, der historischen Entwickelung gegenüber religiös zu empfinden?
Sehen Sie, da haben Sie den realen Übergang aus dem irdischen Leben in das geistige Leben. Durch die Geburt wird der Mensch heruntergeführt durch vier Stufen in das irdische Dasein bis zur Sprache, durch den Todesvorgang wird er hinaufgeführt von der Sprache bis zur Kommunion. Aber er würde sterben heute [auch mit seinem Ich], wenn er nicht dasjenige aufgenommen hätte, was bis zur Kommunion hin in den ganzen zeremoniellen Vorgängen liegt, wenn er nicht aufgenommen hätte den Christus, der ihn vom Tode innerhalb des Physischen, des Ätherischen und des Astralen bis zum Konservieren des Ich hin rettet, so daß er das Ich auch nach dem Tode haben kann. Mit dem Meßopfer wird das Leben des Menschen der Macht der Dämonen entrissen, derjenigen Macht, welche uns dadurch in Widersprüche verwickelt, daß sie vor allen Dingen mit dem Intellektualismus Begriffe in scharfen Konturen schafft. Aber das Leben lebt nicht in scharfen Konturen, das Leben lebt innerhalb unseres Bewußtseins begrifflich nur dann, wenn ein Begriff organisch in den anderen übergehen kann. In dem Unorganischen, daß wir abgegrenzte Begriffe haben, haben wir nur in unser Bewußtsein verkleidet das Tote. Wir brauchen Begriffe, von denen einer in den anderen übergeht, die lebendig, metamorphosenfähig sind; diese Begriffe allein werden nicht zurückgestoßen, wenn wir sie in unserem Innern fassen, diese Begriffe werden hinausgetragen und sind fähig, durch die Opferung, durch die Transsubstantiation bis zur Kommunion, zur Wiedervereinigung mit dem Göttlichen zu führen, durch das wir entlassen sind auf die Erde herunter.
Wer sich auf den Standpunkt des modernen Bewußtseins stellt, meine lieben Freunde, der stellt sich auf den Standpunkt, den man auf der einen Seite durchaus seit dem 15. Jahrhundert einnehmen muß, wenn man mit dem Fortschritt des Menschengeschlechtes geht. Man muß einfach mit dem Fortschritt gehen; es gibt einen gewissen Standpunkt des Bewußtseins, vermöge dessen wir nicht stehenbleiben können. Auch wenn wir in einen Abgrund hineinstürzen würden, müßten wir mit dem Fortgang des Menschengeschlechtes gehen; dann müßten wir eben einfach die Möglichkeit suchen, jenseits des Abgrundes wiederum weiterzukommen. Das, was seit dem 15. Jahrhundert geschehen ist, war doch notwendig. Das evangelisch-protestantische Bewußtsein hat sich mit dem durchdrungen, was ja sich notwendig im Entwickelungsgang der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert herausentwickeln mußte. Sie sehen, indem dieser Entwickelungspunkt für die Menschheit herannaht, wie in der mannigfaltigsten Weise die Diskussionen auftauchen über die Transsubstantiation, über das Abendmahl. Solange man auf dem sakramentalen Standpunkt steht, gibt es solche Diskussionen nicht, denn solche Diskussionen rühren her von der Invasion des Intellektualismus in die sakramentale Denkweise. Wir waren innerhalb Europas ungefähr vor dem 15. Jahrhundert auch auf demselben Standpunkt, auf dem heute etwa das Hindutum steht. Wenn der Hindu die intellektuelle Entwickelung mitmacht, dann ist er in der intellektuellen Entwickelung so frei als möglich, sofern er ein richtiger Brahmanist bleibt. Der Hindu macht die Zeremonien mit, er macht den Kultus mit; der Kultus verbindet alle, und derjenige, der den Kultus mitmacht, ist ein richtiger Hindugläubiger; er mag denken darüber, was er will, darin ist er vollständig frei. Dogmen, die durch Gedanken festgehalten werden, einen Lehrgehalt, gibt es im Grunde genommen nicht. Schulen können entstehen, die die Dinge in hundertfältiger Weise auslegen. Das alles kann im richtigen rechtgläubigen Hinduismus sein, wenn nur die Zeremonien als das Reale, das Wirkliche festgehalten werden.
Ungefähr auf diesem Standpunkt stand man auch in Europa vor dem 15. Jahrhundert. Damals begann die Invasion des Intellektualismus, der scharfe, konturierte Begriffe forderte, und der einfach nicht zurechtkam mit dem Sakramentalismus, weil er die Diskussion da anfing, wo es eigentlich nichts zu diskutieren gibt. Hätten Sie einem Menschen wie etwa Scotus Eriugena, also solch einem Menschen, der ganz darinnen gestanden hat in der Auffassung der ersten christlichen Jahrhunderte, die Diskussionen von später vorgelegt — man kann sogar sagen, daß sie ihm in einem gewissen Sinn vorgelegen sind, es wirkt das schon voraus, sie lagen aber doch in anderem — ... [Lücke]. Wenn Sie das bei Scotus Eriugena studieren, so kann man sagen, er redet noch aus dem vollen Leben heraus, und demgegenüber nehmen sich die späteren Diskussionen etwa so aus, wie ich so etwas einmal erlebt habe bei einem Schulfreund, der in ganz radikaler Weise zum Materialismus sich hinentwickelte, und der unter anderem mit mir ein Zwiegespräch hatte, in dem er recht böse die Sache abbrach und sagte: Es ist Unsinn, von etwas anderem zu sprechen als von Gehirnvorgängen, wenn man vom menschlichen Seelenleben redet; es ist Unsinn, etwas anderes zu sagen, als daß sich die Gehirnmoleküle und -atome soundso bewegen, denn das ist alles, was in den Gedanken und Gefühlen lebt. - Da antwortete ich ihm: Ja, sage mir einmal, warum lügst du? Du lügst ja fortwährend, wenn du sagst «ich fühle», «ich denke» und so weiter; du müßtest sagen «mein Gehirn fühlt», «mein Gehirn denkt»; wenn du wahr wärest, müßtest du das sagen. — Dadurch, daß er sich ganz zum Materialismus hinentwickelte, kam er dann auch eines Tages darauf, den Menschen in Grund und Boden hinein zu kritisieren. [Er sagte: Der Mensch ist] ein Wesen, das statt mit einer ordentlichen Standfläche, sich durch Pendeln von zwei Beinen fortbewegt unter fortwährendem Suchen der Gleichgewichtslage; es ist einfach ein Unsinn, das ganze Wesen des Menschen, seine Gangart [anders zu betrachten]. —- Er hatte da eigentlich von seinem Standpunkt aus wahr gesprochen, denn er hatte vom Standpunkte des Intellektualismus aus das Lebendige kritisiert. So etwa wäre es einem alten Bekenner des Sakramentalismus vorgekommen, wenn man vom intellektualistisch-kritischen Standpunkte aus sich über den Sakramentalismus hergemacht hätte, wenn man das religiöse Leben so kritisiert hätte, Aber das wurde seit dem 15. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit, und in all das ist nun das moderne religiöse Bewußtsein hineinverstrickt und ahnt manchmal nicht, wie sehr es da hineinverstrickt ist.
So daß man sagen kann: Wir haben auf der einen Seite die katholische Kirche, die, wenn sie ihren Lebensnerv richtig empfindet, gar nicht den Intellektualismus in sich hineinkommen lassen darf, und wir haben auf der anderen Seite das evangelisch-protestantische Bewußtsein, das sich entwickelt hat in einem Kulturmilieu, das nichts mehr von der Realität [des Sakramentalismus] empfindet, wie ich heute angedeutet habe. Deshalb ist die Kluft eine so ungeheuere. Der Katholik ist eben stehengeblieben in der Menschheitsentwickelung vor den Impulsen, die sich im 15. Jahrhundert ergeben haben, er hat seine Religion nur bis dahin entwickelt. Dem Kardinal Newman wurde der Anschluß an den Katholizismus deshalb so schwer, weil er aus dem [modernen] Bewußtsein heraus kam. So ist für den Katholiken das religiöse Leben auf die eine Seite getreten, und äußRerlich wurde das ganze moderne Wissenschaftstreiben aufgenommen. Sie können kein aus dem Katholizismus hervorgegangenes wissenschaftliches Werk lesen, ohne das nicht zu empfinden, wie auf die gelehrtesten Patres und die gelehrtesten Katholiken die moderne Wissenschaft so wirkt, daß sie sie als eine äußere Angelegenheit betrachten, und nur dasjenige, was sie an Gefühl, an Inbrunst aus ihrem Katholizismus hineintragen, das kann ihnen Festigkeit geben. Aber die Wissenschaft ist eine andere Angelegenheit als das, was innerhalb des Religiösen gepflogen wird, und die Scholastik des Thomas von Aquin war das letzte Produkt geistiger Entwickelung, in dem noch die Philosophie als Organisches in der gesamten Weltanschauung drinnensteht. Daher mußte sie im Grunde genommen wiedererörtert werden zur philosophischen Befestigung des Katholizismus.
Das evangelische Bewußtsein fühlte sich verpflichtet, den Intellektualismus aufzunehmen, den Intellektualismus zu verarbeiten. Dadurch entfremdete es sich dem Sakramentalismus, dadurch war es genötigt, einen mehr rein ethischen Charakter anzunehmen, es war genötigt, von alle dem abzusehen, was irgendwie Erkenntnisgrundlegung ist für das religiöse Leben. Es war zum Beispiel genötigt, anstatt darauf zu dringen, das Mysterium der Geburt durchzuserzen, stattdessen das Mysterium der Geburt der Naturwissenschaft hinzuwerfen und dafür etwas aufzunehmen, worüber bloß Glaubensgewißheit zu erlangen ist, das heißt, die Vereinigung der Seele mit dem Leibe so aufzufassen, daß darüber keine Anschauung gewonnen werden kann. Die Messe, welche die Zeremonie der umgekehrten Geburtsvorgänge, der Sterbevorgänge ist, wurde verständnislos der geschichtlichen Entwickelung übergeben, sie wurde fallengelassen. Das alles hängt damit zusammen, daß eben im Zeitalter des Intellektualismus der Mensch das Geistige unmittelbar auch im Physischen nicht finden konnte. Und so sieht er sich heute genötigt, den religiösen Inhalt, um ihn überhaupt retten zu können, so zu gestalten, daß er gar nichts zu tun hat mit all dem Wissensinhalt. Das wird immer als ein klaffender Widerspruch dastehen für denjenigen, der sich nicht theoretisch über die praktischen Impulse des Seelenlebens hinwegsetzen will.
Aber niemals hätte die Menschheit einrücken können in das Zeitalter des Erlebens der Freiheit, ohne dasjenige mitzumachen, was seit dem 15. Jahrhundert sich vollzogen hat, denn die Freiheit ist nur zu erringen innerhalb einer Kultur des Intellektualismus. Allein das Intellektuelle stellt uns so auf uns selber, daß wir dasjenige innere Erlebnis haben, das ich in meiner «Philosophie der Freiheit» dargestellt habe als das Erlebnis des reinen Denkens, das das Grunderlebnis der Freiheit ist. Alles vorhergegangene Reden über die Freiheit ist nur ein Vorbereitendes, denn die Freiheit ist eben noch nicht zu finden innerhalb einer Anschauung, welche im Grunde nur Notwendigkeit enthalten hat, wie jene Anschauungen, die vor dem 15. Jahrhundert stehengeblieben sind. So stellt sich für uns das Grundrätsel hin, das in der Gegenwart zu lösen ist: Wie kommen wir dazu, trotzdem wir die Segnungen des Intellektualismus anerkennen, aus der Freiheit heraus den Sakramentalismus doch wiederum zu finden?
Ohne daß wir die Frage in dieser Tiefe fassen, können wir sie nicht verstehen. Man muß schon die historische Entwickelung zu Hilfe nehmen, wenn man die Dinge verstehen will. Und wer nicht das vorangehen lassen kann, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, der versteht Luthers Seelenkampf eben auch nicht innerlich, sondern doch in einer gewissen Weise nur äußerlich, intellektualistisch; und Sie werden in den nächsten Tagen sehen, daß wir schon mit dem, was wir heute gesagt haben, die Bausteine zusammengetragen haben zum Begreifen von Luthers Seelenkampf. Damit wollen wir für heute zunächst schließen.
(Nachdem Rudolf Steiner sich bereit erklärt, auf eventuelle Fragen noch einzugehen, bittet ihn Lizentiat Bock, noch kurz den Zusammenhang zwischen dem Meßopfer und der Geburt zu wiederholen.)
Rudolf Steiner: Es handelt sich darum, daß die Sprachfähigkeit, also das Leben im Worte, die letzte Fähigkeit ist, die nach den anderen Fähigkeiten durch die Geburtskräfte in dieser Richtung herauskommt (Tafel 5). Nun bilden wir dann die Sprachfähigkeit, die wir da bekommen, im umfassendsten Sinne aus, und das wird dann zu dem Evangelium, in dem sich im Worte der Gott verkündet, so daß wir (Tafel5) durch die Geburt bis zu dem Worte getrieben werden, und vom Worte wiederum zurückgehen. Also der Weg geht vom «Herabkommen» bis zu dem Worte, Logos, und dann wiederum zurück. Ich habe nur «Evangelium» an die Tafel geschrieben, um gerade das Meßopfer als den umgekehrten zeremoniellen Vorgang hinzustellen. Wenn wir das Meßopfer betrachten — ich sehe ab von den einleitenden Vorgängen, die sind alle Vorbereitung -, so ist die erste wirkliche Handlung die Vorlesung des Evangeliums, das Erklingenlassen des Wortes; also dasjenige, wozu uns die Geburt zuletzt geführt hat, lassen wir im Meßopfer zuerst erklingen. Das Evangelium, das da gelesen wird, das ist die erste eigentliche Meßhandlung, da erklingt das Wort. Nun, nachdem wiederum Zwischenvorgänge sind, die aber nicht das Wesentliche darstellen, beginnt dann die Opferung. Der Altar wird geräuchert. Das hat den Sinn, daß das Wort, das erklungen ist, mit dem Rauche sich vereinigt, hinaufsteigt am Altar. Dann folgt die Zeit nach dem Offertorium bis zur Transsubstantiation, da sind wir also zur Entmaterialisierung zurückgekommen. Und das letzte ist dann die Kommunion, die das Umgekehrte von dem Herabkommen darstellt, das Hinaufgenommenwerden. Wenn die ganzen Vorgänge so gefaßt werden, so haben wir also zuerst das Wort, dann in der Opferhandlung den Rauch, der das Wort hinauftragen kann durch seine Kraft zu der Entmaterialisierung in der Wandlung und zu der Vereinigung in der Kommunion. So ist es, ja.
1.) Herabkommen Kommunion 4.
2.) Verwandtschaft mit der Materie Transsubstantiation 3.
3.) Anpassen der Erde Opferung 2.
4.) Sprachfähigkeit Evangelium 1,