The Foundation Course
GA 343 — Dornach
Dritter Vortrag
Emil Bock: Ich möchte unsere Diskussionsstunde eröffnen und möchte sogleich meinen Auftrag ausrichten, indem ich Herrn Dr. Steiner bitte, auf den Brief von Dr. Rittelmeyer vor uns zu antworten. Dieser Brief ist wohl aus dem vielfachen Wunsche herausgewachsen, Richtlinien zu bekommen für die Antworten gegenüber denen, die eben diese Einwände machen.
Rudolf Steiner: Wenn wir damit beginnen sollen, will ich zunächst mir gestatten, einiges über die einzelnen Punkte zu sagen. Ich bitte Sie aber, dann selber ihre Bemerkungen auch wiederum an die Bemerkungen, die ich mache, anzuknüpfen, weil ja natürlich das eine oder das andere von Ihnen hier auch in anderer Richtung gemeint sein könnte, als es von Dr. Rittelmeyer formuliert ist.
Da finde ich zunächst den Gedanken, daß ja heute vielfach das Gefühl besteht, es müsse eine Art von Einschlag in das religiöse Leben kommen, es bedürfe das religiöse Leben in den verschiedensten Punkten einer Art Erneuerung. Dr.Rittelmeyer hat ja diese Empfindung, die, wie er meint, bei vielen vorhanden ist, so formuliert, wie es Ihnen bekannt ist, und ich muß gestehen, es ist mir ja etwas Ähnliches zuweilen auch entgegengetreten. Aber gerade mit Bezug auf den ersten Punkt, der hier angeführt worden ist, man erwarte einen einheitlichen Gedanken, ein seelenmächtiges Gefühl — was dann zusammengefaßt wird in die Worte «Eins ist not» — und man finde in der Anthroposophie eine Summe, vielleicht sogar eine sehr große Summe von Erklärungen über Welteninhalte und dergleichen, zu denen man zunächst keinen Zugang wisse, muß ich sagen: Es scheint mir in einer solchen Empfindung gerade dasjenige zu liegen, was in vieler Beziehung so seit langer Zeit schon da war, und was gerade viel dazu beigetragen hat, daß wir in der abendländischen Zivilisation in der neuesten Zeit in eine Art von Sackgasse hineingeraten sind.
Bedenken wir nur einmal, wie vage, wie unbestimmt eine Empfindung wäre, welche geradezu erwartete, daß vielleicht irgend etwas in kurzer Weise formuliert würde, was erlösend sein sollte. Man könnte ja sogar auf unserem Gebiete auf Anlagen hierzu hinweisen. Es ist auf unserem Gebiete, auf einem Gebiete, das in anderer Art aus dem anthroposophischen Grundstreben hervorgeht, etwas dergleichen ja sogar geschehen, wie es, wenn ich recht verstehe, hier in diesem Punkte gemeint ist. Das ist auf dem Gebiete des sozialen Denkens. Da ist es zu so etwas, wie, ich möchte sagen, einer Art von einheitlichem Gedanken gekommen: das ist der Gedanke der Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich will jetzt zunächst nur vergleichend charakterisieren. Ich muß gestehen, daß gerade dieses Beispiel nicht zeigt, daß es irgend etwas Erhebliches ist, wenn ein so Kurzformuliertes vor die Öffentlichkeit tritt. Denn im Leben erzeugt ein solch Kurzformuliertes doch nicht dasjenige, was eine wirklich einschneidende Bedeutung haben kann. Mir kommt solch ein Einwand immer vor, wie wenn einer sagt: Du willst mir etwas sagen über den menschlichen Organismus, und statt mir einen einheitlichen Gedanken zu geben, reichst du mir eine ganze Physiologie. - Man muß versuchen zu verstehen, wie gerade aus dem zweifellos vorhandenen bequemen Denken der neueren Zeit ein großer Teil unseres Unglückes in äußerer und innerer Beziehung entstanden ist, und wie dasjenige, worunter wir leiden, gerade darauf beruht, daß man in unbestimmter Weise Begierden hat nach irgend etwas, was sich kurz fassen läßt. Und man wird sich sagen müssen: Gerade, daß ein solcher Gedanke auftaucht, beweist, daß eben manches anders werden muß, wenn die Dinge eintreten sollen, die viele in unbestimmter Weise erwarten. Und insbesondere, wenn dann gesagt wird, statt eines solchen «einheitlichen Gedankens», statt eines «seelenmächtigen Gefühls» werde eine Anzahl von Übungen gegeben, von denen einzelne ja moralischer Natur seien — die seien bekannt -, und andere - sie werden hier in dem Brief «okkulte» genannt, die auf manche einen absonderlichen, bedenklichen Eindruck machen -, ja, so muß eben gesagt werden: Was kann man denn eigentlich erwarten? — Man kann erwarten, daß auftrete einfach eine Auseinandersetzung darüber, was der gegenwärtigen Menschheit fehlt. Ich rede jetzt zunächst so, wie es auf anthroposophischem Gebiet durchaus notwendig ist; wir werden schon auf das Spezielle der religiösen Frage durch den Brief selber kommen.
Sehen Sie, die moralischen Übungen, die hier als bekannt bezeichnet werden, das sind solche, die ja gewiß ihrem Wortlaut nach bekannt wären, wenn sie moralische Anweisungen wären. Aber zunächst, im anthroposophischen Zusammenhang, sind sie das ja nicht. Im anthroposophischen Zusammenhang sind sie Anweisungen zur Erlangung einer höheren Erkennntnis. Und sie sind durchaus so vorgebracht, daß es klar sein muß: sie sind Anweisungen zur Erlangung einer höheren, einer übersinnlichen Erkenntnis. Man muß doch sagen: Ob ich das sage, was notwendig ist, wenn der Mensch eine übersinnliche Erkenntnis erlangen möchte, oder ob ich zum Beispiel sage, eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem «himmelhoch jauchzend,.zu Tode betrübt» ist etwas, was dem Menschen einen moralischen Halt gibt, das ist durchaus ein großer, durchgreifender Unterschied. Indem ich eine Sache so ausspreche wie die Forderung der Gelassenheit, spreche ich etwas aus, was ja vielleicht ganz gut bekannt sein mag und was auch zunächst so etwas wie eine moralische Anweisung selbstverständlich klingt, aber das ist ja alles gar nicht in Diskussion gestellt auf dem Boden, auf dem die Forderung der Gelassenheit auftritt [in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»]. Wird denn da gesagt, es sei für den Menschen zwecks des Moralischen, zwecks des Bekommens eines moralischen Haltes notwendig, Gelassenheit zu entwickeln? Nein! Es wird etwas ganz anderes gesagt. Es wird gesagt, daß eine Übung gemacht werden soll; es wird gesagt, daß diese Übung wiederholt gemacht werden soll, daß also in einem gewissen Rhythmus eine ganz bestimmte Übung gemacht werden soll, welche dann so charakterisiert wird, daß man sie als «Gelassenheit» bezeichnen kann. Wiederholt eine bestimmte Übung machen, das ist etwas anderes als ein moralisches Tun. Also das müssen Sie vor allen Dingen ins Auge fassen bei alle dem, worum es sich handelt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sehen Sie, es ist eigentlich das Selbstverständlichste, was man einem Menschen sagen kann: Du sollst dich bemühen, die Wahrheit zu erforschen. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Aber hier handelt es sich nicht darum, sondern hier handelt es sich darum, daß man in rhythmischer Folge sich dem Gedanken an die Wahrheit hingibt, an die Beziehung des Menschen zur Wahrheit. Und diese Übung, dieses Sich-im-Bewußtsein-gegenwärtig-Machen eines solchen Inhaltes, dieses wiederholte rhythmische Sich-im-Bewußtsein-gegenwärtigMachen, das ist dasjenige, um was es sich handelt. Es handelt sich darum, daß eine ganz bestimmte Gesinnung für die Geist-Erkenntnis angewendet werden muß. Ich will Ihnen diese Gesinnung etwas genauer noch präzisieren. Ich weiche dabei ab von der strengen Formulierung des Briefes, aber vielleicht wird dadurch manches viel klarer werden.
Sehen Sie, nehmen Sie einen heutigen Professor oder einen Dozenten oder einen sonstigen Gelehrten, der Vorträge hält. Schr häufig geschieht das so, daß er sich einen Vortrag ausarbeitet, dann hat er ihn im Gedächtnis, und dann spricht er. Ja, das kann man nicht, wenn man wirklich in der Geisteswissenschaft darinnen lebt. Das würde einen, wenn man in der Geisteswissenschaft darinnen lebt, zu einem unwahrhaftigen Menschen machen. Die Vorbereitung kann da lediglich darin bestehen, daß eine gewisse innere Sammlung über den Gegenstand eintritt. Durch diese innere Sammlung tritt man in der Tat- auch wenn man schon tausendmal mit dem Gegenstand in Verbindung war — jedesmal wiederum neu an den Gegenstand heran, so daß man ihn gewissermaßen im Geiste greifbar vor sich hat und aus der unmittelbaren Anschauung heraus jedesmal unmittelbar spricht. Sehen Sie, wenn man etwas lernt, sagen wir Geographie, irgendein Kapitel — schön, man lernt’s, man hat’s, und dann behält man es gedächtnismäßig. Das gibt es aber gar nicht in der Geisteswissenschaft, wenn sie lebendig werden soll. Derjenige, der Geisteswissenschaftler in Wirklichkeit sein will, der muß gerade immer wieder und wiederum die elementarsten Dinge durch seine Seele ziehen lassen. Daß ich zum Beispiel mein Buch «Theosophie» geschrieben habe, das hat für mich selbst nicht eine abgeschlossene Bedeutung. Dasjenige, was darin steht, muß ich immer wieder und wiederum durch meine Seele ziehen lassen, wenn es Bedeutung haben soll. Es geht nicht, zu sagen: Die «Theosophie» ist da, ich habe ihren Inhalt nun inne. — Das würde auf dem Boden der Geisteswissenschaft ganz dasselbe sein, wie wenn einer sagen würde — ich glaube aber nicht, daß es einen Menschen gibt, der das sagt -: Ich habe vor acht Tagen gegessen, und ich brauche nicht jeden Tag immer dasselbe zu wiederholen. - Wir setzen uns jeden Tag wieder hin und tun jeden Tag dasselbe. Warum? Weil das Leben ist, weil das nicht etwas ist, was bloß gedächtnismäßig aufbewahrt werden kann. Das Leben der Geisteswissenschaft ist Leben, und es ist abgetan, wenn man es nicht immer wieder und wiederum erlebt. Das ist dasjenige, was dabei beachtet werden muß.
Sie werden, wenn Sie an das durch die Geisteswissenschaft gegebene Leben herantreten, wohl auch vernommen haben, daß es zum Beispiel wirklich möglich ist, denjenigen Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, dadurch zu helfen, daß man sich in einer Art meditativen Weise irgendeinem Inhalt hingibt, der sich auf die geistige Welt bezieht, in welcher ja dann diese durch die Pforte des Todes gegangenen Menschen sind. Da handelt es sich nicht darum, daß man ihnen etwas, sagen wir, einmal vorliest und dann darauf rechnet: nun haben sie es. - Sondern das immer fortdauernde Wiederholen ist es, dieses Sich-Zusammenleben mit dem Inhalt, immer von neuem; das wird viel zu wenig beachtet. Die Leute sind heute gewöhnt, alles als Theorien zu betrachten. Geisteswissenschaft ist keine Theorie, sie ist Leben; aber wenn man sie so behandelt, daß man meint, man lernt sie so, wie man andere Dinge lernt, dadurch macht man sie erst zur Theorie. Natürlich kann man sie zur Theorie machen, aber sie wird nur durch diejenigen, die sie so aufnehmen, zur Theorie. Jeder ernste Geistesforscher weiß, daß man in ihr leben muß; die Übungen sind nicht erschöpft dadurch, daß man ihren Inhalt kennt.
Das sind Dinge, die aus dem abendländischen Bewußtsein verschwunden sind. Wie das abendländische Bewußtsein ist, zeigt sich aber noch in anderen Dingen. Zu mir sind Leute gekommen, die sagten: Es ist etwas Fürchterliches mit den Buddha-Reden, da sind ja lauter Wiederholungen drinnen, und man sollte doch eine Ausgabe machen, wo nur der Inhalt der Reden drin ist und die Wiederholungen weglassen. — Aber niemand versteht die Buddha-Reden wirklich, der eine solche Forderung stellt, denn darauf beruht ja das Wesentliche der Buddha-Reden, daß man in rhythmischer Folge, mit ganz kleinen Einschiebseln, immer dasselbe wiederholt. Nun ist das eine orientalische Methode, die mit dem, was hier zu wirken und zu arbeiten ist, nicht zusammenfällt, aber um so etwas zu erklären, muß ich eben darauf aufmerksam machen.
Weiter wird in dem Brief über die Übungen gesagt, manche seien absonderlich und bedenklich. Ja, da muß man ins Auge fassen, aus was für Urteils- oder Beurteilungsuntergründen heute ein solches Urteil gefaßt wird. Wenn man davon redet, daß heute eine Sehnsucht vorhanden ist nach etwas Neuem, dann muß man sich ja auch damit bekanntmachen, wodurch eine solche Sehnsucht vorhanden ist; da muß man schon wirklich dasjenige charakterisieren, was vorhanden ist. Ich darf, um mich deutlich zu machen, vielleicht erinnern an das Buch von Oswald Spengler «Der Untergang des Abendlandes». Spengler hat nun eine kleine Broschüre folgen lassen: «Pessimismus?». Ich will einen Satz aus diesem Spenglerschen «Pessimismus» herausgreifen; er sagt, es käme ihm nicht darauf an, Wahrheiten zu erkennen, sondern Tatsachen geltend zu machen. — Und nun folgen Auseinandersetzungen darüber, was er unter «Wahrheit» versteht und was unter «Tatsachen». Da sagt er an einer Stelle: Wahrheiten sind Größen des Denkens. ... Was in einer Dissertation steht, sind Wahrheiten; daß ein Kandidat mit der Dissertation durchfällt, ist eine Tatsache. - Nun soll man sich vorstellen, daß mit einem solchen Satz überhaupt etwas gesagt sein soll; er ist ein völliger Unsinn. Aber die Leute lesen über so etwas hinweg, sie nehmen es als etwas hin, was etwas sagen soll, und man merkt daran nichts Absonderliches und hält dann etwas anderes für absonderlich. Über einen solchen Satz kann man überhaupt nicht diskutieren, er ist ein absoluter Unsinn. Aber es wird heute nicht einmal diskutiert, wenn jemand einen solchen Unsinn sagt; es fällt gar nicht auf. So kann es ja nicht ausbleiben, daß eine Zeit, in der ein solcher Urteilsduktus herrscht, manches absonderlich und bedenklich findet. Aber man stelle sich einmal vor, wohin wir — allerdings in anderer Beziehung, als Spengler meint — eigentlich gekommen sind. Wir absolvieren heute sozusagen ohne Aufregung bis zu den höchsten Stufen hinauf unser Studium, da gibt es in der Erkenntnis selbst nicht eigentlich Katastrophen oder Peripetien. Man könnte sagen, Katastrophen gibt es höchstens dann, wenn ein Student durchfällt, aber nicht an der Erkenntnis selber. Dieses Inanspruchnehmen des ganzen Menschen, so daß man in der Lage ist, ein Problem mit einem solchen inneren Hingenommensein zu erleben, wie man vielleicht irgendein äußeres Ereignis erlebt, das ist etwas, was es kaum gibt. Man fühlt sich, wenn man ein Buch geschrieben hat oder wenn man Privatdozent ist, sehr befriedigt, aber man macht keine Katastrophen oder Peripetien durch wegen des Stoffes selbst. Das ist etwas, was sich, ich möchte sagen, über das ganze wissenschaftliche Leben ausgedehnt hat.
Was aber notwendig ist, das ist, daß wir dazu kommen, im Geiste wiederum zu leben, daß der Geist eine Wirklichkeit wird, dessen Prozesse wir mitmachen. Das ist kein Widerspruch etwa gegen die Gelassenheit. Gerade wenn man Gelassenheit hat, wird man das, was objektiv vorgeht und zu stärkerer oder konkreterer Anteilnahme führt, in der richtigen Weise miterleben können; und schließlich ist es kein Widerspruch gegen die Gelassenheit, wenn man die ganze Entsetzlichkeit eines Vulkanausbruches oder ähnlicher Ereignisse wahrnimmt.
So möchte ich sagen: Es muß eben in die heutige Zeit, in der man gar keine Empfänglichkeit hat für die besondere Art, die zur Geisteswissenschaft notwendig ist, einfach die ganze Art des Denkens, die ganz andere Art, die Wahrheit zu erleben, eigentlich erst hineingeworfen werden. Sehen Sie, wenn jemand sagt: Ja, wir brauchen nicht das Denken, wir brauchen nicht den Intellektualismus, wir brauchen das Gefühl! -, so liegt das ja daran, daß er nicht das Gefühl bekommt, daß er innerlich bewegt wird; dasjenige, was gegeben werden soll, ist ja das, [was ihm fehlt].
Sehen Sie, ist man denn wirklich heute weit genug, um gewisse ururalte Religionsregeln einzuhalten? Wenn man heute eine einzige Rede hält — und ich rede aus Erfahrung -—, wenn man heute eine einzige Rede hält, die sagen wir, von gewissen Einzelheiten der sozialen Frage handelt, da gibt es zahlreiche Zuhörer, die sagen oder schreiben dann: Ja, das mag alles sein, aber in diesem Vortrag kam nicht ein einziges Mal der Name Christus vor. — Ja, meine lieben Freunde, es gibt doch ein göttliches Gebot, das heißt: Du sollst den Namen deines Herrn nicht eitel aussprechen —, und es gibt ein Gebot: Du sollst nicht fortwährend Herr, Herr sagen. —- Es kann etwas sehr christlich sein, ohne daß der Name des Christus fortwährend ausgesprochen wird; ja, vielleicht ist es eben deshalb christlich, weil der Name Christus nicht mißbraucht wird. Nicht dadurch wird etwas christlich, daß der Name Christus nach jeder dritten Zeile gebraucht wird.
Allen diesen Dingen gegenüber sollte die alte Bequemlichkeit des Denkens aufhören. Denn derjenige, der nicht diese Bequemlichkeit des Denkens ablegt —- mag er auch das unbestimmte Gefühl haben, daß irgend etwas anders werden muß -, der kann sich doch an der Zeitforderung nicht beteiligen, weil er die ganze volle Tiefe desjenigen, was als Zeitforderung dasteht, gar nicht zu empfinden in der Lage ist; er kann es nicht, weil er sich bloß einbildet, daß er sie empfindet und im Grunde genommen doch alles so haben möchte, wie es schon ist, und nicht eigentlich sich dazu bekennt, tatsächlich zu Lösungen überzugehen, die versucht werden müssen, um nun wirklich den Forderungen der Zeit zu genügen. Das wird eben oftmals nicht bedacht, welch ein gewaltiger Unterschied ist zwischen dem theoretischen Denken und dem Im-Geiste-Leben. Aber schon der erste Schritt in die Geisteswissenschaft hinein muß ein ImGeiste-Leben sein. Ich sage nicht, es muß ein Hellsehen oder dergleichen sein, sondern ein Im-Geiste-Leben; das muß eine andere Form des Erlebens der Wahrheiten, der Inhalte haben, als man sie gewöhnt ist, heute zu haben.
Ein weiterer Einwand hat mich, muß ich sagen, eigentlich außerordentlich überrascht, aber da ihn Dr.Rittelmeyer ausgeprochen hat, so wird er ja eben schon vorkommen. Das ist der Einwand, daß die Menschen sich beleidigt fühlen darüber, daß sie, statt auf etwas gewiesen zu werden, das in ihnen selbst liegt, darauf gewiesen werden, was vielleicht einzelne wissen, was einzelne geschaut haben. Die Menschen fühlten sich, so wird gesagt, «ihres Menschenkönigtums beraubt», sie fühlen sich groß und sollten sich klein fühlen. — Ja, ich muß gestehen, dieser Einwand hat mich aus dem Grunde überrascht, weil ich eigentlich gar nicht recht sehe, was er für einen Inhalt hat. Denn, nicht wahr, es wird gleich darauffolgend [in dem Briefe] gesagt, ja, die Menschen erwarteten, es käme etwas, was sie von oben ergreife, aber nun fühlten sie sich auf sich selbst zurückgeworfen, auf Übungen, die sie machen sollten, auf Anstrengungen, um etwas zu begreifen. — Ich fühle erstens einen außerordentlichen Widerspruch zwischen diesen beiden Behauptungen. Zweitens muß ich dazu sagen: Mir ging es mein ganzes Leben hindurch so — und das ist jetzt schon ziemlich lang —, daß ich außerordentlich froh war, wenn mir eine Wahrheit von irgendeiner Seite zukam, und ich fand es eigentlich immer entsetzlich, wenn jemand eine Wahrheit deshalb abwies, weil sie nicht auf seinem eigenen Grund und Boden gewachsen war. Das ist ja eine ganz egoistisch-subjektive Beurteilung, aber in solchen egoistischen, subjektiven Beurteilungen stecken wir darinnen, und deshalb brauchen wir eine Erneuerung [des Denkens in] der [heutigen] Zeit, weil das vorhanden ist.
So haben wir hier ein Bündel von Beurteilungen, die gerade zeigen, wie notwendig es ist, daß ein Wandel eintritt. Denn wenn diese Urteilsrichtungen weiter bestehen, die gerade die Not unserer Zeit hervorgerufen haben, dann kommen wir nicht weiter. Daher ist es schon notwendig, daß man sagt, wenn es auch grob klingen mag: In bezug auf diese Einwände ist vor allen Dingen das zu sagen, daß die Einwendenden darüber nachdenken sollten, inwiefern sie sie nicht machen sollten, damit sie nicht das Hereinkommen des Neuen gerade durch ihre ururältesten Vorurteile stören. — Das ist dasjenige, was da vor allen Dingen gesagt werden muß.
Ein weiterer Einwand, der ja natürlich viel gemacht wird, ist der, daß Anthroposophie in Form einer Wissenschaft auftritt, und daran wird dann die Folgerung geknüpft, daß das Reich des Glaubens in ein Reich des Wissens verwandelt werden solle. Eigentlich beruht der Einwand, wenn er gemacht wird, auf einer ungenauen Erfassung desjenigen, was in der Anthroposophie auftritt. In der Anthroposophie tritt gar nicht die Forderung auf, man solle irgend etwas, was man geglaubt hat, in ein Wissen verwandeln oder dergleichen, sondern in der Anthroposophie tritt zunächst ein Positives auf: Es wird gezeigt, daß man durch das Wissen nicht nur etwas haben kann über die äußere sinnliche Erscheinungswelt, sondern auch über die geistige Welt. Die Frage kann höchstens sein; Führen die Methoden, die dabei angewendet werden, zu Realem, Sicherem und dergleichen? — Darüber kann es dann Prüfung über Prüfung geben. Wenn die Sache sich so stellen würde, daß gesagt würde, gegen Imagination habe man dies einzuwenden, gegen Inspiration das einzuwenden und so weiter, nun, darüber läßt sich in ganz sachlicher Weise diskutieren. Aber es ist gar kein Urteil da, wenn man sagt: Mir ist es unangenehm, wenn darüber irgend etwas gewußt werden kann. — Es kommt nicht darauf an, ob es einem unangenehm ist, es kommt darauf an, daß durch gewisse Methoden über das Übersinnliche etwas gewußt werden kann, so wie über das Sinnliche etwas gewußt werden kann. Und das, was gewußt werden kann, das kann gar nicht so beurteilt werden, daß man sagt, die Gegenstände des Glaubens beruhten auf einem freien Anerkennen von inneren Wahrheiten, während Anthroposophie ein Wissen durch «Sinnenschein und Beweise» erzwingen wolle. — Anthroposophie ist eben eine Wissenschaft und begründet sich als eine Wissenschaft, sie kann es gar nicht zu tun haben mit einem solchen Einwand, indem sie eine Wissenschaft ist. Man könnte ja dasselbe gegen die Mathematik sagen; man könnte sagen, es sei einem zuwider, daß die mathematischen Wahrheiten eben ein Wahres sind. Man kann solch einen Einwand eben eigentlich nicht machen, weil er im Grunde genommen gegenstandslos ist.
Ein Einwand, den auch ich in den verschiedensten Nuancen gehört habe, ist der, daß man etwas erwartet, was einen vielleicht erschüttert, was einen hinnimmt, und daß man dann von solchen Dingen höre wie «Christus sei der Regent der Sonne» oder die Sache von den «zwei Jesusknaben», die einem eigentlich gleichgülug sind. — Meine lieben Freunde, da muß ich nun gestehen, ich kann nicht recht begreifen, wie einem diese Dinge gleichgültig sein können, wenn man sie versteht. Denn das ist ja die große, die ungeheure Frage der Gegenwart: Wie gründet sich das Reich des Moralischen in dem Reich der Naturnotwendigkeiten? Wir leben heute auf der einen Seite in dem wissenschaftlich anerkannten Reich der Naturnotwendigkeiten, und man gestattet sich, innerhalb dieses Reiches der Naturnotwendigkeiten Hypothesen auch über dasjenige zu machen, was der unmittelbaren Beobachtung nicht unterliegt. Man sieht zum Beispiel die Entwickelung der Erde nur durch eine gewisse Spanne der Geschichte, der Geologie und so weiter und macht sich danach Vorstellungen über das Herkommen der Erde aus einem Urnebel heraus, oder so wie es die modifizierten Hypothesen im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie annehmen, die ja heute nicht mehr gilt; man hat daraus die Vorstellung vom Anfang der Erdenentwickelung gewonnen und aus dem zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie, dem Satz von der Entropie, die Vorstellung, wie alles dem Wärmetod entgegengeht. Wer diese Hypothesen über den Anfang und das Ende der Erdenentwickelung konstruiert, der muß sich sagen — denn das ist nach der Wissenschaftsgesinnung, die da zugrundeliegt, einfach nicht anders anzunehmen -, daß der Urnebel da war als ein souveränes Gebilde mit den Gesetzen der Aerodynamik und den Gesetzen der Aerostatik, und aus denselben haben sich die Gesetze der Hydrodynamik und der Hydrostatik gebildet, und dann sind einmal jene glücklichen Umstände eingetreten, durch welche sich ein solcher Zusammenhang gebildet hat, wie er uns in der einfachsten Zelle, der Amöbe, zutage tritt, und dann ist alles dasjenige geworden, was kompliziertere Organismen sind, auch der Mensch, und im Menschen sind dann moralische Ideale aufgetaucht, durch die er seine eigentliche Menschenwürde fühlt.
Was wären wir als Menschen vor uns selbst, wenn wir nicht unsere moralischen Ideale hätten, und wenn wir nicht durch diese moralischen Ideale, durch die Aufnahme in eine göttliche Weltenordnung, in einen ganzen Weltenzusammenhang, geadelt würden? Es nützt nichts, sich darüber einfach hinwegzutäuschen und zu sagen: Wir trennen das Reich der Glaubensgewißheit, das wir mit den moralischen Idealen haben, von dem, was wir haben als Naturordnung. Zu einer solchen Abtrennung kann nur der geführt werden, der nicht wirklich innerlich ernst sich das vor Augen stellt, was in der Naturordnung vor uns hingestellt ist.
Meine lieben Freunde, ich habe einmal eine Persönlichkeit kennengelernt, die hat sich in der Zeit, als ich sie kennengelernt habe, zunächst mit dem großen Problem des Todes in der Welt befaßt und ist dann übergegangen zu einer Weltanschauung wie sie der Haeckelismus darstellt, um mit ernstester Gesinnung, mit innerstem Enthusiasmus eine solche Weltanschauung zu ergreifen, die eben ganz ehrlich auf dem Boden der Naturwissenschaft steht. Was hat diese Persönlichkeit damals über die moralisch-religiösen Ideale gesagt? Sie hat gesagt: Das sind religiöse Schaumblasen, die auftauchen im menschlichen Erleben, das ist etwas, was sich der Mensch vormacht, und das ist dasjenige, wovon das Menschengeschlecht lebt, von dem das Menschengeschlecht seine Würde hernimmt; aber einmal wird kommen der große Friedhof des Wärmetodes, dann wird mit den äußeren Formen der Organismen auch alles das begraben sein, was als moralisch-religiöses Schaumgebilde aufgetaucht ist, und im Weltenraum wird eine Schaluppe kreisen in irgendeiner Kurve, von der man wird sagen können: da haben sich einmal aus mechanischen oder dynamischen Gesetzen Menschen gebildet, diese Menschen haben Schaumblasen aufsteigen gehabt und davon haben diese Menschen ihre Würde hergeleitet; und das alles ist ein kosmischer Friedhof geworden. —
Sehen Sie, diese Persönlichkeit war ehrlich, und aus ihrer Ehrlichkeit heraus ist sie, weil sie es nicht aushalten konnte, vor einigen Jahren in den seligmachenden Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückgekehrt. Das ist ein Beispiel, das ich Ihnen leicht durch zahlreiche andere vermehren könnte.
Das ist der Abgrund, der sich aufgetan hat zwischen moralischreligiöser Weltordnung und naturwissenschaftlich-mechanischer Weltordnung. Nur einige Leute von genügend Gefühl sind da, die halten es nicht aus mit ihrer ganzen Weltauffassung gegenüber dem, was die Naturwissenschaft über Erdenanfang und Erdenende sagt. So sagt zum Beispiel Herman Grimm, ein Aasknochen, der verfault und verwest, wäre ein appetitliches Stück im Vergleich zu dem, was die Kant-Laplacesche Theorie aus der Erde gemacht hat. —- Wahr ist, was Herman Grimm hinzugefügt hat, daß künftige Gelehrtengenerationen scharfsinnige Abhandlungen werden machen können, um den Blödsinn zu erklären, den die Kant-Laplacesche Theorie in die Köpfe der Menschen zu ihrem Unheil hineingebracht hat.
Meine lieben Freunde, wer in seiner vollen Tiefe einsieht, was mit einer solchen Anschauung angerichtet wird, von der untersten Schulklasse an, zum Unheil der menschlichen Seelenverfassung, der muß allerdings dasjenige, was heute getan werden muß, viel tiefer suchen, als man es gewöhnlich sucht. Der darf nicht bei einer Halbheit steckenbleiben und sagen: Wir müssen eben aussondern von dem Allgemeinen der Weltanschauung dasjenige, was Glaubensinhalt sein muß, wir müssen eine eigene Glaubensgewißheit haben, und daneben mag die Naturwissenschaft ihr Dasein haben. - Denn dann hilft dem Menschen für seine moralisch-religiöse Weltauffassung höchstens noch, daß er in den Schoß der seligmachenden römisch-katholischen Kirche zurückkehrt, um sich zu betäuben, wenn er noch zu einer solchen Betäubung kommt.
Wir haben es eben im Laufe der Entwickelung dahin gebracht, daß wir nicht mehr wissen, daß in allen Naturordnungen auch Geistiges lebt, daß zum Beispiel tatsächlich im Menschen selber drinnen ein Herd ist, wo sich dasjenige vollendet, was draußen in der Natur geschieht. Meine lieben Freunde, die Menschen des 19. Jahrhunderts hat mit Recht das stark berührt, was zum Beispiel von Julius Robert Mayer ausgesprochen worden ist als das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes. So recht zur Geltung gekommen ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes im 19. Jahrhundert, und es beherrscht heute unsere Physik. Aber es gilt nur für die äußere Natur und auch da nur innerhalb gewisser Grenzen, die der Zeit nach beschränkt sind; es gilt aber selbst in bezug auf die Zeit nicht für den Menschen. Für den Menschen ist einfach wahr, daß in ihm ein Herd ist, wo alles Materielle, das er zu sich nimmt, ins Nichts verwandelt wird, wo Materie vernichtet, wo Materie aufgelöst wird. Indem wir unsere reinen Gedanken unserem Ätherleib einverleiben und diese Gedanken durch unseren Ätherleib auf unseren physischen Leib wirken, wird Materie in unserem physischen Leib vernichtet. Wir haben in uns einen Ort, an dem Materie vernichtet wird. (Während der folgenden Ausführungen wird an die Tafel gezeichnet. Die Original-Tafelzeichnung liegt nicht mehr vor.) Ich zeichne schematisch, es ist intensiv über den ganzen Menschen ausgebreitet, ich zeichne es so, als wenn es ein Teil wäre. Dieser Ort, wo Materie vernichtet wird, dieses Stück des Menschen, wo Materie vernichtet wird, das ist zu gleicher Zeit der Ort, wo Materie wieder entsteht, wenn moralisch, wenn religiös Empfundenes uns durchglüht. Und dasjenige, was hier entsteht, einfach dadurch, daß wir religiöse, moralische Ideale erleben, das wirkt so wie ein Keim für künftige Welten. Wenn die materielle Welt von jetzt zugrundegegangen sein wird, wenn die materielle Welt von jetzt dem Wärmetod verfallen sein wird, dann wird diese Erde sich verwandeln in einen anderen Weltenkörper, und dieser Weltenkörper wird aus demjenigen bestehen, was sich als eine aus den moralischen Idealen entstandene neue Materialität bildet. Weil unsere Naturwissenschaft nicht imstande ist, tief genug in das Materielle hineinzudringen, ist sie auch nicht imstande, den Gedanken zu erfassen, daß das Materielle selber nur eine Abstraktion ist. Wir können zwar vom Wärmetode [der Erde] sprechen, aber zugleich müssen wir von dem Wärmetod so sprechen wie bei der Pflanze von dem, was von der Pflanze abfällt im Verwelken und Verdorren, und von dem, was als Keim bleibt für das nächste Jahr; ebenso können wir [in bezug auf den Wärmetod der Erde] davon sprechen, daß die Keime uns bleiben, [die den Erdentod überdauern].
Es gibt ein Territorium, wo die naturwissenschaftlichen Wahrheiten aufhören, bloß naturwissenschaftliche Wahrheiten im heutigen Sinne zu sein, wo moralische Ideale aufhören, Schaumblasen zu sein, wenn die Erde dem Wärmetod verfallen wird. Es gibt ein Gebiet, das man erreichen kann, wo die moralischen Ideale sich erhalten werden, wenn die physische Materialität vernichtet wird, wo das Wort eine naturwissenschaftliche Wahrheit wird: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen! — Es gibt ein Territorium, wo die Bibel Naturwissenschaft wird; und eher — das muß man in den Untergründen des heutigen Zeitstrebens erkennen — kann keine Heilung eintreten, bevor wir nicht die Möglichkeit haben, zu einer Wissenschaft vorzudringen, die weder einseitige heutige Naturwissenschaft, noch einseitige abstrakte Geisteswissenschaft ist.
Heute nennt man vielfach dasjenige «Geisteswissenschaft», was nur Ideenwissenschaft ist. Für die Anthroposophie ist Geisteswissenschaft nicht nur etwas, was dasjenige jenseits von der Materie erfaßt, sondern etwas, das in seinem Wirken in das Materielle eingreift.
Von diesen Forschungsergebnissen ausgehend, ergibt sich dann, durchaus durch streng geisteswissenschaftliche Methoden, alles das, was gesagt werden muß über den Zusammenhang der Sonne mit dem Christus. Man muß diese Dinge im rechten Lichte sehen. Wir sind mit einer gewissen Berechtigung im Laufe der letzten drei Jahrhunderte dazu gekommen, in den Sternen, in Sonne und Mond etwas zu sehen, worüber man rechnet. Was uns Unheil gebracht hat, ist, daß wir nur rechnen. Wir müssen wieder dazu kommen einzusehen, daß das Rechnen über das Weltengebäude so ist, wie wenn wir am Menschen bloß den Leichnam untersuchen würden. Wir müssen wiederum den Geist des Weltenalls untersuchen lernen. Daran hängt alles. Denn wir finden den Geist nicht, wenn uns die Materie so, ich möchte sagen, vergewaltigt, daß sie sich uns im Universum so zeigt, daß wir sie nur berechnen oder höchstens nach den Grundsätzen der Mechanik beurteilen können. Deshalb muß schon gesagt werden, es liegt durchaus an dem einzelnen Menschen, wenn er sagt: Mir ist es nicht wichtig, daß der Christus der Regent der Sonne ist. - Man muß den Satz in der richtigen Weise auffassen: Mir ist es gleichgültig.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe manche Menschen gehört, die sagten, es sei ihnen gleichgültig, daß der Christus mit der Sonne zu tun hat, denen es aber nicht gleichgültig war, wenn ihre Steuern um 50 Prozent erhöht wurden. Und dennoch ist es für das Gesamtheil der Menschen notwendiger, daß der Christus mit der Sonne zusammenhängt, als daß die Steuern um 50 Prozent erhöht werden.
Wie wir im einzelnen denken über die beiden Jesusknaben, darüber läßt sich wieder diskutieren. Aber was soll man zu einem Einwand sagen, der sagt, wir sollen irgend etwas üben, das, ja ich weiß schon nicht von was handelt, und dann wird uns die Sache von den zwei Jesusknaben aufgetischt, die uns gleichgültig läßt. Ich schlage das Evangelium auf und lese sehr vieles, was in ganz ähnlicher Weise dasteht wie die Sache von den zwei Jesusknaben, über die in der Anthroposophie gesprochen wird. Da wiederum sagt man nicht: Wir wollen Religion, uns ist es ganz gleichgültig, ob Jesus der Sohn des Josef und der Maria war oder dergleichen, uns ist jede einzelne Evangelienwahrheit ganz gleichgültig. — Ich weiß nicht, was einem noch alles gleichgültig ist. Man braucht sich ja nicht darauf einzulassen, was einen nicht interessiert, aber ein Einwand ist das doch nicht, ganz gewiß nicht.
Nun möchte ich noch, weil die Zeit schon vorgeschritten ist, auf den achten Punkt eingehen, den ich mir aufgeschrieben habe. Da wird ja gesagt, man erwarte einen gewissen Fortschritt in der Verinnerlichung des Menschen; durch dasjenige, wie Kultur gemacht worden ist, sei den Menschen schon die Kultur etwas Verhaßtes geworden, sie wollen gar nichts mehr hören von Kultur; und nun komme [mit der Anthroposophie] wieder etwas, was nicht nur von Verinnerlichung spricht, sondern was sogar in Architektur und in Bewegungskunst sich auswirken will.
Ja, meine lieben Freunde, wer es mit dem Leben ernst nimmt, kann doch nichts anderes wollen, als daß dasjenige, was als Anthroposophie auftritt, dasjenige, was er als die geistige Weltengrundlage ansieht, daß das eindringen soll in alles äußere Leben. Ich rede noch immer von Anthroposophie, wir werden dann auch dasjenige zu berühren haben, was in bezug auf das Religiöse zu sagen ist. Das ist ja gerade das Unheil, daß wir nicht mehr in der Lage sind, in das äußere Leben wirklich das hineinzutragen, was wir im Geiste erleben, und das kommt schließlich auf diesen Gebieten heraus, wo das besonders bemerkbar ist. Denken Sie, wenn man einem Griechen gesagt hätte, das, was er geistig erlebt, solle sich nicht im Äußeren ausleben. So wie der Grieche über seinen Apollo dachte, so wie er dachte über Zeus, so hat er seine Zeustempel, seine Säulentempel hingestellt. Nur wir schaffen nichts, wir machen es den Alten nach, wir haben keine Möglichkeit, auf den Gebieten, die dem Geiste entsprechen, wirklich auch eine äußere Lebensphysiognomie zu schaffen. Das einzige, was wir schaffen können, ist ein Warenhaus. Das Warenhaus ist eine grandiose Schöpfung für den materialistischen Geist der Gegenwart. Aber wenn wir irgend etwas haben wollen, ein Haus des Geistes, und wir wenden uns an einen Baumeister, dann wird er es im romanischen, im gotischen oder in irgendeinem alten Stil erbauen, und dann haben wir kein Gefühl dafür, daß wir da innerhalb von Wandungen stehen, die gar nicht dasselbe ausdrücken, was wir innerlich geistig erleben.
Sehen Sie, als der Gedanke entstanden ist — nicht durch mich, sondern durch andere —, der Anthroposophie ein Haus zu erbauen, da konnte keinen Augenblick der Gedanke dasein, man geht zu einem Baumeister und läßt sich einen Renaissance- oder Barockbau aufführen und haust dann da drinnen, sondern da konnte nur der Gedanke dastehen: In diesem Bau wird das und jenes gesprochen, und die Formen, die ringsum sichtbar sind, müssen ganz genau dasselbe sagen wie dasjenige, was darin gesprochen wird. Wenn das nicht nur Theorie ist, sondern Leben ist, wenn die Formen schöpferisch sind, dann stellen sie sich lebendig in die Welt. Man kann gar nicht abmessen dasjenige, was hier als Selbstverständliches mitentsteht gegenüber dem verlogenen Kulturtreiben der Zeit, das uns in die Not gebracht hat.
Das ist zunächst das, was ich vorbringen möchte, meine lieben Freunde. Die Fragen sind zuviele, um sie auf einen Anhub zu bewältigen, ich werde also morgen weiter darüber sprechen, Ich habe mich heute zunächst darauf beschränkt, auf das einzugehen, was gegen die Anthroposophie im allgemeinen eingewendet wird. Ich werde mich aber noch darüber verbreiten müssen, was nun gerade gegen den Dienst, den Anthroposophie der religiösen Erneuerung leisten soll, im besonderen vorgebracht worden ist. Denn ich möchte immer betonen: Wenn etwa gar der Gedanke auftaucht, daß man irgendein schon bestehendes Religionsbekenntnis gleichsam vertritt, oder ein Bekenntnis, das man etwa erst glaubt zu begründen mit der Anthroposophie, dann tut man der Anthroposophie ganz unrecht, weil sie niemals behauptet hat, religionsbildend aufzutreten oder selber eine Religion zu sein oder eine Religion begründen zu wollen. Das tut sie als Anthroposophie nicht. Anthroposophie verfolgt Erkenntniszwecke, Erkenntnisziele; und wer sagt, Anthroposophie ist keine Religion, denn sie hat alle die Eigenschaften nicht, die eine Religion hat —, der sagt etwas, was die Anthroposophie selbst von vornherein von sich sagen muß. Aber man muß doch jemandem nicht vorwerfen, daß er etwas nicht ist, was er gar nicht sein will! Die Einwände, die gerade von religiöser Seite gemacht werden, die kommen mir so vor, wie, sagen wir, wenn man jemandem, der auf einem Gebiete tüchtig ist, darüber Vorwürfe macht, daß er auf einem anderen Gebiete nicht das leistet, was er auch leisten könnte. Aber die Einwände, die Dr. Rittelmeyer verzeichnet hat, sind ja, soweit ich sie berücksichtigt habe, durchaus solche, die sich gewissermaßen auf das Verhältnis des Menschen zur Anthroposophie selbst beziehen. Deshalb habe ich sie zunächst von dieser Seite her behandelt und werde morgen auf die religiöse Seite eingehen.