The Founding of the Christian Community

GA 344 — 6 September 1922, Dornach

Erster Vortrag

Vorbesprechung im Glashaus

Friedrich Rittelmeyer begrüßt Rudolf Steiner: Wir sind hierher gekommen, um Sie zu bitten, daß Sie uns helfen wollen, damit wir der Menschheit recht helfen können. Wir kommen zu Ihnen mit vollem Vertrauen, mit einem so großen Vertrauen, wie man es zu einem Menschen nur haben kann. Dieses Vertrauen gründet sich nicht auf irgendwelche schwärmerischen Gefühle, sondern auf die klare Erfahrung, die wir selbst schon gemacht haben mit dem, was durch Sie geistgeoffenbart ist, eine Erfahrung, die uns tief verpflichtet, da sie uns geworden ist, sie der Menschheit nicht vorzuenthalten und so viel als in unseren schwachen Kräften liegt zu tun, um sie weiterzugeben, weil wir viel davon für die Menschheit erwarten.

Der Kreis, der heute zu Ihnen kommt, ist kleiner, viel kleiner als der Kreis, der vor einem Jahr hier war. Kaum ein Drittel von denen, die damals hier waren, ist wiedergekommen. Einige wenige sind neu dazugekommen. Einige sind ausgeschieden, deren Ausscheiden uns ganz besonders schmerzlich ist. Aber in uns, die wir hier sind, lebt der ganz drängende Wunsch und der feste Entschluß, so viel an uns liegt zu tun, damit es mit unserer Sache rasch und kraftvoll vorwärts gehen möge.

Einige von unseren Freunden, viele von denen, die Sie hier sehen, haben in den Sommermonaten schon zu arbeiten gesucht, und es ist manchem von ihnen gelungen, einen Kreis von sechzig bis achtzig Menschen zusammenzubekommen, von denen sie hoffen können, den Kern der künftigen Gemeinde zu bilden. Von einigen von uns ist schon gesagt worden, daß wir ohne allzugroße Sorge in die Zukunft blicken können.

Wir kommen von einer Tagung, die wir in Breitbrunn hatten, wo wir uns miteinander über einige Sachen verständigten aufgrund der Winke, die Sie uns gegeben haben. Und wir können sagen, es ist wohl kaum einer unter uns, dem diese Tagung nicht zu hoher Befriedigung gereichte. Wir haben die Tagung damit geschlossen, daß wir uns die Hände gegeben haben als ein Kreis von entschlossen in die Welt Tretenden, die für die Sache, die wir gemeinsam vertreten, ihr Leben und ihre volle Kraft einzusetzen sich entschlossen haben und miteinander sich bemühen wollen, das zu verwirklichen, was wir in die Welt stellen wollen: eine wirkliche christliche Gemeinschaft. Darauf haben wir uns die Hand gegeben, daß wir in Dornach die Entscheidung annehmen wollen und daß wir auch in Zukunft immer die Sache über unser Persönliches setzen wollen.

So treten wir vor Sie hin und bitten Sie von ganzem Herzen: Helien Sie uns innerlich und äußerlich, daß angesichts des Ernstes der Weltlage und im Fiinblick auf das große Geistige, das durch Sie in die Welt hinein will, eine Gemeinschaft von Menschen in die Welt treten könne, die der Menschheit wirklich helfen können wird.

Rudolf Steiner: Mein lieber Herr Dr. Rittelmeyer, liebe Freunde! Die Worte, die soeben an mich gerichtet worden sind im Hinblick auf die große Sache, für die Sie sich hier in Dornach versammeln und für die Sie arbeiten wollen, darf ich vielleicht zunächst mit folgendem herzlich erwidern: Es war mir von Anfang an klar bewußt, als diese Ihre Bewegung sich mir offenbarte, welcher Ernst gerade durch diese Ihre Bewegung gehen muß. Nun könnte ich ja sagen, meine lieben Freunde, ich danke Ihnen für das soeben ausgesprochene Vertrauen. Aber ich meine, das wäre in diesem Augenblick durchaus nicht das richtige Wort. Ich möchte etwas anderes sagen. Ich möchte dieses sagen, daß bei solchen Tatsachen, zu denen vielleicht eben dasjenige gehört, was Sie jetzt in die Welt stellen wollen, doch offenbar dieses persönliche Vertrauen nicht eigentlich notwendig ist. Denn persönliches Vertrauen wäre doch eine verhältnismäßig zu wenig starke Grundlage. Was in die Menschheit kommen muß, das ist das Vertrauen in die Sache, an der Sie nun mitschaffen wollen, und diese Sache ist eine außerordentlich einschneidende für die Entwickelung der Menschheit.

Sehen Sie, meine lieben Freunde, ich komme jetzt aus Oxford, das, ich möchte sagen, einen ganz bestimmten Aspekt für die gegenwärtige geistige Situation der Menschheit gibt. Wenn man eine Zeitlang in Oxford lebt, so hat man das Gefühl, daß man in einer Welt sich befindet, die mit einer Art von Mauer umgeben ist. Innerhalb dieser Mauer ist ein reges geistiges Leben, das aber durch diese Mauer in einer gewissen Weise abgeschlossen ist von der eigentlichen Gegenwart. Die jungen Menschen, die dort erzogen werden, werden dann mit einer Erziehung in die Welt hinausgeschickt, die ja geradezu einen starken religiösen Einschlag hat; sie werden hinausgeschickt in die Welt mit einer Erziehung, die, ich möchte sagen, nicht von dieser Zeit ist, die eigentlich noch religiöse Impulse der Vergangenheit hineinstellt in eine Welt, die neue religiöse Impulse braucht. Ich hatte in Oxford ja von ganz anderen Themen zu sprechen, aber ich mußte dort [in einem Vortrag] gerade ein Bild gebrauchen, das sich mir einfach ergeben hat durch das Leben selbst bei einem unbedeutenden Anlaß. Ein Freund führte uns in den verschiedenen Colleges herum, ein Freund, der ein Fellow gerade von Oxford ist. Es ist üblich dort, daß bei solchen Gelegenheiten die Leute ihren Talar anziehen und ihr Barett aufsetzen müssen; alle, die Oxford einmal absolviert haben, müssen das Zeit ihres Lebens tun. Danach begegnete uns der Freund auf der Straße; er hatte noch den Talar an und das Barett auf. In meinem nächsten Vortrag mußte ich dann ein Bild gebrauchen, um etwas aus dem Volkserziehungswesen zu erläutern. Dieses Bild kam mir ganz von selbst: Was wäre - ich habe das im Vortrag ausgesprochen, wie ich es jetzt sage — was wäre, wenn ich nun, unmittelbar nachdem ich unserm Freunde in seinem Oxforder Talar und mit seinem Oxforder Barett begegnet war, ihm hätte einen Brief schreiben wollen? Wenn ich dabei wahr bleiben wollte gegen mich selbst, so hätte ich nicht gewußt, soll ich nun als Datum schreiben 750 vor Christi Geburt oder 1250 nach Christi Geburt. Jedenfalls wäre es mir nicht eingefallen, wenn ich wahr bleiben wollte gegen mich selbst, das Datum der Gegenwart zu schreiben. Aber so ist es gerade mit dem Oxforder Geistesleben; das Oxforder Geistesleben ist ein außerordentlich ernstes, aber ein solches, das zuweilen eigentlich noch an ein mittelalterliches Geistesleben oder sogar an die Zeit vor Christi Geburt erinnert.

Hier auf dem Kontinent oder gar in Mitteleuropa - um nur ein Beispiel zu erwähnen — würde es ja einen außerordentlich schweren Entschluß kosten, etwa einmal einen Vortrag in einer Kirche zu halten. In Oxford war es mir ganz selbstverständlich, als ich dazu aufgefordert wurde, an einem Sonntag in der Chapel [des Manchester Colleges] einen Vortrag zu halten, daß er innerhalb der Kirche gehalten werden mußte. Man bekommt da durch das unmittelbare Erleben einen starken Eindruck davon, wie ernst das englische Geistesleben einmal war, wenn man sieht, wie diese Dinge sogar heute noch inspirierend sind, die sich, wenn auch metamorphosiert, bis in die Gegenwart herein erhalten haben. Auf der anderen Seite bekommt man auch den starken Eindruck, wie notwendig ein neuer Impuls ist, denn die alten Impulse sind eben doch verbraucht. Insbesondere in Mitteleuropa ist es so, daß die alten Impulse im Grunde genommen eine so intensive Fortsetzung nicht gefunden haben wie zum Beispiel in England, wo noch ein starker religiöser Einschlag in der ganzen Kultur vorhanden ist. In Mitteleuropa ist ja das Geistesleben «entreligionisiert» bei denjenigen, die sich als Menschen der Gegenwart von der Bildung der Zeit durchdrungen fühlen. Es ist schwerer zu nehmen, als - wie es scheint - man es heute annimmt, daß in der unmittelbaren Gegenwart ein solches Buch hat erscheinen können wie die «Geschichte des Atheismus» von Mauthner. Ich hielte es allerdings für möglich, daß in Frankreich ein ähnliches Buch erschiene, aber ich halte es für ausgeschlossen, daß in England einer ein solches Buch über die Geschichte des Atheismus schriebe, weil dort die alten Traditionen noch weiterleben.

Ich will damit nur sagen, daß es eine ernste Angelegenheit ist, in Mitteleuropa die Erneuerung des religiösen Lebens zu beginnen. Gerade in Ländern, in denen die Traditionen noch lebendiger sind - im ganzen Westen bis wahrscheinlich nach Amerika -, wird diese Notwendigkeit nicht so empfunden werden können. Nur hier, wo wir auf einem Boden stehen, der in Wahrheit ein lebendig religiöser ist, hier kann die Notwendigkeit eines neuen Impulses intensiv genug empfunden werden. Das zur Illustration meiner Aussage, daß ich von allem Anfang an den Ernst Ihrer Ziele gewissermaßen auch auf mir habe lasten gefühlt. Und jetzt, wo wir eine Art Abschluß für den unmittelbaren Anfang Ihrer Arbeit finden wollen, werden wir uns alle von diesem Bewußtsein durchdringen müssen.

Zunächst muß wirklich darauf hingearbeitet werden, ganz wegzukommen von diesem Vertrauen, für das ich Ihnen zwar sehr dankbar bin, das aber ein persönliches Vertrauen ist, wegzukommen von diesem persönlichen Vertrauen und hinzukommen zu einem wirklichen Vertrauen in die Sache. Dazu haben Sie als Theologen alle mehr die Möglichkeit, als es andere Menschen der Gegenwart, die innerhalb des geistigen Lebens stehen, haben können. Denn immerhin muß der Theologe etwas Gefühl haben von geistigem Leben, sonst wäre er eine realisierte Unwahrheit als Persönlichkeit. Hat man etwas Gefühl von dem geistigen Leben als solchem, dann muß man auch die Brücke hinüber finden zu dem, was in der unmittelbaren Gegenwart als geistiges Leben auftreten muß. Es ist durchaus eine Summe von Empfindungen und Gefühlen und Gesinnungen, aus denen heraus wir nun unsere Arbeit beginnen müssen, und auf diese Gefühle und Empfindungen und Gesinnungen wollte ich Sie zunächst hinweisen. Wir müssen ja allerdings unsere Arbeit in aller Bescheidenheit beginnen, denn zunächst wird es eine viel angefochtene Arbeit werden, dessen müssen wir uns bewußt sein. Und je weniger Sie den Glauben haben, daß Sie hindernislos mit dieser Arbeit durch die Welt schreiten, desto besser wird es im Grunde genommen sein. Je mehr Sie sich auf Hindernisse und Hemmnisse vorbereiten, desto besser wird es sein. Und so kann ich auf die lieben Worte, die soeben von Herrn Dr. Rittelmeyer gesprochen worden sind, nur erwidern: Es soll von mir alles geschehen, damit dieses unser Zusammensein hier der Ausgangspunkt sein kann für ein vom Geist der Zeit gefordertes tatkräftiges Wirken von Ihnen allen, die Sie sich dazu entschlossen haben.

Ich denke nun, wir richten die Sache so ein, daß wir heute eine Art Vorbesprechung halten und morgen mit unserer eigentlichen Arbeit beginnen. Nun fühle ich mich veranlaßt, im Anschluß an die von Herrn Dr. Rittelmeyer gesprochenen Worte und mit Rücksicht auf das, was ich selbst gesagt habe, als den ersten Punkt denjenigen zu erwähnen, der doch meiner Auffassung nach unsere Situation außerordentlich einschneidend verändert: das ist der Rücktritt des Herrn Dr. Geyer von unserer Bewegung. Herr Dr. Geyer hat einen Brief an mich gerichtet, in dem er zunächst mehr das Persönliche seiner Intentionen darlegt und auch das persönliche Verhältnis zu mir. Ich erwähne von vornherein, daß ich ja selbstverständlich jedes Wort, das Dr. Geyer gesprochen hat, als etwas aufnehme, das in aller Liebe und Achtung empfangen wird und daß auch meinerseits nicht die geringste Änderung in dem persönlichen Verhältnis zu ihm eintreten kann. Also ich möchte sagen, all das Persönliche ist etwas, worüber wir wirklich nicht zu sprechen brauchen, denn ich will die Nuance, die er in seinem Briefe erwähnt, auch als die meinige empfinden. Aber in bezug auf die Bewegung ändert sich die Situation doch in einer so einschneidenden Weise, daß wir uns diese Tatsache zum Bewußtsein bringen müssen. Nicht wahr, schon das Äußerliche, daß beim Bekanntwerden dieser Bewegung zur religiösen Erneuerung vielfach der Name von Dr. Geyer genannt worden ist, nicht zuletzt in der Richtung, daß er, der nicht zur Anthroposophischen Gesellschaft gehört, eingetreten ist für diese religiöse Erneuerung, das war gerade der Umstand, daß man an vielen Orten einen gewissen Grad des Vertrauens zu dieser Bewegung der religiösen Erneuerung hatte, und weil Dr. Geyer in seinem Alter sich entschlossen hat, mit dieser Bewegung mitzutun. Das alles, zusammengehalten mit dem Umstand, daß nun in regster Weise diese Tatsache des Rücktritts überall verbreitet werden wird, das wird uns vor eine ganz ernste Situation stellen. Im Beginn einer solchen Bewegung bedeutet das etwas. Dr. Rittelmeyer hat auch von anderen Personen gesprochen, die zurückgetreten sind. Das mag ja sehr schmerzlich sein, aber das bedeutet nicht dasselbe, da Dr. Geyer im Zentralkomitee bei allen vorbereitenden Arbeiten gestanden hat. Es bedeutet dies immerhin auch, daß Sie alle in Ihren Herzen werden die Frage aufwerfen müssen, die Frage werden zu stellen haben: Was ist es nun eigentlich objektiv - von allen persönlichen Gründen abgesehen -, was den Pastor Geyer abgehalten hat, seinen doch einmal gefaßten Entschluß, mit dieser Bewegung zu gehen, aufzugeben?

Es ist für Sie wichtig, den Grad der Objektivität eines solchen Entschlusses ins Auge zu fassen. Ihre eigene Sicherheit, mit der Sie innerhalb der Bewegung stehen, wird davon abhängen, welche Gedanken Sie sich machen, welche Gefühle Sie entwickeln im Anschluß an die Tatsache, daß einer der Führer der Bewegung gerade im entscheidenden Augenblicke zurückgetreten ist. Das sagt ja nichts irgendwie über das Persönliche aus, nichts darüber, daß irgend jemand den Dr. Geyer nunmehr weniger lieb zu haben braucht als vorher und dergleichen. Abgesehen von allem Persönlichen handelt es sich aber darum, sich darüber klar zu werden: Was kann einen entschiedenen Mann in diesem entscheidenden Moment von seinem Entschluß abbringen? Denn die Beantwortung dieser Frage ist zugleich ein inneres Erlebnis, das uns beschäftigen muß auf dem Wege zu dem Ziel, das Sie sich gesetzt haben, meine lieben Freunde. Sie werden Ihre eigene Sicherheit reifen lassen müssen, indem Sie sich diese Frage in aller Stärke und Objektivität vornehmen.

Es würde doch vielleicht notwendig sein, heute noch das eine oder andere Wort darüber zu sprechen, warum manche von denjenigen Persönlichkeiten, die das letzte Mal da waren am Ausgangspunkt der Bewegung, heute nicht da sind. Das wird zu den Vorbesprechungen gehören, und außerdem alles das, was Sie selbst auf der Seele haben. Nun wollen wir vielleicht uns über die Dinge, die zu besprechen sind, verständigen, um morgen wirklich mit der Arbeit beginnen zu können.

Emil Bock berichtet kurz über die Tätigkeit der einzelnen Glieder des Kreises. [Seine Ausführungen wurden nicht mitstenograpbhiert.]

Rudolf Steiner: Wir brauchen nur Leitlinien, damit Sie sich selbst dasjenige vor das Bewußtsein rufen, was wirklich vor dem Bewußtsein stehen soll.

Ein Teilnehmer: {Ausführungen nicht mitstenographiert.]

Rudolf Steiner: Kann man auch von geistigen Mißerfolgen sprechen? Ich meine jetzt nicht so sehr Mißerfolge, die sich die Freunde selbst vorwerfen in ihrer Arbeit, sondern die Mißerfolge, die in mangelnder Aufnahmefähigkeit liegen würden.

Verschiedene Teilnehmer berichten, namentlich über die Verhältnisse in Duisburg und Erfurt.

Rudolf Steiner: Welche Gesichtspunkte haben gewaltet bei der Auslese in Breitbrunn?

Friedrich Rittelmeyer antwortet. [Die Antwort ist vom Stenographen nicht mitgeschrieben worden.)

Rudolf Steiner: Ist nichts zu sagen über den Rücktritt von Geyer?

Friedrich Rittelmeyer: Ich erwarte, daß Dr. Geyer auch jetzt noch für die Bewegung tätig sein wird, wenn man aus unserem Kreis in diesem Sinne an ihn herantritt. Wir würden selbst in dieser Form noch Vorteile von ihm haben, vorausgesetzt, daß Herr Dr. Steiner keine entscheidenden Bedenken dagegen hat.

Rudolf Steiner: Ich habe nicht entscheidende Bedenken, weil ich auch auf diesem Gebiet auf solche Entschlüsse wirklich nicht irgendeinen maßgebenden Einfluß nehmen möchte, sondern bei der Stellung bleibe, die ich zu der Bewegung von Anfang an hatte: das, was aus der geistigen Welt gegeben werden kann, zu geben und nicht anders als ratend auf die Konstitution einzuwirken. So ist es für die Sache selbst das beste. Aber nicht wahr, wenn man auch durchaus der Meinung sein kann, daß ein solches Schreiben an Herrn Dr. Geyer gerichtet werden kann, so bleibt dennoch die Frage wichtig, welche objektiven Abhaltungen es für Dr. Geyer geben konnte, außer diesen subjektiven persönlichen, die man ja verstehen kann. Diese subjektiven Abhaltungen, daß er sich nicht selber zum Kultusträger machen kann und dergleichen, die sind ja nicht so außerordentlich wichtig; gegenüber solchen Dingen kommt man zurecht, wenn man mit der Intensität und dem Ernst die Bewegung ansieht, wie es für sie notwendig ist. Wichtig ist aber die objektive innere Stellungnahme zu der Frage: Was kann ihn abhalten, nach Ihrer Meinung?

Friedrich Rittelmeyer vermutet, daß das, was Dr. Geyer abhält mit uns zu gehen, in der Zeitströmung drin liegt und uns in der nächsten Zeit von manchen Seiten entgegentreten wird. Rudolf Steiner: Damit berühren Sie schon die objektive Seite, die wichtig ist für den Impuls. Wenn Sie sagen, das werde uns bei verschiedenen Menschen entgegentreten, so ist das wichtig, und umso wichtiger ist es, sich darüber ganz klar zu werden.

Friedrich Rittelmeyer und Emil Bock berichten noch über ihre Wahrnehmungen in bezug auf Dr. Geyer in der letzten Zeit. [Die Ausführungen wurden nicht mitstenographiert.]

Rudolf Steiner: Das, was für Sie alle notwendig ist, das ist, einzusehen — gegenüber dem, was Sie selbst sich zur Devise gemacht haben, klingt das trivial -, daß eine Erneuerung des religiösen Lebens als solchem notwendig ist. Eine Erneuerung des religiösen Lebens! Wenn religiöses Leben erneuert werden soll, dann ist in erster Linie notwendig, daß auch eingesehen wird, worin die Irreligiosität vieler gegenwärtiger religiöser Bekenntnisse liegt. Es ist im allerersten Auftreten dieser Bewegung, als diese beiden Herren zu mir gekommen sind, ein Unterton dagewesen, daß wir ja eigentlich ein religiöses Leben nicht haben unter denjenigen, auf die Sie ja zunächst rechnen, daß also das religiöse Leben nicht mehr eine Wahrheit ist.

Es ist in erster Linie notwendig, daß religiöses Leben im Innern der Persönlichkeit des Menschen eintrete. Wie Sie Jetzt bei Pastor Geyer bemerken, ist dieses Bewußtsein nicht mehr vorhanden. Die Überwindung dieser Seelenstimmung, die Sie bei Pastor Geyer finden, das bedeutet ja den ersten Schritt im religiösen Leben. Wenn jemand sich eben nicht so weit ausschalten kann, daß er hinwegkommt über diese persönliche Unmöglichkeit, das Geistige zu vertreten, dann ist dies ein Grad von Irreligiosität, der ja gerade ein wichtiger Einschlag in unserem gegenwärtigen Geistes leben ist. Dann ist eben bei denjenigen Persönlichkeiten, auf die Sie hingewiesen haben, eine solche Animosität gegen das religiöse Leben als solches vorhanden. Was Sie sagten über diese Sehnsucht, das Geistige als Unsinnliches zu erleben, es aber nicht ausdrücken zu wollen bis in die Gewänder hinein - wobei über das Praktische noch gesprochen werden kann -, das ist eigentlich nicht ein Vertreten des Geistigen, sondern ein Bekämpfen des Geistigen. Das ist es im Grunde, was am stärksten die Menschheit von dem Geistigen abgeführt hat, daß allmählich die Vertretung des Geistigen nur eine Abstraktion geworden ist, eine Sache der Lehre, eine Sache der Theorie, eine Sache, bei der man davor zurückschreckt, mehr zu haben als höchstens ein paar Symbole. Sobald man zu der Empfindung kommt, es sei das noch eine Vertretung des Geistigen, das sich offenbaren will, und Anstoß daran nimmt, daß der Geist, wenn er zutage tritt, schöpferisch sein will, haben wir es mit einem irreligiösen Element zu tun.

Theologie braucht es ja gar nicht mit Religion zu tun zu haben. Sie kann eine Theorie über Gott und alles mögliche sein, was sich an Gott anschließt, sie kann auch außerordentlich herzhaft auftreten, aber sie ist doch nicht Religion. Theologie kann sehr irreligiös sein; und das ist es, was ich meine, das klar und ohne Scheu gesagt werden muß, daß Herr Dr. Geyer zurücktritt von dieser Bewegung, weil er doch nicht alles so tief ernst mit der Religion nahm, wie es nötig ist für Sie alle, die Sache ernst zu nehmen. Das ist das objektive, ganz von seiner Persönlichkeit absehende Element. Er kann sich nicht aufgeben; darin liegt objektiv der Grund, daß er mit der Bewegung nicht mitgehen kann. Wenn man die Sache so ansieht, wird es außerordentlich charakteristisch, wenn er redet von den zehn Jahren], die er älter sei als Dr. Rittelmeyer]. Denn wenn man religiös empfindet, sagt man nicht, diese zehn Jahre machen das aus, was mich hindert, an der Bewegung teilzunehmen, sondern da sagt man: ich weiß es besser, daß diese Bewegung notwendig ist, denn ich bin zehn Jahre älter; ich bin der Älteste, deshalb weiß ich auch am besten, was notwendig ist. - Das würde religiös gesprochen sein. Ich wollte gern, daß wir die Sache ganz von der Person losbringen. Ganz abgesehen davon, daß es Dr. Geyer ist, den wir alle sehr lieb haben und lieb behalten, ist es notwendig so zu fühlen, daß wir das religiöse Leben als solches heute sehr ernst nehmen, daß wir es als Substanz aufnehmen, daß wir das religiöse Leben innerhalb seiner Substanz auffassen. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich zur Klärung aussprechen würden. Verschiedene Anwesende äußern sich darüber, was nach ihrer Ansicht Herrn Dr. Geyer zu seinem Schritt bewogen haben möchte. Unter anderem wird folgendes gesagt:

Vielleicht liegt in dem, was Herrn Dr. Geyer zu seinem Entschluß geführt hat, etwas von einer nicht bis ins religiöse Gebiet gedrungenen Auffassung von der Freiheit der menschlichen Persönlichkeit. Wenn man mehr nach dem Intellekt sich orientiert, glaubt man, nicht frei zu sein gegenüber dem, in das man sich hineinstellt, das man vollbringt, indem man von kultischen Gewändern bekleidet ist.

Rudolf Steiner: Um nur eines herauszugreifen: Die Sache mit den Gewändern ist ja, wenn Sie sie objektiv nehmen, durchaus so, daß sie mit dem Gefühl für Freiheit nicht das geringste zu tun hat. Denn sowohl die Gewandfrage wie auch die übrigen Kultusfragen hängen innig zusammen mit dem Hineinwachsen des Menschen in das Geistige und mit dem Öffenbaren des Geistigen in der Welt. Nun, abgesehen davon, daß ja in bezug auf die Gewänder, die Pastor Geyer in der Zukunft in der Kirche tragen wird, er doch auch nicht sagen kann, daß er darin frei ist. Davon ist doch keine Rede. Wir sind ja durchaus nicht frei in bezug auf unsere Gewänder. Aber davon können wir ganz absehen, denn das ist unbedeutend.

Man kann selbstverständlich in den Einzelheiten irren, aber im großen und ganzen ist es doch das Bestreben, diejenigen Inhalte dem Kultus zu geben, die mit dem Menschen so zusammenhängen wie die Haut des Menschen mit dem physischen Leib. Es wird doch nichts Ausgedachtes angezogen, sondern das, was der Mensch ohnehin an sich hat, wenn er in der richtigen Empfindung handelt. Ich will damit sagen, der astralische Leib hat ganz bestimmte Figuren und Färbungen, wenn der Mensch in der Stimmung ist, eine religiöse Opferhandlung zu vollbringen, und das drückt man in der Gewandung aus. So daß das Auflehnen gegen die Gewandung dasselbe wäre, wie wenn man sagte, ich will eine blaue Haut statt der Inkarnathaut. Das hat nichts zu tun mit persönlicher Freiheit. Wenn man das Kultusmäßige richtig versteht, muß man überhaupt ganz anders über diese Dinge denken und man kann gar nicht eine subjektive Aversion haben. Daß man einen Frack lieber trägt als einen Chorrock, kann man da gar nicht geltend machen, denn das hat gar keinen Sinn.

Friedrich Rittelmeyer: Wir haben in Breitbrunn darüber gesprochen — ohne das Urteil über Pastor Geyers Rücktritt zu klären -, daß wir doch die Empfindung haben, daß alles Bisherige, was nicht als Kultus in der Welt gewirkt hat, eine Art Religionsspielerei war gegenüber dem, was das Bestreben hat, mit dem Geiste auch bis in die äußere Natur zu wirken.

Rudolf Steiner: Es kommt darauf an, wirkliches religiöses Gefühl zu schaffen, im Gegensatz zu demjenigen, der viel redet in passiven Vorstellungen, der aber kein religiöses Leben führt. Was Sie sagten, ist richtig, muß aber in der Form gesagt werden: Anthroposophie aufzunehmen und zu lehren, kann ganz irreligiös sein. Anthroposophie in der Seele zu finden, hat schon einen religiösen Charakter. Mit dem Verstande kann einer Anthroposophie aufnehmen, ganz sicher kann er das, das braucht aber noch keine Religion zu sein. Was heute viele Theologen in irgendeiner Färbung aufnehmen und lehren, das hat gar nichts irgendwie mit Religion zu tun. Ich glaube, dies können wir ganz ruhig als objektive Schwierigkeit betrachten. Ich glaube, daß wir diese Schwierigkeiten in irgendeiner Form erleben müssen. Man kann da die Empfindung haben, ja, man steht, sobald man zu den Menschen geht, wie außerhalb der Frucht, man zeigt auf die Schale einer Nuß, aber man steht nicht innen im Kern der Nuß,. Man kann das, was man als Religiöses in sich gefunden hat, nicht richtig weitertragen. Ich hoffe, daß wir jetzt hier in Dornach doch einmal durchbrechen durch die Schale der Nuß in den Kern hinein, denn sonst flaut doch alles wieder ab.

Dann dürfen wir noch einige äußerliche Fragen besprechen. Wann ist es Ihnen am liebsten, wenn ich in Ihren Versammlungen zu Ihnen spreche?

Friedrich Rittelmeyer: Wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.

Rudolf Steiner: Dann ist es vielleicht am angemessensten, wenn wir es von Tag zu Tag bestimmen, so daß wir für morgen bei vier Uhr oder halb vier Uhr bleiben. Morgen früh haben wir drüben im großen Gebäude eine Rezeption, da würde es am Morgen weniger leicht gehen. Wir könnten für die anderen Tage den Morgen in Aussicht nehmen. Das wäre das Wesentliche, daß wir uns über die Stunde klar werden. Vielleicht sind noch andere Dinge festzusetzen?

Friedrich Rittelmeyer: Sind es noch Fragen oder Winke, die Sie uns zu geben haben?

Rudolf Steiner: Ich hätte eher gemeint, daß Sie mir sagen würden, was Sie erwarten.

Emil Bock: Ich möchte zunächst sagen, daß unser Kreis eigentlich innerlich ganz darauf drängt, daß wir wirklich zu einer Konstitution unserer Sache kommen, daß wir zu einem Anfang unseres Wirkens kommen dürfen. So daß wir eigentlich nicht die Erwartung im Vordergrund stehen haben soweit wir das übersehen können -, daß wir viel Theoretisches bekommen, sondern daß wir alle darauf eingestellt sind, daß die erste Tat an uns geschieht von dem ganzen Verlauf von Tatsachen, die wir in die Welt zu tragen haben. Und dann haben wir nun auch, nach den Gesprächen, die wir vor kurzem haben durften, schon einige Vorbereitungen getroffen. Wir haben die Dinge vorzubereiten versucht und haben gefunden, daß wir noch vieles an genaueren Angaben bedürfen, damit die Dinge recht hergestellt werden können. Was wir an Theorie bekommen können, an Unterstützung bekommen können, das wollen wir von Herzen dankbar, soweit wir dazu kommen dürfen, von Ihnen annehmen. Wenn ich darüber etwas sagen darf, ist es, daß wir in unserem Arbeitskreis bei unserem Wirken überall vor ganz neuen Wissenschaftsgebieten stehen. Wir sind zum Beispiel darauf gekommen, daß zu einem wirklichen Verständnis dessen, was wir am Kleide sehen, eine ganze kultische Chemie nötig ist, die uns über das Wesen der Materie, über Verwandlung derselben aufklärt. Der Sinn der kultischen Farben ... [Lücke im Text des Stenographen]. Eine kultische Physik wird uns sagen müssen, was vorgeht durch die Wandlung im Jahreslauf hindurch. Das ist uns an der Gewandfrage klar geworden, daß wir darüber noch recht viel zu erarbeiten haben und uns sagen müssen, wie eigentlich Kultisches überall in der Sittengeschichte drinnensteckt. So daß wir eigentlich heißhungrig sind auf recht viel Material, wo uns nahegebracht wird aus der Geschichte, der Religionsgeschichte, der Sittengeschichte, was kultisch und imaginativ auf die Gewänderfrage Bezug hat.

In der seelsorgerischen Arbeit haben gewiß alle unsere Freunde daran gedacht, was man uns im vorigen Herbst gesagt hat in ganz kurzen Andeutungen über Pastoralpsychiatrie. Wir stehen vor ganz großen Schwierigketten, denen wir nicht gewachsen sind, weil uns noch diese ganz neue Art von Theologie fehlt. Wir verstehen die Bibel noch zu schlecht, und da möchten wir so viel wie es irgend geht noch hören und Ratschläge bekommen, um uns diese großen Gebiete der Theologie erarbeiten zu können. Das ist das, was ins Theoretische hineingeht. Zunächst kommt es uns doch darauf an, daß wir praktisch anfangen. Wenn Herr Doktor Zeit hat, möchten wir, daß er uns alles sagt, was uns als Ansporn zu eigener Arbeit und als Rüstzeug zu eigener Arbeit dienen kann. Es ist eine Unzahl von Fragen aufgeworfen worden, über die wir gern fragen möchten.

Rudolf Steiner: Ja, diese Fragen müssen natürlich erledigt werden. Dasjenige, was mir zuallererst obliegt, was ich morgen mit Ihnen absolvieren möchte, das ist zunächst die geistige Konstitution Ihrer Gemeinde als solcher. Ich meine nicht das, was die Gemeinde im weiteren Sinne ist, sondern die Gemeinde der Priester. Ich muß Ihnen doch darüber sprechen, was diese Gemeinde der Priester bedeuten wird, wie sie sich konstituieren soll, wie sie sich ein Selbstbewußtsein geben soll, denn davon hängt die Realität ab, daß diese Gemeinde der Priester eine selbstbewußte sei, um dadurch wirklich der Träger eines Geistbewußtseins der Gegenwart zu werden. Ohne dieses wird eine Erneuerung des religiösen Lebens nicht möglich sein. Das fehlt allen neueren geistigen Bewegungen, die Aggregate sind, die auf der Erde leben, die nicht von der geistigen Welt aus konstituiert sind. Das wird morgen das erste sein, daß wir über das, was eigentlich vorgehen soll, sprechen werden. Über diese Dinge brauchen wir gar nicht theoretisch zu sprechen, die müssen Sie ganz praktisch auffassen. Da wird es sich darum handeln, unter uns selbst den Geist zu erwecken zu einer Kultushandlung, ich möchte sagen, wenn ich den prosaischen Ausdruck gebrauchen darf, daß wir demonstrieren, wie eine Kultushandlung geschehen soll. In dieser Richtung wollen wir beginnen.

Dagegen wird dasjenige, was uns auch notwendig ist, die äußere Gemeindegliederung, sich mehr in der Form der Diskussion ergeben müssen, denn da stehen wir ja vor ungeheuer wichtigen, ausschlaggebenden Sachen. Aber es handelt sich darum, daß wir da nur mit menschlichen Gründen vorwärts- oder zurückkommen, also zum Beispiel, was noch getan werden könnte, um die Gemeinde wirklich zu erhalten, das wäre das trocken Prosaische. Denn nun ist das Haus in Stuttgart begonnen worden zu bauen und es fehlt doch die Möglichkeit des Weiterbauens.

Friedrich Rittelmeyer: Das Geld ist da. Das Haus in Stuttgart ist, soweit es gebaut ist, bezahlt. Was noch benötigt wird, kommt.

Rudolf Steiner: Darüber werden noch andere mitsprechen müssen, wie Herr Leinhas. Das ist nur so weit, daß es bis zu einem gewissen Punkte reicht, aber nicht weiter.

Friedrich Rittelmeyer: Die Frage, wie die Gewänder und die Geräte zu beschaffen sind, ist eine sehr brenzliche Frage. Es ist unser aller Wunsch, möglichst bald zum Kultus zu kommen. Wir haben schon im Sommer darauf hingedrängt, daß es nicht erst in den letzten Tagen dazu kommen möge. Wenn wir einmal heran müssen an die Materie, so ist es unser aller Wunsch, möglichst bald dazu zu kommen, weil wir uns erst dann ganz hineingestellt fühlen.

Rudolf Steiner: Das wird schon gemacht werden. Sie müssen natürlich nur selber den Kultus in der Weise aufnehmen, wie er einzig und allein gemeint sein kann: mit völligem Ernst.

Friedrich Rittelmeyer: Wir haben in Breitbrunn jeden Tag die Opferfeier miteinander gehalten. Es ist ein großes Verlangen unter uns, daß es auch hier jeden Tag geschehen könne. Und wenn es in einer besseren Form geschehen könnte.

Rudolf Steiner: Sie meinen, daß einer die Messe zelebriert hat?

Friedrich Rittelmeyer: Vorgelesen, mehr konnten wir ja nicht.

Rudolf Steiner: Morgan um halb vier Uhr werden wir uns hier versammeln.

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