The Founding of the Christian Community

GA 344 — 7 September 1922, Dornach

Zweiter Vortrag

Meine lieben Freunde! Was wir der Einführung und Pflege des Kultus unbedingt vorangehen lassen müssen, das ist etwas, das ja besonders in evangelisch-protestantischen Kreisen schwerer verstanden wird, weil in diesen Kreisen Religion nicht auf den Kultus gebaut ist und das, wofür der Kultus dasteht, weniger verstanden, empfunden und gewürdigt wird. Der Kultus steht ja natürlich da als Offenbarung des Geistigen. Nun setze ich voraus, daß das, was Sie entweder direkt von mir hier gehört haben an Auseinandersetzungen, die immer eigentlich im esoterischen Sinne Ihnen gegenüber gemeint waren, oder was von solchen Auseinandersetzungen durch andere übertragen zu Ihnen gekommen ist, daß das schon mit einer gewissen Kraft, mit einer gewissen Gewalt auf Ihrer Seele liegt, und daß Sie sich bewußt sind, wie ernst diese Bewegung gemeint sein muß, wenn sie überhaupt stattfinden soll. Daher möchte ich unter dieser Voraussetzung zunächst dasjenige sagen, was heute zu sagen sein wird.

Kirchen, religiöse Gemeinschaften - in dem wahren Sinne des Wortes — sollen im Sinne der Weltenordnung immer aus der geistigen Welt heraus begründet werden, und im wesentlichen sind auch die Kirchen, sind auch die religiösen Gemeinschaften aus der geistigen Weltenordnung heraus gegründet worden. Diese geistige Weltenordnung liegt natürlich allem, was als Offenbarung des Geistigen hier auf Erden erscheint, zugrunde, wenn auch zum Beispiel in sektiererischen Bewegungen durchaus nicht eine geistige Mission vorzuliegen braucht, bei einer bestimmten Sekte vielleicht sogar die Illusion eines geistigen Auftrages da sein kann oder vielleicht mehr oder weniger bewußt oder auch unbewußt die ganze Begründung schwindelhaft ist. Aber Sie werden doch immer bemerken, auch in solchen Fällen, wo Unwahrheit statt Wahrheit vorliegt, daß zumeist die, welche so etwas begründen, sich wenigstens auf einen angeblichen Impuls aus der geistigen Welt berufen. Jedenfalls aber muß das, was als eine solche religiöse Gemeinschaft in die Welt geht, wie sie hier gemeint ist, den Impuls dazu aus der geistigen Welt ableiten. Es muß dies aus dem Grunde besonders betont werden, weil dagegen gefehlt haben sowohl die katholischen Gemeinschaften, also die römischkatholische und auch die östliche katholische Gemeinschaft, als auch die evangelisch-protestantischen Gemeinschaften, nur nach zwei verschiedenen Richtungen hin: Die katholische Gemeinschaft — die im wesentlichen, wenn auch bis zur Unverständlichkeit verwandelt, den Kultus bewahrt hat, der älter ist als das Christentum auf Erden und auch älter als seine heutige Gestalt -, die katholische Gemeinschaft hat dadurch gefehlt, daß sie den Schwerpunkt allmählich hat übergehen lassen in eine weltliche Institution, die aufgebaut ist auf äußerer Herrschaft, in die selbstverständlich dann immer die persönlichen Impulse der einzelnen Machthaber hineinspielen. Sie brauchen ja nur zurückzugehen bis zu den Schriften des Dionysius des Areopagiten, und Sie werden sehen, daß darin der deutliche Beweis liegt, daß die Gemeinschaft der Priester — also wenn ich so sagen darf, die Priesterhierarchie auf Erden - gedacht ist als ein Abbild der geistigen Hierarchie oben. Sie ist nur als Bild gedacht, und das schließt nach der Anschauung der ersten christlichen Zeit aus, daß die Kirche eine Machtentfaltung im Sinne eines weltlichen Reichsprinzipes hier auf Erden hat. Die katholische Kirche hat zwar in sich die Möglichkeit, den einen oder anderen ihrer Priester in ein Objektives hineinzustellen und den Kultus da oder dort zu einem wahren zu machen; dagegen hat sie als Institution völlig die Möglichkeit verloren, hier auf Erden ein Abbild eines Geistigen zu sein, obwohl es innerhalb der katholischen Kirche Priester gibt, durch deren eigene Reinheit, möchte ich sagen, das Unreine, das durch das persönliche Element in den Kultus hineinkommt, wiederum herausgeworfen wird. Die katholische Kirche hat also in einem gewissen Sinne dasjenige in die weltliche Institution heruntergezogen, was empfunden werden sollte als der ursprüngliche Impuls der geistigen Welten.

Die evangelisch-protestantischen Kirchen - von der russischen Kirche brauchen wir hier zunächst nicht zu sprechen, weil sie für die mitteleuropäischen Gegenden keine aktuelle Bedeutung hat haben durch das völlige Abwerfen des Kultus - denn wo er noch vorhanden ist, ist er in eine bloße Symbolik verwandelt — die gesamte religiöse Ausübung heruntergebracht bis zur einzelnen menschlichen Individualität mit ihrer [subjektiven] Überzeugung von der Wahrheit von sogenannten «Sätzen». Ich meine damit, daß der einzelne Mensch vor der Gemeinde dasjenige vertritt, was er nach seinem subjektiven Ermessen für wahr halten kann. Dadurch ist erstens der Gemeindebildung insofern entgegengewirkt, als ja in einem solchen subjektiven Fürwahrhalten der Anfang liegt zur Atomisierung der Gemeinschaft. Die Überzeugungen der einzelnen Personen werden ganz notwendigerweise, wenn sie innerlich ehrlich und aufrichtig sind, immer eine persönlich-subjektive Färbung annehmen, und so wird jeder Pastor seine eigene Meinung haben müssen, insbesondere dann, wenn seine religiöse Überzeugung in Zusammenhang steht mit einer Theologie, die auf Diskussionen über Sätze über die geistige Welt eingeht. Hinzu kommt dann dasjenige, was Sie alle ganz sorgfältig, tief und ernst ins Auge fassen müssen, wenn Sie wirklich zur praktischen Ausübung der Seelsorge kommen wollen: Sie müssen sich darüber klar sein, daß im evangelisch-protestantischen Kirchenreglement heute eigentlich der notwendige Gegensatz zwischen dem Laiengläubigen und dem Seelenhirten verschwunden ist. Gerade das Verschwinden dieses Gegensatzes wird ja aus gewissen neuzeitlichen Überzeugungen heraus - die aber nur vorübergehend eine Bedeutung haben können - als etwas Vorzügliches angesehen, aber es kann doch niemals für die Seelsorge ein wirklicher Impuls sein. Fast alles, was heute innerhalb der evangelischen Geistlichkeit auftaucht an Diskussionen und Auseinandersetzungen über das Religiöse, ist so, daß die Geistlichen so sprechen, wie der einfache religiöse Mensch sprechen muß. Gewiiß, sie sprechen gebildeter, wissenschaftlicher, aber sie sprechen über die Anerkennung oder Nichtanerkennung dieses oder jenes religiösen Impulses; sie sprechen auch darüber: Was ist überhaupt Religion? Wie steht die Seele, das Herz des religiösen Menschen zu Gott, zur übersinnlichen Welt? und so weiter. Diese Färbung nehmen die Diskussionen an. Doch diese Färbung können die Diskussionen bei einfachen religiösen Menschen haben, aber nicht bei dem, der ein priesterliches Amt ausübt. Der Priester muß sich klar sein, daß er nicht der Behütete ist, sondern der Seelenhirt, daß er also nicht die Frage in den Vordergrund stellen kann: Wie verhält sich die Seele des Menschen zu Gott oder zur übersinnlichen Welt? -, sondern er muß die Frage stellen: Wie lehre ich die Menschen, wie sorge ich für die Seelen der mir anvertrauten Menschen? — Es müssen die Religionsfragen, wenn sie für ihn Fragen sind, bei ihm sozusagen nur einen esoterischen Charakter haben, den er nie vor dem Laienpublikum zur Diskussion bringt.

Das ist natürlich etwas radikal ausgesprochen, aber es muß so radikal ausgesprochen werden, damit gefühlt werde: Wenn man eine solche Gemeinschaft heute begründen will, wie Ihr Kreis es tun will, wo Sie eben Priester werden wollen und nicht einfache Laiengläubige sind, dann muß man sich darüber klar sein, daß da nicht die Fragen nach dem besonderen Charakter der Religion und des religiösen Lebens die Rolle spielen, sondern es muß von vornherein gefühlt werden die esoterische Gemeinschaft der Seelenhirten. Man kann natürlich sagen, dies widerspreche dem demokratischen Gefühl. Aber dem demokratischen Gefühl widerspricht überhaupt jede Kirche, jede wirkliche religiöse Gemeinschaft. Und wenn etwas rein demokratisch werden soll, wie es innerhalb der protestantischen Kirche versucht wird, so kommt das Absurde zustande, daß die religiöse Gemeinschaft völlig atomisiert wird dadurch, daß die Gemeinde ihren Seelenhirten nach demokratischen Rücksichten wählt. Dadurch kommt ein ganz ungeistiges Prinzip, das Prinzip einer ungeistigen Wahl in die religiöse Strömung hinein, und dadurch wird weiter atomisiert. Es muß jeder einzelne Seelenhirte seine besondere Mission aus der geistigen Welt bekommen, und es muß dazu kommen, daß die ganze Prozedur des [demokratischen] Wählens [des Seelenhirten durch die Gemeinde] als eine Komödie betrachtet wird, was sie ja eigentlich auch ist.

Es kommt darauf an, daß wir diese Dinge in völligem Ernste betrachten und nicht irgendwie einen Schleier über sie breiten, denn sonst brauchte man ja nicht eine neue Gemeinschaft zu begründen, sonst könnte man ja immer noch hoffen, daß die alten Gemeinschaften verbesserungsfähig sind. Aber diese neue Gemeinschaft beruht eben auf der Überzeugung, daß dieses Alte nicht mehr verbesserungsfähig ist. Nur auf diesem Felsen kann dasjenige ruhen, was Sie begründen wollen. Dann müssen Sie aber einen solchen Zusammenhalt haben, den Sie unmittelbar als einen solchen empfinden, der Ihnen aus der geistigen Welt selber herauskommt.

Nun können Sie natürlich einwenden: Die Anthroposophie spricht so, daß sie ihre Erkenntnisse aus Erfahrungen in der geistigen Welt herleitet; aber es gelingt nur schwer, den unmittelbaren Zusammenhang mit der geistigen Welt so zu erhalten, daß wirklich auch in dieser religiösen Gemeinschaft aus dem Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Welt gesprochen werden kann. — Aber, meine lieben Freunde, hier liegt tatsächlich etwas vor, das nicht unberührt bleiben darf. Die Erziehung der abendländischen Menschheit hat ja mancherlei menschliche Tugenden auf dem Felde äußerer Aktivität hervorgerufen. Es hat tapfere Menschen gegeben in der äußeren Welt, auch in den letzten Jahrhunderten natürlich. Was aber durch die abendländische Erziehung — ich meine die ganze ahrimanische Erziehung der letzten Jahrhunderte —- mit der Wurzel ausgerottet worden ist, das ist der Mut der Seele. Wenn man es radikal ausspricht, so muß man sagen: die Seelen sind eben feige geworden, und gerade in den geistigen Trägern der abendländischen Menschheitsentwickelung sind die Seelen feige geworden. Das heißt, sie getrauen sich nicht, die aktiven Seelenkräfte auch in wirkliche Aktivität zu bringen; sie schrecken davor zurück, das Geistige, das in der Menschenseele liegt, zu einer solchen Aktivität aufzurufen, daß der Zusammenhang mit der geistigen Welt hergestellt wird. Man rechnet in diesem Falle auf das Passive, man rechnet darauf, daß einem passiv Visionen zukommen, denen man sich hingibt, während der wirkliche Zusammenhang mit der geistigen Welt in Aktivität gesucht werden muß. Und so kann ich nicht anders sagen, als daß diese ungeheure Last, die auf dem geistigen Leben der abendländischen Menschheit ruht, allmählich eine solche Verfinsterung der Seelen hervorgerufen hat, daß diese Seelen eben wenig geneigt sind, mutig, tapfer die Aktivität zu entfalten, um auf dem Wege der Übungen hinaufzukommen in die geistige Welt.

Meine lieben Freunde, nehmen Sie nur das, was Ihnen als ein Brevier gegeben worden ist; das ist ja nur eines aus manchem, was Sie auch bekommen haben. Wenn Sie einfach mit dem gehörigen geistigen Mut das anwenden, was Ihnen als Brevier gegeben worden ist, so haben Sie vollständig die Möglichkeit, in die geistige Welt hinein einen Zusammenhang zu gewinnen. Was dann dazu noch fehlt, ist lediglich der innere geistige Mut. Natürlich ist heute ja nichts anderes zu tun möglich, als auf dem Felde den, ich möchte sagen paradoxen Weg einzuschlagen, durch Demut zum Mut zu kommen, sich zu sagen: Wir Menschen leben nun schon einmal in der Gemeinschaft; das, was allgemein ist, lebt in jedem einzelnen von uns, und so hat uns das, was allgemein ist, eben auch zunächst den Mut gelähmt; wir müssen in Demut warten, bis wir übend dazu kommen, daß dieser Mut in der Seele erwacht, und wir müssen die ersten Schritte unseres Priestertums dazu benutzen, in Demut ruhig zu warten, bis dieser Mut in der Seele erwacht. - Aber wir müssen die Demut eben durchaus in dem Sinne auffassen, daß sie ein Umweg zum Mut ist, der darin besteht, daß der Mensch sich wirklich in geistiger Gemeinschaft mit geistigen Wesenheiten wezß. Eigentlich ist dieses Wissen die Vorbedingung für ein jegliches Priesterliches. In dieser Beziehung ist vielleicht wiederum an der katholischen Kirche ein Vorbild zu gewinnen, wenn auch ein abschreckendes, so doch ein reales Vorbild. Diejenigen, die innerhalb der katholischen Kirche Kleriker werden, bei denen wird darauf gesehen, damit das Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Welt in ihnen erwacht, daß zunächst das intellektualistische Prinzip, das den Menschen so passiv macht, ausgelöscht wird, weggelähmt wird. Das ist eigentlich etwas, was die katholische Kirche schon seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert befolgt: die heraufkeimende Intellektualität wegzufegen, abzulähmen, damit die tieferen Kräfte der Seele leichter zur Entfaltung kommen. Man könnte ja direkt sagen: Für einen Menschen, der das durchgemacht hat, was auch Sie alle schon in der Volksschule, bevor Sie überhaupt recht Mensch geworden sind, durchgemacht haben an intellektualistisch gefärbter Erziehung, für einen solchen Menschen könnten bei irgendwelcher Gelegenheit Chöre von Engeln erscheinen -, die Offenbarungen dieser Engelchöre würden keinen Zusammenhang haben zu dem Menschen, weil die Intellektualität eben einfach die Aufnahmefähigkeit ablähmt. Demgegenüber richtet sich die katholische Kirche die maßgebenden Kleriker so her, daß es unter Umständen genügt, wenn ein in dieser Weise von seiner Intellektualität befreiter Mensch nur einmal am Ende einer Messe das «Ite missa est» hört, in der Weise, wie es in manchen Kirchen intoniert wird, daß für einen solchen Menschen durch das aus den Worten der Messe Kommende die Tore der geistigen Welt erschlossen werden. Sie brauchen unter Umständen zu einem solchen Menschen nur ein einziges Wort, einen einzigen Satz zu sprechen, und der Zusammenhang mit der geistigen Welt ist da.

Das ist natürlich bei Ihnen allen im eminentesten Sinne erschwert, weil es unmöglich ist, daß Sie sich entintellektualisieren. Sie müssen durch alles das hindurch, was gelehrt wird über alle möglichen kirchlichen Begriffe, die man im Sinne der katholischen Kirche gar nicht braucht, die in ihrem Sinne sogar schädlich sind. Aber darauf muß man hinweisen, um eben darauf aufmerksam zu machen, wie jene Kräfte der Aktivität, die ein Priester doch braucht, wenn er den Zusammenhang mit der geistigen Welt spüren will, mit einer dicken Schicht bedeckt sind. Damit aber sind ja zugleich die Prinzipien der Priesterweihe angedeutet, und es sind die Prinzipien angedeutet, die dann die Gesinnung abgeben zur Ausübung des Kultus. Dazu aber müssen Sie noch ein anderes verstehen.

In den geistigen Welten beginnt ja auf einem verhältnismäßig niederen Niveau die Gültigkeit der menschlichen Sprache aufzuhören. Es ist nun einmal so, daß, wenn man den Verkehr mit einem Toten anknüpft, man zunächst ja erst die Sprache lernen muß, durch die man sich mit der in der geistigen Welt befindlichen Seele verständigen kann. Diese Seele verliert nach verhältnismäßig kurzer Zeit alles Verständnis für Substantive, das Verständnis für alles, was in Substantiven kristallisiert ist. Sie behält aber dann noch die Möglichkeit, Verben zu verstehen, also das, was auf Werdendes, auf Tätiges hinweist. Aber je mehr die Seele hineinwächst in die geistige Welt, desto mehr verliert sie überhaupt die Möglichkeit, die Art des menschlichen Sprechens noch als ihr Eigentum zu empfinden, und man muß im Sprechen zu dem übergehen, was sich in Interjektionen ausdrücken läßt, um zu einem Gemeinsamen zu kommen zwischen den Menschen hier auf der Erde und denen in der geistigen Welt, natürlich auch mit solchen geistigen Wesenheiten, die niemals in einem menschlichen Leibe auf der Erde erscheinen. Die Sprache ist eben ein Erdenprodukt, sie ist das ja auch in verschiedenem Grade als diese oder jene Sprache. Und so muß man sich klar sein, daß das, was in Worte gefaßt wird, was in Worten ausgesprochen wird — wie es das Kanzelhafte und das Theologische ist —, ja immer nur eine einseitige Darstellung der Wirklichkeit des Geistes sein kann. Sie können unmöglich in einem eindeutigen Satze den Menschen höhere geistige Wahrheiten sagen, wenn Sie nicht die Dinge von verschiedenen Seiten darstellen. Das ist keine Trivialität, sondern es gilt sogar für das Verhältnis des menschlichen Gedankens, nicht nur der menschlichen Sprache, zu der höheren, geistigen Welt. Wenn ich sage «Christus in mir» , so ist das eine Wahrheit, aber wir können es auch umkehren und sagen «ich bin in Christus», das ist auch eine Wahrheit. Beides sind in dem Sinne, wie man eine menschliche Erkenntnistheorie begründen kann, Wahrheiten, aber sie widersprechen sich. Sie können das Bild nicht ausführen: Christus in mir - ich bin in Christus. Wie wollen Sie das Bild ausführen, daß der Christus in Ihnen sein kann, indem Sie in ihm sind? Und dennoch sind beides Wahrheiten, das heißt, sie sind Wahrheiten gegenüber der Welt und keine Wahrheiten gegenüber der übersinnlichen Welt. Die Wahrheit in bezug auf die übersinnliche Welt liegt zwischen den beiden Aussprüchen, die natürlich nicht ganz polarisch zueinander zu sein brauchen, sondern in einem anderen Winkel zueinander stehen können.

Was auf diese Weise unmöglich ist — religiöse Substanz an den Menschen heranzubringen -, das ist aber im Kultus möglich an den Menschen heranzubringen. Es ist auch dann möglich, wenn Sie das, was Sie aus dem Kultus gewinnen, in Ihre Predigt hineinzutragen vermögen. Für den Laiengläubigen ist der Kultus eine Erbauung, eine Offenbarung; für den, der den Kultus ausübt, muß der Kultus eine fortwährende Quelle der Inspiration sein. Er ist dann ein wirklicher Kultus, wenn er diese Quelle der Inspiration ist, wenn also der, der den Kultus ausübt - und im höchsten Grade gilt das natürlich von dem Kultus der Messe -, in der Tat real fühlt: Du kannst nur so predigen, wenn du die Messe liest; du würdest gar nicht die geistige Substantialität in dir haben, aus der heraus du sprichst, wenn du nicht die Messe lesen würdest. Es muß ein reales Verhältnis sein zwischen dem Ausübenden und dem, was der Kultus auch als Realität ist, insbesondere der Kultus der Messe. Denn der Kultus der Messe enthält eigentlich alles, was den Menschen verbindet mit der geistigen Welt, und er enthält es so, daß es als fortwährende Inspiration wirken kann, in der man darinnensteht, wenn die Messe in der richtigen Weise ausübend erlebt wird.

Es ist also notwendig, daß Sie dazu vordringen, meine lieben Freunde, die Messe so aufzufassen, daß Sie sich jedesmal sagen: Der Tag bringt den Sonnenaufgang, der Tag bringt den Sonnenuntergang; zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang liegt dann die Nacht; aber es gibt auch einen Zeitraum zwischen der Tageshelle und jener Helle, die dadurch in die Welt kommt, daß die Messe zelebriert wird. Das gehört hinein in den Ablauf der Ereignisse des Kosmos, so wie der Sonnenlauf hineingehört. Das Lesen, beziehungsweise das Zelebrieren der Messe ist ein Reales. Vielleicht kann man das noch in einer anderen Weise aussprechen und sagen: Wenn wir auf unsere Erde und ihre Umgebung hinsehen, so haben wir Mineralien, Pflanzen, Tiere, wir haben weiter Sterne, Sonne und Mond, Wolken, Flüsse, Berge; aber obwohl die Physiker von einer Konstanz der Materie träumen, wird das alles einst nicht mehr da sein. Das ist alles eine temporäre Erscheinung im Weltall, das heißt, es wird anstelle dessen, was wir in unseren Mineralien, Pflanzen, Tieren und so weiter auf der Erde haben, ein Nichts sein, weniger sogar als ein Nichts. Aber wenn man dann zurückschauen würde auf die Ereignisse, die sich auf dieser Erde als Meßopfer zugetragen haben, so wären deren Wirkungen immer vorhanden. Der Kultus ist eben realer als die Natur, wenn er in der richtigen Weise ausgeübt wird. Er ist realer als die Natur. Wenn man das nicht bloß theoretisch nimmt, sondern in seiner vollen Schwere erfaßt, so bedeutet das etwas Ungeheures. Es vertieft ja noch das Wort: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen -, wobei natürlich unter «Worten» nicht das gemeint ist, was irgendeiner chinesischen, japanischen oder deutschen Sprache als Zufallsformulierung dem Kosmos gegenüber dasteht. Wenn der Christus aufgefaßt wird als in aramäischer Sprache sprechend, so ist das natürlich auch eine Zufallsformulierung. Der Logos aber ist das, was in Realität lebt und in Realität in die Weltenentwickelung übergeht, so daß man in der Tat in einem Realen drinnensteht mit der Opferhandlung, die ein Reales ist, das realer ist als irgendein Naturvorgang. Dies aber gibt uns ein Verantwortlichkeitsgefühl, und dieses Verantwortlichkeitsgefühl braucht man, wenn man irgendwie Vermittler sein will zwischen der geistigen Welt und den Menschen, die eine solche Vermittlung gar sehr brauchen, die sie aber durch eine bloße Lehre, auch wenn sie noch so erbaulich ist, nicht bekommen können. Damit ist aber nicht gemeint, daß nun keine Lehre gegeben werden soll; sie soll schon gegeben werden, aber diese Lehre bekommt ihre spezielle Kraft und Gewalt dadurch, daß sie im Rahmen des Kultusmäßigen auftritt. Dadurch werden die Dinge, die als Lehre gegeben werden, eben eingeschaltet in das, was als Realität im Kultus lebt.

Man kann sagen: Am meisten zur Verbreitung des Materialismus hat schon die Abweisung des Kultusartigen beigetragen, weil dadurch eben einfach die Menschheit beschränkt worden ist auf Anschauungen über das Göttliche, die nur im Kleide des Irdischen auftreten. Man spricht über das Göttliche in Erdenworten, in armen Erdenworten. Diese Erdenworte können reich werden dann, wenn hinter ihnen die Inspiration steht, die gewissermaßen durch den Kultus hervorgerufen wird. Es ist eben doch so, daß die Handlung das Wort tragen soll. Und so soll namentlich auch getragen werden durch die Handlung das Wort des Evangeliumlesens. Deshalb schalten wir das Evangeliumlesen ein in die Messehandlung, und dadurch erwerben wir uns das Recht, die Lesung des Evangeliums so aufzufassen und auch so zu fühlen und zu empfinden, daß mit dieser Botschaft aus der geistigen Welt, die das Evangelium darstellt, dasjenige eingeleitet wird, was dann die eigentliche Opferhandlung vorbereitet in dem Offertorium. Denn durch das Offertorium, das ja als eine der Haupthandlungen der Messe auf das Evangeliumlesen folgt, wird gewissermaßen der Schauplatz, auf dem sich die Messe abspielen soll, eigentlich erst gegeben. Wenn Sie den Inhalt des Rituals, der Ihnen allen ja wohl während Ihres Breitbrunner Aufenthaltes gut bekannt geworden ist, auf sich wirken lassen, so werden Sie sehen, daß durch den ganzen Geist des Evangeliums besonders der Schauplatz für das Offertorium geschaffen wird, und daß sogar dadurch die Geräte und so weiter soweit gereinigt werden, daß das folgende erst geschehen kann. Es ist natürlich innerhalb der katholischen Kirche die Auffassung, die man diesen Dingen gegenüber haben soll, eigentlich vermaterialisiert worden. Man weiht dort einen Kelch oder eine Monstranz ein für allemal, so daß die Monstranz ein für allemal das Sanktissimum ist. Man weiht dort sogar auch das Wasser. Das ist keine spirituelle Realität, sondern es ist eine spirituelle Realität eigentlich veräußerlicht, vermaterialisiiert. Das Wesentliche ist, daß durch die Menschenseele die spirituelle Realität getragen wird, und daß bei jedem einzelnen Meßopfer der Kelch und das, was dazugehört, das Brot und der Wein, während des Meßopfers erst geweiht werden muß. So ist also die Weihe eine fortlaufende Handlung, die in fortwährender Lebendigkeit erhalten werden muß, so daß erst während des Offertoriums der Weiheschauplatz für das folgende geschaffen wird. Und wenn dann die Wandlung folgt, die Transsubstantiation, so steht man ja drinnen in einer wirklichen, realen spirituellen Gestaltung.

Nun ist es eben wirklich so, daß aus den Menschenanschauungen noch der ersten christlichen Jahrhunderte, das heißt derjenigen Menschen, auf die es ankam, über solche Dinge eigentlich nicht gestritten werden konnte, über die man dann in späteren Jahrhunderten, seit dem Vorgehen Wyclifs und anderer, anfing zu streiten, zu diskutieren, denn diese Diskussionen verliefen ja alle schon unter dem Einfluß des Materialismus. Denken Sie doch, wenn wir den Streit in der grobklotzigsten Weise auffassen, so ist es ja so, daß die Leute sagten: In dem Brote kann doch nicht der Leib des Herrn enthalten sein, das kann doch nicht der Leib des Herrn sein!

Ja, meine lieben Freunde, eine solche Sprache führt eben eigentlich doch nur derjenige, der in dieser äußeren Erscheinung, die er da vor sich hat, selber eine grobe Realität sieht. Was Sie da als Brot vor sich haben, ist ja in Wirklichkeit keine Realität; Sie müssen erst vorschreiten zu dem, was Realitäten sind, wenn Sie diskutieren wollen über solche Dinge wie die Transsubstantiation. Denn es handelt sich darum, über die triviale Ansicht hinwegzukommen, daß das, was einem in weißlicher oder gelber Färbung als Ausfüllung des Raumes oder was dem Geschmackssinn entgegentritt, eine Realität ist. Solange das eine Realität sein soll, in dem sogar allerlei kleine Dämonen stecken sollen, die der Unvergänglichkeit der Materie entsprechen sollen, solange kann man allerlei Einwände erheben in einer Diskussion. Aber das trifft nicht das, worum es sich handelt. Es handelt sich da um solche Dinge, die gestern hier angedeutet worden sind mit dem ja auch in der neuen Zeit angewendeten Ausdruck «spirituelle Chemie». Denn die Transsubstantiation muß eben so betrachtet werden, daß tatsächlich das, was da äußerlich am Altar für das Auge sich vollzieht, Maja ist, Schein ist, daß aber der Vorgang, der sich real spirituell abspielt, dennoch eine Wirklichkeit innerhalb dieser Gemeinschaft ist, und nicht nur innerhalb dieser Gemeinschaft, sondern innerhalb dieses Ortes. Die Transsubstantiation ist da. Und nur weil die Zuschauer ahrimanisch ausgestaltete Augen haben, die ihnen vorgaukeln, daß die äußere sinnliche Wirklichkeit eine Realität ist, sehen sie nicht, was da vorgeht. Dies ist etwas, was wir in unserem Bewußtsein haben müssen. Das müssen Sie fühlen bei dem, was ich sage und was ich jetzt, um den ganzen Ernst der gegenwärtigen geistigen Situation der Menschheit zu kennzeichnen, zuweilen da und dort sage.

Ich habe neulich in London in einem Vortrage gesagt, man müsse sich schon daran gewöhnen, daß die Dinge, die für den physischen Plan gesagt werden, unter Umständen entgegengesetzt klingen, wenn man über dieselben Sachen Aussagen macht aus der geistigen Welt heraus. Ich gebrauchte da das Beispiel: Für den physischen Plan gesprochen ist es ganz richtig, wenn wir sagen, Rousseau war aus diesem oder jenem Grunde ein großer Mann; das geht gut für den physischen Plan. Von der geistigen Welt aus betrachtet kann man aber nur sagen: Rousseau war der Generalschwätzer der modernen Zivilisation, denn alles, was er gesagt hat, ist, von den geistigen Welten aus angesehen, seichtestes Geschwätz. Das heißt, man muß sich heute in einer intensiven Weise daran gewöhnen, daß die geistige Welt etwas anderes ist als diese physische Welt. Das muß gesehen werden, wenn man einen Zusammenhang mit der geistigen Welt gewinnen will.

Nun könnten Sie sagen, da tritt ja wieder das alte Geschimpfe auf über die geistige Welt, wie es im Mittelalter war. Das ist nicht richtig. Die physische Welt wird etwas ganz anderes, wenn man sie so betrachtet, wie ich es eben charakterisiert habe. Da wird jede Blume anders; aber sie verliert nichts, sie gewinnt nur das, daß sie ein Vermittler wird zur geistigen Welt. Verliert denn die Blume etwas, wenn ich sie zunächst einmal so bewundere, wie sie auf dem Felde dasteht, wenn ich alles mögliche Schöne über sie sagen kann, bis hin zu den Offenbarungen eines guten lyrischen Dichters -, und wenn einem dann klar wird: ja, aber nicht nur dies ist die Blume, sondern die Blume offenbart auch, daß sie nach oben in ein Astrales übergeht? — Dieses Astrale verläuft in Windungen (es wird an die Tafel gezeichnet), und durch diese Windungen kann man aufsteigen zur Planetenwelt. Das, was der Blume zugrundeliegt, ist eine Art geistige Leiter in die überirdische Welt hinein, und man begegnet, indem man auf dieser geistigen Leiter hinaufsteigt, den Kräften, die die Blumen aus dem Boden heraus dem Himmel entgegenwachsen lassen. Ja, wenn Sie dies hinzufügen zu dem, was Sie über die Blume aufgrund der sinnlichen Anschauung sagen können, — leben Sie dadurch in einer mittelalterlichen Askese? Ihre Anschauung über die Blume wird ja dadurch nur reicher. In diese Stimmung muß die Seele eintauchen, wenn sie das haben will, was der Kultus ihr bringen kann, wenn sie einfach lernt, das zu sehen, was das physische Auge nicht sieht.

Diese Gefühle und Empfindungen müssen Sie mitbringen zur Kultushandlung; dann erst wird das, was geschieht, zu dem, was es sein soll; und dann kann erst davon gesprochen werden, daß Sie mit der Hostie wirklich das genießen, wovon das Ritual spricht. Und dann erst sind die vier Teile der Messe erfüllt, das Evangelium, das Offertorium, die Transsubstantiation oder Wandlung und die Kommunion.

Das sind Dinge, die Sie nicht als Theorie nehmen sollen, sondern die ich Ihnen heute aus dem Grunde sage, damit Sie mit dem richtigen Empfinden an die Sache herangehen und dadurch erst die Dinge zur Wahrheit machen; denn ohne dieses Empfinden sind sie nicht Wahrheiten. Die Messe kann ebenso ein Teufelsopfer sein wie ein Gottesopfer. Sie ist nicht das unbedeutende Ding, das das evangelische Bewußtsein gern aus ihr machen möchte. Die Messe, die ein Priester zelebriert, ist vielleicht heute innerhalb der

Tafel katholischen Kirche sehr selten ein Gottesopfer, aber sie ist nie das Nichts, das die Protestanten aus ihr machen möchten. Das erreichen sie ganz sicher nicht, daß die Messe bloß eine unbedeutende materielle Handlung ist, aber das kann man erreichen, daß sie unter Umständen ein Teufelsopfer ist. Denn das, was [in der Messe] vorgeht, ist eine Realität, das heißt, es wird orientiert die Handlung, um die es sich handelt, entweder nach der richtigen oder nach der falschen Seite, aber nicht nach einer in die Nullität gehenden; sie kann aber auch in eine sehr schlimme schädliche Richtung hineingehen. Sie müssen sich dessen bewußt sein, daß Sie sich sagen können: Neutral verhalten kann ich mich eigentlich nicht, ich kann nur Gott dienen oder dem Teufel - natürlich mit allen möglichen Zwischenstufen. Dem Teufel dienen ist ein sehr schweres Werk, dazu muß man schon ein bewußt schlechter Mensch sein; aber es gibt ja alle möglichen Mächte zwischen der göttlichen und der ahrimanischen Welt.

Das gehört zu der Gemütsverfassung, die man dem Ganzen des Kultus entgegenbringen muß. Wenn man diese Gemütsverfassung hat, jene innere Lebendigkeit, die einen hineinstellt in die geistige Welt, dann ist der Grad des Bewußtseins, den man erringt, eben eine Frage der Zeit. Denn vergessen Sie nicht, daß das, was Sie sich während des Meßopfers erringen können, Ihre Seele selbst immer hineinzieht in die geistige Welt, daß Ihre Seele auf den Schauplatz der geistigen Welt gerissen wird, daß Sie also nicht bloß etwas mit dem Munde sagen und mit den Händen machen, sondern daß Sie innerhalb der geistigen Welt drinnenstehen. Das müssen Sie schon wissen, wenn Sie sich den Begriff des Kultus vorsetzen. Das heißt, es muß Ihnen ganz scharf im Bewußtsein liegen, daß Sie mit der Kultushandlung etwas vollziehen, was eine Realität ist, und daß Sie dann, wenn Sie sprechen als der Zelebrierende, eben auch sprechen als ein Bote anderer Welten. Als einen solchen müssen Sie sich fühlen. Sie müssen sich nicht fühlen als den, der nur eine Verbindung des hier auf der Erde Vorhandenen mit dem Himmel herstellt, sondern auch als den, der vom Himmel etwas in das Irdische hineinträgt. Das ist Ihr Unterschied gegenüber dem bloßen Laiengläubigen, und das ist der Ton, den Sie, wenn Sie eine zu Recht bestehende Priestergemeinschaft gründen wollen, hineinbringen müssen in die Welt. Die Welt muß etwas davon verspüren, daß Sie sich als Priester in die Impulse aus der geistigen Welt hineinstellen. Sie müssen es der Welt nicht theoretisch sagen, denn das regt sie auf. Aber Sie müssen das, was Sie tun, mit Ihrem Bewußtsein tun; dann tun Sie das Rechte. Und dann können Sie zum Beispiel sagen, daß die Worte, die bei der Priesterweihe oder bei anderem vollzogen werden, das Abbild dessen sind, was sich vorher in der geistigen Welt vollzieht, indem Sie dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt in Ihrer Seelenverfassung selber haben. Was dann als äußere Handlung sichtbarlich für die Augen auftritt, ist ja dadurch das rechtmäßige Abbild des geistigen Geschehens; aber man darf es nicht als bloßes Symbol sehen, wenn man vor dem Gläubigen steht. Für den Gläubigen ist das, was äußerlich sich abspielt, in bezug auf das Religiöse wirklich dasselbe wie - nehmen Sie irgendein Menschenwesen, von dem Sie sagen, er sei ein großer Maler, aber er hat noch nie ein Bild gemalt. Es kann ja sein, daß für die geistige Welt einer ein großer Maler ist, aber hier für diese Welt muß ein Maler eben ein Bild gemalt haben. Sie können ja alle für die geistige Welt Priester sein; aber hier für die physische Welt müssen Sie Kultus ausüben, damit es wahr ist, daß Sie Priester sind; dann verhalten Sie sich so, wie sich der Maler zum Malersein verhält. Das ist der große Irrtum des Protestantismus, wenn er heute — im übertragenen Sinne gesagt — behauptet, es komme nicht darauf an, daß Bilder gemalt werden, sondern nur darauf, daß Maler da sind, also schaffe man das Bildermalen ab, damit nicht so schreckliche sinnliche Elemente in die Behandlung des Geistigen hineinkommen. — Aus diesem Irrtum heraus hat der Protestantismus den Kultus abgeschafft. Es ist wirklich so. Nur sind die Dinge, wenn man sie ausspricht, heute so, daß sie dem Menschen ganz paradox vorkommen, weil selbst innerhalb der katholischen Kirche das selbstverständliche Organische des Kultus nicht mehr gefühlt wird, obwohl man auch heute noch naive Katholiken findet, die schon ein Gefühl haben für das Reale, das im Kultus liegt. Manchmal ist das sogar beim Gläubigen intensiver vorhanden als bei der katholischen Priesterschaft.

Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte, weil alles, was ich zu dem bisher Gesagten noch hinzufügen könnte, eigentlich nur eine Vertiefung ins Gefühl und in die Seelenverfassung hinein sein kann. Wir müssen während der Zeit, wo wir hier versammelt sind, sozusagen Priester werden durch das, was unter uns gesprochen und getan wird. Denn das, was man wissen soll, um Priester zu werden, das ist ja alles schon gesagt worden. Dazu braucht im Grunde genommen gar nicht so außerordentlich viel hinzugefügt werden, höchstens das, was zur Verdeutlichung der einen oder anderen Stimmung gehört.

So sind wir jetzt soweit, daß ich morgen im Beginn der Stunde zuerst ausführen werde, wie wir uns nun in dieser Gemeinschaft selbst zu diesem Ganzen praktisch werden zu stellen haben, denn natürlich wird eine Art Weihe der Gemeinschaft durchgeführt werden müssen. Dazu wird notwendig sein, daß das, was bisher theoretisch als notwendig bezeichnet wurde, praktisch unmittelbar real wird innerhalb dieser Gemeinschaft. So daß wir uns morgen zunächst mit der Frage beschäftigen werden: Wie wird nun der Einzelne zum Priester, und wie stellen sich die einzelnen Glieder der Gemeinschaft zueinander, damit ein priesterlicher Organismus aus denjenigen wird, die heute hier sitzen? Dann müssen wir übergehen zu der praktischen Übung, zur Demonstrierung dessen, was ich über das Zelebrieren eines Kultus angeführt habe, und wir werden sehen, daß wir dann dazu kommen, daß das Meßopfer in praktischer Weise wirklich vor uns auftreten kann.

Das möchte ich zur Stärkung Ihrer Seelen heute gesagt haben. Wenn Sie es in der richtigen Weise aufnehmen und die notwendige Stimmung dazu mitbringen, werden Sie auch wirklich das werden können, was Sie werden wollen. Sie müssen als Andere fortgehen, als Sie hergekommen sind. Das haben Sie bisher nicht gebraucht, aber das müssen Sie jetzt. Sie müssen nicht nur mit dem Gefühl fortgehen, daß Sie hier etwas aufgenommen haben, sondern mit dem Gefühl, Sie sind in Wahrheit etwas anderes geworden. Überlegen Sie sich, was das für das menschliche Bewußtsein bedeutet. Wenn Sie es sich richtig überlegt haben, werden wir morgen auch in der richtigen Weise fortfahren können.

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