The Founding of the Christian Community
GA 344 — 16 September 1922, Dornach
Neunter Vortrag
[ Teilnehmeraufzeichnungen: In Anwesenheit Rudolf Steiners zelebriert Friedrich Rittelmeyer die Menschenweihehandlung zum erstenmal vollständig. Marta Heimeran ministriert. Während dieser Weihehandlung wird durch Rittelmeyer zugleich die Weihe der ersten zwölf Priester vollendet. Damit sind die ersten 13 Urpriester geweiht.]
Rudolf Steiner: Es ist eine erste Menschenweihehandlung hier begangen worden. Von dieser ersten heiligen Menschenweihehandlung möge wirklich ausgehen all diejenige Kraft des Wortes, all diejenige Kraft der Tat und all diejenige Kraft der Heilsamkeit, die gehen soll, meine lieben Freunde, durch die Gemeinschaft, die Ihr als Ganzes gründet, durch die Gemeinden, die Ihr als einzelne gründen werdet. Ihr müßt die ganze Bedeutung und Wichtigkeit dieser Tatsache einsehen. Ihr müßt bedenken: Die katholische Kirche, die sich als die allein rechtmäßige ansieht, führt nur auf eine historische Tradition die Berechtigung zurück, solch eine Menschenweihehandlung richtig zu begehen, nämlich darauf, daß diejenigen, die sie begehen, immer geweiht worden sind von anderen, die wiederum von anderen geweiht worden sind, und so hinauf durch alle Jahrhunderte bis zu dem Ereignis von Golgatha. Und der erste Weihende war der Christus selber, der die Menschenweihehandlung mit seinen Aposteln vollzogen hat. Auf diese apostolische Sukzession führt die katholische Kirche die Berechtigung zurück, die Menschenweihehandlung zu vollziehen.
Die evangelische Kirche hat es aufgegeben, diese Menschenweihehandlung zu vollziehen, und sie hat damit den Keim der Atomisierung und der Verweltlichung gelegt und sich beschränkt auf die Lehre und die Nichtvollziehung einer wirklichen Weihehandlung. Alles dasjenige, was ohne eine wirkliche Weihehandlung nicht geschehen kann, kann daher auch durch die evangelische Kirche nicht geschehen. Die katholische Kirche aber hat die lebendige Kraft, welche in der Menschenweihehandlung ist, veräußerlicht, indem sie die Kirche verobjektiviert hat und der Priester innerhalb der Zelebrierung eigentlich sich bloß als ein Träger dessen gibt, was magisch innerhalb der Menschenweihehandlung geschieht. Dadurch wird alles, was in der evangelischen Kirche sich abspielt, eigentlich weggenommen von demjenigen, was der Christus Jesus eingesetzt hat. Der Christus Jesus wird zwar zu dem einzigen Weltenlehrer, zu dem einzigen Menschheitslehrer gemacht, der aus göttlichen Höhen heruntergestiegen ist, aber er wird nicht als derjenige verehrt, der eine durch alle folgenden Erdenkreise fortwirkende Handlung im Mysterium von Golgatha inauguriert hat. Denn dieses Fortdauerende der Handlung, die mit dem Mysterium von Golgatha inauguriert ist, das ist ja das Wesentliche, welches zugrundeliegt auch dem Veräußerlichten, das die katholische Kirche hat als apostolische Sukzession. So kann man sagen, daß die evangelische Kirche zwar lange Zeit mit guten Kräften gearbeitet hat. Aber aus den Zeichen, in die sie eingetreten ist in dieser Gegenwart, und die Euch, meine lieben Freunde, dazu geführt haben, aus dieser Kirche heraus nach einer Neubelebung des religiösen Lebens zu suchen, geht klar hervor, daß die evangelische Kirche, wenn sie nicht eine Erneuerung des christlichen Lebens sucht durch Aufnahme desjenigen, was lebendig in der von dem Mysterium von Golgatha ausgehenden und sich in allen weiteren Erdenkreisen vollziehenden Menschenweihehandlung abspielt, in die Gefahr kommt, vollständig in das luziferische Geschehen einzulaufen.
Auf der anderen Seite hat sich die katholische Kirche bereits seit langem in die Gefahr [der Ahrimanisierung] begeben durch die Veräußerlichung des Kultus, der nicht getragen ist von der wirklichen Fortströmung der von dem Mysterium von Golgatha ausgehenden Kraft. Indem abgelehnt wird die Erkenntnis der aus dem geistigen Kosmos herabsteigenden wirklichen geistigen Sonnenkraft, indem abgelehnt wird dasjenige, was selbst die katholische Kirche im Symbolum vor sich hat, hat sich die katholische Kirche längst ausgesetzt der Ahrimanisierung alles desjenigen, was in ihrem Kultus liegt. Die katholische Kirche nahm in ihre Symbole auf die Monstranz, das Sanktissimum. Ihr seht, wenn Ihr die Monstranz, das Sanktissimum anseht, ganz deutlich die Nachbildung der Sonne. Ihr seht in demjenigen, was in der Mitte der strahlenden Sonne ausgespart istund was aufnimmt den Kern der Sonne, den geweihten Leib Christi. Ihr seht am Fuße dieses geweihten Leibes Christi den Mond. Sol und Luna seht Ihr in dem Sanktissimum, das ja bei besonders feierlichen Messen den Anfang und das Ende der Messe mit Segnung erfüllen soll. Ihr seht aber zugleich, daß dieser Zusammenhang des Christus mit dem Kosmos, der selbst noch im Symbolum bei der Missa solemnis vor die Christenheit hingestellt wird, nicht mehr in seiner Lebendigkeit gefühlt und erlebt wird. Das ist die Verahrimanisierung.
Das alles, meine lieben Freunde, zog durch meine Seele, als ich nach Eurem Willen den Mut zu fassen hatte, dasjenige, was eigentlich verloren ist auch als Kultushandlung, als Menschenweihehandlung wiederum direkt aus geistigen Welten zu Euch zu bringen.
Nehmet es so aus geistigen Welten heruntererbeten, herunterersehnt, heruntererkraftet hin und vollziehet es weiter im Sinne Eurer eigenen Weihe, indem Ihr Euch mit dem Bewußtsein erfüllt, das in Euren Seelen erzeugt werden sollte, in Euren Herzen erkraftet werden sollte, in Euren Willen in gesundender Weise einziehen sollte. Nehmet es hin und vollbringt es kraft Eurer eigenen Weihehandlung. Jede Menschenweihehandlung, die durch Euch in der Zukunft vollzogen wird, soll sein eine Wiederholung dieser ersten Menschenweihehandlung, die selbst durch Christi Kraft, die hereingerufen ist in dasjenige, was wir heute zelebriert haben, sein sollte eine Nachwirkung der Einsetzung der Menschenweihehandlung durch das Wort, die Kraft, den Willen Christi.
Der Vatergott sei in uns
Der Sohnesgott schaffe in uns
Der Geistgott erleuchte uns.
Der Ministrant: Ja, so sei es.