The Founding of the Christian Community
GA 344 — 17 September 1922, Dornach
Zehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich möchte heute nur einiges zuerst voranschicken. Es ist ja so, daß es sich bei manchen Dingen, die sich im Kultus abspielen und die dann übergehen in die Lehre, wirklich um exakte Unterscheidungen handelt, und daß man manche Dinge eben einfach wissen und sie aus einem Wissen heraus in der richtigen Weise behandeln muß. Es ist zum Beispiel notwendig, daß Sie ins Auge fassen: So wie wir das Menschenweiheopfer bis Jetzt verrichtet haben, so war es die Grundlegung und der Rahmen für die Priesterweihe, für die Weihe des Seelenhirten. Und es ist dabei ja eine Voraussetzung, die in diesem Augenblicke der Begründung Ihrer Gemeinschaft eigentlich eine selbstverständliche ist, die aber im Verlaufe Ihres Wirkens nicht immer eine solche Selbstverständlichkeit bleiben wird. Die Selbstverständlichkeit hat sich ergeben aus Ihrem Willen heraus, eine solche Gemeinschaft zu begründen, und dieser Wille ist dadurch angeregt, daß es eine anthroposophische Bewegung gibt, die gewisse Tatsachen - nicht Ansichten, sondern Tatsachen — aus der geistigen Welt heraus vor die Menschen hinstellt. In der Erkenntnis der Tatsachenwelt, die durch die anthroposophische Bewegung vor die Welt hingestellt wird, lag ja der Impuls bei Ihnen, sich zu einer solchen Bewegung zu entschließen, wie es die Ihrige ist. Nun, darin liegt etwas von dem, was ein «Credo» genannt werden kann. Das Credo muß natürlich, wenn man von einer geistigen Bewegung spricht, in einem allerweitesten Sinne aufgefaßt werden, und das Credo ist also nach dem, was ich eben gesagt habe, eigentlich in Ihrem Entschlusse bereits enthalten. Gerade in Ihrem Zusammenwirken in Breitbrunn haben Sie sich ja darüber besonnen, ob Sie mit diesem, ich möchte sagen innerlich aufgefaßten Credo einverstanden sind oder nicht, und aus diesem Einverstandensein ging das hervor, um was es sich
handelt. Insofern nun die Menschenweihehandlung ein Rahmen ist für die Seelenhirtenweihe, kann sie natürlich das Credo nicht enthalten. Denn bereits durchdrungen von dem Credo kommt der Seelenhirte an den Wunsch [zur Weihe] heran und bringt den Willen zur Weihe mit, den Willen, der ja substantiell von diesem Credo durchzogen ist. Daher liegt der Priesterweihe zugrunde eine Menschenweihehandlung, die durchaus von dem Standpunkte aus vollzogen wird, daß sie aus dem Willen derer hervorgeht, welche entweder schon innerhalb der Seelenhirtenschaft stehen oder im nächsten Moment innerhalb derselben stehen werden. Die Gemeinde, die Laiengemeinde, die durchaus anwesend sein soll bei der Seelenhirtenweihe und später auch anwesend sein muß, sie ist eigentlich dabei nur Zuschauer und Empfänger der Botschaft, daß eben ein oder mehrere neue Seelenhirten aus der geistigen Welt heraus bestellt worden sind. Sie ist also bei dieser Seelenhirtenweihe etwas anderes als sie sonst ist. Daher muß in exakter Weise dieses aufgefaßt werden, daß der Zelebrierende bei der Seelenhirtenweihe durchaus Seelenhirt ist und drinnensteht in der Strömung der geistigen Welt, in der er eben drinnenstehen soll. Er ist vom Anfang bis zum Ende der Menschenweihehandlung der Priester, trägt also während der ganzen Weihehandlung den vollen Ornat des Priestertums. In dieser Form wurde und mußte die Menschenweihehandlung für die Priesterweihe vollzogen werden.
Sie sehen daraus, daß in dem Moment, wo die Menschenweihehandlung für die Gläubigen, für die Laiengemeinde, gehalten wird, sei es für die Lebenden oder für einen Toten, sie etwas anderes ist. Da steht der Priester da als die Vertretung des Gemeindegeistes der ganzen Gemeinde, auch der Laiengemeinde, und als solcher muß er sich fühlen. Er tritt also zum Altar zunächst als Priester, damit überhaupt die Gemeinde Aufschau hat zur Welt des geistigen Daseins, und er vollzieht die Menschenweihehandlung, indem er zunächst die Messe einleitet und sie bringt bis zur Evangeliumlesung, das heißt bis zu der Stelle: «So lebe auf meinen Lippen würdig Dein Wort und dringe von Deinem Geist getragen zu denen, welchen es verkündet werden soll.» -— Von da ab hat sich der Priester hineinzufühlen in den Willen und in das Gemüt der Gemeinde. Was heißt das? Das heißt, daß etwas im Äußeren zum Ausdruck, zur Offenbarung kommen muß. Deshalb legt er in diesem Augenblick das Meßgewand ab und behält über der Alba die gekreuzte Stola und spricht dann die Eingangsworte der Evangeliumlesung: «Dein Segen, o Christus, ströme lebend durch das Wort» und so weiter. Er ist jetzt zwar Seelenhirt, aber im Gemeindegeiste so drinnen, daß er aus diesem Gemeindegeiste heraus spricht: «Dein Segen, o Christus, ströme lebend durch das Wort» und so weiter. So liest er das Evangelium, so liest er es zu Ende, und so bleibt es bis zu den Worten: «Das Wort des Evangeliums löschet aus, was unrein in unserem Worte lebt.»
Hier liegt der Zeitpunkt, von dem ab an die Stelle des Gotteswortes — Sie werden diesen Ausdruck nicht mißverstehen — das Menschenwort als Antwort tritt. Also es tritt an dieser Stelle das Credo als Antwort auf das Gotteswort auf. Der Priester legt daher, indem er zum Credo übergeht, die Stola ab, oder er läßt sie sich durch den Ministranten abnehmen und spricht nun das Credo nur in der Alba, beziehungsweise bei feierlichem Gottesdienst wird dann ein Mantel umgehängt; aber das ist nicht nötig, es kann durchaus das Credo, das ja als Antwort der Menschen zu Gott gesprochen wird, in der Alba gesprochen werden. Nach dem Sprechen des Credo, das also durch den Mund des Priesters aus der Gemeinde heraus gesprochen ist, beginnt ja mit der Anlegung der Stola und des Mefßgewandes erst wieder die priesterliche Handlung in der Zelebrierung des Offertoriums. In dieser Art sehen Sie, wie sich das Credo durchaus als Menschenhandlung in die Menschenweihehandlung einzuleben hat. Es muß also wegbleiben, wenn die Messe vollzogen wird für solche, die schon Priester sind oder für solche, die es im nächsten Augenblick werden.
Nun handelt es sich ja beim Credo darum, daß der Mensch erst völlig klar werden muß, wie er sich zum Credo selber stellt. Daher ist das Credo auch derjenige Teil der Menschenweihehandlung, wo gewissermaßen eine Zwischenperiode, eine Pause ist. In der Messe spricht Gott zu den Menschen ... [Lücke in den Aufzeichnungen des Stenographen]. Im Credo aber ist es das menschliche Bekenntnis, der Mensch spricht eben zu Gott. Und es handelt sich darum, daß schon die äußere Möglichkeit besteht, das Credo in der verschiedensten Weise zu formulieren und von der Gemeinde aus zu sagen, in welchem Sinne man sich eigentlich zu dem göttlichen Worte bekennt, in welche Seelenkraft man es aufnehmen wird und so weiter. Allerdings muß man dies in einem gewissen Sinne auch historisch auffassen. Historisch stellen sich ja die Dinge etwas anders dar als für die spirituelle Auffassung. Das ursprüngliche Credo, das in unserem Credo wiederherzustellen versucht worden ist und von dem das unsrige nur dadurch verschieden ist, daß heute selbstverständlich dasjenige aufgenommen werden muß, was seit der Abfassung des alten Credo in der Menschheitsentwickelung aufgetreten ist, nämlich die Entfaltung des Ichbewußtseins, dieses alte Credo ist durchaus spirituell unantastbar. Es waren, während es auf der Erde entstanden ist, eben durchaus noch Menschen da, welche in der Lage waren, den eigentlichen Sinn dieses Credo innerlich zu verstehen und für die es eine Torheit gewesen wäre, über dieses Credo zu diskutieren. Etwa so, wie es eine große Torheit wäre, darüber zu diskutieren, ob der Elefant zwei aus dem Munde herausgehende Zähne hat oder nicht, ungefähr so wäre es für die Zeit, in der das Credo entstanden ist, eine große Torheit gewesen, darüber zu diskutieren. Schon in der Zeit des Athanasius beginnt ja das Nichtverstehen derjenigen Regionen des Menschendaseins, die eben verstanden werden müßten, wenn man das Credo freihalten will von gewissen Dingen. - Natürlich sieht sich das vom Standpunkte des äußeren Historikers aus anders an. Ein solcher sagt, das alte Credo sei auf einer kindlichen Stufe der Menschheit entstanden, man müsse es heute so gestalten, daß Verstand darin ist. Eine solche Auffassung liegt ja allen Diskussionen über das Credo zugrunde. Vom Standpunkt der spirimuellen Wissenschaft aus nimmt sich die Sache so aus, daß in dem Moment des ArthanasiusArius-Streites schon etwas in die Entwickelung eingeflossen war, wodurch in bezug auf die Auffassung des Credo etwas wie spirituelle Verfinsterung eingetreten ist, und darin lag der Grund der Diskussionen über das Credo. Man kann also sagen, die Diskussionen über das Credo bedeuten für die wirkliche spirituelle Auffassung, daß die Menschen es nicht mehr verstanden haben. Darüber läßt sich auch nicht diskutieren, wenn die Dinge von innen angesehen werden. Und selbst wenn das Credo lateinisch gesprochen wird, hört doch mit der Übersetzung die Möglichkeit auf, ein höheres Verständnis zu entwickeln; und wir haben im Credo etwas vor uns, was man mit Verständnis beurteilen sollte, nicht nach der Diskussion. Alles, worüber in bezug auf das Credo diskutiert wird, ist schon mißverstanden. Und jedenfalls kann es sich auch nicht darum handeln, etwas dabei fortzulassen, denn auch ein solches Fortlassen würde zeigen, daß ein Nichtverstehen vorhanden ist.
Es ist also so, daß die katholische Kirche beim Credo nur die Folge der Worte beibehalten hat und den inneren Geist der Sache ganz ausschließt. Das ist etwas, was durch Ihre Bewegung wieder eingeführt werden muß. Sie müssen in diesem Sinne das Credo auffassen.
Dann werden wir jetzt die Priesterweihe für alle zu Ende führen und unmittelbar daran etwas anschließen, was sich entwickelt als eine Grundlage für das Bekenntnis, wie es weiterströmen wird durch die Bewegung, die Sie begründen wollen. Denn dieses Bekenntnis ist ja durch diese Ihre Bewegung selbst zu vertreten. Die anthroposophische Bewegung vertritt es selbstverständlich, wenn auch immanent. Aber es wird sich darum handeln, daß wir uns auf einer kurzen Konferenz darüber klar werden, wie das Credo vertreten werden muß. Die Menschenweihehandlung gibt die Grundlage, daß überhaupt ein Bekenntnis da sein kann; und in der Kultushandlung bewegt man sich ja nicht in der Sphäre, wo Menschen etwas bekennen oder nicht, sondern wo etwas abgebildet wird. Denn Kultushandlungen gegenüber würden Diskussionen nicht bloß das bedeuten, was im physisch-sinnlichen Bereich eine Diskussion über die Zähne des Elefanten wäre, sondern eine solche Diskussion würde dem gleichen, wenn man sagen würde: Ich bin der Meinung, daß der Elefant ein falsches Gehirn hat, das geändert werden muß. - Wir kommen also, indem wir zum Credo kommen, nicht nur in die Geschichte seiner ursprünglichen Grundlegung, sondern schon in seine Weiterführung hinein. Dies müssen wir uns zum Bewußtsein bringen.
Es folgt die Beantwortung von Einzelfragen.
Ein Teilnehmer: Wie verhält es sich mit dem Singen der Messe?
Rudolf Steiner: Heute ist es falsch, die Messe zu singen, heute muß sie gesprochen werden, weil das innerliche Bewußtsein da hereinkommen muß; es muß dadurch der Sinn ergriffen werden. Es ist das auch eine Ahrimanisierung, daß die katholische Kirche die Messe in der alten Weise weitersingt. Das geschieht jedoch nicht für alle Teile, aber für gewisse Teile, zum Beispiel beim Paternoster. Das sind Dinge, die nicht zu Recht bestehen, weil dadurch die Messe suggestiv wirkt. Das «Ite missa est» in der katholischen Messe muß gesungen werden. Nun kommt es sehr häufig vor bei der katholischen Kirche, daß zum Beispiel ein Bischof die Messe zelebriert, der nicht singen kann. Dann muß ein anderer, der nächste, sich vor ihn hinstellen und für ihn singen. Wenn das nun etwa ein Domherr ist, der ein älterer Herr ist, der auch nicht singen kann, dann muß für diesen wieder ein anderer eintreten, so daß es unter Umständen vorkommen kann, daß drei oder vier hintereinanderstehen, von denen nur der erste singen kann.
Ein Teilnehmer stellt eine Frage bezüglich des Evangeliumlesens. [ Der Wortlaut der Frage ist vom Stenographen nicht festgehalten worden.]
Rudolf Steiner: Man könnte das Evangelium lesen nur bis zu den Worten «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.» Diese Worte sollten gesprochen werden bei der Priesterweihe.