The Founding of the Christian Community

GA 344 — 22 September 1922, Dornach

Neunzehnter Vortrag

[Zu Beginn der Zusammenkunft wurde nochmals über Formulierungen des Treuegelöbnisses gesprochen. Das Gespräch wurde vom Stenographen nicht

festgehalten. - Vor der Barettübergabe an Friedrich Rittelmeyer spricht Rudolf Steiner:]

Es ist dies also die letzte Handlung, die aus dem Geiste heraus - vorzunehmen ist, aus dem heraus der Versuch von mir unternommen worden ist, unmittelbar aus der geistigen Welt heraus diese Bewegung als eine ritustragende in der Welt zu verwirklichen. Diese Zeremonie soll in Zukunft vorgenommen werden, jedesmal bevor die erste Messe von dem zum Priester Geweihten verrichtet wird. Sie soll eine andersartige Handlung sein als alle übrigen, daher weniger in feste Formen gekleidet. Aber dem Geiste nach soll sie doch kurz dasjenige enthalten, was ich nun mit den folgenden Worten zum Ausdruck bringen will. Sie wird deshalb auch nicht eingekleidet durch die zeremoniellen Worte des Kreuzmachens oder des «Christus in euch», sondern sie wird unmittelbar ohne Einleitung und ohne den üblichen Schlußsatz vorgenommen. Sie wird in der Weise vollzogen, die ich mit den Worten bezeichne:

Alles dasjenige, was Dir bisher geworden ist an Sinnbildern Deines Handelns im Sinne dieser spirituellen Bewegung, drückt aus Deine Gemeinschaft mit den göttlichen Welten, die über der Erde walten. Das Sinnbild, das Du jetzt empfängst, drückt aus Dein anderes Verhältnis von Dir aus zu den Menschen, für die Du Dein Amt verwaltest. Das heißt, Du hast durch die vorhergehenden Ritualien Deine Gemeinschaft mit der göttlichen Wesenheit erhalten. Durch dieses Zeichen erhältst Du Deine Macht über diejenigen, die sich Dir anvertrauen als Gemeindeglieder. Du führest sie kraft des Amtes, das symbolisiert ist in dieser Behü tung Deines eigenen Hauptes. Das Bareti wird dem Neugeweihten aufgesetzt.

Du trägst dieses immer, um auszudrücken dieses Dein Verhältnis zu der Laiengemeinschaft; Du trägst es auf dem Wege zum Altar, Du trägst es auf dem Wege vom Altar; Du trägst es überall da, wo Du zu einer feierlichen Zeremonie oder einem Sakrament schreitest. Dieses Abbild Deiner Amtsgewalt, einer Amtsgewalt, innerhalb der Du die priesterlichen Handlungen ausführst, nehme hin.

Wenn der Priester am Altar ankommt, wird das Barett dem Ministranten übergeben; der legt es auf das Seitentischchen bis zum Schluß. Wird die Messe unterbrochen bei irgendeiner Sache, also überall da, wo man vom Altar weg- oder zum Altar hinschreitet, wird es aufgesetzt, nie am Altar selbst. Am Schlusse der Messe, nach dem Worte «Die Menschenweihehandlung, das war sie», nimmt der Priester den Kelch in die linke Hand, mit der rechten Hand setzt er das Barett auf und geht dann weg, indem die rechte Hand nun wieder auf dem Kelche ruht.

[Nun zelebriert Friedrich Rittelmeyer die Menschenweihehandlung. Nach ihrer Beendigung spricht Rudolf Steiner:)

Meine lieben Freunde! Die letzte zeremonielle Handlung, die hier an diesem Orte zur Inaugurierung Eurer Sendschaft für die Welt vollzogen werden sollte, ist verrichtet und Ihr werdet nun aufnehmen das hier Vollzogene in Eure Gedanken, in Euer Fühlen, in Euern Willen, und Ihr werdet nach Eurem eigenen Ermessen und nach Eurer eigenen Einsicht in Hinkunft alles dasjenige vollziehen, was aus dem Geiste durch Euch gezogen ist, was hier eingeleitet, inauguriert worden ist.

Es sind nur wenige Worte, die am Schlusse von mir zu Euch zu sprechen sind. Ihr werdet finden, daß Ihr einen schweren Weg zu gehen habt. Auf die Schwierigkeiten im einzelnen, von denen gesprochen worden ist, hat sich Euer Blick ja bereits gelenkt. Aber sicher ist es gut, wenn Ihr jetzt, bevor Ihr hinausgeht in die Welt zu eigenem Wirken, Euch unbefangen und unumwunden vor die Seele stellt, daß dasjenige, was Ihr zu unternehmen gedenkt, heute in der Erdenwelt draußen nicht umfriedet ist, sondern umkämpft ist, und Ihr werdet zu all dem, was Ihr unternehmet aus dem Geiste heraus, der hier beginnen soll durch Euch zu wirken, was Ihr unternehmet für diejenigen, die sich Euch anvertrauen werden, Ihr werdet zu all dem hinzu ein waches Auge haben müssen für das Umkämpftwerden desjenigen, was Ihr zur Seele Eures Wirkens machen wollt. Wir könnten auch heute bei dieser Gelegenheit, wo es sich darum handelt, das wache Auge für die Welt zu dem von Gott begeisterten Herzen hinzuzufügen, vieles anführen, aber ich will nur eines der Zeugnisse Euch vor die Seele führen, das Euch bedeuten wird, wie stark Ihr selber werdet dastehen müssen, wenn Ihr gegen all das hindurchdringen wollt, was an Urteil die Welt heute gegen das vorlegt, was Ihr als die Seele, die lehrende Seele in Eure Wirksamkeit aufgenommen habt, was vordringt gegen das, was hier anthroposophische Weltanschauung genannt wird.

Wir sehen ja, nicht wahr, wie sehr man manchmal mit geradezu teuflischem Wirken gegen anthroposophische Weltanschauung kämpft. Wir wollen heute nicht darauf unser Augenmerk richten, wir wollen aber unser Augenmerk darauf lenken, wie schwer es in unserer Zeit selbst denjenigen wird, die wenigstens einen geringen Grad von Unbefangenheit sich bewahren möchten, es aber absolut nicht können, aus dem Grunde, weil dasjenige, was durch Jahrhunderte heraufgeströmt ist, die Seelen der Menschen heute durchaus umspielt und ihnen den freien Ausblick gerade in die geistigen Kräfte wirklich verdunkelt. Ihr werdet daher durchdringen müssen durch dieses Dunkel, denn Ihr dürft mir glauben, dieses Dunkel wird in manchen Stunden auch Eure Seelen umschweben. Dieses Dunkel wird an Euch herankommen und wird an Euch gar manche Frage stellen, die dahin geht: Ist es wirklich so, daß die geistige Welt von den letzten drei bis vier Jahrhunderten an in einer neuen Weise begonnen hat, zu den Menschen zu sprechen? Es ist so! Und ihr werdet Euch durchringen müssen zu der Erkenntnis, daß es so ist. Aber Ihr werdet stark sein müssen, um Euch durchzuringen.

Und deshalb möchte ich Euch ein gerade in diesem Augenblick sich bietendes Beispiel vor die Seele führen, welches Euch zeigen wird, wie diese verfinsternden Wolken auf die Seelen der Menschen kommen und ihnen den weiteren Ausblick in die heute auf die Erde hereinströmende Geistigkeit verdunkeln.

Es ist noch nicht lange her, da hat aus der katholischen Kirche heraus ein Benediktinerordenspriester, also einer derjenigen, die in der katholischen Kirche in der freiesten Weise ihre Gedanken äußern, ein schönes Büchelchen geschrieben über das Wandeln der Menschenseele im göttlichen Angesicht, und dieses Büchelchen, das in deutscher Sprache in einer billigen Büchersammlung erschienen ist, könnte eigentlich manchem viel nützen. Nicht denjenigen, die das Wandeln im Lichte des Geistigen im Sinne unserer Zeit suchen, aber denen, die sich eine wirkliche Anschauung davon verschaffen wollen, wie in jener Zeit, in welcher sich schon abdunkelte, was in den ersten christlichen Jahrhunderten von älteren Mysterien noch vorhanden war, die besseren Seelen ihr Gemüt zu vertiefen gesucht haben, indem sie sich stets vor Augen geführt haben das immerwährende Wandeln der menschlichen Seele im Antlitz Gottes. In dieser Beziehung ist die Erzählung des Benediktinerpaters ja gerade ein Geständnis dafür, daß selbst ein vorzüglicher Mensch sich heute nicht mehr retten kann aus der Öde der verfinsterten Welten. Derselbe Mensch, der dieses in mancher Beziehung gute Büchlein über das Wandeln der Menschenseele im Angesicht Gottes geschrieben hat, hat vor kurzer Zeit eine Verurteilung der Anthroposophie geschrieben, in dem Sinne, daß er der heutigen Menschheit ausnahmslos überhaupt die Möglichkeit abspricht, auf den Wegen, die die Menschenseele gehen kann, zu dem Geistigen zu. kommen. Er stellt sich vor, daß das Göttlich-Geistige in einer gegenüber der Menschenseele kosmischen Ferne liegt, daß in der Menschenseele stets vorhanden ist das Sehnen nach dem Zusammenleben mit diesem Göttlich-Geistigen, aber er behauptet, daß nur in zwei Fällen es einem Menschen möglich gewesen sei, für ganz kurze Zeit und in einer ungenügenden Weise, aber doch immerhin in deutlicher Weise, sich von der menschlichen Seele aus zu verbinden mit der göttlich-geistigen Welt. Diese zwei Fälle nimmt er an bei Plotin und bei Buddha. Der Benediktinerordenspriester stellt also heute die Behauptung auf, es hätten nur diese zwei menschlichen Persönlichkeiten durch eine besondere Fügung in der Entwickelung der Erde es dahin gebracht, ihre Seele in die Nähe der göttlichgeistigen Welt bringen zu können und dadurch in einem gewissen Sinne eine göttlich-geistige Erleuchtung für die übrigen menschlichen Persönlichkeiten haben können. Damit aber, so behauptet er, sei die Kraft der Menschheit erschöpft, welche aus der menschlichen Seele heraus irgend etwas tun könne, um in die Nähe der göttlich-geistigen Welt zu kommen. Daher sei — abgesehen von diesen zwei Persönlichkeiten - alles ein Irrglaube, was mit der Behauptung auftritt, die göttlich-geistige Welt, das spirituelle Dasein wirklich durch Menschenkräfte mit der Erde verbinden zu können. Es bleibe der schwach gewordenen Menschheit nichts anderes übrig, als die historische Erscheinung des Jesus von Nazareth hinzunehmen und in dem unerleuchteten Glauben durch die Kraft Christi dasjenige in der Finsternis zu erringen, was im Lichte nicht zu erringen ist. In einer ziemlich starken Weise erklärt Mager dies. Er faßt die Situation der Menschheit gegenüber der göttlich-geistigen Welt auf wie die Situation eines Heeres, das die Stätte des Göttlich-Geistigen erstürmen wolle. Es sei, als hätte sich ein Heer die Aufgabe gestellt, eine Festung zu erstürmen, nur ein paar der Kühnsten erstürmen die Mauer, damit bricht der Angriff in sich zusammen. Und so bleibt dem Menschen nichts anderes übrig, als zu verzichten auf eine Verbindung seines Bewußtseins mit der göttlich-geistigen Welt.

Aus einer solchen Anschauung heraus kann Mager, der Benediktinermönch, ja selbstverständlich nicht anders, als in der Anthroposophie das sehen, was er eben in ihr sieht. Es sind allerdings charakteristische Worte, die er spricht, aber es sind dies Worte der vollständigen Verfinsterung der menschlichen Seele. Es sind die folgenden Worte, die er spricht: «Meine innerste wissenschaftliche Überzeugung ist es, daß die Anthroposophie Steiners nicht anders charakterisiert werden kann, denn als die geschickte Systematisierung von Halluzinationen zu einem Weltbilde.» — Und das, was in solcher Weise aus der Anthroposophie hervorgeht, das muß er, als von Halluzinationen herrührend, ablehnen. Er kann in den anthroposophischen Bestrebungen keine wirkliche «religiöse Volkserneuerung» finden und muß daher die warnende Stimme dagegen erheben. Das ist das Urteil eines katholischen Volkserziehers. Zahlreiche andere Urteile lauten ganz ebenso, auch das Urteil zahlreicher evangelischer anerkannter Seelenhirten, die nicht oft genug die warnende Stimme erheben können.

Nun, meine lieben Freunde, diese warnenden Stimmen werden auch wider Euch erhoben werden. Ihr müßt Euch klar sein, daß es selbst denjenigen, die die Dinge betrachten wie sie sind, durch die Verfinsterungen, die heute in den Seelen der Menschen sind, nicht leicht ist einzusehen, daß es in der Weltentwickelung in derjenigen Zeit, in der die Menschheit im Laufe der neuzeitlichen Entwickelung zur Freiheit den ersten Impuls erhalten soll, immer Seelen gegeben hat, die den Weg zu der göttlich-geistigen Welt gefunden haben. Die Stimmen, die daher kommen, werden nur einfach nicht gehört, weil sie von keinem Lichte erhellt werden. Denn um sie erklingen zu machen, müssen sie vom rechten Lichte erhellt werden. Die Finsternis nimmt zugleich von den Menschen auch dasjenige weg, was zu ihnen ertönen möchte als die Stimme des Geistigen. Ihr möget daher zu all dem, was Ihr an Begeisterung durch das Erfülltsein mit dem lebendigen Worte, was Ihr an Kraft der Sündenheilung hinaustraget in die Welt, was Ihr gewissermaßen einzuschließen habt in das, was die Menschheit ihr Gebet, ihre Meditation nennt, Ihr möget zu alldem die Wachsamkeit aufnehmen in Euch, damit Eure Wahrheit wirksam sein kann.

Ihr werdet wachsam sein müssen, erstens darauf, wie stark der Geist der Verfinsterung die Seele selbst verfinstert, und Ihr werdet wachsam sein müssen, daß in keiner Stunde, in keiner Minute, in keiner Sekunde Eures wirksamen Daseins Euch der Geist der Verfinsterung selbst ergreift. Deshalb sage ich Euch, meine lieben Freunde, da ihr Euch hinauszugehen entschließen müßt zu Eurer Sendung, indem ich nochmals die Worte spreche, die ja oft gesprochen worden sind, aus diesem Geiste heraus, der nun Eure Bewegung inaugurieren soll:

Wachet und erhebet Eure Seelen zu dem Geiste, der da waltet durch alle Weltenräume, durch alle Zeitenkreise. Wenn Ihr die Stärke dazu entwickelt, so werdet Ihr es können, dann werdet Ihr nicht allein sein. Es werden Euch helfen diese geistigen Mächte selber. Sie werden Eure Gedanken erleuchten, sie werden Euer Gemüt durchkraften, sie werden Euren Willen erstarken. Und mit von der geistigen Welt aus erleuchteten Gedanken, mit von der geistigen Welt aus erkrafteten Gefühlen, mit dem aus der geistigen Welt heraus erstarkten Willen werdet Ihr wirken können. Nehmet die Versicherung mit, daß meine Gedanken Euch immer begleiten werden und daß, wo Ihr im rechten Sinne Hilfe braucht, Ihr mich immer zu dieser Hilfe bereit finden werdet.

Das sind die Worte, die ich Euch jetzt am Schluß mitgebe, wenn Ihr den Weg antretet zu der von Euch selbst gewählten, aus der Kraft des Christus gewollten Sendung.

Friedrich Rittelmeyer: Es ist uns ein Bedürfnis, ein kurzes Wort zu sagen über das, was sich eigentlich mit Worten gar nicht aussprechen läßt: über den tiefen und großen Dank, den wir alle gegen Sie im Herzen tragen. Sie sind uns ein starker, ein außerordentlicher Vermittler zu Christus hin geworden, und ich glaube, ich kann im Namen von uns allen das Gelöbnis ablegen, daß wir kämpfen werden wie die Löwen für das, was durch Sie uns geworden ist und für das, was uns noch weiter von Ihnen her kommen wird. Zunächst stehen wir alle unter dem Eindruck der großen Güte, die wir von Ihnen erfahren haben. Wenn wir zurückdenken an die Stunden, die wir in Dornach erlebt haben, von der ersten ernsten Stunde im Glashaus, wo wir über den Abschied unseres Freundes Geyer gesprochen haben, durch die feierliche Handlung, die Sie mit uns gefeiert haben, durch die Vorträge hindurch, in denen Sie so gütig uns das Beste und Tiefste, was uns erschlossen werden kann, erschließen wollten, bis zu diesem letzten Tag, den wir heute mit Ihnen erleben dürfen, so steht uns vor der Seele das Gedächtnis an eine ganz einzigartige Weisheit und Güte und ein außerordentlicher Ernst, mit dem Sie uns von Tag zu Tag geführt haben. Die mögen uns das Vorbild werden für unser eigenes seelsorgerisches Wirken. Wir haben öfters im Freundeskreis nach Vergleichen gesucht für das, was wir erlebt haben, um es in seiner ganzen Bedeutung doch möglichst nicht zu verschlafen, während wir darinstehen. Wir haben an dies und das gedacht, das uns aus der Geschichte bekannt ist. Wir haben nichts gefunden, das sich vergleichen ließe seit der Zeit, da der Christus auf die Erde gekommen ist. Wir empfinden ganz tief, daß wir, die wir nun durch die Vorsehung dazu berufen worden sind, das durchzukämpfen, wir empfinden in der tiefsten Ehrfurcht, daß wir mit Aufopferung unseres ganzen selbständigen Wesens ganz dafür einzutreten haben für das, was uns geworden ist, und daß wir unsere Freiheit darin sehen müssen, die Größe dessen einzusehen, was über uns gekommen ist.

In diesem Sinne wollen wir weiter wirken. Wir sind uns bewußt, daß wir durch uns allein das nicht können. Außer der Hilfe der geistigen Welt und des Christus selbst, die wir selbst täglich suchen wollen, bitten wir, daß auch Sie uns, wie Sie so verheißungsvoll zugesagt haben, mit Ihrem Rat und Ihrer Tat jederzeit beistehen mögen Wir fühlen uns viel zu schwach und klein, um das zu vertreten, was wir vertreten wollen.

In diesem Sinne wollen wir unsere Tagung beschließen, indem wir unseren tief empfundenen Dank aussprechen, mit schwachen Worten aussprechen und Sie von ganzem Herzen um Ihre weitere Unterstützung bitten.

German original of Nineteenth Lecture · ← Previous