The Founding of the Christian Community
GA 344 — 21 September 1922, Dornach
Siebzehnter Vortrag
Nun, meine lieben Freunde, es obliegt mir noch, Ihnen zu sprechen von der sogenannten letzten Ölung. Die letzte Ölung soll ja so ausgeführt werden, daß sie sich anschließt an eine abgelegte Beichtberatung und Kommunion. In einem solchen Falle, wo die Kommunion außerhalb der Messe erteilt wird, ist es ja natürlich, daß die Kommunion von dem Priester angeschlossen wird an den Gedanken an die eigene Kommunion und daß sie ebenso zelebriert wird, wie sie sonst innerhalb der Messe zelebriert wird, aber eben nur im Gedanken an die Messe. Nach dieser Kommunion würde also die Ölung zu erfolgen haben, in dem Ornat, von dem wir schon gestern sprachen. Es ist natürlich so, daß dieses Sakrament der Ölung ein solches ist, das mit größter Zartheit ausgeführt werden muß, damit es den Menschen, dem diese Ölung erteilt wird, nicht aufregt, ihm nicht schadet, und auch, damit sie nicht unbedingt in einen solchen Zusammenhang hineingestellt wird, der auf allen Seiten das Bewußtsein hervorrufen würde: das ist nun eben ein sterbender Mensch. Denn er kann ja auch wieder gesunden.
So schließt man an die Erteilung der Kommunion an. Der Priester erscheint zu der Ölung mit seinem Ministranten und schließt an die Kommunion an eine Anzahl von Sätzen aus dem 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums, die in der Fassung, die Sie erhalten sollen, aus dem Urtexte heraus so lauten müßten. Ich bemerke dabei in Parenthese, daß ja ein wirkliches Übersetzen des Evangeliums nur möglich ist, wenn dieses Übersetzen geschieht aus dem Weltbewußtsein heraus, aus dem diese Sätze einmal niedergeschrieben beziehungsweise gesprochen worden sind, und daß spätere Übersetzungen von vornherein darunter litten, daß eben derjenige, der übersetzte, dieses Weltbewußtsein nicht in sich hatte, aus dem heraus diese Sätze geschrieben worden sind. Es ist einfach eine sehr äußerliche Redewendung, zu sagen, das Evangelium sei in späterer Zeit «schlicht» übersetzt worden, denn diese Schlichtheit ist eben eine Unwahrheit, und es muß heute mit aller Kraft dem entgegengeschafft werden; so daß also dieses 17. Kapitel des Johannes Evangeliums so lautet:
Jesus versetzte sich in die Geistesschau
und sprach: Väterlicher Weltengrund:
lasse offenbar werden Deines Sohnes Schaffen,
damit durch Deines Sohnes Schaffen auch Du offenbar [werdest. Du hast ihn zum Schaffenden gemacht
in allen fleischlichen Menschenleibern,
daß er in die Zukunft lebend führe alle, die durch Dich zu ihm kamen. Sie werden in der Zukunft leben dadurch,
daß ihr Seelenauge bereitet ist,
Dich zu schauen als den wahrhaft Einigen Weltengrund
und den schaffenden Christus Jesus, den Du zu ihnen gesandt [hast. Durch mich wurdest Du im Erdensein wieder offenbar,
als die Erde Deine Offenbarung umwölkte.
Solches war Dein Wille,
der durch mich wirkte. So auch, väterlicher Weltengrund,
lasse jetzt erstrahlen die Offenbarung,
die durch mich schon ward,
ehe Du in der Erdenwelt offenbar wurdest. Durch mich ward das Wort,
das Dich offenbart, in Menschenseelen offenbar,
die durch Dich zu mir kamen.
Du warst in ihnen, durch Dich kamen sie zu mir,
und sie haben in sich genommen die Erkenntnis von Dir. Von ihnen ward erkannt, daß, was ich zu ihnen sprach, von Dir durch michzu ihnen gesprochen ward.
Väterlicher Weltengrund, das erflehe ich,
daß sie, die durch mich zu Dir gekommen sind, immer sein mögen lebend bei Dir, wie ich bei Dir bin, und daß sie da schauen Deine Offenbarung,
die Du liebend vor mir erstrahlen ließest,
bevor die Erde noch war.Durch mich ward offenbar das Wort,
das Dich offenbart,
und ich will tragen dies Wort in Menschenseelen, auf daß die Liebe, mit der Du mich liebest,
in ihnen sich bewahre,
und so auch mein ewiges Leben
ihr Leben ewig bewahre.
Der Ministrant spricht: Ja, so sei es.
Dann wird aus einer kleinen Kapsel, in der man das Öl mitgebracht hat, das Öl mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand genommen und die Worte gesprochen:
In dem heilenden Öle
Das außer deinem Leibe — damit ist der Kranke gemeint Den Geist in die Höhen trägt
Erfühle dich lebend-webend
— man macht ein Kreuzzeichen über dem rechten Auge mit dem Ol, der Ministrant spricht:
Ja, so sei es.
Man setzt fort:
Christi Segen empfange
als lebentragende Kraft
In ihr weset das Leben,
Das alles Tote besiegt.
— man macht ein Kreuzeszeichen über das linke Auge auf die Stirn, der Ministrant spricht:
Ja, so sei es.
Man setzt fort:
Christi starkes Seelenleben
Führet im schwachen Leibe1
Von Dasein zu Dasein Durch alle Weltenkreise.
Der Ministrant:
Ja, so sei es.
Man macht mit dem Öl ein Kreuzeszeichen oben an der Stirn, zwischen den Augen, aber oben. Jedesmal, nachdem man die vier Zeilen gesprochen hat, sagt der Ministrant:
Ja, so sei es.
Das ist die Zeremonie, und wenn sie in dieser Weise richtig ausgeführt wird, so hat die Zeremonie jene Zartheit, die sie haben muß, wenn eben nicht Verwirrung oder wenigstens eine Art Aufregung in der Seele des Kranken hervorgerufen werden soll. Daß sich eine solche Zeremonie vollziehen läßt, ohne daß eine solche Aufregung in der Seele des Kranken herbeigeführt wird, das wäre eben die Aufgabe des Seelenhirtenamtes für das Leben, so daß der Kranke genügend vorbereitet ist, um in Gedanken auch eine solche Zeremonie in der richtigen Weise aufzunehmen. Nun sind in diesem Zusammenhang, meine lieben Freunde, noch einige Worte zu sprechen über die eine Frage, die Sie an mich gerichtet haben in bezug auf die drei Zeitalter des Petrus, des Paulus und des Johannes. Ja, und dann fragten Sie auch über die Perioden der Kirchengeschichte nach den zwölf Aposteln. Nun sind diese Dinge ja so, daß sie immer nur den Kern von Lehren gebildet haben, die überliefert worden sind, und die man ja selbstverständlich in der verschiedensten Weise aussprechen kann. Daß sie bei Schelling auftreten, das rührt nun davon her, daß Schelling einmal eine Schrift gelesen hat etwa aus dem 13. Jahrhundert, in der von solchen Dingen noch als von etwas Selbstverständlichem gesprochen worden ist. Inhaltlich kann man sich das dadurch klarmachen, daß man etwa das folgende sich sagt: Wir haben es zunächst zu tun mit der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden, mit seiner Passionsgeschichte, mit dem Mysterium von Golgatha, mit der Auferstehung und mit der Erscheinung des Christus im ätherischen Leibe vor denjenigen, die ihn in einem solchen Ätherleibe erkennen konnten. In dieser Art wirkte zunächst auf die dem Christus Jesus nahestehenden Schüler das Mysterium von Golgatha, so daß es ihnen erschien als der Abschluß der alten Zeit. Vor allen Dingen sahen sie in dem ersten Menschen Adam dasjenige, was innerhalb der physischen Organisation dieses Adam durch die kosmischen Freignisse wobei jetzt der geistige Kosmos gemeint ist mit allen Widersachern -— so geworden war, daß es im Lauf der Erdenentwickelung bis zum Mysterium von Golgatha immer brüchiger und kranker werden mußte. Und sie sahen in dem Mysterium von Golgatha auch nach der Lehre, die ihnen nach der Auferstehung zuteil geworden ist — dasjenige, was den Menschen wiederum heilt, so daß sein brüchiger Leib die Sünden nicht entfallen läßt in die Erde, die dadurch verdorben würde, sondern daß die Sünden bewahrt werden zur Erlösung. Sie sahen also im eminentesten Sinne in dem Christus Jesus den Menschen, wie er jetzt auf der Erde erschien, um die Menschheit dasjenige Stück wiederum hinaufzubringen, das der Mensch herunterfallen mußte durch die besondere Art des Eintritts in das irdische Dasein durch Adam.
Das war die allerwesentlichste Vorstellung, von der genährt wurde die Lehre, welche da genannt werden kann auf den Namen des Petrus. Petrus sprach in dem Sinne, er faßte diese Lehre so auf, daß man eigentlich im esoterischen Sinne das Petrinische Zeitalter rechnen kann von dem Beginne der Erde, wo die Menschen durch die Mysterien dazu geführt worden sind, den Christus zunächst als ein überirdisches Wesen anzusehen, und das seinen Abschluß gefunden hat damit, daß der Christus auf Erden erschienen war; so daß Petrus in schier selbstverständlicher Weise lehrte, wie der Christus auf die Erde heruntergestiegen ist.
Dem stand gegenüber die Lehre des Saulus. Die Lehre des Saulus beginnt damit, daß der Christus allerdings auf dem Wege ist von überirdischen Welten zur Erde herunter, daß aber dieses Ereignis sich gar nicht so vollziehen könne, wie es sich als Mysterium von Golgatha in Palästina eben vollzogen hat. Denn aus denjenigen Einweihungsstätten heraus, die der Saulus durchgemacht hatte, kam die Anschauung, daß der Christus ohne weiteres auf der Welt in Herrlichkeit erscheine und nicht durch dasjenige gehen dürfe, was den Juden als schändend erschien: den Kreuzestod. An dem Kreuzestod nahm Saulus Anstand, und er kam erst dazu, sich zu dem Christus zu bekennen nach dem Ereignis von Damaskus, durch das ihm auf eine Weise, die nicht irdisch war — also auch nicht aus den Mysterien -—, aus dem Ätherischen heraus klar wurde, daß das Mysterium von Golgatha wirklich die Erscheinung des Christus auf Erden ist. Von da an entstand die Notwendigkeit, das Ereignis von Golgatha immer mehr und mehr mit dem menschlichen Verstande zu verstehen. Nur war dieser menschliche Verstand in der Zeit, in der Paulus auf Erden lebte, allerdings noch so, daß er durch eine leichte Entfaltung in der Lage war, solche Dinge zu verstehen, wie wir sie dann als die Interpretation des Mysteriums von Golgatha in allen Paulusbriefen finden, wo auch durchscheint die Auffassung von der Wiederaufrichtung der menschlichen Natur, die als adamitische Natur heruntergefallen war, durch den Christus Jesus.
Die gerade Fortsetzung dessen, was da in den Paulusbriefen ist, bildet alles dasjenige, was dann als abendländische Theologie aufgetreten ist, über Augustinus und die anderen Kirchenlehrer, und setzt sich fort bis herauf in unsere Zeit; so daß man sagen kann, auch die evangelische Theologie ist durchaus eine Fortsetzung des Paulinismus, wenn auch der Paulinismus da schon sehr stark verhüllt ist. Ja bis ins 19. Jahrhundert herein und bis in unsere Zeit natürlich, setzte sich diese paulinische Interpretation durch; in unserer Zeit gab es allerdings dann unter katholischen Priestern eine ziemlich starke Opposistion gegen diese paulinische Auffassung, indem von vielen katholischen Priestern, deren Lehre als rechtgläubig gilt, gegenüber dem paulinischen wiederum das ursprüngliche petrinische Christentum hingestellt wird. Man kann sagen: Der Petrinismus schließt mit Petrus selber, es beginnt dann der Paulinismus wirksam zu werden. Und das abendländische Christentum wartet nun auf das johanneische Christentum, das ein Christentum sein wird, das auf dem Geiste beruht. - So hat es Schelling in seinen reiferen Jahren, mit vierzig, fünfzig Jahren aufgefaßt.
Die andere Frage war die nach den Perioden der Kirchengeschichte nach den zwölf Aposteln. - Eine solche Einteilung ist nicht nur dem Christentum, sondern im Grunde genommen allem Mysterienwesen eigen. Es ist die, daß die Weltenentwickelung, in die auch die Erdenentwickelung eingeschlossen ist, abläuft nach Perioden von je zwölf Epochen, daß sich nach einem Ablauf von zwölf Epochen die erste Epoche wiederholt und wiederum zwölf Epochen auf einer höheren, auf einer veränderten Stufe durchlaufen werden. Man kann sagen, daß in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha in gewisser Weise am intensivsten durch seine unmittelbare irdische Gegenwart im Physischen auch hineinleuchten sollte in das physische Erdenschauen, da war für die äußere Welt eine Zeit der Verfinsterung. Und man kann sagen: Eben demgegenüber, was als ein Licht hineinleuchten soll in die Seelen der Apostel, stand die Verfinsterung des Judas aus Iskariot. Der kosmische Aspekt ist derjenige, der den abtrünnigsten Geist in dieser Zeit als den Weltenregierer sieht, jenen abtrünnigen Geist, der immer auf eine Zeit des Michael folgt. Dieser Kreis, der immer ungefähr etwas über drei Jahrhunderte einnimmt, ist so, daß er in unserer Zeit angekommen ist an demjenigen Punkte, wo der Übergang stattgefunden hat von einem gabrielischen kosmischen Zeitalter, vom Zeitalter des Gabriel, zu dem Zeitalter des Michael, das ja wiederum etwa drei Jahrhunderte währen wird. Es verschlingt sich dabei die Entwickelung in mannigfaltiger Weise, so daß, wenn man die Sache durch eine Rechnung ausdrückt, eben doch nichts vollständig Adäquates herauskommt. [Es wird an die Tafel geschrieben: 330 mal 12 = 3 960.]
Das sind Dinge, die innerhalb der katholischen Kirche auch durchaus als eine esoterische Weisheit gewußt werden. Aber ich glaube nicht, daß es im gegenwärtigen Augenblick eine besondere Bedeutung für Sie hätte, wenn außer dem, was ich Ihnen im Lauf der Vorträge über manches Esoterische der katholischen Kirche gesagt habe, noch irgendetwas anderes hinzugefügt würde. Natürlich wäre sehr viel über die Esoterik der katholischen Kirche zu sagen, vor allen Dingen das, daß die katholische Kirche sehr gut weiß, daß, wenn heute ein neues Hellsehen auftritt, damit etwas zutage tritt, was sie vor ihren Gläubigen kaschieren will, und daß sie sich vor allen Dingen zur Aufgabe setzt, jenes neu auftretende Hellsehen zu bekämpfen. Das gehört zu den Lehren, die die Eingeweihten unter der katholischen Priesterschaft heute schon bekommen.
Nun, wenn es sich um die Frage handelt, die Sie bewegt, die Sie noch gestellt haben: Musik und Choräle im Gottesdienst -, so wäre es sehr schön gewesen, wenn so etwas schon jetzt in Angriff hätte genommen werden können. Wenn bei feierlichen Gelegenheiten die Messe zelebriert wird, ist es so, daß diese Messe eingeleitet werden kann, bevor das Staffelgebet gebetet wird, durch eine entsprechende Chormusik, durch eine Instrumental Tafel musik, in der auch Gesang sein kann, die auf das Motiv des Staffelgebetes hinweist, und daß dann jeder einzelne Teil der Messe in der entsprechenden Weise kommentiert werden kann. Ebenso kann die Messe wiederum ausklingen in einer Komposition des «Die Menschenweihehandlung, das war sie». Also es ist so, daß vor der Kommunion alles in der Musik ein Vorbereitendes sein müßte, nach der Kommunion müßte man eine abklingende Musik haben, so daß die Kommunion eingeleitet würde durch ein Musikalisches, dann das Motiv als ein abklingendes, ein endendes erklingen würde, und dann hier anschließen würde das Wort «Die Menschenweihehandlung, das war sie».
Das ist etwas, was Sie studieren können. Und diejenigen, die aus dem Geiste der Messe versuchen zu komponieren und eine musikalische Anregung suchen, werden die intensivste Anregung bei Bruckner gewinnen können, den das Motiv der Messe gereizt hat. Seine Kompositionen der Messe bieten mehr als die von Beethoven und Brahms. Sie werden auch hier sehr viel gewinnen, wenn Sie sich an ältere [Komponisten] anlehnen, werden sich aber bewußt sein müssen, daß in dieser Richtung manches neu gemacht werden muß. Namentlich ist zu berücksichtigen, daß die Brucknerschen Kompositionen der Messe eigentlich bewußt für das Nichtkirchliche komponiert worden sind, so daß man in ihnen vollständig adäquate Vorbilder nicht sehen kann.
Dann ist noch die Frage gestellt worden — die anderen Fragen, die mehr praktischer Natur sind, werden sich am besten heute abend beantworten lassen — über die Bibel: Was ist über Textverderbnis im Neuen Testament zu sagen? Wie ist sie entstanden und aus welcher Absicht, und wie sind die Fehlerquellen auszuschalten?
Sie sehen ja am besten, immer wenn Proben von Übersetzungen gegeben werden, auch an der heutigen Probe, wie verklungen ist in der Menschheit das Bewußtsein von dem Zusammenhang der menschlichen Seele mit den kosmischen Welten. Geradesowenig wie ein Blinder, wenn er nicht von außen davon hört, Bäume, Flüsse, Wolken beschreiben könnte, so wenig kann der heutige Mensch, wenn er einen Text vor sich hat, ihn interpretieren mit dem, was er sieht; er wird das heraus interpretieren, was er nicht sieht. So ist aus der Ohnmacht gegenüber dem, was in den Evangelien liegt, allmählich der Mangel der Übersetzungen gekommen. Und da dann im intellektualistischen Zeitalter von der Mitte des 15. Jahrhunderts ab zu diesem Mangel eine ungeheure Überhebung, eine Hoffart sich geltend gemacht hat, so ist die Ansicht entstanden, die eine rein überhebliche Hoffart ist, man müsse das ausschalten, was aus dem Kosmischen heraus in den Evangelientexten steht, man müsse zu den schlichtesten Menschen sprechen.
Ja, meine lieben Freunde, in der Zeit, in der man offiziell so übersetzt hat, wie Sie es heute in der lutherischen Übersetzung haben, in der Zeit hat zu den schlichtesten Menschen nicht diese Evangelienübersetzung gesprochen, sondern dasjenige, was Jakob Böhme oder Paracelsus gesprochen haben. Die haben die Evangelien anders übersetzt und haben sie richtig verstanden, und die haben sie für die schlichten Gemüter in der richtigen Weise übersetzt, ganz anders als diejenigen, die damit prunkten, sie würden zum schlichten Gemüte sprechen. Sie haben in Paracelsus eine Persönlichkeit, für welche Religion als etwas galt, das einen viel weiteren Sinn hat, als die Religion gerade im Zeitalter des Intellektualismus bei denjenigen gewinnen muß, die diesen Intellektualismus des Kopfes durch einen sehr starken Intellektualismus des Gemütes ersetzen wollen, indem sie den Gottesbegriff frei machen von allem, gegenüber dem ja auch frei zu machen ... [hier hat der Stenograph eine Lücke gekennzeichnet]. Das ist das, was am allerunchristlichsten geworden ist in dem modernen Christentum. Bedenken Sie nur einmal, daß in Paracelsus eine Persönlichkeit lebte, für die die Religion so weit gilt, daß sie die Medizin mitumfaßt. In Paracelsus lebte eine Auffassung der Religion, die es ihm möglich machte, an dem Geistigen so festzuhalten, dafß man sich mit ihm durchdringen kann bis in die Krankheit hinein, so daß der Arzt derjenige ist, der den Willen Gottes auf Erden ausführt in bezug auf den Kranken. Für ihn war medizinischer Dienst religiöser Dienst. Und das ist das, was heute durchaus nötig ist: nicht nur ewig zu reden über das Ewige, sondern dieses Ewige hineinzutragen in alles Leben und es in allem Lebendigen regsam, wirksam zu machen.
Nun ist hier noch die synoptische Frage berührt in bezug auf die bekannte Übereinstimmung der drei ersten Evangelien bis in Einzelheiten hinein und die Widersprüche zu dem vierten, dem Johannes-Evangelium [2. Abschnitt des 6. Fragepunktes].
Nun, Sie werden begreifen, daß diese Umstände so sein müssen, wenn Sie das folgende bedenken: Gerade über das Mysterium von Golgatha und über alles, was mit ihm zusammenhängt, wurde ja in den ersten Jahrhunderten des Christentums als von etwas Sekretem gesprochen. Wie man in den älteren Zeiten mit der Mysterienweisheit verfahren ist, das wissen Sie. Diese Mysterienweisheit galt eben nicht für etwas, was man unmittelbar auf die Straße trug, sondern man hielt die Mysterienweisheit für etwas ich habe das anschaulich zu beschreiben gesucht in meinem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums» —, das man nur an jemand gab, der in der richtigen Weise mit dem ganzen Menschen darauf vorbereitet war. So wurde auch noch in den Resten der Mysterienweisheit, in der ja das Christentum vor den intimsten Bekennern in den ersten christlichen Jahrhunderten zuerst auftrat, auch gelehrt über das Mysterium von Golgatha selbst, indem man aber namentlich mit allem Tatsächlichen nicht so vorging, wie es heute in der äußeren Wissenschaft selbstverständlich ist, wo man nach den sogenannten historischen Quellen vorgeht, sondern man legte einen großen Wert darauf, den Todestag Jesu nicht aus einer historischen Quelle, sondern aus der Sternenweisheit zu bestimmen, also zu sagen: bei dieser und dieser Sternenkonstellation tritt der Tod des Jesus ein. So war die Form.
Aber diese Sternenweisheit war nicht mehr sehr lebendig in der Zeit, als die Evangelien in der Form niedergeschrieben wurden, in der sie jetzt vorhanden sind, und daher können Sie sehr leicht finden, daß der eine die Sache so sah, der andere so. Was dagegen die Übereinstimmungen anbetrifft, so beziehen sie sich zumeist auf den Lehrgehalt. Da ist die Sache so, daß in dieser Zeit, als dieser Lehrgehalt von Persönlichkeit zu Persönlichkeit überliefert wurde, die Menschen ein ganz anderes Gedächtnis hatten als heute, und dasjenige, was sie immer wieder gesagt bekommen haben und wieder weiter sagten, das setzte sich ja natürlich in zukünftige Zeiten fort. Man muß das erklären, weil man sonst in die alten Zeiten zurückfällt, was nicht sein darf. Man muß das, was in alten Zeiten üblich war, auf einer höheren Stufe zu überwinden suchen. In der heutigen Zeit ist es nötig, alles dasjenige aufzuschreiben, was gesagt wird; selbst die Zuhörer hier sitzen da und schreiben, horribile dictu. Man darf sich nicht denken, daß etwa die Aussprüche, die in den Evangelien mitgeteilt werden, von einem Stolze-Schrey-Stenographen aufgezeichnet worden wären. Das war auch damals nicht nötig, die Gedächtnisentwikkelung war eine ganz andere, und der Mensch merkte sich alles viel treuer, als er es heute kann. Das Gehirn des Menschen, das physische Gehirn, ist heute viel brüchiger, als es in jenen Zeiten war. Es lebten in jenen Zeiten die Gehirnzellen in gewissen Stunden des Tages fast bis zu einem wirklichen Leben, bis zu dem Leben, das eben nur noch das Bewußtsein trübte — diejenigen Zellen, die das Bewußtsein trüben, die dem Wollen zugrundeliegen, das sind die weißen Blutkörperchen -, nicht nur in der Nacht, sondern auch bei Tage, in der Nacht sogar schwächer. Die Gehirnzellen bekamen nicht ein so intensives Leben wie die weißen Blutkörperchen, aber ein gewisses Leben hatten sie schon, und das bewirkte, daß ein ganz anderes Gedächtnis vorhanden war als heute, so daß es das Gelernte und das, was gelernt werden sollte, sich treu bewahrte. Wer diese Tatsache weiß, der weiß auch, daß durch das getreue Gedächtnis alter Zeiten die synoptische Frage der Evangelien sich beantwortet.
Das waren die Fragen, die erheischen, daß ich sie vortragsmäflig beantwortete, insofern die Antwort noch nicht in dem bisher Gesagten gegeben war. Die weiteren Fragen sollten eigentlich in der Diskussion entwickelt werden, daher solite wirklich die Diskussion so begonnen werden, daß sie dann während Ihres Hierseins noch fortgesetzt werden kann. Es ist besser, die Dinge, die hier noch als Fragen sind, in Rede und Widerrede zu entwickeln. Ich weiß sehr wohl, meine lieben Freunde, daß über solche Fragen wie die geschichtlichen Fragen, Fragen über die Bibel und so weiter sehr vieles noch gesagt werden könnte, aber hier muß ja einmal geschlossen werden. Gewiß, es bleiben noch sehr viele Fragen zu beantworten, die im Laufe der Zeit bei anderen Gelegenheiten beantwortet werden können, aber denjenigen, die da ins Fragen kommen, denen möchte ich doch auch raten, eine Selbsterkenntnis anzustellen, die etwa in der richtigen Orientierung gemacht werden kann durch folgende kleine Erzählung, die ich wirklich ganz ohne Anspielung angebe, die aber schon, in richtiger Weise in Selbsterkenntnis verwertet, einen dazu bringen kann, mit bezug auf gewisse Fragen die Zukunft zu erwarten.
Es war einmal ein kleiner Knabe, der über alles Fragen stellte, und sein Vater war darüber schon ganz trostlos und sagte eines Tages: Ich erwarte sehnsüchtig den Tag, da mein Sohn zu fragen aufhört, denn sonst werde ich noch verrückt über dieser Fragestellerei. -— Da fand sich eine andere Person, eine der Familie befreundete Persönlichkeit, die nahm sich vor, solange zu antworten auf die Fragen, die das Söhnlein stellte, bis das Söhnlein selber in die Lage versetzt sein würde, keine Fragen mehr stellen zu können, also bis ihm keine Fragen mehr einfallen würden. Das dauerte sehr lange, es nahte schon die Gefahr, daß dem Söhnlein nichts mehr einfiel, aber es fragte immer weiter: Warum ist der Freitag Mittag vor dem Freitag Abend? Warum scheinen die Sterne am Abend? — Und so weiter. Nun nahte dennoch die Gefahr, daß dem Söhnlein nichts mehr zu fragen einfiel, aber über diese Gefahr wollte es hinwegkommen, und so stellte es endlich die furchtbare Frage: Warum ist das Was ? Nun, wir sollten eine solche Erzählung ein bißchen in unsere Seele einfügen, wenn wir traurig sein sollten, daß in diesen Tagen die Zeit naht, wo das Fragen für einige Zeit nicht mehr möglich ist. — Aber wir wollen trotzdem die Fragen, die in Rede und Gegenrede zu behandeln sind, jetzt noch behandeln. Also von jetzt ab werde ich wiederum mehr Zuhörender sein und nur manchmal Ihnen ins Wort fallen.
Ein Teilnehmer: Ich möchte fragen, warum Lukas den Auferstandenen essen läßt.
Rudolf Steiner: Die Sache ist so, daß sie nur richtig verstanden werden kann, wenn man sich klar darüber ist, daß es, um solche Dinge aus dem Bewußtsein der damaligen Zeit heraus in der richtigen Weise zu interpretieren, wirklich nötig ist, die Vorstellung wieder zu erwecken, welche in der damaligen Zeit mit dem Begriffe des Essens verbunden war. Wir stellen uns heute das Essen einfach so vor, daß wir physische Materie zu uns nehmen und daß diese physische Materie in den Menschenleib übergeht. Nun, so wie es die heutige Physiologie sagt, war der Begriff des Essens nicht immer, sondern in der Zeit, in der das Lukas-Evangelium niedergeschrieben wurde, war noch vielfach die alte Weisheit geltend, daß der Mensch das, womit er seinen Leib aufbaut, auch aus der ätherischen Welt nimmt, und daß dasjenige, was er aus der ätherischen Welt nimmt, auch im Bilde des Essens erscheint, wenn man den ätherischen Leib sieht. Also man sieht auch das, was für das Essen das Korrelat in der ätherischen Welt ist, in dem Bilde des physischen Essens. Wenn Sie diese Interpretation zugrundelegen, werden Sie sehen, daß die Stelle natürlich in einer ganz anderen Weise ausgedrückt werden könnte, als sie ausgedrückt ist, daß sie aber durchaus nicht eliminiert zu werden braucht. Das ist bei vielen Stellen so.
Ein Teilnehmer stellt eine Frage über das Ehe-Ritual [der Wortlaut der Frage wurde nicht mitstenographiert].
Rudolf Steiner: Natürlich handelt es sich hier um das, was die Ehe als Sakrament ist. Sie müssen dabei bedenken, was der Inhalt der kirchlichen rituellen Handlung des Sakramentes der Ehe bedeutet. Der Inhalt des kirchlichen Ehesakramentes ist ebensowenig der Vollzug der Ehe, wie zum Beispiel das Segnen des Reifens der Früchte im Jahreslaufe der Realität des Früchtereifens entspricht. Der Vollzug des Ehesakramentes ist in christlicher Auffassung der, daß das, was mit der Ehe im bürgerlichen Sinne vollzogen ist, in das Kirchliche, in das Zeremonielle heraufgehoben wird. So daß also mit bezug auf die Auflösung oder die Unauflöslichkeit der Ehe innerhalb des Inhalts des Sakramentes nichts gegeben ist, weil ins Sakrament das heraufgehoben wird, was jeweils als das gilt, was die Ehe umschließt. Die katholische Kirche hat sich das auch bewahrt; sie hat ja natürlich ursprünglich durchaus den vom Zivilgesetz vollzogenen Eheschluß anerkannt und ihn dann kirchlich eingesegnet. In der neueren Zeit, wo die Emanzipation des [kirchlichen von dem zivilgesetzlichen] Eheschluß aufgetreten ist ... [vom Stenographen in der Nachschrift gekennzeichnete größere Lücke]. Die katholische Kirche betrachtet dasjenige, was zwischen den Ehegatten abgemacht ist, als das Kirchliche und segnet das ein. In bezug auf diese Sache steht die Kirche auf dem allerfreiesten Standpunkt, nur daß sie das verwirrt hat und allerlei redet über die Ehe, weil sie in der neuesten Zeit sich angemaßt hat, die Ehe nicht zu segnen, sondern zu vollziehen, das heißt, die Funktion der weltlichen Gewalt des Fürsten dieser Welt anzunehmen ... [weitere Lücke]. Da liegt der Tatbestand vor, daß die Kirche, indem sie in das Weltliche hineingekommen ist, auch die Sakramente verweltlicht hat und dann diese verweltlichten Sakramente entsprechend vom Staat übernommen worden sind. Mit diesen Ausführungen werden Sie auch die betreffenden Stellen des Testamentes in Einklang sehen.
Ein Teilnehmer stellt eine Frage über die Nottaufe [Wortlaut nicht notiert).
Rudolf Steiner: So wie die Sache liegt, kann die Nottaufe in jeder Lebenslage erteilt werden. Sie ist ja etwas anderes als die Kultustaufe. Man führt sie herbei, wenn Gefahr vorliegt für das Leben des Täuflings, ein Priester aber nicht rechtzeitig gerufen werden kann. Da gibt es ja die Möglichkeit, daß auch von Laien die Taufe vollzogen werden kann. In welcher Weise sie vollzogen wird, ist gleichgültig. Sie muß nur durch den Priester rektifiziert und durch die Gemeinde anerkannt werden. Was weiter geschehen kann, ist, daß der Priester bei der nächsten Messe bei der Kommunion die Taufe mit einschließt, sie gewissermaßen zu einer idealen macht, falls der Tod eingetreten ist; sonst wird sie rituell nachvollzogen.
Friedrich Rittelmeyer: Wir haben einen Mitarbeiter, der Jude ist. Wie ist die Erwachsenentaufe vorzunehmen?
Rudolf Steiner: Eigentlich nicht anders als die Kindestaufe. Das Ritual widerspricht dem durchaus nicht. Er muß zuerst getauft werden, ehe er zum Priester geweiht wird.
Ein Teilnehmer: Warum ist für die nächste Zeit die Kindestaufe notwendig und nicht die Erwachsenentaufe? Früher war es doch so, daß man erst die Erwachsenen taufte.
Rudolf Steiner: Ich habe gesagt, daß das nicht zu umgehen ist in der heutigen Zeit. Wir können nicht in der heutigen Zeit einführen, Erwachsene zu taufen. Das müssen Sie schon berücksichtigen, sonst gehen Sie mit dem Kopf durch die Wand oder wenn nicht, zerschellen Sie sich den Kopf. Ich meine, daß wir die Kindestaufe beibehalten müssen, und nachdem sie einmal vollzogen ist, können wir sie nicht wiederholen. Wir müssen die Taufe vor der Konfirmation eintreten lassen.
Friedrich Rittelmeyer: Wie unterscheidet sich das, was heute notwendig ist, um Heilstatsachen an die Menschen heranzubringen, von der Verkündigung, wie sie vor einigen Jahrhunderten möglich war?
Rudolf Steiner: Alle Heilstatsachen an die Menschen heranbringen, das wird den Verlauf nehmen müssen, daß Sie zunächst das tun werden, was möglich ist, um immer mehr überzugehen zu dem, was notwendig ist. Das Notwendige ist schon dargestellt worden, aber es wird wirklich selbst an einem und demselben Orte verschieden sein, wie Sie anfangen müssen, je nachdem Sie da oder dort die eine oder andere Gemeinde haben werden. Nehmen wir an, der eine findet eine Gemeinde aus lauter Sozialisten. Da wird er etwas anders vorgehen müssen als derjenige, der eine Gemeinde findet aus alten entthronten deutschen Fürsten. [Die folgenden Ausführungen sind vom Stenographen nur bruchstückhaft festgehalten.] In der Scholastik kommt diese Art der Diskussion sehr häufig vor. Das ist etwas, was die Sache klärt, wenn man sie radikal sagt. Das müssen Sie miterleben. Mit dem, was sich daraus ergeben kann, kommt man an das Differenzieren.
[Es werden Fragen gestellt über die Treueformel. Friedrich Rittelmeyer schlägt eine Abänderung vor. Die Formulierung der Frage und das Votum von Rittelmeyer sind vom Stenographen nicht mitgeschrieben worden. ]
Rudolf Steiner: Was ich für nötig halte, ist dieses: Zunächst rein intellektuell gefaßt könnte mancher glauben, daß sich jemand [von der Gemeinschaft] trennen kann, indem er einfach nach der Trennung dasselbe weitermachen kann, was er innerhalb der Gemeinschaft gemacht hat. Nun ist dieses gegen die Überlieferung des Kultus. Die Erteilung des Rechtes, diesen Kultus auszuüben und ebenso das Sprechen aus der vermittelten Christus-Kraft, das zu diesem Kultus gehört, das muß als dasjenige angesehen werden, was zu dieser Gemeinschaft gehört. Also hat die Gemeinschaft das Recht, jedem das Recht abzusprechen, den Kultus auszuüben oder im Zusammenhang mit diesem Kultus zu lehren. Er kann natürlich lehren, aber nicht in Zusammenhang mit diesem Kultus. Also es verfällt einfach das Recht, dasjenige, was er übernommen hat, innerhalb des Kultus weiter zu vollziehen. Die moralische Bewertung liegt darin, daß die Konferenz, die Zusammenkunft, die Gemeinschaft der Lenker und Oberlenker, auszusprechen hat, wie nun sein Verhältnis zu dieser Gemeinschaft aufgefaßt werden kann in bezug auf die realen Dinge, also daß er das Recht verliert, das und das zu tun und so weiter. Der natürliche Zusammenhang mit dieser Gemeinschaft ist so, und das kommt [in der Formel] ja zum Ausdruck. Man kann es anders formulieren, man kann es klarer fassen, wenn Sie sich bewußt sind, daß es so ist. Es muß sich auch die Interpretation fortpflanzen. Also insofern könnte ich nichts gegen diese Formulierung einwenden, aber sie muß nicht von mir, sondern von der Gemeinschaft anerkannt werden.
[Es wird gefragt nach Möglichkeiten der Verteilung auf einzelne Städte. Die Fragen wurden vom Stenographen nicht notiert.)
Rudolf Steiner: Es liegt kein Grund vor, Wien auszuschließen. Daß es geographisch abliegt? Nun, schließlich liegt Wien von Stuttgart geographisch nicht weiter ab als Königsberg. Das ist eine Frage, die lediglich damit zusammenhängt, ob Sie von Anfang an die Möglichkeit finden, Wien zu besetzen. Daß es gut ist, es zu besetzen, ist etwas, was ich durchaus annehme. Es liegt erstens gar kein Grund vor, Wien nicht zu besetzen, andererseits liegen die Verhältnisse in Österreich so, daß die Konfiguration des religiösen Lebens, das Sie jetzt in Österreich finden, eigentlich erst circa fünfzig Jahre alt ist und in den vorangegangenen Jahren eine ganz andere Konfiguration dieses religiösen Lebens vorhanden war. Gerade Österreich wäre ein außerordentlich günstiger Boden für eine solche Erneuerung des Christentums gewesen, wenn sie sorgfältig ins Werk gesetzt worden wäre, weil der Orthodoxismus der katholischen Priester vielen Leuten sehr fremd geworden ist, nicht nur den Laien, sondern auch Priestern. Nun ist über das alles, was in Österreich bis in die achtziger Jahre war, hinübergezogen das ganz unwahre christlich-soziale Element — das ist eine verkörperte Lüge. Das hat auch das religiöse Element ergriffen, und heute sind die Zustände so, daß man glaubt, in Österreich sei gar keine Empfänglichkeit für die Erneuerung des Christentums. In Österreich konnte man über Anthroposophie ziemlich frei sprechen, wenn man nicht dasjenige berührte, was an Katholizismus erinnerte ... [vom Stenographen gekennzeichnete Lücke im Text]. Dann wurde ja behauptet, daß Anthroposophie nur ein etwas verkappter Jesuitismus sei. Aber tatsächlich ist latent diese frühere Strömung noch immer da und ist, wenn man es richtig anfängt, ein guter Boden. [Es wird eine weitere Frage gestellt, die vom Stenographen nicht notiert worden ist.]
Rudolf Steiner: In solchen Gegenden stellt sich gerade sehr häufig als Reaktion das Bedürfnis nach Kultus ein. Im Osten und im Norden ist sehr vieles niedergehalten, was in den Gemütern der Menschen lebt. Daß Sie im Norden und im Osten keine Sehnsucht nach Kultus finden würden, das nehmen Sie nicht mit Berechtigung an.
Ein Teilnehmer: Schlesien ist, wie ich glaube, ein ganz gutes Feld. Ich habe von den Leuten der sozialen Arbeitsgemeinschaft gehört, daß sie in Breslau, in Schlesien, viel mehr Anklang finden als in Berlin.
Rudolf Steiner: Ich bin sehr überrascht, daß Sie meinen, daß das evangelische Wesen in Nord- und Nordostdeutschland einen so . tiefen Einfluß genommen hat. Das ist eigentlich unmöglich. Der Einfluß geht nur im Norden und Osten deshalb so weit, weil er künstlich erzeugt worden ist und erzeugt wird. Das ist die preußische Staatsmacht, die so außerordentlich gewirkt hat, die das hervorgerufen hat, was da ist, und unterdrückt hat die religiöse Neigung des Volkes. Was diese im Grunde zurückhält, das ist der preußische Militarismus und der assessorale Geist und nicht der Volksgeist. Es ist nicht von vornherein die Möglichkeit abzuweisen, daß gerade auf dem Wege nach dem Osten hin wiederum etwas von dem auflebt, was es möglich gemacht hat, in früheren Jahrhunderten Ostpreußen zu christianisieren.
Marie Steiner: Ich meine, in solche Orte wie Essen und Bochum sollten Sie gehen. Ich wüßte keine Orte, die mehr geistiges Leben brauchten als diese. Ich habe so Mitleid gehabt mit diesen Menschen aus den Fabriken.
Rudolf Steiner: Diese Frage ist eine solche, deren Beantwortung von der Lage abhängt, ob es möglich ist, diese Stellen zu besetzen.
Ich muß sagen, mir hat es manchmal durch die Seele geklungen, wenn ich zu Ihnen heraufgekommen bin: Warum haben Sie jetzt keinen Schweizer in Ihrem Kurs? Als wir das letzte Mal hier waren, waren noch Schweizer unter Ihnen. Also mit dem allgemeinen Ausscheidungsprozeß sind sämtliche Schweizer weggegangen. Das, was Sie jetzt haben, ist eingeschlossen innerhalb der deutschen Reichsgrenzen, und es kann doch natürlich dabei nicht bleiben, sonst würden Sie ja eine deutsche Kirche gründen. Das Christentum kann nicht in Landesgrenzen, auch nicht in politische Landesgrenzen eingeschlossen werden. Wir müssen unser Vorhaben nicht enger, sondern viel weiter denken. Es ist durchaus etwas, was mich bedrückt, daß Sie so allein gelassen worden sind von den außerhalb der deutschen Reichsgrenzen lebenden Mitgliedern. Es sind ja diejenigen unter Ihnen, die schon Pfarrer waren, der Zahl nach gering. Die Schweizer Pfarrer haben ja ausscheiden müssen. Das ist bei der besonderen Art dieser Persönlichkeiten sehr begreiflich. Aber es ist die Tendenz da, daß auch die jüngeren schweizerischen Leute nicht zu dieser Arbeit herankommen, die als Schweizer ebenso in der Schweiz Gemeinden gründen könnten, wie Sie in Deutschland Gemeinden gründen können. Es liege dies daran, daß unter den schweizerischen jungen Leuten nicht so viele Idealisten seien wie unter den deutschen. Sie wüßten, daß sie auf dem zu betretenden neuen Weg nicht so ihre Gehälter bekommen wie auf dem alten Weg. Der Altkatholizismus hat den Fehler, daß er nicht ein neues Element in sich aufgenommen hat in ganz unbefangener Weise, sondern daß er im wesentlichen wiederum zurückgehen will zu dem, was durch den Ultramontanismus verfälscht wurde. Der Altkatholizismus leidet an seiner Negation, er ist eigentlich nur anti-ultramontan.
Gertrud Spörri ist zwar Schweizerin, zieht es aber zunächst vor, in Deutschland und nicht in der Schweiz zu wirken.
Rudolf Steiner: Aber von selbst kommen auch die Schweizer nicht nach. Und daß sie auch einen Krieg bekommen, damit sie das nachholen, was die anderen [während des Krieges] mitgemacht haben, das werden Sie nicht als Ideal hinstellen. Es wäre gerade bei den Schweizern notwendig, irgend etwas zu tun. Ich will das nur gesagt haben. Ich sehe ein, daß so, wie Sie jetzt sind, es nicht gemacht werden kann. Aber es dürfen Landesgrenzen nicht Grenzen des Wirkens sein.
Friedrich Rittelmeyer regt an, an die Universitäten zu gehen und zu versuchen, Studenten zur Mitwirkung zu erringen.
Rudolf Steiner: Es kommt eigentlich die ganze Welt in Betracht, wo heute nur jenes Namenchristentum ist. Wo ist heute wahres Christentum? Es kommt die ganze Welt in Betracht. Als in früherer Zeit eine solche Bewegung, wie es die jetzige sein soll, angefacht worden ist, mußte sie notwendigerweise einen ganz anderen Charakter haben: es ist die hussitische Bewegung; nur ist sie dazumal abgeschnitten worden. Aber die hussitische Bewegung hatte neben den negativen Elementen, die in der Geschichte erwähnt werden, auch ihre positiven Elemente. Überall sind schon die Bedingungen da unter einer oberen Schicht, die eben ganz ahrimanisch geworden ist.
Es wird gefragt nach Thüringen und Erfurt. Ist es wichtig, sofort zu beginnen oder erst später an Thüringen zu denken?
Rudolf Steiner: Thüringen hat natürlich die eine Eigenschaft, daß die Bevölkerung die unintelligenteste von ganz Deutschland ist. Es gibt in Thüringen viel Mutterwitz in bezug auf das alltägliche Leben, aber in bezug auf die Auffassung aller höheren Fragen ist Thüringen durchaus zurückgeblieben. Deshalb ist es schwer, dort zu wirken. Aber warum soll man diese Schwierigkeiten nicht gerade auf diese Art überwinden? Thüringen braucht keine Ausnahme zu machen. Ich könnte mir durchaus ganz gut vorstellen, daß zum Beispiel in Erfurt ein Zentrum geschaffen werden kann. In Weimar kann ich das nicht glauben, weil man da auch heute noch in religiösen Dingen blasiert ist. Weimar hat die schädliche Nachwirkung dessen, daß Goethe und Schiller dort gewohnt haben. Es ist so, daß Goethe und Schiller, die doch dem Namen nach ganz gut bekannt sind, im Grunde genommen in Weimar aber doch zwei Gipsfiguren sind. Damit ist man befriedigt unter der Bevölkerung. Ein Teilnehmer: Ist es Zeit, in München anzufangen?
Rudolf Steiner: Nicht wahr, in München ist es schon noch so, wohl auch heute -— obwohl heute vieles in Unwahrheit getaucht ist -, daß noch alles möglich ist, wie vor dem Kriege, wo München diejenige deutsche Stadt war, in der alles möglich war. Dieses München, in dem konnte man wirklich alles betreiben. Nur führt dort in den meisten Fällen entweder ein sehr offener oder doch ein verborgener Weg von allem ab ins Hofbräuhaus; selbstverständlich ins republikanische Hofbräuhaus, so wie man in Wien auch überrascht wurde, daß man anstelle der Kaisersemmel die republikanische Semmel bekam. In München führt von allem ein Weg ins Hofbräuhaus. Das ist die Schwierigkeit. Und so hat in München auch die katholische Bewegung eine Überflutung durch jenes Standard-Life, jenes Standard-Leben, das mächtige Hofbräuhaus. Aber ich glaube, andererseits handelt es sich bei dieser Ihrer Bewegung gerade um die nötige Kraft und Energie. Man wird es in anderen Bewegungen viel schwerer haben als gerade in dieser Ihrer Bewegung. Es würde sich also gar nicht darum handeln zu sagen, wir können München nicht besetzen, sondern zu fragen, wie man München richtig besetzen soll respektive wen man Herrn Klein als Helfer zugeben soll, weil er in München Anstoß erregen wird durch seine zu starke Jugendlichkeit. Das wird etwelche Schwierigkeiten machen. Aber er wird unterstützt werden.
Emil Bock: Das ist gerade bei den großen Städten unsere Sorge. Wir haben nach unserer Überzeugung nicht genügend ältere Persönlichkeiten, die eine größere Stadt so in Angriff nehmen könnten, daß man in der Öffentlichkeit darauf aufmerksam werden kann. Deshalb haben wir gerade bei Klein und München die Frage: Wie wollen wir damit zurechtkommen, wer würde dafür am besten passen? Wir sind ein so kleiner Kreis und haben schließlich nicht so viele verschiedenartige Menschen unter uns, daß eigentlich für diese Städte eine ausreichende Versorgung von uns aus möglich erscheint. Deshalb haben wir geschwankt, ob wir die großen Städte auslassen wollen, weil wir sie nicht richtig besetzen können.
Rudolf Steiner: Was waren die Schwierigkeiten? Objektive Schwierigkeiten? Die waren nicht da. Es ist gerade in katholischen Städten — beide Städte, München und Köln, sind katholische Städte, obwohl sich der Katholizismus in beiden Städten ganz verschieden auslebt -, es ist gerade in solchen katholischen Städten das Eigentümliche, daß man dort auf Menschen trifft, die zuerst wirklich von einem hohen Grad von neutralem Empfinden ausgehen. Es ist ihnen zuerst alles mehr oder weniger gleich, weil sie abgestumpft sind; dann allmählich werden sie erfaßt. Man kann da sehr viel erreichen. Darauf rechne ich gerade in München und Köln sehr viel, daß die Leute allmählich erfaßt werden. Es könnte zum Beispiel auch in Wien passieren, daß eine größere Anzahl von Leuten einfach aus Neugierde zunächst dahin gehen, was nicht das Schlimmste sein sollte, sondern das Beste. So könnte es auch in Köln sein. Der Katholizismus schafft den Boden, daß die Leute zunächst abgestumpft werden aus Gewohnheit gegenüber der Kirche, aber doch eigentlich den tiefen Drang haben, etwas Wahres zu erleben. Unter der alten katholischen Bevölkerung sind viele, die zu einer religiösen Erneuerung hinstreben. Die Frage ist nur die: Haben wir die benötigten Persönlichkeiten, und wenn nicht, wie verschaffen wir sie uns?
[Es wird noch eine Frage gestellt nach den Gefahren des Sektierertums.]
Rudolf Steiner: Es kommt auf den Geist an, auf die Ernsthaftigkeit, nicht auf das Äußere. Sektierertum wird sofort entstehen, wenn Sie in der Abgeschlossenheit etwas sehen, was eine Gefahr für die Sache ist. Warum soll es sektiererisch sein, wenn man höhere Einsichten unter den Leuten verbreitet
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Siehe Hinweis ↩