The Founding of the Christian Community

GA 344 — 21 September 1922, Dornach

Achtzehnter Vortrag

[Zu Beginn der Zusammenkunft wurde die vom Gründerkreis entworfene] «Gemeinschaftsordnung für die Seelenhirten der Christengemeinschaft» besprochen. [Zunächst wurde der Entwurf für Punkt 1 vorgelesen:]

«Zugehörigkeit. Die Christengemeinschaft konstituierte sich in Dornach in der Zeit vom 6. - 22. September 1922 als eine Urgemeinde, bestehend aus 45 Priestern, die zur Ausübung der der Christengemeinschaft anvertrauten Ritualien bevollmächtigt sind.

Die in der freien Waldorfschule zu Stuttgart und in Schwesternschulen im Auftrage Dr. Steiners den freien Religionsunterricht erteilenden und Kultushandlungen zelebrierenden Persönlichkeiten erkennt die Christengemeinschaft als zur Erteilung des Religionsunterrichtes und zur Ausübung der drei Ritualien bevollmächtigte Helfer an.»

Ernst Uehli [Religionslehrer an der Waldorfschule] macht darauf aufmerksam, daß die Persönlichkeiten, die zur Zeit an der Waldorfschule den Religionsunterricht erteilen, von Herrn Dr. Steiner eingesetzt sind. Da Herr Dr. Steiner die Oberleitung der Waldorfschule hat, wird er auch darüber zu entscheiden haben, durch wen der Kultdienst daselbst fernerhin auszuüben sein wird.

Rudolf Steiner: Ich meine, die Waldorfschule wird ja immer zu gelten haben als eine Art Musterschule für diese pädagogische Richtung, die innerhalb der anthroposophischen Bewegung gepflegt wird. Und für den Teil, der da als Religionsunterricht figuriert, muß natürlich der vollständige Gedanke der Waldorfschulpädagogik ins Auge gefaßt werden, so daß allerdings die bisherige Gepflogenheit dort fortgesetzt werden muß. Für diejenigen, die man noch genötigt ist als Religionslehrer zu ernennen, muß genau dasselbe gelten, was für die bisherigen Religionslehrer gilt. Das müßte schon so sein. Es ist ja auch kaum etwas in Widerspruch mit dem, was Sie hier haben. Nur möchte ich nicht, daß ich selber beschränkt werde für den Fall, daß ich jemand für einen richtigen Religionslehrer halte und für den Betreffenden dann nicht dasselbe gelten sollte wie für die jetzigen Waldorflehrer. Das ist schon etwas, was ich gar nicht ins Auge fassen kann. Ich kann bei der Ernennung nur die persönliche Eignung ins Auge fassen. So daß es sich hier darum handelt, ob Sie mit dem Satze meinen, daß die nachfolgenden Religionslehrer Mitglieder der Christengemeinschaft sein sollten. Ist da schon irgend etwas geschehen?

Emil Bock: Vielleicht ist diese Formulierung doch noch nicht klar genug. Dieser Satz könnte vielleicht so heißen: Bei solchen, die von Dr. Steiner eingesetzt werden in diese Funktionen, wird die Anerkennung ausgesprochen werden, ohne daß diese Bedingungen erfüllt sind. - Nur in bezug auf solche Schulen, die vielleicht eine andere Leitung bekommen, ist der Satz gedacht, daß der Religionsunterricht und die Ritualien nicht ausgeführt werden sollen von allen denen, die nicht von Dr. Steiner eingesetzt sind.

Rudolf Steiner: Nicht wahr, es handelt sich darum, daß nur die Schulen in Frage kommen werden für diesen Ihren Paragraphen, die als Waldorfschulen anerkannt sind. Und für diese werde ja bis zu meinem Tode ich die Leute ernennen, [die Religionsunterricht erteilen und die Handlungen zelebrieren]. Also bis dahin wird es sich darum handeln, daß die, die ich ernenne, anerkannt werden. Und nachher wird vielleicht auch die Anerkennung eingeholt werden nach dem Maße dessen, was nach meinem Tode für die Konstitution verfügt wird, insofern ich es nicht geregelt habe.

[Weitere Punkte des Entwurfs der Gemeinschaftsordnung werden vorgelesen. Vom Stenographen wurde dies nur teilweise festgehalten. Zu Punkt 2c:]

«Die Bestellung von Nachfolgern und die Erweiterung der Oberlenkerschaft und Lenkerschaft erfolgt durch Zuwahl aus dem Kreise der Weiheträger, und zwar für das Amt des Oberlenkers durch die Oberlenker, für das Lenkeramt durch Oberlenker und Lenker in Gemeinschaft. — Bei sich herausgestaltender territorialer Gliederung der Arbeit sollen vor jeder Zuwahl eines Oberlenkers oder Lenkers für ein bestimmtes Gebiet die Vorschläge der in diesem Gebiet arbeitenden Weiheträger von den Zuwählenden eingeholt werden.»

Rudolf Steiner: Das geht ganz gewiß. Eine Schwierigkeit ergibt sich nur in dem einen Punkte, dem allerletzten Paragraphen, den Sie verlesen haben. Es ist nicht ganz klar, ob in den Paragraphen eingeschlossen werden kann, daß die Ernennung beziehungsweise Zuwahl der Oberlenker und Lenker geändert werden kann. Wenn es jederzeit geändert werden kann, dann ist das etwas, das den Sinn dieses Paragraphen, den Sie aufstellen, damit nicht etwas anderes stattfindet als das, was Sie wollen, gerade vereitelt. Wenn Sie den letzten Paragraphen in dieser Allgemeinheit fassen, stellt gerade dieser Paragraph etwas in Frage, was sonst recht deutlich ist. Es könnte dann jedes Jahr geändert werden. Nachdem dieser Zuwahlmodus doch von Ihnen als etwas angesehen wird, was sehr heilsam ist, setzen Sie sich in Widerspruch, wenn Sie dem Paragraphen nicht einen Zusatz machen dahingehend, daß dieser Zuwahlmodus nicht geändert werden kann oder nur in sehr großen Zwischenräumen, also irgend etwas, was ihn schützt; sonst haben Sie sehr leicht nach kurzer Zeit eine demokratische Wahl.

[Hier zeigt die Nachschrift des Stenographen eine Lücke.)

Rudolf Steiner: Ich habe höchstens vielleicht bevor Sie weggehen, ein paar Worte zu sagen. Das kann morgen geschehen.

Es wird noch um Aufschluß über das Credo gebeten.

Rudolf Steiner: Was ich über das Credo sagen wollte, das ist zum Teil bei anderen Dingen schon gesagt worden. Dieses Credo, das ich Ihnen gegeben habe, das ist herausgenommen aus wirklicher spiritueller Erkenntnis. Es liegt in diesem Credo etwas anderes vor als in den Ritualien. Die Ritualien sind gegeben als etwas, was sich jetzt ergibt als die Form des Zeremoniellen. In diesem Credo ist etwas gegeben, was der religiöse Mensch der Gegenwart als sein Bekenntnis darstellt. Mit dem kann man übereinstimmen oder nicht übereinstimmen. Oder Sie können sich vielleicht heute sagen, Ste haben Vertrauen dazu, daf3 ich dieses Credo gegeben habe. Sie wollen sich heute mit diesem Credo einverstanden erklären und dieses Einverständnis zunächst als ein Zustimmen zur Lehre betrachten. Es wird ja kaum gegen das Credo irgend etwas eingewendet werden können. Nur glaube ich, daß Sie einen Tafel 5

Satz, der aus dem Credo stammt, als unklar bezeichnet haben, den Satz «um die Sündenkrankheit von dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen». Sie haben gefragt, ob es da nicht heißen müsse «um das Leibliche der Menschheit von der Sündenkrankheit geistig zu heilen».

Gemeint ist dieses: Um die Sündenkrankheit an dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen - die an dem Leiblichen befindliche Sündenkrankheit geistig zu heilen. Das ist der Sinn. «Um das Leibliche der Menschheit von der Sündenkrankheit geistig zu heilen», nun, das würde nicht den Sinn geben. Man könnte auch sagen «um die Sündenkrankheit des Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen». Mir würde besser gefallen: «an dem Leiblichen». — «Um die Sündenkrankheit des Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen», das ist ein Genitivus objectivus. Ich habe es deshalb umschrieben, weil diese zwei Genitive hintereinander stehen, aber sie sind durch den Text einfach gegeben. Sonst habe ich in bezug auf das Credo nichts zu sagen.

[Sie haben noch die Frage gestellt:] Warum Monatssprüche als Wochensprüche? - Die Begründung dafür muß von einem höheren Gesichtspunkt aufgefaßt werden. Nehmen Sie an, ich erkläre die menschliche Seele, so sage ich: Wille, Gefühl und Denken sind die drei Glieder des Seelischen, wenigstens die äußere Offenbarung desselben. (Es wird an die Tafel - Mitte — geschrieben: Wille Gefühl — Denken.) Nun darf ich das nicht so darstellen, daß ich das so aufzeichne: hier Denken, Fühlen, Wollen.

Ne

So würde es falsch sein. Ich muß es so zeichnen: so daß also im Kopfe Denken, Fühlen und Wollen ist, nur das Wollen am schwächsten. Im Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus des Menschen ist das Wollen vorherrschend. Es gibt immer eines, das die anderen übergreift. Und so müssen Sie bei spirituellen Verrichtungen etwas haben, was von einer höheren Stufe aus die unteren Stufen übergreift.

Ein Teilnehmer: Wann wird das Barett beim Einsetzen des Priesters in das Amt übergeben?

Rudolf Steiner: Diese Zeremonie des Übergebens des Barettes möchte ich gern im Anschluß an die Zeremonie ausführen. Die Übergabe würde sich ergeben, wenn der Betreffende die erste Messe liest, dann, wenn Sie die Zeremonie weiter ausführen. Dann wird er das Barett einfach bekommen mit den Worten, die ich morgen sprechen werde. Das ist die Übergabe der Amtswürde. Sonst würde man ein Diplom übergeben, hier übergibt man das Barett. Das wird, wenn Sie die erste Messe lesen, mit einigen Worten übergeben, die nach der Kommunion gesprochen werden.

Ich habe mich bemüht um den Namen als Ersatz für das Wort «Priester», aber außer den Namen «Seelenhirte» oder «Seelenpfleger» habe ich bisher doch keinen herausbekommen. Es ist in der

Tafel neueren deutschen Sprache kaum eine Wortbildung möglich für das Wort «Priester». «Seelenhirte» erscheint zu sentimental, aber Sie werden nicht leicht ein unsentimentales Wort finden.

[Aus dem Kreis der Teilnehmer wird] angeregt, das Wort «Priester» beizubehalten.

Rudolf Steiner: Das ist das einfachste. Aber das ist etwas, was in evangelischen Kreisen als anstoßerregend empfunden worden ist. Es ist im Grunde genommen «Priester» auch ursprünglich auf «Seelenhirte» zurückgehend. Objektive Gründe[, den Namen «Priester» nicht zu verwenden,] sind natürlich keine vorhanden. Es ist nur der Grund, daß alle diese Dinge vermieden werden sollen, die im römischen Katholizismus üblich sind. Für «Messe» ist «Menschenweihehandlung» eine ganz adäquate Bezeichnung, aber für «Priester» müßte man das Wort «Seelenpfleger» nehmen, was auch sentimental klingt. Und ein Wort, das nicht so sehr das Priesteramt bezeichnen würde als vielmehr die Priesterwürde, würde das Wort «Weiheträger» sein, das einen bezeichnet, der geweiht ist. «Weiheträger» ist etwas, was ganz adäquat wäre, nicht so sehr dem Worte «Priester», als dem Worte, welches in den alten Mysterien gebraucht wurde.

Ein Teilnehmer: Bestehen irgendwelche Vorschriften über die Art des Räucherwerkes?

Rudolf Steiner: Man verwendet den gewöhnlichen Weihrauch. Das Wesentliche ist, daß der Weihrauch diese Art des ätherischen Geruches verbreitet. Das ist schon wesentlich bei der Sache. Es ist nicht richtig, daß Weihrauch nur in katholischen Gemeinschaften verwendet wird; er wird überall da verwendet, wo überhaupt Zeremonien gemacht werden, die eine reale spirituelle Grundlage haben. Sie meinen, ob man ein Räucherwerk nehmen kann, das nicht diesen ätherischen Geruch hat, weil der Weihrauch dahingehend verleumdet werden könnte, daß er die Leute einschläfere? Da gibt es keine andere Möglichkeit, solange dieses Vorurteil bekämpft werden muß, als eben nicht zu räuchern. Sie können die Räucherung weglassen.

Werner Klein: Würde dadurch an den spirituellen Tatsachen nicht Wesentliches geändert werden?

Rudolf Steiner: Dadurch, daß Sie die Räucherung nur imaginieren, wird sie um einen Grad weniger real sein. Aber solche Wege werden Sie überhaupt in bezug auf verschiedenes machen müssen. Ich kann nicht sehen, wenn Sie das Ideal erfüllen wollen, wie Sie das machen wollen. Überall haben Sie das Räuchern. Ich habe auch schon die Freimaurer erwähnt, auch die Inder haben es. Man hat es überall, wo ernsthafte okkulte Verrichtungen in Betracht kommen. Nur in protestantischen Kreisen sagt man, wenn geräuchert wird, da riecht es katholisch. - Man könnte auch sagen, da riecht es freimaurerisch oder indisch.

Ein Teilnehmer: In Frankfurt können wir eine kleine Kapelle bekommen für unseren Kultus. Gibt es da bestimmte Dinge zu berücksichtigen, wenn man die Kirche einrichter? Welche Farbe für die Wände oder die Einzelheiten?

Rudolf Steiner: Ich würde mich da doch nicht allzusehr extremieren. Ich würde es bei einem matten Lila halten, nicht ein zu schreiendes, aber ein mattes Lila. Da bekommen Sie die Stimmung am besten heraus. Die Dinge, die abweichen, macht man dunkler Iila.

Ein Teilnehmer: Könnten auch andere Räume in Betracht kommen, zum Beispiel Kultusräume der Freimaurer oder ähnliches?

Rudolf Steiner: Von den Freimaurern könnten Sie nur diejenigen Räume bekommen, die nicht ihre Symbole haben, also den Festsaal. Den Festsaal könnten Sie unter Umständen ohne weiteres nehmen. Das ist eine Frage der Opportunität. Ich könnte mir vorstellen, daß gar kein Hindernis ist, den Festsaal der Freimaurer für Ihre Zwecke zu benützen.

Friedrich Ritielmeyer: Aulen und Schulen gingen natürlich auch. Für kleinere Gemeinden hielte ich sogar Privaträume für das allergeeignetste. Aber die Menschen haben jetzt nicht mehr viel Räume. Nur wenige Menschen in Deutschland haben noch größere Privaträume. Die Räume der anthroposophischen Gesellschaften sind auch immer mehr gefährdet. In München gibt es keine solchen Räume mehr. Wo sie noch vorhanden sind, würden sie natürlich nach Übereinstimmung mit den Vorständen verwendbar sein. Auch Volksbildungsräume kämen in Betracht.

Rudolf Steiner: In diesen Dingen, muß ich sagen, bin ich nur bekannt mit einer Volksbildungsstätte, mit der ich einmal in Berührung gekommen bin. Volksbildungsräume sind solche, die zugleich einen öffentlichen Charakter haben. Der Volksbildungsverein, der von Raphael Löwenfeld geleitet war, hatte seinen Vortragsraum im Berliner Rathaus. Natürlich kann man diese Räume benützen. Man könnte auch den Saal des Bernoullianums in Basel verwenden, wenn man ihn kriegt. Ich würde nur in solchen Fällen, wenn ich den Saal als Verantwortlicher übernehmen würde, sagen: Bitte erschrecken Sie nicht; wir haben Zeremonien, in denen wir Weihrauch benützen. — Den Saalvergebern müßte man das immer sagen.

Ein Teilnehmer: Hier ist kein Geruch von Weihrauch am andern Morgen mehr wahrzunehmen.

Rudolf Steiner: Das kommt ganz auf die Nase derer an, die dann hineinkommen. Sie werden natürlich Leute finden, die den Geruch noch nach Tagen herausfühlen.

Ein Teilnehmer: Wie soll sich unser Kreis zur Freimaurerei stellen? Verschiedene von uns sind der Freimaurerei nähergetreten.

Rudolf Steiner: Der Kreis als solcher stellt sich gar nicht zur Freimaurerei. Ich betrachte das lediglich als Angelegenheit des einzelnen. Es kann nicht sein, daß irgend etwas aus der Freimaurerei als solcher hereingetragen wird, weil die Freimaurerei in Wirklichkeit ja kein Christliches mehr hat. Das ist etwas, was wir hier gar nicht zu diskutieren brauchen. Die Freimaurerei hat als solche nichts Christliches. Ein Teilnehmer: Könnte von uns Einfluß genommen werden auf die Freimaurerei?

Rudolf Steiner: Ich halte das für kaum möglich. Anders ist es, wenn jemand mit den Impulsen, die er durch diese Ihre Gemeinschaft hat und erhält, auch in der Freimaurerei wirkt. So kann er sie beeinflussen. Aber auch das ist nicht sehr leicht möglich. Nun halte ich das auch nicht gerade für etwas so Wünschenswertes. Das Wünschenswerte ist, daß diese Gemeinschaft sich möglichst stark ausbreitet und daß alles geschieht, diese Ausbreitung zu fördern. Bei der Freimaurerei werden Sie am allerwenigsten finden, daß sie fortschreitend wirkt. Ich glaube auch nicht, daß Sie da in eine Pflichtenkollision kommen können. Ich wüßte nicht, wo diese liegen könnte. Aber ich will Sie nicht fragen, wenn Sie den Konflikt nicht andeuten wollen.

Ein Teilnehmer: Ich meine, daß eben unsere Bewegung hier, unser Kreis, sehr viel wertvoller ist als das, was die Freimaurerei geben kann. Ich war schon Freimaurer, ehe ich mich unserem Kreis angeschlossen habe. Jetzt habe ich das Bestreben, alle Kraft unserer Bewegung zu widmen. Da glaube ich, daß ich nicht die Kraft und Zeit haben werde, um auch der Freimaurerei das sein zu können, was sie verlangt.

Rudolf Steiner: Das gibt keinen wirklichen Pflichtenkonflikt. Das würde höchstens möglich machen, daß Sie weniger in der Loge tätig sind. Aber einen richtigen inneren Pflichtenkonflikt gibt das nicht. Wenn Sie aber römisch-katholischer Priester würden, dann wäre der Pflichtenkonflikt da. Aber so ist für Sie gar kein Pflichtenkonflikt da, außer daß Sie nicht so viel in der Loge sein können. Das könnte auch durch etwas anderes verursacht sein.

Emil Bock: Wir wären sehr dankbar, wenn Sie uns wenigstens einige Winke geben könnten zur Pastoralpsychologie und -pathologie. Dann hatten wir gefragt wegen der sexuellen Frage in seelsorgerlicher Beziehung, nach Richtlinien für die Seelsorge auf diesem Gebiet.

Rudolf Steiner: Das ist kaum auf einem anderen Wege zu erreichen als vielleicht so, daß Sie versuchen, mit unseren Ärzten zunächst gemeinsam einige Erkenntnisse zu erwerben über die Psychiatrie im allgemeinen und wie sie bei uns getrieben wird. Das muß dann in die Beichte hinein. Denn Sie können nur so weit gehen, als es ein Gegenstand der Beichte ist. Sonst werden Sie kaum etwas machen können. Alle physische Behandlung müssen Sie ja wohl vorläufig dem Arzte überlassen. Aber die Beichte muß darauf abzielen, daß sie wirklich ein Beruhigungsmittel ist für diejenigen, die irgendeinen Defekt haben. Das wird ein Gegenstand sein, der in Stuttgart nach und nach ausgearbeitet werden muß. In ein paar Minuten kann das nicht geschehen. Sie müßten aber auch von einer Pastoraltherapie reden. Es ist durchaus möglich, daß Sie da Kenntnisse nötig haben, wenn Sie soweit sind, Dorfgemeinden zu gründen. Da die Pfarrer in den Dörfern oft zu gleicher Zeit physische Medizin geben, erwerben sie sich Kenntnisse, die sie dann verwerten können in der Seelsorge.

[Es wird eine Frage gestellt, die vom Stenographen nicht festgehalten wurde.]

Rudolf Steiner: Die Frauen der Verheirateten können bei der morgigen Feier anwesend sein, aber nicht die Kommunion empfangen.

Ein Teilnehmer: Wie können wir uns amtlich bei den Behörden bezeichnen? Rudolf Steiner: Ist der Pfarrername monopolisiert?

Emil Bock: Ich glaube, der ist rechtlich belegt. Nur Träger der Pfarrerwürde in den anerkannten Konfessionen dürfen ihn führen.

Rudolf Steiner: Sobald ich für «Priester» einen Namen finde, können Sie den auch als amtlichen Titel führen. Aber ich muß ihn erst finden; vielleicht ergibt es sich noch, solange Sie hier sind. Vorläufig ist es nicht möglich gewesen, außer diesen drei Namen «Seelenpfleger», «Seelenhirte», «Weiheträger» etwas zu finden. Das sind adäquate Namen, aber sie klingen in moderner Sprache etwas sentimental. Friedrich Rittelmeyer: Gibt es für «Hostie» einen deutschen Namen?

Rudolf Steiner: Warum brauchen Sie da einen deutschen Namen? Ein Wort ist nur dann anzustreben, wenn es wirklich ein Wort sein kann. Bei einer so feierlichen Sache wie der Messe geht es an, daß man ein Wort wie «Menschenweihehandlung» nimmt, bei der Hostie ist es natürlich schwer, ein anderes Wort dafür zu gebrauchen. «Altarbrot» und «Altarwein» ist ein ganz adäquater Name, der ganz gut geht, aber es ist ein langer Name. Nur für «Priester» und «Pfarrer» kann ich nicht ein Wort finden. «Pfarrer» würde ich sogar sehr schmerzlich empfinden, wenn es nicht gebraucht würde. Es wäre vielleicht sogar darauf zu sehen, daß Sie den Amtstitel «Pfarrer» führen könnten. Ich meine, «Priester» ist etwas anderes als «Pfarrer». «Priester» bezeichnet die Weihe, «Pfarrer» bezeichnet aber direkt denjenigen, der Beamter ist als Seelenhirte.

Ein Teilnehmer fragt, ob nicht das Wort «Geistlicher» verwendet werden könne.

Rudolf Steiner: Natürlich ist gegen das Wort «Geistlicher» nichts einzuwenden. Aber Dr. Rittelmeyer hat den Kopf geschüttelt?

Friedrich Rittelmeyer: Mir sind alle diese Worte zu sehr belastet.

Rudolf Steiner: «Geistlicher» auch? «Weiheträger» ist die für den Priester zu gebrauchende Bezeichnung. Nach außen ist es doch eine Deklassierung, wenn Sie den Namen «Pfarrer» nicht tragen können. Warum ist das nicht möglich? Haben Sie selber etwas gegen den Titel «Pfarrer»? «Pfarrer» ist ja vorläufig ein Titel, der sowohl die katholischen wie die evangelischen Geistlichen umfaßt.

Emil Bock: Der Titel «Geistlicher» würde uns nicht als Amtstitel bestätigt werden.

Rudolf Steiner: Die deutsche Sprache gibt kein klares Wort, daher ist schon das Wort «Pfarrer» anzustreben. Es wird eine Frage über die Prädestinationslehre gestellt. [Der Wortlaut der Frage wurde vom Stenographen nicht festgehalten, die nachfolgenden Ausführungen Rudolf Steiners nur lückenhaft mitgeschrieben.]

Rudolf Steiner: Das ist eine Frage, die nicht so leicht in die Seelsorge hineinzutragen ist, weil sie im Grunde eine tiefe Weltanschauungsfrage ist. Es bedeutete Prädestination in alten Zeiten die Namen derjenigen, die in dem Buch der Schöpfung eingetragen sind. Nun müssen Sie sich aber klar sein darüber, daß eigentlich noch bis zum 5., 6. Jahrhundert, also jedenfalls bis in die Zeit des Augustinus hinein, das gesamte Denken, das auf die geistige Welt selber sich bezog, gedacht ist von der geistigen Welt nach der physischen Welt gerichtet und nicht umgekehrt. Erst seit wenigen Jahrhunderten wird von unten nach oben gedacht und nicht mehr von oben nach unten. Wenn Sie also die Art des Denkens nehmen, wie sie bei Augustinus selbstverständlich war, von dem Moment an, da er überhaupt philosophisch hat denken können, da bedeutete Prädestination die Namen derer, die von Gott auserwählt waren, in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden, sie bedeuteten eine Konfiguration der Welt, wo die Namen da waren. Also Sie würden das Schema bekommen: Das Himmlische; nun kommt der erste Name: diejenigen, die da Almosen gegeben haben, also wir haben die Almosengeber. Als ein zweites diejenigen, die Kranke gepflegt haben; und als einen dritten Namen: diejenigen, die gelehrt haben. Und nun haben Sie bei dem, was von oben herunter gedacht ist, ja die Menschen noch gar nicht drin; die müssen sich selber erst den Anspruch auf diese Namen erwerben, müssen sich erst eingliedern. Bei all diesen Bezeichnungen haben Sie es mit Typenbezeichnungen zu tun, die sich von oben herunter senken, so daß die Menschen erst den Anspruch auf diese Typenbezeichnungen sich erwerben müssen. Es sind nicht die Menschen Krankenpfleger, es sind nicht die Menschen Almosengeber, Seelenhirten und so weiter; das sind die Namen - das sind aber nicht Namen, die der Einzelne trägt -, die muß man sich erst erwerben.

Es ist die ganz andere Art zu denken, aus der heraus man ein solches Wort wie «Prädestination» zu verstehen suchen muß. Wie kommen Sie sonst zurecht mit der Lehre des Augustinus und mit dem ganzen damaligen Streit der Geister über die Prädestination? Sie kommen nicht zurecht. Sie können unmöglich dem Augustinus zuschreiben, daß er die Menschheit der Erde in zwei Gruppen geteilt habe, die eine zum Guten, die andere zum Bösen vorbestimmt. Was er gemeint hat, ist, daß er auf der einen Seite die Typen, auf der anderen Seite die anderen Typen hingestellt hat. Aber die Menschen selber gehören nicht von vorneherein einem Typus an, sie müssen sich erst ihren Anspruch erwerben auf einen Namen.

Gnostiker? Da ist es im eminentesten Sinne so, daß nur derjenige, der sich im Laufe des Erdenlebens die Möglichkeit dazu erwirbt, zu denen gehört, die man so bezeichnen kann. Selig wird jeder, der sich im Erdenleben den Namen erwirbt; wer dies nicht tut, wird nicht selig. Man muß durch den Namen zur Seligkeit kommen. Das ist ein gnostischer Grundsatz. Wenn Sie in der Sprache der älteren Zeit das Wort «Name» vernehmen, werden Sie das äußerlich finden, ... [Lücke].

Nehmen Sie diese zwei Dinge zunächst in meiner «Theosophie». Da ist der Mensch, der bis zur Bewußtseinsseele hinauf geht; er will bis zum Geistesmenschen kommen, da wird der Einschlag aus der geistigen Welt «herübergekippt», und der Keim des «Ich» liegt in diesem, was da herübergekippt wird. Das stimmt auch mit der indischen Terminologie überein. Der Inder gebraucht das Wort «Nama», das indische Wort für «Name». Nama, das weist hinauf auf «Manas», nicht auf das, was unten ist. Auch im Ägyptischen ist es so. Also das, was dem Namen entspricht, ist vorgezeichnet. Wenn ich mich ganz grob ausdrücken darf, könnte man sagen, es gibt eine Landkarte des Himmels, da sind alle aufgeschrieben, die selig werden und alle, die verdammt werden können; nur muß man dasjenige erwerben, was dem entspricht, was da als Name aufgeschrieben ist. Eine Typologie ist da, die nichts anderes ist als der Ausdruck der Prädestination. Augustinus ist nicht anders zu verstehen; er ist wirklich ein Anhänger der absoluten Prädestination. [Bei der Prädestinationslehre des] Calvin kennt man sich wirklich nicht aus, was er will; er beendet sie ziemlich verworren. Ich denke mir - ich habe das nicht untersucht, es hat mich nie sehr interessiert, ich habe mich nicht mit Calvin beschäftigt -, aber ich denke mir, daß es bei ihm so ist, daß er ausgegangen ist von einem Moment, wo er etwas ahnt, und dem er dann nicht gewachsen war, es klar auszusprechen. Seine Anhänger fühlten das Bedürfnis, es zu einem Verständnis zu bringen. Heute behandeln die Menschen solche Dinge so, als ob sie sie überhaupt nichts angingen. Ich glaube nicht, daß [die Lehre] des Augustinus in derselben Weise behandelt werden kann wie die der Gnostiker. Augustinus ist doch als ein ausgezeichneter Mensch anzusehen.

Friedrich Rittelmeyer: Worin besteht die Auferstehung des Christus nach drei Tagen?

Rudolf Steiner: Drei Tage war es unentschieden, ob er auch sterben könne. Es war ein dreitägiger Kampf mit dem Tode. Es ist also so aufzufassen, daß die Dinge, die da sind [in den Evangelien], Realitäten sind. Es ist nicht etwa so, daß der Christus den Schmerz, der zu erleiden war, nicht wirklich durchgemacht hätte bei der Geißelung und der Kreuzigung. Es ist so aufzufassen, daß die drei Tage lang die Möglichkeit vorhanden war, daß er den Tod nicht überwunden hätte. Es dauerte der Kampf so lange. Sie können sagen, von einem höheren Gesichtspunkte kommt das nicht in Betracht. Aber er mußte drei Tage mit dem Tode kämpfen und hatte dieses Tableau des vergangenen Lebens und führte den Kampf gegen die Auflösung [des Leibes], den er mit seiner göttlichen Natur durchmachte wie der Mensch in seiner menschlichen Natur. Der menschliche Leib zerfällt mit dem Tode. Der Leib des Christus Jesus hat sich aufgelöst in der Erdensubstanz. Das können Sie ebensogut «Vergehen» nennen wie «Auflösen» und «Bestehenbleiben».

Etwas Erlösendes geschieht, eine Wirkung auf Elementargeister wird ausgeübt durch das Hineinziehen in ihr Reich.

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