Health and Illness, Volume II
GA 348 — 8 January 1923, Dornach
Zwölfter Vortrag
Dr. Steiner: Hat vielleicht jemand von Ihnen eine Frage auf dem Herzen?
Fragestellung in bezug auf die Wirkung des Alkohols, seine schädlichen Wirkungen und so weiter.
Sie meinen, inwiefern der Alkohol überhaupt schädlich ist für die Gesundheit?
Nun, nicht wahr, mit dem Alkohol ist es ja so, daß Sie seine erste Wirkung ganz offenbar sehen dadurch, daß er gerade auf dasjenige im Menschen wirkt, was wir jetzt immer beschrieben haben: auf die ganze Seelenverfassung. Das erste ist ja, daß der Mensch durch den Alkohol in eine Art geistiger Verwirrung kommt, die so stark wirkt, daß vor allen Dingen der Mensch dann Leidenschaften ausgesetzt ist, die sonst schwach in ihm sind und leichter durch den Verstand unterdrückt werden können, so daß er dann, wenn er nicht Alkohol getrunken hat, vernünftiger erscheint, als er erscheint, wenn er Alkohol getrunken hat. Dann wirkt der Alkohol zunächst anfeuernd auf sein Blut, und es tritt eine erhöhte Blutzirkulation ein. Das ist das erste; dadurch wird das Leidenschaftsleben erregt. Er kommt zum Beispiel leichter in Zorn, während er sonst den Zorn leichter zurückdrängen kann. Also Sie sehen, die erste Wirkung des Alkohols ist diejenige, die ausgeübt wird auf den Menschen in seinem Verstandes- und überhaupt in seinem Seelenleben.
Wenn der Alkohol dann eine Zeitlang im Organismus geblieben ist, dann bewirkt er ja auch eine Erscheinung, die Sie sehr gut kennen und die man Katzenjammer nennt. Gerade aus der Entstehung des Katzenjammers aber ersehen Sie, daß der Alkohol zunächst so wirkt, daß sich der ganze Organismus dagegen sträubt. Was heißt das, der Mensch hat Katzenjammer? Das heißt eben nichts anderes, als daß der Mensch dadurch, daß er am Abend, sagen wir, betrunken war — der Katzenjammer tritt ja in der Regel am Morgen auf, nachdem der Mensch betrunken war am Abend - und sein Blut in einer besonders starken Bewegung war, sehr viele Kräfte verbraucht hat, die dadurch verbraucht worden sind, daß er schnell seinen Körper in Bewegung gebracht hat, während sonst dieselben Bewegungen sich viel langsamer vollzogen hätten.
Also merken Sie sich einmal diese Sache ganz genau. Nehmen Sie an, der Körper will in vierundzwanzig Stunden eine gewisse Tätigkeit verrichten. Wenn nun einer sein gehöriges Maß Alkohol trinkt, so wird dieselbe Tätigkeit vielleicht schon sogar in zwölf oder sechs Stunden verrichtet. Dadurch nimmt sich der Körper innere Tätigkeit weg. Es ist daher bei den Leuten, die gewöhnt sind, sich ab und zu ein kleines Räuschchen anzutrinken, eine instinktmäßige Handlung, daß sie dann hinterher, bevor der Katzenjammer kommt, kräftig essen. Warum tun sie das? Ja, wenn sie kräftig essen, so wird entweder der Katzenjammer ganz vermieden, er kommt gar nicht, oder aber er kommt mindestens schwächer, so daß sie nachher, am nächsten Tag, arbeiten können.
Was geschieht denn, wenn einer sich also ein wahrnehmbares Räuschchen angetrunken hat und nachher, sagen wir, eine Bratwurst ißt? Dann bringt er seinen Körper wieder in Tätigkeit und ersetzt dasjenige, was durch die zu schnelle Tätigkeit aufgebraucht worden ist. Wenn aber der Mensch das nicht tut, wenn er also nicht schon ein ziemlich abgehärteter Trinker ist — die abgehärteten tun ja das, wenn er das nicht ist, sondern vergißt, die Bratwurst zu essen, dann kriegt er den Katzenjammer, aus dem Grunde, weil dann sein Körper nicht mehr imstande ist, eine höhere Tätigkeit innerlich auszuüben. Wenn aber die Tätigkeit nicht richtig ausgeübt wird, so lagern sich überall Unratsprodukte ab, namentlich Harnsäureprodukte. Die lagern sich namentlich im Kopfe ab, weil der am schwersten zu versorgen ist. Und so geht dann ein Mensch, der in der Nacht seine körperliche Tätigkeit, seine innere körperliche Tätigkeit durch Alkoholtrinken verbraucht hat, am nächsten Morgen so herum, daß eigentlich sein Kopf so ist, wie sonst seine Gedärme sind: Unrat ist drinnen abgelagert. Und das schließt ein, daß der Körper sofort revoltiert, wenn ihm also durch den Alkoholgenuß zu viel Tätigkeit abgefordert wird.
Nun ist das ja so, daß der Mensch, wie ich Ihnen schon einmal bei den Vorträgen gesagt habe, eigentlich viel mehr vertragen kann - ich meine jetzt nicht in bezug auf Alkohol, sondern überhaupt -, viel mehr, als man gewöhnlich voraussetzt. Es kann das nämlich lange Zeit hindurch wiederum ausgeglichen werden. Und Sie finden ja sogar ein sehr trügerisches, ein sehr verdächtiges Gegenmittel gegen den Katzenjammer bei manchen Leuten. Wenn sie am nächsten Morgen mit einem riesigen Katzenjammer wieder aufstehen oder wieder nach Hause kommen — was tun sie dann? Nun, das werden Sie auch schon erlebt haben: sie saufen weiter nämlich am nächsten Morgen; sie machen den Frühschoppen zu einer besonderen Kur, sie saufen dann weiter.
Und was ist das, daß sie dann weiter saufen? Ja, sehen Sie, dem Körper ist in der Nacht Tätigkeit entzogen worden dadurch, daß das Blut in besondere Wallungen gebracht worden ist. Nun fehlt diese Tätigkeit am Morgen. Aber der Körper wird noch einmal aufgestachelt durch das Weitersaufen, daß die letzten Reste von Tätigkeit, die er noch haben kann, auch noch aufgebraucht werden. Weil die letzten Reste den hauptsächlichsten Unrat noch wegschaffen, geht der Katzenjammer bis zu einem gewissen Grade aus dem Kopfe fort, bleibt aber erst recht im übrigen Körper vorhanden. Nur, dasjenige, was dann erst recht im übrigen Körper vorhanden ist, das spüren dann die Leute weniger. So daß das Weitersaufen am Morgen eigentlich dazu führt, daß der Katzenjammer unbewußt in den übrigen Organismus übergeht. Und dann erst, wenn das geschieht, dann fängt das wahre Elend für den Körper an. Diejenigen Säufer sind am schlimmsten dran, die den Katzenjammer mit Weitersaufen vertreiben. Denn dann wird nach und nach, wenn sich das wiederholt, der ganze Körper ruiniert.
Aber noch immer ist es so, daß es fast unmöglich ist — weil der Mensch eben viel vertragen kann —, den Körper gleich ohne weiteres zu ruinieren. Daher ist das erste bei einem richtigen Säufer, daß er eine Art Delirium bekommt, den Säuferwahnsinn. Es geht da noch nicht ins Ruinieren hinein. Wenn dieses sogenannte Delirium tremens, wie man es in der Medizin nennt, eintritt, dann sehen die Menschen überall eine Art Tiere herumlaufen, Mäuse und so weiter. Sie kriegen eine Art Verfolgungswahn. Das Delirium tremens ist ja damit verknüpft, daß die Menschen sich überall verfolgt fühlen von kleinen Tieren, von Mäusen namentlich. Das ist ja etwas, was sogar geschichtlich geworden ist. Es gibt Mäusetürme. Die haben meistens ihren Namen davon, daß da in früheren Zeiten irgendeiner eingesperrt war, der Säuferwahnsinn hatte, und der da drinnen von Mäusen geplagt worden ist, die er sich bloß vorgestellt hat — es werden schon auch welche drinnen gewesen sein —, denn der, der drinnen war, hat überall um sich herum, überall, Tausende und Tausende von Mäusen gesehen, die nicht da waren.
Sie sehen also, man kann dasjenige, was im Menschen wirkt, wenn er sich durch Alkohol ruiniert, sogar sehr schwer in den Körper ganz hineintreiben. Es sträubt sich der Körper durchaus lange Zeit gegen diese Geschichte, die durch den Alkohol angerichtet wird.
Und das Interessante ist ja das, daß dann bei den Leuten sich das Gewissen regt. Sagen wir, sie haben eine Zeitlang gesoffen, frühmorgens weiter gesoffen, und dann regt sich plötzlich das Gewissen und sie hören auf zu saufen, sie haben sich noch dieses bißchen Energie aufbewahrt, daß sie nun aufhören. Was geschieht dann? Wenn sie früher noch nicht den Säuferwahnsinn gehabt haben, kriegen sie ihn dann. Das ist die interessanteste Tatsache, daß manchmal derjenige, der lange Zeit getrunken hat, wenn er nun aufhört zu trinken, gerade den Säuferwahnsinn kriegt.
Das ist eines der wichtigsten Zeichen dafür, daß der Mensch so angesehen werden muß, daß der Kopf anders wirkt - ich habe Ihnen das in den letzten Vorträgen für viele Dinge angeführt - als der übrige Körper. Solange nämlich der Mensch die Säuferkrankheit im Kopfe erhält, da geht es ihm noch passabel; da hat er die Sache noch nicht im übrigen Körper drinnen. Wenn er sie aber drinnen hat und nachher den Alkohol sich abgewöhnt, dann revoltiert erst recht der übrige Körper durch den Kopf herauf, und dann kriegt er gerade durchs Abgewöhnen erst recht den Säuferwahnsinn.
So kann man sagen: Im Blut des Menschen ist das körperliche Gegenstück für die wichtigsten Seelenverrichtungen. Sie wissen ja vielleicht, daß manche Leute an Verfolgungswahn leiden dadurch, daß sie allerlei Gestalten sehen, die nicht da sind. In früheren Zeiten namentlich - und es war das eine ganz gesunde Kur — hat man ihnen dann zur Ader gelassen. Man darf gar nicht glauben, daß alle Leute früher so abergläubisch waren, als man es heute annimmt. Aderlassen ist nicht etwas, was vom Aberglauben gekommen ist. Man hat ihnen zur Ader gelassen; namentlich hat man ihnen irgendwo Blutegel aufgesetzt, die ihnen das Blut abgezapft haben. Dann ist das Blut weniger tätig gewesen. Nicht gerade bei Säufern, aber bei anderen Wahnsinnsanfällen ist das Blut dann weniger tätig gewesen. Dann ist es ihnen besser gegangen.
Was außerordentlich verwandt ist mit alledem, was die Grundlagen der seelischen Eigenschaften des Menschen sind, das Nervensystem, habe ich Ihnen ja auch angeführt, aber das ist namentlich für den Willen des Menschen viel weniger wichtig; es ist wichtig für den Verstand, aber es ist für den Willen des Menschen viel weniger wichtig als das Blut.
Nun, wenn Sie aber gerade sehen, daß der Alkohol das Blut im eminentesten Sinne angreift, so ist daraus zu erkennen, daß das Blut, weil der Körper so stark revoltiert gegen das, was der Alkohol anrichtet, sehr geschützt ist dagegen. Das Blut ist wirklich außerordentlich stark geschützt gegen die Angriffe des Alkohols im Menschen. Und da müssen wir uns fragen: Wodurch ist denn eigentlich das Blut im Menschen so außerordentlich stark geschützt gegen die Angriffe? Da müssen wir weiter fragen: Wo entstehen denn eigentlich die wichtigsten Dinge, die im Blut drinnen sind?
Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen gesagt: Das Blut besteht aus den roten Blutkörperchen, die eisenhaltig sind, die im sogenannten Blutserum herumschwimmen, und dann besteht es aus den weißen Blutkörperchen. Ich habe Ihnen gesagt, die wichtigsten Bestandteile des Blutes sind rote und weiße Blutkörperchen — diejenigen Blutkörperchen, die mit der Milztätigkeit zusammenhängen, die wir bei unseren Untersuchungen in Stuttgart die sogenannten Regulatoren genannt haben, berücksichtigen wir jetzt nicht. Es sind ja viele Körperchen drinnen im Blute; wir wollen jetzt nur auf die roten und auf die weißen Blutkörperchen sehen und wollen uns fragen: Wo entstehen denn im Körper eigentlich diese Blutkörperchen? Ja, sehen Sie, diese Blutkörperchen, die entstehen nämlich an einem ganz besonderen Ort. Wenn Sie sich hier einen Oberschenkelknochen denken vom Becken aus bis zum Knie, irgendwie einen Knochen denken, einen Armknochen, irgendeinen Hohlknochen, so werden Sie in diesem Knochen drinnen überall das sogenannte Knochenmark finden. Da ist das Mark drinnen, das Knochenmark. Und sehen Sie, meine Herren, in diesem Knochenmark entstehen die roten und weißen Blutkörperchen und marschieren dann erst ein in die Blutadern. Der menschliche Körper ist so organisiert, daß in den inneren Höhlungen seiner Knochen sein Blut erzeugt wird — eigentlich das Wichtigste in ihm.
Wenn das der Fall ist, dann können Sie sich sagen: Das Blut ist in seiner Erzeugung wirklich außerordentlich stark geschützt gegen die Ruinierung, denn da muß der Alkohol tatsächlich schon sehr lange genossen werden und sehr schlimm genossen werden, wenn er auch noch die Knochen soweit kaputt machen soll, daß er bis in ihr Innerstes, bis in ihr Mark hineindringt und sie dort kaputt macht, das Knochenmark ruiniert, so daß keine roten und weißen Blutkörperchen mehr erzeugt werden. Und da beginnt erst für die Menschen, die den Alkohol genießen, die eigentlich verderbliche Sache, wenn sie so weit gekommen sind, daß der Alkohol bis ins Knochenmark hinein gewirkt hat.
Nun ist es so, daß zwar die Menschen in bezug auf ihren Verstand, in bezug auf ihre seelischen Eigenschaften vielfach gleich sind, aber in bezug auf das Blut sind die Menschen nach Mann und Weib, nach Mann und Frau, sehr verschieden voneinander. Das ist eine unbewußte Verschiedenheit, die aber sehr deutlich zutage tritt. Die Blutkörperchen nämlich, die da im Innern der Knochenhöhle erzeugt werden, also die roten Blutkörperchen und die weißen, die haben auf den Menschen einen solchen Einfluß, daß die roten Blutkörperchen wichtiger sind bei der Frau, die weißen Blutkörperchen wichtiger sind beim Mann. Das ist sehr wichtig: die roten Blutkörperchen sind wichtiger bei der Frau, die weißen wichtiger beim Mann.
Daher ist das so: Die Frau hat, wie Sie wissen, alle vier Wochen ihre Periode, die im wesentlichen in einer Tätigkeit des menschlichen Körpers besteht, etwas auszuscheiden, was ausgeschieden werden muß an roten Blutkörperchen. Der Mann hat keine Periode, und Sie wissen ja auch, daß der Same des Mannes so ist, daß er nicht gerade vom roten Blut seine Abkunft verrät. Er hat seine Abkunft von den weißen Blutkörperchen. Die ändern sich vielfach um, aber sie werden zuletzt zu dem, was im männlichen Samen das Wichtigste ist. So müssen wir bei dem, was auf die menschliche Fortpflanzung Bezug hat, bis zu dem geschützten Knochenmark gehen, wenn wir überhaupt prüfen wollen, wodurch die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit physisch beeinflußt werden kann. Die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit kann eben durch das Knochenmark im Innern der Knochen physisch beeinflußt werden.
Nun kommen aber natürlich die roten und die weißen Blutkörperchen, wenn sie in den Knochen drinnen erzeugt sind, ins Blut hinein. Wenn nun die Frau Alkohol trinkt, so werden natürlich ganz besonders die roten Blutkörperchen beeinflußt. Die roten Blutkörperchen enthalten Eisen, sind etwas schwer, haben die Schwere der Erde in sich. Wenn also die Frau säuft, so bewirkt sie, daß zu viel Schwere in ihr ist. Die Folge davon ist, daß, wenn die Frau säuft, das Kind, das sich ausbilden soll, zu schwer wird, also innerlich seine Organe nicht richtig entwickeln kann. Es wird innerlich nicht ausgestaltet, hat seine innerlichen Organe nicht in Ordnung. Und auf diesem Umweg, meine Herren, geschieht der schädliche Einfluß durch den Alkohol bei der Frau.
Beim Manne ist es so, daß durch den Alkohol vorzugsweise die weißen Blutkörperchen beeinflußt werden. Und wenn dann unter dem Einfluß des Alkohols oder überhaupt unter dem Einfluß des Körpers, der alkoholisch verseucht ist, Befruchtung eintritt, dann wird der Same in der Weise ruiniert, daß er zu zappelig wird. Denn die Befruchtung geschieht ja so, daß vom mütterlichen Organismus dieses kleine Ei abgesondert wird. Das kann man nur mit dem Mikroskop sehen in dem Zustande, wie es ist, wenn die Befruchtung stattfindet. Also das Ei wird abgesondert. Vom Manne wird abgesondert eine ganze Menge solcher Samenkörperchen; die haben alle solch einen Schwanzfaden an sich. In der Samenflüssigkeit sind unzählige solcher Samenkörperchen drinnen. Und dieser Schwanzfaden, den sie da an sich haben, der ist ein Flimmerhärchen. Und durch dieses Flimmerhärchen sind diese Samenkörperchen ohnedies furchtbar zappelig. Sie machen die kompliziertesten Bewegungen, und natürlich, eines muß zuerst ankommen beim weiblichen Ei. Dasjenige, das nun zuerst ankommt, das wird aufgenommen vom weiblichen Ei. Es ist viel kleiner als das weibliche Ei; trotzdem das weibliche Ei auch nur mit dem Mikroskop wahrgenommen werden kann, ist das männliche Samenkörperchen noch viel kleiner. Das wird aufgenommen. Und in dem Augenblicke, wo es in das Ei aufgenommen ist, bildet sich sogleich eine Haut um das Ei herum, und alle die, die nachkommen, werden zurückgestoßen durch diese Haut. Es kann nur eines herein. Denn sofort, wenn eins drinnen ist, wird eine Haut um das Ei gebildet, und die andern müssen abziehen.
Sie sehen also, das ist außerordentlich geistreich eingerichtet. Nun sind diese Samenkörperchen außerordentlich zappelig eingerichtet. Durch den Alkohol aber werden sie noch viel zappeliger gemacht. So daß also die Befruchtung eintritt unter dem Einfluß des männlichen Samenwesens, das außerordentlich beweglich ist. Und die Folge davon ist, daß durch die Befruchtung beim Menschen dann besonders auf sein Nervensystem und Sinnessystem gewirkt wird, wenn der Mann säuft. So daß, wenn die Frau säuft, die inneren Organe ruiniert werden durch die Schwere; wenn der Mann säuft, dann wird das Nervensystem des Kindes ruiniert. Die ganze Tätigkeit wird ruiniert, die in der richtigen Weise da sein soll, wenn das Kind eben heranwächst.
Man kann also sagen: Durch die Frau wird das Irdische am Menschen ruiniert, wenn sie säuft, und durch den Mann, wenn er säuft, wird das Bewegliche, das Luftige, was im Umkreis der Erde ist und was der Mensch auch in sich trägt, ruiniert. So wird also von zwei verschiedenen Seiten her die Frucht ruiniert, wenn beide saufen. Natürlich, dann ist schon gar keine ordentliche Befruchtung, das heißt, Befruchtüng ist wohl möglich, aber es ist wirklich kein ordentliches Wachstum der Frucht möglich. Denn auf der einen Seite will dann das Ei seine Schwere geltend machen, und auf der anderen Seite ist darinnen alles in einer Zappelbewegung, und es widerspricht eines dem andern. Das Männliche widerspricht dem Weiblichen bei einer solchen Befruchtung, wo alle beide saufen. So daß also bei demjenigen, der den ganzen Zusammenhang versteht, klar ist, daß bei gewohnheitsmäßigen Trinkern tatsächlich in die Frucht außerordentliche Schädlichkeiten hineinkommen. Aber das glauben einem ja die Leute nicht, weil der Einfluß des Saufens der Männer und Frauen verhältnismäßig doch noch nicht so sichtbar ist. Aber dies ist eben nur deshalb, weil das Blut so geschützt ist, sogar im Knochenmark darinnen erst erzeugt wird, weil also die Menschen schon sehr viel tun müssen, wenn sie die Nachkommenschaft stark beeinflussen wollen. Und das schwache Beeinflussen, das gestehen sich die Leute heute eben einfach nicht.
Nicht wahr, wenn ein Kind mit einem Wasserkopf geboren wird, so prüft man in der Regel nicht, ob die Befruchtung gerade in einer Nacht war, nachdem die Mutter bei einem Souper war und dort Rotwein getrunken hat, währenddem es sich herausstellen würde, wenn man es nachprüfte, weil da die Schwere zu stark wird. Dann wird das Kind mit einem Wasserkopf geboren. Wenn dagegen das Kind mit einem Gesichtsmuskelzucken geboren wird, dann wiederum prüft man auch nicht, ob der Mann etwa am Abend zu stark getrunken hat. Die Dinge, die im kleinen, möchte ich sagen, sind, die prüft man eben nicht. Und daher kommt es, daß die Leute glauben, es sei kein Einfluß da. Er ist schon immer da. Aber die ganz schädlichen Einflüsse, die geschehen bei Gewohnheitstrinkern. Und da ist auch wiederum ein Auffälliges, ein sehr Merkwürdiges vorhanden.
Sehen Sie, wenn zum Beispiel, sagen wir, der Mann säuft, so kann es sich herausstellen, daß die Kinder irgendwo in ihrem Nervensystem schwach werden und, sagen wir zum Beispiel, Anlage haben zu Lungenschwindsucht. Es braucht gar nicht das, was auf die Kinder vererbt wird, zusammenhängen mit dem Alkoholgenuß des Mannes. Sie brauchen zum Beispiel nicht Anlage zu haben zur Kopfverwirrung, sondern zu Lungenschwindsucht oder zu Magenverstimmung und dergleichen. Also das ist eben das Heimtückische, daß dasjenige, was durch den Alkohol verbrochen wird, einfach auf ganz andere Körperteile beim Menschen übergeht.
Nun muß man bei diesen Dingen wirklich immer berücksichtigen, wie großen Einfluß kleine Mengen von Stoffen auf die menschliche Entwickelung überhaupt haben. Und nicht nur das, sondern man muß überall berücksichtigen, wie diese Stoffe an den Menschen herangebracht werden. Bedenken Sie zum Beispiel das Folgende: Wir haben in unseren Knochen eine ziemliche Menge phosphorsauren Kalk. Wir haben in unserem Gehirn auch Phosphor, und Sie werden aus früheren Vorträgen wissen, daß der Phosphor nützlich ist, denn ohne Phosphor könnte man das Gehirn eigentlich gar nicht zum Denken benützen. Also wir haben Phosphor in uns.
Ich habe Ihnen sogar einmal gesagt: Der Phosphor ist dann günstig, wenn er mit den Nahrungsmitteln in der richtigen Menge aufgenommen wird, damit er überall mit derselben Schnelligkeit verdaut wird, die in dem Menschen überhaupt ist. Wenn man dem Menschen eine Menge Phosphor in den Magen hineinbringt und er schnell hineingeht, dann ist er nicht nützlich, dann ist er schädlich.
Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Sie wissen, daß man früher Phosphorzündhölzchen gemacht hat; sie sind jetzt etwas seltener geworden. Aber wenn man einmal Gelegenheit hat, so etwas zu beobachten, wie es zum Beispiel bei mir als Bube schon der Fall war, so kann man folgendes erleben: Von unserer Wohnung mußte ich täglich eine Stunde zur Schule gehen, so mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren, und in der Hälfte des Weges war eine Zündwarenfabrik. Da arbeiteten also die Arbeiter daran, die Zündhölzchen, die Phosphorhölzchen herzustellen. Ja, meine Herren, da erlebte man es, daß eine Anzahl dieser Arbeiter — das war in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — immer mit zerfressenen Kiefern herumliefen, daß sie also zerfressene Kiefer kriegten, und vom Kiefer aus wurde ihr Körper zerstört. Am Ober- und Unterkiefer, namentlich aber am Oberkiefer fing es an, daß die Knochen zerfressen wurden.
Wer das weiß, was der Phosphor für einen schädlichen Einfluß auf den Menschen haben kann, der wird finden, daß eine solche Zündwarenfabrik tatsächlich zu dem Mörderischsten gehört, was man nur haben kann. Es ist bei den Dingen, die der menschlichen Zivilisation angehören, immer auch notwendig, daß man hinschaut auf die zahlreichen Schädigungen, die der Mensch dadurch zugleich erleiden kann. Immer ging eine Anzahl von diesen Arbeitern in diese Zändwarenfabrik hinein mit zugebundenen Kiefern. So fing die Sache an. Und dann, nicht wahr, breitete sich das aus. Nun, auch im Oberkiefer selbstverständlich ist ja der Phosphor schon drinnen gewesen. Aber was für ein Phosphor?
Sehen Sie, der Phosphor, der mit den Nahrungsmitteln zunächst in den Magen hineingekommen ist, dann den ganzen Weg von innen aus zu den Kiefern gemacht hat, der ist nicht schädlich, wenn er nicht zu viel eingetrieben wird. Dagegen werden die Zündhölzchen so fabriziert: Zuerst werden sie zu langen Stäbchen geformt, und dann werden sie mit Schneidemaschinen zu den kleinen Stäbchen gemacht. Dann werden sie in Rahmen gespannt, da bleibt ein kleines Stückchen heraus, und da werden sie dann zuerst in ein Schwefelbad getaucht, und dann in das Phosphorbad. Das hielt ja der Arbeiter einfach in seiner Hand. Es kamen also immer Spritzer auf den Rahmen. Nun denken Sie, wie oft im Tag sich der Mensch, da er sich nicht immer waschen kann, bei der Arbeit einfach hier irgendwie ins Gesicht streicht. Es sind ganz gewiß außerordentlich geringe Mengen von Phosphor, die da an den Menschen herankommen, aber sie kommen heran, jetzt nicht von innen heraus, sondern von außen hinein. Und das ist ja das Geheimnis der menschlichen Natur: Dasjenige, was oftmals außerordentlich nützlich sein kann, wenn der Mensch es von innen aufnimmt und es erst durch den Körper verarbeitet wird, das kann das größte Gift sein, wenn es von außen an den Körper herankommt. Sehen Sie, von innen ist der menschliche Organismus so weise eingerichtet, daß er dasjenige, was zu viel Phosphor ist, mit dem Urin oder mit den Fäkalien wieder absondert. Er läßt nur die kleine Menge, die notwendig ist, in die Knochen kommen. Er rangiert dasjenige aus, was überflüssig ist.
Aber um das, was von außen kommt, wieder abzusondern, dafür hat ja der Mensch kein Interesse. Gewiß, man kann ja nachhelfen. Man könnte zum Beispiel allerdings schon dadurch eine große Wohltat hervorrufen — aber denken Sie doch, wie wenig noch in den siebziger Jahren überhaupt an Humanität gedacht worden ist! -, man könnte schon dadurch Abhilfe schaffen, daß man ein heißes Bad einrichtete, in dem jeder Arbeiter sich baden müßte, wenn er weggeht. Durch eine solche Einrichtung würde natürlich schon ungeheuer viel erzielt werden können. Aber solche Sachen werden eben einfach nicht gemacht.
Nun, ich wollte Ihnen dadurch nur zeigen, wie der menschliche Körper eingerichtet ist, daß er so eingerichtet ist, daß durch ganz kleine Schädigungen von außen, sogar durch dieselben Stoffe, die er sonst zu seinem Aufbau braucht, durch ganz kleine Schädigungen dasjenige eintreten kann, was also dazu führt, daß die ganze Gesundheit des Menschen, überhaupt die ganze Organisation des Menschen untergraben wird.
Nun kann der Mensch viel aushalten. Aber von einem gewissen Momente ab jedoch versagt dann der Organismus. Und beim Alkoholtrinken ist es so, daß der Organismus von dem Momente an versagt, wo der Alkohol irgendwie verhindert, daß die Lebenstätigkeit, die unsichtbare Lebenstätigkeit in der richtigen Weise verläuft.
Wenn man den Menschen einer Phosphorvergiftung aussetzt, so weiß man, daß da einfach die innere Tätigkeit untergraben wird, die sonst den Phosphor verarbeitet; sie wird von außen untergraben. Nun, beim Alkohol ist es eigentlich, ich möchte sagen, ganz ähnlich. Beim Alkohol ist es so: Wenn der Mensch zu viel Alkohol trinkt, und immer wieder und wiederum trinkt, so daß, wie man sagt, der Alkoholgenuß nicht akut bloß ist, sondern chronisch wird, so kommt es eben so weit, daß der Alkohol im Menschen als Alkohol wirkt.
Wie wirkt er denn aber als Alkohol? Nun, da möchte ich Sie daran erinnern, daß ich Ihnen einmal gesagt habe: die Mengen Alkohol, die der Mensch braucht, die erzeugt er sich selber. Ich sagte Ihnen: In den Stoffen, die in den Gedärmen sind, wird immer eine gewisse Menge Alkohol erzeugt durch die gewöhnlichen Nahrungsmittel, weil der Mensch diese kleinen Mengen Alkohol braucht. Wozu braucht er diese? Nun, da brauchen Sie sich nur zu erinnern, wenn Sie einmal in irgendeinem anatomischen Kabinett gewesen sind und die Präparate gesehen haben: die sind in Alkohol, weil sie sonst verfaulen würden. Der Alkohol hindert dasjenige, was lebendiger Körper ist, vor dem Verfaulen. So wirkt aber der Alkohol, der im Menschen selbst erzeugt wird, auch im menschlichen Organismus: er hindert das Faulen gewisser Stoffe, die der Mensch braucht. So daß der Mensch durch seine innere Organisation eigentlich vorgeschrieben hat, wieviel Alkohol er haben soll, denn er hat einfach in sich gewisse Stoffe, die sonst faulen würden, die aber im Körper sein müssen, und die müssen eben konserviert werden.
Aber bedenken Sie jetzt: der Mensch trinkt zu viel Alkohol. Dann wird zu viel konserviert, dann wird dasjenige, was eigentlich abgehen soll, konserviert und im Körper erhalten! Wenn der Mensch jetzt immer wieder und wieder sein Blut, das im Körper zirkuliert, dem Alkohol aussetzt, dann konserviert er sich dieses Blut im Körper darinnen. Und was ist die Folge? Die Folge davon ist, daß dieses Blut die Kanäle in den Knochen verstopft, weil es gegenwirkt. Es wird nicht schnell genug wiederum durch die Poren und so weiter herausbefördert. Es bleibt zu lange im Körper. Dadurch wird das Mark in der Knochenhöhlung zu wenig veranlaßt, neues Blut zu bilden und wird schwach dadurch. Dasjenige, was eintritt beim sogenannten chronischen Alkoholiker, das ist, daß das Knochenmark schwach wird mit der Zeit. Und dann erzeugt es eben bei der Frau nicht mehr die richtigen roten Blutkörperchen, und beim Mann nicht mehr die richtigen weißen Blutkörperchen.
Sehen Sie, ich muß immer wieder bei solchen Gelegenheiten eines sagen: Nicht wahr, es ist ja ganz schön, wenn die Menschen soziale Reformen ausdenken, sagen wir zum Beispiel Alkoholverbote und so weiter, Gewiß, es ist sehr schön. Aber ich meine folgendes: Sehen Sie, selbst solch ein gelehrter Mann wie der Professor Benedikt, von dem ich Ihnen einmal erzählt habe, daß er die Schädel der Verbrecher sammelte, und daß dann die ungarischen Verbrecher gesagt haben, sie wollen ihre Schädel nicht nach Wien gesandt haben, weil sie dann nicht zusammenfinden mit ihren übrigen Knochen am Jüngsten Tag — dieser Mann hat mit Recht gesagt: Nun ja, da reden die Leute gegen den Alkohol; aber viel mehr Leute sind durch Wasser zugrunde gegangen als durch Alkohol! — Das ist natürlich im allgemeinen auch wahr, weil das Wasser, wenn es Verunreinigungen enthält, gleich in viel größeren Mengen auftritt; so daß, wenn man es einfach statistisch betrachtet, man natürlich sagen kann: Viel mehr Leute sind durch das Wasser zugrunde gegangen als durch den Alkohol.
Aber es kommt etwas anderes in Betracht. Und da möchte ich sagen: Beim Alkohol ist es so, wie bei der Geschichte, die bei «Leberecht Hühnchen» steht; ich weiß nicht, ob Sie sie kennen. Es ist die Geschichte von einem armen Schlucker, einem armen Teufel, der sich nur ein Ei kaufen kann; aber er hat eine große Phantasie zu diesem Ei dazu, und da denkt er sich, wenn dieses Ei jetzt nicht beim Krämer gewesen wäre, sondern richtig gebrütet worden wäre, so wäre daraus eine Henne entstanden. Wenn ich also nun dieses Ei esse, so esse ich eigentlich die ganze Henne. In seiner Phantasie stellt er sich das nun vor: Nun bin ich eigentlich doch ein richtiger reicher Kerl, der sein Huhn essen kann! — Aber seine Phantasie war damit noch immer nicht befriedigt, sondern er dachte weiter. Er sagte: Ja, aber das Huhn, das ich jetzt esse, das hätte ja wiederum so und so viele Eier legen können, aus denen wiederum Hühner hätten auskriechen können; und diese Hühner alle, die esse ich! Und schließlich rechnete er sich aus, wie viel Millionen und Millionen Hühner das wären. Dann sagte er sich: Hieße das nicht schllampampen?
Sehen Sie, so ist die Geschichte nun nicht im Spaß wie in dieser Erzählung, sondern im Ernst beim Alkohol. Gewiß, wenn man statistisch, sagen wir, die Zeit von 1870 bis 1880 aufnimmt und prüft, wieviele Menschen da an Wasser zugrunde gegangen sind auf der ganzen Erde und wie viele an Alkohol, dann überwiegt die Menge von Leuten, die an Wasser zugrunde gegangen sind. Dazumal starben ja die Leute an Typhus und so weiter viel mehr als heute; also der Typhus kann ja mit der Verunreinigung des Wassers vielfach zusammenhängen. Ja, meine Herren, da kann man leicht ausrechnen, daß viel mehr an Wasser zugrundegehen.
Aber man muß anders denken. Man muß wissen, daß der Alkohol nach und nach bis ins Knochenmark hineingeht und nach und nach das Blut ruiniert. Dadurch, daß er dann die Nachkommenschaft ruiniert, ist die ganze nachkommende Familie ruiniert! Wenn ein Mensch also, sagen wir, drei Kinder hat, so sind diese drei Kinder zunächst ein bißchen ruiniert; aber diejenigen, die wieder von diesen dreien entstehen, die sind stark ruiniert. Und so ruiniert man für lange Zeiten hinaus die Menschen durch den Alkohol. Und vieles, was heute an Schwäche in der Menschheit vorhanden ist, ist einfach dadurch vorhanden, daß die Vorfahren zu viel getrunken haben. Da ist es wirklich so, daß man sich vorstellen muß: Da ist ein Mann und eine Frau. Der Mann säuft; die Nachkommenschaft wird dadurch schwach im Körper. Nun denken Sie sich einmal, was das schon nach einem Jahrhundert bedeutet oder gar nach mehreren Jahrhunderten! Also da nützt es nichts, wenn man einfach die Zeit aufnimmt, sagen wir von 1870 bis 1880, und sagt: es sind da mehr Menschen an Wasser zugrunde gegangen als an Alkohol. Da muß man über Zeiträume hinüberschauen. Und das ist dasjenige, was die Leute heute nicht gerne machen, höchstens eben im Spaße, wie der Verfasser von «Leberecht Hühnchen», der natürlich auch über große Zeiträume hinüberschauen muß, wenn er sich denken will, wie er schlampampt.
Also solche Gedanken, die über das Allernächste hinausschauen, die muß man haben, wenn man über diese Sache sozial denkt. Und da, muß ich sagen, ist meine Meinung diese: Verbieten kann man ja den Alkohol, aber sehen Sie, dann treten merkwürdige Erscheinungen auf. Sie wissen ja zum Beispiel, daß heute die Menschen in vielen Erdgegenden dazu gekommen sind, den Alkoholverkauf einzuschränken oder ganz zu verbieten; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, was für ein Übel in der letzten Zeit eingetreten ist: der Kokaingenuß nämlich, der auch von den Leuten gemacht wird, um sich zu betäuben. Und gegen das, was der Kokaingenuß anstellen wird, namentlich an Zerstörung der menschlichen Fortpflanzungskräfte, ist der Alkohol noch Gold! Der eine oder der andere, der das Kokain frißt, wird das nicht einmal dafür verantwortlich halten. Aber schon an den äußeren Symptomen können Sie sehen, wie viel schlimmer der Kokaingenuß ist als der Alkoholgenuß. Wenn einer durch den Alkohol das Delirium tremens kriegt, so äußert sich dies durch eine Art Verfolgungswahn. Er sieht überall Mäuse, die ihn verfolgen. Wenn aber einer Kokain genießt, dann kommen Schlangen überall aus seinem Körper heraus! Wenn ein solcher Mensch, der Kokain genießt, sich selber anschaut, dann sieht er: Erst betäubt er sich — das ist angenehm, das ist eine Art von Wollust -, aber wenn er dann längere Zeit kein Kokain gegessen hat, dann schaut er so aus (siehe Zeichnung S. 225): überall kommen aus seinem Körper Schlangen heraus, und er läuft nur rasch, um wiederum Kokain zu genießen, damit die Schlangen für eine Zeitlang aufhören. Denn die Furcht, die er vor den Schlangen hat, die ist noch viel größer als die Furcht, die er vor den Mäusen hat im Delirium tremens.

Und so kann man wohl allerlei verbieten, aber die Menschen kommen dann auf allerlei anderes, was in der Regel nicht gescheiter ist, sondern schlimmer ist. Und da glaube ich, daß Aufklärungen, wie der Alkohol wirkt, in der Weise, wie wir es heute zum Beispiel vor uns hingestellt haben, wirklich viel mehr wirken können, gerade Aufklärungen, die den Menschen allmählich dazu bringen, den Alkohol selber zu lassen. Sie beeinträchtigen nicht die menschliche Freiheit, aber Sie erzeugen zugleich das, daß der Mensch sich sagt: Das ist aber unheimlich! Bis in die Knochen herein werde ich ruiniert! Das wirkt dann als Gefühl, während Gesetze nur für den Verstand wirken. Die richtigen Wahrheiten, die richtigen Erkenntnisse, die sind eben solche, die bis ins Gefühl hinein wirken. Deshalb ist meine Überzeugung: Zu einer wirksamen Sozialreform — denn auf anderen Gebieten ist es ähnlich, fast geradeso wie hier - kommen wir doch nur, wenn wir in weitesten Kreisen für eine wirkliche Aufklärung sorgen.
Aber diese wirkliche Aufklärung kann man ja erst dann schaffen, wenn etwas da ist, mit dem man aufklären kann. Denn, sehen Sie, wenn Sie heute sich irgendwo einen Vortrag halten lassen über die Schädlichkeit des Alkohols — so werden Sie die Sache nicht dargestellt finden, wie ich sie Ihnen jetzt dargestellt habe, obwohl das nicht einmal so besonders schwer ist; denn die Tatsachen kennen die Leute. Sie wissen nur nicht in der gehörigen Weise über diese Tatsachen zu denken. Die Tatsachen kennen sie schon. Sie gehen meistens aus einem solchen Vortrag, der da gehalten wird von einem heutigen Dutzendgelehrten, heraus und wissen nicht recht etwas Besonderes damit anzufangen. Und wenn sie besonders gutmütig sind, so sagen sie: Na, Gott, man ist halt nicht vorbereitet, man hat die Geschichte nicht verstanden. Der gelehrte Herr weiß das alles. Man kann als einfacher Mensch nicht alles verstehen! Aber der Grund ist, daß er selber es nicht versteht. Wenn man nämlich eine Wissenschaft hat, die wirklich auf die Fundamente geht, auf die Grundlagen geht, dann kann man es nämlich schon zum Verständnis bringen, auch den einfachen Menschen.
Wenn heute die Wissenschaft so wenig wirklich ist, so ist es eben das, daß sie eigentlich mit Ausschluß der wirklichen Menschlichkeit entstanden ist. Die Leute werden immer zuerst Privatdozent, dann außerordentlicher Professor, dann ordentlicher Professor. Die Studenten sagen dann: Ein ordentlicher Professor weiß nichts Außerordentliches, und ein außerordentlicher Professor, der weiß nichts Ordentliches. — Die Studenten haben das im Gefühl, meine Herren. So geht der ganze Schlendrian weiter. Und in sozialen Reformen wirkt die Wissenschaft eigentlich nichts, während sie in der allertätigsten Weise wirken könnte. Und deshalb muß jemand, der es ehrlich meint mit dem sozialen Leben, immer wieder darauf zurückkommen: Stroherne, papierene Gesetze sind viel weniger wichtig, natürlich braucht man sie auch, aber sie sind viel weniger wichtig als eine durchgreifende Aufklärung. Diese Aufklärung, die braucht man. Dann würden wir erst richtig weiterkommen.
Gerade so etwas, wie man es studieren kann beim Alkohol, das läßt sich überall begreiflich machen. Und dann kommt man zu dem, was ich immer sage zu den Leuten. Nicht wahr, die Leute kommen und fragen: Ist es besser, keinen Alkohol zu trinken, oder ist es besser, Alkohol zu trinken? Ist es besser, Vegetarier zu sein, oder besser, Fleisch zu essen? Ich sage überhaupt niemals einem Menschen, ob er den Alkohol lassen soll oder ob er ihn trinken soll, ob er Pflanzen essen soll oder Fleisch essen soll, sondern ich sage zu dem Menschen: der Alkohol wirkt so und so. Ich stelle es ihm einfach dar, wie er wirkt; dann mag er sich entschließen, zu trinken oder nicht. Und so mache ich es schließlich auch beim Pflanzen- und Fleischessen. Ich sage: so wirkt das Fleisch, so wirken die Pflanzen. Und die Folge davon ist, daß der Mensch sich selber entschließen kann.
Das ist das, was man vor allen Dingen in der Wissenschaft haben muß: Respekt vor der menschlichen Freiheit. So daß man gar nicht das Gefühl hat, man will irgendeinem Menschen etwas gebieten oder verbieten, sondern man sagt ihm die Tatsachen. Wenn er weiß, wie der Alkohol wirkt, dann kommt er von selbst darauf, was das Richtige ist. Damit kommen wir am allerweitesten. Da kommen wir dazu, daß freie Menschen sich ihre Richtung selber geben können. Und das müssen wir anstreben. Dann erst kommen wir zu richtigen sozialen Reformen.
Wenn ich am Mittwoch da bin, werden wir dann den nächsten Vortrag haben können.