6. Die Theosophie und das Geistesleben der Gegenwart

Von allen verschiedenen Gesichtspunkten der Weltbeträchtung, welche auf dem Vierten Internationalen Kongreß für Philosophie vertreten worden sind, wird vielen unserer Zeitgenossen der theosophische als der am wenigsten wissenschaftliche gelten. Man kann über diese Tatsache nicht verwundert sein. Denn vieles, was in einem Zeitpunkte, in welchem es zuerst auftritt, als phantastisch und unbegründet galt, wurde in einer späteren Epoche eine anerkannte, oft sogar eine selbstverständliche Wahrheit. Wenn nun auch Theosophie als eine Bezeichnung gebraucht wird für Geistesströmungen, die schon oft in der Kulturentwickelung aufgetreten sind, so wie sie auf diesem Kongresse in einem kurzen Vortrage charakterisiert worden ist, stellt sie eine absolut neue Geistesrichtung dar. Sie will eine Eröffnung der Tore zu einer übersinnlichen Welt sein. Und sie will diese Welt nicht durch bloßes spekulatives Denken finden, sondern durch wirkliche Wahrnehmung, welche der menschlichen Seele ebenso zugänglich ist wie die Wahrnehmung der physischen Sinne. Man ist gewöhnlich der Ansicht, daß eine solche Wahrnehmung in geistiger Art nur in Zuständen der Vision, der Ekstase in der Seele auftritt, und daß sie bei den mit ihr begnadeten Menschen keiner wissenschaftlichen Kontrolle unterliege. Deshalb will man ihr auch keinen anderen Wert beilegen als einen solchen persönlicher Erlebnisse der einzelnen menschlichen Individuen. Mit dieser Art von Seelenerlebnissen hat die moderne Theosophie nichts gemein. Sie zeigt, daß in der menschlichen Seele Erkenntniskräfte schlummern, welche im gewöhnlichen Leben und auch in der äußeren Wissenschaft nicht zutage treten. Diese Kräfte können durch Meditation und durch eine energische Konzentration des inneren Empfindungs- und Willenslebens wachgerufen werden. Es muß die Seele, um dazu zu kommen, sich abschließen können gegenüber allen äußeren Eindrücken und auch gegenüber allem, was das Gedächtnis von solchen äußeren Eindrücken aufbewahrt. Meditation ist die intensive Hingabe der Seele an Vorstellungen, Empfindungen und Gefühle, so, daß man kein Bewußtsein davon entwickelt, was diese Vorstellungen oder Gefühle für die physische Welt bedeuten, sondern so, daß diese sich innerhalb des Seelenlebens als Kräfte erweisen, welche die Seele gleichsam durchstrahlen und so aus deren Tiefen Mächte herausholen, deren sich der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht bewußt ist. Die Wirkung dieser inneren Versenkung ist eine solche, daß sich durch sie der Mensch als einer geistigen Realität seines eigenen Wesens bewußt wird, von welcher er sonst keine Wahrnehmung hat. Bevor er solche Übungen anstellt, erkennt er sich als eine Wesenheit, welche durch körperliche Organe von sich und von der Welt etwas weiß. Nach solchen Übungen weiß er, daß er ein Leben in sich entfalten kann, auch ohne daß ihm seine körperlichen Organe ein solches Leben vermitteln. Er weiß, daß er sich geistig abtrennen kann von seinem physischen Körper und daß er durch diese Abtrennung nicht in den Zustand der Bewußtlosigkeit versinken muß. Und er erlangt nicht nur von sich selbst eine solche Erkenntnis, sondern auch von einer übersinnlichen Welt, welche sich für die gewöhnliche Erkenntnis hinter der physisch-sinnlichen Welt verbirgt und in welcher die wahren Ursachen dieser letzteren liegen.—

Auf diese Art lernt der Mensch auch erkennen, daß er als seelisch-geistiges Wesen ebenso abstammt von Seelisch-Geistigem wie er als physisches Wesen abstammt von seinen physischen Vorfahren. Nur muß er empfinden, daß das seelisch-geistige Wesen, von dem er abstammt, er selbst ist, während er seine physischen Vorfahren von seinem Selbst unterscheidet. Es eröffnet sich ihm dadurch der Ausblick auf wiederholte Erdenleben. Durch wirkliche Beobachtung lernt er verstehen, daß sich das Menschenleben wahrhaft zusammensetzt aus dem Leben der Seele im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod, und daß darauf ein geistiges Dasein folgt, das in der Regel wesentlich länger ist als das physische. Nach diesem geistigen Dasein muß wieder eine physische Verkörperung folgen, und so fort, bis mit dem Erdenziele selbst der Lauf der physischen Verkörperungen erfüllt ist.

Diese Idee von wiederholten Erdenleben (Reinkarnationen) muß gegenwärtig notwendigerweise den meisten unserer Zeitgenossen als paradox, ja grotesk erscheinen. Aber es wird mit ihr so sein, wie mit der Idee des Francesco Redi, der vor wenigen Jahrhunderten zuerst gegen den Widerstand seiner Zeitgenossen den Gedanken vertrat, daß ein Lebenskeim nicht durch Kombination unlebendiger Stoffe, sondern nur als Nachkomme eines gleichgearteten Lebewesens entstehen kann. Was vor wenigen Jahrhunderten den Menschen als phantastische Idee des Francesco Redi erschienen ist, gilt gegenwärtig als allgemein anerkannte Wahrheit.

Damit ist nur auf eines der vielen Ergebnisse der modernen Theosophie hingewiesen. Die meisten Mißverständnisse, welche dieser entgegengebracht werden, entspringen daraus, daß man meint, sie wolle eine Wiedererneuerung des Buddhismus sein. Sie ist dies nicht in derjenigen Gestalt, welche sieim Abendland angenommen hat. Denn wenn es nie einen Buddhismus gegeben hätte, so müßte doch die charakterisierte Entwickelung höhere Erkenntniskräfte in der Seele zur Auffindung der theosophischen Wahrheiten führen.

In ihrer modernen Form will die abendländische Theosophie keine Religion sein oder begründen, sondern eine Erweiterung der Wissenschaft in das übersinnliche Weltgebiet. Damit wird sie nicht selbst Religion, sondern ein Instrument zum vertieften Verstehen des religiösen Lebens. Sie tritt als ein solches Instrument an das Christentum heran; und es zeigt sich ihr, daß in dem Christentum Tiefen des Lebens liegen, welche nur gefunden werden können, wenn man sich ihm nahet mit einer Wissenschaft des Übersinnlichen. Es zeigt sich, wie die Begründung des Christentums nur begriffen werden kann als eine Tat, die aus einer übersinnlichen Welt stammt, und welche ihre Strahlen in die physische Geschichtsentwickelung der Menschheit hereingeworfen hat. Gerade dadurch, daß erkannt wird, wie der Mensch sein volles Erdenleben in wiederholten Verkörperungen vollendet, tritt die übermenschliche, die göttliche Natur Christi hervor. Die Christuswesenheit ist für die wahre übersinnliche Beobachtung nur einmal in einem physischen Körper anwesend gewesen. Und sie ist seit dem Ereignis auf Golgatha mit der Menschheitsentwickelung auf Erden verbunden. Der höchste Gipfel der übersinnlichen Beobachtung besteht darin, daß in der geistigen Welt Christus als die dirigierende Kraft erkannt wird. Je mehr die Seele übersinnliche Erkenntniskräfte entwickelt, desto näher kommt sie der Christuswesenheit. Die Theosophie stört in keiner Weise den religiösen Glauben des Christen, sondern sie befestigt ihn, indem sie ihn zu einer übersinnlich-wissenschaftlichen Wahrheit erhebt. Wenn für die gewöhnliche Wissenschaft das Wesen des Christentums für viele Menschen zweifelhaft werden kann, so wird es zu einer unerschütterlichen Wahrheit für die wissenschaftlichgeistige Beobachtung. Durch das Instrument der Theosophie werden in den Evangelien die in ihnen enthaltenen Wahrheiten erst im rechten Lichte gesehen werden können.

Für diejenigen, welche die theosophische Geistesrichtung verfolgt haben, seitdem sie im Jahre 1875 durch die Theosophische Gesellschaft begründet worden ist, kann es befremdlich erscheinen, daß hier von dem theosophischen Gesichtspunkte aus in dieser Art vom Christentum gesprochen wird. Denn man hält dafür, daß die Hauptlehren der Theosophie mit orientalischen Religionssystemen, vor allem mit dem Brahmanismus oder Buddhismus übereinstimmen. Und es ist auch richtig, daß gegenwärtig noch viele Vertreter der Theosophie diese in einer Art darstellen, welche eine solche Meinung berechtigt erscheinen läßt. Doch muß gesagt werden, daß die ersten Begründer der Theosophie das Wesen des Christentums nicht verstanden haben, und daß dieses auch gegenwärtig noch viele wichtige Vertreter der Theosophie nicht verstehen. Es müßte erst die Theosophie selbst eine gewisse Stufe erreichen, um zu erkennen, daß im Christentum nicht nur ein Fortschritt liegt gegenüber allen ihm vorangegangenen Religionssystemen, sondern daß es tatsächlich die wahren Seiten aller anderen Religionen in sich vereinigt, wenn es richtig verstanden wird.

Theosophie kann nicht Religion als solche sein; aber sie ist ein Weg zum vollen Verständnisse der Religion, wie sie auch ein solcher ist zum echten Verständnisse der Natur und des Geistes. Weil dies verkannt wird, deshalb erwachsen gegenwärtig noch der Theosophie Gegner sowohl auf Seite der religiös gesinnten, wie auch der religionsgegnerischen Persönlichkeiten. Die ersteren meinen, sie könnten durch die Theosophie ihre Religion verlieren. Sie werden bei einer richtigen Vertiefung in die Theosophie erkennen, daß die wahre Religiosität durch die Theosophie ebensowenig verlorengeht, wie die Herrlichkeit der Naturerscheinungen durch die wissenschaftliche Betrachtung.

Die anderen glauben, daß 'Theosophie wieder zum blinden Glauben zurückführen müsse. Sie könnten sich durch wirkliche Bekannschaft mit der Theosophie davon überzeugen, daß der Verlauf der menschlichen Geschichte nicht eine Aufeinanderfolge von Irrtümern, sondern eine Entwickelung der Wahrheit ist. Sie werden zu der Einsicht kommen, daß wahre Wissenschaft die schönsten Blüten des menschlichen Geisteslebens — eben die religiösen — nicht begreift, indem sie dieselben als Illusionen enthüllt, sondern indem sie deren Wahrheit zutage fördert.

Wer die Entwickelung der Seelen in unserer Zeit betrachtet, muß finden, daß in ihnen der Durst nach einer Erkenntnis der übersinnlichen Welt lebt. Die gewöhnlichen Wissenschaften weisen einen wunderbaren Fortschritt auf. Sie haben unsere Kultur gänzlich umgewandelt in verhältnismäßig kurzer Zeit. Sie haben Lösungen gebracht von Fragen für das äußere Leben und werden in der Zukunft noch viele bringen. Für das Seelenleben haben sie — bei richtiger Betrachtung — keine Lösungen gebracht, sondern werfen unaufhörlich neue Fragen auf. Auf solche Fragen wird von den traditionellen Religionsvorstellungen keine Antwort gegeben. Man kann da nicht einwenden: diese Antworten seien doch vorhanden, nur werden sie von vielen unserer Zeitgenossen nicht mehr als Antwort empfunden. Daß sie als solche nicht mehr empfunden werden, darin liegt das Wesentliche, das die moderne Menschheit vor neue Aufgaben des inneren Lebens stellt. Wenn diese Menschheit diese Aufgaben durch die Wissenschaft des Übersinnlichen erfassen wird, dann kann Harmonie geschaffen werden zwischen den Sehnsuchten der Seelen, welche erwachsen durch das moderne Leben. Wenn dieses Erfassen nicht eintreten sollte, dann müßten die neuen Fragen als brennender Durst der Seelen ohne Lösungen bleiben. Fragen aber, welche sich die Seelen stellen müssen, ohne zu Antworten gelangen zu können, bedeuten Seelenleerheit, Seelenunglück; Erreichung der Antworten auf solche Fragen bedeutet Seelenfrieden, Seelenstärke, Seelenglück. Und diese braucht die moderne Menschheit, wenn ihre herrliche äußere Kultur nicht selbst ohne Seele bleiben soll.

German original of Theosophy and Contemporary Intellectual Life · Next →