7. Ein Wort über Theosophie auf dem Vierten Internationalen Kongress für Philosophie

Über die psychologischen Grundlagen der Theosophie und deren wissenschaftliche Rechtfertigung sprach innerhalb der Sektion für Philosophie der Religionen Dr. Rudolf Steiner aus Deutschland. Der Redner wies darauf hin, daß er einen Gegenstand zu vertreten habe, welcher gegenwärtig noch in den weitesten Kreisen nicht als wissenschaftlich angesehen werde. Dies sei aber ganz begreiflich. Denn die in Frage kommende Geistesrichtung habe eine ganz andere Art von Erkenntnis im Auge als die übrigen gegenwärtigen philosophischen Richtungen. Diese fragen, wie ist die Seele des Menschen, und was kann sie dadurch erkennen, daß sie in einer gewissen Art beschaffen ist? Theosophie aber, in dem Sinne, wie der Redner sie vertritt, muß von der Seele sagen, daß diese über den sogenannten normalen Zustand sich erheben könne und dadurch ihre Erkenntniskräfte aus dem Gebiete des Sinnlichen und Intellektuellen in dasjenige des Übersinnlichen erstrecken könne. Es sei jedoch mit einem solchen anderen Zustand der Seele nicht derjenige gemeint, den man in der gewöhnlichen Psychologie als das «Unterbewußte» oder «Unbewußte» bezeichne, auch nicht derjenige einer Vision, Ekstase oder dergleichen, sondern ein Zustand, der unter strengster Selbstkontrolle der Seele erreicht werden kann. Um zu demselben zu kommen, muß die Seele sich strengen, intimen Übungen unterwerfen. Sie muß sich mit Ideen, Gedanken und Empfindungen durchdringen, welche nicht den gewöhnlichen Charakter von Abbildungen eines äußerlich Wirklichen tragen, sondern welche einen mehr symbolischen Charakter tragen. Die Seele muß nun von ihrem Leben alle sinnlichen, gedächtnis- und verstandesmäßigen Impressionen und Inhalte ausschließen, und in fortgehender Wiederholung immer wieder mit den charakterisierten symbolischen Vorstellungen ganz eins werden. Es resultiert daraus ein ganz bestimmtes Erlebnis, welches darin besteht, daß die Seele sich als innere Realität erfaßt, welche unabhängig von der Körperorganisation in sich selber ruht. Der Mensch weiß durch dieses Erlebnis, daß er als Seele real von seinem Körper unabhängig leben kann. Die Übungen müssen von diesem Punkte aus weitergehen. Der Mensch muß die symbolischen Vorstellungen wieder aus seinem Seelenleben entfernen und nur auf die eigene Tätigkeit den inneren Sinn lenken, auf jene Tätigkeit, durch welche er die Symbole in sich erlebt hat. Durch diese Übung wird eine Verdichtung des vom Körper unabhängigen Seelischen erreicht; und in dieses Innenleben strömt nun der Inhalt einer geistigen Welt so ein, wie der sinnliche Inhalt in das sinnliche Wahrnehmen einströmt, wenn Augen und Ohren auf die physische Außenwelt gerichtet sind. Es sind dadurch neue Stufen der Erkenntnis eröffnet; die erste, in welcher die symbolischen Vorstellungen das Seelenleben umwandeln, kann als die imaginative Erkenntnis, die zweite, welche erst entsteht, wenn die Symbole wieder aus dem Bewußtsein entfernt worden sind, die Erkenntnis durch Inspiration genannt werden. Der Redner macht dann noch darauf aufmerksam, wie die Theorie der Wissenschaft gegenwärtig einer so geschilderten Seelenentwickelung nicht zustimmen könne, weil sie von vornherein das «Ich» des Menschen in die leibliche Innenwelt verlegt. Doch wird eine Erkenntnistheorie der Zukunft anerkennen, daß das Ich in Wahrheit schon in der geistigen Außenwelt liegtund das gewöhnliche Ich nur als sein Abbild in die Leibesorganisation hineinspiegelt. Eine solche Erkenntnistheorie wird sich mit der Theosophie vollständig versöhnen können.

An die durch die kurz bemessene Zeit aphoristisch gegebenen Darstellungen des Redners schloß sich eine lebhafte Debatte. Es stellte der bekannte Platoniker Dr. W. Lutoslawski an den Redner eine Reihe von Fragen. Durch diese kam noch zur Erörterung, daß die Seelenübungen des modernen Menschen nicht so wie jene in alten Zeiten auf physische Isolierung von der Umgebung, auf ein extrem asketisches Leben und dergleichen begründet sind, sondern daß sie den Hauptwert auf die Entfaltung derjenigen geistigseelischen Kräfte legen, welche im Innern des Menschen dessen Isolierung des Bewußtseins herbeiführen. Auf eine andere Frage Lutoslawskis hin bemerkt der Redner, daß die Methoden der Seelenübung, wie sie für den Menschen der modernen Kulturen entsprechend sind, sich durch entsprechende Führer des geistigen Lebens seit dem elften und zwölften Jahrhundert ausgebildet haben.

Ein weiterer Diskussionsredner, Herr Dr. Stark, frägt, ob ein objektives Kriterium angeführt werden könne für dasjenige, was der Mensch nach der entsprechenden Vorbereitung als Tatsachen der geistigen Welt findet. Der Redner antwortet darauf, daß zum Forschen, zum Erleben in den übersinnlichen Welten eine so vorbereitete Seele gehöre, wie sie geschildert worden sei. Wenn jedoch die Tatsachen dieser Welten in entsprechender logischer Form mitgeteilt werden, dann kann die wirklich unbefangene Logik des gewöhnlichen Bewußtseins über sie entscheiden und sie als richtig anerkennen. Auf eine entsprechend gestellte Frage desselben Diskussionsredners sagt Dr. Steiner noch, daß die Zeitepoche eben zu beginnen scheine, in welcher die charakterisierte Theosophie in das geistige Kulturleben einfließen und zu einem anerkannten allgemeinen Gut der menschlichen Wissenschaft sich gestalten werde.

German original of A Word about Theosophy at the Fourth International Congress of Philosophy · ← Previous · Next →