8. Was Soll de Geisteswissenschaft und Wie Wird Sie Von Ihren Gegnern Behandelt?
Seit diejenige Form der «Geisteswissenschaft», zu welcher sich der Schreiber dieser Seiten bekennt, bei den Zeitgenossen einige Beachtung findet, besonders seit daran gedacht werden konnte, der Pflege dieser Wissenschaft eine eigene Stätte, eine «Hochschule für Geisteswissenschaft» (in Dornach im Kanton Solothurn) zu erbauen, melden sich, von den verschiedensten Seiten her, die Angriffe ihrer Gegner. Versucht wird, die Erkenntnisse der Geistesforschung auf Träumereien, Phantastereien ihrer Vertreter, die Ausbreitung derselben über eine ganze Reihe von Kulturländern auf die blinde Gläubigkeit der Anhänger und auf manches andre zurückzuführen, das man in nicht sympathischen Farben darzustellen sich bestrebt. Die Bekenner verschiedener Religionsrichtungen finden in der Geisteswissenschaft etwas, das sie bekämpfen zu müssen glauben. Sie malen gar mancherlei Gefahren hin, die aus ihr dem religiösen Empfinden drohen sollen.
Wer in den wahren Sinn der Geistesforschung wirklich eindringen will, dem kann es nicht schwer werden, einzusehen, auf welch unbegründeten Voraussetzungen die Angriffe der Gegner aufgebaut sind. In fast allen Fällen könnte auf die leichteste Art das Gewebe der objektiv unrichtigen Behauptungen aufgedeckt werden, auf denen diese oft bis zu persönlicher Verunglimpfung sich versteigenden Angriffe beruhen. Und in den Fällen, wo solche Angriffe von den Erkenntnissen der Geistesforschung sprechen, liegt ihnen zumeist die allermangelhafteste, die mißverständlichste Auffassung dieser Erkenntnisse zugrunde. Es werden Zerrbilder dieser Erkenntnisse gegeben, welche die Gegner sich erst selbst zurechtlegen; und auf diese hin kann dann selbstverständlich eine leichte «Widerlegung» gefunden werden.
Es besteht bei dem Schreiber dieser Ausführungen nicht die Absicht, in denselben auf diesen oder jenen einzelnen Angriff einzugehen; dagegen möchte er im allgemeinen einiges sagen über Sinn und Bedeutung der Geisteswissenschaft gegenüber den Vorurteilen, welche ihr entgegengebracht werden.
Zunächst darf bemerkt werden, daß besonders solche «Angriffe» in Verwunderung versetzen können, welche auf die Geistesforschung von Vertretern der religiösen Bekenntnisse gemacht werden. Man hat doch nur eine geringe Einsicht in diese Forschung nötig, um zu erkennen, daß dieselbe von sich aus keinem religiösen Bekenntnisse gegnerisch gegenübertreten will. Denn sie betrachtet sich selbst nicht als ein neues religiöses Bekenntnis; sie ist von jeder Art Religionsgründung oder Sektenbildung so weit wie nur möglich entfernt. Sie will sein die echte, wahre Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart, wie diese sich in der Morgenröte der neueren Kultur durch Kopernikus, Kepler, Galilei, Giordano Bruno und andere dem Geistesleben der Menschheit einverleibt hat. Aus derselben Denkergesinnung heraus, aus der Galilei, Bruno und so weiter das Reich der Natur betrachteten, will Geisteswissenschaft das Reich des Geistes betrachten. Und so wenig des Kopernikus Lehre, daß die Erde sich bewege, der wahren Religiosität Abbruch getan hat, so wenig kann zum Beispiel das geisteswissenschaftlich richtig verstandene Gesetz, daß die menschliche Seele wiederholte Erdenleben durchmacht, der wahren Religiosität irgendwelche Gefahr bringen. — Es wurde allerdings nach dem Auftreten des Kopernikus geglaubt, daß seine Lehre der Religion abträglich sei; man kann aber diesem Glauben gegenüber denken wie ein gelehrter Priester, der, zum Rektor einer großen Universität gewählt, eine Rektoratsrede über Galilei gehalten und in derselben die so einleuchtenden Worte gesprochen hat, daß die Zeitgenossen des Kopernikus sich aus mißverstandener Religiosität gegen diesen gewandt haben, daß hingegen in unsrer Zeit der wahrhaft religiöse Mensch erkennen sollte, wie jede neue Einsicht in den Weltzusammenhang ein neues Stück zur Offenbarung der göttlichen Weltenlenkung hinzufügen müsse. - Die Weltgeschichte ist über die Meinung, welche den Kopernikus ablehnen wollte, hinweggeschritten, und diejenigen, welche die Geisteswissenschaft im echten Sinne erfassen, müssen sich der Ansicht hingeben, daß über die Gegnerschaft, welche dieser Wissenschaft in unsrer Zeit erwächst, viel schneller hinweggeschritten werden wird. Denn selbst, wo diese Gegnerschaft aus gutem Glauben hervorgeht, ist sie von keiner anderen Gesinnung getragen, als diejenige war, die sich gegen die Kopernikanische Weltanschauung richtete. Fragen möchte man nur: Warum machen sich die Träger solcher Gesinnung die Lehren nicht zunutze, die aus der Tatsache gezogen werden können, daß so viele nicht müde geworden sind, zu sagen, die Lehre des Kopernikus widerspreche der Bibel? Täten sie dieses, so könnten sie die Geisteswissenschaft so wenig als Gegner der Bibel anklagen, wie sie es gegenwärtig sicher nicht mehr mit der Lehre von der Erdbewegung tun.
Geisteswissenschaft ist die wahre Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Forschung dadurch, daß sie das Gebiet des Geistes mit denjenigen Mitteln zu erkennen strebt, welche für dieses Gebiet tauglich sind. Als Fortsetzerin der Naturwissenschaft kann sie nicht selbst bloße Naturwissenschaft sein. Denn diejenigen Mittel, welche dieser Wissenschaft so gewaltige Triumphe gebracht haben, vermochten dies eben aus dem Grunde, weil sie der Erforschung der Natur im höchsten Maße angepaßt waren, und weil diese Forschung sie nicht durch andre - nicht für das Naturgebiet geeignete — beeinträchtigt hat. Um auf dem Gebiete des Geistes ein Ähnliches zu leisten, wie Naturwissenschaft auf dem der Natur geleistet hat, muß Geisteswissenschaft andre Erkenntnisfähigkeiten zur Entwickelung bringen, als die in der Naturforschung anwendbaren sind. Damit muß sie allerdings einen Gesichtspunkt geltend machen, der begreiflicherweise in der Gegenwart vielseitigem Zweifel begegnen kann. Man betrachte doch nur einmal unbefangen, was über diese «andern Erkenntnisfähigkeiten» gesagt wird. Es sind Fähigkeiten, welche durchaus in der Entwickelungslinie der gewöhnlichen menschlichen Seelenkräfte liegen. Wie muß die Geisteswissenschaft ihren Unterschied von der Naturwissenschaft auffassen? Die Erforschung der Natur kann nur mit den Erkenntniskräften gepflegt werden, welche der Mensch im naturgemäßen Verlauf seines Lebens erlangt und die zum Zwecke dieser Erforschung durch geregelte Beobachtung und wissenschaftliche Versuchswerkzeuge unterstützt werden. Um in die geistige Welt einzudringen, muß sie der Mensch durch geistig-seelische Übungen über den Punkt hinaus weiterentwickeln, bis zu dem sie ohne solche Übungen sich — gleichsam von selbst - bilden. Es geschieht auf diese Weise mit dem Menschen auf einer andern Stufe etwas Ähnliches wie beim Kinde, das aus den Fähigkeiten seiner ersten Jahre diejenigen seines späteren Alters herausentwickelt. Wie das Kind lernt, seine Seelenfähigkeiten so zu gebrauchen, daß ihm der Leib ein gutes Werkzeug wird für das Erleben in der Sinneswelt, so kann der Mensch seine Erkenntniskräfte weiterbilden, so daß er in einem leibfreien Zustand - bloß als Seele - wahrnehmen und erleben kann. Es geschieht dies dadurch, daß die Seele gewisse Verrichtungen, welche sie in geringem Maße auch schon im gewöhnlichen Leben anwendet, unbegrenzt verstärkt, und es so dahin bringt, alles, was an ihr seelisch-geistig ist, aus dem Leibe gleichsam herauszuziehen. Sie kann dann — für kurze, begrenzte Zeitabschnitte — ihren Leib außer sich erleben, sich selbst aber in eine Welt versetzt wissen, in welcher sie mit geistigen Wesenheiten und geistigen Vorgängen lebt, wie sie in der sinnlichen Welt von sinnlichen Vorgängen und Wesen umgeben ist. Durch welche Art von geistig-seelischen Übungen dieses erreicht wird, findet man in meinen Büchern: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft» dargestellt. Was die Seele durch solche Übungen an sich als Veränderung erlebt, ist in meinem Buche: «Die Schwelle der geistigen Welt» beschrieben. Wer sich auf die Darstellung solcher tatsächlicher Vorgänge, wie sie in diesen Büchern beschrieben sind, nicht einlassen will, der wird die Möglichkeit eines leibfreien Seelenlebens leugnen können, wie ja schließlich jemand auch sagen könnte: ich glaube nicht, daß der Wasserstoff als etwas, das vom Wasser ganz verschieden ist, aus dem Wasser heraus entwickelt werden kann; er kann das sagen, wenn er sich nicht darum bekümmern will, daß durch die Chemie das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird. Aber es kann der Mensch — durch eine Art geistiger Chemie — sich selbst zerlegen in die physische Leiblichkeit und in das Geistig-Seelische. Die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft ist die gleiche wie diejenige der Naturwissenschaft; nur muß diese Vorstellungsart, um über die Natur hinauszukommen, entsprechend weitergebildet werden. Betont muß aber immer werden: zum Erforschen der Wesen und Vorgänge in der geistigen Welt ist die Entwickelung der gekennzeichneten Seelenkräfte notwendig; um aber einzusehen und begreiflich zu finden, was der Geistesforscher durch diese Seelenkräfte findet, dazu ist nur ein vorurteilsloses, unbefangenes Betrachten der Ergebnisse der Geistesforschung mit den gewöhnlichen Seelenfähigkeiten vonnöten. Und man kann sagen: nicht darum lehnen so viele Menschen diese Ergebnisse ab, weil diese sich dem gewöhnlichen Verständnisse nicht als einleuchtend erwiesen, sondern allein deswegen, weil diese Menschen sich das Verständnis durch Vorurteile und Befangenheit trüben lassen. — Es gehört ja in der Tat eine gewisse Unbefangenheit dazu, sich zu gestehen: der Mensch, so wie er im gewöhnlichen Leben ist, sei noch nicht so ganz vollkommen; er könne noch in ihm schlummernde Seelenkräfte entwickeln, ja, diese Kräfte müssen sogar entwickelt werden, wenn sich die geistige Welt offenbaren soll. Das aber zeigt die Geisteswissenschaft, daß für die Sinne und die gewöhnlichen Seelenkräfte nur die sinnliche, dem Tode unterworfene Welt wahrnehmbar ist, und daß sich eine andre, nicht dem Tode unterworfene Welt nur den dazu erst erschlossenen Seelenkräften kundgeben kann.
Wer in diese Dinge sich Einblick verschafft, der kann nur die tiefste Befriedigung davon empfinden, daß in unserer Zeit schon in fast allen Kulturländern Menschen Interesse der Geisteswissenschaft entgegenbringen. Denn dieses Interesse, diese Ausbreitung der Geisteswissenschaft ist ein Zeugnis für den gesunden Wahrheitssinn, für den Willen zu unbefangener Erfassung des Lebens. Wer sich diesen Einblick nicht verschaffen will, der wird von den Bekennern der Geisteswissenschaft behaupten können: diese laufen deren Vertretern aus blinder Gläubigkeit nach. In Wahrheit steht die Sache so, daß die rechten Bekenner der Geisteswissenschaft dies gerade deshalb sind, weil sie sich über blinde Gläubigkeit erheben können. Die Gegner der Geistesforschung verdächtigen gerne diejenigen Menschen der blinden Gläubigkeit, bei denen sie bemerken, daß sie an andres sich halten, als an die oft recht «blinde Gläubigkeit» dieser Gegner selbst.
Eine viel beliebte und doch nur irreführende Art, über die Geisteswissenschaft abfällig zu sprechen, besteht darin, daß man ein entstelltes Bild gibt über die «Zusammensetzung der Menschenwesenheit» im Sinne dieser Wissenschaft, und dann dieses entstellte Bild kritisiert. Wer sich die Mühe nimmt, aus meiner «Theosophie» die Art zu erkennen, wie Geisteswissenschaft zu dieser «Zusammensetzung» gelangt, der kann finden, daß damit das Streben, die Natur des Menschen zu erkennen, wie es ein Ideal aller Weltanschauungen war, auf eine Form gebracht werden soll, welche den Forderungen der gegenwärtigen Wissenschaft genügt. Neu an dieser «Zusammensetzung» ist im Grunde nur dasjenige, was durch die oben charakterisierten geistigen Fähigkeiten gewonnen wird. Das andere findet sich bei einer großen Anzahl einsichtiger Seelenforscher. Wenn man die «Siebenzahl» verfänglich findet als Zahl der menschlichen Wesensglieder, so sollte man auch verfänglich finden, daß das Licht in sieben Regenbogenfarben, der Ton in einer siebengliedrigen Tonleiter (die Oktav ist wieder Grundton) zur Offenbarung kommend gedacht werden müssen. Denn in demselben Sinne, nur auf einer höheren Stufe, offenbart sich der Mensch in sieben Gliedern, wovon drei, an den Leib gebunden, vergehen, drei - als geistige - unsterblich sind, und ein mittleres das Bindeglied bildet zwischen dem sterblichen und dem unsterblichen Teil des menschlichen Wesens. Es wird eine Zeit kommen, in welcher es ebensowenig ein «Aberglaube» sein wird, anzuerkennen, daß der Mensch diese «sieben» Glieder hat, wie es heute als «Aberglaube» gilt, daß der Regenbogen aus «sieben» Farben besteht. — Wer einfach sagt: die Theosophen geben sich mit Leib, Seele und Geist nicht zufrieden, sie wollen herausgefunden haben, daß der Mensch aus «sieben» Gliedern zusammengesetzt ist, der führt irre, weil er bei seinen Zuhörern und Lesern durch die Vorenthaltung der wahren Gründe für diese «Siebenzahl» die Vorstellungerweckt, diesieben Glieder seien auf eine Willkür hin angenommen, während sie sich ergeben auf Grund sorgfältiger geisteswissenschaftlicher Forschung.
Und wie oft wird behauptet, das Gesetz der «wiederholten Erdenleben» beruhe auf einem «bloßen Glauben». In Wahrheit beruht es auf den sorgfältigsten und nach Tiefe strebenden geisteswissenschaftlichen Untersuchungen. Durch diese findet man, daß sich im Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod ein «Seelenkern» in Entwickelung zeigt, der ebenso die Grundlage eines neuen Menschenlebens ist, wie der in der Pflanze sich entwickelnde Pflanzenkeim die Grundlage eines neuen Pflanzenlebens ist, das sich in der Vorgängerpflanze also bereits veranlagt findet. Da der Pflanzenkeim physischer Natur ist, so findet man ihn mit den Mitteln der Sinneswissenschaft; da der «Seelenkern» geistig-seelischer Art ist, so kann ihn nur die Seele beobachten, welche sich in einen leibfreien Zustand in oben beschriebenem Sinne versetzt. Und so wird im Menschen — streng wissenschaftlich - der unsterbliche Seelenkern gefunden; er wird nicht etwa bloß vorgestellt auf eine Analogie (einen Vergleich) hin mit dem Pflanzenleben. Er zeigt sich der geistigen Beobachtung als dasjenige, was zwischen Geburt und Tod im gegenwärtigen Leben schon vorhanden ist, jedoch die Kräfte enthält, um die Seele über den Tod in ein rein geistiges Leben — zwischen dem Tode und einer neuen Geburt — zu führen und nach Verlauf dieses Lebens sie wieder zu einem neuen Erdenleben zurückzugeleiten. Daß auf höherer Stufe für das Menschenwesen etwas Ahnliches - nur mit dem Unterschiede, daß es geistig-seelisch ist — gefunden wird, wie auf niederer Stufe für das Pflanzenleben, bezeugt, daß Geisteswissenschaft die wahre Fortsetzerin der Naturwissenschaft ist. - Der Pflanzenkeim — als physisches Wesen — kann zugrunde gehen, ohne ein neues Pflanzenwesen zur Entfaltung zu bringen; der «Seelenkern» erweist sich als unvergänglich; es gibt nichts, das ihn am Weiterführen des Lebens der Seele verhindert. Und wie die «wiederholten Erdenleben» Forschungs-Ergebnis und nicht «bloßer Glaube» sind, so ist es auch mit dem Gesetze von dem Zusammenhange dieser Erdenleben der Fall. Ein folgendes Erdendasein zeigt sich der Geistesforschung in bezug auf die Fähigkeiten, den Charakter und auch das Schicksal des Menschen als Wirkung der früher verbrachten Erdenleben.
Man hat wirklich nicht nötig, seinen Verstand besonders anzustrengen, um scheinbare Widerlegungen zu finden für Angaben, welche der Geistesforscher macht über spezielle Zusammenhänge zwischen den einzelnen Erdenleben der Menschen. Ja, es ist auch nicht besonders schwierig, manches auf diesem Gebiete zu verspotten, da es doch den «verborgenen Tiefen des Daseins» angehört und sich dem Gebiete des gewohnten Denkens gegenüber leicht absonderlich zeigen kann. Wenn zum Beispiel der Geistesforscher sagt: es komme vor, daß ein Mensch in einem Erdenleben idiotisch war, sich aber gerade durch seine Erlebnisse als Idiot, auf die er nach dem Tode zurückblickt, für ein folgendes Erdenleben die Kräfte zu einem philanthropischen Genie aneignet, so werden Menschen von einer gewissen Gesinnung gegenüber einer solchen Bemerkung selbstverständlich lachen und spotten; wer durch den Einblick in wahre geisteswissenschaftliche Forschung und die damit notwendig zusammenhängende Gefühlsstimmung des Forschers sich einen Begriff verschafft von dem tiefen Ernst, der einer solchen Aussage zugrunde liegen muß, von dem geistigen Arbeiten, durch das man eine solche Aussage der Seele abringt, dem werden das Lachen und der Spott vergehen. Er wird aber auch seine Seelenstimmung vertiefen gegenüber der Betrachtung der Tiefe, Herrlichkeit und inneren Würde alles Menschen- und Weltdaseins.
Wie leicht ist es ferner, etwa zu sagen: ja, was wird aus der menschlichen Freiheit, wenn des Menschen Tun von seinen vorangehenden Erdenleben bestimmt wird? Denn wenn so der Mensch einem Gesetze des Schicksals gemäß handelt, so handle er doch nicht frei. Es ist eine leichtgeschürzte Logik, die in einem solchen Einwand sich enthüllt. Wenn ich meinen Fuß vorsetze, so handle ich gemäß den Lebensgesetzen meines Beines. Kann dadurch jemand die Freiheit gefährdet glauben? Wird man etwa sagen: ja, wenn ich in Gemäßheit der Lebensgesetze des Beines gehe, so bin ich im Gehen nicht frei? Ebenso wenig sollte jemand zu dem logischen Fehler sich gedrängt fühlen, zu sagen: wenn der Mensch im Sinne des Gesetzes vom Schicksal handelt, so könne nicht von Freiheit gesprochen werden. — Man kann finden, daß eine wirklich gründliche und ernsthafte Logik überall mit den Ergebnissen der Geistesforschung im Einklang steht; von einer mangelhaften Logik — die sich nur allzu oft für unfehlbar hält - kann dies allerdings nicht gesagt werden. Man kann es von einer solchen auch wohl nicht verlangen und erwarten.
Wenn es nun gegenüber den Fortschritten der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart wenigstens einen scheinbaren Grund - allerdings nur einen scheinbaren — dafür gibt, daß die Bekenner verschiedener Religionen eine Gefahr für das religiöse Leben fürchten, so sollte bei einigem besonnenem Nachdenken gegenüber der Geisteswissenschaft selbst dieses wegfallen. In den Ergebnissen der Naturwissenschaft glaubt so mancher, der nicht gründlich denken kann, etwas zu haben, was ihm eine religionslose Weltanschauung aufnötigt. Er glaubt, daß Naturwissenschaft gegen Unsterblichkeit und göttliche Weltenlenkung spreche. So wahr es nun auch ist, daß echte Geisteswissenschaft keine neue Religion oder Sekte stiften will, so wahr ist es auch, daß sie Herz und Gemüt des Menschen im schönsten und höchsten Sinne religiös stimmt, daß sie die beste Förderin tiefsten religiösen Empfindens ist. Nur ein solcher kann sich dieser Einsicht verschließen, dem es im Ernste gar nicht um die Förderung wahrer Religiosität zu tun ist, sondern dem es darauf ankommt, das Wissen von den geistigen Welten zu unterbinden. Wer für sein religiöses Empfinden, seine Gottesvorstellung wirklich den rechten Glauben aufbringt, der wird nicht so schwachmütig sein können, zu meinen, daß dieses religiöse Empfinden, diese Gottesvorstellung durch eine Erweiterung des Wissens Schaden nehmen können. Man denke doch nur, daß jemand dem Kolumbus gesagt hätte, er dürfe kein unbekanntes Land entdecken, denn man müsse fürchten, daß in einem solchen Lande die Sonne vielleicht nicht scheine, die doch das alte Land so herrlich erleuchte. Der Verständige hätte erwidert, daß die Sonne über jedes neu entdeckte Land scheinen werde. Wer eine Gottesvorstellung, ein religiöses Leben hat, die tief und wahr genug gegründet sind, der fürchtet für diese Vorstellung und dieses Leben nicht, denn er weiß, der wahre Gott offenbart sich in jedem physischen oder geistigen Gebiete, das der Mensch je entdecken kann; und das echte religiöse Empfinden muß vertieft und nicht untergraben werden, wenn der Mensch seinen Blick über den Umkreis des Weltendaseins erweitert.
Besonders anstößig ist für viele Menschen dasjenige, was die Geisteswissenschaft über die Christus-Wesenheit zu sagen hat. Und doch liegt auch dem nur ein Mißverständnis zugrunde. Wenn jemand zum Beispiel sagt, die Geisteswissenschaft behaupte, daß Jesus nicht von jung auf unter der Leitung des heiligen Geistes zum Christus herangereift sei, sondern daß er in den ersten dreißig Lebensjahren nur die leibliche Hülle zubereitet habe, in die sich bei der Taufe durch Johannes der Christus niederließ: so verzerrt er die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in diesem Punkte. Die Geistesforschung untersucht, was eigentlich durch die Johannestaufe geschehen ist, die ja ganz unzweifelhaft auch der Bibel gemäß als ein wichtiges Ereignis im Jesus-Leben zu gelten hat. (Es gibt Übersetzer des Evangeliums, welche die wichtige Stelle bei Lukas wiedergeben: «Dieser ist mein vielgeliebter Sohn; heute habe ich ihn gezeuget».) Und diese Forschung findet, daß der Christus-Geist, der Jesus von Nazareth bis zu seinem dreißigsten Jahre wie von außen geführt hat, dann in diesem Jahre in das Innerste seines Wesens eingezogen ist. Sicher wird die Bibelforschung der Zukunft erkennen, daß gerade in diesem Punkte auch das Evangelium nicht den Gegnern der Geisteswissenschaft, sondern dieser recht gibt. - Warum greift man von christlicher Seite überhaupt die Christus-Lehre der Geisteswissenschaft an? Diese enthält nichts, aber auch gar nichts von einer Verneinung dessen, was das bisherige Christentum über Christus sagt. Sie gibt nur eine Erweiterung, Erhöhung des Christus-Begriffes. Man sollte glauben, daß darüber jeder frohlocken müßte, der es ehrlich im tiefsten Herzensgrunde mit dem Christus hält. Wenn durch Geisteswissenschaft das Ereignis von Golgatha in seiner weltumspannenden Bedeutung wissenschaftlich erkannt wird, so wird ihm nichts genommen von derjenigen Anerkennung, die nur irgendein Christ dafür in Anspruch nehmen kann. Wohin kommt man, wenn man es unstatthaft findet, daß jemand über den Christus noch etwas anderes glaubt, als man selber glauben will? Man kommt dazu, zu sagen: ich verlange von dir nicht nur, daß du glaubst, was ich glaube; sondern ich mißbillige an dir, daß du auch noch etwas wissen willst, was ich nicht wissen und nicht glauben will.
In diesen Ausführungen sollten nur einige, wenige Gesichtspunkte angegeben werden, welche vielleicht geeignet erscheinen, auf manches unrichtige Urteil über die Geisteswissenschaft hinzuweisen. Wollte man einzelnes besprechen, was über diese da oder dort gesagt wird, man müßte wohl mehr als einige Seiten schreiben. Aber man würde sicherlich, wenn man dieses täte, die unrichtigen Urteile nicht zum Verstummen bringen, welche zum Beispiel im Gefolge des Baues der Dornacher «Hochschule für Geisteswissenschaft» in Umlauf gesetzt worden sind. — Dieser Bau wird der anthroposophischen Gesellschaft dienen, welche einzig und allein der Pflege der hier charakterisierten Geisteswissenschaft gewidmet ist. Diese Gesellschaft ist zwar aus der sogenannten «Theosophischen Gesellschaft» hervorgegangen, hat aber nunmehr nicht das geringste mit dieser zu tun. Die Mitglieder dieser anthroposophischen Gesellschaft veranstalteten seit einer Reihe von Jahren in jedem Sommer in München geisteswissenschaftliche und künstlerische Darbietungen. Zu diesen fanden sich die Mitglieder aus allen westeuropäischen Ländern zusammen. Die wachsende Zahl der teilnehmenden Mitglieder wurde so groß, daß ein eigener Bau in Aussicht genommen werden mußte. Die beste Stelle für einen solchen Bau ist nun sicherlich die westliche Schweiz; der Bau ist in diesem Gebiete im Mittelpunkt desjenigen Teiles von Europa, in dem die meisten Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft ihren Wohnsitz haben. Und diese sind durch diese Lage des Baues in die Möglichkeit versetzt, im Anschlusse an die Veranstaltungen die herrlichen Naturschönheiten der Schweiz zu besuchen. Daß sich in Zukunft die Veranstaltungen über größere Teile des Jahres ausdehnen und dadurch auf naturgemäße Weise sich eine «Hochschule für Geisteswissenschaft» ergeben werde, liegt im Wesen dieser Wissenschaft und ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart. — Wer sich mit der in der anthroposophischen Gesellschaft gepflegten Gesinnung und Arbeitsweise nur ein wenig bekanntmacht, wird nicht fürchten — was auch im Gefolge des Dornacher Baues befürchtet worden ist —, daß diese Gesellschaft in der Gegend des Baues oder sonst irgendwo eine störende Propaganda treiben werde. Wer allerdings demgegenüber die Bemerkung macht: es erscheinen doch Bücher über Geisteswissenschaft; es werden doch Vorträge gehalten; ist das keine Propaganda?, dem braucht man — nichts zu erwidern, denn es könnte ihm ja auch beifallen zu sagen: du schweigst doch nicht über Geisteswissenschaft, also treibst du Propaganda. — Gesagt aber muß werden, daß die ganze Art, wie die anthroposophische Gesellschaft arbeitet, nicht auf Propaganda, sondern darauf angelegt ist, daß wahrheitsuchende Seelen aus vollster innerer Freiheit heraus und nur auf Grundlage eigner Urteilskraft eine Stätte finden, wo über die Geisteswelten nach Wahrheit gestrebt wird.
Nachwort
Die unmittelbare Veranlassung zu diesen Ausführungen gab der in der Beilage zum «Tagblatt für das Birseck, Birsig- und Leimental» gebrachte Abdruck eines Vortrages: «Was wollen die Theosophen?», den Herr Pfarrer E. Riggenbach am Familienabend der reformierten Kirchgenossen in Arlesheim am 14. Februar 1914 gehalten hat. Die Redaktion des genannten «Tagblattes» war so liebenswürdig, eine ausführliche Erwiderung von mir in seinen Spalten zu bringen, an deren Schluß ich sagte, daß «ich die ruhigsachliche, herzvolle Auseinandersetzung des Herrn Pfarrer voll würdige und ihm dafür dankbar bin.» Auf diese meine Erwiderung hin brachte das Blatt die folgenden Zeilen des Herrn Pfarrer Riggenbach:
Ein letztes Wort zur Frage: «Was wollen die Theosophen?» Herr Dr. Steiner hat mein Referat, das ich am Familienabend der reformierten Kirchgenossen gehalten habe, einer eingehenden Entgegnung gewürdigt und es schiene mir nicht richtig, über dieselbe einfach mit Stillschweigen hinwegzugehen. Darum kann es sich mir freilich nicht handeln, den Faden der theoretischen Auseinandersetzung noch weiter zu spinnen, denn bei allem Gemeinsamen sind die Ausgangspunkte doch zu verschieden, als daß wir uns verständigen, geschweige denn vereinigen könnten. Die Leser haben ja nun Gelegenheit gehabt, sich die Lehre der: Theosophen in beiderlei Beleuchtung anzusehen und wir wollen es ihnen überlassen, sich persönlich für die eine oder andere Wertung zu entscheiden. Also ans Weiter-Diskutieren denke ich einstweilen nicht, und was ich meinerseits gegen die Berichtigungen und Widerlegungen des Herrn Dr. Steiner einzuwenden hätte, das will ich ruhig für mich behalten. Wohl aber ist es mir Bedürfnis, Herrn Dr. Steiner dafür aufrichtig zu danken, daß er meinem Bemühen, seiner Sache gerecht zu werden, Anerkennung zollt. Er hat mich richtig verstanden, wenn er aus meiner ganzen Darlegung das herausgelesen hat, daß ich eine Lehre als falsch und irreführend ablehnen kann, ohne darum die Vertreter dieser Lehre irgendwie diskreditieren zu wollen. Ich hoffe vielmehr, daß wir mit den Mitgliedern der Gesellschaft, die nun unsere Gäste geworden sind, wie bisher in gutem Einvernehmen leben werden.
Arlesheim, den 2. März 1914
E. Riggenbach, Pfarrer
Diese loyale Bemerkung des Herrn Pfarrer Riggenbach veranlaßt mich, von der ursprünglich gehegten Absicht abzugehen, meine Erwiderung so als Druckschrift erscheinen zu lassen, wie sie im «Tagblatt für das Birseck, Birsigund Leimental» gestanden hat. Ich habe die Ausführungen dieser Erwiderung ganz losgelöst von ihrer Beziehung auf Pfarrer Riggenbach und das notwendig Auszusprechende ganz für sich hingestellt und durch einige Bemerkungen erweitert. Einem Gegner gegenüber, der in so vornehmer Art seine Gesichtspunkte vertritt, wie Pfarrer Riggenbach es tut, widerstrebt es mir, das einmal Gesagte mit der Beziehung auf ihn ein zweites Mal abzudrucken.
Was soll Die Geisteswissenschaft?
Eine Erwiderung Auf «Was Wollen Die Theosophen»
In der Beilage zum «Tagblatt für das Birseck, Birsig- und Leimental» ist der Abdruck eines Vortrages erschienen: «Was wollen die Theosophen?», den Herr Pfr. E. Riggenbach am Familienabend der reformierten Kirchgenossen in Arlesheim am 14. Februar gehalten hat. Da sich dieser Vortrag auch mehrfach mit der von mir vertretenen «Geisteswissenschaft» auseinandersetzen will, so wird mir die verehrliche Redaktion die Bitte gewähren, das Folgende zu den Ausführungen des Redners sagen zu dürfen. - Ich werde nur auf dasjenige Rücksicht nehmen, was in Bezug auf diese «Geisteswissenschaft» gesagt ist. Denn ich habe auch in der Zeit, in welcher ich Mitglied der sogenannten «Theosophischen Gesellschaft» war, niemals etwas Anderes vertreten, als diese Geisteswissenschaft; und ich glaube, daß bei einem genaueren Eingehen auf die von mir ausgesprochene Weltanschauung auch Herr Pfarrer Riggenbach auf seinem mißverständlichen Satz nicht beharren würde: «daß das ganze Gedankensystem, mit dem Dr. Steiner auftritt, im wesentlichen dasselbe ist, wie das von den Damen Blavatsky und Besant erfundene».
Zunächst soll ohne Rückhalt das Streben des Herrn Pfarrer Riggenbach anerkannt werden, der Sache der «Geisteswissenschaft», von seinem Gesichtspunkte aus, gerecht zu werden. Es berührt der vornehme Ton der Auseinandersetzungen, das warmherzige Wahrheitsuchen und die edle Überzeugungstreue des Herrn Pfarrer im höchsten Maße sympathisch; und ich möchte ihn bitten, das, was ich zu sagen habe, ganz objektiv und ohne mir die geringste persönliche Spitze zuzumuten, hinzunehmen.
Mich setzt jeder «Angriff», der von einem Vertreter einer religiösen Gemeinschaft gegen die «Geisteswissenschaft» gemacht wird, gewissermaßen doch wieder in Verwunderung. Denn ich versäume kaum eine Gelegenheit, um immer wieder zu betonen, daß diese Geisteswissenschaft keiner Art religiösen Bekenntnisses von sich aus gegnerisch gegenübertreten wolle, da sie sich selbst nicht als ein neues religiöses Bekenntnis betrachte, sondern als die echte Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart, wie diese in der Morgenröte der neueren Kultur durch Kopernikus, Kepler, Galilei, Giordano Bruno sich dem Geistesleben der Menschheit einverleibt hat. Aus derselben Denkergesinnung heraus, aus der Galilei, Bruno das Reich der Natur betrachteten, will Geisteswissenschaft das Reich des Geistes beobachten. Und so wenig des Kopernikus’ Lehre, daß die Erde sich um die Sonne bewege, der wahren Religiosität Abbruch getan hat, so wenig kann z. B. das geisteswissenschaftlich richtig verstandene Gesetz von den «wiederholten Erdenleben» der echten Religiosität irgend welche Gefahr bringen. - Es wurde allerdings nach dem Auftreten des Kopernikus geglaubt, daß seine Lehre der Religion abträglich sei, wie es gegenwärtig Herr Pfarrer Riggenbach von der Geisteswissenschaft glaubt. Die Weltgeschichte ist über diesen Glauben, der den Kopernikus ablehnen zu müssen sich gedrängt fühlte, hinweggeschritten; und diejenigen, welche Geisteswissenschaft im echten Sinne fassen, müssen sich der Meinung hingeben, daß über die Gegnerschaft, welche dieser Wissenschaft gegenwärtig erwächst, viel schneller hinweggeschritten werden wird als über diejenige, die sich gegen Kopernikus wandte. Immer wieder muß ich gedenken der schönen Worte, welche ein Priester, der als Theologieprofessor vor etwas mehr als zehn Jahren das Rektorat einer Universität antrat, gesprochen hat: Er sagte, die Zeitgenossen haben sich aus mißverstandener Religiosität gegen Kopernikus gewandt; gegenwärtig wird der wahrhaft religiöse Mensch anerkennen, daß jede neue Einsicht in den Weltzusammenhang zur Offenbarung der Herrlichkeit der göttlichen Weltenlenkung ein neues Stück hinzufügt. Warum macht man sich nicht zu nutze die Erfahrungen, welche diejenigen gemacht haben, welche nicht müde wurden, zu betonen, die Lehre des Kopernikus widerspreche der Bibel? Täte Herr Pfarrer Riggenbach dieses, so würde er manches seiner Worte anders sprechen, in dem er z. B. zum Ausdruck bringt, die Geisteswissenschaft widerspreche dem Evangelium.
Wenn die Geisteswissenschaft von «höheren Erkenntnisfähigkeiten» spricht, so vertritt sie damit allerdings einen Gesichtspunkt, welcher in der Gegenwart noch von vielen Seiten angezweifelt wird. Doch man nehme das, was über diese Fähigkeiten gesagt wird, nur einmal unbefangen hin! Es sind Fähigkeiten, welche durchaus in der Entwickelungslinie der gewöhnlichen menschlichen Seelenkräfte liegen. Wenn der Mensch willkürlich sein Denken, Fühlen und Wollen von dem Punkte aus weiterbildet, bis zu dem diese ohne sein Zutun sich gebildet haben, so geschieht etwas ähnliches wie beim Kinde, das aus den Fähigkeiten seiner ersten Jahre in diejenigen seines späteren Alters übergeht. Wie das Kind lernt, seine Seelenfähigkeiten so zu gebrauchen, daß ihm der Leib ein gutes Werkzeug für das Erleben in der Sinnenwelt wird, so kann der Mensch seine Erkenntniskräfte weiter bilden, so daß er sich in einem leibfreien seelischen Zustand befindet. In diesem Zustande erlebt er dann die Vorgänge einer geistigen Welt und weiß sich von geistigen Wesen umgeben, wie er sich in der Sinnenwelt von sinnlichen Wesen umgeben weiß. Daß dies möglich ist, davon kann sich jeder überzeugen, der sich einläßt auf dasjenige, was in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgeführt ist. Wer sich darauf nicht einlassen will, der wird die Möglichkeit eines leibfreien Seelenlebens leugnen können, wie ja schließlich jemand auch sagen könnte: «ich glaube nicht an die Existenz des Wasserstoffs», der sich nicht darum bekümmern will, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht. Wie durch den Chemiker der Wasserstoff losgelöst vom Wasser aufgezeigt wird, so wird von dem Geistesforscher gezeigt, zu welchen Erkenntnissen die vom Leibe losgelöste Seele kommt. Die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft ist die gleiche wie diejenige der Naturwissenschaft; nur wird diese Vorstellungsart auf das geistige Gebiet angewendet.
Es kann für niemand, der das eben Gesagte berücksichtigt und es betrachtet im Zusammenhange damit, wie Geisteswissenschaft z. B. von mir verbreitet wird, der geringste Zweifel sein, daß Herr Pfarrer Riggenbach eine mißverständliche Behauptung tut, wenn er sagt: «Auch darin läuft die Weise der Theosophen derjenigen Jesu direkt zuwider, daß sie einen engen, abgeschlossenen Kreis von Eingeweihten bilden und ihr Bestes sorgfältig für diesen zurückbehalten. Von einer solchen Geheimnistuerei hat Jesus niemals etwas wissen wollen.» Wer kann diese Behauptung aufrecht erhalten, der berücksichtigt, daß in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» für jeden gesagt wird, welcher Zugang die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft eröffnet? Wer kann den Vorwurf der Geheimtuerei erheben, der ins Auge faßt, daß ich z. B. in zahlreichen öffentlichen Vorträgen, die jedem zugänglich sind, alles sage, was aus dem gegenwärtigen Zeitgeiste heraus verständlich sein kann? Wenn darüber hinausgehend Geisteswissenschaft von gewissen Kreisen betrieben wird, so hat die Abgeschlossenheit solcher Kreise keinen anderen Sinn als den, daß man zu gewissen Teilen der Geisteswissenschaft nur gelangen kann, wenn man andre zuvor sich angeeignet hat. Das ist aber in dieser Wissenschaft nicht anders, als in jeder andern; und wer der Geisteswissenschaft Geheimtuerei vorwirft, der sollte es auch der Universitätswissenschaft gegenüber tun, die in diesem Punkte genau das Gleiche vollbringt; nämlich nur über gewisse Dinge zu denjenigen zu sprechen, die sich Verständnis dafür erworben haben. Geisteswissenschaft ist in keinem andern Sinne etwas Geheimtuendes wie jede andere Wissenschaft.
Ich weiß, daß niemand, der in rechter Folge sich mit den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft bekannt gemacht hat, die Ausführungen, welche ich über das Vaterunser, über die Stelle im Johannes-Evangelium «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen» oder über die Paulus-Worte «Die ganze Natur seufzet unter Schmerzen, der Annahme an Kindesstatt harrend» gegeben habe, so besprechen wird, wie es Herr Pfarrer Riggenbach getan hat. Wer verstehen will, was von mir in Bezug auf diese Dinge gesagt ist, der kann sie nicht so, wie Herr Pfarrer Riggenbach tut, aus dem Zusammenhange reißen. Wenn man dies tut, dann kann man nicht bloß sagen, daß ich «im Auslegen immer munter sei; leg’ ich nicht aus, so leg’ ich unter»; man kann nicht nur sagen: «eine solche Auslegung der Heilandsworte, das grenzt für mein Gefühl an Lästerung»; man könnte noch viel mehr sagen: man könnte behaupten, solche Auslegung sei der vollendetste Unsinn. Wer aber die Art des Vortrags, die Vorstellungsart und Denkgesinnung nimmt, innerhalb welcher diese vermeintlichen «Auslegungen» auftreten, der wird nicht mehr in solcher Weise diese Dinge zu einer Kritik benutzen, wie es der Herr Pfarrer Riggenbach tut. - Wenn gutmeinende Kritik, wie sie entschieden die des Herrn Pfarrer Riggenbach ist, schon so vorgeht, so kann man sich vorstellen, daß von Seiten der Freunde der Geisteswissenschaft einige Vorkehrungen getroffen werden, damit nicht zum Beispiele Vortragszyklen, die nur für solche Zuhörer gedacht sind, welche andre - vorbereitende-kennen, in die Hände solcher Personen gelangen, welche sie ganz phantastisch finden müssen, weil sie die Voraussetzungen zum Verständnisse nicht haben. Aus solchen ganz selbstverständlichen - und gar nicht prinzipiell bedeutsamen — Maßnahmen hat sich der unbegründete Vorwurf der Geheimtuerei entwickelt.
Eine viel beliebte und doch nur irreführende Art, über die «Zusammensetzung des menschlichen Wesens» im Sinne der Geisteswissenschaft zu geben, übt auch Herr Pfarrer Riggenbach. Wer sich die Mühe nimmt, aus meiner «Theosophie» die Art aufzunehmen, wie die Geisteswissenschaft zu dieser «Zusammensetzung» gelangt, der kann finden, daß damit das Streben, die Natur des Menschen zu erkennen, wie es ein Ideal aller Weltanschauungen war, zu einer Form gebracht werden soll, welche den Forderungen der gegenwärtigen Wissenschaft genügt. Neu an dieser Einteilung ist im Grunde nur dasjenige, was durch die oben charakterisierten geistigen Fähigkeiten gewonnen wird. Das andre ist bei einer ganzen Reihe einsichtiger Seelenforscher schon zu finden. Wenn man die «Siebenzahl» verfänglich findet als Zahl der Seelenäußerungen, so sollte man auch verfänglich finden, daß das Licht in sieben Regenbogenfarben, der Ton in der siebengliedrigen Tonleiter (die Oktav ist wieder Grundton) zur Offenbarung kommend gedacht werden müssen. Ich will mit Herrn Pfarrer Riggenbach nicht rechten, wenn er sagt: «Von der Bibel her sind wir gewohnt, im Menschen ein Dreifaches zu unterscheiden: Leib, Seele und Geist.» Es gab «Gottesgelehrte», welche dieses von der Bibel her so wenig gewohnt waren, daß sie alle diejenigen, welche diese Dreiteilung behaupteten, der Ketzerei beschuldigten an der echten christlichen Lehre. Es wird eine Zeit kommen, in welcher die Menschen «von der Geisteswissenschaft» her «gewohnt» sein werden, im Menschen sieben Glieder seines Wesens zu unterscheiden, wie sie heute am Licht sieben Farbenglieder unterscheiden. - Wer einfach sagt: «Die Theosophen geben sich damit — mit Leib, Seele und Geist — nicht zufrieden; sie haben herausgefunden, daß der Mensch aus sieben Gliedern zusammengesetzt ist ... .», der führt irre, weil er bei seinen Zuhörern und Lesern die Vorstellung erweckt, die sieben Glieder des Menschen seien auf eine Willkür hin angenommen; während sie sich ergeben auf Grund sorgfältiger geisteswissenschaftlicher Forschung.
Einen ähnlichen Vorgang wie für die siebengliedrige Menschennatur befolgt Herr Pfarrer Riggenbach für die Gesetze der «wiederholten Erdenleben» und des «Karma». Er macht sich diese Gesetze zuerst in seiner Art zurecht und kritisiert dann nicht, was z. B. ich über diese Gesetze vorbringe, sondern was er erst aus ihnen gemacht hat.
Das Gesetz der «wiederholten Erdenleben» beruht nicht, wie Herr Pfarrer Riggenbach anzunehmen scheint, auf einem «Glauben», sondern auf einer geisteswissenschaftlichen Untersuchung. Durch eine solche findet man, daß sich im Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod ein «Seelenkern» in Entwickelung zeigt, der ebenso die Grundlage eines neuen Menschenlebens ist, wie der Pflanzenkeim die Grundlage eines neuen Pflanzenlebens ist, das sich in der Vorgängerpflanze also bereits veranlagt findet. Da der Pflanzenkeim physischer Natur ist, so findet man ihn mit den Mitteln der Sinneswissenschaft; da der «Seelenkern» geistig-seelischer Natur ist, so kann er nur durch die Beobachtung der leibfrei gewordenen Seele gefunden werden. Und so wird er gefunden, nicht etwa durch eine Analogie (einen Vergleich) mit dem Pflanzenleben. Daß auf höherer Stufe für das Menschenwesen etwas ähnliches - nur mit dem Unterschiede, daß es geistig-seelisch ist —- gefunden wird, wie auf niederer Stufe für das Pflanzenleben, bezeugt, daß Geisteswissenschaft die wahre Fortsetzerin der Naturwissenschaft ist. - Der Pflanzenkeim — als physisches Wesen — kann zugrunde gehen, ohne ein neues Pflanzenwesen zu begründen; der «Seelenkern» erweist sich als das «Ewige» im Menschen, das durch die wiederholten Erdenleben hindurchgeht. Er prägt sich die Erlebnisse der aufeinanderfolgenden Erdenleben ein — was der Pflanzenkeim nicht, oder doch nur in beschränktem Maße kann — und lebt in einem Erdenleben innerhalb seines Leibes auf Grund der Wirkungen früherer Einprägungen. Nur so viel kann hier über das vielverzweigte Gesetz vom «Karma» gesagt werden. - Wenn Herr Pfarrer Riggenbach, wieder aus dem Zusammenhang gerissen, «mehr als Kuriosum» erwähnt, was ich einmal über den Karma-Zusammenhang eines Idioten gesagt habe, so beweist er durch die Art seiner Ausführung, wie wenig er sich klar darüber ist, was der Geistesforscher in seiner Seele durchgemacht hat, bevor er es wagt, einen so speziellen Fall als von ihm untersucht, seinen Zuhörern mitzuteilen. Er beweist, wie wenig er ahnt von dem tiefen Ernst, der einer solchen Aussage zugrunde liegt. Der Herr Pfarrer Riggenbach findet, daß der wahre Christ die «Wahrheit aus der Bibel schöpft» und sie nachher durch seine «religiöse und sittliche Erfahrung» bestätigt sieht. Ich möchte ihn fragen: Kann er sich denn durchaus nicht vorstellen, daß man auch so schwer der Seele abgerungene Erkenntnis, wie die von dem Karma eines Idioten, nachher durch seine Erfahrung bestätigt findet? Es gestatte in diesem Falle der Pfarrer dem Nichtpfarrer, frei zu bekennen, daß ich seine Behandlung mir gegenüber gerade in diesem Karma-Falle wenig christlich finde.
Und fast dasselbe möchte ich sagen, wenn der Herr Pfarrer Riggenbach die Bemerkung macht: «Wer mit Karma Ernst macht, dem muß die Liebe, die alles glaubt und alles hofft, und alles duldet und alles trägt, als eine Illusion erscheinen.» Woher kann Herr Pfarrer Riggenbach die Gründe für eine solche Behauptung haben? Aus der ernsthaft gemeinten Geisteswissenschaft sicher nicht. Denn diese wird nicht müde, auf die karmischen Zusammenhänge liebloser Handlungen und Gesinnungen hinzuweisen. -— Daß aber Herr Pfarrer Riggenbach mit seiner Logik manches zustande bringen kann, was der Geisteswissenschaft völlig ferne liegt, beweist mir ein wirklich erstaunlicher Satz seiner Ausführungen. Er sagt: «Es klingt doch sehr geschraubt und sophistisch, wenn er — Steiner — an einer Stelle schreibt: «Nicht das Schicksal handelt, sondern wir handeln in Gemäßheit der Gesetze unseres Schicksals.» Ja» — so sagt Herr Pfarrer Riggenbach weiter —, «wenn wir in Gemäßheit der Gesetze unseres Schicksals handeln, so heißt das doch nichts anderes, als daß wir unter dem Zwange unseres Schicksals handeln und damit ist es um die Freiheit geschehen.» Mit Verlaub: wenn ich einmal sagen sollte: «Nicht die Lebensgesetze meines Beines handeln, wenn ich den Fuß vorsetze, sondern ich setze den Fuß vor in Gemäßheit der Lebensgesetze meines Beines», werden Sie, Herr Pfarrer Riggenbach dies dann «geschraubt und sophistisch» finden und etwa gar sagen: «Ja, wenn wir in Gemäßheit der Lebensgesetze des Beines gehen, so heißt das doch nichts anderes, als daß wir unter dem Zwange unserer Beingesetze gehen und damit ist es um die Freiheit geschehen.» Das werden Sie doch wohl kaum sagen, und so einsehen, daß man nicht gleich so unchristlich sein soll, jemand «Sophistik» vorzuwerfen, da man sich in Bezug auf die Logik ja ganz leicht verhaspeln kann.
Die Kritik des Christus-Impulses, von dem die Geisteswissenschaft spricht, ist wohl der allerunbegründetste Teil in den Ausführungen des Herrn Pfarrer Riggenbach. Es würde viel zu weit führen, die Behauptung zu widerlegen, daß «diese ganze Art», den Christus aufzufassen, aus dem sogenannten Gnostizismus stamme. Nein, sie stammt aus der von aller Vorgängerschaft unabhängigen geisteswissenschaftlichen Forschung. Es ist ganz unrichtig, zu sagen: «Darnach ist Jesus nicht von jung auf, wie ihn uns die Bibel zeigt, unter der Leitung des heil. Geistes zum Christus herangereift, sondern er hat in den ersten dreißig Lebensjahren nur die leibliche Hülle zubereitet, in die sich bei der Taufe durch Johannes der Christus herniederließ.» Man kann, was die Geisteswissenschaft über diesen Punkt zu sagen hat, nicht mehr verzerren, als es durch diese Behauptung geschieht. Diese Wissenschaft untersucht, was eigentlich durch die Johannestaufe geschehen ist, die ganz unzweifelhaft auch der Bibel gemäß als ein wichtiges Ereignis im Jesus-Leben zu gelten hat. (Weizsäcker übersetzt sogar die entsprechende wichtige Stelle im Lukas-Evangelium: Dieses ist mein vielgeliebter Sohn; heute habe ich ihn gezeuget.) Und die Geistesforschung findet, daß der Christus-Geist, der Jesus von Nazaret bis zu seinem dreißigsten Jahre wie von außen geführt hat, dann in seinem dreißigsten Jahre in das Innerste seines Wesens eingezogen ist. Sicher wird die Bibelforschung der Zukunft finden, daß gerade in diesem Punkte auch die Bibel richt Herrn Pfarrer Riggenbach, sondern der Geisteswissenschaft recht gibt. — Über alles andre, was Herr Pfarrer Riggenbach gegen die Christuslehre der Geisteswissenschaft vorbringt, kann ich mich kurz fassen. Warum greift man überhaupt diese Christuslehre an, da sie ihrerseits nichts enthält von einer Verneinung der Anschauungen irgendeines christlichen Bekenntnisses über Christus? Nichts, aber auch gar nichts von alledem, was Herr Pfarrer Riggenbach von Christus glaubt, wird verneint durch die Geisteswissenschaft. Es wird durch diese nur eine wesentliche Erweiterung, Erhöhung des Christusbegriffes herbeigeführt. Man sollte glauben, daß auch im Sinne des Herrn Pfarrer Riggenbach diejenigen doch gute Christen genannt werden dürfen, welche das annehmen, was er annimmt, und noch etwas dazu. Wenn das Ereignis von Golgatha auch in seiner kosmischen Bedeutung erkannt wird, so wird ihm doch von derjenigen Anerkennung nichts genommen, die Herr Pfarrer Riggenbach für sich in Anspruch nimmt. Es ist unrichtig zu sagen: «Das Evangelium ist ihnen — den Theosophen - zu einfach, zu plebejisch.» Es ist eine Behauptung, die wieder — man verzeihe mir das Wort — wenig christlich ist gegenüber Menschen, welche alle Kräfte daran setzen, um das Christus-Ereignis zu verstehen. Wohin kommt man, wenn man es unstatthaft findet, daß jemand über den Christus noch etwas andres glaubt, als man selber glauben will? Man kommt dazu, zu sagen: Ich verlange von dir nicht nur, daß du glaubst, was ich glaube; sondern ich mißbillige an dir, daß du auch noch etwas wissen willst, was ich nicht wissen will. Und dies ist doch die letzte Konsequenz der Kritik, welche Pfarrer Riggenbach an dem Christusbegriff der Geisteswissenschaft übt. Er würde — da er ein durchaus gutmeinender Kritiker ist — diese Konsequenz gewiß weit von sich weisen. Doch ich muß sie aus seinen Ausführungen durchaus heraushören und finden, daß diese Ausführungen mir doch so klingen, wie wenn jemand sagte: An Kopernikus sollst du nicht glauben, denn der spricht über die Weltvorgänge nicht so, wie es in der Bibel steht. Ein weiteres über das hier Angedeutete wird gesagt werden in meinem nächsten Vortrage über «Geisteswissenschaft und ihr Verhältnis zu gegenwärtigen religiösen und sozialen Strömungen», den ich am ı3. März 1914 in Basel halten werde.
Zum Schlusse sei nochmals die Versicherung abgegeben, daß ich die ruhig-sachliche, herzvolle Auseinandersetzung des Herrn Pfarrer voll würdige und ihm dafür dankbar bin; ja, ich schließe aus vollem Herzen, ähnlich wie er selber: «Ich bereue diese Auseinandersetzung meinerseits nicht, weil es immer interessant ist, sich mit den Ideen andrer im ehrlichen Kampfe auseinanderzusetzen. Noch mehr aber reut es mich darum nicht», weil sich von dem in Bescheidenheit angestrebten Boden der Geisteswissenschaft «die schlichte Herrlichkeit des Evangeliums um so leuchtender abhebt.»
Dr. Rudolf Steiner