16. Ein Geleitwort Für die Zeitschrift «Die Drei. Monatsschrift für Anthroposophie und Dreigliederung»
Die Gegenwart hat von der Vergangenheit der letzten drei bis vier Jahrhunderte ein Erbe erhalten, das den Menschen der abendländischen Zivilisation auf eine gewisse geschichtliche Höhe gehoben hat, ihn aber auch als seelisch-geistiges Wesen vor Rätsel und Aufgaben stellt, an denen er vorläufig krankt. Die unbefriedigten Stimmungen, in denen die Seelen leben, die katastrophalen Erschütterungen des sozialen Lebens sind der Ausdruck dieses Krankseins. In religiösen Zweifeln und Sehnsuchten, in tastendem Herumirren der künstlerischen Triebe, in Unglauben an eine wissenschaftliche Erkenntnis, die zugleich als das Ideal des Forschens angesehen wird, leben sich Niedergangskräfte der gegenwärtigen Zivilisation aus.
Daß innerhalb dieser seelisch-geistigen Erscheinungen auch die Quellen der sozialen Übel liegen, wird erst von Wenigen durchschaut. Die Gesundung der abendländischen Zivilisation hängt davon ab, daß eine genügend große Anzahl von Menschen dieses durchschaut. Allzuviele möchten heute diese Quellen in äußeren Einrichtungen sehen und nur von deren Wandlung die Heilung abhängig machen. In diesem Irrtum liegt die Ursache des Zivilisationschaos, in das die Menschheit hineingeraten ist.
Die letzten drei bis vier Jahrhunderte haben einen Erkenntnissinn gezeitigt, der im Erfassen von Naturzusammenhängen Großes geleistet hat. Ein mathematisch-mechanisches Weltbild steht vor der menschlichen Seele, das zwar als noch unvollendet empfunden wird, das aber einer gewissen Wissenschaftsgesinnung als dasjenige erscheint, dessen Art nicht verändert werden darf, wenn man sich nicht der Gefahr wissenschaftlicher Phantastik und Weltanschauungsschwärmerei aussetzen will. - Der Mensch hat die Entwickelung der Lebewesen zu erforschen gesucht; er will diese Entwickelung von den einfachsten Formen bis zu seiner eigenen Gestaltung erkennend durchdringen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts begeisterte sich für eine Lösung der wahren Menschenrätsel aus solchen Untergründen heraus.
Die Erkenntnisgesinnung, die so zutage getreten ist, schlägt aber nicht nur im Wissenschaftsgebiete ihre Wellen. In den künstlerischen Versuchen lebt gefühlsmäßig weiter, was im Erkennen die Vernunft beherrscht. Gar mancher glaubt aus den elementarsten Untergründen der Seele zu dichten, zu malen, zu bilden; er glaubt dies nur, weil er die Zusammenhänge nicht schaut, in denen er mit dem Wissenschaftsgeiste der Gegenwart steht. — In religiösen Fragen glauben viele, auf einem selbständigen Geistesboden zu stehen; doch in ihrem Urteilen und Empfinden leben, ihnen unbewußt, die Gedankenrichtungen dieses Wissenschaftsgeistes. — In den Methoden der Schule lebt er. Dem Wesen des Kindes gemäß glaubt man zu erziehen und zu unterrichten; der Theorie gemäß handelt man in Wirklichkeit, dieman über Welt und Menschen angenommen hat. — Und nicht aus der Menschennatur heraus, sondern aus dieser Theorie möchte man die Antriebe für die sozialen Aufgaben entwickeln. Der Mensch der Gegenwart meint alles zu vermeiden, was den Sinn für Wirklichkeit trübt; und er weiß nicht, wie tief er sich in ein wirklichkeitsfremdes Denken eingesponnen hat.
Diese Zeitschrift möchte dem wahren Wirklichkeitssinn dienen im vollbewußten Gegensatz zu dem vermeintlichen.
Die naturwissenschaftliche Denkungsart hat Großes geleistet. Und dieses Große muß nicht nur in den Ergebnissen, sondern auch in der Forschungsrichtung erhalten werden. Diese Zeitschrift könnte nur eine schlechte Aufgabe erfüllen, wenn sie sich auf das auf vielen Seiten zutage tretende dilettantische Absprechen über geistloses Naturforschen einließe. Einer nebelhaften Mystik, die sich in solchem Absprechen um so hochmütiger gebärdet, je weniger sie sich um Kenntnisnahme des Wissenschaftlichen bemüht hat, darf nicht gedient werden.
Aus anthroposophischer Geisteswissenschaft will diese Zeitschrift ihre Gesichtspunkte gewinnen. Und diese weiß auf der einen Seite den Wert naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu schätzen; sie glaubt aber auch mit voller Klarheit zu durchschauen, wo die Grenzen dieser Erkenntnis liegen und daß sie durch andere Forschungsmittel überschritten werden können.
Der Mensch gehört mit seinem Wesen Welten an, zu denen Naturwissenschaft im gegenwärtigen Sinne nicht vordringen kann. Mancher meint, die Methoden des äußeren Versuches könnten auch das Wesen der Seele und des Geistes erschließen. Doch dem Seelisch-Geistigen ist experimentell in keiner Art beizukommen. Es erschließt sich nur dem, der es auf den inneren Wegen der Seele selbst sucht. Das will anthroposophische Geisteswissenschaft. Aber sie will es auf Wegen erreichen, die an Gewissenhaftigkeit und innerer Klarheit denen gleichen, welche die Naturwissenschaft zur Erforschung der äußeren Welt betreten hat. Sie will nicht äußerlich experimentieren; aber sie will die geistige Welt in solcher Seelenverfassung betreten, wie sie der recht gepflegten Naturwissenschaft eigen ist. Ihr liegt nebelhafte Mystik so ferne wie der wahren Naturforschung; aber sie vermeint zu durchschauen, daß man von echtem Erkenntnisgeiste auch dann noch beseelt sein kann, wenn man in seinem erkennenden Erleben nicht mehr durch die sinnliche Anschauung geleitet wird.
Für ein Anschauen des Übersinnlichen sucht Anthroposophie die Erkenntnismittel. Wie sie das zu vollbringen sucht, wird gegenwärtig noch in den weitesten Kreisen verkannt. Man beurteilt sie nicht nach ihrem eigenen Wollen, an dem man vorbeisieht; man schätzt sie ab nach Vorstellungen, die man sich von außen her bildet.
Auf anderer Seite wirft man der Anthroposophie vor: sie sei zu intellektuell. Sie spreche gleich der äußeren Wissenschaft nur zum Verstande. Wo man dieses tut, da weiß man nicht, wie von diesem Ausgangspunkte aus der Weg in seelische Erlebnisgebiete führt, in denen Empfindung und Gefühl eine Erweiterung und zugleich Vertiefung erfahren, die nie zu erreichen sind, wenn man den vermeintlich bloß vernunftgemäßen Ausgangspunkt gering schätzt. Wer dies tut und stehen bleiben möchte bei dem, was er gefühlsmäßiges Erfassen des Seelisch-Geistigen nennt, der wird den Boden unter den Füßen verlieren, wenn der geringste Hauch des Vernunfterkennens in sein Inneres weht. Und dies ist in dem gegenwärtigen Zeitalter für jeden unvermeidlich, der es ehrlich mit seiner eigenen Seele meint. - Wer auf den Wegen, die von der Anthroposophie gesucht werden, wandeln will, der wird trotz aller Vernunfterkenntnisse den Schwerpunkt seiner Seele nicht zu verlieren brauchen.
Dieser anthroposophischen Erkenntnis möchte diese Zeitschrift dienen. Im Goetheanum in Dornach soll der Anthroposophie eine Freie Hochschule errichtet werden. In Stuttgart besteht die Waldorfschule, in der nach ihrer Weise und ihren Einsichten gewirkt wird. Nicht eine Weltanschauungsschule will man in dieser ausbilden. Anthroposophie hängt an keiner Dogmatik. Durch ihre Einsichten will sie eine pädagogisch-didaktische Kunst ausbilden, die sich in der Art, wie man unterrichtet und erzieht, offenbart, nicht in dem Beibringen feststehender Urteile und Seeleninhalte. In der noch unfertigen Dornacher Hochschule werden bereits von anthroposophischem Geiste getragene Kurse abgehalten für die verschiedensten Wissensgebiete und für die mannigfaltigsten Zweige des praktischen Lebens. In Stuttgart findet dasselbe statt. Manches andere könnte in dieser Richtung noch genannt werden. Diese Zeitschrift stellt sich in dasselbe Feld hinein. Sie möchte weiteren Kreisen alles dasjenige vermitteln, was aus anthroposophischer Erkenntnis zur Gesundung unseres Zeitalters führen kann. Sie möchte zeigen, wie eine praktisch-soziale Auswirkung der anthroposophischen Anschauungsart möglich und notwendig ist. In den Ideen zur «Dreigliederung des sozialen Organismus» liegt für das gegenwärtig zunächst Notwendigste ein erster Versuch dieser Auswirkung vor.
Wünschenswert wäre es, daß das Erscheinen dieser Zeitschrift möglichst viele Persönlichkeiten auf den Plan riefe, die in der angedeuteten Richtung ihre Stimme geltend machen können, weil ihre eigene Art bereits dies verlangt. Ich bin der Meinung, daß es in der Gegenwart viele solche Persönlichkeiten gibt, die nur eines geringen Anlasses bedürfen, um mitzuarbeiten an dem, was Anthroposophie wirklich will. Es wäre im höchsten Sinne befriedigend, wenn diese Zeitschrift recht viele solcher Anlässe liefern könnte.