17. Meine «Zustimmung» zu Richard Wahles «Erkenntniskritik und Anthroposophie»

Als ich 1885 Richard Wahles Schrift «Gehirn und Bewußtsein» las, hatte ich den Eindruck: da spricht eine Persönlichkeit, die in scharfblickender Art darzustellen versteht, was das menschliche Bewußtsein über den ihm gegebenen Inhalt sagen kann, wenn es sich philosophierend in den Gesichtspunkt der in der Gegenwart anerkannten Wissenschaftlichkeit versetzt. In dieser Schrift ist keimhaft schon enthalten, was Wahle dann in den Büchern «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende» und «Über den Mechanismus des geistigen Lebens» eindrucksvoll auseinandergesetzt und wofür er in kleineren Abhandlungen, insbesondere in seinem «Geschichtlichen Überblick über die Entwickelung der Philosophie bis zu ihrer letzten Phase», so tatsachentreffende Formulierungen gefunden hat. In «fast sündhafter» Kürze ist der Extrakt einer gedankenscharfen Arbeit in dem vorangehenden kurzen Aufsatz gegeben; in außerordentlich verdienstvoller Ausführlichkeit liegt das Ergebnis dieser Arbeit in den genannten Werken vor.

Den Eindruck, den ich von «Gehirn und Bewußtsein» empfing, beschrieb ich in einer kurzen Besprechung dieser Schrift, die 1885 in der damals in Wien erscheinenden «Deutschen Wochenschrift» (Nr. 86, $. 9) abgedruckt worden ist. — Ich habe diese Besprechung mit den Worten geschlossen: «Die Hauptbedeutung dieses Werkchens liegt darin, einmal in scharfen Konturen gezeigt zu haben, was uns eigentlich die Erfahrung gibt und was oft zu ihr nur hinzugedacht wird. Alles, was die einzelnen Wissenschaften finden können, besteht nur in dem Konstatieren zusammengehöriger Vorkommnisse, wobei wir voraussetzen müssen, daß die Zusammengehörigkeit selbst in irgendeinem wahrhaftigen Tatbestande gegründet liege. Wir halten das von dem Verfasser Vorgebrachte für durchaus überzeugend, glauben jedoch, daß er die letzte Konsequenz seiner Ansichten nicht gezogen hat. Sonst hätte er wohl gefunden, daß uns jene wahrhaften Tatbestände selbst als erfahrungsmäßige Vorkommnisse — nämlich die ideellen — gegeben sind, und daß die Negation des Materialismus folgerichtig zum wissenschaftlichen Idealismus führt. Sehen wir somit eigentlich in dem Fortschreiten von der durchaus soliden Grundlage, die Wahle gelegt, zu einer höheren Stufe der Erkenntnis das Richtige, so gestehen wir doch rückhaltlos, daß wir in dieser Schrift eine hervorragende Leistung erblicken, die bestimmend auf den Zweig der Wissenschaft wirken wird, dem sie angehört, und die gewiß in der Geschichte der Philosophie eine Stelle einnehmen wird.»

Für mich war, bevor ich Wahles Schrift las, deren Inhalt aus dem philosophischen Bewußtsein vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts gegeben; und ich fand diesen Inhalt in ihr wieder in einer mir überzeugend erscheinenden Art dargestellt. - Nur war es für mich klar, daß bei dem Gedachtwerden dieses Inhalts nicht stehengeblieben werden darf. Sonst fehlt die «letzte Konsequenz»; und diese kann keine Denkkonsequenz, sie muß eine Erlebniskonsequenz sein.

Wahle leitet seinen vorangehenden Aufsatz «Erkenntniskritik und Anthroposophie» mit den Worten ein: «Ein Glück des Geistes ist - das Erfassen der Wahrheit, ein anderes — Träumen». Und er schließt ihn mit den anderen: «Gerade meine absolut radikale Analyse und Kritik des Vorhandenen, die nur unbekannt woher und wie schwebende neutrale Realitäten duldet, macht das Schwärmen von wahrhaften Urkräften nötig. - An der Grenze meines stahlharten, engen Terrains der Erkenntnis steht ein Türmchen, von dem aus die Ahnung in ein notwendiges, aber unerforschbares Gebiet schweifen kann. - Und dort ist auch die Brücke, auf der meine Sympathien zu den Gebilden der Anthroposophie und ihrer Gedanken wandeln können.»

Aber muß denn nicht auch anerkannt werden: Träumen schließt in sich eine Welt von Vorkommnissen, Wachen eine andere; und die Vorkommnisse des Wachens ergeben sich, wenn das Träumen sprungartig in eine andere Form der Vorkommnisse wandelt? Und muß nicht ferner anerkannt werden: der Wirklichkeitswert des Träumens ergibt sich von dem Gesichtspunkte des Wachens aus? Indem ich diese Fragen mit «Ja» beantworten muß, sehe ich mich nicht im Widerspruch mit dem, was Wahle über das Träumen in seinem «Mechanismus des geistigen Lebens» ausgeführt hat. Ich will ganz in seinem Sinne sagen: Es gibt Vorkommnisreihen des Wachens und Vorkommnisreihen des Träumens. Man kann die beiden Reihenarten ganz so aneinandergeschlossen denken, wie es Wahle tut. Man wird gerade dadurch vor der Gefahr behütet, die Wahle so treffend (S. 459 seines «Mechanismus des geistigen Lebens») charakterisiert: «Das Träumen imponiert den Menschen gewaltig und wenn sie vom Traume reden, werden sie ganz träumerisch und mystisch.»

Ein anderes ist aber doch: denkend im Bewußtsein die Reihen ablaufen lassen, in denen sich Wachen und Träumen ineinanderschließen; ein anderes: das Wachen erleben und das Träumen erleben, und auch den sprungartigen Übergang des einen Erlebens in das andere. Gerade in dem Erleben des Wachens, das sich einstellt, wenn man die Wahleschen ausgezeichneten «Aufklärungen, Widerlegungen, Demonstrationen, Analysen» und vielen «psychologischen und physiologischen Aufschlüsse» nicht nur «kennenlernen wollte», sondern sie zur voll ergriffenen Verfassung des «geistigen Lebens» — dieses Wort ganz in Wahles Sinn gebraucht - macht, liegt der Anstoß, von den Reihen des Träumens und denen des Wachens zu den andern zu schreiten, die ich in der imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis beschreibe. Der Erlebnisübergang ist ebenso sprungartig wie der vom Träumen zum Wachen; und die Vorkommnisse des Wachens erhalten vom Gesichtspunkte exakter Imagination, Inspiration und Intuition in ähnlicher Art eine Wirklichkeitsbeleuchtung, die sie nicht in sich selbst haben, wie das Träumen eine solche vom Gesichtspunkt des Wachens erhält.

Der Einwand, der gemacht wird, daß den Menschen nichts nötige, von dem Gesichtspunkte des gewöhnlichen Bewußtseins auf einen solchen der Imagination, Inspiration und Intuition zu verweisen, ist naturgemäß gegen die obigen Ausführungen zu erheben. Er wird von allen denen erhoben werden, die sich nicht so weit in ihrem Erkenntnisleben durchringen, daß sie den Punkt in diesem Leben bemerken, an dem das Aufwachen aus dem gewöhnlichen Bewußtsein eintreten muß.

Nur von Wahle sollte er nicht erhoben werden. Denn der hat ($. 174 f. seines «Mechanismus des geistigen Lebens») die tatsachentreffenden Sätze geschrieben: «Wir glauben, wenn man sich einmal klarmacht, was eigentlich damit gesagt wird, wenn man behauptet Ich-Akte wahrzunehmen, so wird man sich vor der eigenen Vermessenheit entsetzen. — Sieht man, das heißt nimmt man wahr, nicht mit den Augen, aber nimmt man doch deutlich wahr das Ich als Wesen, als Substanz? Sieht man das Ich, das als apperzipierend, urteilend, wollend, fühlend in immer anderen Akten erscheinen soll, immer als gleichbleibendes Ding, als das nämliche Wesen? Wenn man einen Menschen zum Beispiel fechtend, laufend, rudernd, kletternd sieht, so sieht man doch immer in den verschiedenen Tätigkeiten denselben Menschen. Sieht man so auch hier immer dasselbe Ich? Um Himmels willen, wer kann sagen, er habe dieses Ich-Wesen psychisch wahrgenommen?» Und ($. 177 £.): «Man muß sich aber von all dem abstrusen Zeug abwenden, das natürlich nicht durch Beobachtung gewonnen wurde, sondern durch die Angst, man könne den Komplikationen nur durch eigenartige psychische Klammern gerecht werden, und oft nur gewonnen wurde durch mittelbares Spintisieren über literarische Enunziationen. Von Metaphern und Akten, Unionen, angeborenen Kategorien und Symbolen muß man sich der einfachen Darstellung der Mannigfaltigkeit sinnlicher Reihen zuwenden.»

Wer das sagt, der deutet nämlich selbst darauf hin, daß das gewöhnliche Bewußtsein träumt, wenn es anderes behaupten will als «Reihen von Bildern und Leibesaktionen». Dann kann aber der nächste Schritt nicht sein das Stehenbleiben im gewöhnlichen Bewußtsein, sondern das Erwachen aus demselben. Und mit diesem Erwachen hört das träumende Reden von einem «wesenhaft als Kraft dem Bewußtsein sich zeigenden Willen», von einem «Akt des Liebens», einem «Akt des Wünschens, des Urteilens, des Vorstellens» auf. Und es beginnt ein erwachtes Reden über diese «Träume», ähnlich wie es ein Reden des Erwachten über seine nächtlichen Träume gibt. Denn was in der Anthroposophie aus exakter Imagination, Inspiration, Intuition über die Phantasmen der gewöhnlichen Psychologie gesagt wird, möchte sich zu diesen verhalten wie die Urteile des Wachen über das Verworrene, Verwirrende seiner Traumwelt.

Der Unterschied zwischen dem Erwachen aus der gewöhnlichen Traumwelt zum wachenden Alltagsleben und dem aus diesem Leben zum übersinnlichen Bewußtsein ist nur der, daß ersteres als unwillkürlich, letzteres als durch den eigenen (aber geschulten) Willen herbeigeführt empfunden wird. (Auch ich wende hier das Wort Wille mit demselben Bewußtsein an, wie Wahle selbst in seinen Schriften das tut, trotzdem er die Phantastik der gewöhnlichen Psychologie in bezug auf den «Willen» durchschaut hat.) —

Da Wahle das Träumen des gewöhnlichen Bewußtseins klar ist, so kann er sich eigentlich auch gegen das Erwachen nicht verschließen. Dann aber wird auch eine Verständigung darüber möglich sein, daß man durch das Erwachen zur Imagination, Inspiration und Intuition doch, ohne gegen seine berechtigten «Aufklärungen, Widerlegungen, Demonstrationen, Analysen» zu sündigen, auf dem Wege zu den «Urfaktoren» ist. Man muß nur das entsprechende Vorkommnis dieses Erwachens sich einmal ernstlich ansehen. - Dem Träumen gesellt sich oft der Alpdruck. Er wird durch das Erwachen überwunden. Ein solcher «Alpdruck» ist auch da, wenn man die «Reihen von flächenhaften, sinnlichen Vorkommnissen» und die «Motorik in eigentümlichen Typen» nicht bloß gedankenhaft vor sich hinstellt, sondern sie erlebt. Dieses «Alpdruck-Erleben» hat der Mensch, wenn er im gewöhnlichen Bewußtsein aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche strebt. Das Träumen des gewöhnlichen Bewußtseins will ins Wachen im Übersinnlichen übergehen, wie der Traum nach dem gewöhnlichen Bewußtsein strebt. Befreiung vom «Alpdruck-Erleben» ist alles Streben nach übersinnlicher Erkenntnis und nach religiösem Innesein.

Spintisieren darüber, ob man durch die Ergebnisse der Imagination, Inspiration und Intuition nun ganz im Felde der «Urfaktoren» sei, hört auf, eine Bedeutung zu haben, wenn erkannt ist, daß es sich gar nicht darum handelt, in der Art des Träumens über diese «Urfaktoren» zu sprechen, sondern um die Befreiung vom Alpdruck des gewöhnlichen Bewußtseins.

Wahle hat (in seinem «Mechanismus des geistigen Lebens») den Traum in einer ganz einzigartigen Weise analysiert und demonstriert. Wer in solchen Gedankenreihen sich bewegt wie er, wer so die Traumreihen in die Reihen des Wachbewußtseins hinein verfolgen kann, mit dem sollte Verständigung darüber möglich sein, daß im Vorkommnisgebiet nicht nur das «Rahmenprinzip» als berechtigt angenommen wird, sondern auch das Bildprinzip. Es ist nicht nur ein Rahmen da, es ist im Rahmen ein Bild. Und gerade, wer streng die Vorkommnisse in ihrer Unmmittelbarkeit erleben kann, dem ergeben sie sich im Gebiete des Sinnenfeldes als Bilder; im Gebiete der Leibesaktionen als erlebte Träume. Und dadurch wird er aus Bild und erlebtem Traum so in die übersinnliche Wirklichkeit getrieben, wie der (träumende) Träumer in die sinnliche.

Die Welt der Vorkommnisse wird mißdeutet, wenn man sagt: «Etwas, was den hinhuschenden Vorkommnissen der Welt - noch ohne Leibessinne gefaßt - entspricht - wie die Welt nämlich war und ist, insofern Menschen und Sinne nicht sind —, muß es in lebendiger wirkender Kraft geben, und etwas, was den Sinnen entspricht, muß es auch in wahrhaft lebendig wirkender Kraft geben. Heißen wir beliebig das erste substantiell Seiende X, das zweite substantiell Seiende im allgemeinen Y. Dann muß gelten: die frei schwebenden, an sich nicht deklarierten Vorkommnisse sind die Funktion des Zusammenwirkens von XY. — Das ist des «Wissens» letzter Schluß: XY setzen, unbekannt wie, die Vorkommnisse in die Welt.»

Aber die Vorkommnisse sagen etwas anderes. Sie setzen nicht auf die rechte Seite des Gleichheitszeichens allerlei Teilvorkommnisse, und auf die linke X oder Y; und sie fügen nicht hinzu: Löse nur ja nicht die Rechnung auf, sondern lasse X und Y stehen. Sie fordern auf zum Rechnen; und das Rechnen besteht in Imagination, Inspiration und Intuition; und dann kommt bei dem Rechnen - etwas heraus. Man steht nicht vor des «Wissens letztem Schluß» mit einem stehengelassenen X und Y, sondern vor des «Schauens Anfang» mit Rechnungen, auf die man den Fleiß der Auflösung gewendet hat.

Es sollten eigentlich noch andere Einwände gegen die Anthroposophie hier zur Sprache kommen; aber auch diese «Zustimmung» muß ja von «fast sündhafter» Kürze sein, und sie umfaßt ja schon mehr als ein Zweifaches der Wahleschen Ausführungen.

Aber soviel dürfte aus diesen Andeutungen doch hervorgehen, daß Anthroposophie, ohne sich untreu zu werden, den in ihrer Art ausgezeichneten Leistungen Richard Wahles gerecht werden kann. Gegen die Berechtigung der «destruktiven Psychologie» (den ersten Teil vom «Mechanismus des geistigen Lebens») wird sie nichts einzuwenden haben; die scharfsinnige «konstruktive Psychologie» (den zweiten Teil des genannten Buches) wird sie vom Gesichtspunkte des erwachten Bewußtseins beleuchten müssen. Denn da rechnet Wahle mit einer Physiologie, die, wie vielfache Ausführungen der anthroposophischen Literatur zeigen, gar sehr der Korrektur bedarf. Aber wie sollten für eine Denkweise, die Wahle so exakt analysiert und demonstriert hat, gültige Aufstellungen möglich sein? Kann doch auch der Träumende über seine Traumwelt erst nach dem Erwachen urteilen.

Und so kann ich die Schlußsätze meiner Besprechung von Wahles «Gehirn und Bewußtsein» aus dem Jahre 1885 auch heute unterschreiben. Ja, ich kann sie in Erweiterung auf seine späteren Werke ausdehnen.

Nur eines möchte ich zu der damaligen Besprechung sagen. Sie enthält den Satz: «Wir halten das von dem Verfasser Vorgebrachte für durchaus überzeugend, glauben jedoch, daß er die letzte Konsequenz seiner Ansichten nicht gezogen hat. Sonst hätte er wohl gefunden, daß uns jene wahrhaften Tatbestände selbst als erfahrungsmäßige Vorkommnisse — nämlich die ideellen — gegeben sind, und daß die Negation des Materialismus folgerichtig zum wissenschaftlichen Idealismus führt.» Was hier unterstrichen ist, kehrt oftmals in meinen Schriften aus den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in verschiedenen Formen wieder. Gewisse Persönlichkeiten, die in Äußerlichkeiten aufgehen, wollen in solchen Sätzen durchaus nicht das finden, was in folgerichtiger Fortbildung bei mir zu den späteren anthroposophischen Darstellungen führt. Hätte ich damals, als ich diese Sätze schrieb, nicht abwehren wollen, daß man mich zusammenwirft mit solchen «Geist-Erkennern», die das Geistige in der Vorstellung doch materialisieren, hätte ich nicht wollen meine Anschauung als eine vom «wirklichen Geiste» deutlich kenntlich machen, so hätte ich vielleicht nicht Gefahr laufen müssen, daß das, was ich deutlich sagen wollte, später von andern ins Undeutliche verkehrt wurde. Ich hätte zum Beispiel obigen Satz nur so zu formulieren gebraucht: «. . . erfahrungsgemäße Vorkommnisse, nämlich die durch Ideelles begründete geistige Erfahrung, gegeben sind, und daß die Negation des Materialismus folgerichtig zur Geist-Erkenntnis, die im wissenschaftlichen Idealismus wurzelt, führt.» Ich glaube doch, daß wer will, aus meiner vor Jahrzehnten gegebenen Formulierung den Hinweis auf das erblicken kann, was ich gegenwärtig Anthroposophie nenne.

Bedenke ich dieses alles, so möchte ich zu dem Wahleschen Schlußsatze den meinigen so hinzufügen: An der Grenze seines stahlharten, engen Terrains der Erkenntnis steht ein Türmchen, das hat Fenster mit Milchgläsern. Läßt man sie geschlossen, so trübt sich der Ausblick in X und Y, und man kann nur «die Ahnung in ein notwendiges, aber unerforschbares Gebiet schweifen» lassen. Aber man kann die Fenster auch aufmachen, und dann wird aus Ahnung in ein unerforschbares Gebiet - Anthroposophie. Aber die mir so erfreulichen Sympathien muß ich aus vollem Herzen erwidern, denn eines der «Türmchen», die man braucht, um für die Sicherheit eines Wissens geborgen zu sein, hat — Richard Wahle als guter Baumeister zustandegebracht. —

Erkenntniskritik und Anthroposophie

by Richard Wahle

Ein Glück des Geistes ist — das Erfassen der Wahrheit, ein anderes — Träumen. Es ist gesagt Wahrheit und es ist nicht gesagt - Wissen, denn die Wahrheit kann darin bestehen, daß man weiß, Wissen sei unmöglich. Aber jene bloße Sicherheit der Erkenntnis, wie traurig es um menschliches Wissen stehe, könnte keine Freude bereiten; sondern Freude kann höchstens daher kommen, daß man Irrtümer, eitle Hoffnungen losgeworden ist, und statt schwankenden Bodens festes, wenn auch schmales Terrain unter die Füße bekommen hat. —

Ich bin aller philosophischen Irrtümer ledig. Wer die diesbezüglichen Aufklärungen, Widerlegungen, Demonstrationen, Analysen und viele psychologische und physiologische Aufschlüsse kennenlernen wollte, würde meine Werke, am besten meinen Mechanismus des geistigen Lebens, einsehen. — Hier soll in äußerster, fast sündhafter Kürze erwähnt werden, was hinter uns liegen müßte, in der Nacht falscher Begriffe und irrlichternder Worte; es soll die positive Errungenschaft aufgezeigt werden, die durch meine radikale Kritik erzielt wurde. Und gerade jene Formel der sichersten und bescheidensten Erkenntnis wird dann das Tor zur Stadt der Träume öffnen.

Zunächst sei an die leichteste Analyse erinnert. Es gibt keinen wesenhaft als Kraft dem Bewußtsein sich zeigenden Willen; sondern es gibt nur Reihen von Bildern und Leibesaktionen. Es gibt auch keinen psychischen Akt des Liebens, keinen Akt des Wünschens, des Urteilens, keinen Akt des Vorstellens; sondern es gibt nur Reihen von flächenhaften sinnlichen Vorkommnissen und Motorik - in eigentümlichen (von mir exakt geschilderten) Typen, für die jene praktischen, abkürzenden Namen kursieren, hinter denen aber durchaus keine erkannten Funktionen stecken.

Bei Bestand der Sinne gibt es sicher das Vorkommnis der Welt der Ausdehnung, der Körperlichkeit; sie ist schlechthin da, als Sinnenvorkommnis eine Realität. Aber es ist keine Sicherheit, keine Chance für die Behauptung, daß diese Ausdehnung eine wirksame, kraftvolle Potenz, ein Faktor des Schaffens und der Energie sei.

Es ist ganz sicher, daß die ausgedehnte Realität einerseits in der primären Form des realen Vorkommnisses - so als Kristall, Baum, Menschenleib, Auge - besteht, und es ist ebenso sicher, daß andererseits eine sekundäre Realität der Vorkommnisse besteht, in jener Form, die man Erinnerung - an Kristall, an Auge - nennt, oder ferner auftauchende Kombinationen solcher Vorkommnisse, die man Phantasien nennt. Es ist aber keine Sicherheit, ja es ist Erschleichung, daß diese Vorkommnisse sich fänden als Besitz eines «Ich». Es ist sicher, daß alle diese primären und sekundären Vorkommnisse schlechthin Realitäten sind, aber es ist nicht der Schein der Berechtigung für die Annahme, daß sie als «gewußt» existieren, im Schoße eines «Ich» existieren. Frei schwebende, kraftlos schattenhafte Realitäten sind da, ohne irgendwie ihren Ursprung, ihre Wurzelung zu verraten; nichts wissen wir von ihrer Herkunft und ihrem Bestande! Daß sie ein Schatz eines inneren Kern-Ichs seien, daß dessen Bewußtwerden da ist, ist Lüge. - Leicht ist es erklärlich, wieso die Lüge entsteht. Sie entsteht durch das Spiel- durch Augenöffnen und -schließen - der Sinne, die ja aber doch selbst nichts als frei flatternde Realitäten sind, die keine Wirkungskraft noch Wirkungsart zeigen und nicht dazu taugen, uns die wahrhaften Prozesse zu künden.

Wenn man nun diese unsere kritische Sicherheit, gegenüber der Fülle alles Unbewiesenen und Vorgeplauderten, auf einen Ausdruck bringt, so muß man sagen: Etwas, was dem hinhuschenden Vorkommnisse der Welt - noch ohne Leibessinne gefaßt - entspricht - wie die Welt nämlich war und ist, insoferne Menschen und Sinne nicht sind —, muß es in lebendiger, wirkender Kraft geben; und etwas, was den Sinnen entspricht, muß es auch in wahrhaft lebendig wirkender Kraft geben. Heißen wir beliebig das erste substantiell Seiende - X, das zweite substantiell Seiende im allgemeinen - Y. Dann muß gelten: die frei schwebenden, an sich nicht deklarierten Vorkommnisse sind die Funktion des Zusammenwirkens von XY.-Das ist des «Wissens» letzter Schluß: XY setzen, unbekannt wie, die Vorkommnisse in die Welt. Und nun wird man weiter zu Annahmen gedrängt, die eine, wenn auch dürftige Fixation gestatten, aber nicht weit ausgedacht werden können. So tut sich hier das Reich der Träume auf, und zwar zeigen sich vier Hauptstraßen.

Es ist eine Tatsache im Vorkommnisgebiet, daß es für den Sinnenkomplex Leib A einen Kreis primärer und sekundärer Vorkommnisse gibt und einen andern für den Sinnenkomplex B, usf. Es zeigen sich die Vorkommnisse in Sphären, die gegeneinander nicht geöffnet sind, — oder doch nicht mit Sicherheit als geöffnet erklärt werden können. So werden wir zuerst sagen dürfen oder vielleicht müssen, daß in den Prozessen der Wirksamkeit XY ein Prinzip der Abteilungen existiert. Ich nannte es das Rahmenprinzip.

Dann wird gedacht werden können oder müssen: das X und Y, die Urkraft der unter Abzug der Sinne ausgedehnten Welt, und die Urkraft der Sinnlichkeit seien im Wesen einheitlich. Denn um aufeinander zu wirken, müssen sie gleichwertig sein. So wäre also vielleicht nur eine Ursubstanz mit einer innerlichen Urdifferenzierung zu glauben, mit einem innerlichen Anlaß, sich in Sphären, in den Rahmen, zu geben.

Ferner aber ist es leicht möglich, daß diese Ursubstanz in ihren Funktionen auch ihre Rahmen überspringt, und so könnten irgendwie jene Vorkommnissphären in der Wurzeltiefe zusammenfließen. Und es läßt sich sogar träumen, daß vielleicht auch im Bereich der Vorkommnisse selbst Fäden von Sphären zu Sphären gesponnen seien.

Und endlich. Wir kennen vom Standpunkte des Menschen aus Freudiges und Trauriges, Lust und Schmerz. Aber eine allmächtige Ursubstanz kann nicht leidend sein. Und so muß wohl dort jeder hiesige Schmerz irgendwie ein Teil eines Ganzen sein, in dem er nicht Schmerz ist, sondern vielleicht nur Würze und Erhöhung der Freude.

Gerade meine absolut radikale Analyse und Kritik des Vorhandenen, die nur unbekannt woher und wie schwebende, neutrale Realitäten duldet, macht das Schwärmen von wahrhaften Urkräften nötig. - An der Grenze meines stahlharten, engen Terrains der Erkenntnis steht ein Türmchen, von dem aus die Ahnung in ein notwendiges, aber unerforschbares Gebiet schweifen kann. — Und dort ist auch die Brücke, auf der meine Sympathien hinüber zu den Gebilden der Anthroposophie und ihrer Gedanken wandeln können.

German original of My “agreement” with Richard Wahle's “Critique of Knowledge and Anthroposophy” · ← Previous