Star Wisdom, Moon Religion, Sun Religion

GA 353 — 8 May 1924, Dornach

Vom Wesen des Judentums

Nun, meine Herren, was haben Sie sich für heute als Fragen zurechtgelegt?

Fragesteller: Was verursachte beim Tode Christi, daß die Sonne drei Stunden verfinstert

war? Dr. Steiner: Ja, meine Herren, das ist natürlich eine sehr bedeutungsvolle Frage: Was verursachte beim Tode Christi, daß die Sonne drei Stunden verfinstert war? - Sehen Sie, diese Frage hat mich auch, wie Sie sich denken können, sehr, sehr viel beschäftigt. Ich kann mir denken, daß es auch für den Fragesteller eine ganz wichtige Frage ist, weil sie ja doch zeigt, daß eigentlich solche Dinge für den heutigen Menschen zunächst nicht mehr glaublich sind. Deshalb hat ja auch das 19. Jahrhundert die Sache sehr einfach dadurch zur Lösung gebracht, daß es gesagt hat: Nun, es ist eben einfach nicht wahr, das ist ein bloßes Bild, und man braucht auf solche Dinge keinen großen Wert zu legen. - Ja, aber, meine Herren, so ist die Sache doch nicht! Gerade wenn man ganz sorgfältig alles dasjenige verfolgt, was man aus der Geisteswissenschaft wissen kann, so kommt man doch darauf, daß es sich beim Tode Christi um eine Sonnenfinsternis gehandelt hat, wenigstens um ein starkes Bedecktsein der Sonne, so daß während der Zeit, in der der Tod eingetreten ist, eine Verfinsterung der Gegend vorhanden war. Und man kommt nicht einfach dadurch über solche Dinge hinweg, daß man sie ableugnet, sondern man muß sie natürlich erklären.

Nun möchte ich Sie da auf etwas aufmerksam machen, was ich schon öfter in Ihrer Gegenwart erwähnt habe: Sie finden überall in älteren Nachrichten, daß stark Rücksicht genommen wird auf die Tageszeit, Jahreszeit und so weiter. Das merken die Menschen heute gar nicht. Sie werden ja wissen, daß im Neuen Testament viel von den Heilungen Christi erzählt wird, von der Art und Weise, wie er Kranke geheilt hat. Und es wird da ein großer Wert darauf gelegt, daß er auch eine ganz bestimmte menschliche Praxis in der Krankenheilung entwickelte. Die Heilungen waren in der damaligen Zeit wesentlich leichter als heute, und das ist es gerade, was die Menschen heute nicht mehr berücksichtigen. Heute muß man ja die Menschheit, die sich schon einmal so entwickelt hat, namentlich in Europa, einfach vom Körper aus heilen. Aber das war nicht immer der Fall. Man konnte ganz gut noch zu der Zeit, als Christus auf der Erde war, und in älteren Zeiten erst recht, von der Seele aus heilen. Die Seele hat bei dem heutigen Menschen eben nicht mehr diesen starken Einfluß, weil der heutige Mensch seiner ganzen Erziehung nach ja abstrakte Gedanken hat. Sehen Sie, solche Gedanken, wie sie heute alle Menschen haben, die gab es eben in der damaligen Zeit noch nicht. Da wurde der Mensch innerlich von dem, was er dachte, ergriffen. Irgend etwas, was man «logisches Denken» nennt, das gab es in der damaligen Zeit nicht. Und so war der Mensch ganz anders in seinem Seelenleben. Heute können Sie zu dem Menschen das Allergewichtigste sprechen - es wirkt nicht auf seinen Körper, weil er die Seele abgezogen vom Körper hat. Man glaubt, die alten Menschen waren dadurch instinktiv hellsichtig, daß sie freier waren von ihrem Körper. Das ist aber gar nicht wahr; sie steckten mehr in ihrem Körper drinnen, sie fühlten mehr alles mit ihrem Körper und konnten daher auch einen Rieseneinfluß von der Seele aus auf den Körper ausüben. Wenn ein bestimmter Name ausgesprochen wurde, dann stand bei dem älteren Menschen gleich das Bild vor der Seele. Heute, nun, da spricht man irgendein Wort aus, und man hat nicht ein Bild. Die älteren Menschen hatten gleich ein vollständiges Bild, und dieses Bild durchrieselte sie entweder mit einer Gänsehaut oder mit einem Lachreiz oder irgend etwas: es ging gleich alles in den Körper über. Sehen Sie, diese Dinge wurden sehr stark benützt zum Heilen. Man konnte sie aber nur benützen, wenn man richtig die Kräfte benützte, die in der Umgebung des Menschen sind. Daher heißt es einmal, als vom Krankenheilen bei Christus die Rede ist: «Als die Sonne untergegangen war, versammelte er die Leidenden.» Also er hat sie nicht versammelt bei vollem, hellem Sonnenschein; da hätte seine Zusprache auf die Seele nichts genützt. Erst als die Menschen in der Dunkelheit, in der Dämmerung zu ihm kamen, da nützte das etwas.

Über solche Sachen geht der Mensch heute ganz hinweg. Aber es ist eben durchaus so, daß diese Dinge mit dem menschlichen Leben zusammenhängen. Ob heller Sonnenschein ist oder Dämmerung, ob Frühling, Herbst und so weiter, das hat einen riesigen Einfluß. Und so auch die anderen Erscheinungen der Natur. So daß wir sagen können: Wir beobachten das Leben Christi, wie es sich entwickelt hat von seiner Geburt bis zu der Johannes-Taufe, und dann durch die drei Jahre, bis er zum Tod gekommen ist: alles hat sich in einer gewissen Weise zugespitzt. Aber nicht bloß dasjenige, was der Hohe Rat dazumal beschlossen hat, nicht bloß dasjenige, was gemacht hat, sagen wir, die Revolution der Leute dort und so weiter, sondern auch die Erscheinungen am Himmel und in der ganzen Natur, die haben mitgewirkt.

Nun habe ich Ihnen gesagt, meine Herren: Einfluß auf den Menschen, insofern er zunächst im Mutterleibe ist, dann geboren wird, haben die Mondenkräfte. Später haben Einfluß auf den Menschen die Sonnenkräfte. Ich habe Ihnen davon gesprochen, daß auch andere Sternenkräfte Einfluß auf den Menschen haben. Einfluß auf den Menschen aber haben alle Erscheinungen, die draußen in der Natur sind.

Sehen Sie, es ist manchmal ganz merkwürdig, wie sich die Menschen heute, weil sie aus ihrem abstrakten Denken gar nicht herauskommen, abplagen mit Naturerscheinungen. Es ist zum Beispiel heute bekannt, daß die Sonnenflecken - es sind ja Flecken in der Sonne - nach etwa elf bis zwölf Jahren immer wieder und wiederum in großer Zahl erscheinen. Aber trotzdem man weiß, daß in der Zeit, in der die Sonnenflecken erscheinen, immer etwas Unruhiges auf der Erde vorgeht, kann man sich doch nicht dazu bequemen, nun den außerirdischen Einfluß auf die Erde, der sich in den Sonnenflecken ausdrückt, wirklich zu berücksichtigen. Aber dieser Einfluß ist einmal da! Nicht wahr, wenn es regnet, so folgt auf der Erde durch das Bewußtsein des Menschen, daß gewisse Dinge unterlassen werden müssen. Sie können nicht gut, wenn es Schloßhunde regnet, Gärtnerarbeiten und dergleichen machen; die müssen unterlassen werden. Ja, da hat die Natur einen Einfluß auf das bewußte Leben des Menschen. Aber auf das unbewußte Leben des Menschen hat der ganze Umkreis der Welt mit der Sternenwelt einen großen Einfluß. Und so kommt das Sonnenlicht, das ja für den Menschen eine Bedeutung hat, ganz anders zu ihm, wenn es stellenweise verdunkelt ist, als wenn es durch und durch erhellt ist.

Man kann nicht sagen, daß durch solche Dinge die Freiheit beeinflußt wird; aber wo irgendwie tiefere, geistige Wirkungen in Betracht kommen, da muß der Mensch mit seiner Freiheit auf diese Wirkungen geradeso bauen, wie er darauf baut, daß er ja nicht sagen kann, wenn er im ersten Stock oben ist: Der Boden soll ein Loch kriegen, damit ich durch diesen Boden hinunter ins untere Geschoß kommen kann. Die Naturgesetze müssen eben berücksichtigt werden, auch die großen, die draußen in der Welt sind.

Und so kann man sagen: Es hat sich in der Natur alles zugespitzt in der Zeit gerade, in der sich in Palästina abgespiegelt hat in gewissen Herzen dasjenige, was geschehen ist, bis zur größten Traurigkeit. Aber damit ging einher die größte Traurigkeit in der Natur. Diese zwei Dinge stimmten eben durchaus zusammen; sie stimmten in der Wirklichkeit zusammen. Und dann kann man sagen: Geradeso wie im Körper das Blut fließt und des Menschen Gesundheit von diesem Blute abhängt, so fließt wiederum ins Blut hinein dasjenige, was im Sonnenlichte lebt. Es fließt ja ins Blut hinein.

Denken Sie sich, irgend jemand. stirbt. Nun, könnten Sie zwei Monate vorher sein Blut untersuchen, dann würde sich Ihnen zeigen, daß es schon auf dem Wege ist, leblos zu werden. Ebenso nun, wie das Blut vor dem Tode des Menschen auf dem Wege ist, leblos zu werden, so war dasjenige, was im Lichte lebt, vorher schon, zur Zeit von Christi Geburt schon, auf dem Weg, sich so zu entwickeln, daß eben eine Dämmerung war mit dem Tode. Also es standen eben einfach die Naturerscheinungen in einem innigen Zusammenhang mit Christi Leben. Und man möchte sagen: Geradeso wie der Christus bewußt die Dämmerung gewählt hat, um Kranke zu heilen, so hat sein Unbewußtes in der Seele die Sonnenfinsternis gewählt, um zu sterben. So muß man sich diese Dinge vorstellen; dann kommt man schon zu einer richtigen Erklärung. Und das ist wichtig, meine Herren! Man kann sich natürlich nicht in äußerlicher, grober Weise diese Sachen erklären, sondern man muß sie in intimer Weise erklären.

Fragestellung: Hat das jüdische Volk seine Mission in der Menschheitsentwickelung erfüllt?

Dr. Steiner: Ja, sehen Sie, das ist eine Frage, die natürlich, wenn man sie bespricht, leider allzuschnell in die Agitation hineintreibt. Dasjenige aber, was man ganz objektiv in dieser Beziehung sagen muß, hat nichts zu tun mit irgendeiner Agitation.

Wenn man das jüdische Volk ansieht, wie es sich in alten Zeiten entwickelt hat, so muß man sagen, es hat sich in einer Weise entwickelt, die außerordentlich stark die christliche Entwickelung vorbereitet hat. Die Juden haben, bevor das Christentum in die Welt getreten ist, eine sehr geistige Religion gehabt, aber eine Religion - ich habe sie Ihnen schon charakterisiert -, die eigentlich nur auf das geistige Naturgesetz Rücksicht genommen hat. Hat man den Juden gefragt: Woher kommt der Frühling?, so hat er gesagt: Weil Jehova es so will! - Warum ist das ein schlechter Mensch? Weil Jehova es so will! - Warum bricht in einem Lande eine Hungersnot aus? Weil Jehova es so will! - Alles wurde zurückgeführt auf diesen einen Gott. Und dadurch lebten ja die Juden mit ihren Nachbarvölkern in Feindschaft; sie wurden von ihnen nicht verstanden. Und sie verstanden auch diese Nachbarvölker nicht, weil die Nachbarvölker eigentlich nicht diesen einen Gott in derselben Weise anerkannt haben, sondern die geistigen Wesenheiten in allen Naturerscheinungen - viele geistige Wesenheiten - anerkannt haben.

Ja, sehen Sie, meine Herren, diese vielen geistigen Wesenheiten in den Naturerscheinungen sind eben einfach vorhanden, und diejenigen, die sie leugnen, leugnen etwas Wirkliches. Es ist geradeso, wenn man diese geistigen Wesenheiten in den Naturerscheinungen leugnet, als wenn ich jetzt sage: In diesem Saale sitzt kein einziger Mensch! - Das kann ich natürlich auch sagen, und wenn ich einen Blinden hereinbringe und sage: In diesem Saale sitzt kein Mensch! und Sie nicht anfangen darüber so laut zu lachen, daß er es hört, dann kann er es glauben. - Es gibt ja auch auf diesem Gebiet Täuschungen. Friedrich Nietzsche, der sehr schlecht gesehen hat - er war damals Professor in Basel -, hat immer sehr wenig Zuhörer gehabt; trotzdem die Vorlesungen sehr interessant waren, waren die jungen Zuhörer nicht besonders fleißig. Er war immer in Gedanken versunken, ging hinauf aufs Podium und hielt seine Vorträge. So geschah es auch wieder einmal - und es war kein einziger drinnen! Er hat es aber erst bemerkt, als er hinausging, weil er so schlecht sah. - Und einem Blinden wäre auch klarzumachen, daß hier kein einziger Mensch im Saal ist. So macht man den Menschen klar, daß nirgends geistige Wirkungen sind, weil man sie zunächst durch die Erziehung und alles, was heute geschieht, für die geistigen Wirkungen blind macht.

Aber auf der anderen Seite ist es auch wieder für den Menschen wichtig, daß er einsieht, er hat zwar viel zu tun mit all diesen vielen Naturgeistern. Aber es gibt in ihm eine Macht, die all das, was diese Naturgeister im Menschen bewirken, besiegt. Und dadurch kommt der Mensch zu dem einen Menschengott. Und die Juden kamen eben zunächst in einer ganz starken Weise zu dem einen Menschengott und leugneten alle übrigen geistigen Wesenheiten in den Naturerscheinungen. Dadurch erwarben sie sich zunächst zur Anerkennung des einen Menschengottes, des Jahve oder Jehova, ein großes Verdienst. Jahve heißt ja einfach: Ich bin.

Nun, diese Sache ist für die Weltgeschichte sehr wichtig geworden, die eine Gottheit, mit der Leugnung aller übrigen geistigen Wesenheiten. Denken Sie sich: Es gibt zwei Völker, die führen miteinander Krieg; jedes erkennt den einen Gott an, und eines von diesen Völkern kann nur siegen. Das siegende Volk, das sagt: Unser Gott hat uns siegen lassen. - Hätte das andere Volk gesiegt, so hätte das auch gesagt: Unser Gott hat uns siegen lassen. Aber wenn es der eine Gott ist, der das eine Volk siegen läßt und das andere Volk besiegen läßt, so ist es ja der Gott selber, der sich besiegt! Also wenn die Türken ihren Gott haben und die Christen ihren Gott, und beide Völker den einen Gott haben, und das eine Volk bittet: Der eine Gott möge uns den Sieg bringen -, und das andere Volk betet: Der eine Gott möge uns den Sieg bringen -, so verlangen sie ja beide von demselben Gott, daß er sich selber besiegt! Man muß sich klar sein: Da handelt es sich nicht um ein einziges geistiges Wesen. Das tritt aber schon im alltäglichen Leben hervor: Der eine will, daß es regnet, betet um Regen, der andere will, daß die Sonne scheint, betet um Sonnenschein am selben Tag. Ja, das geht nicht! Würde man das bemerken, so würde schon mehr Klarheit in diesen Dingen herrschen. Aber man bemerkt es halt nicht. In großen Dingen gibt sich der Mensch einer Gedankenlosigkeit hin, lebt in der Gedankenlosigkeit, die er sich in kleinen Dingen gar nicht gestatten würde. Er würde wahrscheinlich nicht zugleich Salz und Zucker in den Kaffee tun, sondern er zuckert ihn bloß, macht bloß das eine. Aber im Großen darauf beruhen ja auch die großen Verwirrungen -, da sind die Menschen nicht so, daß sie sich nur einer Klarheit hingeben wollen. So haben also die Juden das, was man den Monotheismus nennt, also das Bekenntnis zu dem einen Gotte, aufgebracht.

Nun habe ich Ihnen kürzlich einmal gesagt, daß das Christentum eigentlich die drei Gottheiten ins Auge gefaßt hat: Es hat den Vatergott, der in allen Naturerscheinungen lebt, den Sohnesgott, der in der menschlichen Freiheit lebt, und es hat den Geistgott, der dem Menschen zum Bewußtsein bringen soll, daß er ein von seinem Körper unabhängiges Geistiges hat. Damit also würden drei Dinge begriffen. Sonst muß man dem einen Gott zuschreiben, daß er den Menschen sterben läßt aus dem Körper, daß er ihn auch wieder auferweckt aus demselben Entschluß heraus. Währenddem, wenn man drei Personen hat, fällt das Sterben dem einen Gott, der Tod dem anderen, das Auferwecktwerden im Geiste wieder einem anderen zu. Also das Christentum war genötigt, die geistige Gottheit in drei Personen sich vorzustellen. In drei Personen - das ist nur heute so, daß man das nicht versteht, aber das heißt ursprünglich dreigestaltet, und man hat sich vorgestellt: Die Gottheit trat eben in drei Gestalten auf.

Nun ist das Judentum genötigt gewesen, weil es nur diesen einen Gott sich vorstellte, überhaupt von diesem einen Gott sich gar kein Bild zu machen, sondern diesen einen Gott ganz nur mit dem Inneren der Seele, mit dem Verstande zu begreifen. Aber es ist auch leicht einzusehen, daß sich damit eigentlich der menschliche Egoismus im höchsten Grade verdichtete; denn der Mensch wird fremd alledem, was außer ihm ist, wenn er das Geistige nur in seiner eigenen Person sieht. Und das hat in der Tat einen gewissen Volksegoismus im Judentum hervorgebracht, das ist nicht zu leugnen; aber die Juden sind dadurch auch mehr geeignet, dasjenige, was nicht bildlich ist, in sich aufzunehmen, während sie weniger geeignet sind, das Bildhafte in sich aufzunehmen. Wenn ein Jude Bildhauer wird, dann kommt eigentlich nichts Besonderes dabei heraus, weil er dazu noch nicht veranlagt ist. Er hat nicht diese bildhafte Veranlagung; die geht ihm nicht ein. Wenn ein Jude Musiker wird, so wird er meistens ein ausgezeichneter Musiker, weil das nicht bildhaft ist; das stellt man nicht äußerlich dar. So können $ie unter den Juden große Musiker finden, aber Sie werden kaum in der Zeit, in der die Künste geblüht haben, unter ihnen große Bildhauer finden, nicht einmal Maler! Die Juden malen ganz anders als meinetwillen die christlichen oder auch nichtchristlichen, die orientalischen Maler. Sie malen so, daß eigentlich die Farbe auf einem Bild, das von einem Juden gemalt wird, gar keine große Bedeutung hat, sondern das, was es ausdrückt, was man eigentlich durch das Bild erzählen will. Das ist dasjenige, was das Judentum besonders charakterisiert: das Nichtbildhafte, das ganz und gar im menschlichen Ich Vorsichgehende in die Welt zu bringen. Aber so leicht es ausschaut, es ist nicht so leicht, dieses Bekenntnis zu dem einen Gotte festzuhalten, sondern die Menschen werden eigentlich sogleich Heiden, wenn man ihnen dieses Bekenntnis zu dem einen Gotte nicht scharf aufdrückt. Die Juden sind am allerwenigsten Heiden geworden. Im Christentum dagegen herrscht leicht ein Zug zum Heidentum. Sie können das, wenn Sie scharf zusehen, überall bemerken. Nehmen Sie zum Beispiel diese Verehrung, die das Christentum hat für Zeremonien. Nicht wahr, ich habe Ihnen gesagt: Die Monstranz stellt eigentlich die Sonne dar und darinnen den Mond. - Das weiß man gar nicht mehr. Aber der Mensch, der in dieser Beziehung nicht aufgeklärt ist, betet eigentlich die Monstranz an, also ein Äußerliches. Die Menschen neigen sehr leicht dazu, das Äußerliche anzubeten. Und so ist es eigentlich wirklich geschehen, daß im Verlaufe der Jahrhunderte sich das Christentum sehr heidnisch gebildet hat. Dagegen hat immer das Judentum eine Gegenwirkung entfaltet.

Nehmen Sie das nur einmal auf einem ganz bestimmten Gebiete an, wo es am leichtesten einleuchten kann: Die Christen des Abendlandes, also die Christen, die aus Griechenland, Rom und Mitteldeutschland kamen, die waren eigentlich ziemlich unfähig, die alte Medizin fortzupflanzen, weil sie in den Heilkräutern nicht mehr das Geistige sehen konnten. Es war ihnen unmöglich, in den Heilkräutern noch das Geistige zu sehen. Aber überall haben das Geistige, das heißt ihren einen Jehova gesehen diejenigen Juden, die aus dem Morgenland, von Persien und so weiter gekommen sind. Wenn Sie die Entwickelung der Medizin im Mittelalter betrachten, dann haben die Juden einen ungeheuer starken Anteil daran. Die Araber haben gerade an der Entwickelung der anderen Wissenschaften, die Juden an der Entwickelung der Medizin einen starken Anteil. Und was die Araber an Medizin gebracht haben, haben sie auch wiederum mit Hilfe der Juden ausgearbeitet. Aber dadurch wiederum ist die Medizin das geworden, was sie heute geworden ist. Die Medizin ist zwar geistig geblieben, aber sie ist, ich möchte sagen, monotheistisch geblieben. Und heute können Sie sehen, wenn Sie die Medizin beobachten: Mit Ausnahme von ein paar Mitteln, ganz wenigen, wird eigentlich allen übrigen Mitteln alles zugeschrieben! Man weiß nicht mehr, wie das eine Mittel wirkt, geradesowenig wie man im Judentum gewußt hat, wie die einzelnen Naturgeister sind. So ist auch da in der Medizin ein abstrakter Geist, ein abstrakter JehovaDienst eingezogen, der heute eigentlich noch immer in der Medizin drinnen ist.

Es wäre zum Beispiel sehr natürlich, daß in den verschiedenen Ländern Europas nicht mehr Juden Ärzte wären, als sie prozentual zu der Bevölkerung sind. Ich will nicht sagen - bitte, mich nicht mißzuverstehen! -, daß man das durch ein Gesetz festsetzen sollte; das fällt mir durchaus nicht ein. Aber die natürliche Anschauung müßte das ergeben, daß entsprechend der Anzahl Juden auch jüdische Ärzte da wären. Aber das ist gar nicht der Fall. In den meisten Ländern sind eine viel größere Anzahl Juden Ärzte. Das stammt noch aus dem Mittelalter; sie fühlen sich noch zu der Medizin sehr hingezogen, weil es ihrem abstrakten Denken entspricht. Dieser abstrakten Jehova-Medizin ist eigentlich ihr ganzes Denken angepaßt; sie entspricht ihnen. Und erst hier in der Anthroposophie, wo man wieder zurückgeht auf die einzelnen Naturgeister, erkennt man auch wieder, was in den einzelnen Kräutern und Steinen an Naturkräften enthalten ist. Da bringt man das wieder auf einen sicheren Boden.

Die Juden haben also den einen Jehova verehrt und dadurch die Menschen davon abgehalten, sich zu verlieren in die Vielgeisterei. Nun ist es natürlich so, daß die Juden sich dadurch auch immer von den anderen Menschen unterschieden haben, und dadurch vielfach wie immer derjenige, der sich unterscheidet, Abneigung und Antipathie hervorruft - die Abneigung und Antipathie hervorgerufen haben. Aber heute handelt es sich darum, sich zu sagen, daß eine solche Weise, die Kultur nicht auseinandertreiben zu lassen, sondern zusammenzuhalten, wie es jahrhundertelang bewirkt worden ist durch die Juden, in der Zukunft nicht mehr notwendig sein wird, sondern in der Zukunft muß das ersetzt werden durch eine starke geistige Erkenntnis. Dann wird auch das Verhältnis zwischen der einigen Gottheit und den vielen Geistern sich vor der Erkenntnis, vor dem Bewußtsein des Menschen darstellen. Dann braucht nicht im Unbewußten ein einziges Volk zu wirken. Daher habe ich es von Anfang an bedenklich gefunden, daß die Juden, als sie nicht mehr recht aus und ein gewußt haben, die zionistische Bewegung begründet haben. Einen Judenstaat aufrichten, das heißt, in der allerwüstesten Weise Reaktion treiben, in der allerwüstesten Weise zur Reaktion zurückkehren, und damit sündigt man gegen alles dasjenige, was auf diesem Gebiet heute notwendig ist.

Sehen Sie, ein sehr angesehener Zionist, mit dem ich befreundet war, der legte mir einmal seine Ideale auseinander, nach Palästina zu gehen und dort ein Judenreich zu gründen. Er tat selber sehr stark mit an der Begründung dieses jüdischen Reiches, tut heute noch mit und hat sogar in Palästina eine sehr angesehene Stellung. Dem sagte ich: Solch eine Sache ist heute gar nicht zeitgemäß; denn heute ist dasjenige zeitgemäß, dem jeder Mensch, ohne Unterschied von Rasse und Volk und Klasse und so weiter sich anschließen kann. Nur das kann man eigentlich heute propagieren, dem sich jeder Mensch ohne Unterschied anschließen kann. Aber jemand kann doch nicht von mir verlangen, daß ich mich der zionistischen Bewegung anschließe. Da sondert ihr ja wiederum einen Teil aus von der ganzen Menschheit! - Aus diesem einfachen, naheliegenden Grunde kann eigentlich eine solche Bewegung heute nicht gehen. Sie ist im Grunde genommen die wüsteste Reaktion. Natürlich erwidern einem dann solche Menschen etwas Merkwürdiges; sie sagen: Ja, in der Zeit hat es sich doch herausgestellt, daß die Menschen so etwas wie Allgemeinmenschliches gar nicht wollen, sondern fordern, daß sich alles aus dem Volkstümlichen heraus entwickeln soll.

Dieses Gespräch, das ich Ihnen jetzt erzählt habe, hat stattgefunden vor dem großen Kriege 1914 bis 1918. Ja, sehen Sie, meine Herren, daß die Menschen die großen allgemeinmenschlichen Prinzipe nicht mehr wollen, sondern sich absondern, Volkskräfte entwickeln wollen, das hat eben gerade zu dem großen Krieg geführt! Und so ist das größte Unglück dieses 20. Jahrhunderts gekommen von dem, was die Juden auch wollen. Und so kann man sagen: Da alles dasjenige, was die Juden getan haben, jetzt in bewußter Weise von allen Menschen zum Beispiel getan werden könnte, so könnten die Juden eigentlich nichts Besseres vollbringen, als aufgehen in der übrigen Menschheit, sich vermischen mit der übrigen Menschheit, so daß das Judentum als Volk einfach aufhören würde. Das ist dasjenige, was ein Ideal wäre. Dem widerstreben heute noch viele jüdische Gewohnheiten - und vor allen Dingen der Haß der anderen Menschen. Und das ist gerade dasjenige, was überwunden werden müßte. Die Dinge werden nicht überwunden, wenn alles beim alten bleibt. Und wenn sich die Juden zum Beispiel beleidigt fühlen, wenn man sagt: Ihr seid keine Bildhauer, ihr könnt da nichts leisten - so kann man sich sagen: Es müssen doch nicht alle Leute Bildhauer sein! Sie können doch durch ihre persönlichen Fähigkeiten anderswo etwas leisten! - So sind die Juden eben nicht zur Bildhauerei geeignet; sie haben ja auch in die Zehn Gebote das eine aufgenommen: «Du sollst dir von deinem Gotte kein Bild machen», weil sie eben überhaupt in der bildlichen Anschaulichkeit nichts Übersinnliches darstellen wollen. Dadurch aber wird man gerade auf das Persönliche zurückgewiesen.

Nicht wahr, Sie können sich das sehr einfach vorstellen: Wenn ich ein Bild mache, auch nur ein geschildertes, wie es oftmals in der Geisteswissenschaft geschieht, so kann sich der andere dieses Bild merken, sich erbauen, daran erkennen - was er eben will. Wenn ich aber kein Bild mache, dann muß ich immer bei der Wirkung selber persönlich dabei sein; dann sondert sich das nicht ab von mir. Daher nimmt es einen persönlichen Charakter an. Das hat auch das Judentum; alles, was bei den Juden ist, nimmt auch einen persönlichen Charakter an. Die Menschen müssen dazu kommen, in dem anderen Menschen das Geistige zu sehen. Heute beherrscht noch alle Dinge der Juden das Rassenmäßige. Sie heiraten vor allen Dingen untereinander. Sie sehen also noch das Rassenmäßige, nicht das Geistige. Und das ist es, was notwendig wäre zu sagen auf die Frage: Hat das jüdische Volk seine Mission in der menschlichen Erkenntnisentwickelung erfüllt? - Es hat sie erfüllt; denn es mußte früher ein einzelnes Volk da sein, das einen gewissen Monotheismus bewirkte. Heute muß es aber die geistige Erkenntnis selber sein. Daher ist diese Mission erfüllt. Und daher ist diese jüdische Mission als solche, als jüdische, nicht mehr notwendig in der Entwickelung, sondern das einzig Richtige ist, wenn die Juden durch Vermischung mit den anderen Völkern in den anderen Völkern aufgehen.

Fragestellung: Wie konnte über dieses Volk das Schicksal kommen, daß sie ins Exil mußten?

Dr. Steiner: Ja, sehen Sie, meine Herren, da muß man die ganze Art, den ganzen Charakter dieses Exils einmal ins Auge fassen. Das Judenvolk, das zur Zeit Christi gelebt hat, unter dem der Christus gestorben ist, lebte ja mittendrin unter einem ganz anderen Volk, unter den Römern. Und nun denken Sie sich, die Römer hätten eben einfach Palästina erobert, hätten die Menschen, die sie haben töten wollen, getötet, die anderen ausgewiesen, und die Juden hätten schon dazumal die Absicht oder den Trieb dazu gehabt, mit den anderen Völkern sich zu vermischen - was wäre geschehen? Nun, die Römer hätten Palästina erobert, ein Teil der Juden würde getötet worden sein; andere wären, wie man heute sagt - was ja alle Länder tun -, ausgewiesen worden und hätten draußen irgendwo leben können.

Nun haben die Juden nicht die Absicht und nicht den Drang gehabt, sich mit den anderen zu vermischen, sondern überall, wo nur ein paar Juden waren, haben sie ausschließlich miteinander gelebt. Nun sind sie nach allen Seiten zerstreut worden; dadurch allein, daß sie nur miteinander gelebt, ineinander geheiratet haben, ist es ja bemerkt worden, daß sie als Juden selber Fremde sind. Sonst hätte man gar nicht bemerkt, daß sie irgendwie im Exil sind. Es war also durch diesen Trieb der Juden, daß man bemerkte: die sind im Exil. Das liegt im ganzen Charakter des Judentums. Und die Nachwelt, die staunt nun darüber, daß die Juden vertrieben worden sind, in der Fremde leben mußten. Ja, aber das ist doch fast überall geschehen! Nur haben sich die anderen Menschen mit den übrigen vermischt und man hat es nicht bemerkt. So liegt es im Charakter des Judentums, daß es zäh überall zusammengehalten hat. In dieser Beziehung muß man schon sagen: Durch das Zusammenhalten der Menschen werden Dinge, die sonst nicht bemerkt werden, eben bemerkt.

Gewiß, es ist bejammernswert, herzbedrückend, wenn man liest, wie die Juden das Mittelalter hindurch in den Ghettos gelebt haben, also in den Vierteln der Städte, wo sie sich aufhalten durften. Sie durften nicht in die anderen Viertel der Städte kommen; die Tore der Ghettos wurden sogar geschlossen und so weiter. Aber sehen Sie: davon spricht man, weil die Juden im Ghetto zusammengehalten haben, weil man das bemerkt hat! Und anderen Menschen ist es ebenso schlecht gegangen, nicht gerade in dieser Weise, aber in anderer Weise. Die Juden, nicht wahr, die blieben in ihren Ghettos und hielten dort zusammen, und man wußte: die dürfen nicht heraus. Aber andere Menschen, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend alle Tage arbeiten mußten, die konnten auch nicht heraus, wenn auch keine Tore da waren; denen ist es gerade so schlecht gegangen! So daß man sagen muß: Solche Dinge beruhen vielfach einzig und allein auf dem Schein, beruhen nur auf dem Schein, wie in der Weltgeschichte eben vieles auf dem äußeren Schein beruht.

Heute ist die Zeit, wo man in alle diese Dinge mit der Wirklichkeit hineinleuchten muß. Und da kommt man schon darauf: Wo ein Schicksal sich erfüllt, da ist es eigentlich so, daß es wirklich, wie wir es mit einem orientalischen Ausdruck nennen, ein Karma, ein inneres Schicksal ist. Dieses Exilgeschick, das hat sich bei den Juden durch den eigenen Charakter so gemacht; sie sind zäh, und sie haben sich erhalten in der Fremde. Das macht es, daß man es in der späteren Zeit so stark bemerkte und heute noch davon redet.

Das hat es natürlich auf der anderen Seite hervorgebracht, daß man sie unterscheidet von den anderen und ihnen so alle möglichen Dinge zuschreibt, von denen man nicht die Ursachen weiß. Nicht wahr, wenn irgendwo in einer abergläubischen Gegend ein Mensch ermordet wird und man nicht darauf kommt, wer der Täter ist, und dort ein unbeliebter Jude lebt, so sagt man: Die Juden brauchen zur Osterzeit Menschenblut, sie haben den Menschen getötet. - Ja, das sind natürlich solche Dinge, die gesagt werden, weil man den Juden von den anderen unterscheidet. Aber die Juden haben ja selber furchtbar viel dazu beigetragen, daß man sie von den anderen unterscheidet.

Heute ist es sehr notwendig, daß man diesen Dingen gegenüber streng nicht dieses Rassenmäßige, nicht dieses Volksmäßige, sondern das Allgemeinmenschliche hervorhebt.

Frage: Was für eine Weltbedeutung hatten die siebzig Seelen der israclitischen Urfamilie, die die Menschheit zusammensetzen?

Dr. Steiner: Nun, meine Herren, da ist die Sache so: Auf der Erde sind von altersher mannigfaltige Völker. Diese mannigfaltigen Völker verlieren von der jetzigen Zeit an ihre Bedeutung. Das habe ich ja gerade gesagt: es sollte das Allgemeinmenschliche geltend werden. Wenn wir aber nun zurückgehen in der Entwickelung der Menschheit, so finden wir die Erdenbevölkerung geteilt in die verschiedensten Völker. So wie in den Naturerscheinungen Geistiges lebt, so lebt auch in den Völkern Geistiges. In jedem Volke ist einfach ein leitender Volksgeist da. Deshalb habe ich in meiner «Theosophie» gesagt: Das ist nicht bloß ein abstraktes Wort, der Volksgeist! Nicht wahr, was ist heute für den materialistischen Menschen das französische Volk? Nun, das sind so und so viel, zweiundvierzig Millionen Menschen, die auf einem Haufen in Westeuropa zusammen sind. Und dann erst, wenn man das ganz Abstrakte nimmt, dann studiert man die Eigentümlichkeiten dieses Volkes. Aber so ist es nicht! Sondern geradeso wie ein Keim vorhanden ist für die Pflanze, so ist für das Geistige eines Volkes etwas Keimhaftes vorhanden, das sich dann entwickelt. Es lebt ein wirklicher Geist im ganzen Volke.

Nun, wenn Sie gerade das nehmen, meine Herren, was ich jetzt gesagt habe, daß die Juden schon eine Zeitlang in der menschlichen Geschichtsentwickelung die Mission gehabt haben, die eine Gottheit zu verbreiten, dann werden Sie begreifen, daß dieses Judenvolk auch volksmäßig dazu vorbereitet sein mußte. Daher ist es schon so gekommen, daß sich die verschiedenen Volksgeister, die sich einzeln sonst um die Völker bekümmert haben, ursprünglich, als das Judenvolk in der Welt entstanden ist, um das ganze Judenvolk bekümmerten. Nicht wahr, wenn wir die Babylonier nehmen (es wird gezeichnet), dann kommen wir zu den Assyriern, den Ägyptern, den Griechen, den Römern; dann sagen wir uns also: Indischer Volksgeist, babylonischer Volksgeist, assyrischer Volksgeist, ägyptischer Volksgeist, griechischer Volksgeist, römischer Volksgeist und so weiter. Die sind also voneinander verschieden, diese Volksgeister, und jeder einzelne Volksgeist hat sich nur um dieses Volk bekümmert. Wenn wir aber das jüdische Volk nehmen, dann haben wir das so, daß auf dem Fleck Erde in Syrien, wo sich das Judenvolk entwickelt, alle diese Volksgeister ihren Einfluß ausüben auf das Volk, so daß eigentlich der Wille all dieser Volksgeister in dem einen Judenvolk schon lebte.

Ich möchte Ihnen das mit einem Bilde klarmachen. Denken Sie sich einmal, Sie gehen jeder in Ihre Häuslichkeit, verrichten dort diejenige Sache, die Sie in Ihrer Häuslichkeit zu verrichten haben. Jetzt wird also jeder von Ihnen, der Herr Dollinger, der Herr Erbsmehl, der Herr Burle und so weiter in einem besonderen Kreis drinnen sein. Das war bei diesen Volksgeistern der Fall. Nun aber, sagen wir, Sie wollen die Interessen der Arbeiterschaft vertreten: Da bleiben Sie nicht in Ihrem Haus, da halten Sie eine Versammlung ab, da kommen Sie zusammen, besprechen das miteinander und dasjenige, was dann von Ihnen ausgeht, geht von Ihrer Gemeinschaft aus. So kann man sagen: Dasjenige, was diese Volksgeister bewirkten bei den anderen Völkern, das machte jeder für sich in den Volkshäusern; was sie bewirkten durch das Judentum, das taten sie, indem sie eine geistige Versammlung abhielten - es wirkte auf den einen Juden mehr, auf den anderen weniger. Das drückt die Bibel aus, indem sie sagt: In das israelitische Volk fahren in siebzig Seelen die Volksgeister; die haben alle Einfluß. - Aber dieser Einfluß, der sehr stark war, hat die Juden schon in einer gewissen Weise zu einem kosmopolitischen Volk gemacht, daß sie so zäh geblieben sind. Sie konnten überall zusammenkommen und dort das Judentum bewahren, weil sie auf diese Weise alles in sich hatten.

Es ist auch merkwürdig, was das Judentum alles in sich hat! Wenn Sie zum Beispiel in solche Gesellschaften hineingehen, in solche freimaurerische Odd Fellows-Gesellschaften, die nicht neues geisteswissenschaftliches Wissen haben, sondern die altes Wissen haben auf eine Weise, die sie selber nicht mehr verstehen, da werden Sie bis auf die Worte überall von allen möglichen Völkern etwas finden, ägyptische Sachen, Zeremonien, Worte, assyrische, babylonische Worte und Zeichen, Zeremonien und so weiter; aber am allermeisten finden Sie das Jüdische drinnen, die sogenannte Kabbala und so weiter. Das Jüdische ist wirklich in dieser Richtung kosmopolitisch, paßt sich allem an, aber behält auch sein Ursprüngliches, weil es eben sein Ursprüngliches schon in sich hat. Daher ist es auch mit der hebräischen Sprache so, weil in der hebräischen Sprache überall ursprünglich viel drinnen liegt, sowohl Geistiges wie Physisches, daß immer mit einem hebräischen Worte sehr viel gesagt ist. Und die Juden haben ja die Eigentümlichkeit, nur die Mitlaute zu schreiben; die Selbstlaute wurden dann später durch Zeichen ergänzt. Diese Selbstlaute schrieb man eigentlich gar nicht auf das Papier. Jeder konnte sie für sich sagen, so daß der eine sagte: Jehova, der andere Jeheva, ein dritter Jehave, ein vierter Johave. Die Vokale waren verschieden, je nachdem empfunden wurde. Und daher nannte man so etwas, was die Priester festgesetzt hatten auf eine Weise, wie den Jehova-Namen, den «unaussprechlichen Namen», weil man nicht mehr die Vokale gebrauchen durfte, wie man sie wollte.

Das Judentum hatte also schon etwas durch seine Zähigkeit, was hinwies auf die Art, wie die verschiedenen Volksseelen an dieser einzigen Nation teilgenommen hatten. Wenn Sie die Juden dann auf den verschiedensten Gebieten sehen, dann müssen Sie schon ein scharfes Auge haben, das Jüdische - diejenigen Juden, die sich vermischt haben, mitgewirkt haben unter den anderen - noch zu erkennen. Sie wissen ja, daß der bedeutendste Staatsmann des 19. Jahrhunderts ein Jude war. Also diese Juden, die in den anderen aufgegangen sind, die unterscheidet man schon wirklich gar nicht mehr. Derjenige, der ein Kenner ist, weiß in einem Satze, den ein Jude spricht: da ist jüdische Stilisierung drinnen - wenn es nicht nachgemacht ist; natürlich machen die heutigen Menschen sehr viel nach. Aber die Juden machen wenig nach. Man kann es bemerken, wie der Jude überall von dem ausgeht, was man innerlich in Gedanken fixieren kann. Das ist eine Eigentümlichkeit. Und das hängt zusammen mit dieser Versammlung der Volksseelen, die da eigentlich alle mitgewirkt haben; so daß der Jude auch heute noch glaubt, wenn er irgend etwas sagt, das müsse unbedingt gültig sein. Nicht wahr, er geht aus von dem, was beschlossen wird von dem einzelnen. Es ist sehr interessant! Nehmen Sie an, es sind eine Anzahl von Leuten zusammen, drei, vier, fünf Leute; die anderen sind nicht Juden, einer ist Jude. Nun handelt es sich darum, daß das, sagen wir, die Vertreter sind von irgendeiner Gemeinschaft. Ich erzähle Ihnen nicht Dinge, die ich erfinde, sondern die ich erlebt habe. In dieser Gemeinschaft herrschen verschiedene Meinungen. Nehmen Sie nun an, diese fünf Menschen, unter denen der eine ein Jude ist, die sprechen. Der eine wird sagen: Ja, es ist sehr schwer, diese Menschen alle unter einen Hut zu bringen; da muß man denjenigen, die die Minorität sind, so zureden, der Majorität so zureden, damit ein Kompromiß zustandekommt. - Kompromisse werden ja auf die Weise gemacht, daß die Leute so untereinander reden. Der zweite Nichtjude wird sagen: Ja, aber ich habe da gelebt unter den Leuten, die da in der Minorität sind; ich weiß, wie schwierig es ist, die Leute zu überzeugen! - Der dritte, der Vertreter der Minorität ist, sagt: Wir haben schon gar keine Lust mehr, daran teilzunehmen, das geht alles nicht! - Der vierte sagt: Man muß eben doch sehen, daß man von dieser oder jener Seite ausgeht. - So die vier Nichtjuden. Jetzt fängt der Jude an: Das ist alles nichts! Begriff des Kompromisses: Der Kompromiß besteht darin, daß die Leute mit verschiedenen Meinungen sich ausgleichen und daß sie klein beigeben. - Er bringt abstrakt: Begriff des Kompromisses -, geht nicht aus von dem oder jenem, er fängt an: Begriff des Kompromisses - läßt den Artikel aus, darin auch seine ursprüngliche Zähigkeit beweisend. Wenn einer sagt: Welches ist der Begriff des Kompromisses? und so weiter - dann hat er schon in sich eine Anschauung; dann will er das anschauen. Aber so fängt der Jude nicht an, sondern er sagt: Begriff des Kompromisses! - Damit wird die Jehova-Anschauung hingestellt: Jehova sagt! - Man denkt nicht nach: Wie ist das im einzelnen?, sondern das, was festgestellt ist im Begriff, das wird einfach aufgestellt. Daher denkt der Jude immer, er könne alles aus dem Begriff heraus entwickeln. Solange die Juden zusammen unter sich sind, wird natürlich das so sein; wenn sie aber aufgegangen sein werden unter den anderen Menschen, werden sie nicht sagen: Begriff des Kompromisses -, sondern sie werden eben auch so sein müssen wie die anderen Menschen. Das ist eben dies, was damit zusammenhängt, daß die Volksseelen auf sie wirken.

Herr Dollinger: Was für eine Bedeutung hat der Sephirotbaum für das jüdische Volk?

Dr. Steiner: Damit wollen wir das nächste Mal am Samstag beginnen.

German original of Characteristics of Judaism · ← Previous