Star Wisdom, Moon Religion, Sun Religion
GA 353 — 12 April 1924, Dornach
Über das Osterfest
Guten Morgen, meine Herren! Da ich nächste Woche ja nicht da sein kann, weil ich in Bern sein muß, so wollte ich Ihnen heute eigentlich noch etwas sagen, was mit dem zusammenhängt, was wir schon besprochen haben über das Osterfest. Oder haben Sie eine andere Frage, über etwas, was besonders jetzt wichtig ist?
Herr Burle: Ich hätte eigentlich auch etwas zu fragen, aber es hängt nicht mit dem Osterfest zusammen. Es ist unlängst ein Zeitungsartikel gekommen von Paris, wo geschrieben wird, daß es möglich ist, daß man mit der Haut lesen könne, sehen könne. - Kann Herr Doktor darüber etwas sagen? Es hat mich sehr verwundert, das zu hören.
Dr. Steiner: Nun, wenn man solch eine Sache in dieser Form mitgeteilt bekommt, wie sie da in solchen Zeitungsartikeln auftritt, so muß man zuerst natürlich vorsichtig sein. Es müssen ja die Sachen nachgeprüft werden. Es handelt sich also darum, daß gewisse Persönlichkeiten - nun behauptet allerdings der Mann: alle Persönlichkeiten - dazu gebracht werden können, mit der Haut zu sehen, mit irgendeiner Hautstelle lesen zu können.
Das ist aber eine Sache, die man längst weiß und die man eben mit gewissen Persönlichkeiten durchführen kann, so daß, wenn man Persönlichkeiten darauf trainiert, so richtig daraufhin ausbildet, man die Fähigkeit erzeugen kann, daß sie mit der Haut, irgendeiner beliebigen Hautstelle, lesen können. Nun möchte ich aber doch bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß man sich über solche Dinge nicht allzu stark verwundern sollte. Denn Sie müssen nur bedenken: Die Menschen lernen doch nicht alles, was sie können; sie bilden es nicht aus. Und man kann manche Dinge sehr schnell ausbilden, wenn man es daraufhin anlegt. Man könnte natürlich alle Kinder daraufhin ausbilden, daß sie mit den Fingern lesen können, wenn man zunächst die einfachen Buchstaben nimmt und die Kinder das Papier abgreifen läßt. An der Stelle, wo der Buchstabe nicht steht, ist das Papier doch ganz anders als da, wo der Buchstabe steht. Nehmen Sie nur an, man mache Buchstaben, die etwas herausragen, ausgekratzt sind aus dem Papier - warum sollte man denn die nicht leicht lesen können! Denn wenn man aus Holz Buchstaben macht, so kann man ja auch durch Abgreifen mit zugemachten Augen lesen. Und diese Gabe braucht nur etwas verfeinert zu werden.
Sehen Sie, ich habe mich zum Beispiel als Junge auf etwas geübt, was die wenigsten Leute üben: nämlich einen Bleistift zwischen der großen Zehe und der nächsten Zehe zu halten und damit zu schreiben. Man kann das auch lernen. Man kann eben alle diese Dinge, die man sonst nicht lernt, lernen, und dadurch entstehen dann gewisse Fähigkeiten; die verfeinern sich, und dadurch entsteht dann etwas, worüber man glaubt, sich verwundern zu sollen. Es ist aber gar nicht zu verwundern. Es beruht auf der Ausbildung des Tastvermögens. Mit jedem Körperteil kann man tasten. So wie man einen Stich mit der Nadel wahrnehmen kann, so kann man auch die kleinen Einkratzungen wahrnehmen, die die Buchstaben bilden. Und auf diese Weise kann so etwas ausgebildet werden.
Aber um so etwas handelt es sich in diesem Falle doch nicht ganz, denn der Mann behauptet, daß er bei allen Personen die Fähigkeit hervorrufen kann, mit der Haut wirklich lesen zu lernen. Nun ist jene Beschreibung nicht ganz genau so, daß man alle Einzelheiten prüfen kann. Wenn einmal eine wissenschaftliche Begründung darüber erschienen ist, läßt sich eher sagen, ob es stimmt, wenn man Ihnen eine Seite von einem Buch auf den Bauch legt, ob Sie das lesen können. Man muß eben erst erkennen, ob es sich da um ein ganz feines Gefühlsvermögen, Tastvermögen handelt, das man ausbilden kann, oder ob der Mann schwindelt. Was dahintersteckt, das läßt sich aus der Beschreibung noch nicht entnehmen. Mich hat bei dieser Mitteilung die Sache gar nicht so sehr verwundert, weil ich mir denken kann, daß es möglich sein könnte; aber was mich verwundert hat, das ist die dumme Bemerkung, die die Journalisten daran geknüpft haben: wenn das wirklich wahr wäre, dann müßte es längst gefunden sein. - Kann einer sagen, wenn das Telephon zum Beispiel gefunden wird: Wenn das wirklich wahr wäre, dann müßte es längst gefunden sein, dann müßte es die Menschheit längst kennen? Das hat mich viel mehr verwundert, daß solch ein Ausspruch möglich ist, als die Sache selber. Die Sache selber ist gar nicht so wunderbar, denn man kann als Mensch sehr viel für seine Gefühls-, für seine Tastorgane lernen. Denn die Menschen bemerken nur nicht, was davon abhängt, daß sie die Augen auf etwas richten in der Beurteilung der Gegenstände. Zum Beispiel die Finger können sehr fein ausgebildet werden für die Wahrnehmung von allem möglichen. Also ein Urteil darüber, ob der Mann, der da behauptet, daß er jeden Körperteil dazu bringen kann, daß er sieht, das aus langjähriger Abrichtung dazu bringt oder nicht, muß aus wirklicher Wissenschaftlichkeit hervorgehen. Ich habe darüber deutsche, englische und französische Zeitungsnachrichten gelesen; es läßt sich daraus nicht entnehmen, ob der Mann wahnsinnig oder ein Schwindler oder ein wirklich wissenschaftlicher Mensch ist. Das ist die Sache. Nun möchte ich Ihnen also über das Osterfest noch etwas sagen. Das Osterfest ist gerade deshalb so geeignet, daß wir anknüpfen an dasjenige, was wir über das Mysterium von Golgatha gesprochen haben, weil ja, wie Sie wissen, das Osterfest ein sogenanntes bewegliches Fest ist. Es wird jedes Jahr an einem anderen Zeitpunkte gefeiert. Es schwankt. Warum schwankt es? Aus dem Grunde schwankt es, weil man es nicht nach irdischen Verhältnissen festsetzt, sondern man setzt es fest nach himmlischen Verhältnissen. Man setzt es dadurch fest, daß man sich frägt: Wann ist der Frühlingsanfang? Der Frühlingsanfang ist natürlich immer am 21. März. Also bevor der Frühling anfängt, setzt man nicht das Osterfest an. Dann wartet man aber - der Frühlingsanfang ist also immer am 21. März -, bis der Vollmond kommt. Wenn der Vollmond kommt, wartet man wieder bis zum nächsten Sonntag und setzt als Ostersonntag denjenigen Sonntag fest, der der erste Sonntag ist nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Nun kann der erste Vollmond auf den 22. März fallen; dann ist der nächste Sonntag für uns der Ostersonntag, weil er der erste Sonntag ist nach dem Frühlingsvollmond. Dann ist das Osterfest sehr, sehr früh. Es kann aber auch der Vollmond erst neunundzwanzig Tage nach dem 21. März fallen. Wenn zum Beispiel der Vollmond am 19. März ist, kommt erst der Frühlingsanfang, und dann nach achtundzwanzig Tagen der Vollmond. Dann ist erst der nächste Sonntag nach vier Wochen der Ostersonntag. Dann fällt also das Osterfest weit in den April hinein. So daß das Osterfest verschiebbar ist zwischen dem 21. März und dem Ende des April. Da schwankt es hin und her.
Nun, meine Herren, warum hat man das Osterfest festgesetzt nach dem, wie es am Himmel ist? Ja, das hängt mit dem zusammen, was ich Ihnen schon gesagt habe, daß man eben früher wußte: Mond und Sonne haben auf all das, was auf der Erde ist, einen Einfluß.
Betrachten Sie eine Pflanze, die aus der Erde herauswächst. Wenn da die Erde ist (siehe Zeichnung), so nehmen Sie ja, wenn Sie die Pflanze haben wollen, einen ganz kleinen Samen und legen ihn hinein. Da ist die ganze Pflanze, das ganze Leben der Pflanze zusammengedrängt in diesem kleinen Samen. Was wird aus diesem Samen? Zuerst die Wurzel. Da dehnt sich das ganze Leben aus zu der Wurzel.
Dann zieht sie sich aber neuerdings wiederum zusammen und es wächst zusammengezogen, und es wird ein Stengel. Dann dehnt es sich wieder aus und es werden die Blätter. Dann wird die Blüte daraus. Und dann zieht es sich wiederum zusammen in dem Samen, der da wartet bis zum nächsten Jahre. Was haben wir also bei der Pflanze? Wir haben bei der Pflanze Ausdehnen, Zusammenziehen, Ausdehnen, Zusammenziehen, Ausdehnen, Zusammenziehen.
Nun, jedesmal, wenn sich die Pflanze ausdehnt, ist es die Sonne, die zum Beispiel das Blatt herauszieht; jedesmal, wenn sich die Pflanze zusammenzicht, wenn es entweder der Same ist oder der Stengel, da ist es aber der Mond, der dieses Zusammenziehen bewirkt. Also da zwischen den Blättern, da wirkt der Mond. So daß man sagen kann, wenn man eine solche Pflanze bekommt, wo die Blätter ausgebreitet sind, wo die Wurzel ausgebreitet ist - zuerst beim Samen: der Mond, dann: die Sonne, wieder Mond, wieder Sonne, wieder Mond, Sonne, und mit dem Mond schließt es ab. So daß wir in jeder Pflanze abwechselnd bemerken können: Sonnenwirken, Mondenwirken, Sonnenkräfte, Mondenkräfte. Wir schauen uns also um uns herum das Feld an mit den wachsenden Pflanzen und sehen da die Taten von Sonne und Mond. Ich habe Ihnen gesagt: Auch wenn der Mensch in die Welt kommt, dann ist das, wie er gestaltet ist in seinem physischen Leib, abhängig vom Mond; das, was er innerlich für Kräfte hat, um sich selber umzuwandeln, das ist abhängig von der Sonne. Das habe ich Ihnen bei der Schilderung des Mysteriums von Golgatha gesagt.
Ja, sehen Sie, das hat man früher gewußt; das hat man nur vergessen. Man hat sich gesagt: Wann ist die größte Kraft im Frühling vorhanden, damit die Pflanzen richtig gedeihen können und am zuträglichsten gedeihen können für den Menschen? Wenn Sonne und Mond richtig zusammenwirken. Das ist der Fall, wenn zum ersten Mal der Vollmond mit seiner vollen Strahlung auf die Erde scheint und die Sonnenstrahlen unterstützt. Da kommen also Sonne und Mond zusammen, wenn die Sonne, die ihre höchste Kraft im Frühling hat, und der Mond, der ja immer nach vier Wochen seine höchste Kraft hat, richtig zusammenwirken; deshalb Ostern am Sonntag, der der Sonne gewidmet war, nach dem Frühlingsvollmond. Also, man hat in der Festsetzung des Osterfestes gewußt, daß es sich um etwas handelt, was sich festsetzen soll als Frühlingsanfang nach der Wintersonnenwende.
Nun ist aber das Osterfest nicht etwa erst in den christlichen Zeiten entstanden, sondern es ist eigentlich aus einem alten heidnischen Fest hervorgegangen, aus dem Feste, das ich Ihnen auch schon angedeutet habe, jetzt genauer beschreiben will: aus dem sogenannten Adonisfest. Worin bestand denn das Adonisfest? Sehen Sie, meine Herren, das Adonisfest ist eingesetzt worden aus denjenigen Kunst- und Unterrichts- und Religionsstätten, die ich Ihnen als die Mysterien geschildert habe. Und Adonis war eine Art von Bild, das man sich gemacht hat für dasjenige im Menschen, was geistig-seelisch ist. Also man hat sich unter Adonis das vorgestellt, was im Menschen geistig-seelisch ist. Und man dachte sich: Ja, aber auch das, was geistig-seelisch ist im Menschen, stimmt überein mit der ganzen Welt. - Und berücksichtigen muß man nur, daß das Adonisfest, das unserem heutigen Osterfest gleicht, bei den alten Heiden, die die ganzen geistigen Verhältnisse noch berücksichtigt haben, so entstanden ist, daß sie es im Herbst gefeiert haben! Also das alte Osterfest ist im Herbste gefeiert worden. Und es ist auf folgende Art gefeiert worden.
Es ist dadurch gefeiert worden, daß man das Bild dieses ewigen, unsterblichen Teiles des Menschen, des geistig-seelischen Teiles, genommen hat, in einen Teich oder in Meereswasser, wenn es an der Küste war, getaucht hat, es drei Tage dadrinnen gelassen hat, und das Hinuntersenken des Bildes, das haben die Leute begleitet mit Trauergesängen, mit Klagegesängen. Es war dieses Hinuntersenken des Bildes verbunden mit einer solchen Feierlichkeit, wie sie sonst sein kann, wenn man aus einem regen Familien- oder Freundschaftskreis jemanden sterben sieht - ein richtiges Totenfest. Und das ist immer an einem solchen Tag gefeiert worden, den wir heute als einen Freitag bezeichnen. Der Name Karfreitag ist eigentlich erst aufgekommen, als die Sache auf Mitteleuropa, auf die germanischen Gegenden, auf die deutschen Gegenden überging. Und «kar» kommt von kara, und kara heißt eigentlich die Klage. Also ist es der Klagefreitag.
Wie diese Sache ursprünglich war, das wissen die Menschen heute so wenig, daß die Engländer diesen Freitag Good Friday, den Guten Freitag nennen, während er in alten Zeiten der Totenfreitag, der Trauerfreitag, der Klagefreitag genannt worden ist. Es war ein richtiges Totenfest, das für den Adonis gefeiert wurde. Und wo gar kein Wasser vorhanden war, haben sie irgendein künstliches Gewässer gemacht, wo sie ihr Bild hineintauchen konnten - es war eine Statue und nach drei Tagen wieder herausgeholt haben, nämlich nach dem Sonntag herausgehoben haben. Sie sehen, meine Herren, das war ein richtiges Totenfest.
Beim Herausheben wurden dann Freudengesänge angestimmt, richtige Freudengesänge. So daß da innerhalb der drei Tage durch jede Menschenseele gezogen ist dasjenige, was erregt hat die höchste Trauer, und nach drei Tagen die größte Freude. Jubelgesänge wurden angestimmt. Und der Inhalt dieser Jubelgesänge war immer der, daß man sagte: Der Gott ist uns wieder erstanden!
Ja, meine Herren, was bedeutete denn dieses Fest? - ich muß immer betonen: es wurde zunächst im Herbste gefeiert -, was bedeutete dieses Fest?
Nun, ich habe Ihnen bei anderen Gelegenheiten auch das Folgende erzählt: Wenn der Mensch stirbt, dann legt er seinen physischen Leib ab. Wenn der Mensch stirbt, dann trauern die Hinterbliebenen und Freunde, und es wird, je nachdem die Menschen gestimmt sind, eine solche Totenfeierlichkeit, wie sie diese Leute bei der Adonisversenkung gemacht haben, auf natürliche Weise entstehen. Nur fehlt etwas anderes. Ich habe Ihnen ja erzählt: Drei Tage lang nach seinem Tode bleibt der Mensch so, daß er zurücksieht auf sein Erdenleben. Er hat seinen physischen Leib abgelegt, aber er hat noch seinen Ätherleib. Der wird immer größer und größer und verdunstet endlich in der Welt. Dann ist der Mensch nur noch in seinem astralischen Leib und in seinem Ich.
Die Leute, die das Adonisfest eingerichtet haben, haben sich nun gesagt: Die Menschen sollen wissen, daß der Mensch nicht nur stirbt, wenn sein physischer Leib stirbt, sondern daß er nach drei Tagen in der geistigen Welt wieder aufersteht. - Und damit dem Menschen das jedes Jahr zum Bewußtsein kommt, deshalb ist das Adonisfest eingerichtet worden. Beim Adonisfest im Herbste sagte man: Seht ihr, die Natur stirbt ab. Die Bäume verlieren ihre Blätter, die Erde bedeckt sich mit Schnee, Kälte, schneidende Winde kommen, die Erde verliert ihre Fruchtbarkeit; sie sieht gerade so aus, als wenn der physische Mensch stirbt. - Aber wenn man auf die Erde schaut, dann muß man bis zum Frühling warten, wenn sie wieder auferstehen soll. Wenn man auf den Menschen schaut: der steht in der Seele, im Geiste nach drei Tagen wieder auf. Das muß zum Bewußtsein kommen. Deshalb Totenfest, und gleich darauf Auferstehungsfest - aber im Herbste, wo man dem Menschen klarmachen kann: Der Mensch ist der Gegensatz der Natur. Die Natur muß sich fügen, bleibt den ganzen Winter tot, weil sie nur Natur ist; der Mensch lebt fort nach dem Tode in der geistigen Welt, tritt in Gegensatz zur Natur. Wenn die Natur abblättert, schneeig wird, wenn die Natur die kalten Winde hat, dann muß man den Menschen aufmerksam machen: Du bist anders als die Natur; wenn du dahinstirbst, stehst du in drei Tagen wiederum auf.
Das war ein schönes Fest durch die ganzen alten Zeiten. Da kamen an den Orten, wo die Mysterienkultstätten waren, die Menschen zusammen, blieben diese ganzen Osterfeiertage, und dann machten sie das Klagelied mit und bekamen am dritten Tage das Bewußtsein: Jede Seele, jedes Ich und jeder astralische Leib stehen in der geistigen Welt wiederum auf drei Tage nach dem Tode. - Es war für die Leute das Mithineinziehen in die geistige Welt, daß man sich abwendete am Osterfeste von der physischen Welt. Sehen Sie, das konnte ja auch der Zeit nach so geschehen; denn in den älteren Zeiten war es nicht so wie jetzt. Jetzt ist es so, daß die Leute gerade im Frühling das Osterfest haben, wo sie auch etwas anderes zu tun haben, wenn sie Landleute sind. Das alte Osterfest, das Adonisfest wurde gefeiert, wenn die letzten Früchte eingeerntet waren, wenn die Weinlese vorüber war, wenn die Menschen zur Winterruhe kamen; dann wollten sie aufwachen im Geiste. Da feierten sie das Adonisfest. Und dieses Adonisfest - man hat den Adonis an verschiedenen Orten verschieden genannt -, aber dieses Adonisfest, das ist überall gefeiert worden, wo alte Religionen waren. Denn alle alten Religionen haben zu den Menschen in dieser Weise von der Unsterblichkeit der Seele geredet.
Nun, in den ersten christlichen Jahrhunderten wurde auch nicht ein Österfest so gefeiert wie jetzt, sondern erst allmählich, im 3., 4. Jahrhundert kam es auf. Aber da gerade haben die Menschen nichts mehr verstanden von der geistigen Welt, gar nichts mehr verstanden, sondern sie haben nur noch in die Natur schauen wollen. Sie haben sich nur noch um die Natur bekümmert. Und da haben sie gesagt: Ja, wie können wir im Herbst die Auferstehung feiern? Da aufersteht ja nichts! - Daß der Mensch aufersteht, haben sie nicht mehr gewußt, und deshalb haben sie sich gesagt: Im Herbst aufersteht ja nichts, der Schnee bedeckt alles; im Frühling aufersteht alles: da macht man das Osterfest im Frühling. - Das ist schon etwas, was aus dem Materialismus hervorgegangen ist, wenn auch noch aus einem Materialismus, der auf den Himmel hinaufschaute und das Osterfest nach Sonne und Mond fixierte. Im 3., 4. nachchristlichen Jahrhunderte war schon der Materialismus da, aber wenigstens noch ein Materialismus, der in die Welt hinausschaute, nicht der Regenwurm-Materialismus, wo der Mensch nur auf die Erde schaut - Regenwurm-Materialismus aus dem Grunde, weil die Regenwürmer ja immer unter der Erde sind und höchstens beim Regen einmal herauskommen. Und so ist es beim heutigen Menschen; die heutigen Menschen schauen auf nichts mehr als auf das, was in der Erde ist. In der ersten Zeit, wo man das Osterfest feierte, war wenigstens der Materialismus noch so, daß man geglaubt hat: Die Millionen Sterne, die haben einen Einfluß auf den Menschen. - Das ist auch vergessen worden vom 15. Jahrhundert an. Und so ist das Osterfest auf den Frühling gekommen. Und es konnte auf den Frühling kommen aus dem Grunde, weil ein gewisses Bestreben vorhanden war bei den Christen, die alten Wahrheiten ganz aus der Welt zu schaffen. Das habe ich Ihnen schon dargestellt, als ich geredet habe über das Mysterium von Golgatha: daß man eigentlich die alten Wahrheiten aus der Welt zu schaffen bestrebt war. Und so sind denn im 8., 9. nachchristlichen Jahrhunderte die Menschen ganz unwissend geworden darüber, daß das Erscheinen des Christus überhaupt etwas mit der Sonne zu tun hat.
Sehen Sie, da ist es ganz interessant zu beobachten, wie es im 4. Jahrhundert hintereinander zwei Kaiser gegeben hat. Da war der Kaiser Konstantin, ein außerordentlich eitler Mensch. Der hat Konstantinopel gegründet. Einen Schatz, der einstmals von Troja nach Rom getragen worden war und dort versenkt worden ist, den hat er von Rom aus nach Konstantinopel tragen lassen, dort vergraben und darüber eine Säule aufgerichtet, auf dieser Säule eine Statue des alten heidnischen Gottes Apollo aufgestellt, aber sich vom Morgenland das Holz kommen lassen - man sagt, vom Kreuze Christi - und davon einen Strahlenkranz bilden lassen. Aber dort, wo das Holz den Strahlenkranz bilden sollte, mußten die Leute den Konstantin sehen! So daß also von da an der Konstantin verehrt worden ist, stehend auf der Bildsäule, die auf dem größten römischen Kleinodienschatz errichtet war. Der hat das äußerlich eingerichtet, daß die Leute nichts mehr gewußt haben von den Weltengeheimnissen, daß man nichts mehr davon gewußt hat, daß der Christus zusammengehörig ist mit der Sonne.
Da kam der andere dazwischen, der Julianus, der seine Erziehung in den Mysterien gehabt hat, die zu seiner Zeit noch vorhanden waren, aber ein schweres Leben hatten. Während sie später ausgerottet worden sind von dem Kaiser Justinian, hatten sie schon vorher jahrhundertelang ein sehr schweres Leben. Man wollte sie nicht mehr; das Christentum war ihnen spinnefeind. Nun, jener Julianus ist aber noch erzogen worden in den Mysterien und hat noch gewußt: Es gibt nicht nur eine Sonne, sondern es gibt drei Sonnen. - Als die Leute gehört haben, daß der Julianus gesagt habe, es gibt drei Sonnen, da sind sie schon wild geworden. Denn das war ein Geheimnis der alten Mysterien.
Sehen Sie, die Sonne ist zuerst der physische Körper, den Sie sehen, jener weißlich-gelbe physische Körper. Das ist zunächst der physische Körper. Aber diese Sonne hat eine Seele: das ist die zweite Sonne. Und dann ist noch die dritte Sonne da: die geistige Sonne. Wie der Mensch Leib, Seele und Geist hat, so hat auch die Sonne Leib, Seele und Geist. Julianus hat von drei Sonnen geredet und wollte, daß man das Christentum so kennenlernt, daß man weiß: der Christus ist aus der Sonne gekommen und in den Menschen Jesus erst hineingegangen.
Das wünschte die Kirche nicht, daß das die Menschen wissen! Die Kirche wollte nicht die Wissenschaft von dem Christus Jesus, sondern nur dasjenige, was sie befiehlt. Und so ist es denn geschehen, daß, als der Kaiser Julian einen Zug nach Asien unternommen hat, er meuchlings ermordet worden ist, um ihn aus der Welt zu schaffen. Das hat dann dazu geführt, daß man immer diesen Julian «Julianus Apostata» nennt, den Abtrünnigen, den Ketzer: Julianus der Ketzer! Aber er wollte eben die Verbindung des Christentums mit den alten Erkenntnissen für die Menschen bestehen lassen. Er dachte sich, das Christentum kommt besser fort, wenn es Weisheitsinhalt hat, als wenn es nur die Befehle der Priester in sich hat, wenn die Menschen nur glauben sollen, was die Priester sagen. - Und so ist es denn gekommen, daß in der Zeit, als das Osterfest auf den Frühling verlegt worden ist, die Menschen zwar noch gewußt haben: das Osterfest hängt mit einer Auferstehung zusammen. Wenn sie auch nichts mehr gewußt haben von der Auferstehung des Menschen, so haben sie doch die Auferstehung der Natur gefeiert. Aber dann ist das auch vergessen worden, dort, wo das Osterfest noch gefeiert worden ist, wo man aber nicht mehr gewußt hat, was es bedeutet. Und heute ist es soweit, daß die Leute sich fragen: Warum muß das Osterfest nach Sonne, Mond und Sternen festgesetzt werden? Es soll doch einfach der erste Sonntag im April sein, dann kommen wir auch mit der Buchhaltung besser zurecht! - Nach kommerziellen Verhältnissen soll es heute festgesetzt werden! Eigentlich sind diejenigen Menschen, die dieses Osterfest nach kommerziellen Verhältnissen festsetzen wollen, ehrlicher als die andern; die andern setzen das Osterfest nach dem Himmel fest, aber wissen nichts mehr davon. Diejenigen sind die ehrlicheren, die von ihrem Standpunkte aus sagen: Das brauchen wir nicht, diese Festsetzung. Aber das ist eben das Traurige, daß wir nur deshalb ehrlich werden können, weil niemand mehr weiß, wie der Zusammenhang wirklich ist. Wir haben heute die Aufgabe, wiederum hinzuweisen darauf, daß das Geistige überall das Maßgebende ist.
So hat man einmal in alten Zeiten gewartet auf den ersten Vollmond nach dem Herbstanfang. Und an dem Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Herbstanfang, da hat man festgelegt das Adonisfest, auch nach dem Monde, nur hat man gewußt: Es ist das Gegenteil, wenn uns der Himmel den Schnee schickt - es fiel das Adonisfest immer zwischen Ende September und Ende Oktober -, dann ist es die beste Zeit, sich an die Auferstehung des Menschen zu erinnern. - Da brauchten die Menschen nicht die Auferstehung in der Natur. Aber wenigstens in der ersten Zeit des Osterfestes haben sie noch gewußt, daß das Osterfest ein Toten- und ein Auferstehungsfest ist. Das ist auch verlorengegangen.
Und so muß man sagen: Eigentlich ist es schon notwendig, daß man sich bei solchen Festen wiederum erinnert, was sie einmal waren, denn wir müssen ja wiederum zum Geist kommen. Wenn wir zum Geist kommen wollen, so sollen wir nicht gedankenlos Weihnachten und das Osterfest feiern, sondern wir sollen uns schon klar sein darüber, daß das einen Sinn haben muß.
Nun können wir nicht gleich die Welt auf den Kopf stellen; die Menschen würden sich auch gar nicht begeistern dafür, das Osterfest auf den Herbst zu verlegen. Aber wir können doch einen Sinn damit verbinden, daß sich der Mensch erinnert daran: Der Mensch legt seinen physischen Leib ab, wenn er durch den Tod geht, schaut zurück auf sein Erdenleben. Er legt dann den Ätherleib ab, ist dann rein geistig-seelisch in der geistigen Welt, aufersteht in der geistigen Welt. Damit aber vertieft sich auch wiederum die Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Denn das Mysterium von Golgatha zeigt eigentlich in der äußeren Wirklichkeit, was immer im Bilde mit dem Adonisfest gezeigt worden ist. Die Alten haben ein Bild gehabt. Die Christen haben das geschichtliche Ereignis. Aber das geschichtliche Ereignis fließt ebenso ab wie die alte Bildlichkeit. Bei dem Adonisfest hat man das Bild des Adonis versenkt, nach drei Tagen wieder auferstehen lassen. Es war ein richtiges Osterfest. Dann ist aber das wirklich geschehen, was man immer im Bilde gemacht hat: Der Christus war in dem Jesus; er ist gestorben. Er ist wieder auferstanden, in der Art, wie ich es Ihnen erzählt habe. Und daran sollte man sich jetzt nur noch erinnern, jedes Jahr das Erinnerungsfest an dieses Ostern haben.
Das wäre zunächst ganz gut gewesen; denn warum haben denn die Leute früher immer ein Bild bei dem Adonisfest gehabt? Weil sie eine sinnliche Anschauung brauchten. Gerade als man in den alten Zeiten noch geistig die Welt anschaute, wollte man in der Sinnlichkeit ein Bild haben. Als aber der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen war, da sollte man kein Bild mehr haben, sondern sich nur im Geiste noch erinnern an das, was dort geschehen war. Es sollte mehr geistig gefeiert werden, das Osterfest. Nicht ein heidnisches Bild sollte man sich machen, sondern nur in der Seele sich erinnern. Dadurch, dachte man - und es bestanden ja noch Mysterien zur Zeit des Christus Jesus -, wird das Osterfest gerade vergeistigt. Denn schließlich, was war es denn mit dem alten Adonisfeste? Ja, sehen Sie, Sie in Europa können ja schließlich gar nicht ganz klar sehen, was solche Feste den alten Heiden waren. Denn wenn man bei Ihnen ein solches Fest wie das Adonisfest feiern würde, so würden Sie sagen: Das ist ja nur ein Bild, überhaupt ein Bild für diejenigen, die eingeweiht waren in den Mysterien; aber für die weitesten Kreise des Volkes wurde alljährlich die Statue, der Gott, hervorgeholt und untergetaucht. - Es ist daraus hervorgegangen, was man Fetischismus nennt. Solch eine Statue war ein Fetisch, eine Statue, in der ein Gott ist; die ganze Anbetung eines solchen Gegenstandes nannte man Fetischismus. Davon mußte man natürlich abkommen. Aber in einer gewissen Beziehung ist das im Christentum geblieben; denn das, was ich Ihnen als die Monstranz aufgezeichnet habe, worauf das sogenannte Sanktissimum, die Hostie, sitzt, das wird im Katholizismus als der wirkliche Christus verehrt. Man sagt: Auch physisch verwandelt sich das Brot und der Wein in den Leib und das Blut Christi. - Es ist eben noch ein Überbleibsel, nicht vom aufgeklärten Heidentum, das überall dahinter das Geistige sah, sondern von dem heruntergekommenen Heidentum, wo man den Fetischismus hatte, wo man die Bildsäule für den Gott nahm.
Sehen Sie, meine Herren, ich sage: Sie haben davon gar keine Vorstellung; denn solche Dinge muß man heute wirklich erleben, um richtig denken zu können, wie stark die Leute im Glauben an einen solchen Bildsäulengott werden. Ich hatte zum Beispiel einen sehr gescheiten Professor kennengelernt - es gibt ja da auch gescheite Leute noch; gescheit sind sie eigentlich alle, nur kommen sie nicht zum Geistigen durch die heutige Wissenschaft. Der Mann war Russe, machte eine Reise durch Sibirien vom Osten herüber, von Japan herüber. Als er in die Mitte von Sibirien gekommen war, wurde es ihm etwas unbehaglich. Er fühlte sich einsam und verlassen. Was tat er da? Etwas, was Sie ganz gewiß nicht tun würden und kein Bewohner des Westens; aber er war eben ein halber Asiate, trotzdem er gelehrt war. Da machte er sich aus Holz ein Götterbild. Und dieses Götterbild nahm er auf seiner weiteren Reise mit, und das betete er wirklich an. Er machte sich einen Holzgott. Als ich den Mann kennenlernte, war er furchtbar nervös. Das hatte er bekommen von seinem Holzgott. Sie können sich das gar nicht vorstellen, was das bedeutet, einen solchen Holzgott anzubeten!
Und so waren denn wirklich die Mysterien, die zur Zeit der Entstehung des Christentums da waren, darauf bedacht, daß die Leute mehr zum Geistigen kommen. Also es sollte bloß in der Erinnerung, durch Gebete, dieses aufleben, was früher vor dem Auge, den Menschen gegenüber sich abspielte im Adonisfest.
Und statt daß die Sache geistig geworden wäre, ist sie leider erst recht materialistisch geworden; sie ist äußerlich geworden, formell geworden. Allmählich, im 3., 4. Jahrhundert ist das aufgekommen, daß, wenn der Karfreitag kam, die Priester gebetet haben; die Menschen wurden in allerlei Stimmungen versetzt. Und um drei Uhr nachmittags, dem Zeitpunkt, wo der Christus gestorben sein soll, da hörten dann die Glocken auf zu läuten. Alles war still. Und dann wurde doch wiederäußerlich, geradeso wie das alte Adonisfest gefeiert worden ist, nun der Crucifixus, der Christus am Kreuze, versenkt zunächst, später nur eben mit etwas bedeckt; und das Osterfest wurde dann nach drei Tagen das Auferstehungsfest. Es ist aber dasselbe, was das alte Adonisfest war, so wie es damals war. Es ist schon in der Art, wie man das feiert, nach und nach entstanden das Antreten der Herrschaft über die Seelen von Rom aus. Denn in manchen Gegenden, zum Beispiel dort, wo ich aufgewachsen bin - ich weiß nicht, ob sich es hier auch so vollzieht -, da ist es so: Wenn der Karfreitag da ist und der Christus also aufgebahrt ist, dann ziehen die Buben mit ihren Rätschen, mit den Instrumenten, die anstelle der Glocken sind, herum und rätschen und sprechen dabei die Worte:
Wir rätschen, wir rätschen am Dom. Die Glocken ziehen nach Rom.
Also, daß alles auf Rom hintendiert wird, das tritt gerade am stärksten bei jedem Osterfest für jeden einzelnen auf.
Und das ist gerade die Aufgabe des gegenwärtigen Menschen, aus dem Materialismus wiederum herauszukommen zu einem geistigen Erkenntnisleben, die Dinge geistig aufzufassen lernen, also auch so etwas wie das Osterfest geistig aufzufassen. Und sehen Sie: Warum wird das Osterfest gefeiert? Jedes Jahr beim Osterfest kann man sich erinnern, daß der Mensch, wenn er durch den Tod geht und die Totenklage, die Chara eintritt, die Totenklage zum Gedächtnis dafür sein soll, daß der Mensch von der physischen Welt weggeht. Aber er schaut nur noch drei Tage auf die physische Welt zurück; dann legt er als zweiten Leichnam seinen Ätherleib ab. Dann steht er als Ich und astralischer Leib in der geistigen Welt auf. Daran muß man sich auch erinnern. Nun wäre es trostlos, brutal, wenn man jedesmal, wenn ein Mensch stirbt, nach drei Tagen gleich Lustgesänge anstimmte. Aber man kann sich dennoch erinnern an solche Lustgesänge, wenn man im allgemeinen an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele denkt, wie sie nach drei Tagen aufersteht in der geistigen Welt.
Und daraus sind auch viele merkwürdige Dinge entstanden. Sehen Sie, es hängt dadurch das Osterfest mit jedem einzelnen Menschentod zusammen. Für jeden einzelnen Menschentod sollte eigentlich das da sein, daß man sich sagt: Wir trauern; aber es kommt das Osterfest. Da werden wir uns erinnern daran, daß jede Seele wieder aufersteht in der geistigen Welt, nachdem sie gestorben ist. Nun, Sie werden wissen, dasjenige Fest, das an den Tod aller Menschen erinnert, das wird heute noch im Herbst gefeiert: der sogenannte Allerseelentag. Dem hat man noch, als man nichts mehr davon wußte, daß das Osterfest dazugehört, den Allerheiligentag vorausgeschoben, eingesetzt. Aber die zwei Dinge gehören zusammen, und eigentlich muß man den Allerseelentag als den Totentag feiern, und das Osterfest als den Auferstehungstag. Diese Dinge gehören zusammen, Sie sind mehr als ein halbes Jahr auseinandergerissen! So kann man oftmals aus der heutigen Einteilung des Jahres nicht mehr verstehen, was eigentlich hinter diesen Sachen dahinterliegt.
Aber sehen Sie, es ist einmal so, daß alles auf der Erde sich nicht nach der Erde selber, sondern nach dem Himmel richtet. Man verwundert sich ja, wenn es zu Ostern noch schneit; da sollte es eigentlich nicht mehr schneien, sondern da sollten die Pflanzen schon heraussprießen, weil man weiß: das Osterfest soll eben ein Erinnerungsfest an die Auferstehung, an die Unsterblichkeit der Menschenseele sein.
Wenn man so die Sache anschaut, dann kommt wiederum Gefühls- und Gemütsinhalt in das ganze Osterfest hinein. Und dann können die Menschen, die das Osterfest feiern, sich bei dem Osterfest an etwas erinnern, was mit dem Menschen selber zusammenhängt. Dann ist das Osterfest ein Kraftfest, und dann weiß man, warum man sich an es erinnert. Heute weiß man, daß der Mensch mit dem Jahre zusammenhängt, nur dadurch, daß er sich im Winter den Winterrock, im Sommer den Sommerrock anziehen muß, daß er im Sommer schwitzt, im Winter friert. Also nur das Materielle weiß man. Daß aber wirklich, wenn der Frühling herankommt, geistige Kräfte wirksam sind, die alles herausholen aus der Erde, und daß im Herbst wiederum geistige Kräfte alles vernichten, das weiß man nicht. Wird das einmal verstanden werden, so wird man in der ganzen Natur Leben finden, die ganze Natur belebt finden. Heute reden die Leute über die Natur ja meist Unsinn. Wenn sie eine Pflanze sehen, dann reißen sie sie aus der Erde aus und treiben Botanik, weil sie gar nichts wissen über die Sache. Wenn ich ein Haar ausreiße und es beschreibe, so ist das ein Unsinn, denn das Haar kann nur auf dem Menschen oder auf einem Tiere wachsen, kann nicht für sich entstehen; Sie können nicht irgendwo an einen leblosen Stein etwas hinbringen, wo ein Haar wachsen soll. Da muß ein Lebendiges zugrunde liegen. Nun, die Pflanzen sind also die Haare der Erde, weil die Erde lebt. Und so wie der Mensch die Luft braucht zum Leben, so braucht die Erde den Sternenschein mit seiner Geistigkeit; den atmet sie ein, damit sie leben kann. Und so wie der Mensch auf der Erde herumgeht mit seiner Bewegung, so geht die Erde im Weltenraum herum. Sie lebt im ganzen Weltenraum. Die Erde ist ein lebendiges Wesen.
So können wir sagen, wenigstens das kann noch beim Osterfest erreicht werden, daß man sich erinnert: Die Erde selbst ist ein lebendiges Wesen. Wenn sie die Pflanzen hervortreibt, wird sie jung, wie das Kind jung ist, wenn es die frischen Haare bekommt. Der Greis verliert die Haare, wie die Erde im Herbst die Pflanzen verliert. - Das ist ein Leben, das nur in anderer Weise eingerichtet ist rhythmisch, Jugendleben im Frühling, Greisenleben im Herbste, wiederum Jugendleben, wiederum Greisenleben. Beim Menschen dauert das nur länger. Und so lebt eigentlich alles im Weltenraum. Und wenn Sie an Ostern denken, so denken Sie, daß uns das Osterfest - heute wenigstens - das sein kann, wo wir aus dem Anblick der neu erwachenden Natur uns sagen: Nicht wahr ist es, daß alles tot ist. Es müssen nur die Wesen durch den Tod durchgehen. Das Ursprüngliche ist das Leben. Überall siegt das Leben doch über den Tod. Und das Osterfest soll uns an diesen Sieg des Lebens über den Tod erinnern und uns dadurch Kraft geben. - Wenn so die Menschen wiederum in dieser Weise Kraft gewinnen, dann werden sie auch schon zur Verbesserung der äußeren Verhältnisse mit Vernunft vorgehen können, nicht so, wie es heute vielfach geschieht. Aber zuerst brauchen wir dieses Geistige in der Geisteswissenschaft, damit wir wiederum in Einklang kommen mit der geistigen Welt, die wiederum lebt und nicht tot ist.
In diesem Sinne, meine Herren, möchte ich Ihnen auch ein recht schönes Osterfest wünschen, das wirklich in Ihren Seelen so schön ist, so schön wie die Frühlingsblumen, die aus der Erde herauswachsen! Nach Ostern werden wir uns dann wieder über wissenschaftliche Fragen unterhalten.
Man soll also im Osterfeste empfinden: Der Mensch kann wieder mit frischem Mut und mit Freude an die Arbeit herangehen. Wenn auch oft nicht so Gelegenheit ist heute, sich auf die Arbeit zu freuen, so doch vielleicht hier! Hier ist vielleicht doch die Gelegenheit, wo man sich auch auf die Arbeit freuen kann! Aber jedenfalls, meine Herren, wollte ich Sie noch sehen, um Ihnen das zu sagen, und um Ihnen aus dem Geiste, den man aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann, ein recht schönes Osterfest zu wünschen! Auf Wiedersehen nach Ostern!