Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 14 May 1924, Dornach
Dreizehnter Vertrag
Herr Burle: Am 22. April war der [200.] Geburtstag von Kant. Wenn ich Herrn Doktor bitten dürfte, daß er uns etwas über die Lehre von Kant erzählen würde, was die Gegensätze zu ihr wären, und ob sie eine heutige anthroposophische Lehre wäre.
Dr. Steiner: Ja, meine Herren, wenn ich diese Frage beantworten soll, dann müssen Sie mir eben heute ein bißchen in ein schwer verständliches Gebiet folgen. Aber der Herr Burle, der auch schon die Frage über den Relativismus gestellt hat, der stellt ja immer so schwere Fragen! Und so müssen Sie heute eventuell darauf gefaßt sein, daß die Dinge nicht so leicht verständlich sind wie dasjenige, was ich sonst berichte. Aber sehen Sie, von Kant ist in einer leichtverständlichen Weise gar nicht zu erzählen, weil er in sich selber eben nicht leicht verständlich ist. Es ist schon so, daß heute die ganze Welt eigentlich, die sich überhaupt für solche Dinge, ich will gar nicht sagen, interessiert, denn in Wirklichkeit interessieren sich ja die wenigsten Menschen dafür, aber die vorgibt, sich dafür zu interessieren, von Kant redet wie von etwas, was im allereminentesten Sinne die Welt viel, viel angeht. Und Sie wissen ja auch, daß zu diesem zweihundertsten Geburtstage eine ganze Menge von Artikeln geschrieben worden sind, die also der Welt klarmachen sollten, was für eine ungeheure Bedeutung für das ganze Geistesleben Immanuel Kant gehabt hat.
Sehen Sie, schon als Bub hörte ich in der Schule oftmals von dem Literaturgeschichtslehrer: Immanuel Kant war der Kaiser des literarischen Deutschlands! - Ich habe mich einmal versprochen und habe gesagt: König des literarischen Deutschlands. Da hat er mich gleich korrigiert und hat gesagt: Kaiser des literarischen Deutschlands!
Nun, ich habe mich gerade außerordentlich viel mit Kant beschäftigt und habe - das habe ich ja erzählt in meiner Lebensbeschreibung - eine Zeitlang einen Lehrer in der Geschichte gehabt, der eigentlich immer nur aus anderen Büchern vorgelesen hat; ich habe mir gedacht, das kann ich selber lesen zu Hause. Und als er einmal hinausgegangen ist, habe ich nachgeschaut, was er eigentlich vorliest und habe mir das selber verschafft. Das war dann günstiger. Aus «Reclams Universalbibliothek» hatte ich mir Kants «Kritik der reinen Vernunft» besorgt; ich trennte es auseinander, und das habe ich dann hineingeheftet in mein Schulbuch, das ich während des Unterrichts vor mir liegen hatte, und las nun Kant, während vom Lehrer Geschichte gelehrt wurde. Deshalb habe ich mir auch ganz ordentlich getraut über Kant zu reden, von dem alle eigentlich immerfort so reden, daß die Leute, wenn man irgend etwas, was auf Geistiges Bezug hat, sagt, dann sagen: Ja, aber Kant hat gesagt. - Wie man in der Theologie immer sagt: Ja, aber die Bibel sagt -, so sagen eigentlich viele aufgeklärte Leute: Ja, aber Kant hat gesagt. - Ich habe vor jetzt vierundzwanzig Jahren Vorträge gehalten; da lernte ich einen Menschen kennen, der im Auditorium saß und der immer schlief, immer schlafend zuhörte; manchmal, wenn von mir die Stimme ein bißchen erhoben wurde, da wurde er wach, und besonders am Schluß. Da habe ich auch einiges über Geistiges gesagt - da wachte er wieder auf, ist aufgesprungen immer wie ein Stehaufmännchen und rief: Aber Kant hat gesagt! - Also es ist schon so, daß man aus Kant außerordentlich viel Wesens macht.
Nun wollen wir uns einmal vor Augen stellen, wie eigentlich dieser Kant die Welt angesehen hat. Er sagte ja mit einem gewissen Recht: Alles dasjenige, was wir sehen, was wir fühlen, kurz, was wir durch die Sinne wahrnehmen, also die ganze Natur, die außer uns ist, die ist nicht eine Wirklichkeit, sondern die ist ein Schein, eine Erscheinung. Aber wodurch entsteht sie? Ja, sie entsteht dadurch - das ist das Schwierige jetzt, da müssen Sie ganz gut aufpassen -, daß irgend etwas, was er das «Ding an sich» nannte, also etwas ganz Unbekanntes, wovon wir nichts wissen, auf uns einen Eindruck macht; und diesen Eindruck, den sehen wir eigentlich, nicht das Ding an sich.
Also sehen Sie, meine Herren, wenn ich es Ihnen aufzeichne, so ist die Sache so: Da ist der Mensch - man könnte es ebensogut mit dem Hören und Fühlen machen, wollen wir es mit dem Sehen machen -, da ist irgendwo draußen das Ding an sich. Aber von dem wissen wir nichts, das ist ganz unbekannt, von dem weiß man nichts. Aber dieses Ding an sich, das macht jetzt auf das Auge einen Eindruck. Von diesem weiß man auch noch nichts, aber auf das Auge wird ein Eindruck gemacht. Und da drinnen im Menschen, da entsteht jetzt eine Erscheinung, und diese Erscheinung, die plustern wir auf zu der ganzen Welt. (Auf die Zeichnung deutend): Von dem Roten wissen wir nichts, nur von dem, was wir da als Erscheinung haben; was ich also jetzt als Violett aufzeichne, von dem wissen wir etwas. Also eigentlich ist die ganze Welt im Grunde genommen, nach Kant, vom Menschen gemacht. Sie sehen den Baum. Von dem Baum an sich wissen Sie gar nichts, der Baum macht nur einen Eindruck auf Sie, das heißt: Irgend etwas Unbekanntes macht einen Eindruck auf Sie, und diesen Eindruck, den bilden Sie zum Baum, und Sie setzen in Ihren Wahrnehmungen den Baum hin. Also bedenken Sie, meine Herren: Hier ist ein Stuhl, ein Sessel - ein Ding an sich. Was da eigentlich ist, weiß man nicht; aber was da ist, macht auf mich einen Eindruck. Und ich stelle den Stuhl eigentlich hin. Also wenn ich mich auf den Stuhl setze, da weiß ich nicht, auf was für ein Ding ich mich da eigentlich setze. Das Ding an sich, das, worauf ich mich setze, das habe eigentlich ich hingestellt.
Sehen Sie, Kant spricht so von den Erkenntnisgrenzen, daß man niemals wissen kann, was das Ding an sich ist, weil alles eigentlich nur eine vom Menschen gemachte Welt ist. Es ist sehr schwer, die Sache ernsthaft verständlich zu machen. Und wenn man über diesen Kant gefragt wird, da ist es schon so, daß man, wenn man ihn wirklich kennzeichnet, wirklich nun charakterisiert, eigentlich ganz merkwürdige Sachen sagen muß. Denn wenn man den wahren Kant ansieht, so ist es eigentlich schwer, einem zu glauben, daß die Sache so ist. Aber es ist so, daß einfach Kant aus der Theorie heraus, aus dem Denken heraus behauptet: Von dem Ding an sich weiß niemand etwas, sondern die ganze Welt ist nur aus dem Eindruck gemacht, den wir von den Dingen empfangen.
Ich habe einmal gesagt: Wenn man also nicht weiß, was das Ding an sich ist, so kann es ja alles mögliche sein; es kann zum Beispiel aus Stecknadelköpfen bestehen! - So ist es auch bei Kant. Man kann ganz gut sagen: Aus allem möglichen könnte nach ihm das Ding an sich bestehen. Nun kommt aber das Weitere: Wenn man bei dieser Theorie stehenbleibt, dann sind Sie alle hier, wie ich Sie hier sehe, nur meine Erscheinung; ich habe Sie alle auf die Stühle hier gesetzt, und was dahintersteckt hinter jedem von Ihnen als Ding an sich, das weiß ich nicht. Und wiederum, wenn ich da stehe, so wissen Sie auch nicht, was das für ein Ding an sich ist, sondern Sie sehen die Erscheinung, die Sie selber hinsetzen. Und was ich rede, das ist dasjenige, was Sie selber herhören! Also, was ich eigentlich da mache - das Ding an sich, was das eigentlich da macht, das wissen Sie alle nicht; aber dieses Ding an sich macht auf Sie einen Eindruck. Sie werfen dann diesen Eindruck hierher; Sie hören im Grunde genommen dasjenige, was Sie selber machen!
Nun, gerade wenn man dieses Beispiel nimmt, dann könnte man, wenn man im Kantschen Sinne redet, etwa das Folgende sagen: Sie sitzen da draußen und frühstücken und sagen: Ja, jetzt wollen wir einmal in den Saal hineingehen und da wollen wir einmal eine Stunde das und das hören. Was das für ein Ding an sich ist, was wir hören, das können wir nicht wissen; aber wir werden den Steiner da hinschauen, so daß wir - wenigstens eine Stunde lang - diese Erscheinung haben, und nachher werden wir dasjenige, was wir hören wollen, hinhören. - Das ist es eigentlich zunächst, was der Kant sagt, deswegen, weil er behauptet: Niemals weiß man etwas vom Ding an sich!
Sehen Sie, einer der Nachfolger von Kant, der Schopenhauer, der hat die Sache so klar gefunden, daß er gesagt hat: Daran kann man doch gar nicht zweifeln! - Das ist ganz sicher, sagt er, daß, wenn ich Blau sehe, dann nicht da draußen etwas blau ist, sondern von mir kommt das Blaue dahin, wenn ein Ding an sich auf mich einen Eindruck macht. Wenn ich da draußen höre, daß einer jammert und einen Schmerz hat, dann kommt der Schmerz und das Gejammer nicht von ihm, sondern von mir! Das, sagt Schopenhauer, ist eigentlich ganz klar. Und wenn der Mensch die Augen zumacht und schläft, dann ist die ganze Welt finster und stumm; dann ist gar nichts da für ihn.
Nun, meine Herren, Sie können nach dieser Theorie in der einfachsten Weise die Welt erschaffen und wieder wegtun. Sie schlafen ein, die Welt ist fort; und Sie wachen wiederum auf: und Sie haben die ganze Welt wiederum gemacht - wenigstens die, die Sie sehen. Außer dem ist nur das Ding an sich da, von dem Sie nichts wissen. Ja, das hat der Schopenhauer ganz klar gefunden. Aber dem Schopenhauer ist dabei doch etwas schwummerig geworden. Es war ihm nicht recht wohl bei der Behauptung. Da hat er gesagt: Wenigstens etwas ist draußen - Blau und Rot, und alle Kälte und Wärme ist nicht draußen; wenn ich friere, mache ich selber die Kälte -, aber was draußen ist, ist der Wille. In allem lebt Wille. Und der Wille, der ist eine ganz freie dämonische Gewalt. Aber er lebt in allen Dingen.
Also er hat schon ein bißchen etwas in «das Ding an sich» hineingetan. Alles, was wir vorstellen, hat er auch als eine bloße Erscheinung, die wir selber machen, angesehen; aber das Ding an sich hat er wenigstens schon mit dem Willen ausgestattet. Es waren viele Leute und es sind bis heute viele Leute, die sich eigentlich gar nicht klarmachen, was die Konsequenzen der Kantschen Lehre sind. Ich habe einmal einen Menschen kennengelernt, der war nun wirklich - was man eigentlich sollte, wenn man eine Lehre hat - ganz durchdrungen von dieser Kantschen Lehre, und der hat sich gesagt: Ich habe ja alles selber gemacht: die Berge, die Wolken, die Sterne, alles, alles, und die Menschheit habe ich auch selber gemacht, und alles, was in der Welt ist, habe ich selber gemacht. Nun gefällt es mir aber nicht, was ich gemacht habe. Ich habe alles erschaffen; es gefällt mir aber jetzt nicht. Nun will ich es wieder wegschaffen. - Und da sagte er, er habe angefangen damit, ein paar Menschen umzubringen - er war eben wahnsinnig; er hat erzählt, daß er angefangen habe, ein paar Menschen umzubringen, um dem nachzukommen, daß er sie, die er selber gemacht hat, wieder wegschaffen wollte. Ich habe ihm gesagt, er solle nur nachdenken darüber, was da für ein Unterschied ist: Er hat ein Paar Stiefel; nach der Kantschen Lehre hat er auch diese gemacht. Aber er soll nur nachdenken, was neben dem, was er nun macht als Erscheinung an den Stiefeln, noch der Schuster gemacht hat!
Ja, sehen Sie, so ist es schon: Es gibt in dem, was als das Berühmteste in der Welt oftmals auftritt, das Allerunsinnigste! Und die Leute halten mit der ungeheuersten Starrsinnigkeit an dem Allerunsinnigsten fest. Und es sind gerade kurioserweise die Aufgeklärten, die daran festhalten.
Das, was ich Ihnen da in kurzen Worten, ohnedies schon recht schwer verständlich, gesagt habe, das muß man, wenn man Kant liest, in vielen Büchern lesen; denn das hat er nun auseinandergeschält in langen, langen Theorien; und er beginnt zum Beispiel sein Buch «Kritik der reinen Vernunft» - so nennt er es - damit, daß er zunächst beweist: Der Raum, der ist nicht draußen in der Welt, den mache ich selber, den spinne ich aus mir heraus. Also erstens: Der Raum ist eine Erscheinung. Zweitens: Die Zeit ist auch eine Erscheinung. Denn da wird gesagt: Es gab einmal einen Aristoteles - ja, aber den mache ich selber in die Zeit hinein, denn die ganze Zeit mache ich selber!
Nun hat er dieses große Buch, die «Kritik der reinen Vernunft» geschrieben; es macht schon einen recht netten Eindruck. Wenn nun einer kommt, so ein richtiger Philister, und bekommt ein dickes Buch in die Hand, «Kritik der reinen Vernunft»: Da leckt er sich schon die Finger ab, denn das ist etwas furchtbar Gescheites, Kritik der reinen Vernunft; da wird man halt selber so eine Art Herrgott auf der Erde, wenn man so etwas liest! Dann aber steht nach der Einleitung: Erster Teil. Die transzendentale Ästhetik. - Ja nun, nicht wahr, da steht: Die transzendentale Ästhetik. - Wenn einer meine «Philosophie der Freiheit» aufschlägt, dann steht bei dem Kapitel vielleicht nur: Der Mensch und die Welt. - Oh, der Mensch und die Welt, das ist so etwas Gewöhnliches, das liest man gar nicht. Aber: transzendentale Ästhetik! - Wenn der Philister ein solches Buch aufschlägt, das ist etwas, was etwas ganz Gewaltiges sein muß! Was transzendentale Ästhetik ist, dabei denkt er sich gewöhnlich nichts; aber das gerade ist ihm ja recht; das ist ein Wort, bei dem er sich ein bißchen die Zunge aushebt, wenn er es spricht. Das ist der Obertitel.
Jetzt kommt der Untertitel: Erster Abschnitt. Die transzendentale Deduktion des Raumes. - Nun kann man sich doch nichts Schöneres denken für einen Philister, als daß er solch ein Kapitel hat. Und nachher beginnt es in einer Weise, daß er eigentlich nichts davon versteht. Aber seit mehr als hundert Jahren sagt jeder Mensch: Kant ist ein großer Mann. - Also wenn er das liest, so kriegt er selber so ein bißchen was hinein, kommt so in einen kleinen Größenwahn.
Dann kommt der zweite Abschnitt: Die transzendentale Deduktion der Zeit. - Wenn man sich da nun durchgerungen hat durch die transzendentale Deduktion des Raumes und der Zeit, dann kommt das zweite große Hauptstück: die transzendentale Analytik. - Und in der transzendentalen Analytik kommt hauptsächlich der Beweis, daß der Mensch eine transzendentale Apperzeption hat.
Nun, meine Herren, ich bin halt gefragt worden, und ich muß Ihnen schon diese Dinge sagen, die Geschichte mit der transzendentalen Apperzeption. Da muß man viele hundert Seiten durchlesen, damit man alles in sich hineinbekommt, was dadrinnen an Gelehrsamkeit in dieser Weise verzapft wird in dem Kapitel über die transzendentale Apperzeption. Mit der transzendentalen Apperzeption ist gemeint, daß der Mensch seine Vorstellungen macht und eine Einheit in diesem Vorstellen ist. Also wenn alles nur Vorstellung ist, die ganze Welt, so muß eigentlich jetzt durch diese transzendentale Apperzeption die ganze Welt aus dem Nichts des eigenen Wesens heraus gesponnen werden. Ja, so ungefähr wird das da auch dargestellt.
Jetzt kommt man also dazu: Der Kant spinnt in dem Kapitel über die transzendentale Apperzeption die ganze Welt mit allen Bäumen, Wolken, Sternen und so weiter aus sich heraus. Ja, er spinnt sie heraus - das sagt er. Aber was er in Wirklichkeit herausspinnt und womit man sich immer herumschlägt in diesem ganzen weiten Kapitel, das sind nämlich dieselben Vorstellungen, nur etwas ins Spätere übersetzt, die ich Ihnen letzthin auf dem Sephirothbaum aufgeschrieben habe, aber nur in der Form eines bloßen Alphabers, nicht so, daß man damit lesen kann, irgend etwas weiß! Und noch dazu: Da war es doch wenigstens etwas sehr Konkretes. Aber Kant spinnt es so heraus, daß er sagt: Die Welt besteht also erstens aus Quantität, zweitens aus Qualität, drittens aus Relation, viertens Modalität. Nun also, jeder von diesen Begriffen hat wiederum drei Unterbegriffe; zum Beispiel die Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit. Nun, die Qualität hat: Realität, Negation, Limitation und so weiter. Das waren zwölf Begriffe - drei mal vier ist zwölf -, und man kann die Welt aus ihnen herausspinnen. Der gute Kant hat gar nicht die Welt damit herausgesponnen, sondern er hat eigentlich nur zwölf Begriffe herausgesponnen mit der transzendentalen Apperzeption. Also er hat eigentlich nur zwölf Begriffe geschaffen, nicht die Welt.
Wenn nun irgend etwas daran wäre an der Geschichte, so würde doch etwas dabei herauskommen! Aber das bemerken die Philister gar nicht, daß nichts herauskommt, daß nur zwölf Begriffe herauskommen, sondern sie gehen jetzt mit vollem Magen und mit Kantischer Philosophie durch die Welt und sagen: Nichts kann man begreifen! - Nun, das kann man bei den Philistern verstehen; sie finden sich angeheimelt, wenn ihnen gesagt wird: Wenn sie nichts begreifen, so kommt das nicht von ihnen, sondern von der ganzen Welt. Wenn du glaubst, daß du nichts weißt, so hast du schon recht; aber das kommt nicht davon, weil du nichts kannst, sondern weil die ganze Welt nichts wissen kann. - Und so kommen diese zwölf Begriffe heraus. Das ist dann die transzendentale Analytik.
Jetzt kommen aber noch die ganz schweren Kapitel. Da kommt dann das große Kapitel, das überschrieben ist: Von den transzendentalen Paralogismen. - So geht es ja überhaupt fort. Man bekommt in der Kantschen «Kritik der reinen Vernunft» Titel nach Titel! Da wird gesagt: Es gibt Leute, die behaupten: Der Raum ist unendlich. Damit wird das bewiesen, wie die Leute das beweisen, die ja sehen: Der Raum ist unendlich. Aber es gibt auch Leute, die sagen: Der Raum ist begrenzt. - Das wird auch bewiesen, wie die Leute es eben beweisen. So daß Sie in der «Kritik der reinen Vernunft» finden - in den späteren Kapiteln weist sie überall zwei einander gegenübergestellte Seiten auf -, auf der einen Seite wird bewiesen: Der Raum ist unendlich; auf der anderen Seite wird bewiesen: Der Raum ist endlich. Dann wird wiederum bewiesen: Die Zeit ist unendlich, ist eine Ewigkeit. Dann wird bewiesen: Die Zeit hat einen Anfang genommen und wird ein Ende finden. Und so macht das der Kant, meine Herren. Dann wird bewiesen: Der Mensch ist frei. Und wiederum auf der anderen Seite: Der Mensch ist unfrei.
Was will Kant dadurch sagen, daß er für die zwei entgegengesetzten Behauptungen die Beweise gibt? Er will damit sagen: Wir können überhaupt nichts beweisen! Wir können ebensogut behaupten: Der Raum ist unendlich wie endlich; die Zeit ist ewig, die Zeit wird ein Ende finden! - Ebensogut können wir sagen: Der Mensch ist frei, oder: Er ist unfrei. - Also das läuft darauf hinaus, daß man in der modernen Zeit sagen muß: Denkt wie ihr denken wollt, auf die Wahrheit kommt ihr nicht, sondern für euch Menschen ist alles gleich.
Dann bekommt man noch Anweisung darüber, wie man so denken kann, in der transzendentalen Methodik gelehrt. Auf diese Weise kann man zunächst ein Buch von Kant durchnehmen. Also man kann fragen: Warum hat der Kant denn eigentlich das alles unternommen? Da kommt man dann darauf, was der Kant eigentlich gewollt hat. Sehen Sie, bis zu Kant haben zwar die Leute, die Philosophie getrieben haben, auch nicht gerade viel gewußt, aber sie haben wenigstens behauptet: Einiges kann man wissen von der Welt. Dem stand dasjenige gegenüber - was schon aus dem Mittelalter gekommen ist, weil man, wie ich Ihnen gezeigt habe, im Mittelalter das alte Wissen verloren hat -, was man schon im Mittelalter gefaßt hat als Gedanken, daß man nur etwas wissen kann von dem, was die Sinne darstellen, und nichts wissen kann, was vom Geiste ist. Das muß man glauben. Und so entstand durch das Mittelalter und hinauf bis zu Kant die Behauptung: Man kann nichts wissen über das Geistige; vom Geistigen kann man nur etwas glauben.
Die Kirchen, die kommen natürlich mit dieser Lehre, daß man vom Geistigen nichts wissen könne, das müsse man glauben, sehr gut weg, denn dann können sie daraus diktieren, was der Mensch vom Geistigen glauben soll!
Nun gab es, wie gesagt, Philosophen, - Leibniz, Wolff und so weiter -, die bis zu Kant hin behaupteten, daß man wenigstens einiges wissen kann, durch bloße Vernunft wissen kann, was in der Welt Geistiges ist. Kant sagte nun: Das ist alles Unsinn, zu glauben, daß man irgend etwas vom Geistigen wissen kann, sondern das Geistige muß man alles bloß glauben! Denn das Geistige liegt im «Ding an sich». Vom «Ding an sich» kann man nichts wissen. Also alles, was sich auf das Geistige bezieht, muß man glauben. - Und Kant hat auch, als er die zweite Auflage seiner «Kritik der reinen Vernunft» geschrieben hat, sich verraten. In dieser zweiten Auflage steht ein kurioser Satz drinnen; da steht drinnen: «Ich mußte das Wissen absetzen, um für den Glauben Platz zu bekommen.» Das ist das Bekenntnis eigentlich, meine Herren! Das ist dasjenige, was zum unbekannten Ding an sich geführt hat! Deshalb nannte Kant sein Buch «Kritik der reinen Vernunft»: Die Vernunft selber sollte kritisiert werden, daß sie nichts wissen kann. Und in diesem Satze: «Ich mußte das Wissen absetzen, um für den Glauben Platz zu bekommen», in diesem liegt eigentlich die Wahrheit der Kantschen Philosophie. Damit aber ist jedem Glauben Tür und Tor geöffnet. Und eigentlich könnte sich auf Kant alle positive Religion berufen! Aber es können sich auch diejenigen Leute auf Kant berufen, die überhaupt nichts wissen wollen, die sagen: Warum wissen wir denn nichts? Weil man nichts wissen kann! - Sehen Sie, so ist eigentlich die Lehre von Kant eine Stütze des Glaubens geworden. Daher war es ganz natürlich, daß ich selber vom Anfange an die Kantsche Lehre ganz habe abweisen müssen; obwohl ich als Schulbube schon den ganzen Kant gelesen habe, muß ich immer die Kantsche Lehre ganz abweisen, aus dem einfachen Grunde, weil man dann einfach hätte stehenbleiben müssen bei demjenigen, was die Leute glauben über die geistige Welt und niemals ein wirkliches geistiges Wissen hätte herauskommen können. Kant ist also eigentlich derjenige, der am meisten alle Geisteswissenschaft ausschließt und nur haben will einen gewissen Glauben.
So hat Kant zunächst dieses erste Buch geschrieben: «Kritik der reinen Vernunft.» In dieser «Kritik der reinen Vernunft» wird also bewiesen: Vom Ding an sich weiß man nichts. Man kann nur einen Glauben haben an dasjenige, was das «Ding an sich» ist.
Dann hat er ein zweites Buch geschrieben: «Kritik der praktischen Vernunft.» Er hat dann noch ein drittes Buch geschrieben: «Kritik der Urteilskraft», aber das ist nicht so wichtig. Also «Kritik der praktischen Vernunft» hat er als zweites Buch geschrieben. Da hat er nun seinen eigenen Glauben entworfen. Also er hat erstens ein Buch des Wissens geschrieben: «Kritik der reinen Vernunft»; in dem hat er bewiesen, daß man nichts wissen kann. Jetzt kann der Philister das Buch aus der Hand legen; es ist ihm bewiesen, daß man nichts wissen kann. Dann hat Kant geschrieben die «Kritik der praktischen Vernunft»; da baut er nun seinen Glauben auf. Wie baut er seinen Glauben auf? Da sagt er: Wenn sich der Mensch in der Welt anschaut, so ist er ein unvollkommenes Wesen; aber so unvollkommen zu sein, das ist eigentlich nicht menschlich; also muß es irgendwo eine größere Vollkommenheit des Menschen geben. Wir wissen zwar nichts darüber; aber glauben wir daran, daß es irgendwo innerhalb der Erde eine größere Vollkommenheit des Menschen gibt, glauben wir an eine Unsterblichkeit.
Ja, sehen Sie, meine Herren, das unterscheidet sich allerdings ganz wesentlich von den wissenschaftlichen Betrachtungen, die ich Ihnen gebe für das, was vom Menschen fortlebt, wenn er durch den Tod geht! Kant will aber gar keine solche Erkenntnis, sondern will einfach aus der Unvollkommenheit des Menschen heraus beweisen, daß der Mensch glauben soll an eine Unsterblichkeit.
Dann beweist er auf ebensolche Weise, daß man nur glauben soll, daß man nichts wissen könne über die Freiheit, sondern glauben soll, daß der Mensch frei ist; denn wenn er nicht frei wäre, so wäre er für seine Handlungen nicht verantwortlich. Also glaubt man, damit er verantwortlich sein kann, er sei frei.
Mich hat eigentlich oftmals diese Kantsche Lehre von der Freiheit erinnert an eine andere Lehre, die ein Professor der Jurisprudenz immer an den Anfang seiner Vorlesungen setzte. Er sagte: Meine Herren, da gibt es Menschen, die sagen: Der Mensch ist nicht frei. Aber, meine Herren, wenn der Mensch nicht frei wäre, dann wäre er nicht verantwortlich für seine Taten. Dann könnte es aber auch keine Strafen geben. Wenn es aber keine Strafen gibt, dann kann es auch keine Strafwissenschaft geben. Die Strafwissenschaft trage ich aber selber vor -, dann könnte es also auch mich nicht geben. Mich gibt es aber, also gibt es auch eine Strafwissenschaft, folglich gibt es auch eine Strafe, folglich auch eine Freiheit - also habe ich Ihnen bewiesen, daß es eine Freiheit gibt! - Ganz an diese Rede des Professors erinnert mich dasjenige, was Kant über die Freiheit sagt. Und ebenso redet Kant von Gott. Er sagt: Wissen kann man nichts von irgendeiner Macht an sich. Aber einen Elefanten kann ich doch nicht machen; also glaube ich, daß ihn ein anderer machen kann, der mehr machen kann als ich. Also glaube ich an einen Gott.
Nun hat also Kant dieses zweite Buch geschrieben, die «Kritik der praktischen Vernunft». In diesem hat er gesagt, wir sollen als Menschen glauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Wissen kann man nichts darüber, aber glauben soll man es. Denken Sie nur einmal, was für ein Unmenschliches eigentlich dadrinnen liegt: Erst wird bewiesen, daß das Wissen eigentlich nichts ist; zweitens, daß man an Gott, von dem man nichts wissen kann, an Freiheit und Unsterblichkeit glauben soll! So ist also Kant im Grunde genommen der größte Reaktionär. Die Leute machen schöne Worte; daher haben sie ihn genannt den Alleszermalmer. Ja, das Wissen hat er alles zermalmt, aber nur so, wie wenn einer Spielzeug vernichtet. Denn die Welt ist ja trotzdem da geblieben! Und den Glauben, den hat er dadurch eigentlich in ganz beträchtlicher Weise gestützt.
Das ist dann fortgegangen das ganze 19. Jahrhundert, bis in unser Jahrhundert hineingekommen, und heute schreiben natürlich überall die Leute zum zweihundertsten Geburtstag Kants! Und in Wirklichkeit ist gerade der Kant ein Beispiel dafür, wie wenig die Menschen eigentlich nachdenken. Denn das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das ist einfach die reine Darstellung der Kantschen Lehre! Aber dasjenige, was die Leute sagen: daß der Kant der größte Philosoph gewesen ist, daß Kant gar nicht zu widerlegen sei und so weiter - nun, nicht wahr, wenn man dieses Beispiel nimmt, dann bekommt man eigentlich so recht heraus, wie gerade der Kant es ist, auf den sich die Gegner der Geisteswissenschaft immer stützen können. Einfach weil sie dann selber sagen können: Ja, wir gehen nicht von der Religion aus, sondern wir gehen von dem aufgeklärtesten Philosophen aus! - Aber es ist wirklich so, daß von Kant ebensogut der dogmatischste Religionslehrer ausgehen könnte wie irgendein aufgeklärter Mensch.
Dann hat Kant noch andere Schriften geschrieben, eine Schrift etwa des Inhalts: Wie ist Metaphysik in aller Zukunft als Wissenschaft möglich?, worinnen er eigentlich wieder beweist, daß sie unmöglich ist und so weiter. Man muß eigentlich sagen: Die ganze Wissenschaft im 19. Jahrhundert hat eigentlich an Kant gekrankt; Kant war im Grunde genommen eine Wissenschaftskrankheit.
Nun, wenn Sie also den Kant nehmen als ein Beispiel, wie unsinnig eigentlich manchmal die geistige Entwickelung vor sich geht, dann haben Sie ihn in der richtigen Weise genommen. Aber dann werden Sie auch sich sagen: Man muß wirklich in der Erkenntnis achtgeben; denn die Welt ist furchtbar stark darauf aus, gerade in der Erkenntnis den allergrößten Unsinn zu betreiben. Und Sie können sich ja denken, in welch schwieriger Lage man als Vertreter der Geisteswissenschaft ist: Man hat nicht nur die Vertreter der Religionen gegen sich, sondern man hat auch die anderen Leute, die ganzen Philosophen und diejenigen, die wiederum von den Philosophen angesteckt sind, gegen sich und so weiter. Jeder Philister kommt und sagt: Ja, du behauptest über die geistige Welt dieses; Kant hat ja schon bewiesen - so sagen sie -, daß man darüber nichts wissen kann! - Das ist eigentlich die beste Pauschaleinwendung, die man machen kann. Es kann einer sagen: Ich will überhaupt nichts von dem hören, was der Steiner sagt, denn der Kant hat ja schon bewiesen, daß man von all dem nichts wissen kann.
Sind Sie befriedigt?
Herr Burle sagt, er wollte hauptsächlich einmal hören, was Kant gemeint hat. Es ist, wie Herr Doktor sagt: Man hört so viel von Kant, aber nichts Positives. Man hat allerdings ziemlich Mühe, es zu verstehen.
Dr. Steiner: Die Sache hat dann Konsequenzen gehabt. Im Jahre 1869 ist dann auch von einem, der von Kant angeregt war, erschienen «Die Philosophie des Unbewußten», wiederum ein Buch, das riesiges Aufsehen gemacht hat. Und Eduard von Hartmann war schon ein sehr gescheiter Mensch! Hätte Eduard von Hartmann vor Kant gelebt, hätte nicht Kant auf ihn einen solchen Einfluß gehabt, so wäre wahrscheinlich viel mehr herausgekommen bei ihm. Aber er konnte nicht über dieses starke Vorurteil, das man von Kant hat, eigentlich hinaus. So war es, geradeso wie Schopenhauer vorher, auch dem Eduard von Hartmann klar, daß man von der ganzen Welt nichts weiß als seine eigenen Vorstellungen, das, was man selber da hinausstellt. Aber außerdem hatte er die Schopenhauersche Lehre angenommen, daß man das Ding an sich mit dem Willen ausrüsten müsse. Nun ist der Wille überall drinnen. Ich habe einmal einen Artikel über Eduard von Hartmann geschrieben, und da erwähnte ich auch den Schopenhauer. Nun hat der Schopenhauer gesagt: Vom Ding an sich weiß man nichts; davon hat man nur Vorstellungen. Gescheit sind nur die Vorstellungen; der Wille ist dumm. So daß eigentlich alles, was man von sich weiß, nichts anderes als der dumme Wille ist.
Ich habe dazumal in dem Artikel, in dem ich Schopenhauer erwähnt habe, gesagt: Nach Schopenhauer ist eigentlich alles, was in der Welt gescheit ist, Menschenwerk; denn der Mensch schafft ja alles in die Welt hinein; und was dahinter ist, ist der dumme Wille. Also die Dummheit der Gottheit ist die Welt. - Das haben sie aber damals konfisziert! In Österreich sollte es erscheinen.
Die Sache ist so: Eduard von Hartmann hat angenommen: Das Ding an sich, das muß man mit dem Willen ausrüsten; aber der Wille ist eigentlich dumm, und deshalb ist es in der Welt so schlecht. Und deshalb ist Eduard von Hartmann, wie man sagt, Pessimist geworden. Deshalb hat er die Anschauung gehabt, daß die Welt nichts taugt, nicht gut ist, sondern schlecht ist im Grunde, ganz schlecht. Und nicht etwa bloß das, was die Menschen tun, auch alles, was in der Welt ist, ist schlecht. Er sagte: Das kann man ausrechnen, daß die Welt schlecht ist. Man solle nur auf die eine Seite stellen, auf die Sollseite, alles dasjenige, was man im Leben hat an Glück und Lust und so weiter, und auf die andere Seite alles das, was man an Leiden und so weiter hat: Es kommt immer auf der anderen Seite mehr heraus. Die Bilanz ist immer eine negative. Also die ganze Welt ist schlecht. - Deshalb ist Hartmann Pessimist geworden.
Aber sehen Sie, Eduard von Hartmann war erstens im Grunde genommen ein gescheiter Mensch und zweitens einer, der dann auch die Konsequenzen gezogen hat. Er hat gesagt: Warum leben denn die Menschen eigentlich noch? Warum ziehen sie denn nicht vor, sich umzubringen? Wenn alles schlecht ist, wäre es ja viel gescheiter, wenn eines Tages festgelegt würde der allgemeine Menschheitsselbstmord; dann wäre doch das alles, was da geschaffen wird, weg. Aber Eduard von Hartmann sagte wiederum: Nein, das kriegt man nicht zustande, daß man einen solchen allgemeinen Weltselbstmordtag festsetzt. Und selbst wenn wir das festsetzten - die Menschen sind aus den Tieren entstanden; die Tiere würden sich doch nicht selbst umbringen; dann würden wiederum aus den Tieren Menschen entstehen! Also auf die Weise kriegen wir es nicht fertig. - Deshalb hat er sich etwas anderes ausgedacht. Er sagte sich: Wenn man schon wirklich alles ausrotten will, was irdische Welt ist, dann kann man es nicht durch Selbstmord des Menschen machen, sondern man muß die ganze Erde gründlich ausrotten. Dazu haben wir heute noch nicht die nötigen Maschinen; aber die Menschen haben schon manche Maschine erfunden; deshalb muß alle Weisheit darauf verwendet werden, eine Maschine zu erfinden, mit der man in die Erde hineinbohren kann, so daß man tief genug kommt, und die dann durch eine besondere Dynamit- oder ähnliche Einrichtung die ganze Erde sprengt, daß die Trümmer in die Welt hinausfliegen und zu Staub werden. Dann ist das richtige Endziel erreicht.
Ja, das ist nicht ein Scherz, meine Herren! Das ist wirklich die Lehre von Eduard von Hartmann, man solle eine Maschine erfinden, daß man die ganze Erde, man kann sagen, in die Luft sprengen kann und die Erde zerstäubt und zersplittert.
Zwischenruf: In Amerika wollen sie Kanonen bauen, daß man den Mond dann herunterschießen könne!
Dr. Steiner: Aber das, was ich Ihnen gesagt habe, ist eine wirkliche philosophische Lehre gewesen im 19. Jahrhundert!
Nun werden Sie sagen: Es hat einen so gescheiten Menschen gegeben - wie kann das nur sein? Er muß doch dumm gewesen sein, der das behauptet hat! - Nein, wahrhaftig, der Eduard von Hartmann war nicht dumm, sondern er war gescheiter als alle anderen. Das kann ich Ihnen auch gleich beweisen. Aber gerade, daß er gescheiter war als die Lehre, die durch Kant angeregt ist, daraus ist diese Dummbheit entstanden von der Maschine, mit der man die Welt ins Nichts hinausschleudern soll. Das hat ein ganz gescheiter, nur von Kant gründlich verdorbener Mensch behauptet.
Nun hat er also diese «Philosophie des Unbewußten» geschrieben. In dieser «Philosophie des Unbewußten» hat er gesagt: Ja, das ist schon richtig, daß die Menschen sich aus dem Tiere entwickelt haben; aber da haben geistige Kräfte mitgespielt. Nun sind diese Kräfte Willenskräfte, also keine gescheiten, sondern dumme Kräfte. Und das hat er nun sehr gescheit dargestellt, und damit hat er etwas dargestellt, was dem Darwinismus widersprochen hat.
Jetzt gab es also dazumal - denken Sie sich, das war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts! - diese gescheite Hartmannsche «Philosophie des Unbewußten» und den Darwinismus, den der Haeckel, Oscar Schmidt und andere vertreten haben, der aber für die anderen Menschen das Allergescheiteste war; dem hat aber die «Philosophie des Unbewußten» widersprochen. Jetzt traten alle diejenigen, die wiederum starrköpfige Darwinisten waren, auf und sagten: Diesen Eduard von Hartmann, den muß man gründlich widerlegen; der weiß ja gar nichts von der Naturwissenschaft! - Was tat aber Hartmann? Was er damals getan hat, geht aus folgendem hervor. Nachdem die anderen sich die Mäuler ausgeschrieen hatten - das heißt, auf Druckpapier -, da erschien auch ein Buch: «Das Unbewußte vom Standpunkt des Darwinismus». Eine gründliche Widerlegung Eduard von Hartmanns vom Standpunkte des Darwinismus! - Aber man wußte nicht, von wem es war.
Nun, meine Herren, jetzt waren die Naturwissenschafter alle froh, denn da stand dasjenige darinnen, was gründlich widerlegte den Eduard von Hartmann. Sogar der Haeckel sagte: Solch ein Mensch, der das gegen den Hartmann geschrieben hat, nenne sich uns doch, und wir betrachten ihn als einen der unsrigen, als einen Naturforscher ersten Ranges! - Und richtig, das Buch wurde nachher sehr, sehr schnell verkauft und eine zweite Auflage erschien: da nannte sich der Verfasser - es war Eduard von Hartmann selber! Er hatte es gegen sich selber geschrieben. Aber jetzt hörten sie auf, ihn zu loben; die Sache wurde nicht sehr bekannt! Also er hat dadurch bewiesen, daß er gescheiter war als die anderen alle! Aber sehen Sie, über diese Geschichten, da schweigen die Nachrichten, die man den Leuten gibt. Aber solch ein Stückchen in der Geistesgeschichte muß man erzählen; dann kommt man darauf: Eduard von Hartmann war ein Mensch, der von Kant verdorben ist, aber grundgescheit ist.
Nun, wenn ich Ihnen sagte, er will die Welt mit einer großen Maschine, die man erfinden soll, in die Luft sprengen -, so mögen Sie ganz richtig sagen, er mag ja furchtbar gescheit gewesen sein, der Eduard von Hartmann, aber uns, die wir noch nicht den Kant studiert haben, kommt es doch vor, daß das doch etwas Dummes ist. Und Sie könnten nun doch glauben, daß, wenn ich Ihnen auch den Eduard von Hartmann noch so gescheit darstelle, er doch dumm gewesen sei. Das könnten Sie leicht glauben. Dann müßten Sie aber das letzte auch erzählen und denken, daß die anderen noch dümmer waren; und dann bin ich es meinetwillen auch zufrieden! Aber man kann das ganz geschichtlich beweisen, daß die anderen noch dümmer waren als einer, der beweist, daß man die Erde in die Luft sprengen müßte.
Es ist schon wichtig, daß man eine solche Sache weiß; denn es besteht heute noch immer diese eigentümliche Anbetung alles desjenigen, was gedruckt ist. Und seit in der «Universalbibliothek» der Kant erschienen ist - ich habe ihn ja nur dadurch lesen können, denn ich hätte ihn mir sonst nicht kaufen können dazumal; aber da war er billig, trotzdem die Bücher so dick sind -, seit der Zeit ist überhaupt noch mehr der Teufel los mit dem Kant als früher, denn seither lesen alle den Kant. Das heißt, sie lesen die erste Seite, aber sie verstehen nichts. Dann hören sie, daß der Kant «der Kaiser des literarischen Deutschlands» ist; da denken sie: Donnerwetter, wir wissen jetzt etwas von Kant, also sind wir ja selber gescheite Leute! Und die meisten von ihnen sind auch so, daß sie zugeben: Ja, ich muß sagen, daß ich den Kant verstehe, denn sonst sagen die anderen, ich sei dumm, wenn ich den Kant nicht verstehe. - In Wirklichkeit verstehen die Leute nichts von ihm, aber sie geben das nicht zu; sie sagen: Den Kant muß ich verstehen, denn er ist sehr gescheit. Da behaupte ich: Ich verstehe etwas sehr Gescheites, wenn ich den Kant verstehe! Dann imponiert das auch den Leuten.
Aber wirklich, meine Herren, trotzdem es schwer war, diese Frage so ein bißchen populär darzustellen, bin ich doch froh, daß gerade das gebracht worden ist als Frage, weil daraus hervorgehen konnte, wie es eigentlich im sogenannten geistigen Leben der Menschen zugeht, und wie vorsichtig eigentlich der Mensch sein muß, wenn so etwas auf ihn wirkt, was selbst dazu führt, daß jetzt in allen Zeitungen großer Sums gemacht wird mit dem zweihundertjährigen Geburtstag Kants. Ich will nicht sagen, daß Kant nicht gefeiert werden soll - es werden ja auch andere gefeiert -, aber die Wahrheit ist doch so, wie ich es Ihnen gesagt habe.
Nun wollen wir dann nächsten Samstag um neun Uhr weiter sprechen.