Die Weltfrage

Die Welt erwartet wichtige Entscheidungen von der Washingtoner Konferenz, die im November stattfinden soll. Wenn als eine Art Programm für diese Zusammenkunft von den Westmächten die Abrüstung und die Fragen des Stillen Ozeans aufgeführt werden, so wird man doch ernsthaft zunächst nur an das letztere zu denken und das erstere als eine Art moralische Dekoration anzusehen haben. Denn im Stillen Ozean laufen die Linien zusammen, auf die die Aufmerksamkeiten der Mächte gerichtet sind, von denen heute die Geschicke der Welt abhängen: Nordamerikas, Englands, Japans. Prüft man die Interessen, die dabei herrschen, so wird man deren wirtschaftlichen Charakter als den eigentlich maßgebenden erkennen. Man will sich über wirtschaftliche Vorteile auseinandersetzen; und man wird abrüsten, oder rüsten in dem Maße, als dies diese Vorteile notwendig erscheinen lassen. Man kann auch nicht anders. Denn so, wie sich die einzelnen Staaten nun einmal gestaltet haben, müssen sie als wirtschaftliche Mächte wirken; und alle anderen Fragen können ihnen nur in dem Lichte erscheinen, das von ihren wirtschaftlichen Antrieben ausgeht.

Aber Europa und Nordamerika werden mit der Denkungsart, die ihnen in solcher Art durch ihre eigene geschichtliche Entwickelung gegeben ist, in Asien auf die schwersten Hindernisse stoßen. Was von dem südafrikanischen Minister Smuts auf der Londoner Reichskonferenz gesagt worden ist, kommt Vielen bedeutsam vor. Er meinte, die politischen Blikke könnten in der Zukunft nicht mehr nach dem Atlantischen Ozean und der Nordsee, sondern müßten für das nächste Halbjahrhundert nach dem Stillen Ozean gerichtet sein. Aber die Taten, die unter dem Einfluß dieser Blickrichtung geschehen werden, müssen mit dem Willen der Asiaten zusammenstoßen. Die Weltwirtschaft, die sich seit etwa fünf Jahrzehnten angebahnt hat, soll sich innerlich weiter ausbilden, soll die Völker Asiens in einer Art in ihren Bereich einbeziehen, von der bisher doch nur Anfänge vorhanden waren.

Das wird aber nicht möglich sein, wenn zu den vorhandenen Bedingungen der Völkerverständigung nicht noch andere treten. Man wird mit den Völkern Asiens nicht wirtschaften können, wenn man ihr Vertrauen nicht gewinnen kann. Aber Vertrauen läßt sich auf rein wirtschaftlichem Boden nur bis zu einem gewissen Grade gewinnen. Der wird nicht ausreichen für das, was man vorhat. Die Seelen der asiatischen Menschen wird man gewinnen müssen. Ohne dieses wird jeder Verkehr durch Mißtrauen dieser Menschen untergraben werden.

Und demgegenüber tauchen Weltfragen von größter Tragweite auf. Die westlichen Menschen haben bei sich im Laufe der letzten Jahrhunderte Gedanken- und Empfindungsrichtungen ausgebildet, welche das Mißtrauen des Asiaten hervorrufen. Dieser mag noch so viel erfahren von der Wissenschaft des Westens, von den technischen Ergebnissen dieser Wissenschaft: das zieht ihn nicht an, das stößt ihn ab. Wenn er bei seinen asiatischen Genossen, den Japanern, eine Hinneigung zu der Zivilisation des Westens sieht, so betrachtet er diese als Abtrünnige des wahren Asiatentums. Er blickt auf die westlichen Kulturen wie auf etwas, das unter dem steht, was er an innerem Reichtum des Seelenlebens besitzt. Er sieht nicht sein Zurückbleiben hinter dem materiellen Fortschritt; er sieht nur seine seelischen Strebungen, und die erscheinen ihm über denen der westlichen Menschen zu stehen. Auch die Art, wie sich diese zum Christentum stellen, findet er nicht heranreichend an die Tiefe seines religiösen Erlebens. Was er jetzt von dieser Art kennen lernt, betrachtet er als religiösen Materialismus; und die Tiefe des christlichen Erlebens tritt ihm jetzt nicht entgegen.

Die westlichen Völker werden vor unmöglich zu lösenden Fragen stehen, wenn sie diesen Gegensatz der Seelen nicht aufnehmen in ihre weltpolitischen Empfindungen. So lange man cin Bedenken dieses Gegensatzes als eine Sentimentalität ansieht, mit der sich der Praktiker des Lebens nicht abgibt, wird man nur inein weltpolitisches Chaos hineinarbeiten. Man wird lernen müssen, als praktische Impulse Dinge anzusehen, die man bisher nur als die Ideologie von Träumern betrachtet hat.

Und der Westen könnte diese Sinnesänderung vollziehen. Er hat bisher nur die Außenseite seines Wesens ausgebildet. Er hat damit errungen, was der Asiate nicht versteht, was er nie wird verstehen wollen. Aber diese Außenseite entspringt einer inneren Kraft, die sich bisher in ihrer Eigenart noch nicht geoffenbart hat. Diese Kraft kann entfaltet werden, und dann wird sie zu den Errungenschaften im Materiellen Ergebnisse eines geistigen Lebens hinzuerobern, die für den Asiaten Weltenwerte darstellen können.

Man kann natürlich gegen eine solche Behauptung sagen: Gegenüber asiatischer Barbarei ist doch im Westen Verinnerlichung, Durchseeltheit, ist überhaupt die «höhere» Kultur vorhanden. Das ist gewiß richtig. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß der westliche Mensch tief-seelisches Wesen entwickeln kann; aber seine bisherige Geschichte hat ihn dazu gebracht, das Seelische in das öffentliche Leben nicht hineinzutragen; der Asiate mag seelisch-kindhaft, sogar oberflächlich sein: er lebt mit diesem Seelischen in dem öffentlichen Leben. Auch mit ethisch gut und böse hat der hier gemeinte Gegensatz nichts zu tun. Ebensowenig mit schön und häßlich, künstlerisch und unkünstlerisch. Wohl aber damit, daß der Asiate seine Empfindung, seinen Geist in seiner äußeren Sinneswelt miterlebt, dem westlichen Menschen die Seele im Innern stecken bleibt, wenn er sich der Welt seiner Sinne hingibt. Der Asiate findet den Geist, indem er sinnlich lebt; er findet da wohl auch oft einen schlechten Geist; aber eben einen Geist. Der westliche Mensch kann noch so enge in seinem Innern mit dem Geiste verbunden sein; seine Sinne entlaufen diesem Geiste und streben einer mechanisch gedachten und geordneten Welt zu.

Naturgemäß wird der westliche Mensch sich nicht um des Asiaten willen eine geistige Denk- und Empfindungsweise aneignen. Das kann er nur aus seinen eigenen seelischen Bedürfnissen heraus tun. Die asiatische Frage kann nicht einmal der Anlaß dazu sein. Aber die materielle Zivilisation des Westens hat den Punkt erreicht, auf dem sie ihre Oftenbarungen selbst als unbefriedigend empfinden muß, auf dem sich ihre Menschheit innerlich leer und verödet fühlen muß. Die Seele des westlichen Menschen muß nach Verinnerlichung des ganzen Daseins, nach einer geistgemäßen Lebenserfassung streben, wenn sie sich selbst in dem gegenwärtigen Augenblick ihrer Entwickelung recht versteht.

Dieses Streben ist eine von der Gegenwart geforderte Angelegenheit des Westens selbst. Sie trifft zeitlich zusammen mit der notwendig gewordenen weltpolitischen Blickrichtung nach dem Osten. Und man wird sich im Westen so lange über die großen Aufgaben der Zeit unheilvollen Ilusionen hingeben, so lange man nicht bemerkt, daß man ohne den Willen zu einer Erneuerung des Seelenlebens den weiteren Menschheitfortschritt unmöglich macht. Seelische Scham kann man empfinden, wenn man vor das gestellt sich sieht, was der Asiate seine seelische Überlegenheit nennt.

Und Täuschung ist nur, wenn der westliche Mensch die Geistesart des alten Orients wie ein Seelengut aufnimmt, das er zu seinen materiellen Errungenschaften als Ergänzung hinzunimmt. Der geistige Inhalt, durch den der westliche Mensch seine Wissenschaft, seine Technik, seine wirtschaftlichen Fähigkeiten zu wahrhaft menschenwürdigen machen kann, muß aus den Fähigkeiten kommen, die er selbst in sich entwickeln kann. «Ex oriente lux» haben Viele gesagt. Doch das von auBen kommende Licht wird nicht zur Lichtwahrnehmung, wenn es nicht von einem inneren Lichte empfangen wird.

Die seelenlose Weltpolitik muß zu einer seelischen werden. Gewiß, Entwickelung der Seele ist eine intime menschliche Angelegenheit. Aber die Taten des Menschen mit einem verinnerlichten Seelenleben sind Glieder der äußeren Weltordnung. Der kommerzielle Sinn, den der Asiate an dem europäischen Menschen kennen lernt, wird im Osten zurückgewiesen; eine Seele, die geistigen Inhalt offenbart, wird Vertrauen einflößen. Es mag für die alten Denkgewohnheiten allein praktisch scheinen, die Frage zu beantworten, wie man China zu einem Wirtschaftsgebiet macht, das den Westmächten seine Ergebnisse darbietet; aber die wirklich praktische Frage der Zukunft wird sein, wie man sich mit den Seelen der in Asien lebenden Menschen verständigt. Die Weltwirtschaft kann nur ein äußerer Leib sein für eine Seele, die ihr gefunden werden muß.

Es mag manchem als recht ideologisch erscheinen, daß eine Zeitbetrachtung mit der Washingtoner Konferenz beginnt und mit den Forderungen der Seele schließt. Doch in unserer schnell lebenden Zeit könnte mancher der jetzt lebenden Ideenverächter noch die Erfahrung machen, daß die Verleugnung des Seelischen sich nicht als Lebenspraxis erweisen wird.

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