Amerika und Deutschland

Zwischen Amerika und Deutschland ist ein Friedensdokument zustande gekommen. Es ist ein rechtes Spiegelbild der Gedanken und Empfindungen, aus denen heraus heute Staaten vermeinen ihre Beziehungen ordnen zu können.

Wilsons Denkrichtung lebt nicht mehr in diesem Dokument. Sie war der Niederschlag des Glaubens an weltfremde Verstandeserwägungen. Sie wurde in weiten Kreisen bewundert und beherrschte die Überzeugungen vieler Menschen, bis sie an den Tatsachen zerschellte. Wilson galt als der Mann, der aus dem Geiste heraus der Welt eine neue Richtung geben wollte. Aber man kann heute vom Geiste reden, ohne daß die Rede aus dem Geiste stammt. Man kann als Idealist erscheinen, ohne daß man Ideen hat, die in dem wirklichen Geiste wurzeln. Mit solchen Ideen kann man Scheinbegeisterung erregen; vor den wahren Aufgaben des gegenwärtigen Lebens zerflattern sie.

Wilson war eben politischer Romantiker. So werden jetzt die Menschen sprechen, die sich für die wahren Praktiker halten. Und Viele werden unter ihnen sein, die das, was Wilson sagte, bis vor kurzem noch als ein Minimum von Idealismus in den Umkreis ihrer «praktischen » Überzeugungen zulassen wollten. Verzückt stehen diese nun vor dem Friedensdokumente, das die wirtschaftlichen Beziehungen regeln möchte von dem Gesichtspunkte des nüchternen Verstandes, der sich von politischer Romantik fern zu halten weiß.

Aber diese Nüchternheit ist doch nur die Kehrseite dessen, was sie als idealistische Romantik ansieht. Sie lebt in der gleichen Illusion; sie weiß es nur nicht, weil sie die weltfremden Ideen nicht von vorne, sondern von hinten ansieht.

Wilson glaubte einer Welt Gesetze geben zu können; aber er verstand nicht, daß miteinander wirtschaften nur diejenigen können, die zueinander Vertrauen haben. Das Vertrauen kann nur erstehen, wenn die Seelen sich verständnisvoll begegnen. Dieses Verständnis aber muß aus dem Geiste stammen, der als eine Wirklichkeit erlebt wird. Wilsons Grundsätze stammen nicht aus diesem Geiste, sondern aus wirklichkeitsfreimder Verstandesabstraktion. Aber er wollte doch aus dem Geiste heraus handeln; aus einem geistfremden Scheingeiste.

Jetzt korrigiert man Wilson, indem man den Geist ganz fortläßt und an denjenigen Geschäftssinn sich hält, den man für wirksam ansieht, weil man ihn nüchtern-praktisch findet. Und wieder einmal dürfen diejenigen empfinden, wie recht sie haben, die da glauben, am besten miteinander zu wirtschaften, wenn sie sich um alle geistig-seelischen Menschenbeziehungen nicht kümmern.

Nun, in dieser Gedankenrichtung hat sich die neuere Menschheitsentwickelung bewegt, bis sie zur furchtbaren Kriegskatastrophe gekommen war.

Aber hat man denn nicht alles für eine Geistgemeinschaft getan? so wird man sagen. Hat man denn nicht sogar Professoren ausgetauscht, die in Europa aus amerikanischer, in Amerika aus europäischer « Mentalität» heraus sprachen? O ja, das hat man getan. Aber diese Professoren sprachen eben nicht aus einer Weltanschauung heraus, die aus dem lebendigen Geiste kommt. Und so blieb diese Geistgemeinschaft eine Dekoration, von der die wirtschaftlichen Interessen nicht berührt worden sind. Die Menschheit aber muß mit geistiger Wirklichkeit geheilt werden; die Geistdekoration hat ihr keine Hilfe gebracht.

Erst wenn diese Erkenntnis aufleuchtet, werden im Völkerverkehr Dokumente entstehen, die auch das wirtschaftliche Arbeiten lebensmöglich machen.

Mit einem solchen Bekenntnis stößt man auf das überlegene Lächeln derer, die sagen: da könnt ihr lange warten, denn für solches Denken würde die Menschheit erst nach fünfzig Jahren reif werden. Andere sagen nach hundert; andere wählen sich eine noch größere Zahl. Die Zahlengröße wächst in dem Maße, in dem sich die Menschen gedrängt fühlen, das sich abzulächeln, was sie unpraktischen Idealismus nennen.

Nun, der Versuch dürfte in diesem Falle besser sein als die Prophetie. Die Menschheit wird für den lebendigen Geist schneller zugänglich sein, als die sich praktisch dünkenden Leute glauben, wenn der Drang nach diesem Geiste nicht mehr von derjenigen verführerischen Denkungsart gelähmt wird, die überall Aberglaube, Romantik, Unlogik wittert, wo nach einer Lebensauffassung aus dem Geist-Erleben gestrebt wird. Man muß den Geist wollen, wenn er wirksam werden soll; und um ihn »ichi zu wollen, braucht man nur sich an dem fruchtlosen Urteil zu weiden, das die Wartezeit bestimmen will, nach deren Ablauf er von selber kommt. Solchen Warte-Seelen kann erwidert werden: der Geist wird auch in fünfzig, in hundert, in fünfhundert Jahren nicht erscheinen, wenn sein Erscheinen nicht gewollt wird.

Aber es ist doch absurd, wenn man uns sagt: wir wollten den Geist nicht, sagen die Warte-Seelen. Wir wollen ihn doch ebenso wie ihr. - Doch nein, muß man diesen erwidern. Ihr wollt nicht; ihr wünscht höchstens. Denn aus dem Wünschen macht nur der lebendige Geist selbst ein Wollen. Er kann das aber nur, wenn die Menschen ihm die Seelentore öffnen.

Der Leib, der sich aus den Weltwirtschaftsinteressen gebildet hat, bedarf der Pflege seiner Seele. Man sollte nicht warten, bis diese von selbst erscheint. Sie ist da; denn jeder Leib hat eine Seele. Aber sie will mit ihrer Wesenheit auch in die Denkungsart der Menschen übergehen, um wirksam zu werden.

German original of America and Germany · ← Previous · Next →