Was kann dem Trennenden im Gegenwartsleben entgegenwirken?

Eine Müdigkeit der Empfindungen gegenüber dem öffentlichen Leben geht durch die Seelen. Herausgerissen werden die Menschen aus dieser Stimmung nur, wenn ein Ereignis sie überrascht, bei dem sie den Blick wegwenden können von den politischen Disharmonien, von den wirtschaftlichen Zersetzungsvorgängen. Für Deutschland war ein solches eingetreten in der Ermordung Erzbergers. Über die Parteimeinung, über das persönliche oder Klasseninnere hinweg mußte man rein menschlich fühlen im Angesicht dessen, was geschehen war. Gegner und Anhänger des Ermordeten sind im Wesentlichen des Empfindens einig.

Symptomatisch bedeutsam steht ein solches Sich-Finden von Seelen in dem Leben der Gegenwart. Man braucht heute über allem Zerklüftenden der Meinungen, das aus dem alten Partei- und Klassengedanken, aus den Interessen der alten Wirtschaftsgestaltungen sich unheilgebärend erhalten hat, ein Allgemein-Menschliches, in dem die Menschen sich verstehen können,

Kann nur der Anblick des Todes die Menschenseelen sich so finden lassen? Es wäre gewiß, daß die Gegenwart nicht Kräfte eines Aufganges gegenüber dem Niedergange hervorbringen könnte, wenn diese Frage mit « Ja» beantwortet werden müßte. Auch der Anblick des Lebens muß zu diesem Empfinden im Allgemein-Menschlichen führen können.

Aus tiefen Untergründen der Seele heraus ahnt der Mensch, daß der Tod ihn vor eine höhere Verantwortlichkeit stellt, als die ist, welche er sich auferlegt, indem er sich aus den gegenwärtigen Denkgewohnheiten heraus politische oder wirtschaftliche Gedanken macht. Das kann empfunden werden an der Erregung, die Erzbergers Ermordung hervorgerufen hat. Instinktiv regt sich ein aus dem Geistesleben Stammendes, wenn so das Allgemein-Menschliche hinwegweht über den Streit der aus dem Materiellen geborenen Interessen.

Was zu tun ist, kündigt sich durch solche Zeichen an. Aus dem Leben heraus müssen die Wege zum Geiste gesucht werden. Die Müdigkeit der Seelen rührt von dem Unglauben weitester Kreise an die alten Partei- und Klassenmeinungen her. Diese bilden die große Enttäuschung der Menschheit. Man hat sich ehedem mit Begeisterung oder aus Interesse hingegeben. Man schrieb ihnen eine Wirkungskraft zu. Man sieht, daß die Ereignisse über sie hinwegschreiten. Man hat den Glauben an sie verloren.

Dennoch treten sie überall als Grundlagen des öffentlichen Urteilens und Handelns noch allein auf. Wer etwas will, der sucht nach dieser oder jener Idee, zu der man sich vor den katastrophalen Ereignissen bekannt hat. Und er sucht für diese Idee die Angehörigen dieser alten Parteigruppierung zu gewinnen. Eben bei diesem Streben zeigt es sich ihm, wie die Menschen, die er anregen will, unempfänglich sind, weil die Enttäuschung ihr Empfinden lähmt.

Aus diesem Notstande kann nur eines führen. In einer genügend großen Anzahl von Menschen muß dieses Geistesleben angeregt werden von dem in den vorangehenden Nummern dieser Wochenschrift gesprochen worden ist. Die Müdigkeit gegenüber dem, was so bitter enttäuscht hat, wird doch ein guter Saatboden sein für das Keimen dieses Geisteslebens. Aber dazu ist notwendig, daß man den Gedanken ganz meide: wie knüpfe ich an an dasjenige, was diese oder jene Menschengruppe bisher gemeint hat. Gerade dieses Anknüpfen beirrt die Menschen. Man hält es für klug, so an das den Menschen Eingewohnte anzuknüpfen. Doch gerade das macht sie in ihrer innersten Seele mißtrauisch. Denn sie glauben im Grunde selbst nicht mehr an dieses Eingewohnte; sie halten sich nur noch daran, weil die tatsächlichen Verhältnisse ihrer Parteigruppierung sie fesseln. Aber man braucht Ideen, die aus der Macht des Geistes heraus so wirken, daß die einzelnen Menschen kraft des Allgemein-Menschlichen sich um sie versammeln. Von der Reinheit, mit der solche Ideen unter die Menschen gebracht werden, wird es abhängen, ob der Weg aus dem gegenwärtigen Chaos gefunden werden kann. Gewiß, für die Reinheit der Ideen zu wirken, ist gegenwärtig schwierig. Aber nur die Einsicht, daß diese Schwierigkeiten überwunden werden müssen, kann helfen.

Man findet heute schon eine Anzahl von Menschen, die dem in dieser Wochenschrift gekennzeichneten Geistesleben mehr oder weniger zuneigen. Aber viele von diesen glauben, man könne zu dem oder jenem nur in einer gewissen Art sprechen. Man wird davon abkommen müssen. Denn dadurch hört der andere doch nur etwas, wovon er meint, daß es mit dem oder jenem übereinstimmt, das ihm gut bekannt ist. Und von dem glaubt er, daß man damit nichts anfangen könne. Er hört dann nur halb hin und kommt bald wieder in die alte müde Stimmung.

Man muß den Mut haben, zu warten, bis die Kraft, die im lebensvollen Geisteswesen liegt, den Menschen ergreift. Man wird dann die Erfahrung machen, daß man weniger lang zu warten hat, als wenn man mit dem Vorbringen wartet bis zur «Reife» der Menschen, deren Eintreten man in eine möglichst unbestimmte Zukunft verlegt.

In dem Geiste des Lebens werden sich, wenn dieser nur recht zur Geltung gebracht wird, die Menschenseelen finden müssen, wie sie sich finden können, wenn der Schatten des Geistes, det Tod, vor sie hintritt. Auch vor dem lebendigen Geiste können die zerklüfteten Kräfte verstummen; und, was die Hauptsache ist, sie werden da nicht bloß erregend in den Gefühlen wirken; sie werden in den Willen sich ergießen; sie werden zu Taten werden. Und dessen bedarf die Gegenwart.

German original of What Can Counteract the Divisive Aspects of Contemporary Life? · ← Previous · Next →