Wilsons Erbe
Ein Völkerbund ist aus der Kriegsnot der Welt hervorgegangen. Auf seiner grundlegenden Tagung muß er ohne die Anteilnahme Amerikas, Deutschlands und Rußlands zu Ergebnissen kommen. Diese Ergebnisse sollen entscheidend werden für das Schicksal der Welt.
Man setze dagegen, wie sich dieses Schicksal gestaltet hat. Amerika, Deutschland und Rußland sind an dieser Gestaltung am stärksten beteiligt. Rußland und Deutschland sind nach dem Kriege nicht mehr, was sie vorher waren. Und man male sich aus, was aus dem Kriege geworden wäre, wenn nicht Amerika im entscheidenden Augenblicke eingegriffen hätte.
Die Zusammenstellung dieser beiden Tatsachen wirft das hellste Licht auf die gegenwärtige Weltsituation. Denn sie zeigt den Abgrund zwischen den Kriegs- und Friedensmöglichkeiten der Welt.
Das Ideal Wilsons war der Völkerbund. Aus diesem Ideal heraus hat er entscheidend in den Krieg eingegriffen. Wegen dieses Ideales galt er jahrelang als der Prophet eines neuen Zeitalters. Mit diesem Ideal ist er zu den Friedensverhandlungen nach Europa gezogen. Er konnte nicht erreichen, was er erstrebte. Von seinem eigenen Volke ist er verleugnet worden. Er mußte es, weil sich seine Denkungsart als aussichtslos erwies. Diese Denkungsart ist mit seinem Träger wirkungslos geworden.
Wilsons Ideal war ein solches, von dem man sprechen konnte, solange ganz andere Interessen als die von diesem Ideale umspannten, im Kriege walteten; es ist kein solches, mit dem man für den Frieden handeln kann. Und dennoch konnte es durch Jahre hindurch die Zustimmung Vieler finden.
Man sollte sich den freien Ausblick auf solche Tatsachen nicht verdunkeln, weil er unbequem ist. Man sollte sich restlos vor Augen führen, wie man sich in den Glauben an eine Idee verrennen kann, die in keiner Wirklichkeit wurzelt. Über das Schicksal der Welt werden die Kräfte entscheiden, die in den Seelen der verschiedenen Völkern angehörigen Menschen walten. Wilsons Idee war der Traum davon, wie diese Kräfte in Harmonie sich betätigen können. Aus diesem Traum sollte man erwachen. Und man würde sehen, daß sein Inhalt nur ein Verstandesprodukt ohne Wirklichkeitsgehalt ist. Dann erst könnte man den ganzen Ernst der gegenwärtigen Weltsituation erblicken.
In dem Erblicken dieses Ernstes läge aber erst der Anfang der Gesundung. Denn wer ihn erblickt, der wird in dem Scheitern Wilsons nicht das Mißgeschick eines einzelnen Mannes sehen, sondern das einer ganzen Denkungsart. Und zwar derjenigen, die in das Unglück der Welt hineingeführt hat.
Wilson hat durch seine besondere Intelligenz die Vorstellungsart in besonders übersichtliche Formeln gebracht, aus der heraus im öffentlichen Leben der neuesten Zeit gewirkt worden ist. In seinem Denken waren politisch-juristische V orstellungen ganz durchsetzt von wirtschaftlichen Richtlinien. Er wußte nichts davon, wie Wirtschaft und Politik einander stören müssen, wenn ein Denken Einrichtungen trifft, in denen beide unorganisch ineinander geworfen sind. Ebenso kannte die Denkungsart dieses Mannes nichts von den Beziehungen der geistigen Interessen der Menschheit zu den staatlich-rechtlichen. In seinem großen Werke über den Staat kann man lesen: «Der Unterricht in der Volksschule ist zur Erhaltung derjenigen Bedingungen derpolitischen und sozialen Freiheit notwendig, die für die freie individuelle Entwicklung erforderlich sind, und zweitens ist dieser Unterricht das universellste Macht- und Autoritätsmittel der Regierung.» Das ist ganz die Denkungsart, in der politisch-rechtliche Vorstellungen die Bedingungen der Selbständigkeit des menschlichen Geistesleben verkennen. Der Satz ist so abstrakt und wirklichkeitsfremd, daß ihn der Reaktionär, der Liberale, der Kommunist mit gleichem Wortlaut vertreten kann.
Wilson ist der Typus für alle diejenigen Menschen, in deren Kopf die drei Glieder des sozialen Organismus unorganisch ineinanderspielen, und die in der neueren Zeit auch alle Welteinrichtungen bewirkt haben, an denen sich die Unmöglichkeit des Ineinanderspielens in der Wirklichkeit zeigt. Diese Menschen werden auch, wenn von der Notwendigkeit gesprochen wird, das geistige, das rechtlich-politische und das wirtschaftliche Element nach deren eigenen Lebensbedingungen zu gestalten, mit einem gewissen Einwand bei der Hand sein. Sie sagen: in der Wirklichkeit sind die geistigen, die rechtlich-staatlichen und die wirtschaftlichen Betätigungen gar nicht zu trennen; deshalb muß es unrichtig sein, von einer Gliederung zu sprechen. Aber gerade damit beweisen diejenigen, die wie Wilson denken, daß sie eine wirklichkeitsfremde Vorstellungsart haben. Das Zusammenwirken der drei Elemente des sozialen Organismus wird nämlich dann am besten geschehen, wenn ein jedes in seiner besonderen Eigenart sich selbständig entfalten kann. Die Einheit wird am vollkommensten sein, wenn das Einzelne aus seinem Wesen heraus diese Einheit bewirken kann. Sie wird am unvollkommensten, wenn ein jedes schon in sich geschwächt wird, indem ihm die Eigenart des Andern aufgedrängt wird.
Es kann nicht eingewendet werden, Wilson sei kein starrer Vertreter der abstrakten Vereinheitlichung des geistigen, rechtlich-politischen und wirtschaftlichen Gliedes des sozialen Organismus gewesen. Gewiß, seine Denkweise neigte, wie die vieler Staatsmänner, zu Kompromissen. Und man kann sagen, er habe doch auch das Folgende ausgesprochen: «Es muß eine ... Lehre gefunden werden, die dem Einzelnen weiten Spielraum für seine eigene Entwicklung gestattet ....», die «den Gegensatz zwischen der Selbstentwicklung des Einzelnen und der sozialen Entwicklung auf das geringste Maß herabsetzt ...» — Aber so wahr es ist, daß Wilson durch den Anblick der Wirklichkeit solche Gedanken gekommen sind, so wahr ist es auch, daß er in seinem Wirken als Staatsmann ganz von dem unklaren Ineinanderdenken von Geistesleben, Wirtschaft, Recht und Politik beherrscht war. Und in seinen berühmten vierzehn Punkten ist nichts als dieses zur Geltung gekommen.
Ein Typus des modernen Staatsmannes ist Wilson. Was andere getan haben: er hat es nur auf die abstrakteste, auf die theotetischste Art in das Leben des ganzen Erdkreises einführen wollen. In der Führung der öffentlichen Angelegenheiten waltete vor dem Kriege diese Denkungsart. Aus dem Kriege sind die Völker so hervorgegangen, daß diese Denkweise sich in ihrer Ohnmacht zeigt. Es bedarf heute der Erkenntnis dieses Tatbestandes. Aller «guter Wille» wird ohne diese Erkenntnis nichts fruchten. Wilson konnte im Kriege wirken; am Friedenswerk zerschellten seine Ideen. Es genügt nicht, daß seine Gedanken nicht mehr durch ihn wirken; es müssen nicht nur andere an seiner Stelle denken ; es muß aus einem andern Geiste heraus gedacht werden. Er ist mehr Opfer einer Zeitströmung als etwas anderes. Aber die Menschheit sollte nicht das Opfer dieser Strömung für lange Zeit werden. Dagegen hilft nur rückhaltloses Durchschauen von deren Eigenart.