Arbeitslosigkeit

Es hat vor dem Weltkriege Leute gegeben, die sagten, eine Katastrophe dieser Art könne nicht von langer Dauer sein. Die weltwirtschaftlichen Verhältnisse, die sich für die Gegenwart herausgebildet haben, mit den komplizierten Beziehungen der Völker, müßten bald Zustände herbeiführen, durch die ein solcher Krieg nicht fortgesetzt werden könnte.

Es war «volkswirtschaftliche Einsicht», die so sprach. Die Wirklichkeit hat anders gesprochen. Sie ist mit ihrer Sprache tiefer gedrungen. Sie hat die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge überrannt. Und aus diesem Überrennen ist heute ein weltwirtschaftliches Chaos geworden.

Ein bitteres Symptom - unter anderen — wirkt aus diesem Chaos heraus: die Arbeitslosigkeit. Deren Ursprünge sind wohl für die «volkswirtschaftliche Einsicht» ebenso in Dunkel gelegen wie diejenigen der langen Kriegsdauer.

Beide aber, die lange Kriegsdauer und die Arbeitslosigkeit, und noch manches Andere, zeigen doch deutlich, daß die «volkswirtschaftliche Einsicht», die da geurteilt hat, eben keine wirkliche Einsicht ist.

In der Entstehung der Weltwirtschaft haben die geschichtlichen Notwendigkeiten der Menschheitsentwickelung gewirkt. Die Einrichtungen, die in diese Entwickelung hineingestellt worden sind, sind aber im hohen Maße beeinflußt worden von den politischen Intentionen, die den wirtschaftlichen Notwendigkeiten zuwiderliefen.

Niemals hätten aus einer Weltwirtschaft, die von politischer Denkart nicht durchkreuzt worden wäre, die Valutaverhältnisse sich bilden können, die jetzt alles Wirtschaften lahmlegen und korrumpieren.

Die Entstehung der Weltwirtschaft drängte dazu, Verwaltungskörper für das wirtschaftliche Leben zu schaffen, die zur aus den Bedingungen der Wirtschaft selbst heraus arbeiten. Solche Verwaltungskörper können nur Assoziationen sein, die aus den Verhältnissen der Produktion, des Konsums, der Warenzirkulation sich ergeben. Nur solchen Assoziationen ist es möglich, das Ineinanderwirken der genannten drei Faktoren so zu gestalten, daß nicht, zum Beispiele, aus einer ungesunden Produktion auf der einen Seite, auf der andern zahllosen Menschen die Produktionsmöglichkeit entzogen werde. Arbeitslosigkeit kann nur die Folge ungesunder Wirtschaftsverwaltung sein.

Es wird hier nicht etwa behauptet, durch dieses oder jenes theoretisch erdachtes Rezept könne der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt werden. Das wäre utopistisch gedacht. Es ist gemeint, daß im lebendigen Wirken von Assoziationen, die aus den Bedürfnissen der Wirtschaft selbst hervorgehen, eine Denkart sich entwickeln kann, die gesunde Zustände zur Folge hat.

Erst in einem Wirtschaftsleben, das sich so entwickelt, kann auch eine gesunde Politik sich entfalten.

Solange nicht Weltwirtschaft war, konnten die politischen Intentionen sich in der alten Art ausleben. Denn die einzelnen Volkswirtschaften konnten in deren Sinne sich gestalten. Die Weltwirtschaft kann nur aus ihren eigenen Bedingungen heraus sich in einer gesunden Form entwickeln.

Und in einer ähnlichen Weise, wie die Entwickelung der Weltwirtschaft zu einer selbständigen assoziativen Wirtschaftsverwaltung hinstrebt, so durch die geschichtlichen Notwendigkeiten das neuere Geistesleben zu einer Gestaltung aus seinen eigenen Bedingungen heraus.

Lord Cecil träumt von der Zukunft des Völkerbundes. Denn ein Traum ist ja, was er an der Völkerbundstagung gesprochen hat, daß «später einmal» dieser Völkerbund durch die Teilnahme der Staatsmänner aller Länder in imponierenden Aussprachen das Heil der Welt bringen werde. Es geht dieser « Traum » aus derselben Wurzelhervor, aus der die «Einsicht» stammte, daß ein Weltkrieg wegen der Weltwirtschaft nicht von langer Dauer sein könne. Aus derselben Wurzel könnte wohl auch die «Einsicht » entspringen, daß innerhalb der Weltwirtschaft eine Arbeitslosigkeitin dem Umfange, wie sie heute herrscht, sich nicht ergeben könne.

Wäre die Weltwirtschaft aus ihren Bedingungen heraus wirksam gewesen, so hätten wir keinen Weltkrieg gehabt. Seine Länge hatte ihren Ursprung in der Unwirksamkeit der weltwirtschaftlichen Untergründe. Die Aussprachen, von denen Lord Cecil träumt, werden nur fruchtbare Wirklichkeit werden können, wenn sie nicht Ursachen im Leben der Völker schaffen, die eigentlich gar nicht da «sein können», wie ja, nach der «volkswirtschaftlichen Einsicht» die Ursachen für eine lange Kriegsdauer gar nicht da waren. Dank der politischen «Einsicht» war aber das weltwirtschaftlich Unmögliche doch möglich. Es haben wohl die «politisch Einsichtigen» auch Träume gehabt, die nach der Ansicht der «volkswirtschaftlich Einsichtigen» keine Möglichkeit einer Verwirklichung hatten.

Das Vertrauen in die Verwirklichung von Träumen in der Art des Lord Cecil kann nach den Erfahrungen der letzten Jahre kein großes sein.

Ein Völkerbund braucht Weltpolitiker. Die müssen an die Stelle von «Träumen» im Stile der bisherigen Politik die Lehre setzen, die so laut davon spricht, wieviel diese bisherige Politik an der Weltwirtschaft verdorben hat. Sie hat eben an die selbständigen Bedingungen der Weltwirtschaft gar nicht gedacht. In die Debatten, die auf der Grundlage eines assoziativen Wirtschaftslebens sich ergeben, werden die wirtschaftlichen Kräfte selbst hineinfließen. Sie werden kürzer sein können als die politisch-wirtschaftlichen. Denn ein großer Teil des Wesentlichen wird sich nicht im Reden, sondern im Tun der in den Assoziationen stehenden Persönlichkeiten ausleben. Was geredet wird, wird nur das für das Tun Richtunggebende sein.

Den wirklich im Sinne der Weltwirtschaft Denkenden werden Politiker zur Seite stehen können, die fruchtbar mit ihnen zusammenarbeiten.

Arbeitslosigkeit! Menschen können nicht Arbeit finden! Sie muß aber doch da sein. Denn die Menschen sind da. Und es kann im gesunden sozialen Organismus die Arbeit, die nicht getan werden kann, nicht eine überflüssige sein, sondern sie muß irgendwo fehlen. Soviel Arbeitslosigkeit, soviel Mangel. Das spricht aber deutlich dafür, daß Arbeitslosigkeit nur in der allgemeinen Gesundung der wirtschaftlichen Institutionen ihr Gegengewicht finden kann.

Das chaotische Zusammenwirken von Politik, Geistesleben und Wirtschaft untergräbt diese Gesundung. Es erzeugt staatsmännische Träume, wie ein chaotisches Zusammenwirken der organischen Funktionen im Menschen bedenkliche Träume erzeugt. Es wäre an der Zeit, einmal im öffentlichen Leben der Völker Träume von wahren Wirklichkeiten unterscheiden zu lernen. Denn unwirksam sind auch Träume nicht. Wenn sie nämlich in ihrem Traumcharakter nicht durchschaut werden, dann erzeugen sie falsche Wirklichkeiten. Der Weltkrieg ist ja doch die Folge davon gewesen, daß viele Leute in dem Träumen sich zu wohl befunden haben, um die wahre Wirklichkeit nicht zu verschlafen.

German original of Unemployment · ← Previous · Next →