Gefühle beim Lesen des dritten Bismarck-Bandes

Der dritte Band von Bismarcks Gedanken und Erinnerungen trägt auf dem Titelblatt die Widmung: «Den Söhnen und Enkeln zum Verständnis der Vergangenheit und zur Lehre für die Zukunft.» -— Wer den Band durchgelesen hat, ohne Parteivorurteile, aber mit Anteilnahme an den Schicksalen der Menschheit, der Völker und ihrer Entwickelung, der kann nur erschüttert zu dieser «Widmung» zurückblicken. Bismarck spricht zum Verständnis der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, in der sein Wort die wirklichkeitsbestimmende Kraft hatte. Was er darüber sagt, ist so, wie wenn die Tatsachen selber sprechen würden. Und wie dieses tatsachenzeugende Wort in die unmittelbare Zukunft hinüberwirkte, das steht auf Seite ii5 des Buches: «Wie genau, ich möchte sagen subaltern Caprivi die ‚Consigne‛ befolgte, zeigte sich darin, daß er über den Stand der Staatsgeschäfte, die zu übernehmen er im Begriffe stand, über die bisherigen Ziele und Absichten der Reichsregierung und die Mittel zu deren Durchführung keine Art von Frage und Erkundigung an mich gerichtet hat.» Die «Lehre für die Zukunft», die Bismarck hätte geben können, wurde nicht einmal gesucht von dem Manne, der in seine Stelle einrückte.

Ein bedeutungsvolles Symptom für die geschichtliche Entwickelung Mitteleuropas ist durch Bismarcks Aussage gegeben. Seine Entlassung steht in der Tat an einem Wendepunkte der neuesten Geschichte. Bei dieser Entlassung tauchen die beiden Faktoren auf, die zwar lange bestimmend für die Geschicke Europas gewirkt haben, die aber zu dieser Zeit gewissermaßen geschichtlich aktuell geworden sind. Es sind dies die soziale Frage und die Auseinandersetzung mit dem Osten. Die soziale Frage mußte in die praktisch-politischen Erwägungen aufgenommen werden. Sie hatte die Zeit hinter sich, in der man sie nur in gewissen Grenzen als die Trägerin der Kritik unzufriedener Menschenmassen halten konnte. Man mag über Revolutionen sonst denken, wie man will: jeder Unbefangene sollte sich klar darüber sein, daß jedenfalls die soziale Frage auf revolutionärem Wege niemals eine Antwort finden kann. Wenn irgendwo, so ist hier ruhige Vernunft durch die Sache selbst gefordert. Und eigentlich wird das erste in bezug auf diese Frage sein, wie man auf ihrem Gebiete zu dieser «ruhigen Vernunft» praktisch kommt. An dieser «Vorfrage » krankt die europäische Entwickelung der letzten drei Jahrzehnte. Bei Bismarcks Entlassung entlädt sie sich wie in einem bedenklichen Wetterleuchten. Von diesem Wetterleuchten heben sich laut sprechend ab die Worte auf Seite 116 des dritten Bandes: «Die Gründe, welche Se. Majestät bestimmt haben, mich zu entlassen ... sind mir amtlich oder aus dem Munde Se. Majestät niemals bekannt geworden, ... ich habe sie mir nur durch ConjJectur zurechtlegen können. ... Ich habe den Eindruck gehabt, daß der Kaiser mein Erscheinen in Berlin vor und nach Neujahr 1890 nicht wünschte, weil er wußte, daß ich mich meiner Überzeugung nach über die Sozialdemokratie im Reichstage nicht im Sinne derjenigen aussprechen würde, die inzwischen die seinige geworden war ...»

Man steht heute in ganz Europa noch an dem Punkte, an dem man damals gestanden hat, als Bismarck wegen desjenigen, was er gesagt haben würde, nicht in Berlin erscheinen sollte.

Der andere Faktor, der bei Bismarcks Entlassung wirkte, ist die Frage des Ostens. Man wird sagen müssen, die Frage: wie soll Europa sich verhalten, wenn die Kräfte der östlichen Volkstümer gestaltend in seine Angelegenheiten hereinwirken? Bismarck hat zu dem Dreibund ein politisches Verhältnis zu Rußland hinzugefügt, von dem er sich versprach, daß es zusammen mit dem Dreibund die Staatenbildungen Europas, wie sie unter seiner Mitwirkung entstanden sind, erhalten könne. Gegen ein solches Verhältnis sprechen die slavischen Aspirationen. Der scharfe Gegensatz zwischen dem Westen und dem Osten der Welt spricht in ein solches Verhältnis hinein. Auch Bismarck konnte bei dem, was er in dieser Richtung tat, nur an ein Provisorium denken. Aber er konnte glauben, daß in der Zeit, in welcher dies Provisorium vorhanden ist, sich Dinge ergeben werden, welche die große Völkerfrage des Ostens auf eine andere Grundlage stellen werden, als die ist, auf der sie 1890 stand. Daß diejenigen, die ihn entmachten konnten, nicht so die Verhältnisse ansahen wie er, das wirkte zu seiner Entlassung mit.

Und auch in bezug auf die Ostfrage steht Europa heute noch an dem Punkte, an dem die gestanden haben, die Bismarcks russische Politik verlassen haben. Die Ostfrage ist letzten Endes eine Frage der geistigen Verständigung; und alles andere ist Provisorium.

Auch für diejenigen, welche nicht glauben, daß Bismarcks Anschauungen sich von der Vergangenheit vor 1890 in die Zukunft eine entscheidende Kraft herübergerettet hatten, ist doch der dritte Band seiner Erinnerungen eine «Lehre für die Zukunft». Und heute in ganz besonderem Sinne. Denn die «Zukunft», von der Bismarck spricht, ist heute zum Teil grausige Vergangenheit, zum Teil aufgaben-reiche Gegenwart. Man liest heute wohl die dramatische Schilderung dieses Buches nur richtig, wenn man das Gefühl im Leben erhält, daß in Bismarcks Sturz ein Symptom sich ausspricht für das Heraufkommen großer entwicklungsgeschichtlicher Fragen der Menschheit, und daß die Unfruchtbarkeit der letzten dreißig Jahre in Behandlung dieser Fragen die Fortsetzung der «Lehre» ist, die aus diesem Sturze spricht. Aus den Gefühlen taucht das Verständnis für Ideen auf; aus dem Gefühl, das der dritte Band von Bismarcks Gedanken und Erinnerungen weckt, könnte für wichtige Ideen Verständnis aufblitzen.

German original of Feelings While Reading the Third Volume of Bismarck · ← Previous · Next →