Das Vergessen des Geisteslebens in den Weltfragen
Es wird berichtet, daß sich in dem nächstens erscheinenden Bande von Bethmann-Hollwegs nachgelassenen «Betrachtungen zum Weltkriege» der Satz findet: «Mit einem europäischen Chaos hebt das Zeitalter der Freiheit und Gerechtigkeit an, das unsere Gegner der Welt verheißen haben.» Es hat erst des Weltkrieges bedurft, um Persönlichkeiten, die durch ihre Stellung im öffentlichen Leben Europas einen so großen Einfluß hätten haben können wie Bethmann-Hollweg, in eine Gedankenrichtung zu bringen, wie sie in diesem Satze angedeutet ist. Als er diesen Satz schrieb, war Bethmann-Hollweg längst ein Entmachteter.
Die Verhältnisse im europäischen Völkerleben sind nicht erst aus dem Weltkriege geboren. Sie waren vor ihm da. Sie haben ihn verursacht. Sie haben durch ihn nur die Möglichkeit erlangt, sich auszuleben.
Die führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren nicht in der Lage, die furchtbare Katastrophe zu verhindern, weil sie die im Völkerleben vorhandenen Kräfte nicht sehen wollten. Sie stellten ihr Denken auf die äußeren Machtverhältnisse ab; und das wirkliche Leben wurzelte in den Seelenverhältnissen der Völker.
Ein Lichtpunkt in dem Chaos kann sich nicht eher ergeben, als die Einsicht reifen wird, daß ohne Verständnis des Völkerseelenlebens die öffentlichen Angelegenheiten nicht in einen gesunden Verlauf zu bringen sind.
Nach dem Fernen Osten, nach Japan, sind heute die Blicke derjenigen gerichtet, die an die Washingtoner Konferenz denken. Aber wieder sind diese Blicke nur durch die äußeren Machtmittel gebannt. Was man gegenüber Japan tun soll, um in China und Sibirien westliche Interessen wirtschaftlicher Art in befriedigender Art vertreten zu können, das fragt man.
Das muß man allerdings fragen. Denn diese wirtschaftlichen Interessen sind vorhanden, und das Leben des Westens kann nicht weitergehen, wenn sie nicht befriedigt werden können. Aber man nehme an, sie werden in irgendeine Bahn nur durch diejenigen Mittel gelenkt, an die man heute denkt. Was muß geschehen ?
Japan ist gegenwärtig in einer gewissen Beziehung der vorgeschobenste Posten des asiatischen Lebens. Es hat am meisten äußerlich europäische Formen in diesem Leben angenommen. Man kann es dadurch durch Bündnisse, Verträge und so weiter politisch so behandeln, wie man das im Westen gewohnt geworden ist. Aber in bezug auf die Volksseelenverfassung bleibt es doch mit dem asiatischen Gesamtleben verbunden.
Asien aber hat die Erbschaft eines alten Geisteslebens. Das geht ihm über alles. Dieses Geistesleben wird in mächtigen Flammen auflodern, wenn vom Westen her solche Verhältnisse geschaffen werden, die es nicht befriedigen können. Man glaubt aber im Westen aus bloß wirtschaftlichen Gründen heraus diese Verhältnisse ordnen zu können. Man wird damit die Ausgangspunkte schaffen für noch furchtbarere Katastrophen, als der europäische Krieg eine war.
Die heute die Welt umspannenden öffentlichen Angelegenheiten dürften nicht ohne den Einschlag geistiger Impulse geführt werden. Die Völker Asiens werden auf den Westen verständnisvoll eingehen, wenn dieser ihnen Ideen bringen kann, die einen allgemein-menschlichen Charakter tragen. Die davon sprechen, was der Mensch im Weltzusammenhange ist, und wie das Leben in Gemäßheit dieses Weltenzusammenhanges sozial eingerichtet werden sollte. Wenn man im Osten vernehmen wird, daß der Westen über Dinge etwas Neues weiß, von denen die alten Überlieferungen Kunde geben, für die aber ein dunkles Gefühl nach einer Erneuerung strebt, dann wird man zu einem verständnisvollen Zusammenleben kommen. Wenn man aber das öffentliche Wirken mit solchem Einschlag weiter als die phantastische Idee unpraktischer Leute betrachtet, dann wird zuletzt der Osten gegen den Westen Krieg führen, trotzdem man in Washington sich darüber unterhält, wie schön es in der Welt wäre, wenn abgerüstet würde.
Der Westen möchte Weltenruhe haben, um zu seinen wirtschaftlichen Zielen zu gelangen. Der Osten wird sich in wirtschaftliche Ziele nur hineinfinden, wenn der Westen ihm geistig Wertvolles zu übermitteln hat. Die Ordnung der großen Weltfragen hängt heute daran, ob man in der Lage ist, das Geistesleben in das rechte Verhältnis zum wirtschaftlichen zu bringen.
Man wird das nicht können, solange in unseren sozialen Organismen das geistige Leben nicht auf seine eigene freie Grundlage gestellt wird. Der Westen hat die Möglichkeit einer lebendigen geistigen Entwicklung. Er kann aus dem Schatze, den er angehäuft hat, durch seine naturwissenschaftliche und technische Denkart, eine geistgemäße Weltanschauung herausholen. Aber bisher ist aus diesem Schatze nur das herausgehoben worden, was zu einer mechanistisch-materialistischen Anschauungsweise führt. Das öffentliche Denken ordnete das Geistige dem Wirtschaftlichen im sozialöffentlichen Leben ein. Die freie Entfaltung des Geistes, die innerlich stark im Westen veranlagt ist, war gehindert, weil die Verwaltung der geistigen Angelegenheiten mit den anderen Faktoren des sozialen Lebens verquickt ist. Einzelne Menschen mit höheren seelischen Interessen verhalten sich zum Osten so, daß sie dessen altes Geisteserbe übernehmen und es in äußerlicher Weise auf das geistige Leben des Westens aufpfropfen. Das «Licht aus Osten» ist unter solchen Voraussetzungen nicht nur ein Armutszeugnis für den Westen. Es ist eine furchtbare Anklage. Es bedeutet, daß der Westen von den finsteren Interessen sich so hingenommen fühlt, daß er das eigene Licht nicht sieht.
Von der Hebung der geistigen Werte im Westen hängt es ab, ob die Menschheit das Chaos von heute bemeistert, oder ob sie hilflos in demselben weiter irren muß. Solange man das Wollen mit diesem Grundton als das utopistisch-mystische Schwärmen unpraktischer Leute ansieht, wird das Chaos weitergehen. Man wird von Frieden sprechen; aber außerstande sein, die Kriegsursachen zu bannen. Man wird genötigt sein, über das Schicksal Europas zu beben, wenn, wie in diesen Tagen, eine einzelne Persönlichkeit, die ehedem in Macht saß, zu einer solchen Macht wieder gelangen will. Aber man wird schon daran denken müssen, daß Verhältnisse ungesund sind, in denen solches Beben überhaupt möglich ist. —