Die falsche und die wahre Dreigliederung des sozialen Organismus

Die Wirrnisse in den ökonomischen Zuständen Mittel- und Osteuropas beginnen den führenden Kreisen der westlichen Länder eine Art politischen Alpdrückens zu machen. Man fürchtet in den allgemeinen Verfall mithineingezogen zu werden. Wer unbefangen diese Furcht ins Auge fassen kann, der sieht aus ihr die Ratlosigkeit in der Führung der öffentlichen Angelegenheiten herausblicken.

Die Ratlosigkeit wurzelt in dem Mangel an Willen, unter die Oberfläche der Vorgänge des öffentlichen Lebens zu schauen. Man scheut davor zurück. Denn man ahnt, daß man mit einem solchen Schauen auf Dinge kommt, die nicht mit den Mitteln zu bewältigen sind, an die man sich gewöhnt hat. Man veranstaltet Kongresse und Konferenzen: man findet es vorläufig selbstverständlich, auch dabei nur an diese gewohnten Mittel zu denken.

Aber diese werden in allen Fällen versagen müssen, denn sie treffen nicht die Kräfte, die in den Tiefen des Völkerlebens walten. Und in diesen Tiefen formen sich heute die Fragen, welche die Welt beunruhigen. Aus der Erkenntnis dessen müßte gehandelt werden, was in diesen Tiefen nach einem Wandel in Lebensauffassung und Lebenshaltung schreit.

Die Menschheit hat sich in ihrer Anschauung der Weltvorgänge aus dem wirklichen Leben herausgerissen. Sie träumt selbst in den praktischesten Fragen des Lebens von Zielen, die vor dem Verlauf der Wirklichkeit zerflattern müssen. Waches Beobachten dieser Wirklichkeit kann allein zur Gesundung führen.

Alles politische und ökonomische Leben wurzelt zuletzt in dem geistigen. Wie die Menschen denken, so handeln sie. Aber in das Handeln können gesunde Kräfte nur einfließen, wenn das geistige Leben seine gesunde Nahrung hat. Diese Nahrung geht verloren, wenn der Geist sich selbst verleugnet. Wenn er in seinen Offenbarungen nicht sich, sondern die Geistlosigkeit zum Ausdrucke bringt.

In diesen Zustand ist die Menschheit der neuesten Zeit geworfen worden. Man hat sich gewöhnt, für den Geist nicht aus dem Geiste selber zu schöpfen, sondern durch den Geist nur das Geistlose, die Materialität des Lebens auszudrücken. Wer aber die Wahrheit auf diesem Wege sucht, dem geht sie zuletzt ganz verloren. Denn die Wahrheit will aus dem Geiste heraus auch dann gestaltet sein, wenn sie die materiellen Vorgänge des Lebens in ihren Bereich zieht.

Ein Wahrheitsuchen, das nicht aus dem Geiste selbst seine Säfte ziehen kann, kommt aus innerer Notwendigkeit bei der Phrase an. Und die Phrase ist heute das Kennzeichen des öffentlichen Lebens. Die Parteien prägen die Phrasen. Sie agitieren mit den Phrasen; sie finden Glauben mit den Phrasen.

Der Phrase fehlt das Herzblut des Geistes. Sie wird deshalb nie die Wirklichkeit des Lebens durchpulsen können. Aber sie betäubt. Sie zieht die Menschenseelen in ihren Bann. Diese glauben, durch sie könnten sie das öffentliche Leben meistern. Man wird aber nicht eher zu einer Gesundung kommen, als bis eine genügend große Anzahl von Menschen die Phrase in ihrer Lebensunfruchtbarkeit erkannt haben. Bis dahin wird man die Wurzeln der gegenwärtigen Völkerkrankheiten nicht einmal sehen können. Man wird die Wirklichkeit in die Valutawirrnis segeln sehen; aber man wird von der «Verbesserung der Zustände» in Parteiphrasen sprechen.

Und wenn die Phrase die Herrin des geistigen Lebens wird, dann läßt sie auch die Wahrheit nicht aufkommen, die im politisch-rechtlichen Leben walten sollte. Das Verhalten der Menschen zu einander kann die Rechtsgestalt nicht annehmen. Denn das Recht muß in dem Gefühle sich einwurzeln. Die Phrase aber läßt das Gefühl verdorren. Das Recht wird zur Konvention. Diese ist auf rechtlich-politischem Gebiete die Genossin der auf geistigem sich auslebenden Phrase.

Die Konvention kann in toten Gesetzen und Verwaltungsmaßnahmen ihr lebensfremdes Dasein fristen; das wirkliche Leben braucht im Sozialen das in den Seelen wurzelnde Recht, wie das geistige Leben den Geist nötig hat, und unter der Gewalt der Phrase verkümmert.

Im wirtschaftlichen Leben entwickelt sich unter dem Einflusse von Phrase und Konvention an Stelle einer wirklichen Praxis die Routine. Und diese Routine beherrscht heute tatsächlich die ökonomische Seite des Daseins. Das wirtschaftliche Leben entfaltet sich nicht im Zusammenklang mit den andern Bedürfnissen der menschlichen Lebenshaltung. Es ist allmählich zu einem Element des Daseins geworden, dem sich der Mensch widmet, weil er eben leben muß, das er aber nicht in das Ganze der Lebensentwicklung einbezieht. Wenn das geistige und das rechtliche Leben in ihrer Wahrheit die Gesinnung formen, dann entsteht auf ökonomischem Gebiet die echte Lebenspraxis. Wenn aber die Handhabung des rein Materiell-Technischen im Wirtschaftsleben herrscht, dann entsteht die blutlose, herzlose Routine. Wie ein automatischer Mechanismus rollen die Vorgänge des ökonomischen Lebens unter der Macht der Routine ab. Sie ziehen das Menschenleben selbst in ihren Kreislauf.

Unter dieser Macht der Routine im wirtschaftlichen Leben seufzt die heutige Menschheit. Durch sie verödet das echte Rechtsgefühl; durch sie entsteht die Gleichgiltigkeit gegen das Geistige und die Neigung zum Berauschen an der Phrase. Denn im Leben bringt die Ursache nicht nur die Wirkung hervor, sondern das Bewirkte wirkt wieder zurück auf das Verursachende. Phrase und Konvention drängen zur Routine; die Routine läßt die Phrase groß werden, und verkümmert das warmherzige menschliche Zusammenleben im befruchtenden Rechtsgefühle zur herzlosen, lebenlähmenden Konvention.

Eine Dreiteilung der sozialen Organismen ist unter der Gewalt des modernen Lebens entstanden, die in Phrase, Konvention und Routine sich auslebt. Die «Dreigliederung des sozialen Organismus » möchte diese Dreiteilung überwinden. Ihr wirft man vor, daß sie, was soziale Einheit ist, zerteilen wolle. Das Gegenteil will sie wirklich. Sie will es, weil sie glaubt, die Erkenntnis zu haben davon, daß unter jenem Einheitsstreben, das man ihr entgegenhält, die Dreiteilung des sozialen Lebens in Phrase, Konvention und Routine sich bildet. Dieser Dreiteilung kann nur abgeholfen werden durch das gesunde Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen Organismus. Die Phrase muß durch die Impulse eines freien Geisteslebens sich in ihrer Wirklichkeitsfremdheit, die Konvention durch die Gesundung des Rechtsgefühles sich in ihrer Lebenskälte; die Routine durch ihre Mechanisierung des Daseins in ihrer Unfruchtbarkeit erkennen. Lebensfähig ist das Dasein nur durch Wahrheit im Geiste, Recht im Zusammenleben der Menschen, und echte Praxis im wirtschaftlichen Wirken. Wie der ganze Organismus des einzelnen Menschen leidet, wenn einem Gliede die diesem ureigenen Lebensbedingungen vorenthalten werden, so kann der soziale Organismus nicht gedeihen, wenn das geistige Leben in Phrase verödet, das rechtliche in Konvention erstirbt und das wirtschaftliche in der Routine sich mechanisiert. Wenn solches auch schon in dem berühmten alten römischen Gleichnis ausgedrückt ist: die Menschheit leidet ganz besonders heute darunter, daß ihre Führer dagegen sündigen. Es ist eben auch dieses Gleichnis zur Phrase geworden.

German original of The False and the True Threefold Order of the Social Organism · ← Previous · Next →