Was man heute sehen müsste
Man kann jetzt schon deutlich sehen, daß sich die Zahl der Menschen vergrößert, die von der Konferenz in Washington für eine Aufbesserung der Weltverhältnisse nicht viel erwarten. Nicht im gleichen Maße aber ist zu bemerken, daß sich Ansichten darüber bildeten, welches die Gründe der Enttäuschung sind.
Es steht auf dieser Konferenz die Weltwirtschaft zur Diskussion. Alle anderen Fragen werden da von dem Gesichtspunkt aus aufgerollt, der durch diese Tatsache gegeben ist. Wenn dies auch für manches weniger durchsichtig ist, für den Unbefangenen kann kein Zweifel darüber sein. In Artikeln, die in dieser Wochenschrift erschienen sind, ist darüber gesprochen worden.
Im Weltgeschehen aber stehen andere Fragen zur Diskussion als auf dieser Konferenz. Und diese Fragen müssen erst durchschaut werden, wenn man über die heute offen aufgeworfenen in fruchtbarer Art reden will.
Das Wirtschaften ist eben doch nur dann zu ordnen, wenn die Menschen sich über ihre rein-menschlichen Beziehungen verständigen können. Und diese Verständigung ist ins Wanken gekommen und hat die Wirtschaft mitgerissen. Wilson hat das gefühlt. Deshalb hat er seinen berühmten vierzehn Punkten eine ethisch-idealistische Einkleidung gegeben. Allein der innere Gehalt dieser Punkte war abstrakt und wirklichkeitsfremd. Sie waren Gedankenschatten, die in das wilde Gewoge realer Leidenschaften und gegeneinander wirkender Lebensinteressen geworfen waren.
Es kommt eben darauf an, zu sehen, aus welchen Untergründen dieses Gewoge an die Oberfläche treibt. Und jeder Versuch, in dieser Richtung klar zu sehen, muß dazu führen, anzuerkennen, wie in unserer Zeit gar nicht gefragt werden kann: wie läßt sich unter den gegebenen öffentlichen Verhältnissen wirtschaften; sondern, wie soll man die allgemeinmenschlichen Grundfragen öffentlich behandeln, um zu einer möglichen Verständigung zu kommen?
Man muß heute sehen, wie das kompliziert gewordene Leben die drei Ur-Teile alles Menschendaseins: das Wirtschaften, die politisch-rechtliche Verständigung und die Pflege des geistigen Lebens dahin geführt hat, daß sie miteinander im Streite stehen. Wo irgendein Wirtschaftsplan ersonnen oder ausgeführt wird, da scheitert er an den politisch-rechtlichen Empfindungen oder den geistigen Interessen derer, die von ihm betroffen werden. Wo politische Entscheidungen getroffen werden, prallen sie auf wirtschaftliche Unmöglichkeiten und seelische Verstimmungen auf.
Die Harmonisierung der wirtschaftlichen, politisch-rechtlichen und der geistigen Lebensbedingungen der Völker: das ist die brennende Weltfrage geworden. Und zu dieser Harmonisierung kann kein über die Menschenköpfe hinwegwehender Konferenzbeschluß etwas beitragen, wenn er nicht an die Grundfrage selbst rührt: In welchen sozialen Zusammenhängen müssen die Menschen stehen, damit, was sie auf einem dieser drei Gebiete anstreben, mit den beiden andern verträglich ist?
Das kann nicht geschehen, wenn die drei Gebiete nicht ihre relative Selbständigkeit in dem sozialen Leben erhalten. Es ist eben nicht richtig im Leben, daß eine daseinsmögliche Einheit den Gliedern von vornherein aufgeprägt werden kann; diese kann sich nur aus dem selbständigen Entfalten der Glieder gestalten. Nicht durch einen abstrakten Einheitsgedanken oder Einheitswillen kann das Zusammenwirken erreicht werden, sondern allein durch den Impuls der einheitlichen Menschennatur, die in jedem einzelnen Gliede sich frei entfalten kann,
Wie kann es dahin gebracht werden, daß, wenn Wirtschaftliches entschieden werden soll, nur die im Wirtschaftsleben Stehenden zur Entscheidung aufgerufen werden? Aber so, daß diese Persönlichkeiten aus ihren Lebenskreisen eine politisch-rechtliche und geistige Seelenverfassung mitbringen, die ihre Entscheidungen sachlich trägt, ohne daß sie zerstörend eingreift? Und für die anderen Lebensgebiete muß ein Gleiches gelten.
Man sieht ein Denken in dieser Richtung als utopisch an. Aber sieht man denn nicht, wie Urteile von Menschen, die den Vorwurf des Utopischen weit von sich weisen, sich in dem Augenblick heute als Utopie erweisen, in dem sie in das wirkliche Leben eintreten sollen? Hatten denn die Konferenzen der Gegenwart nicht einen durchaus utopischen Charakter?
Man wird erst sehen, wie fest man heute in der Wirklichkeit des Lebens steht, wenn man die angedeuteten Fragen erst einmal im öffentlichen Leben sachgemäß aufwirft. Man wird bemerken, daß man damit überall an die Wirklichkeit dessen stößt, was in den unausgesprochenen Sehnsuchten der Völker und Menschen liegt. Wenn das noch nicht sichtbar wird, so liegt es lediglich daran, daß der Hinweis darauf heute übertönt wird von den Stimmen derjenigen, welche die Augen verschließen vor den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft.
Man kann nicht über das Sekundäre fruchtbar verhandeln, wenn man das Primäre nicht sehen will. Für jede Konferenz in öffentlichen Lebensangelegenheiten ist aber das Angedeutete das Primäre.
Es wird viel geredet davon, daß die Gesundung der Menschheit von der moralischen Seite her kommen müsse. Daran kann kein Zweifel sein. Wenn aber jemand mit dem Pfluge den Acker bearbeiten soll, dann hilft es ihm nichts, wenn ich ihm sage: Tue das auf moralische Art. Ich muß ihm die Kunst des Ackerns vermitteln. Aber der Gesamtlebenszusammenhang erfordert allerdings, daß an den Pflügen moralische Menschen stehen. Das Wirtschaftsleben kann nicht mit abstrakten Ideen durchmoralisiert werden; aber es wird eine moralische Gestalt annehmen, wenn es in Zusammenhang steht mit einem frei aus sich wirkenden Geistesleben und einer dem Menschen-Empfinden entsprechenden politischrechtlichen Gestaltung, die sich auf ihrem eigenen Boden relativ selbständig entwickeln.
Auf einfacher, schlichter Lebensbetrachtung ruht die Anschauung von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und viele sehen diese Einfachheit nicht, weil sie von der Kompliziertheit des modernen Lebens betäubt sind und in der Betäubung sich lieber mit Phrasen abfinden, die im Sekundären plätschern, statt zu dem Einfachen vorzudringen, das an das Primäre rührt.