Der österreichische Generalstabschef, Conrad, innerhalb der Weltkatastrophe
«Nurnach dem Gesetz von Ursache und Wirkung beitausendfältigen Kausalbeziehungen rollen die Geschicke der Menschheit dahin, — was zählt ein Einzelner in diesem elementaren Wirken an letzten Quellen unfaßbarer Gewalten!» Dieser Satz steht im Eingange des Buches, in dem der österreichische Feldmarschall Conrad von Hötzendorf sein Wirken vor und während der Kriegskatastrophe schildert. Es liegt der erste Band dieses Buches bereits vor. (Feldmarschall Conrad: Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Erster Band: Die Zeit der Annexionskrise 1906-1909. Rikola Verlag Wien, Berlin, Leipzig, München 1921.) — Man liest in diesem Satze das Bekenntnis des Mannes, der 1906 zum Generalstabschef der österreichischungarischen Armee ernannt worden ist, und der als solcher bis zu seiner Enthebung im Juli 1918 im Mittelpunkte der österreichischen Kriegsführung stand.
Wer das Buch liest, findet fast auf jeder Seite unausgesprochen dieses Bekenntnis der in den Kriegsjahren für Österreich-Ungarn wichtigsten Persönlichkeit. Und man kann sogar den Eindruck bekommen, in diesem Bekenntnis drückt sich eine außerordentlich bedeutsame Tatsache innerhalb des Kriegsverlaufes aus. Conrad ist zweifellos eine geniale Persönlichkeit in seiner Art. Man erkennt das aus dem Buche. Mit sicherem Blicke durchschaut er von seinem militärischen Gesichtspunkte die drohenden Gefahren für den Bestand seines Landes; mit Sicherheit des Wollens willer gegen sie ankämpfen als Verwalter des militärischen Apparates. Aber die ganze Schilderung, die Conrad gibt, ist eigentlich nur ein Beweis dafür, daß ihm auf seinem militärischen Posten der sichere Blick und die Sicherheit des Wollens nichts helfen. Conrad meint, um den drohenden Gefahren zu begegnen, braucht Österreich eine Vergrößerung seiner Wehrmacht; der Kriegsminister verhilft ihm nicht zu dieser Vergrößerung; Conrad hat die Stellung Österreichs innerhalb der europäischen Politik im Auge und die Kräfte, welche sich aus den Nationalitäten heraus zur Auflösung des Staatsgebildes geltend machen; er hält eine ganz bestimmte auswärtige Politik für notwendig, wenn das Heer, an dessen Spitze er steht, dieser Stellung eine Festigkeit geben, dieser Auflösung vorbeugen soll: der Außenminister macht eine ganz andere Politik, die Conrad für schädlich hält.
Und so fühlt sich der Mann, der diejenige Macht in seinen Händen hält, die er für die einzige sichere Grundlage für den Bestand Österreichs hält, absolut machtlos. Dieses Gefühl strömt durch das ganze Buch. Es wirft Gedankenwellen an die Oberfläche der Darstellung, die charakteristisch sind für einen Mann, den die Welt einen solchen der Tat nennt. «Es ist nicht zutreffend, zu behaupten, daß die Geschichte die Lehrmeisterin der Menschheit sci; die Menschen im Großen genommen lernen aus ihr nichts, sonst begingen sie nicht seit Jahrtausenden immer wieder dieselben Irrtümer. So wenig Kinder sich die Erfahrungen und Lehren ihrer Eltern zunutze machen, so wenig tun dies neue Generationen gegenüber den alten ...»
Was hätte Conrad getan, wenn er als Militär auch die politische Macht gehabt hätte? Er empfindet sich als Einer, der vorausgesehen hat, Österreich werde einen Krieg furchtbarer Art führen müssen, wenn es werde weiter bestehen wollen. Er weist Andere, seitdem er auf seinem wichtigen Platze steht, unaufhörlich auf diese seine Überzeugung hin. Er glaubt, daß die Aussichten für einen solchen Krieg immer schlimmer werden, je später er erfolgen wird. Er möchte für frühere Zeitpunkte die Bedingungen des Krieges herbeiführen. Er hat darüber ganz bestimmte Ansichten. Seite 4i des Buches drückt er diese so aus: «Die österreichisch-ungarische Monarchie hat weder Mittel noch Kräfte, um gegen alle Kriegsfälle gleichmäßig gut vorbereitet zu sein. Ihre Vorbereitungen müssen sich daher auf bestimmte Kriegsfälle konzentrieren; es muß darum festgestellt werden, welches diese Kriegsfälle sind, und zwar rechtzeitig, da, insbesondere wegen des langsamen Zufließens der finanziellen Mittel - nur in kleinen Raten - Jahre für die Vorbereitung vergehen müßten - endlich aber, und das ist das Wesentlichste: die Monarchie hat überhaupt nicht die Kräfte, um gegen alle in Betracht kommenden Feinde gleichzeitig in den Kampf zu treten. Ihre Politik muß daher derart geführt werden, daß es niemals zu einem vielfachen Zusammenstoß komme, sondern mit ihren aggressiven, unvermeidlichen, auf den Kampf gegen sie hinarbeitenden Gegnern nacheinander, einzeln abgerechnet werde.» Eine in diesem Sinne gehaltene Politik will Conrad, seit er Generalstabschef ist. Er hat stets darüber zu klagen, daß der Außenminister kein Verständnis für eine solche Politik entwickelt. Er ist der Meinung, dessen von ihm für schädlich gehaltene Politik bringe zuletzt diejenige Kriegsform zustande, die er vermeiden will, und in der er notwendig als Führer der Heeresmacht unterliegen müsse. Durch den Verlauf des Weltkrieges sieht Conrad bestätigt, was er jahrelang vorhergesagt hat.
Von diesem Gesichtspunkte aus gibt Conrad Schilderungen der allgemeinen Lage Österreich-Ungarns, die durchsichtig klar die Zerfallsmomente der Monarchie vor Augen führen; von eben diesem Gesichtspunkte stellt er die Annexion Bosniens und der Herzegowina dar in einer außerordentlich stark dramatischen Art. Er führt die Gestaltung des österreichisch-ungarischen Heerwesens vor, so daß man immer sieht, in welch trostloser Lage er sich fühlt.
Ein Stück Weltgeschichte, das eindringlich spricht, ein Stück Biographie, das menschlich ergreifend wirkt, ziehen an dem Leser vorüber. Man sieht tief hinein in die Gesamtverwaltung der österreichisch-ungarischen Monarchie. Man lernt die Persönlichkeiten kennen, die glauben ihrem Lande gut zu dienen, und die doch alle gegeneinander und alle so arbeiten, daß sie zur Auflösung das Möglichste beitragen.
Wer das Buch durchliest, lernt dutch die prägnante, anschauliche Art Conrads ein gut Teil von dem kennen, was zu kennen nötig ist, um das Schicksal der europäischen Menschheit in der Gegenwart zu verstehen. Und hat man das Buch zu Ende gelesen, dann blättert man nachdenklich zurück zu den ersten Seiten; man fühlt wohl noch einmal die Notwendigkeit, einen Blick auf das Seelenleben eines der Männer zu werfen, die in den Geschicken Europas im zwanzigsten Jahrhundert führend werden konnten. In Conrad steht ein Mann da, der genialische Fähigkeiten hat. Under verrät viel von seinen intimsten Gedanken auf diesen ersten Seiten. «Auch der Gang dessen, was wir historische Ereignisse nennen, ist jener, die ganze Natur beherrschende Umgestaltungsprozeß, der sich im ununterbrochenen Werden und Vergehen ausspricht — in seiner äuBersten Ursache - nach unerforschlichen Gesetzen vollzieht.» — Der österreichische Feldherr mit der in dieser Wochenschrift öfter geschilderten, die echte Menschen-Erkenntnis ausschlieBenden Weltanschauung! «Nicht einzelne Männer machen ihre Zeit, — sondern diese schafft ihre Männer. Und jene Männer, die in großen Epochen zufällig an führenden Stellen stehen, wirken dort, indem sie den Antrieben gehorchen, die durch den großen Zug der Zeitbedingt sind», so schreibt Conrad. Und für den Leser kann dessen Darstellung ausklingen in die Worte, die auf der ersten Seite stehen: «In späteren Jahren war ich zu einer Weltanschauung gelangt, die mich überhaupt alle irdischen Geschehnisse als schließlich nichtig erkennen ließ.»